Was ist Gewaltfreie Kommunikation?

Gewaltfreie Kommunikation ist ein von Marshall Rosenberg entwickeltes Konzept zur De-Eskalation von Konflikten und zur Herstellung oder Wiederherstellung eines empathischen, liebevollen Kontakts zwischen im Konflikt befindlichen Personen oder Gruppen. Nach Rosenberg geht es in der Gewaltfreien Kommunikation nicht darum, den anderen dazu zu bringen, zu tun, was man selbst will. Ziel ist es vielmehr, die Anliegen aller beteiligten Parteien zu erkunden, zu berücksichtigen, wertzuschätzen und zu erfüllen.

 

Persönliche Vorbemerkung: Niemand kann ein „Meister“ in Gewaltfreier Kommunikation sein. Ich bin kein Meister und auch Marshall Rosenberg war kein Meister (wenn er z.B. ein „Wolfsgeheul“ gemacht hat in den Demo-Sitzungen, dann war das eigentlich eine Abwertung von dem was die Teilnehmer erzählt haben.) Man kann das nur lernen und immer wieder neu lernen (im Sinne von „Anfängergeist“).

 

Die Entscheidung zur Gewaltfreiheit

Gewaltfreie Kommunikation ist, kurz gesagt, keine Technik, sondern eine Haltung. Sie besteht aus Empathie und Selbstempathie auf Basis von Mitgefühl. Empathie (Einfühlung) ist das respektvolle Annehmen der Erfahrungen anderer Menschen.

Gewalt ist ein tragischer Ausdruck unerfüllter Bedürfnisse.

Das Bedürfnis, friedlich zusammen zu leben entspricht der Natur eines jeden Menschen.

Um aus einer Eskalationsspirale herauszufinden, ist zunächst eine Grundsatzentscheidung erforderlich, nämlich, sich an der Gewaltfreiheit als ethischem Prinzip auch im Angesicht von Gewalt zu orientieren, also Frieden und empathische Verbindung mit aller Kraft zu wollen, auch mit einem Menschen, der sich in diesem Moment vielleicht gewaltsam verhält.

Das setzt voraus, den Anderen nicht als zu überwältigenden oder zu meidenden Feind (als Feindbild) zu betrachten, sondern als Menschen, als Person. Wenn man sich dem ethischen Prinzip der Gewaltfreiheit verpflichtet, so resultiert daraus radikale Eigenverantwortung nicht nur für das eigene Verhalten, sondern, so Rosenberg, auch für die eigenen Gefühle. Nach Rosenberg sind Gefühle, also emotionale Bewertungen, durch Einstellungen geprägt.

Wer Gewalt ausgesetzt sei, müsse nicht gewalttätig antworten.

Er könne lernen, seine Bedürfnisse konsequent auf gewaltfreie Weise zu vertreten, was kein leichter Weg sei, aber die Wahrscheinlichkeit erheblich erhöhe, dass sowohl die eigenen Bedürfnisse, als auch die des Anderen, befriedigt würden.

Wenn Menschen sich gewalttätig verhalten, ist, wenn sie am meisten Empathie brauchen.

Empathie (oder Einfühlung) ist das teilnehmende, wertfreie Beobachten und Nachvollziehen der Gefühle einen anderen Menschen. Empathie ist etwas anderes als Mitleid: Erst durch die Tatsache, dass es um die Gefühle eines anderen geht, wird echte Empathie erst möglich. Empathie führt zum Nachlassen der Anspannung in beiden und ermöglicht beiden tieferes Fühlen ihrer selbst. Der andere erscheint nicht mehr als „Monster“, sondern als menschliches Wesen, mit (frustrierten) Bedürfnissen.

Die Tonlage ist entscheidend: „Verstehe ich dich … wirklich?“ Die ethische Herausforderung ist, im eigenen Leid, das Leid des anderen zu erfassen. Es ist ein ewiger Kreislauf: Kränkung <=> Wut <=> Rückzug <=> Kränkung <=> usw. Was immer wir tun, kommt aus der Bereitschaft, einen Beitrag zum Wohlgefühl, zur Zufriedenheit und Glück der anderen Person zu leisten, aus der Freude heraus unser eigenes Leben und das Leben der anderen Person zu bereichern.

Dass die Interessen differieren (unlösbare Konflikte), was zum Kampf führt, sind nur Schein. In Wirklichkeit sind das alte Filme mit verschränkten Eltern-Übertragungen (sage ich, Rosenberg sieht das nicht): „Was du nicht verstehst, kommt aus der Kindheit!“ Das Ziel ist emotionalen Austausch und eine liebevolle Verbindung zu schaffen.

Mit Gewaltfreier Kommunikation kann sehr man viel Zeit sparen,
weil das die Alternative ist für endlose Konfliktgespräche.

 

Die vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation

  1. Zuerst hält die Person inne und konzentriert sich auf sich selbst: Er gibt sich selbst Empathie. Dann identifiziert er den konkreten Auslöser, der zu dem Konflikt geführt hat. Dann beobachtet er das „Wolfstheater“ in seinem Kopf.
  2. Dann fragt er sich „Was fühle ich?“.
  3. Dann fragt er sich „Welches meiner Bedürfnisse wurde nicht erfüllt?“.
  4. Dann gibt er der anderen Person Empathie für ihre Gefühle und Bedürfnisse in Frageform:
    „Bist du <… Gefühl …> weil du <… Bedürfnis …> brauchst?,“ z.B.:
    „Bist du frustriert und traurig, weil du Liebe und Verständnis brauchst?“ oder
    „Bist du enttäuscht und einsam, weil du Sicherheit und Harmonie brauchst?“

Wenn der andere Mensch schweigt, dann stimmt man sich ein auf sein Schweigen und versucht, die Gefühle und Bedürfnisse dahinter zu erfassen.

  1. Konkreten Auslöser beobachten
    Die erste Aufgabe ist es, den konkreten Auslöser zu identifizieren, auf den sie oder er verärgert, zurückgezogen oder verwirrt reagiert hat, und diesen Auslöser dem anderen faktisch und konkret und ohne Interpretation zu benennen.
    Das kann man, indem man sich auf das beschränkt, was mit den (sensorischen) Sinnen erfasst werden kann. Zuerst beschreibt man also diejenigen Worte oder Handlungen (oder fehlenden Worte/Handlungen) der anderen Person sachlich (!), die ihren oder seinen Ärger, seine Verletztheit oder Verwirrtheit ausgelöst haben. Dabei bewertet, interpretiert oder verallgemeinert das Verhalten der anderen Person nicht, sondern benennt konkrete Beobachtungen, die auch eine Videokamera aufzeichnen könnte.
    Einzelheiten in der Beobachtung sind besser als Verallgemeinerungen weil sie die Voraussetzung darstellen dass der andere auf eine Weise sich verhält, die den eigenen Bedürfnissen nachkommen
  2. Ich-Gefühle
    Im zweiten Schritt der Gewaltfreien Kommunikation benennt man in Form von Ich-Botschaften (statt Anklagen oder Projizieren) die Gefühle, die durch das im ersten Schritt beschriebene Verhalten der anderen Person ausgelöst wurden.
    Man spürt tiefer in sich hinein, um die unangenehmen Gefühle wahrzunehmen, die unter ihrer oder seiner Wut, ihrem oder seinem Rückzug oder ihrem oder seiner Verwirrung verborgen sind (z.B. von Besorgtsein, Ängstlichsein, Frustration, Traurigkeit, Schmerz, Einsamkeit oder Verzweiflung). Diese unangenehmen Gefühle teilt die Person der anderen Person in Form einer Ich-Aussage mit. Wenn das angenehme Gefühle sind (z.B. von Glück, Fröhlichkeit, Begeisterung, Hingerissensein usw.) dann signalisiert das: „Alles in Ordnung, die Welt ist gerade so, wie ich sie mir wünsche.“
    Die Handlungen anderer können ein Auslöser für die eigenen Gefühle sein, aber nicht deren Ursache. Ursache von Ärger, Wut und Rückzug oder Gewalt ist das Anspruchs-/Schuld-Denken (die Verurteilung anderer).
    Wut heißt: Der andere ist schuld ein meinem Leid und hat Strafe verdient.
    Ist man selbst ärgerlich oder verletzt, ist das eine gute Gelegenheit zur Selbstempathie. Wenn man wütend ist, dann fragt man sich selbst: „Ich bin wütend, weil ich … brauche.“
    Wenn man ärgerlich oder wütend ist oder sich zurückzieht, dann zeigt das, dass sie oder er mit ihren oder seinen Bedürfnissen nicht in Kontakt ist, und dass sie oder er stattdessen denkt, was verkehrt an der anderen Person ist.
    Wenn man ärgerlich oder wütend ist oder sich zurückzieht dann heißt das, dass sie oder er im Geist mit einem „sollte“ oder „zu“ (zu laut, zu leise, zu penetrant, zu zurückhaltend, zu aggressiv usw.) beschäftigt ist. Rosenberg sagt: „Wenn ein Ärger in unserem Herzen ist, dann ist ein ’sollte‘ oder ein ‚zu‘ in unserem Kopf – oder eine tausendfache Variation des ’sollte‘ oder ‚zu‘.“ Wenn ich Ärger oder Wut, Depression, Schuld oder Scham fühle, dann ist es notwendig, dass ich mich mit meinen Grundbedürfnissen verbinde und nicht beurteile, was mit der anderen Person nicht stimmt.
    Wenn ich ärgerlich oder wütend bin oder mich zurückziehe, dann heißt das eigentlich, dass ich mir – im stillen – Verständnis von der anderen Person erhoffe – aber nicht erwarte. Ärger, Wut oder Rückzug zielt nicht eigentlich auf eine Verhaltensänderung der anderen Person (selbst wenn es so scheint), sondern auf ein Verstandenwerden: Der andere soll mein Leid/meine Gefühle wirklich hören.
    Bei Formulierungen wie „es kränkt mich, wenn …“ oder „ich bin verletzt durch …“ klingt ein Vorwurf mit, denn die Verantwortung für die eigenen Gefühle (durch Einstellungen!) wird zurückgewiesen.Sind sie selbst ärgerlich oder verletzt, ist das eine gute Gelegenheit zur Selbstempathie.
  3. Grundbedürfnisse
    Dann benennt man diejenigen ihrer oder seiner Grundbedürfnisse, die frustriert wurden, was ihren oder seinen derzeitigen, leidvollen Zustand bewirkt hat.
    Wenn der Klient wirklich ein Grundbedürfnis mitteilt, dann spürt die andere Person unmittelbar, dass sie oder er dieses Bedürfnis im Grunde auch hat. Dies führt potentiell zu einer solidarischen Verbundenheit zwischen beiden in dem Gefühl, dass eigentlich beide dasselbe wollen und, was ihre Grundbedürfnisse betrifft, keine Interessendifferenzen haben. Wenn Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden, dann führt das zu Frustration.
    Häufig benennen wir Normierungen („… das sollte doch selbstverständlich so sein …“) anstelle von Grundbedürfnissen.
    Häufig benennen wir Strategien anstelle von Grundbedürfnissen. Grundbedürfnisse sind abstrakt, universell, wertfrei und positiv formuliert (z.B. nach Harmonie, Austausch, Liebe, Erholung, Verbundenheit, Verständnis, Akzeptanz, Selbstbestimmung, Sicherheit, Nähe, Verlässlichkeit, Freiheit, Bewegung, Inspiration, Leichtigkeit, Kontakt usw.). Alle Menschen kennen alle Grundbedürfnisse, unabhängig von Geschlecht, Kultur, Status, Alter oder Religion. Sie können über viele unterschiedliche Strategien erfüllt werden (z.B. Arbeiten, Kommunizieren, Sport treiben, uns politisch Engagieren, Streicheln, ins Kino gehen, schlafen, Sex haben, Streiten usw.). Konflikte entstehen, wenn Menschen an bestimmten Strategien festhalten und nicht Grundbedürfnisse benennen.
    Oft unterscheiden wir nicht Grundbedürfnisse von Bitten. Wir sagen z.B.: „Ich habe das Bedürfnis, dass du mich verstehst.“ Das ist kein Grundbedürfnis, sondern eine Bitte, die gerichtet ist an eine Person. Ein Grundbedürfnis ist nicht gerichtet an eine Person (das wäre in diesem Fall: „Ich habe ein Bedürfnis nach Verständnis“).
    Ungeliebt, gemaßregelt, unverstanden, beschämt usw. – das sind eigentlich Verben die den anderen betreffen („projektive“ Verben: „X liebt mich nicht“ usw.) und nicht einen selbst. Wenn das um Gefühle geht, dann wäre der angemessene Ausdruck etwa „traurig“ oder „betroffen“.
    Das Bedürfnis, „Recht zu haben“, ist ein Dominanzverhalten, was nicht zum Glück in Beziehungen beiträgt.
    Wenn der eine Partner die Bedürfnisse des anderen Partners nicht erfüllen will, dann kann sich dieser Partner eine andere Person aussuchen, die seine Bedürfnisse befriedigt.
    Geben ist auch ein Bedürfnis.
  4. Konkrete Bitte
    Der vierte Schritt in der Gewaltfreien Kommunikation besteht darin, dass man an die andere Person eine konkrete Bitte richtet, die geeignet ist, ihre oder seine Grundbedürfnisse zu befriedigen, also zu der gemeinsamen Lebensqualität beizutragen.
    Die Bitte zielt auf „mitfühlendes Geben“. Die Bitte ist nicht negativ formuliert. Sie bezieht sich stets auf ein konkretes Verhalten der anderen Person: Dem anderen wird mitgeteilt, was er tun kann, um die Frustration des Klienten zu beenden. Die Bitte sollte im Hier und Jetzt formuliert sein, um dem anderen die Möglichkeit zu geben, die Bitte zu verstehen und – wenn er das möchte – zu erfüllen.
    Die Bitte, die am ehesten geeignet ist, aus dem Konflikt herauszuführen, ist nach Rosenberg eine Bitte um Feedback. Sie kann in der einfachsten Form die Bitte an den anderen sein, zu wiederholen, was er gerade gehört hat: „Kannst du mir sagen – aber du musst das nicht sagen! – was ich gerade gesagt habe/was du gerade gehört hast?“
    Oft erwarten wir, dass die andere Person ihre oder seine Bitte erfüllen muss oder sollte. Das übt einen gewaltigen Druck auf die andere Person aus: Sie oder er hört eine Forderung, statt eine Bitte. Das hat meistens zur Folge, dass er oder sie die Bitte nicht erfüllt. Ein Nein des anderen kann akzeptiert werden, ohne es als Zurückweisung zu empfinden. Die Bitte wird ausgesprochen unabhängig davon ob der andere sie erfüllt. Das erhöht wesentlich die Wahrscheinlichkeit, dass der andere sie erfüllten wird.
    Oft, wenn wir eine Bitte formulieren, dann hört die andere Person eine Forderung eine Kritik oder ein „sollte“ oder „zu“ und verweigert die Bitte dann („Du willst immer nur …“). Dann ist eine aussichtsreiche Erwiderung: „Danke, dass du mir mitteilst was du gehört hast. Ich kann sehen, dass ich mich nicht verständlich ausgedrückt habe. Ich versuche nicht, dir zu sagen, was du tun solltest. Ich versuche nicht dich zu kritisieren. Ich habe ein dringendes Bedürfnis, dass du verstehst, was für ein Grundbedürfnis nicht erfüllt wird, wenn du das tust. Lass mich mein Grundbedürfnis noch einmal sagen. … Kannst du mir sagen, was du mich hast sagen hören?“
    Zu unseren Wünschen gehört, zum Wohlergehen anderer beizutragen.
    Es kann auch ein Wunsch sein, zu erfassen, was der andere für ein Gefühl hat, wenn er eine Äußerung hört: „Wie fühlst du dich, wenn du das hörst“.

Destruktive Kommunikationsmuster sind:
vermeiden (Schweigen, Geschichten erzählen, Smalltalk, Ablenken usw.),
anheizen (Intellektualisieren – im Kopf bleiben ohne Kontakt zu den eigenen Gefühlen, überemotionalisieren – Gefühle auch hochpushen und übertreiben, projizieren – „Ich fühle mich … <Aussage über den anderen>“,
angreifen (Anklagen, Fordern, Beleidigen, Schuld zuschreiben, Opfer spielen, Zicken, Dramatisieren, Abwerten, Provozieren, Pädagogisieren, Interpretieren, Etikettieren, Lamentieren, körperlich attackieren usw.),
verallgemeinern („wieder einmal“, „nie“, „immer“, „maßlos“ usw.), moralische Verallgemeinerung: „man soll nicht …“ (statt: „ich finde das nicht gut“),
vergleichen („Du bist genauso aggressiv/depressiv/eigensinnig usw. wie deine Mutter/dein Vater/dein Bruder/Schwester usw.“).

Vorwürfe und Anklagen sind ein mißlingener Versuch, dem anderen seine Gefühle und Bedürfnisse mitzuteilen.

Ironie ist ein Werkzeug, um Distanz zu schaffen, zu den eigenen Gefühlen oder zu den Gefühlen eines anderen.

„Ich muss …“ oder „ich sollte …“ sind Begriffe, mit denen wir von unserer Eigenverantwortung für unserer Handlungen ablenken.  Niemand kann uns den Befehl erteilen, irgendetwas zu tun. „Müssen“ oder „sollen“ machen einen zu einem Opfer, das für die eigenen Handlungen nicht verantwortlich ist.

Richtig und falsch, gut und böse, normal und unnormal, gut und schlecht sind Beispiele einer statischen Sprache. Sie spiegeln einen Dominanzsystem wieder, wo eine Autorität eine Definitionsmacht beansprucht.

In unserer Vitalität haben wir Bedürfnisse. Wenn die frustriert werden, dann führt das zu Schmerz. Wenn der Schmerz zu stark führt das zu Angst. Wenn wir die Angst abwehren, führt das zu einem Überdruck im Innern. Dieses wird dann ausagiert und führt zu Kampf, Rückzug und Unklarheit.

Die Frage ist: Wie komme ich von der Palme runter, wenn ich voll mit Stresshormonen einem Feindbild gegenüberstehe? Wenn das so ist, dann wäre es hilfreich, innerlich, zu sich selbst zu sagen: „Tu zuerst nichts! Sag zuerst nichts! Denn wenn du etwas tust oder sagst dann wird schlimmer es kommen.“

Wenn ein Mensch nicht stabil in seinem Erwachsenen ist immer (wenn er ein „inneres Kind“ ist), dann führt das zu einer Regression und infolgedessen unweigerlich zur Projektion.

Das Ziel ist: Selbstempathie für die eigenen Bedürfnisse und Gefühle haben, und dies dem anderen mitteilen und Empathie in die Gefühle und Bedürfnisse des anderen haben (den anderen „Spiegeln“). Das führt zu einer liebevollen Verbindung mit dem anderen.

Mit „so eine Behandlung habe ich wirklich nicht verdient“ drückt sie/er aus, dass er eine andere Behandlung erwartet hat, aber nicht bekommt.

„Ich habe das Gefühl, dass du es damit etwas leicht machst.“ Das ist in Wirklichkeit ein Gedanke über den anderen Menschen, der getarnt ist als „das Gefühl“. Ein echtes Gefühl würde unweigerlich auf ein Bedürfnis von einem selbst verweisen. Viele Menschen setzen ihre Gedanken mit ihren Gefühlen gleich, weil sie nicht merken, wie ihre Gedanken ihre Gefühle beeinflussen. Folglich halten sie ihre Werturteile für ihr Gefühl. Um „die Gefühle“ (die in Wirklichkeit Nicht-Gefühle sind), als Mogelpackung zu entlarven, kann man „ich bin“ anstelle „ich habe das Gefühl“ setzen. Wenn das einen sinnvollen Satz ergibt, dann ist das tatsächlich ein Gefühl, was der andere zum Ausdruck bringt. Falls nicht ist es ein Gedanke.

Wir hätten unsere Gefühle nicht, wenn unser Partner nicht dieses oder jenes gesagt hätte. Alle Menschen haben (im Grunde) das gleiche Gefühlsspektrum, aber die Reaktionen auf eine bestimmte Situation, sind ganz anders. Und sogar bei dem selben Menschen können die selben Sätze wenn sie von unterschiedlichen Menschen gesagt werden, oder abhängig von der Tagesform, eine ganz unterschiedliche emotionale Reaktion hervorrufen.

Man hat die alleinige Kontrolle über seine Gefühle und – man hat die Wahl:
welche Gefühle man spüren will – und welche nicht …

… wenn das auch überaus schwer zu akzeptieren ist.

Respekt bedeutet nicht immer Zustimmung sondern Akzeptanz: „So ist das für den anderen.“

 

Gewaltfreie Kommunikation als Einstellung

Gewaltfreie Kommunikation ist (relativ) einfach zu verstehen, aber sehr viel schwerer umzusetzen. Aber: Es ist die einzige Möglichkeit, Frieden in eine konfliktreiche Beziehung zu bringen.

Die vier Schritte der Gewaltfreien Kommunikation sind nicht als schematische Vorgaben zu verstehen, die stets rituell in genau vier aufeinander folgenden und genau so zu formulierenden Sätzen abgehandelt werden müssen. Es ist schwer möglich, die alltäglichen Kommunikation in das „Viererschema“ der Gewaltfreien Kommunikation zu übertragen. Vielmehr handelt es sich um eine konfliktpräventive und de-eskalierende Kommunikationsweise auf der Basis einer gewaltfreien, Humanistischen Einstellung, wobei jeder einzelne Schritt für sich bereits ein Weg heraus aus dem Konflikt und hin zu einer solidarischen Verbundenheit sein kann.

Die Voraussetzungen für Gewaltfreie Kommunikation sind:

– Den anderen als Person sehen und nicht als Feindbild.
– Die empathische Verbindung wollen, statt gewinnenden wollen, den andere anzugreifen oder sich zurückzuziehen.
– Das Problem faktisch beschreiben, statt zu Abstraktionen oder Interpretationen Zuflucht zu nehmen.
– Fühlen, was unter der eigenen Wut steckt, statt die Wut auszuagieren.
Nur Gefühle und Bedürfnisse hören, statt Anklagen und Forderungen.
Tiefenempathie geben, statt an der Oberfläche zu bleiben und Pappkameraden (eine Karikatur, eine Witzfigur usw.) zu erlegen.
Ich-Gefühle mitteilen, statt zu projizieren oder anzuklagen.
– Dem andern seine Grundbedürfnisse mitteilen, statt Strategien oder Pseudobedürfnisse zu benennen.
Konkrete Wünsche benennen, statt Negationen oder Forderungen.

Wut, Hass, Schärfe, Rückzug und Dominanz sind „Steinzeitreaktionen“.

Ein Psychotherapeut kann das Vier-Schritte-Modell auch diagnostisch benutzen, um festzustellen, an welcher Stelle die Konfliktparteien hängen bleiben, um einen Ausweg aus einem Kreislauf aus Gewalt, Verwirrung und Rückzug aufzuzeigen.

 

„Die 10 Beziehungs-Grundgesetze“ (die sind von mir …)

  1. Du kannst sie/ihn nicht ändern.
  2. Rede von Dir.
  3. Sag auch, was gut ist.
  4. Jede/r hat ihre/seine eigene Wirklichkeit.
  5. Unter Stress gibt es nur noch die eigene Wirklichkeit.
  6. Unter Stress werden die Schatten aktiviert.
  7. Wenn man wütend wird, dann ist eine empfindliche Stelle getroffen.
  8. Wut ist eine ungelenke Art, Bedürfnisse auszudrücken.
  9. Mache deine Gürtellinie deutlich.
  10. Was du nicht verstehst, kommt aus der Kindheit.

 

Literaturhinweise

Wenn Sie mehr darüber erfahren wollen, können Sie mein Buch „Humanistische Psychotherapie“ oder die Bücher von Marshall Rosenberg oder von Klaus-Dieter Gens zum Thema lesen.

 

Werner Eberwein