Was ist ein Trauma?

Unter einem psychischen Trauma verstehen wir einen Einbruch von Gewalt in eine relativ stabile psychische Struktur.

Beispiel: Stellen Sie sich einen U-Bahn-Fahrer vor, der sich „normal“ fühlt, der also abgesehen von Alltagsproblemen mit seinem Leben soweit zurechtkommt. Nun muss dieser Mann miterleben, wie sich ein Selbstmörder vor seine U-Bahn wirft. Dieses Erlebnis kann für ihn so schockierend sein, dass es traumatische Wirkungen entfaltet. Der U-Bahn-Fahrer leidet z.B. unter Schlafstörungen, er ist zeitweise verwirrt bis verstört und in einem Zustand der Über-Alarmiertheit. Er sieht immer wieder das Bild des sich vor die U-Bahn stürzenden Selbstmörders vor seinem geistigen Auge. Er ist durch das Ereignis traumatisiert.

Ähnlich kann es Menschen ergehen, die Opfer oder Zeugen von Verbrechen, schweren Unfällen, Folter, Vernachlässigung, Kriegen oder Naturkatastrophen werden. Opfer von Vergewaltigungen, sexuellem Missbrauch, von Entführungen, tätlichen Angriffen, Verkehrsunfällen, Kriegshandlungen, Erdbeben oder Überschwemmungen leiden oft noch lange nach dem traumatischen Ereignis unter:

  • Hyperarrousal – Übererregtheit,
  • Freezing – Erstarrung,
  • Flashbacks – wiederkehrenden, zwanghaft sich aufdrängenden („intrusiven“) Erinnerungen,
  • dissoziativen Symptomen – z.B. „Abwesenheits-„Zuständen.

Diese Zustände können durch bestimmte (an sich harmlose) Schlüsselreize („Trigger„) ausgelöst werden, die mit dem traumatischen Ereignis in Zusammenhang stehen (z.B. soziale Konstellationen, Stimmlagen, Geräusche, Blicke, Berührungen, Eingeengtsein, Alleinsein u.ä.).

Traumata können durch einzelne, mehrere oder viele unbewältigbare Ereignisse ausgelöst werden. Diese können in Erwachenenalter oder in der Kindheit geschehen bzw. geschehen sein.

Fischer/Riedesser definieren ein Trauma als ein „Diskrepanzerleben zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von selbst und Weltverständnis bewirkt“ (Lehrbuch der Psychotraumatologie, UTB Stuttgart 1998, S. 79). Das Geschehen im Moment des eigentlichen Traumas könne nicht bewusst erinnert werden, werde jedoch ‚erinnert‘ „in Form von körperlichen Symptomen, von Verhaltensinszenierungen und Ausnahmezuständen, die mit den ursprünglichen traumatischen Effekten und Emotionen verbunden sind“ (ebd. S. 262).

In einer Situation massiver Bedrohung werden zunächst Kampf- & Fluchtmuster mobilisiert. Wenn diese nicht zu einer Bewältigung der Bedrohung führen, werden Notfall-Bewältigungsmaßnahmen aktiviert. Es kommt zu Dissoziationsprozessen, die zu einem Verlust der Ganzheitlichkeit des Raum-, Zeit- und Selbsterlebens bis hin zu Depersonalisations- und Derealisationserlebnissen führen (d.h. einem Verlust der Wahrnehmung der eigenen Identität bzw. der äußeren Wirklichkeit).

Der Traumatisierte hat in der traumatischen Situation keine Kontrolle mehr über die Situation und seine Reaktionen, was zu einer Erschöpfungsreaktion führt, die schließlich in einen Schockzustand einmündet. Die damit verbundenen emotionalen Abschaltprozesse sind an die Erfahrungen eigener Hilflosigkeit und allmächtiger Fremdbedrohung gebunden. Es kommt zu einem Abreißen der Bezogenheit zur Situation.

Im Erleben des traumatisierten Menschen bleibt in diesem Schockszustand gleichsam „die Zeit stehen„, so dass die tatsächliche Beendigung des Trauma-Ereignisses im Gedächtnis nicht angemessen gespeichert wird. Das Trauma wird gleichsam zum „ewigen Jetzt„, obwohl bzw. gerade weil der im Schock abgelaufene Teil des Trauma-Ereignisses für den Traumatisierten außerhalb des Bewusstseins verbleibt. Das im Schock Geschehene ist gefülsmäßig nicht bewusst zugänglich, nicht bewusst erinnerbar und nicht benennenbar, was zu einer chronischen Bedrohungserwartungen und Angstbereitschaft führt.

In der Folge ist eine depressive Schockstarre durch Auslösereize, die mit der traumatischen Situation verbunden sind (Trigger) wie automatisiert auslösbar. Es kommt zu unbewussten Wiederherstellungen (Re-Inszenierungen) als unbewusste Bewältigungsmechanismen, als ob das Unbewusste gleichsam „versucht“, die traumatische Situationen noch einmal herzustellen, damit sie diesmal angemessen verarbeitet werden kann – was aber in aller Regel so nicht funktioniert.

Im traumatischen Schock empfängt der Traumatisierte von dem Aggressor – zugespitzt ausgedrückt – die Botschaft: „sei nicht!“. Die vernichtende Täter-Absicht wird außerhalb des Bewusstseins als automatisiertes Muster gespeichert und führt in der Folge zu verschiedenen Formen der Selbstgefährdung und Selbstverletzung, die die Täterhandlung imitieren, und gleichzeitig als Versuch dienen, das qualvolle Nicht-Fühlen zu beenden. (vgl. Hochauf, Asanger 2007, S. 12ff)

Der Traumatisierte ist also unbewusst an die traumatische Situation gefesselt, wobei er gleichzeitig versucht, mit dem Trauma in Verbindung stehende Situationen oder Konstellationen zu vermeiden.

Dissoziation

Unbewältigte Traumata führen in der Regel zu jahre- bis jahrzehntelang anhalten Dissoziationserscheinungen. Unter Dissoziation verstehen wir eine Unterbrechung des Zusammenhalts (Integration) des Selbst.

Bestimmte mentale Prozesse im Bereich von Bewusstsein, Gedächtnis, Identität, Wahrnehmung der Umwelt oder des eigenen Körpers sind vom Bewusstsein getrennt oder untereinander gespalten. Es kann zu einem vorübergehenden, teilweisen oder völligen Verlust von psychischen Funktionen wie des Erinnerungsvermögens, von Fühl- oder Handlungsfähigkeiten oder der Wahrnehmung bestimmter Aspekte der Umwelt kommen. Dadurch geht die Ganzheitlichkeit des Erlebens zeitweise oder anhaltend verloren.

Beispielsweise kann nach einer Vergewaltigung die Region des Unterleibes, leidenschaftliche Sexualität, Flirtverhalten oder die Wahrnehmung des eigenen Körpers als Ganzes zeitweise oder vollständig aus dem Bewusstsein abgespalten sein.

Posttraumatische Störung

Wenn das Trauma zu schwerwiegend ist und/oder die psychischen und sozialen Ressourcen eines Menschen nicht ausreichen, um das Trauma angemessen  verarbeiten zu können, entsteht ein „Feststecken“ im Traumazustand, das wir als „posttraumatische Störung“ bezeichnen. Diese erfordert eine psychotherapeutische Behandlung. Dafür gibt es inzwischen eine Vielfalt von psychotherapeutischen Möglichkeiten.

Wenn Sie mehr darüber wissen wollen, könnten Sie mein Buch „Humanistische Psychotherapie“ lesen.

Werner Eberwein

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