Was ist Ego-State-Therapie?

Die Ego-State-Therapie (von lat. ego = Ich, engl. state = Zustand) ist eine psychotherapeutische Methode besonders zur Behandlung von Traumata und dissoziativen Störungen, die seit etwa 1980 von John und Helen Watkins entwickelt wurde.

Den Begriff „Ego-State“ („Ich-Zustand“) hat Watkins von Eric Berne, dem Begründer der Transaktionsanalyse übernommen. Vergleichbar sind die Konzepte von Ich, Es, und Über-Ich von Freud und das Konzept des inneren Kindes von Chopich und Paul.

John Watkins war Professor für Psychologie und Direktor der klinischen Ausbildung an der Universität Montana (USA), Mitbegründer der Internationalen Gesellschaft für Klinische und Experimentelle Hypnose (SCEH) und zählt zu den Pionieren der Hypnotherapie. Seine Frau Helen Watkins war Psychologin.

Watkins geht davon aus, dass jeder Mensch ca. 5-15 Ich-Zustände („Oberflächen-Ego-States„) in sich trägt, die in bestimmten Situationen aktiviert werden können, z.B.:

  • den „zuverlässigen Beamten“,
  • den „zärtlichen Geliebten“,
  • den „genervten Autofahrer“,
  • den „fürsorglichen Familienvater“.

Bei einem gesunden Menschen seien diese Anteile (die man hier auch als „Rollen“ bezeichnen könnte) bewusst, unterstünden der Kontrolle des Ich der Person und würden als Team konstruktiv zusammenarbeiten. Diese „gesunden Ego-States“ seien Anpassungsstrategien („Coping-Mechanismen“).

Bei manchen Menschen, die schwere Traumatisierungen erleben, würden manche Ich-Zustände aus dem bewussten Erleben ausgegrenzt, also unbewusst, seien auch untereinander nich in Kontakt, würden aber dennoch das Erleben und Verhalten der Person entscheidend prägen („Untergrund-Ego-States„). Diese abgespaltenen Ich-Zustände könnten

  • wie eigene Persönlichkeiten agieren,
  • eigene Ziele und Wertvorstellungen verfolgen und
  • eigene Gedanken und Gefühle entwickeln,

so dass die Person zeitweise von abgespaltenen Ich-Zuständen gesteuert werde.

Sie könne sich sogar vorübergehend in abgespaltene Anteile verwandeln, und sich auf eine Weise verhalten, an die die Hauptpersönlichkeit  hinterher keine Erinnerung mehr habe – in diesem Fall spricht man von einer „multiplen Persönlichkeit„.

  • Abgespaltene ich-Zustände können zum Beispiel Täter-Introjekte sein, also Ich-Anteile, in denen das Opfer einer Traumatisierung Anteile des Täters durch unbewusste Identifikation in sich hineingenommen hat.
  • Es kann sich um verängstigte oder wütende Kind-Anteile aus der Zeit der Traumatisierung handeln („Opfer-States“).
  • Es kann sich um „Verfolger-„, „invasive Helfer-„, Angreifer-„, „Mittäter-Introjekte“ o.ä. handeln,

die sich teilweise überlagern, vermischen, verstärken oder bekämpfen können.

Da diese abgespaltenen Anteile unbewusst sind, unterliegen sie nicht der Ich-Kontrolle. Manche dieser States kennen sich untereinander, andere nicht. Abgespaltene Ich-Zustände seien nur mit Hypnose in Trance zugänglich.

Regressive Ego-States denken, fühlen, sprechen und handeln wie traumatisierte Kinder und müssen ebenso behandelt werden. Der Therapeut müsse zunächst ohne jede Bewertung oder Kritik alles annehmen, was von den einzelnen Ich-Zuständen kommt, um sie dann untereinander und mit dem Zentral-Ich („Host“) des Patienten in Kontakt zu bringen.

Watkins entwickelte eine hypnotherapeutische Technik, um die abgespaltenen Ich-Zustände in Trance „erscheinen“ zu lassen („herauszurufen“), um mit ihnen zu kommunizieren , und um eine Kommunikation der Anteile untereinander „moderieren“ zu können. In Trance wird der Patient gebeten, die inneren Anteile „auf die innere Bühne zu bitten„, also zu imaginieren. Sodann solle der Patient, angeleitet durch den Therapeuten, die Ego-States befragen, zum Beispiel:

  • „Wie ist dein Name?“, „Wie alt bist du?“, „Wie lange gibt es die schon?“,
  • „Wie fühlst du dich?“, „Was brauchst du?“, „Was macht dich zufrieden/entspannt?“
  • „Was ist deine Aufgabe?“,“Wie ließe sich diese Aufgabe auch anders erreichen?“

Die Ich-Zustände werden also direkt als Personen angesprochen und können zu

  • ihrer Entstehung,
  • ihrer Geschichte,
  • ihren Aufgaben,
  • ihren Erlebensweisen und Gefühlen,
  • ihren Ängsten und Aggressionen

befragt werden.

Im weiteren Verlauf „moderiert“ der Therapeut die Kommunikation des Ich des Patienten mit seinen abgespaltenen ich-Zuständen, bzw. die Kommunikation der Zustände untereinander mit dem Ziel, eine bessere Kooperation der Ich-Zustände untereinander zu erreichen.

Watkins geht davon aus, dass alle Ich-Anteile ursprünglich eine „positive Funktion“ für das Überleben der Person hatten, die in der Therapie aktiviert werden könne. Dabei wird unterstützend mit hypnotherapeutischen Techniken wie dem „sicheren Ort“, den „inneren Helfern“ usw. gearbeitet.

Ziel der die Ego-State-Therapie ist es, die inneren Spannungen in der Persönlichkeit durch die unbewussten Konflikte der abgespaltenen Ich-Zustände zu vermindern, indem die Ego-States als wertvolle Ressourcen behandelt, untereinander in Kommunikation gebracht und wenn möglich zu einer harmonischen Zusammenarbeit eingeladen werden.

Kritik

Da in der Ego-State-Therapie die abgespaltenen Anteile auf hypnosuggestivem Wege „zugänglich gemacht“ werden, wird kritisiert, dass diese Persönlichkeitsanteile möglicherweise hypnosuggestiv erzeugt und nicht „bewusst gemacht“ werden (v.a. indem sie in Trance als eigenständige Persönlichkeiten mit eigenem Namen angesprochen werden). Auf diese Weise könnten aus Aspekten der Persönlichkeit durch hypnotische  Einflussnahme Sub-Persönlichkeiten kreiert werden, so dass durch den suggestiven Einfluss des Therapeuten multiple Persönlichkeiten geschaffen werden könnten.

Werner Eberwein

2 Antworten
  1. Reggae Worrier
    Reggae Worrier says:

    Es fehlen auf Ihrer Seite:
    Therapieschäden und welche Methoden die meisten und schwersten Verursachen: Psychoanalyse, Psychiatrische Behandlung v.a. in Kliniken, provokative KZ Therapie, Tiefenpsychologie
    (Einfach mal googeln)

    Ansonsten suuuuper!

    Antworten
  2. Firo
    Firo says:

    Eine wirklich schöne Zusammenfassung!

    Allerdings braucht es ( meiner Meinung nach ) keine Hypnose, um mit seinen Ego-States in Kontakt zu treten.
    Wenn es einer Person möglich ist, seinen Blick nach „innen“ zurichten, kann sie den States selbst eine Erscheinungsform geben, Fragen stellen usw., was als eine Art „Selbstgespräch“ mit den States schon sehr hilfreich und stärkend wirken kann.
    Ist es mögllich, die States einzeln anzusprechen, die Ängste etc. zuverstehen, kann die Person sogar gezielt an den States arbeiten.

    So ist jedenfalls meine Erfahrung.

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