Wie ist die Körperpsychotherapie entstanden?

Die Körperpsychotherapie ist Anfang der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts vor allem aus zwei Quellen entstanden:

  • aus experimentellen Ansätzen von Dissidenten der Psychoanalyse und
  • aus den Reformbewegungen in Gymnastik und Tanz.

In den 1960er und -70er Jahren wurde die entstehende Körperpsychotherapie dann durch die Human Potential Movement und die daraus hervorgegangene Humanistische Psychotherapie geprägt und wurde Teil von diesen.

Dissidenten der Psychoanalyse

Die Psychoanalytiker und (anfangs) Sigmund-Freud-Schüler Georg Groddek, Sandor Ferenczi und Wilhelm Reich begannen ab etwa 1925 mit körperorientierten Interventionen innerhalb psychoanalytischer Behandlungen zu experimentieren.

Groddek, der 1901 Privatsanatorium in Baden-Baden eröffnete, wandte vor allem bei Patienten mit psychosomatischen Problemen eine tiefe, mobilisierende Massage an (die dem später von Ida Rolf entwickelten Rolfing ähnelte).

Ferenczi plädierte für offene Selbstäußerung und warmherzige Präsenz des Analytikers (wodurch er Elemente der therapeutischen Haltung vorwegnahm, die dann in den 1960 er Jahren von Carl Rogers detailliert ausgearbeitet wurden). In seiner „aktiven Technik“ betrachtete Ferenczi die Mimik, Haltung, Gestik und Bewegungen seiner Patienten als Sprache des Unbewussten und ermutigte sie, auf ihr Körpererleben zu achten. Er bot Patienten körperlichen Halt und Zuwendung an und arbeitete mit spielerischen Elementen in Ansätzen eines körperlichen Dialogs, in dem er sich seinen Patienten als korrektive Beziehungserfahrung („gute Mutter“) zur Verfügung stellte.

Diese Ansätze wurden von Ferenczis Schüler Michael Balint fortgeführt, der ebenfalls im Rahmen psychoanalytischer Behandlungen mit körperlichem Kontakt, wie z.B. dem Halten einer Hand arbeitete.

Wilhelm Reich gilt als der eigentliche Begründer der Körperpsychotherapie. Er nannte seine Methode zunächst Vegetotherapie. Er arbeitete viel mit Patienten, die in der heutigen Terminologie als Persönlichkeitsstörungen bzw. Borderline-Strukturen verstanden würden, die aufgrund frühkindlicher Traumatisierungen und Mangelerfahrungen keine ausreichend stabile Ich-Struktur hatten aufbauen können. Er arbeitete mit dem unmittelbaren Erleben der Patienten und dem (auch körperlichen) unmittelbaren Kontakt im Hier-und-Jetzt (was sein Patient Fritz Perls später als Grundprinzip in die Gestalttherapie übernahm). Reich ermutigte seine Patienten zu emotionalen Ausdrucksbewegungen, drückte und massierte ihre verspannte Muskulatur und forderte sie auf, frei und gelöst durchzuatmen. Bei Reich spielte (ebenso wie bei Freud) die Sexualität die entscheidende Rolle bei der Entstehung und Überwindung von Neurosen; im Gegensatz zu Freud ging er aber davon aus, dass einer Neurose die energetische Quelle entzogen werden konnte, wenn der Patient zur vollen und unwillkürlichen Hingabe im sexuellen Akt („orgastische Potenz“) fähig würde. (Als moderne Körperpsychotherapeuten würden wir heute als Therapieziele ergänzen: die Fähigkeit, sich einer sinngebenden Tätigkeit hinzugeben, sowie sich im Kontakt angemessen abzugrenzen, vom Zerfallen bedrohte Körperstrukturen haltgebend zu stabilisieren u.v.a. W. E.) Ab 1930 entwickelte Reich unter der Bezeichnung Charakteranalyse eine Theorie und Technik in der er davon ausging, dass es Interaktions- und Beziehungsmustern („Charaktermuster“) gibt, die Widerstandscharakter haben und systematisch („von außen nach innen“) durchgearbeitet werden müssen. Diese Charakterstrukturen gehen mit bestimmten Körperhaltungen einher, die wiederum die Körpersprache der Patienten (Bewegung, Mimik, Tonus, Blickverhalten, stimmlicher Ausdruck usw.) bestimmten. Auch die Verdrängung sei, so Reich, ein körperlicher Vorgang, der v.a. durch chronische Anspannungen der Muskulatur und Hemmung des Atems „verkörpert“ sei. Durch sein Verständnis einer „funktionellen Identität“ von körperlichen und psychischen Prozessen war es Reich möglich, quasi in der Materie des Körpers die immateriellen psychischen Prozesse zu erreichen, also über den Körper die Seele zu heilen, was u.a. durch Intensivierung des unmittelbaren emotionalen Erlebens der Patienten geschah. Aus dieser Idee entstand später das Prinzip der Erlebnisaktivierung der Humanistischen Psychotherapie. Durch Erleben und Bewusstwerdung unterdrückter Affekte und Gefühle wurden traumatischer Erinnerungen bewusst, die dann analytisch verarbeitet wurden. (Wir würden heute – nach jahrzehntelangen Erfahrungen v.a. mit traumatisierten und strukturschwachen Patienten –  u.a. dissoziative und strukturstabilisierende Arbeitsweisen auf der Körperebene ergänzen. W. E.)

Reformbewegungen in Gymnastik und Tanz

Um 1900 hatte die Tänzerin Isadora Duncan Ausdruckstanz geschaffen, der nicht aus formalisierten Tanzschritten sondern aus spontanen, expressiven Bewegungen bestand. Einen solchen Tanz führte die Tänzerin Mary Wigman 1914 erstmals in der Öffentlichkeit auf. Aus der Anwendung des Ausdruckstanzes in der Psychiatrie entstand in den 1900 vierziger Jahren die Tanztherapie.

Nachhaltige Impulse auf die Körperpsychotherapie gingen von der Gymnastiklehrerin Elsa Gindler aus (obwohl sie selbst nicht den Anspruch hatte, psychotherapeutisch zu arbeiten). Bei ihr wurde „geübt ohne Übungen“, jeder Teilnehmer sollte über das Gewahrwerden des eigenen Körpers seine eigenen Übungen finden.

Gindlers Arbeit beeinflusste unter anderem Ruth Cohn, die Begründerin der Themenzentrierten Interaktion sowie Charlotte Selver, die den Begriff Sensory Awareness prägte und Helmut Stolze, der die Konzentrative Bewegungstherapie entwickelte (die heute in psychiatrischen Kliniken in Deutschland die am meisten vertretene körperorientierte Methode sein dürfte).

Reichs beide Frauen Annie Reich und Elsa Lindenberg sowie Lore Perls, die Frau von Fritz Perls, Claire Fenichel, die Frau des Psychoanalytikers Otto Fenichel, und Frieda Fromm-Reichmann, die Frau von Erich Fromm nahmen an tanz-und bewegungspädagogischen Kursen von und nach Elsa Gindler teil.

Trudi Schoop, Lilian Espenak und Mary Whitehouse gelten als Begründerinnen der Tanztherapie, die heute ebenfalls v.a. in Kliniken eingesetzt wird. Der Modern Dance beeinflusste den ehemaligen Tänzer Albert Pesso, der die Psychomotorische Therapie entwickelte.

Aus der Atem-und Leibpädagogik ging nach dem Zweiten Weltkrieg die Funktionelle Entspannung nach Marianne Fuchs hervor.

Humanistische Psychotherapie

In der Humanistischen Psychotherapie, die sich aus der humanistischen Psychologie von Abraham Maslow und Carl Rogers sowie der Human-Potential-Bewegung hervorentwickelt hatte, arbeitete der Reich-Schüler und Hauptbegründer der Gestalttherapie Fritz Perls mit körperorientierten Rollenspielen, deren Technik er von Jakob Moreno, dem Begründer des Psychodrama übernommen hatte.

Arthur Janov entwickelte die Primärtherapie, eine konfrontative Methode um sich mit dem Kern des Abgewehrten (dem „Urschmerz“) zu konfrontieren und ihn zu durchleben, damit die pathogenen Abwehrprozesse desselben überflüssig werden.

Daniel Casriel entwickelte die Bonding-Technik, die heute vor allem in psychosomatischen Kliniken angewandt wird, bei der durch intensiven, anhaltendem körperlichen Kontakt in Gruppen pathogene frühe Bindungserfahrungen kathartisch durchlebt werden können.

Der Rogers-Schüler Eugene Gendlin entwickelte mit dem Focusing eine körperorientierte Variante der Personzentrierten Psychotherapie, in der man sich auf das ganzheitliche Körpergewahrsein (den „felt sense“) einstimmt, um auf diese Weise mit der Intuition des verkörperten Unbewussten in Dialog zu treten.

Neoreichianische Richtungen

In der Nachfolge von Wilhelm Reich und geprägt vor allem durch seinen norwegischen Schüler, den Psychiater Ola Raknes entstand seit den 1970er Jahren eine Vielzahl von körperpsychotherapeutischen Schulen, die sich auf vielfältige Weise auseinander hervorentwickelten, einander beeinflussten, sich voneinander abgrenzen und spezifische Techniken und Konzepte entwickelten, vor allem:

  • Bioenergetik (Alexander Lowen)
  • Core-Energetik (John Pierrakos)
  • Biodynamik (Gerda Boyesen)
  • Hakomi (Ron Kurtz)
  • Biosynthese (David Boadella)
  • Organismische Psychotherapie (Malcolm Brown)
  • Integrative Leib-und Bewegungstherapie (Hilarion Petzold)

und viele andere

Psychoanalytische Körperpsychotherapie

Von Ferenczi ausgehend wurden von manchen Analytikern körperorientierte Methoden in die Psychoanalyse (re-)integriert. Der bekannteste von ihnen, Tilman Moser, betont vor allem das haltgebende Stützen und das behutsame Erkunden von Wünschen und Ängsten im körpersprachlichen Dialog sowie die analytische Aufarbeitung körperlicher Übertragungen und Gegenübertragungen. Peter Geißler entwickelte eine Variante der körperorientierten Psychoanalyse vor allem zur Intensivierung der Regression. Hans-Joachim Maaz versuchte in der DDR, analytische Psychotherapie mit körperorientierten Techniken zu verbinden. George Downing entwickelte aus der Verbindung von psychoanalytischer Objektbeziehungstheorie, Säuglingsforschung und Körperpsychotherapie eine Theorie der affektmotorischen Schemata, also von verfestigten Gefühls-und Bewegungsmustern, die in der Therapie diagnostisch genutzt und therapeutisch gewandelt werden können.

Literatur

Röhricht, F.: Körperorientierte Psychotherapie psychischer Störungen, Hogrefe Verlag 2000

Werner Eberwein

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