Was ist der Unterschied zwischen Psychoanalyse/Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie und Humanistischer Psychotherapie?

Zuerst muss man dazu sagen, dass die Begriffe „Verfahren“, „Methode“ und „Technik“ 2006 vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie in seinem umstrittenen „Methodenpapier“ definiert wurden. Diese Begriffe sind spezifisch deutsche Konstrukte. Schon im europäischen Raum und erst recht in der internationalen Diskussion spielen diese Unterteilungen keine Rolle. Leider hat der Wissenschaftliche Beirat – Arm in Arm mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss – hier ein bürokratisches Raster beschlossen, dem sich die psychotherapeutischen Ansätze in Deutschland ob sie wollen oder nicht unterwerfen müssen.

Psychodynamische Psychotherapie

In der Definition des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie (der für die berufsrechtliche Zulassung psychotherapeutischer Ansätze zuständig ist) besteht das Verfahren „Psychodynamische Psychotherapie“ aus 22 „Methoden“ – eine davon ist die altehrwürdige Psychoanalyse(!).

Der gemeinsame Bundesausschuss (der für die Kassenzulassung von psychotherapeutischen Ansätzen zuständig ist) geht von einem anderen Verständnis aus. Für ihn sind sowohl die Tiefenpsychologie wie die Psychoanalyse eigenständige Verfahren, für die es eigenständige Ausbildungen und Abrechnungsmöglichkeiten gibt. (Auch „Tiefenpsychologie“ gibt es übrigens nur in Deutschland).

Im Zentrum der psychodynamischen Psychotherapie steht das Konzept des „psychodynamischen Unbewussten“ das durch frühkindliche Beziehungserfahrungen geprägt ist. Psychische Störungen entstehen im psychodynamischen Verständnis durch konflikthafte Beziehungsmuster in der frühen Kindheit und Mängel in Selbstfunktionen.

Verhaltenstherapie

Die Verhaltenstherapie ist in der Definition des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie eine Gruppe von 55 (!) verhaltensorientierten Interventionsmethoden um spezifische Modifikationsziele zu erreichen. Diese werden aufgrund von fixierten Störungsmodellen auf Basis einer Verhaltensanalyse als systematische, zielorientierte Interventionen angewandt.

Humanistische Psychotherapie

Die Humanistische Psychotherapie definiert sich in ihrem Antrag auf Anerkennung durch den Wissenschaftlichen Beirat von 2012 als aus 6 Methoden bestehendes Verfahren zur Aktualisierung kreativer Potenziale mit dem Ziel einer selbstregulativen, Sinn-orientierten, selbstverantwortlichen Lebensgestaltung. Störungen entstehen durch Inkongruenz (d.h. durch Nicht-Übereinstimmung zwischen Selbstbild und Selbsterleben). In der Therapie steht die Exploration und Selbstexploration des Patienten auf Basis einer personal akzeptierenden und bedingungsfrei wertschätzenden Beziehung zum Patienten im Vordergrund. Durch empathisches Verstehen, Einladungen zu Erfahrungsexperimenten und gegebenenfalls hinterfragende Konfrontation werden latente kreative Potenziale aktiviert und angewandt.

Emotionale Konflikte und „unerledigte Geschäfte“ (Fritz Perls) werden inszeniert, aktiviert und dialogisch durchgearbeitet. Die Humanistische Psychotherapie arbeitet körper- und erlebnisorientiert an Gefühlsvermeidungen und mit dem Gefühlsausdruck. Sie sieht Störungen und deren Bewältigungsprozesse mit einer existenziellen Perspektive auf menschlicher Subjektivität, Wahlfreiheit und Selbstverantwortung. Auf Basis einer phänomenologischen Orientierung arbeitet sie mit einem Werte-orientierten, teleologischen Entwicklungskonzept.

Die Methoden und Techniken der 3 Verfahren sind hier aufgelistet.

Werner Eberwein

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