Wie versteht ein Humanistischer Psychotherapeut seine Funktion?

Ein Humanistischer Psychotherapeut hat ein bestimmtes Verständnis davon, welche Rolle er im psychotherapeutischen Prozess spielen möchte, und welche Funktionen er sich zu erfüllen bemüht. Das Selbstverständnis des Humanistischen Psychotherapeuten besteht aus einer Reihe von Facetten, die in ihrer Gesamtheit die Humanistische Psychotherapie tendenziell (nicht absolut) von anderen psychotherapeutischen Richtungen unterscheidet:

  • Ein Humanistischer Psychotherapeut ist eine Gefühls-Hebamme. Er hilft dem Patienten, Kontakt mit latenten Gefühlen aufzunehmen, die unter Abwehrschichten verborgen sind. Diese (tabuisierten, schmerzlichen oder in der Vergangenheit nicht lebbar gewesenen) Gefühle und Impulse werden durch die Therapie nicht erzeugt, sondern zugänglich gemacht und befreit. Ähnlich wie bei der Geburt eines Kindes drängen diese Gefühle von sich aus an die Oberfläche des Bewusstseins und des Ausdrucks, werden aber von ängstlichen und schamhaften Vermeidungen zurückgehalten oder abgespalten. Die Aufgabe des Psychotherapeuten ist es, einen natürlichen Entfaltungsprozess durch zuverlässige  Begleitung und gelegentliche aktive Unterstützung zu fördern, in dem auch schwer erträgliche oder zunächst unbekannte Gefühle und Motivationen „zur Welt kommen“ können.
  • Ein Humanistischer Psychotherapeut ist ein Abgrund-Begleiter. Er begleitet den Patienten auf seiner Reise der Selbsterkundung auch in seelische Abgründe hinein, in denen nicht nur das Unerträgliche, Dämonische, sondern auch ungelebte oder unerlaubte Lebendigkeit und Lebensfreude zu finden ist. Beide zusammen machen, wenn sie fühlbar und Schritt für Schritt in die Persönlichkeit des Patienten integriert werden, diesen vollständiger, vitaler und präsenter.
  • Ein Humanistischer Psychotherapeut ist eine Muster-Spürnase. In dem Umfang, in dem er den Patienten besser kennenlernt, kann er wiederkehrende Muster der Beziehungsgestaltung, des Umgangs mit sich selbst, des Denkens und der Einstellungen beim Patienten erfassen, von denen manche zu leidvollen Schleifen führen, die dem Patienten in schmerzvollen Zuständen festhalten. Der Patient erkennt diese eingefahrenen Muster in der Regel zunächst selbst nicht als relativiertbare Gewohnheiten, also als etwas, was auch anders, gesünder, lebendig er sein könnte, denn er empfindet seine Muster als unveränderbarer Selbstverständlichkeiten. Die Arbeit an solchen eingefahrenen Mustern ist zentraler Gegenstand der psychotherapeutischen Arbeit.
  • Ein Humanistischer Psychotherapeut ist ein Symbolisierunghelfer. Er hilft dem Patienten, Erfahrungen, Gefühle und Zustände in Worte zu fassen, für die der Patient zunächst keine oder keine wirklich passenden Begriffe hat. Über manche Themen hat der Patient noch nie gesprochen. Andere Erlebnisweisen sind zunächst bewusstseinsfern und daher begrifflich schwer zu erfassen. Sie können aber symbolisch, mit künstlerischen Medien oder durch körperliche Gesten oder Töne ausgedrückt und dadurch in das Bewusstsein des Patienten integriert werden.
  • Ein Humanistischer Psychotherapeut ist ein Perspektiven-Hinzufüger. An manche Sicht- und Umgangsweisen ist der Patient seit Jahrzehnten gewöhnt, so dass er sie ohne Zweifel als „die Wirklichkeit“ ansieht. Hier kann es hilfreich sein, wenn der Therapeut ihn auf alternative Betrachtungsweisen hinweist, die neue Perspektiven eröffnen können. Manchmal kann es sich dabei um beiläufige Bemerkungen oder minimale Formulierungsunterschiede handeln, die den Blickwinkel verändern und den selben Zusammenhang in einem neuen Licht erscheinen lassen können.
  • Ein Humanistischer Psychotherapeut ist ein Wege-Zeiger. Mitunter kann der Therapeut dem Patienten im Sinne einer klassischen Beratung Hinweise auf mögliche Umgangsweisen mit Problemsituationen geben, die dem Patienten sonst einfach nicht eingefallen wären, die er für unrealistisch, irrelevant oder unpassend angesehen hätte, obwohl sie vielleicht in seiner gegenwärtigen Situation durchaus hilfreiche Möglichkeiten eröffnen können.
  • Ein Humanistischer Psychotherapeut ist ein standfestes Gegenüber. Natürlich ist er kein Punchingball, dem man unkontrolliert alles an den Kopf werfen könnte, was einem gerade einfällt. Er besitzt jedoch eine innere Standfestigkeit, die es ihm ermöglicht, automatisierten Verwicklungstendenzen des Patienten standzuhalten, ohne sie wegzureden, aber auch ohne eskalierend darauf zu reagieren. Das ermöglicht es dem Patienten, unbewusste innere Konflikte, die in die Übertragung mit dem Therapeuten hineinprojiziert sind, im Kontakt mit dem Therapeuten zu erleben und reflektierend auszutragen, was auf andere (z.B. rein intellektuelle) Weise nicht möglich wäre.
  • Ein Humanistischer Psychotherapeut ist ein Liebe-Wiederfinder. Manche Patienten haben durch Enttäuschungen, Grenzüberschreitungen oder Mangelsituationen den Kontakt zu ihrer Liebe verloren. Sie können nicht mehr vertrauen und sich nicht mehr einlassen. Dennoch bleibt ihr Bedürfnis nach liebevoller Verbindung gegenwärtig und äußert sich in Form von zarten, oft versteckten (oder aggressiv beschützten) Keimen, die entdeckt, erkannt, sorgsam behütet, gepflegt und entwickelt werden müssen, damit sie allmählich zur Voraussetzung für neue, tragfähige Bindungen werden können.

Werner Eberwein

1 Antwort
  1. Sandra Knümann
    Sandra Knümann says:

    Sehr schön beschrieben! Für mich sind humanistische TherapeutInnen v.a. Menschen, die willens und fähig sind, an der Erlebenswelt ihrer KlientInnen teilzunehmen, ihnen als echter Mensch zu begegnen und sie liebevoll in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Das unterscheidet die Humanisten tatsächlich von vielen anderen Therapierichtungen.

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