Wie funktioniert die Einleitung einer Trance in der der Erickson’schen Hypnose?

Die klassische Hypnose, wie sie bis in die 60er Jahre des 20. Jahrhunderts, also vor der „Erickson’schen Wende“ ausschließlich praktiziert wurde, besteht praktisch ausschließlich aus Suggestionen. Der Patient wird also von Anfang an und bis zum Ende der Hypnose vom Therapeuten „geführt“. Dieses Führen bezeichnet man im Englischen mit dem Begriff „Leading“. Klassische Hypnose besteht also ausschließlich aus Leading.

In den moderneren Varianten der Hypnose, die sich einiger von Milton Erickson entwickelten Techniken bedient, erfolgt der Induktionsprozess durch eine Abfolge aus:

  • Seeding | Bereits bevor der Therapeut eine spezifische Suggestion gibt, bereitet er sie durch subtile Andeutungen vor, um die Bereitschaft des Patienten zu erhöhen die später folgende Suggestion bereitwillig anzunehmen. Wenn der Therapeut dem Patienten beispielsweise später eine Armlevitation ( = ein suggeriertes Erheben eines Armes „wie von selbst“) suggerieren möchte, so könnte er bereits am Anfang der Induktion von „Vögeln am Himmel“ sprechen oder davon, wie „ein Kind mit einem Stück Kreide etwas an eine Tafel schreibt“. Auf diese Weise wird subtil das Erheben des Armes „gesät“ also durch Seeding vorbereitet.
  • Pacing | Zu Beginn der Hypnose-Induktion wird das Erleben und Verhalten des Patienten vom Therapeuten verbal und/oder nonverbale begleitet (gespiegelt). Beispielsweise beschreibt der Therapeut detailliert Erfahrungen, die der Patient in seiner Ruheposition mit Sicherheit oder sehr wahrscheinlich macht, zum Beispiel „Sie sehen hinter ihren geschlossenen Augenliedern ein vages Mittelgrau, Sie hören meine Stimme, Sie spüren wie Sie auf der Unterlage auffliegen …“. Dabei orientiert sich der Therapeut an den Haupt-Sinneskanälen: visuell = sehen, auditiv = hören, kinästhetisch = spüren, olfaktorisch = Riechen, gustatorisch = Schmecken (Kurzwort „vakog). Der Therapeut könnte auch Denk- oder Formulierungsweisen, Einstellungen, die Sprechgeschwindigkeit, den Atemrhythmus oder Vorlieben des Patienten für bestimmte Erinnerungen oder Fantasien pacen.
  • Rapport | Durch das Pacing fühlt sich der Patient vom Therapeuten auf wohltuende Weise erreicht und begleitet. Es verstärkt die Bereitschaft des Patienten, sich dem Therapeuten gegenüber zu öffnen und sich im Weiteren von ihm führen zu lassen. Diese spezielle geöffnete und reaktionsbereite Beziehung im Rahmen von Trance-Arbeit wird als „Rapport“ (frz. für Bezogenheit) bezeichnet.
  • Linking | Die Pacing-Aussagen bzw. -Verhaltensweisen des Therapeuten werden nun mit den gleich folgenden Leading ( = Suggestionen) des Therapeuten verknüpft, am einfachsten durch Bindendeworte wie „und“, „oder“, „sowie“ usw., oder durch inhaltliche oder imaginative Verknüpfungen, beispielsweise im Rahmen einer Fantasie-Szenerie.
  • Leading | Nun erst folgen die eigentlichen Suggestionen, mit denen der Patient in eine von ihm selbst gewünschte oder im Sinne seiner Ziele und Werte fruchtbare Richtung geführt wird. Diese Suggestionen werden häufig auf eine kunstvolle Weise vermittelt, die im Abschnitt „Erickson sche Sprachformen“ näher erläutert wird.

In der „Originalvariante“, in der Art also, wie Erickson selbst gearbeitet hat, werden die oben genannten Phasen ständig miteinander vermischt, so dass der Wachzustand und der Trancezustand auf konfusionierende Weise ständig ineinander übergehen. Patienten von Erickson wussten nie, ob und wann er gerade hypnotisch arbeitete, und ob, wann und inwiefern sie selbst beim Zuhören in Trance gingen bzw. waren. Diese „Wach-Trance-Verwischung“ ist eines der Kennzeichen der Arbeitsweise des Meisters selbst. Daher arbeitete er auch sehr häufig nicht mit formellen, expliziten Trance-Induktionen, sondern beiläufig, aus einem normalen Gespräch heraus oder in Form eines normalen Gesprächs ( = „beiläufige-„, „Gesprächs-“ oder „naturalistische“ Trance-Induktion).

Werner Eberwein

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