Was wird an RCT-Studien in der Psychotherapieforschung kritisiert?

RCT-Studien (von engl.: randomized controlled trial) sind Interventionsexperimente zur Gewinnung von quantitativen statistischen Daten. Struktur, Durchführung und Auswertungsweise des RCT-Designs stammen aus der pharmakologischen Forschung.

Eine ausreichende Anzahl von RCT-Studien mit manualisierter Behandlung monosymptomatischer Patientengruppen zur Anwendung in den fünf wichtigsten psychotherapeutischen Indikationsbereichen wird vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie als wichtigstes Kriterium zur Anerkennung neuer Psychotherapieverfahren gefordert.

  • „Randomisiert“ (von englisch random: zufällig) bedeutet, dass aus einer Grundgesamtheit von Versuchspersonen nach dem Zufallsprinzip ein Teil der Personen der Gruppe zugewiesen wird, die behandelt wird, während der andere Teil einer Kontrollgruppe zugeordnet wird. Auf diese Weise soll ein Einfluss des Untersuchers auf die Zuordnung zur Behandlungs- bzw. Kontrollgruppe ausgeschlossen und eine gleichmäßige Verteilung von bekannten und nicht bekannten Einflussfaktoren auf beide Gruppen sichergestellt werden.
  • „Kontrolliert“ bedeutet, dass der Effekt der Behandlung in der Behandlungsgruppe mit einer Kontrollgruppe verglichen wird. In der Pharmakologie wird die Kontrollgruppe entweder gar nicht oder mit einem Placebo (einem Scheinmedikament) oder mit einer Standardmethode behandelt.
  • „Manualisiert“ bedeutet, dass ein Handbuch vorliegt, aus dem hervorgeht, bei welchen spezifischen Störungen welche spezifischen psychotherapeutischen Interventionen angewandt werden.
  • „Monosymptomatisch“ bedeute, dass Patienten behandelt werden, bei denen eine und nur eine spezifische Störung vorliegt.

Im sogenannten „Crossover-Design“ wird die Behandlungs- und die Kontrollgruppe zur Studienmitte gewechselt.

In der pharmakologischen Forschung werden RCT-Studien im Doppelblindverfahren durchgeführt. Das bedeutet, dass weder der Behandler noch der Patient weiß, ob dem Patienten das Medikament gegeben wird, dessen Wirksamkeit untersucht werden soll, oder ein Placebo. Auf diese Weise sollen indirekte Suggestionswirkungen bei der Medikamentenverabreichung ausgeschlossen werden.

Kritik an der einseitigen Bevorzugung des RCT-Designs in der Psychotherapieforschung

Gegen die einseitige Betonung von RCT-Studien in der psychotherapeutischen Forschung wurde von kompetenter Seite eine große Vielfalt von Einwänden vorgebracht.

Prof. Revenstorf hat 2005 unter dem Titel „Das Kuckucksei – Über das pharmakologische Modell in der Psychotherapie-Forschung“ die Nachteile einer „Verhätschelung des RCT-Designs“ (Revenstorf) detailliert dargestellt. Ich habe seine Argumente hier zusammengefasst:

  • Mit der Forderung des Nachweises der Wirksamkeit durch RCT-Studien seien Entscheidungen über die Akkreditierung bestimmter und die Diskreditierung anderer Therapieverfahren verbunden. Damit gewinne die RCT-geprägte Forschung eine politische und ökonomische Dimension, bei der es letztlich um die Verteilung knapper finanzieller Mittel für Forschung, Ausbildung und Erstattung von Behandlungskosten gehe.
  • Psychotherapeutische Prozesse seien mit nomothetischen Beschreibungen nur unvollständig erschließbar sondern nur ideografisch erfassbar.
    – „Nomothetisch“ meint die naturwissenschaftliche Forschungsweise, die das Ziel hat, mit experimentellen, reduktionistischen Methoden allgemeingültige Gesetze zu finden, die durch quantitative Daten belegt sind.
    – „Ideographisch“ meint die geisteswissenschaftliche Forschungsweise, bei der das Ziel die umfassende Analyse konkreter, also zeitlich und räumlich einzigartiger Gegenstände ist.
  • Psychotherapeutische Interventionen wirkten nicht biochemisch wie Medikamente, sondern auf der Beziehungsebene, multikausal und vernetzt, könnten daher nicht monikausal auf die unmittelbare Wirkung einzelner Faktoren reduziert werden. Daher sei die Forderung des Wissenschaftlichen Beirats nach Zuordnung spezifischer Interventionen zu spezifischen Indikationen nicht angemessen. Während zum Beispiel Antibiotika eindeutig gegen Bakterien aber nicht gegen Viren helfen, gebe es in der Psychotherapie eine Vielzahl „allgemeiner Therapiefaktoren“ (z.B. die therapeutische Beziehung), die in unterschiedlichen Arbeitsformen zum Ausdruck kommen könnten. Daher sei die Forderung nach einer ein-eindeutigen Zuordnung von spezifischen Störungen und spezifischen Interventionen fragwürdig.
  • Bereits in den „harten“ Naturwissenschaften, bspw. in der Physik sei die deterministische, monokausale Denkweise längst überwunden. Die Psychologie ähnele in der Begrenztheit ihrer Voraussagemöglichkeiten eher der Meteorologie als der Mechanik. Der naturwissenschaftliche Anspruch in der Psychotherapie reduziere sich auf Wahrscheinlichkeitsaussagen, also auf Statistik.
  • Psychotherapeutische Prozesse, in denen es primär um Emotionen und Beziehungen geht, seien nur begrenzt rational zu erfassen. In der psychotherapeutischen Forschung gehe zunehmende Klarheit mit einem Verlust an Tiefe einher. Therapieforschung, die sich auf nur-rationale Analyse beschränke, opfere der Klarheit die Tiefe. Auf diese Weise werde vieles von dem, woran Patienten leiden und was sie in der Therapie ansprechen, nicht adäquat erfasst. Psychologie werde verflacht.
  • In der Psychotherapie gehe es häufig um Themen wie z.B. die Frage, welches Leben man leben möchte, Selbstzweifel, Schuld und Verantwortung, Einsamkeit, Würde, Liebe oder die Suche nach Sinn, die in ihrer existenziellen Dimension weder vollständig operationalisierbar noch positivistisch überprüfbar seien.
  • Die Teilnehmer von RCT-Studien bestünden in der Regel
    – aus Psychologiestudenten im Experimentalpraktikum,
    – aus Patienten im Einzugsbereich von Universitätsinstituten oder Kliniken
    – oder sie würden durch Annoncen akquiriert.
    Es sei also eine keineswegs zufällige Auswahl von Personen, die sich für eine Teilnahme an der RCT-Studie entscheiden würden, in der Regel seien es Patienten, die ihre Therapie selbst nicht zahlen können. Diese Faktoren spielten in der pharmakologischen Forschung keine Rolle, könnten aber die Ergebnisse psychotherapeutischer Untersuchungen signifikant verfälschen.
  • In seinen Ausschlusskriterien fordert der Wissenschaftliche Beirat die Untersuchung monosymptomatischer Patientengruppen. Jedoch sei die Komorbidität (das gemeinsame Auftreten verschiedener Störungen zur selben Zeit beim selben Patienten) psychischer Störungen sehr hoch. So wiesen z.B. 70 % der Patienten mit Depressionen auch Symptome von Angst, Zwang oder posttraumatischen Belastungsstörungen auf usw. Monosymptomatische Patienten seien in der psychotherapeutischen Praxis überaus selten anzutreffen. Wenn die Wirksamkeit psychotherapeutischer Verfahren lediglich an monosymptomatischer Patienten getestet würde, sei die übergroße Mehrheit der Psychotherapiepatienten damit nicht erfasst. RCT-Studien nach den Kriterien des wissenschaftlichen Beirats seien somit „systematisch irrepräsentativ“ für die Gesamtheit der behandlungsbedürftigen Patienten.
  • In der Praxis der Studiendurchführung falle es besonders bei schwer gestörten Patienten schwer sie, sofern sie der Kontrollgruppe zugeordnet seien, ein halbes Jahr auf die Behandlung warten zu lassen. Viele von ihnen würden auch gar nicht warten, sondern das Experiment abbrechen. Schwer gestörte Patienten würden daher systematisch aus der Wartegruppe „wegschrumpfen“.
  • Psychotherapeutische Metaanalysen hätten ergeben, dass die Überzeugtheit des Therapeuten von der Wirksamkeit seiner Behandlung eine der bedeutendsten Wirkkomponenten sei. Daher sei der Vergleich einer Behandlungsgruppe mit einer Kontrollgruppe nur dann glaubwürdig, wenn der Therapeut, der die Vergleichstherapie durchführe, von dieser auch überzeugt sei. Dies erfordere bei Vergleichsstudien schulenübergreifender Forscherteams. Dies sei aber in der Regel nicht der Fall, da zur Zeit die übergroße Mehrheit der Forschungsinstitute verhaltenstherapeutisch dominiert sei.
  • Bei Patienten, die „nur“ mit einer Standardmethode zum Zwecke wissenschaftlicher Studien behandelt würden, seien Enttäuschungs- und Widerstandsreaktionen zu erwarten, die das Ergebnis der Studie verfälschen würden.
  • Die Prozesse und Ergebnisse der Psychotherapie seien schwer und nur indirekt zu objektivieren und operationalisierten, weil ihnen sowohl ein messbares materielles Substrat als auch eindeutige kausale Mechanismen fehlten.
  • Durch die mathematisch-statistische Bearbeitung der gewonnenen Daten (z.B. mit multivaraten Varianzanalysen, Post-hoc-Prüfungen mit Bonferoni-Korrektur, Herauspartialisierung von Störvariablen usw.) verbliebenen am Ende Aussagen, die wenig klinisch relevante Aussagekraft hätten. Wenn sich z.B. Störungs-Punktwerte in Post-Tests statistisch signifikant veränderten, so bedeutet das noch keineswegs einen klinischen Erfolg oder eine Aussage über eine Heilungswirkung beim Patienten.
  • Auf jede veröffentlichte Studie, die einen signifikanten Erfolg nachweise, komme eine Vielzahl von nicht publizierten Studien, die keine signifikanten Effekte erbracht hätten. Auf diese Weise würde der Eindruck der Wirksamkeit systematisch verfälscht („File-Withdrawer-Problem“).
  • Die objektive Erfassung des Erfolges verschiedener Therapieverfahren erlaube zwar eine gute Vorhersage der Erfolge bei ähnlichen Tests, sage aber wenig über die Auswirkungen im alltäglichen Leben aus. Es sei daher fragwürdig, inwieweit die Ergebnisse von RCT-Studien auf den klinischen Alltag übertragbar seien.
  • Es sei ein bekannter Etikettenschwindel, dass sich Psychotherapeuten in ihrem Kassenantrag auf akkreditierte Psychotherapieformen beziehen, in der Praxis aber häufig andere, wirksame, aber nicht akkreditierte Verfahren hinzunehmen. Daher müsse die Überprüfung der Wirtschaftlichkeit und des Erfolgs von Psychotherapie anhand der tatsächlich in der Praxis angewandten Methoden und nicht im experimentellen RCT-Design vorgenommen werden.

Zusammenfassend schreibt Revenstorf (2005, S. 17):

„Das RCT-Design, das als Kuckucksei aus der Medikamentenforschung für die Therapieforschung übernommen wurde, kann hier nicht leisten, was es verspricht. Denn eine medizinische Störung sieht im Labor so aus wie in der Praxis. Die Anwendung der Medikation bleibt in beiden Situationen gleich und ein Verum [eine psychotherapeutische Behandlungsintervention, W.E.] unterscheidet sich äußerlich nicht vom Placebo [der Scheinmedikation, W.E.]. Das alles ist in der Psychotherapie nicht gegeben – daran scheitert die Übertragung des RCT-Designs in der beschriebenen Art. … Die besinnungslose Reduktion auf das Messbare ist eine unzulässige Verkürzung der Kartographie menschlicher Probleme. Die Rückbesinnung auf das Subjektive als Ursprung von Erkenntnissen erscheint mir unvermeidbar.“

Volker Tschuschke, Professor für Medizinische Psychologie in Köln bezeichnet die Ausrichtung der Psychotherapie auf dem RCT-Studien analog der pharmakologischen Forschung als „faustischen Pakt“ mit dem medizinischen Modell. Dieser stehe im Zusammenhang mit einem mehr und mehr ökonomisch orientierten Gesundheitssystems in Richtung auf das berüchtigte „Managed-Care“-System in den USA, in dem es vorwiegend um Kostenreduktion gehe (Tschuschke, V. in Gödde, G. & Buchholz, M. Hrsg.: Der Besen, mit dem die Hexe fliegt: Wissenschaft und Therapeutik des Unbewussten 1+2, Psychosozial-Verlag 2012).

Tschuschke kritisiert am RCT-Ansatz insbesondere folgendes:

  1. RCT-Studien fänden fast ausschließlich an verhaltenstherapeutischen Instituten statt, in denen die „Vergleichsbehandlungen“ bspw. mit tiefenpsychologischer Therapie in der Regel von unausgebildeten Studenten oder in dieser Methodik unerfahrenen „Therapeuten“ und mit sehr geringen Stundenzahlen (z.T. unter zehn Sitzungen) durchgeführt würden, mit dem voraussagbaren Ergebnis, dass die VT-Behandlungen „überlegen“ seien. Überhaupt gebe es nachweislich „eine hoch signifikante positive Korrelation (> .80) zwischen bevorzugten Therapiemodell der Forscher und dem in den Studien erfolgreichen Therapiemodell“.
  2. Bis zu zwei Dritteln aller für eine Studie infrage kommenden Patienten falle aufgrund der rigiden Ausschlusskriterien aus RCT-Studien heraus, da sie diagnostisch gesehen nicht „rein“ genug für diese Studien seien. RCT-Studien basierten also auf extrem selektierten Patientengruppen. Patienten mit mehreren Störungen („komorbide“) – also der Normalfall in den Behandlungspraxen –  hätten in solchen Studien keinen Platz.
  3. In RCT-Studien würden fast ausschließlich Patienten mit bestimmten Angststörungen oder leichten Depressionen aufgenommen. Von diesen profitierten unter Einbeziehung der Abbrecher durchschnittlich 27 % von der Behandlung, von denen aber über 50 % innerhalb von zwei Jahren um neue therapeutische Hilfe ersuchen. Wenn man die praxisfernen Selektionskriterien (monosymptomatische Patientengruppen) einbezieht, so blieben unter dem Strich etwa 2-3 % aller behandlungsbedürftigen Patienten übrig, für die durch RCT-Studien eine Wirksamkeit der psychotherapeutischen Behandlung nachgewiesen werden könne.
  4. Mit der Verhaltenstherapie konkurrierende Therapien (psychodynamische, systemische oder humanistische), würden in den RCT-Vergleichsstudien nicht beachtet, wenn sie gemischte („komorbide“) Störungsbilder behandelten. Vergleiche man diese aber dennoch mit verhaltenstherapeutischen Behandlungen, dann ergäben sie vergleichbare Behandlungseffekte.
  5. Die Zuordnung von Patienten zu Therapeuten per Zufallsprinzip sei unethisch und würde den realen Prozess gegenseitiger Auswahl zwischen Patient und Therapeut nicht abbilden.
  6. Das RCT-Paradigmas suggeriere, dass alle Einflussfaktoren auf den Patienten bis auf die zu untersuchende Variable ähnlich wie in einem Laborexperiment gleich gehalten („kontrolliert“) werden könne. In Wirklichkeit seien die Patienten außerhalb der einen untersuchten Therapiestunde pro Woche vielfältigen Lebenseinflüssen ausgesetzt, die man unmöglich kontrollieren könne. Da her seien psychotherapeutische „Experimente“ unter „kontrollierten“ Bedingungen illusionär. Menschen seien nun mal keine Labormäuse.
  7. Nachweislich seien psychotherapeutische Arbeitsweisen auf Basis ausgearbeiteter Handbücher („Manuale“) den nicht-manualisierten Ansätzen nicht überlegen. Im Gegenteil gebe es Hinweise auf die Schädlichkeit einer psychotherapeutischen Behandlung „nach Handbuch“. Eine Psychotherapie können nicht nach „Schema F“ durchgeführt werden, vielmehr müsste die Gestaltung der therapeutischen Beziehung und den individuellen Bedürfnisse des Patienten Rechnung getragen werden.
  8. Wenn man psychotherapeutische Behandlungen durch erfahrene Psychotherapeuten mit „echten“ Patienten (also in naturalistischen Studien) undtersuche, könne kein signifikanter Unterschied in der Effizienz verschiedener elaborierter psychotherapeutische Richtungen festgestellt werden. Das empirische Resultat, dass kein Konzept der Psychotherapie anderen Behandlungskonzepten generell überlegen sei („Dodo-Bird-Verdict“), sei inzwischen in großen, gut belegten Studien nachgewiesen, es sei sogar „eines der gesichertsten Ergebnisse der Psychotherapieforschung“.
  9. Wenn man die Relevanz der psychotherapeutischen Beziehung (die in RCT-Studien nicht untersucht werde), die Patientenvariablen und die Placebo-Faktoren hinzu nehme, komme man zu dem Resultat, das RCT-Studien lediglich Varianzen im einstelligen Prozentbereich feststellten.

Der RCT-Ansatz sei, so Tschuschke, ein „Irrweg für die Psychotherapie als wissenschaftliche Disziplin“. Er sei „gefährlich, weil vollständig in die Irre führend“. RCT-Studien „liefern ein vollständig verzerrtes Bild professioneller, seriöser Psychotherapie“, daher sei „das derzeitige Wissen der internationalen Psychotherapieforschung ein Nullwissen … so weit es sich aus RCT-Studien speist“. Es sei ein „angehäuftes Scheinwissen, das auf 2-3 % des gesamten Patientenspektrums fußt, bei denen eine nicht typische, weil labortechnisch verbogene Form von Psychotherapie angewandt wurde, die mit der realen klinischen Praxis rein gar nichts zu tun hat. Die gefundenen Effekte basieren auf irgend etwas, aber mit Sicherheit nicht auf der eingesetzten Behandlungstechnik“. RCT-Studien seien „höchstens bei Medikamentenprüfungen angezeigt, aber sonst nirgends“. Die Übertragung des RCT-Paradigmas auf die Psychotherapie sei „die größte und dümmste Absurdität„, die die Psychotherapieforschung heutzutage belaste und behindere. Die intuitive Skepsis vieler hermeneutischer ausgerichteter Psychotherapeuten gegen sie sei daher absolut angemessen.

Auch die Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg meldet 2006 in ihrer „Stellungnahme zum Methodenpapier des WBP“ Kritik an der einseitigen Bevorzugung von RCT-Studien an:

  • Die höhere Gewichtung von RCT-Studien gegenüber naturalistischen Studien hinsichtlich Wissenschaftlichkeit sei fragwürdig. Der experimentelle Nachweis der Wirksamkeit durch RCT-Studien sei kein unverzichtbares Kriterium für die Anerkennung der Wissenschaftlichkeit von Psychotherapieverfahren. Es sei eine „absolute Gleichstellung“ naturalistischer Studien mit RCT-Studien zu fordern.
  • Hauptkritikpunkt sei, dass die Ergebnisse von RCT-Studien nur sehr begrenzt repräsentativ für die klinische Praxis seien, denn
    – innerhalb der Studien könnten die Patienten nicht wie in der psychotherapeutischen Praxis ihre Therapeuten frei wählen,
    Kontroll- bzw. Placebobedingungen seien nicht streng herstellbar,
    – eine zufällige, repräsentative Patientenselektion sei nicht möglich,
    Behandlungsabbrüche würden oft nicht ausreichend berücksichtigt,
    – es würde nur ein kleiner Teil der Studien, in der Regel solche, die signifikante Effekte vorweisen können, veröffentlicht („Publikationsbias„),
    – im Gegensatz zur pharmakologischen Forschung könne in der Psychotherapie die „Dosis“ für die Person in der Behandlungsgruppe nicht konstant gehalten werden.

Zusammenfassend stellt die Landespsychotherapeutenkammer Baden-Württemberg fest:

„In RCTs wird im Grunde alles behindert bzw. ausgeschlossen, was gute klinische Praxis bzw. Anwendungsrealität ist: Patienten mit komplexen Störungsbildern, wie sie in der klinischen Praxis die Regel sind, die sich ihren Behandler aussuchen; Therapeuten, die mit dem Therapieverfahren behandeln, die sie üblicherweise auch anwenden; eine Therapiedauer, die sich nach klinischen Erfordernissen richtet und nicht konstant für alle Patienten geheilt gehalten wird u.v.m.“. Die Verabsolutierung von RCTs gehe auf ein „überholtes wissenschaftstheoretisches Verständnis der Struktur von Hypothesen und Theorien“ zurück. Die derzeitige Praxis, zur Überprüfung der wissenschaftlichen und sozialrechtlichen Zulassung von Psychotherapieverfahren nur RCT-Studien zuzulassen sei „dringend modifizierungsbedürftig“ und insbesondere durch eine stärkere Gewichtung naturalistischer Studien zu ergänzen.

Prof. Zurhorst stellt für den Verband Psychologischer Psychotherapeuten im BDP (VPP) unter dem Titel „Evidenz-basierte oder ökologisch basierte Psychotherapie“ fest:

  • Der Sachverständigenrat für die konzertierte Aktion im Gesundheitswesen (SVR) habe 1999 in seinem Gutachten klargestellt, dass der empirische Nachweis der Wirksamkeit von Maßnahmen im medizinischen Bereich erschreckend gering sei. Nur etwa 4 % aller ambulant und stationär erbrachten Dienstleistungen genügten dem Anspruch auf belastbare Evidenz. 45 % genügten einfachen Evidenzkriterien, für den Rest, rechnerisch 51 % gebe es heute keinerlei wissenschaftliche Evidenz. [Warum im Gegensatz dazu gerade im Bereich der Psychotherapie für die Zulassung neuer Verfahren die strengsten Maßstäbe nach dem „Goldstandard“ naturwissenschaftlich konzipierter RCT-Studien gefordert werden, kann man sich vorstellen, wenn man die Machtverhältnisse in den zuständigen Gremien kennt. W.E.]
  • D.L. Sackett, der Begründer der evidenzbasierten Medizin habe stets betont, dass es ihm weder um „Kochbuchmedizin“ noch um die „Reduktion medizinischen Handels auf reine Wissenschaftlichkeit“ gehe. Evidenzbasierte Medizin verlange vom klinischen Praktiker eine Verbindung der besten verfügbaren externen Evidenz mit der klinischen Erfahrung des Behandlers und den Werten und Präferenzen des Patienten. Daher schlage der Sachverständigenrat vor, statt von „evidenzbasierte Medizin“ besser von „evidenz-gestützter, an Patientenpräferenzen orientierter und auf ärztlicher Erfahrung fußender Medizin“ (SVR 1999, Seite 72) zu sprechen.
  • Es sei ein fundamentales Missverständnis, ja einen Missbrauch der Prinzipien der evidenzbasierten Medizin, diese primär als Mittel der Kostenkontrolle zu verwenden.
  • Die RCT-lastigkeit der psychotherapeutischen Versorgungsforschung sei eine Einengung der international gültigen Wissenschaftskriterien für die Wirksamkeit psychotherapeutischer Verfahren.
  • Der psychotherapeutische Dialogprozess erfordere vom Therapeuten spezifische kommunikative Kompetenzen, die nicht als evidenzbasiertes Wissen kodifiziert seien. Psychotherapie sei nicht durch ein System von Korrelationen oder Wenn-Dann-Regeln zu beschreiben. Nur in den Anfängerstadien sei psychotherapeutisches Handeln an fest vorgegebenen Regeln orientiert. Der psychotherapeutische Experte orientiere sich an ganzheitlichem Erfahrungswissen, arbeite intuitiv und gefühlsmäßig beteiligt, nicht rational-mechanisch anhand von rezepthaft vorgegebenen Manualen. Manualisierte Psychotherapie sei ein Regelsystem für Anfänger anstelle einer „Kunstlehre heilkundlicher Psychotherapie“.
  • Das vom wissenschaftlichen Beirat geforderte ätiologische Krankheitsmodell (also die Rückführung aktueller Störungen auf lebensgeschichtliche Ursachen) gehe auf ein heute nicht mehr adäquates, lineares Kausalitätsdenken zurück. Es müsse vielmehr von einem „konditionellen Krankheitsverständnis“ ausgegangen werden, nach dem Krankheit wesentlich von den Lebensumständen, vom Lebensstil und von der patientenseitigen Interpretation seiner Lebensverhältnisse abhänge.
  • Die Vorteile naturalistische Studien gegenüber dem künstlich experimentellen RCT-Design würden massiv unterschätzt, vor allem ihre höhere Praxisnähe und Generealisierbarkeit.

Zurhorst folgert, die evidenzbasierte Medizin müsse durch eine „narrativ-based Medicine“ ergänzt werden, die sich nicht auf naturwissenschaftliche Forschungsweisen, sondern auf Phänomenologie und Hermeneutik sowie auf die Ansammlung fallbezogener Erfahrungen stütze und dem dialogischen Charakter psychotherapeutischen Handelns Rechnung trage.

Werner Eberwein

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