Wie funktioniert Abnehmen nach Allen Carr?

Allen Carr (1934-2006) war ursprünglich Wirtschaftsprüfer und Kettenraucher. Er gewöhnte sich selbst das Rauchen ab und schrieb darüber 1983 den internationalen Bestseller „Endlich Nichtraucher“, der in über 40 Sprachen übersetzt wurde und sich mehr als 12 Millionen Mal verkaufte. Auf Basis dieser Methode schrieb er 1998 das Buch „Endlich Wunschgewicht“ über einen natürlichen Weg des Abnehmens mithilfe des gesunden Menschenverstandes, das sich ebenfalls über 1 Million Mal verkaufte.

  • 2015 waren weltweit über 2 Milliarden Menschen übergewichtig, in den Industrieländern mehr als 50 % der Erwachsenen, in den USA sogar mehr als 70 %.
  • 20 % der Kinder in den Industrienationen sind übergewichtig.

Die Abnehm-Methode von Allen Carr versteht sich nicht als Diät, sie lehnt die Diäten zum Abnehmen sogar als wirkungslos ab. Vielmehr handelt es sich um eine Methode der nachhaltigen Ernährungsumstellung, die auf dem basiert, was jeder Mensch weiß und jeder unmittelbar spüren kann.

Allen Carr geht davon aus, dass Übergewicht die Folge einer „Gehirnwäsche“ sei, mit der die Nahrungsmittelkonzerne uns dazu bringen, im Übermaß Nahrungsmittel zu uns zu nehmen, die uns krank und dick machen, indem sie versuchen, uns weis zu machen, Zuviel-Essen sei ein Genuss.

Während vor allem in den Entwicklungsländern fast 1 Milliarde Menschen tagtäglich Hunger leiden, überessen Menschen in den Industrienationen aus Gewohnheit, Genusssucht, weil etwas zu Essen im Kühlschrank steht, um innere Leere zu bekämpfen, aus Langeweile oder um sich zu beruhigen, spüren aber kaum noch ein reales, biologisches Hungergefühl.

Übergewicht kommt nach Carr nicht eigentlich daher, dass Menschen zu viel Essen, sondern vor allem daher, dass sie ungesunde (vor allem verarbeitete) Nahrungsmittel zu sich nehmen. Die Ursache von Übergewicht sei ein ganz einfacher biophysikalischer Zusammenhang: wenn wir mehr Nahrung zu uns nehmen als wir verbrauchen, nehmen wir zu.

Der Ausgangspunkt der Methode von Allen Carr ist die Überlegung, warum wild lebende Tiere niemals Übergewicht entwickeln, auch dann nicht, wenn ihre natürlichen Nahrungsmittel im Überfluss zur Verfügung stehen:

„50 % der Menschen in den Industrieländern sind übergewichtig. 0 % der wild lebenden Tiere sind übergewichtig. … 99,99 % der Kreaturen auf der Erde essen so oft und so viel von ihrer Lieblingsnahrung, wie Sie möchten, ohne an Übergewicht zu leiden. … Wieso konnte ich nicht aufhören zu Essen, ein Eichhörnchen aber schon?“

Bereits in der frühen Kindheit würden wir an eine Ernährungsweise gewöhnt, die nicht unserer natürlichen, biologischen Nahrung entspricht. Biologisch gesehen ist unser genetischer Code mit dem der höheren Menschenaffen nahezu identisch. Für wild lebende Schimpansen, Gorillas oder Orang-Utans stehen Früchte und Blätter ganz oben auf ihrer Speisekarte, auch Blüten, Samen, Nüsse und Honig. Hin und wieder essen höhere Menschenaffen auch Fleisch, aber sehr selten und natürlich roh. Sie trinken nur Wasser.

Obwohl höheren Menschenaffen gelegentlich (ziemlich selten) auch Fleisch (roh) zu sich nehmen, sei der Mensch biologisch betrachtet kein Fleischfresser. Die Idee, dass wir Fleisch zu uns nehmen müssten, um uns z.B. mit Eiweiß zu versorgen, sei ein Teil der neoliberalen Gehirnwäsche. Weder unsere angeblichen Eiweißlieferanten Rinder und Schweine, noch Pferde, Gorillas, Elefanten, Nashörner und Giraffen seien Fleischfresser. Weder für unseren Eiweiß- noch beispielsweise für unseren Calciumbedarf brauchen wir Fleisch, all das ist ausreichend in pflanzlicher Nahrung enthalten (Elefanten haben die größten Zähne aller Landtiere, und sie sind reine Pflanzenfresser).

Im Gegensatz zu fleischfressenden Tieren

  • haben Menschen flache Mahlzähne, keine scharfen Reisszähne und keine Krallen,
  • unser Darmtrakt ist etwa zehn bis zwölf Mal so lang wie unser Körper,
  • unsere Magensäure ist etwa 20mal schwächer als bei Fleischfressern,
  • wir haben zahlreiche Speicheldrüsen, die zur Vorverdauung von Körnern und Früchten nötig sind,
  • unser Speichel ist basisch und beinhaltet Enzyme zur Vorverdauung von Getreiden.

Man kann also davon ausgehen, dass Menschen biologisch betrachtet keine Fleischfresser sind.

„Legen Sie einen Apfel und ein Kaninchen zu einem kleinen Kind.
Wenn das Kind das Kaninchen isst und mit dem Apfel spielt,
dann kaufe ich Ihnen ein neues Auto.“

Menschen ernähren sich (vor allem in den Industrieländern) in den letzten Jahrzehnten zunehmend von verarbeiteten Nahrungsmitteln („Junkfood“), die in erheblichem Umfang künstlichen Zucker, Fett, Salz, Geschmacksverstärker, Duft-, Farb- und Konservierungsstoffe enthalten. All diese Stoffe sind äußerst ungesund. Sie sind verantwortlich für eine Vielzahl von Krankheiten und für Übergewicht – und sie machen süchtig.

Falsches Essen und Überessen ist verantwortlich für Verdauungsstörungen, Sodbrennen, Verstopfung, Durchfall, Kopfschmerzen, Nierensteine, Typ-2-Diabetes, hohen Cholesterinspiegel, Magengeschwüre, Reizdarm, Bluthochdruck, Gicht, Übelkeit usw. (Wild lebende Tiere leiden niemals an diesen Störungen.)

Die massive und immer mehr zunehmende Werbung, der wird pausenlos ausgesetzt sind, tut ein Übriges dazu. Dazu kommen soziale Rituale wie beispielsweise üppiges Essen zu praktisch allen Festen, die soziale Verpflichtung, alles aufzuessen was auf dem Teller liegt „um die Köchin/den Koch nicht zu brüskieren“, Geschäftsessen, Verabredungen und Einladungen zum Essen, „der kleine Snack zwischendurch“, Rostbratwurst und Zuckerwatte auf dem Jahrmarkt, Naccos und Eis im Kino usw. usw-

Nach Carr ist es sinnlos, sich zu bemühen, seine Nahrungsaufnahme einzuschränken oder auf Nahrungsmittel zu verzichten, die man gerne zu sich nimmt:

Solange Sie das Gefühl haben, dass Sie ein Opfer bringen, werden sie niemals frei sein. … Diäten lassen die vermiedenen Nahrungsmittel nur besonders begehrenswert erscheinen, … also brechen Sie die Diät ab und Essen wieder wie gewohnt, … und der ganze Vorgang ist eine Tortur.“

Ein Mensch, der sich von seiner Sucht zum Falsch- und Überessen befreien will, müsse zuerst erkennen, dass ihn seine derzeitige Ernährungsweise nicht glücklich, sondern unglücklich macht.

Wild lebende Tiere spüren instinktiv, welche und wie viel Nahrungsmittel ihnen gut tun, was für sie unzuträglich ist, und wann sie satt sind. Diese instinktive Nahrungsregulation ist beim Menschen weitgehend ausgehebelt durch die Verarbeitung von Nahrungsmitteln, durch Zusatzstoffe und soziale Manipulationen, die Nahrungsmittel als begehrenswert erscheinen lassen, die uns krank und dick machen. (Man versuche nur einmal, Coca-Cola im lauwarmen Zustand ohne Kohlensäure oder ein Huhn im rohen Zustand ohne Zubereitung zu sich zu nehmen.)

Beim Versuch abzunehmen solle man sich nicht auf ein zu erreichendes Zielgewicht fokussieren und sich auch nicht auf scheinbar objektive Berechnungen (wie beispielsweise den Body-Maß-Index) fixieren. Ob ein Mensch sein Idealgewicht erreicht habe oder davon abweiche, könne ihm ein einfacher Blick in einen großen Spiegel verraten, sowie sein Lebensgefühl, besonders morgens beim Aufstehen oder beim Treppensteigen. Dazu brauche man keine Berechnungen und noch nicht einmal eine Waage. Das Gewicht verändere sich allmählich und mit größeren Schwankungen, so dass es sowieso wenig Sinn mache, täglich auf die Waage zu steigen.

Es sei auch unmöglich, durch Sport abzunehmen, sofern man nicht intensiv Leistungssport betreibe. Sport sei überaus sinnvoll und gesund, halte fit und frisch, aber abnehmen könne man durch Sport allein nicht. Wenn Übergewicht von Bewegungsmangel komme, müssten viele wild lebende Tiere (z.B. Löwen, vor allem aber Faultiere) schrecklich fett sein, weil sie den Tag überwiegend mit schlafen oder dösen verbringen. Handwerker und Putzfrauen, die sich tagtäglich sehr viel bewegen, müssten dagegen durchweg schlank und rank sein.

Bei der Frage, welche Nahrungsmittel gesund und für unseren Körper zuträglich sind, könne man sich ganz einfach an der Frage orientieren, wie sich unsere biologisch nächsten Verwandten, die höheren Menschenaffen, ernähren. Ein wild lebender Schimpanse, Orang-Utan oder Gorilla isst niemals verarbeitete, gekochte Nahrungsmitteln mit Geschmacksverstärkern, Gewürzen oder Soßen. Er trinkt auch keine alkoholischen oder gezuckerten Getränke. Durch die Verarbeitung von Nahrungsmitteln, vor allem durch Kochen, Backen, Braten, Fermentiern, Gären und Konservieren, werden lebenswichtige Vitamine, Antioxidanzien, essenzielle Fettsäuren und Enzyme abgetötet, die uns dann trotz Überessen mit einem Gefühl zurücklassen, dass wir zwar „abgefüllt“, aber nicht wirklich befriedigt sind.

Um ein Gefühl eines Verzichts nicht aufkommen zu lassen, geht Carr davon aus, dass unser Organismus in gewissem Umfang „Junkfood“ vertragen kann, wenn wir uns überwiegend von gesunden, natürlichen Nahrungsmitteln (das bedeutet: „Rohkost“) ernähren. Wir sollten stets ca. 70% rohes Obst, Früchte und Salate zu uns nehmen und maximal 30% „Junkfood“ (verarbeitete Nahrungsmittel).

Beginnen sollten wir damit, vor (und nicht während!) einer Mahlzeit reines Wasser (ohne Zutaten) zu trinken, um unseren Durst zu löschen, dann eine kleine Pause machen, und dann die Mahlzeit mit Frischkost zu beginnen, zum Beispiel mit Obst oder Salat mit möglichst wenigen künstlichen Zutaten. Nahrungsergänzungen und Vitaminzusätze seien vollkommen überflüssig, wenn wir ausreichend natürliche Nahrungsmittel zu uns nehmen.

Wie man bei jeder Katze beobachten kann, die jeden Bissen genau beäugt, daran schnuppert und daran schmeckt, bevor sie ihn zu sich nimmt, haben Tiere einen Instinkt, der Ihnen mitteilt, was zuträglich für sie ist, und was nicht, und wann es genug ist. In dem Umfang, wie wir auf das, was unsere natürlichen Sinne verwirrt (nämlich verarbeitete Nahrungsmittel und Zusatzstoffe) verzichten, entwickeln auch wir wieder ein präzises Gefühl dafür, was gesund und was unzuträglich für uns ist, was uns gut tut und wann wir genug haben.

Ein Apfel oder eine Mango muss weder zubereitet noch gewürzt, gekocht, mit Geschmacksverstärkern versehen noch sonst wie verarbeitet werden. Sie riechen und schmecken unmittelbar exzellent wenn sie frisch und reif sind. Wenn wir uns also aus der neoliberalen Geschmacksverwirrung und Gehirnwäsche befreit haben (aber erst dann) können wir davon ausgehen, dass genau die Nahrungsmittel, die gut schmecken und riechen, die sind, die unserem Organismus zuträglich sind, und die dafür sorgen, dass wir fit, frisch und schlank werden und bleiben. Dann spüren wir unmittelbar, wenn wir genug haben und satt sind.

„Giftiges schmeckt und riecht furchtbar. … Die Überzeugung, dass Junkfood gut schmeckt, ist eine Illusion und lediglich die Folge der Gehirnwäsche.“

Ebenso wie man reines Wasser nur dann und nur so viel davon trinkt, wie man Durst hat, und sofort aufhört, wenn der Durst gestillt ist, empfinden wir, wenn wir uns überwiegend von natürlichen Nahrungsmitteln ernähren, unmittelbar das körperliche Signal „bin satt!“, wenn wir genug gegessen haben. Dazu braucht es weder Kalorienzählen, noch bemühte Versuche sich zu mäßigen.

Man solle dann und nur dann essen, wenn man wirklich Hunger habe, nicht, weil „die Zeit zum Abendessen gekommen ist“, nicht aus Gewohnheit, Langeweile, innerer Leere oder Unruhe.

„Es gibt keinen Grund, noch mehr zu essen, nachdem ihr Hunger gestillt ist. Übermäßiges Essen ist kein Genuss.“

Zentral wichtig sei es, langsam und in Ruhe zu essen. Ideal wäre eine meditative Haltung beim Essen sowie Schweigen beim Essen wie es in manchen buddhistischen Gemeinschaften praktiziert wird. Da das für westliche Menschen in der Regel nicht alltagstauglich ist, sei es dennoch wichtig, möglichst langsam und aufmerksam zu essen und dadurch das Essen überhaupt wirklich zu genießen. (Wir essen oft, weil wir nach Genuss streben, aber dann schlingen wir das Essen nur hinunter und haben dabei eigentlich gar kein Genuss.)

Auch Milch sowie Milchprodukte (Käse, Joghurt, Quark, Kefir, Frischkäse usw.) sind für Menschen, die dem Säuglingsalter entwachsen sind, keine natürlichen Nahrungsmittel, sondern fördern Herzkrankheiten, Diabetes, Ekzeme, Heuschnupfen, Asthma und Osteoporose. Milch (und auch dies nur in Form von Muttermilch) ist reine Babynahrung.

Jede Form von verarbeitetem oder künstlichen Zucker (Kristallzucker, Honig, Gerstensirup, Rübenzucker, Reissirup, Zuckerrohrsaft, Dextrose, Saccarose, Ahornsirup, usw.) lassen allesamt den Insulinspiegel hochschnellen und anschließend absacken was uns zunächst einen Kick und anschließende Müdigkeit beschert und die überflüssigen Kalorien in Fett verwandelt. Alle Süßstoffe sind krebsfördernd und verwirren durch die Illusion von Süße unser natürliches Geschmacksempfinden. Zucker und Süßstoffe machen süchtig, ebenso künstlich zugesetztes Salz (wie man z.B. bei Kartoffelchips oder salzigen Knabbereihen merkt).

Dies gilt jedoch nicht für den Zucker- und Salzgehalt, der in natürlichen Nahrungsmitteln enthalten ist. Wenn man von süßem Obst Übergewicht und Diabetes entwickeln würde, dann müssten alle Menschenaffen furchtbar fett sein und täglich Insulin benötigen.

Die Methode des Abnehmens nach Ellen Carr wird mit Entspannungstraining kombiniert, weil er davon ausgeht, dass innere Unruhe, Hektik, Unausgeglichenheit ein wesentlicher Faktor ist, der zu Überessen beiträgt.

Die Allen-Carr-Methode zum Abnehmen versteht sich nicht als asketisch, sondern ganz im Gegenteil, als genussorientiert. Wenn man sich aus ungesunden Ernährungsgewohnheiten und der Gehirnwäsche der Nahrungsmittelkonzerne gelöst hat, schmecken natürliche Nahrungsmittel überaus köstlich und man entwickelt eine instinktive Abneigung gegen ungesunde, verarbeitete Nahrungsmittel, Zusatzstoffe, sowie künstlich zugesetzten Zucker, Fett und Salz.

Werner Eberwein