Wie kann man Prüfungsängste mit Hypnose behandeln?

Paul hat Angst. In zwei Wochen steht bei ihm das Physikum an, die ärztliche Vorprüfung seines Medizinstudiums. Er hat die Prüfung schon einmal „versiebt“, obwohl er gut vorbereitet war. Nun büffelt er Tag für Tag mit unzähligen Tassen Kaffee bis spät in die Nacht. Wenn er an die Prüfung denkt, wird ihm richtig schlecht. Vor Angst kann er sich kaum noch konzentrieren. Zufällig stolpert er im Internet über meine Homepage. Er schreibt mir eine Mail und bittet um einen Termin.

Bei mir hat gerade ein Patient abgesagt, daher kann ich Paul einen Termin schon am nächsten Tag anbieten. Herein kommt ein sympathischer junger Mann, etwas blass um die Nase, der etwas unsicher wirkt. Er setzt sich in einen meiner schon etwas an gejahrten, ledernen Entspannungssessel. Nachdem er mir erzählt hat, worum es bei ihm geht, sage ich ihm, dass ich ihm vor seiner Prüfung nur eine einzige Hypnosesitzung anbieten kann. „Das ist nicht gerade viel Zeit“, sage ich, „aber mit Hypnose kann man manchmal recht schnell etwas bewirken“.

Ich biete ihm eine kleine Entspannungsübung an. „Meinen Sie, das funktioniert bei mir?“, fragt Paul. „Probieren wir es aus“, antworte ich, „Sie müssen ja nicht gleich tief in Trance gehen, eine leichte Entspannung reicht vollkommen aus.“ (Das war ein sogenanntes „Seeding“: ich habe  nebenbei die Worte „tief in Trance gehen“ und „Entspannung“ schon mal eingeflochten.)

Ich bitte Paul, die Augen zu schließen und seinen Atem wahrzunehmen. Allmählich lasse ich meine Stimme ruhiger und weicher werden. Paul schreibt hinterher, meine Stimme habe sich für ihn in eine Art Murmeln verwandelt, er habe kaum verstanden, was ich sagte. Nur ab und zu habe er Worte erfasst wie „tiefer gleiten“, „loslassen“, „alles geschieht wie von selbst“. Dann hätte ich ihn aufgefordert, wieder zurückzukommen. „War das jetzt Hypnose?“, fragt Paul. Ich antworte, er sei nach meinem Eindruck in einer Trance gewesen, und dass ich denke, dass wir gut zusammenarbeiten können (wieder ein Seeding).

Was ich in dieser Sitzung gemacht habe, nennen Hypnotherapeuten eine „Leerhypnose“. Es ging dabei darum, Paul mit dem Zustand von vertiefter Entspannung und Versenkung sowie den Weg dorthin und wieder heraus vertraut zu machen, ohne schon spezifische Suggestionen für sein Problem zu geben.

Ein paar Tage später sitzt Paul wieder in meinem Entspannungssessel. Zunächst frage ich ihn, was er in seiner Freizeit gerne macht und gut kann. Paul ist leidenschaftlicher Windsurfer und liebt es, im Urlaub auf seinem Surfbrett über die Wellen zu gleiten, Sonne, Wind und Wasser zu spüren und sich kraftvoll zu bewegen. Wieder führe ich ihn in einen entspannten Versenkungszustand und lade ihn ein, sich intensiv vorzustellen, wie er sich beim Surfen fühlt, und was er dabei erlebt. Immer lebendiger wird sein Erleben. „Es war fast wie ein Traum“, schreibt er später, „als ob ich wirklich dort war“. Er fühlt sich sehr lebendig und genießt die Erfahrung in der Vorstellung.

Ich lade ihn ein, dieses Gefühl mit einem Wort zu verbinden, das ihm dafür passend erscheint. Als Ankerwort für diesen wohligen Zustand findet Paul das Wort „Kraft“. Ich bitte ihn, das Gefühl von „Kraft“ in seinem Inneren zu spüren und dann „mit diesem Gefühl“ im Geist in die Zukunft in die Physikum-Prüfung zu gehen. Er sieht sich in Trance wie in einem Film selbst in der Prüfung, wie er voller Kraft, wach, aufmerksam, vital und sprühend vor Energie die Fragen des Prüfers beantwortet.

Ich verstärke dieses Erleben auf suggestive Weise, wobei ich mehrfach das Wort „Kraft“ verwende, bis Paul sich selbst in seiner Vorstellung „in“ der Prüfung erlebt und sich dabei kraftvoll und vital fühlt. Dann führe ich Paul in eine tiefere Trance, an die er sich hinterher nur noch vage erinnert. Hier gebe ich ihm weitere Suggestionen für Sicherheit, Stabilität und Kompetenz in der Prüfungssituation. Dann leite ich Paul zurück in den Wachzustand und beginne mit ihm ein belangloses Gespräch über einen Kinofilm, den ich vor ein paar Tagen gesehen habe. (In der Hypnotherapie der nennt man das einen „Separator“ – er dient dazu, die posthypnotische Wirkung der vorher gegebenen Suggestionen durch Amnesie zu „versiegeln“.)

Paul besteht sein Physikum mit überdurchschnittlichem Ergebnis. Er bedankt sich mit einer netten E-Mail, in der er beschreibt, wie er die beiden Sitzungen mit mir erlebt hat. Er hängt ein Foto an die Mail an, das ihn bei einem gewagten Salto beim Windsurfen zeigt.

Die Hypnose-Technik, die ich bei Paul angewandt habe, lehre ich in meinen Hypnose-Fortbildungen.

Werner Eberwein