Im Rahmen der Körperpsychotherapie kann die Arbeit mit körperlicher Berührung dazu dienen, die Wahrnehmung des Klienten für seinen Körper, für seine Präsenz und seine Gefühle zu fördern. Berührung kann als Medium der nonverbalen Kommunikation genutzt oder zur Stimulation von Ausdrucksbewegungen eingesetzt werden. Sie kann in Form von Massage den körperenergetischen Zustand des Klienten aktivieren, harmonisieren oder beruhigen. Berührung kann Halt gebende Zuwendung und Fürsorge sein und therapeutische Regression fördern. Sie kann geschützte positive Erfahrungen mit körperlichem Kontakt ermöglichen oder einen nonverbalen Kommunikationskanal zu Erlebnisschichten unterhalb des kognitiv-sprachlich Zugänglichen eröffnen.

Bei wahrnehmungsfördernde Berührungen geht es darum, die Selbstwahrnehmungsfähigkeit des Klienten für seinen eigenen Körper zu stärken und ihn mit seinem Körper und mit seinen Gefühlen in Kontakt zu bringen.

Beispiel: Eine 42jährige Klientin berichtet aufgeregt, sie habe ein Wochenende mit ihrer Schwester und ihrer Mutter verbracht und sich mit beiden heftig zerstritten. Die Klientin wirkt aufgelöst und redet wie ein Wasserfall, aber ohne wirklichen emotionalen Kontakt zu sich selbst. Nachdem ich ihr etwa 15 Minuten zugehört habe, bitte ich sie, ihren Redefluss zu unterbrechen, sich hinzulegen und in sich hineinzuspüren. Sie sagt: „Ich habe Angst.“ Ich frage sie, wo sie die Angst körperlich spüre. Sie deutet auf ihren Bauch, etwa eine Handbreit über dem Nabel. Ich lege vorsichtig meine Hand auf diese Stelle. Die Klientin beruhigt sich etwas. Nach einigen Minuten werden ihre Augen feucht, und sie sagt: „Es ist so traurig. Wir haben uns doch eigentlich lieb.“ Die Berührung hat ihr geholfen, vom Darüberreden zu ihren Gefühlen zu kommen.

Im Rahmen von ausdrucksfördernder körperpsychotherapeutischer Arbeit wird Berührung eingesetzt, um Verspannungen zu lockern oder Emotionen eine Richtung zu geben, um Halt, Sicherheit und Grenzen zu geben, um Festhaltemuster zu übernehmen, oder um Ausdrucksimpulsen Widerstand zu geben.

Beispiel: Ein Klient berichtet, er sei angenervt von sich selbst, weil er sich gefangen fühle in der Rolle des immer braven, netten Kerls. Ich bitte ihn, sich hinzulegen und zu spüren, wo er die Angenervtheit in seinem Körper wahrnimmt. Er deutet auf seine Magengegend und sagt: „Hier sitzt es … Es will heraus.“ Ich lege meine Fingerspitzen auf seine Magenregion und lockere mit einer leichten, vibrierenden Bewegung die Spannungen seiner Bauchmuskulatur. Der Klient beginnt, tiefer zu atmen und bewegt seine Hände in schlangenartigen Greifbewegungen in der Luft. Ich frage ihn: „Wie fühlt sich das an?“ Er antwortet: „Da ist etwas wie eine Krake in meinem Bauch … Es kommt nur bis hierher und bleibt hier stecken“, der Klient zeigt mit der Hand auf seine Kehle. Ich massiere den Solarplexus und die Zwerchfellregion und streiche leicht über Brustbein, Kehle und Kinn bis zum Mund. Der Klient äußert zunächst würgende, dann wütende Geräusche. Er tritt mit den Beinen in die Luft und sagt: „Die Krake tritt mich von innen … Sie sagt zu mir: ‚Hau auf den Tisch! Sei ein Mann!’“ Die Aggression, die der Klient zu Beginn innen festgehalten und gegen sich selbst gerichtet hatte, beginnt, eine Richtung zu finden.

Symbolische Berührung findet in der Körperpsychotherapie oft im Rahmen eines improvisierten Rollenspiels statt. Symbolische Berührungen drücken eine Beziehungsdynamik mit Hilfe einer Körpersymbolik aus.

Beispiel: Ein Klient berichtet, er fühle sich oft Männern gegenüber unterlegen, wie geschrumpft und eingeigelt in einem Gefühl der Unfähigkeit. Ich bitte ihn, dieses Gefühl körperlich auszudrücken. Er krümmt sich auf dem Boden zusammen und zieht den Kopf ein. Er sagt: „Ich fühle mich wie ein Sklave, der für die Großartigkeit anderer Männer herhalten muss.“ Ich lege ein Kissen auf seinen Rücken, setze mich darauf und „mache es mir dort bequem“. Der Klient sagt: „Ja genau, so fühlt sich das an … Ich schäme mich, dass ich das immer wieder mit mir machen lasse“. Die Körpersymbolik lässt eine (narzißtische) Beziehungs- und Übertragungsdynamik unmittelbar erlebbar und bearbeitbar werden.

Beispiel: Eine Gruppenteilnehmerin verbrachte ihre ersten Lebensjahre bei ihren Großeltern in einem anderen Land. Sie fühlte sich dorthin abgeschoben und ihren gleichaltrigen Cousins und Cousinen gegenüber benachteiligt. Sie reagiert ablehnend auf eine andere Gruppenteilnehmerin, die sie an ihre Cousine aus der damaligen Zeit erinnert, und die die Lieblingsenkeltochter des Großvaters war. Ich setze mich leicht erhöht schräg hinter die zweite Gruppenteilnehmerin, streiche dieser symbolisch übers Haar wie ein Großvater seiner Enkelin und schaue dabei wie unbeteiligt zu der ersten Gruppenteilnehmerin hinüber. Diese sagt: „Es macht mich wahnsinnig, das so zu sehen … Ich gebe es nicht gerne zu, aber ich bin total eifersüchtig.“ Die symbolische Berührung hat das emotionale Erleben einer alten Beziehungsdynamik aktiviert.

Massage im Rahmen einer Körperpsychotherapie kann unspezifisch wohltuend und stressreduzierend wirken, aber sie wirkt auch psychodynamisch. Sie kann dem Klienten helfen, sich in seinem Körpergefühl zu verwurzeln und sich seiner körperlichen Regungen bewusster zu werden. Massage kann eingekapselte, blockierte oder gestaute Lebensenergie zum Fließen bringen. Sie kann die psychosomatischen Selbstheilungsfunktionen des Körpers aktivieren, körperliche Fehlhaltungen korrigieren, einschränkende Atemmuster befreien, die Integration von Denken und Fühlen fördern, psychosomatische Beschwerden lindern oder Klienten nach traumatischen Ereignissen helfen, sich zu stabilisieren und zu vitalisieren. Sie kann helfen, verhärtete, gepanzerte Muskelpartien zu lockern, Klienten in Auflösungszuständen Halt geben oder Stauungen im Gewebe ausleeren. Sie kann die Körperabwehr lockern, so dass unbewusstes Material leichter ins Gewahrsein eintritt. Sie kann die Ich-Stabilität stärken, so dass sich die Integrität des Ich gegenüber dem Unbewussten und gegenüber äußeren Einflüssen festigt.

Wenn Sie diese Methoden selbst lernen wollen, können Sie an meiner Fortbildung Körperpsychotherapie teilnehmen.

Werner Eberwein