Was ist Dialog?

In seinem 1996 posthum erschienenen Buch „Der Dialog. Das offene Gespräch am Ende der Diskussion“ (7. Auflage Klett-Cotta-Verlag 2014) stellt der Londoner Professor für theoretische Physik David Bohm (1917-1992) seine Vorstellung von einem konstruktiven zwischenmenschlichen Dialog dar, die er in intensivem persönlichem Austausch mit Jiddu Krishnamurti entwickelt hat. Seine Konzepte haben Eingang in verschiedene Methoden z.B. der Mediation und des Businesscoaching gefunden. Ich möchte hier besonders die Aspekte herausarbeiten, die für eine humanistisch verstandene Psychotherapie von besonderer Bedeutung sind.

Der Untertitel seines Buches gibt die Richtung seines Projektes vor: es geht um eine konstruktive Art des zwischenmenschlichen Austauschs auch bei unterschiedlichen Positionen, die über das machtkampfartige den-anderen-überzeugen-wollen im Rahmen einer kontroversen Debatte (Diskussion) hinausgeht.

Bohms Konzepte wurden u.a. von William Isaacs Ph.D. in seinem Buch „Dialog als Kunst gemeinsam zu denken“ (EHP-Verlag 2011) insbesondere für die Anwendung im Business- und Organisations-Coaching ausdifferenziert und weiterentwickelt. Isaacs unterrichtet an der Sloan School of Management am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Zu den ehemaligen Studenten der Sloan School gehört beispielsweise Kofi Annan, der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen. (Die starke Betonung des methodischen Vorgehens bei Isaacs passt allerdings nicht ohne weiteres zu den Grundansichten von Bohm.)

Grundlage von Bohms Sichtweise von Dialogprozessen ist sein Konzept der „impliziten Ordnung“, das er aus der Quantenphysik heraus entwickelt hat. (Ich als physikalischer Laie kann nicht beurteilen, ob Bohms Konzept in der Quantenphysik Sinn macht oder nicht, finde aber, dass es in Bezug auf Dialogprozesse zu interessanten Ideen führt.)

Bohms Grundidee ist es, dass machtgetriebene Diskussionen, in denen es darum geht, die eigene Position durchzusetzen, indem man die Position des anderen negiert, manipulativ destabilisiert oder ihre Falschheit oder Unbegründetheit nachweist, während die Gegenseite dasselbe umgekehrt versucht, ein Produkt von „Fragmentierungsprozessen“ ist. Unter Fragmentierung versteht Bohm einen Zustand, in dem Teilaspekte einer grundlegenden Ganzheit („implizite Ordnung“) auseinandergerissen sind und daher als unvereinbare Gegensätze erscheinen. Dies führt, so Bohm, zu den bekannten Macht-, Verdrängungs-, Überrumpelungs- oder Auslöschungskämpfen in Paaren und Teams, in Familien und Verbänden, aber auch zwischen Nationen, Religionen, Kulturgemeinschaften, ja auch zur ökologischen Zerstörung der Natur.

Bohm setzt dem Konzept der aggressiven Debatte eine holistische, also ganzheitlichen Sichtweise entgegen, die nicht auf eine naiv-weichgespülte Übereinstimmungsromantik hinausläuft, aber auch über die bloße Toleranz anderer Meinungen weit hinausgeht. Sein Konzept kommt der Idee einer kreativen Dialektik nahe, in der Widersprüche miteinander in Bewegung kommen und auf diese Weise kreativ Neues hervorbringen (was in der Systemtheorie als „Emergenz“ bezeichnet wird).

In einer Atmosphäre der unbefangenen, entspannten, nicht-beurteilenden Neugier auch für das ganz Andere im anderen kann zunächst eine akzeptierende empathische Akzeptanz und dann darüber hinaus mit einem Gefühl der Wärme und Freundschaft miteinander eine geistige Neuentwicklung vor dem holistischen Horizont einer grundlegenden, impliziten Verbundenheit entstehen.

Voraussetzung dafür ist es, dass die Tendenz, sich mit den eigenen Positionen zu identifizieren und diese gegen „Angriffe“ zu verteidigen, als ob ein Angriff auf die eigene Position ein Angriff auf die eigene Person sei, überwunden wird in einer Haltung, die Bohm als „In-der-Schwebe-halten“ („Suspendierung“) bezeichnet. Das Gefühl der Sicherheit und Überzeugtheit von der eigenen Position sowie von der Unbegründetheit der Position des anderen wird vorübergehend „suspendiert“ (in der Schwebe gehalten). Man begibt sich also in eine Position einer gewissen Distanz sowohl zur eigenen, als auch zur Position des anderen, aus der heraus kreativen Neuentwicklungen möglich werden.

Im Alltag von unfruchtbaren Diskussionen und Debatten, wie sie auf dem persönlichen und politischen Parkett verbreitet sind, wird ein aktuelles Thema als einen zu lösendes, objektives „Problem“ definiert, als ob es von den Teilnehmern der Diskussion unabhängig sei. Auf diese Weise ist eine Fragmentierung der Standpunkte bereits vorgegeben.

Bohms These ist, dass wir im zwischenmenschlichen Bereich oft nicht vor zu lösenden, faktischen Problemen, sondern vielmehr vor „Paradoxien“ (Bohms Begriffe dafür) stehen, weil die Subjekte, die sich um die Lösung des scheinbaren „Problems“ bemühen, und ihre Interaktion nicht nur Teil des Problems, sondern vielmehr das Thema selbst sind. Ein solches „Problem“ kann nicht auf dieselbe Weise gelöst werden, wie beispielsweise ein defekter Anlasser bei einem Auto. Es erfordert eine spezifische Herangehensweise, nämlich die fortgesetzte Selbstreflexion der eigenen geistigen und emotionalen Prozesse sowie der Interaktionsmuster im Kontakt miteinander.

Eine solche Herangehensweise wäre bei einem faktischen, sachlichen, objektiven Problem, wie etwa einem defekten Auto-Anlasser nutzlos und bloße Zeitverschwendung. Auf der anderen Seite wäre ein Versuch nutzlos, z.B. bei einem Paarkonflikt, in dem beide Seiten sich unverstanden und gekränkt fühlen und sich auf verärgerte Weise fortgesetzt verteidigen und dabei einander missverstehen und verletzen, auf interventionistische Weise „ein Schräubchen zu drehen“ oder „Teile auszutauschen“, weil es sich hier nicht um einen zu lösendes objektives Problem, sondern um eine intersubjektive Kommunikationsverstrickung handelt, die nicht technisch zu lösen, sondern nur in interaktiver Selbstreflexion in Bewegung zu bringen ist. Wenn der Konflikt eine gewisse Verstrickungsintensität erreicht hat, wird jeder Versuch, ihn durch technische „Maßnahmen“ zu lösen, ein Teil des Konfliktes selbst und trägt nicht zu einer nachhaltigen „Lösung“ bei.

Wenn man sich beispielsweise bei einem Paarkonflikt oder in einer Auseinandersetzung in einem Team von Begriffen, Manövern oder Konstellationen angegriffen oder ausgegrenzt, verletzt oder verärgert fühlt und den Impuls verspürt, auf aggressive Weise der anderen Seite „jetzt mal deutlich zu machen, was Sache ist“, würde „in der Schwebe halten“ bedeuten, eine gewisse Distanz sowohl zur eigenen Position als auch zu eigenen Bewertungen und emotionalen Reaktionen einzunehmen, diese aber weder zu unterdrücken noch unmittelbar auszuleben, sondern ihr die volle Aufmerksamkeit zuzuwenden und dies in das Gespräch einzubringen.

Hierbei geht es nicht nur um Inhalte, sondern auch und insbesondere um Bewertungen vor dem Hintergrund der eigenen Biografie, um emotionale und auch um körperliche Reaktionen (beispielsweise Nacken- oder Kieferverspannungen, Dissoziationserlebnisse, Erstarrungen, Schmerzen oder Hitzegefühle). In einer holistischen Betrachtungsweise gehören körperliche, emotionale, geistige, soziale, ökologische und politische Aspekte zusammen.

Eine solche selbstreflektierende (Bohm: „partizipierende“) Kommunikation ist keineswegs einfach, aber sie kann bei intersubjektiven Verstrickungen zu einer nachhaltigen gemeinsamen Weiterentwicklung auf Basis eines Gefühls der Freundschaft und der Verbundenheit führen.

In einem Dialog gibt es häufig einen Unterschied zwischen dem, was der eine sagen wollte und dem, was bzw. wie der andere ihn verstanden hat. Diese Bedeutungsunterschiede können Irritationen und Konflikte erzeugen, aber aus ihnen kann auch etwas fruchtbares Neues entstehen, vor allem wenn die Gesprächspartner (möglichst beide) bereit und in der Lage sind, einander möglichst uneingeschränkt und vorurteilsfrei zuzuhören, ohne zu versuchen, einander zu beeinflussen. Keiner von beiden hält dabei auf Dauer krampfhaft an seinen eigenen Vorstellungen fest oder verteidigt sie. Auf diese Weise kann ein Prozess eines „freien Sinnflusses“ (Bohm) entstehen, dem ein neues Verständnis entspringt, das vorher möglicherweise gar nicht vorhanden war. Dieser „geteilte Sinn“ ist, so Bohn, das, was Menschen in sozialen Beziehungen zusammenhält.

In einer Diskussion ist es das Ziel, zu gewinnen, bei einem Dialog dagegen redet man nicht gegeneinander sondern miteinander. Um in Diskussionen bestehen zu können, muss man eigene Gedanken oder Impulse, die die eigene Position infrage stellen, beiseiteschieben, um die eigene Position angemessen aggressiv verteidigen zu können. Dabei können sich die Gemüter bisweilen erhitzen, und in der Regel gewinnt der Stärkste, während der Unterlegene sich in gekränktes Schweigen (und dann in passiven Widerstand) zurückzieht, was zu einer dauerhaften Belastung der Beziehung zwischen beiden führen kann.

In einem Dialog bemühen sich beide Beteiligten darum, ihre eigenen Reaktionen wie in einem inneren Spiegel fortgesetzt zu studieren und diesen Prozess der Selbstauseinandersetzung dem anderen angemessen mitzuteilen. Ziel ist es also nicht, sich durchzusetzen oder den anderen zu ändern, sondern vielmehr sich seiner selbst und der Interaktion miteinander in ihren Tiefendimensionen immer bewusster zu werden und auf diese Weise die freundschaftliche Beziehung zu stärken und etwas Gemeinsames hervorzubringen. („Gemeinsam zu denken„).

Eine Vorstellung von einer solchen Art des Gespräches erhält man, wenn man sich ein intensives Gespräch zwischen guten Freundinnen oder Freunden vorstellt, die in bestimmten Belangen unterschiedlichen Kulturen angehören oder unterschiedliche Standpunkte haben, einander aber gern mögen und einander durch tiefe Freundschaft verbunden fühlen. Was entsteht ist ein Gespräch der gegenseitigen Anregungen in Respekt für die Andersheit des anderen, ohne Versuch den anderen zu überzeugen, das letzten Endes beide voranbringt und beiden ein immer tieferes Verständnis des besprochenen Themas ermöglicht („partizipierendes Bewusstsein„). Dass die eine Person teilweise eine andere Meinung hat als die andere, bietet dabei anregende Gesprächsthemen, aber keinen Stoff für aggressive Konflikte. Beide verstehen sich, einander und das Gespräch miteinander als Teil eines dynamischen Bedeutungsganzen, das sich beständig weiterentwickelt (holistischer Blickwinkel).

Voraussetzung dafür ist es, zu erkennen, dass eigene Überzeugungen, Identifizierungen und Grundbedürfnisse die Art bestimmen, wie wir „die Dinge sehen“. Wenn wiedersprechende Einstellungen und Beziehungsmuster nicht „suspendierend“ mitreflektiert werden, sind bereits in den ersten Sätzen und Fragen schon die Voraussetzungen enthalten, die zum Konflikt führen, und die daher eigentlich in Zweifel gezogen bzw. miteinander reflektiert werden müssten.

Versteck es in der Seele des Sprechenden selbst,
und der Sprechende wird es niemals finden.

Wenn der Sprechende zum Beispiel gerade verletzt und ärgerlich ist, so sind seine Äußerungen und auch der innere Kontakt zu sich selbst in diesem Moment durchdrungen von Verletztheit und Ärger, was den Konflikt in der Regel aufrechterhält. Ein Ausweg daraus besteht darin, innezuhalten, sich innerlich in seine impulsiven Reaktionen einsinken zu lassen, sie reflektierend zu studieren und sich darüber mit dem anderen auszutauschen (Bohm nennt das: „propriozeptives Denken„).

Für einen solchen reflektierenden Dialog gibt es nach Bohm kein Rezept, kein Handbuch, und keine beschreibbaren Techniken. Das Grundprinzip ist aber sehr einfach:

Dialogische, dialektische Selbstreflexionen
statt fragmentierende, impulsive Aggression
.

Wenn das „in der Hitze des Gefechts“ nicht möglich ist oder war, weil die Reaktionen in aufgeladenen Situationen in der Regel blitzschnell ablaufen, kann es auch im Nachhinein geschehen und kommuniziert werden.

Die Beteiligten müssen zunächst ihre Standpunkte nicht mehr als einzige, unzweifelhafte Wahrheit betrachten, sondern als polare Aspekte einer ganzheitlichen Bewegung der Hervorbringungen von gemeinschaftlichem Neuem.

Werner Eberwein

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