Was ist Gewaltfreie Kommunikation?

Gewaltfreie Kommunikation ist ein von Marshall Rosenberg entwickeltes Konzept zur De-Eskalation von Konflikten und zur Herstellung oder Wiederherstellung eines empathischen, liebevollen Kontakts zwischen im Konflikt befindlichen Personen oder Gruppen. Nach Rosenberg geht es in der Gewaltfreien Kommunikation nicht darum, den anderen dazu zu bringen, zu tun, was man selbst will. Ziel ist es vielmehr, die Anliegen aller beteiligten Parteien zu erkunden, zu berücksichtigen, wertzuschätzen und zu erfüllen.

Die Entscheidung zur Gewaltfreiheit

Um aus einer Eskalationsspirale herauszufinden, ist zunächst eine Grundsatzentscheidung erforderlich, nämlich, sich an der Gewaltfreiheit als ethischem Prinzip auch im Angesicht von Gewalt zu orientieren, also Frieden und empathische Verbindung mit aller Kraft zu wollen, auch mit einem Menschen, der sich in diesem Moment vielleicht gewaltsam verhält. Das setzt voraus, den Anderen nicht als zu überwältigenden oder zu meidenden Feind (als Feinbild) zu betrachten, sondern als Menschen, als Person. Wenn man sich dem ethischen Prinzip der Gewaltfreiheit verpflichtet, so resultiert daraus radikale Eigenverantwortung nicht nur für das eigene Verhalten, sondern, so Rosenberg, auch für die eigenen Gefühle. Nach Rosenberg sind Gefühle, also emotionale Bewertungen, durch Einstellungen geprägt. Wer Gewalt ausgesetzt sei, müsse nicht gewalttätig antworten. Er könne lernen, seine Bedürfnisse konsequent auf gewaltfreie Weise zu vertreten, was kein leichter Weg sei, aber die Wahrscheinlichkeit erheblich erhöhe, dass sowohl die eigenen Bedürfnisse, als auch die des Anderen befriedigt würden.

Die vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation

  1. Konkreter Auslöser
    Die erste Aufgabe des Klienten ist es, den konkreten Auslöser zu identifizieren, auf den er verärgert, zurückgezogen oder verwirrt reagiert hat, und diesen Auslöser dem anderen konkret und ohne Interpretation mitzuteilen. Zuerst soll der Klient also diejenigen Worte oder Handlungen (oder fehlenden Worte/Handlungen) der anderen Person sachlich beschreibend benennen, die seinen Ärger, seine Verletztheit oder Verwirrtheit ausgelöst haben. Dabei soll er das Verhalten der anderen Person weder interpretieren noch bewerten und auch nicht verallgemeinern, sondern konkrete Beobachtungen benennen, die auch eine Videokamera aufzeichnen könnte.
  2. Ich-Gefühle
    Im zweiten Schritt der Gewaltfreien Kommunikation wird der Klient aufgefordert, in Form von Ich-Botschaften die Gefühle zu benennen, die durch das im ersten Schritt beschriebene Verhalten der anderen Person ausgelöst wurden. Der Klient wird angeleitet, tiefer in sich hineinzuspüren, um die Gefühle wahrzunehmen, die unter seiner Wut, seinem Rückzug oder seiner Verwirrung verborgen sind. So kommt der Klient beispielsweise mit Empfindungen von Frustration, Traurigkeit, Schmerz, Einsamkeit oder Verzweiflung in Kontakt, die durch Wut und Rückzug überdeckt waren. Diese Gefühle teilt der Klient der anderen Person in Form einer Ich-Aussage mit.
  3. Grundbedürfnisse
    Als dritter Schritt wird der Klient eingeladen, diejenigen seiner Grundbedürfnisse zu benennen, die frustriert wurden, was seinen derzeitigen, leidvollen Zustand bewirkt hat. Wenn der Klient wirklich ein Grundbedürfnis mitteilt, dann spürt die andere Person unmittelbar, dass sie dieses Bedürfnis im Grunde auch hat. Dies führt potentiell zu einer solidarischen Verbundenheit zwischen beiden in dem Gefühl, dass eigentlich beide dasselbe wollen und, was ihre Grundbedürfnisse betrifft, keine wirklichen Interessendifferenzen haben. Grundbedürfnisse im Sinne der gewaltfreien Kommunikation wären zum Beispiel das Bedürfnis nach Harmonie, nach Austausch, nach Liebe, nach Erholung oder nach Verbundenheit.
  4. Konkrete Bitte
    Der vierte Schritt in der Gewaltfreien Kommunikation besteht darin, dass der Klient an die andere Person eine konkrete Bitte richtet, die geeignet ist, seine Grundbedürfnisse zu befriedigen. Die Bitte bezieht sich stets auf ein konkretes Verhalten der anderen Person. Dem anderen wird mitgeteilt, was er tun kann, um die Frustration des Klienten zu beenden. Die Bitte sollte verhaltensbezogen und im Hier und Jetzt formuliert sein, um dem Anderen die Möglichkeit zu geben, die Bitte zu verstehen und – wenn er das möchte – zu erfüllen. Die Bitte, die am ehesten geeignet ist, aus dem Konflikt herauszuführen, ist nach Rosenberg eine Bitte um Feedback. Sie kann in der einfachsten Form die Bitte an den anderen sein, zu wiederholen, was er gerade gehört hat.

Gewaltfreie Kommunikation als Einstellung

Die vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation sind nicht als schematische Vorgaben zu verstehen, die stets rituell in genau vier aufeinander folgenden und genau so zu formulierenden Sätzen abgehandelt werden müssen. Vielmehr handelt es sich um eine konfliktpräventive und de-eskalierende Kommunikationsweise auf der Basis einer gewaltfreien, Humanistischen Einstellung, wobei jeder einzelne Schritt für sich bereits ein Weg heraus aus dem Konflikt und hin zu einer solidarischen Verbundenheit sein kann. Ein Psychotherapeut kann das Vier-Schritte-Modell auch diagnotisch benutzen, um festzustellen, an welcher Stelle die Konfliktparteien hängen bleiben, um einen Ausweg aus einem Kreislauf aus Gewalt, Verwirrung und Rückzug aufzuzeigen.

Wenn Sie mehr darüber erfahren wollen, können Sie mein Buch „Humanistische Psychotherapie“ oder die Bücher von Marshall Rosenberg oder von Klaus-Dieter Gens zum Thema lesen.

Werner Eberwein