Was ist Phänomenologie?

Als Phänomenologie wird eine der maßgeblichen philosophische Strömungen des 20. Jahrhunderts bezeichnet, die vor allem von Edmund Husserl (1859-1938) ausgearbeitet wurde. Bekannte Phänomenologen sind z.B. Max Scheler, Martin Heidegger, Jean-Paul Sartre, Maurice Merleau-Ponty, Emmanuel Lévinas, Paul Ricoeur und Jaques Derrida.

Diesen Beitrag als 35minütigen
Audio-Podcast anhören:

RSS-Feed-ZeichenDie Phänomenologie hat Denker wie Theodor W. Adorno, Jaques Lacan, Hans-Georg Gadamer, Michael Foucault, Jürgen Habermas und viele andere beeinflusst (die sich z.T. auch kritisch mit ihr auseinandergesetzt haben). Sie war eine grundlegende Voraussetzung für die Entwicklung der modernen Hermeneutik (Gadamer), des Existenzialismus (Sartre) und der Dekonstruktion (Derrida), und sie hat die humanistische Psychotherapie entscheidend geprägt.

Das Wort Phänomenologie stammt vom altgriechischen Wort phainomenon: Sichtbares, Erscheinung. Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) verstand in seinem Hauptwerk „Phänomenologie des Geistes“ unter Phänomenen die Gesamtheit aller Erscheinungen des Geistes im Bewusstsein und in der Geschichte.

Phänomenologen unterscheiden verschiedene Formen der Erkenntnis und bestreiten, dass die naturwissenschaftliche Betrachtungsweise die einzige Möglichkeit der Erkenntnisgewinnung ist. Eine phänomenologische Analyse arbeitet die Art und Weise heraus, wie wir subjektiv und intersubjektiv die Welt, uns selbst und andere Menschen aus der Ersten-Person-Perspektive erleben, was sich von einer objektivistischen (naturwissenschaftlichen) Betrachtung aus der Dritten-Person-Perspektive radikal unterscheidet.

Beispiel: In der Krebstherapie ist es üblich, Patienten zur imaginativen Unterstützung ihrer medizinischen Behandlung beizubringen, sich vorzustellen, wie die Killerzellen des Immunsystems oder die Zellgifte der Chemotherapie die Krebszellen auf aggressive Weise angreifen und zerstören. Solche Imaginationen gehen von einer objektivistischen, medizinischen Sichtweise aus. Ein Krebspatient selbst erlebt Orientierung auf Gesundwerden anders. Für ihn ist Gesundwerden kein aggressiver Akt, sondern ein Sich-Einstellen auf einen schönen, wohligen, ausgeglichenen Zustand. Die Förderung von Aggressivität stärkt die Abwehrbereitschaft des Körpers nicht, sondern schwächt sie. Zellbiologisch betrachtet erscheinen Immunprozesse wie „Angriffe“ gegen Krebszellen, subjektiv werden sie als Harmonisierung und Wohlbefinden erlebt.

Die Phänomenologie Husserls geht auf die deskriptive Psychologie von Franz Brentano (1838-1917) zurück, der den „intentionalen“ Charakter aller Bewusstseinsakte hervorhob. Damit ist gemeint, das Bewusstsein immer Bewusstsein von etwas ist. Alle Bewusstseinsakte stehen immer in Beziehung auf einen Inhalt, sind gerichtet auf einen (materiellen oder immateriellen, realen oder bloß vorgestellten) Gegenstand. In jeder Vorstellung ist etwas vorgestellt. In jedem Urteil ist etwas anerkannt, in der Liebe geliebt, im Hass gehasst, im Gefühl gefühlt, im Begehren begehrt. Dieser „intentionale“ Charakter ist eigentümlich für psychische Phänomene – kein physikalisches Phänomen zeigt diese Eigenschaft.

Auf dieser Basis konnte Husserl eine Philosophie entwickeln, in der die alte Spaltung zwischen Idealismus und Materialismus neu definiert wurde. Weil subjektive Inhalte auf Objektives gerichtet sind (bzw. sein können) und unsere Auffassung von Wirklichkeit immer eine subjektive Perspektive beinhaltet, sind Subjekt und Objekt (Bewusstsein und materielle Welt) von vornherein verbunden. Dennoch erleben wir die („intendierten“) Dinge der Welt als von uns als Bewusstsein Verschiedenes, also unabhängig von unserem Bewusstsein, also als äußere Welt. Weil wir Wirklichkeit unweigerlich perspektivisch wahrnehmen, bleiben uns stets Aspekte der Wirklichkeit auch verborgenen (Husserl nennt das „Abschattung“).

Husserl betont, dass wir den faktischen Gegebenheiten unweigerlich einen subjektiven Sinn zusprechen und sie unter einer subjektiven (räumlichen, psychologischen, historischen, sozialen usw.) Perspektive betrachten. Wir erleben die Welt, uns selbst, andere Menschen und unsere Beziehungen nicht als objektive, faktische Gegebenheiten, sondern als bedeutungsvoll und somit auch als emotional bewertet. Daher können wir uns auch täuschen, aber auch erkennen, dass wir einer Täuschung erlegen waren.

Beispiel: Ein Patient von mir, ein 37jähriger Immobilienmakler, erhält einen Brief in einem knallroten Umschlag mit mehreren aufgeklebten Herzchen darauf. Seine Frau macht ihm die Hölle heiß, weil sie glaubt, der Mann habe eine Geliebte, die sich in ihrer Ehe hineindrängen wolle. Der Mann öffnet den Brief und zeigt seiner Frau, dass er von seiner Schwester stammt, die ihn in etwas beschwipstem Zustand aus dem Urlaub geschickt hat. Seine Frau wird sich ihrer Täuschung bewusst. Die Bedeutung des Briefes schlägt um, er erhält für die Frau einen anderen Sinn.

Husserl war der Meinung, dass wir, wenn wir vorurteilsfrei unsere Erkenntnisweise von der Welt erfassen wollen, zunächst von allen Vorannahmen, Theorien und Selbstverständlichkeiten absehen müssen, damit „die Sachen selbst“ zum Vorschein kommen, so wie sie sind. Er nannte diese Methode „Epoché“ (ein alter Begriff für „Enthaltung“, „Innehalten“). Das vorläufige „Einklammern“ aller Vorannahmen und Vormeinungen nannte Husserl „eidetische Reduktion„.

In der humanistischen Psychotherapie wird keineswegs die gesamte, sehr differenziert und komplex ausgearbeitete phänomenologische Philosophie inklusive ihrer komplizierten Sprache verarbeitet. Vielmehr findet hier vor allem die grundlegende Idee Berücksichtigung, vorsichtig mit allzu „wissenden“ Deutungen und theoretischen Einordnungen zu sein. Das ist die Grundlage für die Erlebnisorientierung der humanistischen Psychotherapie sowie im weiteren Sinn für ihre Emotionsfokussierung.

Ein humanistischer Psychotherapeut bemüht sich, so weit wie möglich auf unhinterfragte theoretische Vorannahmen zu verzichten und das Erleben des Patienten sowie die Interaktion zwischen dem Patienten und ihm so weit wie möglich als das zu verstehen, was in diesem Moment stattfindet ohne etwas „hineinzuinterpretieren“. Diese Orientierung wurde in der frühen Gestalttherapie mit dem Schlagwort „Ich und du im Hier und Jetzt“ bezeichnet. Es war eine polemische Abgrenzung vor allem gegen den dogmatischen theoretischen Wasserkopf der damaligen Psychoanalyse.

Die Fokussierung auf das unmittelbare Geschehen „in diesem Moment hier zwischen uns“ inklusive einer gewissen Theoriefeindlichkeit wird heute in der humanistischen Psychotherapie so nicht mehr vertreten. Die phänomenologische Orientierung findet sich in der humanistischen Psychotherapie heute vor allem in der engen Bezugnahme auf das unmittelbare Erleben im therapeutischen Prozess und in einer kritischen Distanz gegenüber objektivierenden Zuschreibungen (z.B. Diagnosen, Deutungen) wieder.

Beispiel: In meinen Fortbildungen bitte ich die Teilnehmer manchmal, eine Diagnose nach dem ICD10 über sich selbst zu erstellen. Bei dem Versuch wird deutlich, wie das Einsortieren einer Person in diagnostische Kategorien an dieser Person vorbeigeht. Sich selbst fühlt man mit den ICD-Diagnosen nicht wirklich gemeint, obwohl sie in Bezug auf die Patienten (als aus der Dritten-Person-Perspektive) Sinn zu machen scheinen.

In der humanistischen Psychotherapie untersuchen wir das unmittelbare Erleben des Patienten, wobei der Therapeut auch mit seinem eigenen unmittelbaren Erleben in Kontakt ist. Humanistische Psychotherapie ist ein intersubjektiver Prozess. Was der Patient subjektiv erlebt und was der Therapeut subjektiv erlebt kann nicht voneinander getrennt verstanden werden. Es handelt sich um eine wechselseitige Beziehung, in der das Erleben des Patienten und das Erleben des Therapeuten miteinander auf vielerlei Ebenen interagieren und einander beeinflussen.

Ein humanistischer Psychotherapeut achtet dabei auf systematische Vermeidungen, sowohl beim Patienten als auch bei sich selbst. Durch Vermeidungen wird etwas aus dem Gewahrsein ausgeblendet, und solche Ausblendungen führen zu Nicht-Bewusstheit und tragen zur Aufrechterhaltung von psychischem Leid bei.

Beispiel: Eine 24 -jährige Erzieherin beginnt eine Therapiestunde mit den Worten: „Es ist einiges passiert in der letzten Woche, und ich habe darüber nachgedacht, wie es mir damit geht …“ Sie redet etwa 10 Minuten weiter über „Dinge“ die ihr „passiert“ sind, wie „es“ ihr damit geht und dass sie „darüber“ nachdenkt. Sie sagt aber nicht, was sie nun eigentlich erlebt hat, wie sie sich damit fühlt und was sie dazu denkt. Sie verbleibt auf einer abstrakten Ebene und benennt nicht, worum es geht. Das ist ein Muster von ihr, sie spricht oft so. Ich verstehe ihre Worte, aber ich verstehe sie nicht, ich finde keinen Zugang zu ihrem Erleben. Die Atmosphäre zwischen uns empfinde ich als gleichsam „wolkig“, wie in Watte gepackt, vernebelt, eigentümlich sachlich und emotionsarm. In mir selbst spüre ich eine Mischung aus einer gewissen emotionalen Unbeteiligtheit und einer inneren Unruhe. Ich sage zu der Patientin: „Halte bitte mal einen Moment inne. Du sprichst sehr abstrakt. Kannst du mir sagen, was genau gewesen ist in der Woche, und wie das für dich war?“

In der Phänomenologie wird unterschieden zwischen verschiedenen Perspektiven auf die Wirklichkeit und unterschiedlichen Zugangsweisen.

Beispiel: Wenn ein Statiker die Stabilität des Mauerwerks eines Hauses berechnet, so ist für ihn das Haus ein physikalisches Objekt, das mathematisch beschrieben werden kann und soll. Wenn jemand in diesem Haus eine Wohnung mieten will, so ist er vor allem an der Wohnqualität interessiert, also an Größe, Zuschnitt, Lage, Helligkeit usw. Der Makler wiederum, der dieser Person die Wohnung vermitteln will, sieht die Wohnqualität als Angebot in einem Geschäft, das er zu machen versucht. Derselbe Gegenstand wird unter verschiedenen Perspektiven in unterschiedlichen Qualitäten und mit unterschiedlichen Zugangsweisen unterschiedlich erlebt.

Dabei vertreten Phänomenologie keineswegs die Position, dass Realität durch unsere Wahrnehmung „konstruiert“ sei (wie beispielsweise die Vertreter des radikalen Konstruktivismus). Sie bestreiten nicht die Existenz einer realen Wirklichkeit, sondern sie unterscheiden lediglich unterschiedliche Blickwinkel darauf und Zugangsweisen dazu. Insbesondere wird eine spezielle Perspektive betont und hervorgehoben, die „Erste-Person-Perspektive“, die von der „Dritte-Person-Perspektive“ unterschieden wird.

Beispiel: Eine Frau spricht auf meinen Anrufbeantworter in der Praxis: „Ich wollte fragen, ob Sie Erfahrung mit Hypersensibilität haben.“ Mit diesem Begriff beschreibt sich die Frau selbst von außen wie ein Objekt. Sie versucht, eine bestimmte Erlebensweise mit einem Begriff zusammenzufassen, von dem sie glaubt, dass er mir möglicherweise vertraut ist (oder auch nicht). Sofern ich diesen Begriff als gegeben nehme, sehe ich diese Frau nun auch lediglich als einen Sonderfall der diagnostischen Kategorie „Hypersensibilität“. Ich lade Sie zu einem Vorgespräch ein. Darin beschreibt sie, dass sie häufig intensiv auf Reize reagiert, die den meisten anderen Menschen relativ gleichgültig zu sein scheinen und verdeutlicht das mit einer Reihe von Beispielen. Jetzt teilt sie mir mit, was sie erlebt und wie sie es erlebt. Ich sehe ihre etwas fahrigen Bewegungen, ihren manchmal etwas flackernden Blick, höre, wie ihre Stimme bei bestimmten Themen leicht zittert, spüre, wie ich dazu neige, den Atem ein wenig anzuhalten, leiser als sonst zu sprechen und sehr vorsichtig mit ihr zu sein. Ich erlebe mich aus der Ersten-Person-Perspektive und unseren Kontakt als intersubjektiven Prozess. Dieser wird durch die abstrakte Kategorie „Hypersensibilität“ nur vage und annäherungsweise erfasst.

Der phänomenologische Standpunkt versteht sich als Kritik einer erkenntnistheoretischen Einstellung, die nur das gelten lassen will, was naturwissenschaftlich (physikalisch-mathematisch) erfassbar ist. In der Psychologie ist dies insbesondere der zur Zeit wieder modisch gewordene neurophysiologische „eliminative Materialismus“, der behauptet, dass Bewusstseinsprozesse vollständig auf Hirnphysiologie reduziert und aus dieser verstanden werden könnten (selbst wenn die Hirnforschung diesen Anspruch in keiner Weise erfüllen kann). Aus phänomenologischer Perspektive ist dies ein szientistisches Selbstmissverständnis der Psychologie. Das bedeutet, dass eine Wissenschaft (die Psychologie), die sich mit intersubjektiven Bewusstseinsprozessen beschäftigt (oder zumindest beschäftigen sollte), sich selbst als Naturwissenschaft versteht und damit an ihrem eigentlichen Gegenstand, dem Subjekt und dem Intersubjektiven, vorbei forscht.

Die Phänomenologie betont, dass die Methodik einer Wissenschaft ihrem Gegenstand angepasst sein muss. Eine mathematisch-physikalische Reduktion des Psychischen (z.B. durch statistische Empirie oder durch Hirnscans) führt zu einer kategorialen Verwechslung des Gegenstands der Psychologie, damit zu einem Selbstmissverständnis der Psychologie als Wissenschaft. Psychologische Forschung, die statistische Empirie oder bildgebende Verfahren als „Königswege“ zu den Bewusstseinsprozessen betrachtet, ist blind für ihre eigene Perspektivität. Sie erkennt nicht, dass Hirnphysiologie, Skalierungen und Korrelationen lediglich naturwissenschaftliche Perspektiven auf das Bewusstsein darstellen. In der Konsequenz führen sie zu einer Verdinglichung der Subjektivität, die letztlich in Zahlenwerte (Potentialaktivitäten, Effektstärken, ICD 10-Kategorien, Resultate von Vergleichsstudien usw.) verwandelt wird.

Phänomenologisch betrachtet ist das Bewusstsein irreduzibel. Zwar können neurologische Prozesse untersucht werden, die die biologische Grundlage des Bewusstseins sind, aber das Bewusstsein und die Intersubjektivität kann aus diesen ebenso wenig erklärt werden, wie man den ästhetischen Charakter eines Gemäldes aus dessen chemischer Zusammensetzung erklären kann. Eine naturwissenschaftlich-objektivistische Auffassung des Bewusstseins eliminiert das Subjekt aus der Wissenschaft. Tatsächlich ist jedes Phänomen eine Erscheinung von etwas für jemanden, also bedeutungsvoll und damit emotional bewertet.

Beispiel: Was ist Wasser? Wenn wir diese Frage nur naturwissenschaftlich stellen, dann wären mögliche Antworten z.B.: Wasser ist chemisch betrachtet H2O, es existiert in drei unterschiedlichen Aggregatzuständen, es gefriert bei 0 Grad und kocht bei 100 Grad usw. Dies ist aber nur eine Perspektive von beliebig vielen. Für einen Koch kann Wasser z.B. ein Bestandteil einer Sauce sein. Für einen Wüstenbewohner ist es eine wertvolle Ressource zum Überleben. Für einen Gärtner ist es ein Mittel zur Pflege seiner Pflanzen. Für einen Schwimmer ist es das Medium, in dem er seinen Sport betreibt. Für einen Phänomenologen sind all diese Perspektiven gleichberechtigt, und die naturwissenschaftliche Perspektive ist nur eine unter beliebig vielen und den anderen weder überlegen noch vorzuziehen.

Phänomenologie untersucht insbesondere die Art, wie die Lebenswelt (das heißt unser alltägliches Leben) subjektiv (also für uns, für mich) erscheint und intersubjektiv (im Kontakt, im Gespräch, in der sozialen Interaktion) erlebt und ausgearbeitet wird. Ausgangspunkt ist dabei das unmittelbare Erleben, also die Erfahrung, die vor jeder sprachlichen oder wissenschaftlichen Erfassung liegt, das primäre Erleben.

Beispiel: Eine Patientin berichtet von einem Konflikt mit ihrem Freund am Abend zuvor: „Er hört mir einfach nicht zu, er sieht immer nur sich …“ Eine ganze Weile lang beschreibt sie, was ihr Freund gesagt hat, wie er sich dabei verhalten hat und was sie glaubt, warum er sich so verhält: „Er ist einfach ein totaler Egoist …“. Sie ist zu diesem Zeitpunkt weder mit ihrem eigenen unmittelbaren Erleben in Kontakt noch in empathischem Kontakt mit ihrem Freund. Sie beschreibt ihren Freund anklagend durch subjektiven Bewertungen (in diesem Fall Abwertungen), die sie zunächst für unzweifelhafte Wirklichkeit hält. Ich bitte sie, die Augen zu schließen, sich ihren Freund vorzustellen, in ihr Inneres hineinzuspüren, und zu erkunden, wie sie sich im Kontakt mit ihrem Freund fühlt. Sie ist zuerst sehr ärgerlich und spürt dann starke Traurigkeit. Nachdem wir das ausführlich erkundet haben, lade ich sie ein, sich versuchsweise in ihren Freund hineinzuversetzen. „In ihm“ spürt sie eine Angst, sich in der Beziehung zu verlieren und einen Wunsch, seine eigene Identität zu behaupten.

Wie schon Husserl, insbesondere aber Merleau-Ponty herausgearbeitet haben, ist der Mensch als Subjekt immer „inkarniert“, also Leib und nur als leibliches Wesen existent und verstehbar. Der Begriff „Leib“ wird in der Phänomenologie abgegrenzt von dem Begriff „Körper“. Unter „Körper“ versteht man die Dritte-Person-Perspektive auf unsere Leiblichkeit. Unter „Leib“ versteht man Körperlichkeit aus der Ersten-Person-Perspektive betrachtet.

Beispiel: Wenn ich mir die Fingernägel schneide, dann betrachte ich diese als Objekte, mit denen ich auf mechanische Weise umgehe, indem ich sie kürze bzw. abschneide. Wenn ich mir dabei in den Finger schneide, spüre ich den Schmerz als Leib.

Der Leib ist der Körper-der-ich-bin. Der Körper ist der Leib-als-Ding. Mein Leib ist für mich kein Ding unter Dingen, sondern, anders als alle anderen „Dinge“ der Welt, mir auf einmalige Weise gegeben. Auch wenn wir bestimmte Teile unseres Leibes (die Fingernägel, Gliedmaßen, bestimmte Organe) verlieren können, so sind wir doch niemals ohne Leib. Wir sind „inkarnierte“ also stets leibliche Subjekte.

Beispiel: Wenn ich mit der Hand mein Knie berühre, dann spüre ich das Knie mit der Hand, aber auch die Hand mit dem Knie. Ich nehme gleichzeitig mein Knie als Objekt aber auch meine Hand mit dem Knie als Subjekt war. Wenn ich einen Kugelschreiber in die Hand nehme, bleibt dieser immer Objekt. Ergreife ich die Hand einer anderen Person, spüre ich diese Person als Leib, und sie spürt zugleich mich-als-Leib mit sich-als-Leib. In ihrem Spüren werde ich als Leib-Subjekt gespürt. In meinem Spüren spüre ich sie als Leib-Subjekt. Prozesse dieser Art sind weder als Kontakt zwischen Objekten noch als Subjekt-Objekt-Prozesse, sondern nur als leibliche Intersubjektivität verstehbar.

Gleichzeitig geschieht Erleben immer auf Basis gesellschaftlicher, historischer und sozial-kultureller Tradition.

Beispiel: Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich nicht einfach (geometrisch) eine graue Fläche mit dunklen Rechtecken darin, sondern ich sehe eine Hauswand. Ich sehe nicht sich langsam bewegende Objekte in verschiedenen Grünschattierungen, ich sehe die Zweige eines Baumes, die sich im Wind wiegen. In meiner Wahrnehmung sind die Kategorien „Haus“ und „Baum“ bereits gegeben. Ich erlebe die Wirklichkeit als bedeutungshaft strukturiert und sprachlich kategorisiert.

Das Erleben anderer Subjekte und der Prozesse zwischen Subjekten ist eine spezielle Form des Erlebens. Intersubjektivität wird ermöglicht durch Interaktion, also durch Dialog, Gespräch, Empathie, Austausch und Debatte. Wie insbesondere Carl Rogers ausgearbeitet hat, ermöglicht es die Empathie, Fremdes als nachvollziehbar und verstehbar zu erfahren, wobei, wie Emmanuel Lévinas hervorhob, das Erleben des anderen dennoch prinzipiell fremd bleibt. Die andere Person kann sich verständlich machen und verstanden werden, bleibt aber letztlich unbegreiflich fremd. Intersubjektivität ist eine Dialektik zwischen Verstehen und Unverstehbarkeit.

Dass ich im Kontakt zu einem anderen Subjekt dieser anderen Person als Objekt erscheinen kann, macht mir die andere Person überhaupt erst als Subjekt deutlich. Wie Jean-Paul Sartre herausgearbeitet hat, erscheine ich einem Schrank niemals als Objekt. Der Schrank ist und bleibt Objekt für mich, er nimmt mich nicht wahr. Eine andere Person sieht, hört, spürt, fühlt mich, während ich sie wahrnehme, sie kann mich als Objekt betrachten.

Wenn ich die andere Person als Objekt sehe (oder sie mich), dann ist sie (oder ich) der Würde beraubt. Würde bedeutet, die andere Person als Subjekt zu sehen und zu behandeln und von ihr als Subjekt behandelt zu werden. Einen Menschen als Objekt zu betrachten oder ihn als solchen zu behandeln, behandelt ihn würdelos. Den anderen als Subjekt anzuerkennen ist der Kern der humanistischen Haltung zum Menschen, sowohl in der Psychotherapie als auch in der (von Humanisten verfassten) Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen.

Werner Eberwein

0 Antworten
  1. Laura
    Laura says:

    Spannender Beitrag!! 🙂

    Ich habe nur eine Anmerkung zu dem Beispiel mit dem Wasser.
    Ich habe dabei folgende Überlegung:
    Wenn ich frage: „Was ist Wasser?“ Dann suche ich nach einer Definition (Definitionen sind allgemein gültig), also nach Eigenschaften. Das wird durch das Verb „ist“ deutlich. Deshalb ist auf die Frage ausschließlich mit der Formulierung: „Wasser ist …“ zu antworten. In dieser Antwort gibt nicht so etwas wie „…für mich“ Wenn man auf die Frage doch so antworten würde, wäre es keine Antwort auf DIESE Frage.
    Man könnte also auf die Frage antworten: „Wasser ist eine Flüssigkeit.“ Dies ist für alle gültig.
    Wenn ich aber sage: „Wasser ist ein Pflegemittel für Gärtner“, dann ist das nicht für alle gültig, aber auch für den Gärtner gilt, dass Wasser eine Flüssigkeit ist.
    Die Aussage der Naturwissenschaft, dass Wasser aus H2O besteht, ist also eine Definition die für uns alle gilt. Alles, was darüber hinaus beschrieben wird, kann von jedem Menschen unterschiedlich sein. Und vor allem ist dies eine Beschreibung ohne Funktion. Es beschreibt eben den „IST-Zustand“ (wonach die Frage ist) also die Eigenschaften des Wassers. Wogegen die Aussage: „Wasser ist ein Bestandteil einer Soße“ keine Eigenschaften beschreibt, sondern eine Verwendung. Wenn ich nur sagen würde: „Wasser ist ein Bestandteil“ oder „Wasser ist ein Pflegemittel“ kann das zwar auch richtig sein, aber ohne Bezug wäre dies eine Behauptung, die Allgemeingültigkeit verlangt (wieder durch das Wort „ist“) aber ohne Begründung nicht haben kann.
    Ich denke, man muss dabei zwischen Beobachtungen und emotionaler Beurteilung unterscheiden.
    „Wasser ist eine Flüssigkeit mit so und so vielen Atomen“ ist eine Beobachtung.
    „Wasser ist eine wichtige Ressource“ ist eine emotionale Bewertung, die selbstverständlich von jedem anders aufgefasst werden kann!!

    Viele Grüße

    Antworten
    • Werner Eberwein
      Werner Eberwein says:

      Knifflig.
      Eine Definition müsste ja das, was etwas ist, abgrenzen gegen das, was es nicht ist. „Wasser ist eine Flüssigkeit“ wäre zwar allgemeingültig aber keine Definition, weil der Satz Wasser nicht abgrenzt zum Beispiel gegen Erdöl oder Quecksilber. „Wasser ist H2O“ grenzt tatsächlich Wasser ab gegen alles was nicht Wasser ist und kann daher als eine (chemische) Definition gelten. Aber wird damit auch ausgedrückt was Wasser „ist“? Wenn diese Definition allgemein gültig wäre, müsste sie allgemein, also immer und für jeden gelten. Aber gilt sie auch für ein Vorschulkind im Planschbecken? Gilt sie für einen Verdurstenden? Oder für einen Ertrinkenden?
      Insbesondere in der Psychotherapie geht es ja in aller Regel nicht um allgemeingültige Definitionen (die es da meistens nicht gibt), sondern um subjektives und intersubjektives Erleben. Wenn bspw. ein Homosexueller Probleme mit seinem Coming-Out hat, wer könnte dann objektiv definieren, ob er krank oder gar kriminell ist? Kann er sich dabei auf das Urteil seiner Mitmenschen verlassen? Dann wäre er in manchen Bundesstaaten der USA krank und in manchen arabischen Staaten kriminell (bei uns bis in die 1960er Jahre gleich beides). Wenn zwei Menschen sich streiten, und jeder beschuldigt den anderen, uneinsichtig und an dem Streit schuld zu sein, dann gibt es nur zwei Perspektiven, aber keine Wahrheit, keine Perspektive außerhalb (eine dritte Person hätte lediglich eine dritte Perspektive). Im Anwendungsbereich der Psychotherapie ist Wahrgenommenes und Erlebtes unweigerlich emotional bewertet.
      Man könnte darüber diskutieren, ob das in der Naturwissenschaft (entgegen ihrem Selbstbild) nicht ähnlich ist, beispielsweise wenn es um so etwas wie Gentechnik, Atomkraft, Datenschutz oder ein neuen Medikament geht.
      Also knifflig. Gibt es eine objektive Wahrheit ohne subjektive Perspektive? Gibt es „reine Fakten“ ohne Bedeutung-Für-Mich? Hat „für mich“ nicht alles Bedeutung und ist daher mit Gefühlen verbunden?
      Knifflig.
      Herzliche Grüße
      Werner ;))

      Antworten
      • Werner Eberwein
        Werner Eberwein says:

        … Eignet sich Phänomenologie als allgemeine Erkenntnistheorie oder lediglich als begrifflicher Rahmen zur Beschreibung der Spezifik von subjektiven und intersubjektiven Prozessen, also als philosophische Basis einer Erlebens-orientierten (der humanistischen) Psychotherapie?
        Werner ;))

        Antworten
  2. Friedhelm Matthies
    Friedhelm Matthies says:

    Lieber Werner Eberwein,
    danke für Deine hervorragende Zusammenfassung und Beschreibung der Bedeutung der Phänomenologie. Leider geht Deine Darstellung über Merleau-Ponty nicht hinaus. Die bedeutende Weiterentwicklung der Phänomenologie zur Neuen Phänomenologie von Hermann Schmitz ist in deiner Darstellung nicht eingeflossen. Schmitz hat die Neue Phänomenologie seit 1964 in fast 60 Büchern entwickelt und dargestellt. Sie wird in Psychotherapie, Psychiatrie, Psychosomatik, Beratung, Pädagogik und Soziologie diskutiert und praktisch angewendet.
    Schmitz hat große Bereich der Wirklichkeit phänomenologisch neu erschlossen. Dazu gehören, Leib, Gefühle, Atmosphären und eine neue phänomenologische Beschreibung von subjektiven Störungen und Psychopathologie. Besonders beindruckend ist seine praxisnahe, phänomenologische Beschreibung des Leibes. H. Petzold bezeichnet Schmitz als den wohl größten Leibphilosoph der Philosophiegeschichte.
    Schmitz kritisiert u.a. die Intentionalität, weil sie die Vorstellung betrifft, dass intentionale Akte aus dem Bewusstsein eines „Bewussthabers“ sich auf einzelne, wenn intentionale Objekte richtet. Schmitz ersetzt Intentionalität durch
    1. eine präpersonale Ebene der antagonistische Einleibung mittels leiblicher Kommunikation und
    2. einer personalen Ebene, wo aus Situationen Bedeutungen mit „satzförmiger Rede“ expliziert werden können, um sie dann zu Konstellationen zu kombinieren und in die persönliche Welt einzuordnen.
    Ein Bewusstsein, aus dem intentionalen Akte auf Objekte gerichtet würden, hält Schmitz für eine Fiktion. Schmitz genügt ein (präpersonaler oder personaler) Bewussthaber, dem etwas widerfährt und dazu Stellung nimmt.
    Auf eines Deiner Beispiele bezogen:
    „Beispiel: Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich nicht einfach (geometrisch) eine graue Fläche mit dunklen Rechtecken darin, sondern ich sehe eine Hauswand. Ich sehe nicht sich langsam bewegende Objekte in verschiedenen Grünschattierungen, ich sehe die Zweige eines Baumes, die sich im Wind wiegen. In meiner Wahrnehmung sind die Kategorien “Haus” und “Baum” bereits gegeben. Ich erlebe die Wirklichkeit als bedeutungshaft strukturiert und sprachlich kategorisiert. – See more at: http://www.werners-blog.de/2015/05/was-ist-phaenomenologie/#sthash.8yd58N0u.dpuf
    Wenn ich aus dem Fenster schaue, befinde ich mich in einer Situation, in der zunächst ein präpersonale Einleibung erfolgt, die leibliche Regungen/Gefühle durch leibliche Kommunikation hervorruft.
    Das setzt voraus, dass ich mir diese leiblichen Regungen/Gefühle zuschreiben kann.
    Die durch leibliche Kommunikation entstandenen leiblichen Regungen erfordern eine bewusste Explikation/Abstandnahme/Stellungnahme durch einen „Bewussthaber“.
    Vorerfahrungen ermöglichen es, die Zweige als Zweige und das Haus als Haus zu erkennen.
    Die Wirklichkeit erlebe ich durch subjektive Tatsachen, die ich am eigenen Leibe durch leiblcihe Regungen/Gefühle erlebe. Diese gilt es sprachlich zu kategorisieren und ihnen Bedeutung beizumessen.
    Wenn Du mehr darüber lesen möchtest, empfehle ich Dir:
    1. Hermann Schmitz, Was ist Neue Phänomenologie?, Koch Verlag, Rostock 2003
    2. Friedhelm Matthies, Leibliche Kommunikation-Grundlage des wechselseitigen Verstehens in Gestalttherapie 2/2013, S.77-95 in Gestalttherapie, DVG Berlin
    3. Für Leibtherapeuten: Hermann Schmitz. Der Leib, Gruyter Verlag Berlin/Boston 2011
    4 .und die Internetseite der Neuen Phänomenologie:: http://www.gnp-online.de
    Friedhelm Matthies, Gestalttherapeut, DVG, EAP und Mitglied in AGHPT

    Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.