Welche Verfahren der Psychotherapie gibt es?

Das ist ein ziemlich umfassendes Thema, das ich in Kürze nur ansatzweise darstellen kann, aber ich versuche es mal. (Die KollegInnen der entsprechenden Verfahren mögen mir meine Vereinfachungen verzeihen und sich melden, falls sie grobe Fehler entdecken.)

In Deutschland sprechen wir zur Zeit von vier großen „Verfahren“ der Psychotherapie, die sich in ihrer Herkunft, ihren Konzepten und Arbeitsweisen z.T. erheblich voneinander unterscheiden (die in der Praxis aber häufig miteinander kombiniert werden):

1. Psychodynamische Psychotherapie

In der psychodynamischen Psychotherapie (das ist der Oberbegriff für Psychoanalyse und Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie) wird „aufdeckend“ gearbeitet. Der Therapeut versucht, die Einsicht des Patienten in seine unbewussten lebensgeschichtlichen Prägungen zu fördern. Die psychodynamischen Psychotherapien gehen zurück auf Sigmund Freud, der in der Tradition des 19. Jahrhunderts in seinen psychologischen Konzepten recht biologistisch orientiert war (z.B. in seiner Triebtheorie). Heutzutage gehen die psychodynamischen Therapien weit über Freud hinaus und umfassen ein riesiges Theoriegebäude, das kaum mehr vollständig von einem einzelnen Therapeuten beherrscht und in seinen Weiterentwicklungen verfolgt werden kann. Gemeinsam ist ihnen u.a., dass psychische Störungen als Ergebnis von unbewussten Abwehrvorgängen verstanden werden, mit denen der Patient in seiner frühen Kindheit unerträgliche Gefühle von seinem Bewusstsein fernhalten musste. Eine besondere Bedeutung kommt der Arbeit mit der Übertragung und der Gegenübertragung zu: die leidvollen unbewussten Prozesse des Patienten spiegeln sich in der Beziehung zum Therapeuten und können vom Therapeuten in seinen Gefühlsreaktionen auf den Patienten wahrgenommen werden.

Ambulante psychodynamische Psychotherapien werden von den Krankenkassen finanziert. Analytische Psychotherapien finden 3-5 mal wöchentlich im Liegen statt und dauern ca. 3-5 Jahre. Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapien finden einmal wöchentlich im Sitzen statt, die Kassen übernehmen dafür maximal 100 Sitzungen.

2. Verhaltenstherapie

In der Verhaltenstherapie wird, wie der Name schon sagt, verhaltensverändernd gearbeitet, wobei unter „Verhalten“ heutzutage auch Gedanken und Einstellungen verstanden werden („kognitive Verhaltenstherapie“). Die Verhaltenstherapie hat ihre Wurzeln in Lernexperimenten mit Tieren (Skinner, Watson) sowie in der empirischen und experimentellen Psychologie. Psychische Störungen werden als Ergebnis fehlgeleiteter Lernprozesse verstanden, die durch gezieltes Neu- bzw. Umlernen geheilt werden können. Dabei steht auf der Verhaltensebene das Einüben neuer Verhaltensweisen und auf der gedanklichen Ebene das Infragestellen „dysfunktionaler Einstellungen“ und das Trainieren lösungsorentierter Denkweisen im Vordergrund. In den letzten Jahren integriert die Verhaltenstherapie mehr und mehr Methoden aus anderen therapeutischen und philosophischen Richtungen, also auch psychodynamische, körperpsychotherapeutische und meditative Methoden (z.B. Cognitive Behavioral Analysis System of Psychotherapy, Dialektisch-Behaviorale Therapie, Schematherapie, Akzeptanz- und Commitment-Therapie usw.).

Auch die Verhaltenstherapie wird ambulant von den Krankenkassen finanziert. Sie findet in der Regel einmal wöchentlich statt, es werden maximal 80 Therapiesitzungen übernommen.

3. Humanistische Psychotherapie

Die Humanistischen Psychotherapie mit ihren Methoden Personzentrierte Gesprächspsychotherapie (Rogers), Körperpsychotherapie (Reich), Gestalttherapie (Perls), Psychodrama (Moreno), Transaktionsanalyse (Berne) und Logotherapie (Frankl) hat ihre Wurzeln in der existenzialistischen Philosophie (Sartre, Camus). Sie war ursprünglich vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Aufbruchstimmung der 1960er bis 80er Jahre eine Protestbewegung gegen die klassische analytische und behaviorale Psychotherapie. Sie verfügt über eine Vielfalt von Konzepten, Theorien, Methoden und Techniken, die durch ein gemeinsames Menschenbild, Krankheitsverständnis, und ein spezifisches Verständnis der Klient-Therapeut-Beziehung verbunden werden. Der Mensch wird nicht primär als mangelhaft oder gestört betrachtet, sondern vor allem in seiner Fähigkeit zur fortgesetzten Weiterentwicklung, also mit seinen latenten Potenzialen. Psychisches Leid wird als individuelles Erleben sozialer Spannungen verstanden, das durch persönliches Wachstum überwunden werden kann. Hierbei wird oft „erlebnisaktivierend“ gearbeitet, d.h. die Themen und Probleme, die der Klient in die Therapie einbringt, werden „im Hier-und-Jetzt“ der Therapiesituation erfahrbar und bewältigbar gemacht. Die therapeutische Beziehung wird als kooperativer Prozess praktiziert, wobei der Therapeut den Klienten dabei unterstützt, seine inneren Kraftquellen und Fähigkeiten zu entdecken und zu entfalten.

Humanistischen Psychotherapie wird in Deutschland derzeit im ambulanten Bereich trotz empirischem Nachweis ihrer Effektivität von den Krankenkassen nicht finanziert und muss daher selbst getragen werden.

Systemische Therapie

Die Wurzeln der Systemischen Therapie (Watzlawick, Selvini-Palazzoli, Satir, von Kibet, deShazer u.v.a.) gehen zurück auf die Systemtheorie (Luhmann, Manturana, von Glaserfeld) sowie auf Konzepte aus der Kybernetik (Wiener, von Förster) und der Anthropologie (Bateson, Mead). Ihre philosophische Grundlage ist der radikale Konstruktivismus, nach dem eine Wahrnehmung niemals ein Abbild der Realität liefert, sondern immer eine Konstruktion aus Sinnesreizen und Gedächtnisleistungen eines Individuums ist. Daher sei Objektivität im Sinne einer Übereinstimmung von Bild und Realität unmöglich: ausnahmslos jede Wahrnehmung sei subjektiv. Der Mensch wird als eingewoben in ein Netz aus Beziehungsgeflechten (Familie, Institutionen usw.) betrachtet, und psychische Symptome werden als Ausdruck von Spannungen innerhalb der Systeme verstanden. Der Therapeut versucht, die pathologischen Interaktionsmuster des Systems zu erkennen und zu destabilisieren (zu „verstören“). Technisch wird u.a. mit „zirkulären Fragen“ gearbeitet (die auf die vermutete Sichtweise dritter zielen), mit dem positiven Konnotieren von Problemverhalten, mit paradoxen Interventionen (z.B. der Anweisung, das störende Verhalten beizubehalten), mit Metaphern oder mit der Einbeziehungen weiterer Personen in den therapeutischen Prozess.

Auch die Systemische Therapie wird trotz Nachweis ihrer Effektivität derzeit im ambulanten Bereich von den Krankenkassen nicht finanziert und muss selbst getragen werden.

Kurzzeittherapien

Daneben gibt es eine Vielfalt von Kurzzeittherapien wie z.B. Hypnotherapie (Erickson), NLP (Bandler & Grinder), EMDR (Shapiro), EFT (Gallo), Provokative Therapie (Farrelly), Intensive Psychodynamische Kurztherapie (Davanloo) und viele andere, die sich konzeptuell erheblich voneinander unterscheiden, so dass eine detaillierte Beschreibung ins Endlose führen würde. Gemeinsam ist ihnen, dass versucht wird, relevante psychotherapeutische Veränderungen in einigen wenigen Therapiesitzungen zu erreichen.

Von den Krankenkassen werden im ambulanten Bereich die Kosten dafür derzeit nur für EMDR übernommen.

Werner Eberwein