Was ist Borderline?

Vorbemerkungen

Den Begriff „Borderline“ verstehe und verwende ich weniger im Sinne der Diagnose einer psychischen Störung bzw. Krankheit, also einer individualisierenden Etikettierung, sondern eher als Bezeichnung einer psychischen Dynamik, also einer allgemein menschlichen Reaktionsmöglichkeit, einer existenziellen Funktions- und Erlebensebene.

Die Diagnose einer psychischen Störung setzt eine Vorstellung davon voraus, was unter psychischer Gesundheit zu verstehen ist. Darüber gibt es jedoch unter Psychotherapeuten, Psychologen und Psychiatern keine Einigkeit, ja es existiert noch nicht einmal im Ansatz eine allgemein akzeptierte Definition dessen oder ein Verständnis dafür, was unter psychischer Gesundheit zu verstehen ist. Gängige Definitionen sind meist zirkulär: Psychisch gesund ist jemand, der nicht psychisch krank ist, und psychisch krank ist jemand, der nicht psychisch gesund ist.

 

Auch scheinbar rein deskriptive Beschreibungen bzw. Auflistungen von Symptomen helfen letztlich nicht weiter. Im ICD-10 wird die „Emotional instabile Persönlichkeitsstörung“ wie folgt definiert:

„Eine Persönlichkeitsstörung mit deutlicher (?) Tendenz, Impulse ohne Berücksichtigung von Konsequenzen (?) auszuagieren (?), verbunden mit unvorhersehbarer (?) und launenhafter (?) Stimmung. Es besteht eine Neigung zu emotionalen Ausbrüchen (?) und eine Unfähigkeit, impulshaftes Verhalten (?) zu kontrollieren (?). Ferner besteht eine Tendenz zu streitsüchtigem (?) Verhalten und zu Konflikten mit anderen (?), insbesondere wenn impulsive Handlungen (?) durchkreuzt oder behindert werden.

Zwei Erscheinungsformen können unterschieden werden: Ein impulsiver Typus, vorwiegend gekennzeichnet durch emotionale Instabilität (?) und mangelnde Impulskontrolle (?); und ein Borderline- Typus, zusätzlich gekennzeichnet durch Störungen des Selbstbildes (?), der Ziele (?) und der inneren Präferenzen (?), durch ein chronisches Gefühl von Leere (?), durch intensive, aber unbeständige (?) Beziehungen und eine Neigung zu selbstdestruktivem Verhalten (?) mit parasuizidalen Handlungen und Suizidversuchen.“

Überall wo ich Fragezeichen eingefügt habe gehen meines Erachtens soziale Wertungen ein, die selbst nicht mehr reflektiert werden.

Das „Normale“ kann weder im Sinne des gesellschaftlichen Durchschnitts oder der Mehrheit der Gesellschaft, noch im Sinne der Befolgung gesellschaftlicher „Normen“ als gesund bezeichnet werden, vor allem nicht unter Umständen, in denen gerade die Befolgung gesellschaftlicher Normen zu psychischem Leid beiträgt oder unter denen ein großer Anteil oder gar die Mehrheit der Bevölkerung psychisch leidet.

Auch das subjektive Gefühl, psychisch zu leiden kann Gesundheit von Krankheit nicht unterscheiden, denn:

  • es gibt psychische Muster des Erlebens und Verhaltens, die von außen betrachtet offensichtlich problematisch bis gefährlich sind, von dem Betreffenden selbst aber nicht als leidvoll erlebt werden (z.B. „erfolgreiche“ Narzissten, psychopathische und antisoziale Persönlichkeiten, manische Psychosen, Drogensüchtige zu Beginn ihrer Abhängigkeit usw.) und
  • es gibt Formen von selbst schwerem psychischen Leid, die nicht als krankhaft oder gestört angesehen werden können (z.B. Reaktionen auf Trennungen und schwere Verluste, Schuldgefühle wegen begangener Straftaten, realistische Existenzängste bei Verschuldung oder Arbeitslosigkeit, Todesängste in Kriegsgebieten usw.)

Ich verwende den Begriff „Borderline“ als Bezeichnung für einen bestimmten Typ des Umgangs mit existenziellen Herausforderungen, denen sich jeder Mensch auf die eine oder andere Weise stellen muss, vergleichbar etwa mit Themen wie Angst, Depression, Abhängigkeit, Psychosomatik oder ähnlichen.

Natürlich gibt es Menschen, die stärker als andere unter Ängsten, Depressionen, Abhängigkeiten oder psychosomatischen Störungen leiden, wobei die Intensität ihres Leidens das ganze Spektrum von gelegentlichen, leichten Irritationen bis hin zu extremer Verzweiflung abdecken und/oder zwischen diesen Intensitätsniveaus schwanken kann. Das gleiche gilt für die Borderline-Dynamik.

Jeder Mensch kann unter bestimmten Bedingungen in eine Borderline-Dynamik hinein regredierten bzw. auf einem Borderline-Niveau (Erklärung folgt unten) erleben. Jeder Mensch hat solche Dynamiken und Erlebensweisen in sich selbst schon erlebt, auch wenn er das vielleicht nicht so genannt oder es hinterher wieder vergessen hat oder mit dieser Seite von sich nichts zu tun haben will. Auch Paare, Teams oder Organisationen, Parteien oder Staaten können zeitweise oder längerfristig auf eine Weise organisiert sein, die man in den Kategorien einer Borderline-Dynamik beschreiben kann.

Borderline ist, wie das Wort schon sagt, ein Problem der Grenzen. Borderline ist Entgrenzung und Abschottung zugleich, gekennzeichnet durch Diffusionen der Identität, mangelnden Selbstbezug, emotionale und Beziehungs-Labilität, intensive aber instabile Beziehungen und eine Neigung zu multiplen Spaltungen (Erklärungen siehe unten).

Psychodynamisch betrachtet erscheint die Borderline-Dynamik wie ein Erleben auf einer Säuglings-Ebene (auf dem „Baby-Level“). In Borderline-Zuständen erleben und funktionieren Menschen wie Säuglinge im Körper von Erwachsenen. Beispielsweise haben die wütenden Attacken in Borderline-Zuständen mehr gemeinsames mit dem verzweifelten Schreien eines Babys als mit einer Auseinandersetzung zwischen erwachsenen Menschen.

Es können verschiedene Varianten und Intensitätsstufen einer Borderline-Dynamik unterschieden werden. Es handelt sich dabei um psychische Zustände, die mit intersubjektiven Dynamiken verbunden sind, und die daher kaum exakt gegeneinander abgegrenzt werden können, z.B.:

  • High-level-Borderline-Persönlichkeitsstörungen: wenn die Persönlichkeit noch recht gut organisiert ist und die Beziehungen einigermaßen stabil sind,
  • Low-level-Borderline-Persönlichkeitsstörungen: wenn die Persönlichkeit schon deutlich desorganisiert ist und die Beziehungen sehr instabil sind,
  • Borderline-Beziehungsdynamiken: zwischenmenschliche Interaktionsmuster, bei denen nicht wirklich klar ist, wer von den Beteiligten Borderline „ist“ und wer nur in die Dynamik hineingezogen wurde,
  • Borderline-Erlebensebenen: entgrenzte und zugleich abgeschottete innere Erlebens- und Erfahrungsbereiche,
  • Borderline-Krisen: vorübergehende Einbrüche in das Borderline-Level unter akutem Stress (z.B. in akuten Beziehungskrisen),
  • Borderline-Strukturen bzw. -Persönlichkeitsorganisationen: überdauernde Muster des Erlebens und Verhaltens und der Beziehungsorganisation, denen Borderline-Muster zugrundeliegen,
  • Borderline-Psychosen: kurze (einige Minuten bis Tage dauernde) Episoden von weitgehendem oder komplettem Identitätsverlust mit anschließender vollständiger Restabilisierung.

Im Folgenden beschreibe ich weitgehend die extremen also „Low-level“-Formen der Borderline-Dynamik, weil darin die entsprechenden Tendenzen am deutlichsten zum Ausdruck kommen. Und ich spreche der sprachlichen Einfachheit halber von „Borderlinern“ in dem Wissen, dass ein Borderliner mit all seinen Fähigkeiten und Unfähigkeiten in jedem von uns steckt.

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Vom 29.4. bis 1.5.2017 fand in Wien ein gut besuchter Kongress der Internationalen Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse (GLE-I) mit dem Titel „Schmerz-HAFT. Verständnis und Behandlung der Borderline-Störung“ statt. Auf diesem Kongress stellten unter anderem führende Vertreter verschiedener Verfahren der Psychotherapie (Alfried Längle für die Existenzanalyse, Matthias Lohmer für die Übertragungsfokussierte Psychotherapie und Eckart Roediger für die Schematherapie) ihr Verständnis und die Prinzipien ihrer Arbeitsweise mit der Borderline-Dynamik vor. In einer Vielzahl von weiteren Vorträgen, Podien und Rollenspiel-Demonstrationen ging es um die Frage, was Borderline ist und was in der Psychotherapie von Borderline hilfreich und erforderlich ist.

Im Folgenden möchte ich zusammenfassen, was ich von diesem Kongress mitgenommen habe, und dem einige eigene Gedanken hinzufügen, wobei ich, um den Inhalt nicht zu zerreißen, nicht differenziere, welche Konzepte jeweils von wem stammen.

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1. Borderline-Fähigkeiten

Borderline ist nicht nur eine Ansammlung von Instabilitäten, Schwächen und Unfähigkeiten, sondern zeichnet sich auch durch spezifische Stärken, Fähigkeiten und Kompetenzen aus, was in der klinischen Literatur häufig zu kurz kommt. Ich möchte hier zumindest einige besondere Fähigkeiten von Borderliner an bzw. in Borderline Zuständen andeuten, auch um meine Wertschätzung diesen Erlebensweisen gegenüber zum Ausdruck zu bringen:

  • Borderliner erleben ein hohes Maß an Intensität und ein breites Spektrum an Variationen in ihren Gefühlen und ihren Beziehungen.
  • Durch ihre offenen Grenzen sind sie sehr tolerant gegenüber Entgrenzung und Grenzüberschreitungen anderer Menschen und in Bezug auf eine große Variationsbreite an menschlichen Erlebens- und Verhaltensmöglichkeiten (bspw. in Bezug auf Sexualität, Abenteuer, soziale Normen, Experimentierfreude, Kreativität u.v.a.).
  • Borderliner können sehr schnell sehr intensiven emotionalen Kontakt herstellen. Sie lösen intensive Gefühlsreaktionen und intensive Bindungen aus und werden für andere Menschen schnell emotional bedeutsam.
  • Sie können ihr Erleben und Befinden überaus präzise und detailreich beschreiben.
  • Sie können weniger als andere Menschen verdrängen, verleugnen, vermeiden und ignorieren. Die Grenzen zu ihrem eigenen Unbewussten und zwischen ihrem Selbsterleben und dem Erleben anderer sind durchlässig, daher haben sie Zugang zu inneren Anteilen und Erlebensebenen, die anderen Menschen verborgen bleiben, und auch zu untergründigen Anteilen anderer Menschen und in zwischenmenschlichen Interaktionen.
  • Im Kontakt mit Borderlinern kommt man um Ehrlichkeit vor sich selbst und ihnen gegenüber nicht herum. Borderliner verfügen über eine überaus feine Wahrnehmung für bestimmt Aspekte sozialer Situationen und eine hohe Sensibilität für feine und untergründige emotionale Schwingungen, unterschwellige Botschaften und Manipulationen. Sie haben einen selektiven Scharfblick und eine große partielle Tiefenempathie auch für Aspekte dessen, was andere abwehren oder verleugnen.
  • Sie durchschauen selektiv Lügenhaftigkeit und Selbstbetrug anderer Menschen in hoher Intensität und können kaum anders, als Scheinheiligkeit und Unauthentizität gnadenlos zu entlarven.
  • Sie sind im Rahmen ihrer Möglichkeiten radikal ehrlich. Vorgetäuschtes, nicht authentisches Pseudo-Verstehen und bloß formale, oberflächliche Zuwendung werden sofort entlarvt. Borderliner rütteln und zerren an den Fassaden anderer Menschen, bis diese bröckeln und verborgene innere Instabilitäten zum Vorschein kommen.

2. Wie Borderliner nach außen erscheinen

Das bekannteste Kennzeichen einer entwickelten Borderline-Dynamik ist die Neigung zu Selbstverletzungen. 80 % aller diagnostizierter Borderliner verletzen sich selbst. Die bekannteste Form der Selbstverletzung ist das Ritzen, also das meist relativ oberflächliche Schneiden in die Haut bis es blutet, oft an den Unterarmen, aber auch an allen möglichen anderen Körperstellen, zum Beispiel an den Genitalien und manchmal auch sehr tief, bis auf die Knochen.

Eine andere Form ist das absichtliche Verbrennen z.B. mit Zigaretten oder Verbrühen mit heißen Flüssigkeiten. Aber auch Hochrisikoverhalten (z.B. überschnelles Autofahren, eingehen hoher bis extremer Risiken beim Sport usw. sowie der Substanzmissbrauch mit Alkohol oder harten Drogen) gehört dazu.

Die Selbstverletzung geschieht meistens nicht in suizidaler Absicht, aber auch Suizidversuche und erfolgte Suizide sind bei Borderliner häufig. 8 % aller diagnostizierter Borderliner nehmen sich selbst das Leben.

Typisch für Borderliner sind schnell entstehende und sich vertiefende, intensive aber instabile, verstrickte, „verkeilte“ Beziehungen.

Borderliner neigen zu entgrenzter Sexualität und zu Promiskuität bis hin zur Sex- und/oder Liebes-Sucht, oft bei gleichzeitiger übertriebener bis extremer Eifersucht.

Sie haben große Schwierigkeiten, ihre Gefühle zu regulieren. Insbesondere fällt es ihnen schwer, Zustände von Übererregtheit herunterzuregulieren und sich selbst zu beruhigen. Sie sind sehr impulsiv und neigen zu unbedachten, spontanen Handlungen, ungeachtet eventueller Risiken.

Borderliner neigen zu intensiven und unverhofften, feindseligen Attacken, die zielsicher in die empfindlichsten Punkte des Gegenüber hineintreffen.

Sie sind instabil in Bezug auf ihr Selbstbild und ihre sexuelle Identität, ihre Überzeugungen, Wünsche und Bedürfnisse sowie Grenzen.

Borderliner neigen dazu, unbewusst Situationen zu erzeugen bzw. zu fördern, in denen sie zum Opfer von Gewalt werden, und sie neigen auch selbst dazu, verbal und körperlich Gewalt, Kontrolle und Manipulation auszuüben.

Borderliner neigen zu massiven Gefühls- und Stimmungsschwankungen. Innerhalb von wenigen Tagen, Stunden, ja sogar Minuten können ihre Stimmungen, aber auch ihre Überzeugungen und ihr Verständnis sozialer Situationen unvermittelt von einem Extrem in ein anderes kippen. Borderliner leben in einem und erzeugen einen ständigen „Wirbel“ in sich und um sich herum.

Zeitweise neigen Borderliner zu aggressiven Schweigen unter deutlich wahrnehmbaren inneren Überdruck um beziehungsgefährdende emotionale Explosionen zu vermeiden.

Es fällt ihnen außerordentlich schwer, nahestehende Menschen (vor allem Liebespartner und Familienangehörige) als eigene Person mit eigenen Bedürfnissen (vor allem Schutzbedürfnissen) und Grenzen wahrzunehmen, anzuerkennen und zu respektieren. Sie verhalten sich besonders in nahen und ganz besonders in intimen Beziehungen häufig rücksichtslos, egozentrischen und ausbeuterisch und benutzen andere Menschen als Objekt ihrer Bedürfnisse und Aggressionen.

Typisch für Borderliner ist ein schnelles Hin-und-her-Kippen (Oszillieren) zwischen gespaltenen Beziehungsanteilen (mehr dazu siehe unten).

Sie neigen zu paranoiden, als sicher angenommenen Erwartungen anderen Menschen gegenüber. Insbesondere erwarten sie mit Sicherheit, von anderen entweder verlassen oder verschlungen zu werden oder beides zugleich. Wenn sich diese Erwartungen nicht erfüllen neigen sie dazu, den inneren Halt zu verlieren, aber wenn sich ihre Ängste erfüllen, destabilisiert es sie ebenso.

Borderliner zeigen ihre Befindlichkeiten im Rohzustand mit oft quälend präzisen Beschreibungen ihres inneren Erlebens.

Die emotionale Intensität und der verwirrende Beziehungswirbel zwischen gespaltenen Anteilen fasziniert und bindet Liebespartner, erschreckt sie aber auch und kann sie oder die Beziehung zerreißen.

3. Mangelnde Fähigkeiten

Borderliner „haben sich selbst nicht“. Es mangelt ihnen an stabilem Bezug zu sich selbst, zu ihrem eigenen Ich, ihrer Identität und besonders zu ihrem Körper und Körpererleben.

Es fällt ihnen überaus schwer, anderen Menschen zu vertrauen und sich ihnen anzuvertrauen. Es fehlt ihnen an Urvertrauen in die Welt, in andere Menschen und in deren Gutwilligkeit. Die Welt ist für Borderliner ein gefährlicher, latent böser Ort.

Borderliner haben große Schwierigkeiten, ihre Gefühle zu „halten“, d.h. sie innerlich zu spüren und auf reflektierte Weise verbal zu kommunizieren anstatt sie spontan und impulsiv auszuleben.

Es fehlt ihnen an „Objektkonstanz“. Wenn eine haltgebende Bezugsperson abwesend bzw. nicht jederzeit verfügbar ist, verfallen sie leicht in Panik, weil sie die Gebundenheit mit dieser Person in Abwesenheit derselben nicht mehr fühlen können.

Borderliner sind kaum bis gar nicht in der Lage, sich selbst, ihr eigenes Verhalten und Beziehungssituationen reflektierend von außen (aus der 3.-Person-Perspektive), d.h. aus einer gewissen Distanz heraus zu betrachten.

Sie sind sehr unsicher in ihrer sexuellen Identität, also was ihre Identität als Frau oder als Mann betrifft, ihren geschlechtsbezogenen Charakter, ihre Vorlieben und Abneigungen, ihre Bedürfnisse und Grenzen.

Aufgrund ihrer Schwierigkeiten, sich von sich selbst zu distanzieren haben Borderliner Schwierigkeiten mit ironischem oder selbstironischen Humor. Sie neigen dazu, Frotzeleien konkretistisch zu verstehen (wörtlich zu nehmen) und durch diese massiv gekränkt zu sein oder selbstironischen Humor anderer Menschen als kritische Offenbarung von Sünden zu verstehen und aggressiv darauf zu reagieren.

4. Das Borderline-Erleben

Das Erleben im Borderline-Zustand ist geprägt von schier unerträglichem Schmerz und Verzweiflung und von einer Destabilisierung des Selbst an die Grenze des Erträglichen, eine ständige Angst vor dem Zerschmettertwerden des Selbst in Desorientiertheit.

Borderliner sind zerrissen zwischen Extremen, vor allem zwischen einer unersättlichen Gier nach intensiver Nähe und einer panischen Angst davor. Sie spüren eine schier unerträgliche Sehnsucht in sich, ohne wirklich zu wissen, wonach. Sie schwanken zwischen Affektstürmen und Erstarrung in innerer Leere und fühlen sich gefangen zwischen beiden zugleich. Sie erleben und leben intensiven Hass und Selbsthass, panische Vernichtungsängste und Gewaltneigungen sowie eine übertriebene (oder auch realistische) Angst vor dem Verlassenwerden, vor Trennung, Allein- und Getrenntsein. Sie fühlen sich haltlos und ständig bedroht in einer Welt und einem Selbst, worin sie nicht verwurzelt und geerdet sind.

Borderliner „haben“ sich selbst nicht. Ihr Zugang zu ihrem Ich, ihrem Selbst, ihren Gefühlen, ihrer Identität und ihrem Körper ist gestört. Daher „sind“ sie nur in intensiver, möglichst einmaliger Beziehung zu einem haltgebenden Gegenüber, die allerdings in Wirklichkeit nur eine funktionale Ersatzbeziehung, nicht aber anerkennende, dialogische Begegnung ist.

Ohne Liebe „sind“ Borderliner nicht. Daher sind sie existenziell abhängig von einer intensiven, ausschließlichen Bindung („Liebes-Sucht“). Verlassenwerden von der Person, die ihnen Halt gibt, löst nicht Trauer, sondern panische Angst aus, weil es ihnen den Selbstbezug wegnimmt.

Borderliner sind hochempfindlich gegenüber Gleichgültigkeit, Ignoranz, Distanz oder Nicht-Authentizität anderer Menschen.

Ihr Schmerz ist ein Schmerz aufgrund des Mangels an Kontakt, letztlich an Kontakt zu sich selbst. Daher leiden sie unter unerträglichen Spannungen und zugleich unter unerträglicher Taubheit. Sie sind wie verlorene, einsame Kinder in tödlicher Leere, die in sich einen zerreißenden, schier unerträglichen Schmerz haben, von dem sie nicht wissen, woher er kommt oder wie sie ihn loswerden können. Das führt zu massiven Gegenreaktionen bzw. Kompensationsversuchen, also zu all dem, was von der Borderline-Dynamik nach außen sichtbar ist.

Borderliner sind gierig nach Leben aus Mangel an geerdeter Vitalität. In ihrer bodenlosen Gier nach Intensität „überfressen“ sie sich an Reizen, die sie nicht verkraften und verarbeiten können, so dass sie die dadurch ausgelösten Gefühle wieder ausstoßen müssen („Reiz-Bulimie“).

Es fehlt ihnen an der Fähigkeit zur Einfühlung in andere (Empathie/Selbstempathie, Mentalisierung) weil ihnen der Kontakt zu ihrem eigenen Erleben fehlt. Sie können den anderen nicht fühlen, weil sie Schwierigkeiten haben, sich selbst zu fühlen. Ihre Beziehungsucht ist ein Versuch der Kompensation ihrer inneren Leere aus Mangel an Bezug zu sich selbst. Nur wenn sie Intensität in Beziehungen erleben, fühlen sie sich lebendig. Borderliner sind in sich, in ihrem eigenen Erleben, in ihrem Körper und ihrer Identität nicht geerdet. Daher wird Beziehungsverlust als vernichtend, als tödlich wahrgenommen.

Ihre innere Zerstörtheit kommt in ihrem Verhalten zum Ausdruck.

Die Angst von Borderlinern, verlassen zu werden, ist auch realistisch aufgrund ihres massiven Beziehungsagierens. Häufig halten sie die Spannungen, in die sie in der (von ihnen so massiv ersehnten) innigen Beziehung kommen, nicht aus und zerstören die Beziehung bzw. brechen sie ab, was sie dann katastrophisch als Verlassenwerden erleben.

Im Kontakt sind sie überwältigend, verschlingend, vereinnahmend, kontrollierend, manipulativ und radikal egozentrisch.

Wegen der Defizite in der Stabilität ihrer psychischen Struktur (vor allem ihrer mangelnden Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen) können unter Stress unvermutete, plötzliche Zusammenbrüche in Form von akuten Regressionen bis hin zu Minipsychosen entstehen.

Borderliner sind hoch empfindsam und regressions- bzw. fragmentierungsbedroht, vor allem wenn tragende Bindungen entweder gefährdet sind oder drohen, zu nah zu werden.

Sie sind ständig emotional und energetisch überladen, auch als Schutz vor ihrem unerträglichen inneren Schmerz.

Sie versuchen mit aller Macht und gewaltsam, intensive, einmalige Liebesbindungen zu erzwingen und aufrechtzuerhalten und klammern daran und darin durch intensive Verwicklungen, die sie dann aber selbst kaum ertragen können.

Borderliner verwechseln ihre emotionale Impulsivität mit ihrer Identität. Sie glauben, was spontan aus ihrem Inneren in die Welt hineinplatzt, das sind bzw. wollen sie in der Wirklichkeit ihres Wesens.

Wenn ein Borderliner sich wirklich fühlt, also sich wirklich emotional in seinem Körper wahrnimmt, fühlt er den unerträglichen Schmerz des Nicht-anerkannt-Seins als Person. Er spürt dann die innere Leere wegen eines Mangels an Halt und Grenzen gebender, empathischer Spiegelung.

Borderliner haben in ihrer Kindheit ein Ersticken ihrer Lebendigkeit erlebt. Wie sie sich verhalten, kann als Schrei nach Leben verstanden werden. Ihr Innenleben ist voller Schmerz, daher sind sie gewaltsam in ihren Beziehungen.

Der andere muss so sein, wie sie ihn wahrnehmen. Sie gehen davon aus, dass ihre Wahrnehmungen stimmen müssen, weil sie häufig so vieles Unterschwelliges wahrnehmen, was andere verleugnen, ihnen aber offensichtlich ist. Wenn der andere nicht so ist, wie sie ihn mit Sicherheit zu sehen glauben, werden sie panisch, weil ihnen das die Orientierung und damit den inneren Halt nimmt. Sie kämpfen dann erbittert um die Bestätigung ihrer Projektionen, so lange, bis sie ihre Bilder tatsächlich im anderen hervorgerufen haben.

Borderliner haben zu wenig erlebt, dass sie als Mensch erkannt, anerkannt, gesehen, empathisch validiert und bestätigt werden. Daher ziehen sie sich häufig in zeitlose seelische Rückzugsorte zurück, also in Fantasiewelten oder in Zustände zeitlosen Verharrens (auch durch Substanzmissbrauch), was zugleich zu zum Fluchtort und zum Gefängnis wird.

5. Borderline-Spaltungen

Typisch für die Borderline-Dynamik sind multiple Spaltungen im Erleben und Verhalten. Spaltung ist hier nicht im Sinne einer Persönlichkeitsspaltung zu verstehen, wie sie etwa bei multiplen Persönlichkeiten oder bei schizophrenen Psychosen auftritt. Borderline-Spaltung bedeutet, dass Anteile des Inneren, die normalerweise vielleicht als ambivalent erlebt würden, von Borderliner voneinander abgeschottet und in komplett getrennten inneren Abteilungen untergebracht werden müssen, weil es für sie unerträglich wäre, die Spannungen zwischen beiden Teilen in ihrem Bewusstsein zu erleben.

Borderliner identifizieren sich zeitweise mit einem Teil dieser Spaltung (also mit einem Aspekt ihrer Persönlichkeit), während sie den jeweils anderen Teil nicht ertragen können und loswerden müssen. Aufgrund ihrer porösen Ich- und Abwehrgrenzen sind Borderliner nur in begrenztem Umfang in der Lage, unerträgliche Anteile zu verdrängen, daher werden diese Anteile in nahestehende Personen hineinverlagert („deponiert“).

Dadurch entsteht nicht nur eine verzerrte Fehlwahrnehmung des anderen (im Sinne einer Projektion), es ist also nicht nur ihre Wahrnehmung der anderen Person, die vereinseitig oder verzerrt ist, sondern Borderliner erzeugen durch massives Beziehungsagieren oder subtile, in der Regel auch ihnen selbst unbewusste Manipulation in der anderen Person tatsächlich die Gefühlsreaktionen und Impulse, die ihnen in ihnen selbst unerträglich sind. Nun erlebt der Borderliner die von ihm „ausgestoßenen“ Anteile tatsächlich im Beziehungsverhalten seines Gegenübers und muss diese Anteile, die für ihn massiv bedrohlich sind, beim anderen durch massive Angriffe bekämpfen oder durch die Anwendung von Zwang oder Manipulation kontrollieren.

Auf diese Weise hat sich der Borderliner unerträglicher Anteile seiner selbst einerseits entledigt, andererseits verfolgen ihn diese Anteile nun tatsächlich im (von ihm selbst unbewusst evozierten) Verhalten des anderen. Aus einer unerträglichen inneren Spannung ist de facto eine unerträgliche Beziehungsverwicklung geworden. Nach einer Weile können weder die Beteiligten selbst noch ein unbeteiligter Zuschauer mehr unterscheiden, von wem der beiden Beziehungspartner die Borderline-Dynamik eigentlich ausgeht, und welcher der Partner in diese Dynamik lediglich vom anderen hineingezogen oder hineingezwungen wurde. In der Psychoanalyse in der Nachfolge von Melanie Klein wird diese Dynamik als „projektive Identifizierung“ bezeichnet.

Ausgangspunkt dieser Beziehungspathologie sind Spaltungen in der Identität des Borderliners im Zusammenhang mit gespaltenen Beziehungen. Das wird dadurch noch einmal erheblich kompliziert, dass Borderliner sehr schnell zwischen den beiden Polen der Spaltung (Beispiel siehe unten) hin und her kippen und sich mal mit dem einen und unmittelbar darauf mit dem anderen Pol der Spaltung identifizieren und den jeweils anderen Pol in ihr gegenüber projizieren bzw. in ihm evozieren.

Die zentrale Spaltung im Erleben und Verhalten von Borderlinern wird als „agoraphobisch-klaustrophobisches Dilemma“ bezeichnet. Das bedeutet, dass sie weder allein noch in Beziehung, sein können und weder Abstand noch Nähe auf Dauer ertragen können, was zu einem unentwegten Hin-und-her-Kippen zwischen diesen beiden Extremen führt:

  • Einerseits haben Borderliner eine massive Angst vor Verlassenwerden, vor Trennung und Alleinsein, weil sie dann den inneren Halt verlieren und von Auflösung ihres Ich bedroht sind. Daher suchen sie leidenschaftlich nach einer haltgebenden, vertrauenswürdigen, innigen Liebesbindung, klammern sich auf abhängige Weise daran und versuchen, intensiven Dauerkontakt und eine „betonfeste“ Bindung zu erzwingen. Sie streben nach (und erleben auch zeitweise) ekstatische Zustände von Verschmelzung, also von ungetrenntem Einssein mit dem anderen.
  • Andererseits und zugleich haben Borderliner eine panische Angst vor Einengung, vor Dominiert-, Gezwungen- und Verschlungenwerden, was sie in einer innigen Beziehung mit Sicherheit erwarten und was sie ebenfalls als Auflösung erleben. Daher attackieren sie die Beziehung, die ihnen Halt gibt, greifen sie an und tun alles um sie zu zerstören, um ihre Autonomie zu behalten bzw. wiederzugewinnen. Sie brechen Beziehungen unvermittelt ab und ziehen sich äußerlich oder innerlich in Isolation und Abgeschottetheit zurück. Aus Angst vor Identitätsverlust in einer innigen Beziehung und auch aus Angst vor dem Verlassenwerden, das ihnen unvermeidlich erscheint, tun sie alles, um eine innige Beziehung zu vermeiden oder zu zerstören, die sie zugleich mit aller Kraft anstreben.

Dieses Grundmuster ist die Basisdynamik für viele weitere Spaltungen, die ich beispielhaft in der folgenden Tabelle aufgeführt habe:

verletzt verletzend
verwirrt verwirrend
verzweifeltes Schreien nach Liebe/Sicherheit/Geborgenheit können nicht nehmen was ihnen angeboten/gegeben wird
in Kontakt mit bei anderen Menschen unbewusstem Material (verminderte Verdrängungsfähigkeit) Kontaktverlust zu Anteilen des Selbst (Deponieren im anderen)
Gefühllosigkeit, quälende innere Leere emotionale Intensität, ständiger emotionaler Überdruck
Gewaltneigungen panische Vernichtungsängste
Lebensgier, unersättlicher Erlebnis-
und Intensitätshunger
Sehnsucht nach Erlösung im Nichtsein
(= ohne Schmerz sein)
Idealisierung, Selbstidealisierung Entwertung, Selbstentwertung
Worte Handlungen
kognitive Mitteilungen nonverbaler Ausdruck
Überzeugungen jetzt Überzeugungen gestern/gerade eben noch
engelhaft teuflisch
entgrenzte (animalische) Sexualität/Sexualisierung Asexualität/Unerfahrenheit/
„emotionale Jungfräulichkeit“
intensive Emotionalität
und Körperlichkeit/
Gefühlsleere, Gefühllosigkeit, mangelnder Kontakt zu sich selbst/zum Körper
feinste Wahrnehmung
für andere Menschen
Blindheit selbst für Offensichtliches, systematische Verzerrungen der Beziehungswahrnehmung
rücksichtlose, zur Entgrenzung neigende Aggressivität => nicht enden wollende Dauerattacken übermäßige Empfindsamkeit/Verletzbarkeit
für die feinsten Spuren/Andeutungen von Aggression
intensives Beziehungsagieren emotionale Unzugänglichkeit
Versuch, Ehrlichkeit und Klarheit
zu erzwingen
Lügen, Verschweigen, Verschleiern, Verzerren
Versuch, Liebe und Zuwendung
zu erzwingen
Abscheu vor nur vorgespielter/
formeller Zuwendung
panische Angst vor Beziehungs-/
Therapie-Ende
Entwertung und Zerstörung
der Beziehung/Therapie
der Andere/der Therapeut soll seine eigenen Gefühle, Bedürfnisse und Impulse total zurücknehmen („Heiliger“) massive Manipulation des Anderen/Therapeuten um seine verleugneten Gefühle/Bedürfnisse/Impulse hervorzulocken
wollen bzw. müssen selbst alles sagen
und tun können
wollen bzw. könne dem anderen
in seinem Anders-Sein nicht lassen,
nicht sehen und nicht zuhören
massives Provozieren intensiver authentischer Reaktionen (Authentizität gibt Sicherheit und das Gefühl wichtig zu sein) Unfähigkeit mit den provozierten Reaktionen bei anderen umzugehen
Erotisierung (u.a. um einmalige, intensive Bindung herzustellen) Erotisierung als Provokation (u.a. um die Stabilität des anderen zu testen)
Angst vor Übergriffen (Invasionen) Angst vor Verlassenwerden (Deprivationen)
erzeugen internsiven Kontakt erleben sich als einsam, „der einzige ihrer Art“
hohe Sensibilität für feine Schwingungen braucht intensive Stimulation
um sich lebendig zu fühlen
stimmen sich hoch empathisch ein auf Bedürfnisse nahestehender
befriedigt selbst abgewehrte Bedürfnisse des anderen
mangelt es an Empathie für die Bedürfnisse nahestehender Personen als Anderer
frustriert selbst einfachste Bedürfnisse des anderen
Gier nach intensivem Erleben
=> entgrenztes Verhalten
Bedürfnis nach Ruhe und Spannungslosigkeit
=> Suizidalität
nutzt und beutet nahestehende Menschen rücksichtslos aus lässt sich von nahestehenden Menschen entgrenzt ausnutzen und ausbeuten

 

 

6. Wie Borderline entsteht

Man geht davon aus, dass eine Borderline-Struktur durch frühe Bindungsstörungen, also einen Mangel an einer zuverlässigen, Halt und Orientierung gebenden, emotional abgestimmten und empathischen Bindung vor dem Hintergrund einer vermutlich bereits angeborenen, besonderen Empfindsamkeit und strukturellen Verletzbarkeit entsteht.

Sehr häufig gibt es in der Vorgeschichte von Borderliner massive Verletzungen in der Kindheit durch:

  • verbale und/oder körperliche Gewalt, Misshandlungen oder Drohungen,
  • massive, anhaltende Entwertungen,
  • sexuellen Missbrauch oder sexualisierende Verwirrungen,
  • emotionale und/oder materielle Vernachlässigung,
  • Ignoranz, Empathiemangel, unzureichendes Containment durch die Eltern,
  • unverarbeitete schwere Verluste oder Trennungen,
  • schwere und anhaltende, gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den Eltern,
  • psychisch gestörte, Alkohol- oder drogenabhängige Eltern,
  • Erfahrungen von Depersonalisierung, Verdinglichung, Behandlung als Objekt oder wie ein Ding als Kind von Seiten der Primärbezugspersonen,
  • entgrenzte und/oder entgrenzende Eltern durch Mangel an Halt gebenden Strukturen.

Borderlinern fehlt ein empathisches und zugleich haltgebendes Du, oder dieses wird als schädigend bis zerstörerisch empfunden.

Durch die Störung der Primärbindung entsteht eine Instabilität des Ich, also eine Identitätsdiffusion, ein Mangel an einem stabilen Selbst und der eigenen Mitte sowie eine Neigung zur Dissoziation und zu multiplen Spaltungen, dadurch eine starke Neigung zum Agieren in Beziehungen.

Durch projektive Identifizierung entledigt sich der Borderliner unerträglicher Gefühle und Impulse und kommt in die Lage, sie im Außen, d.h. im Anderen kontrollieren und bekämpfen zu können und zu müssen. Die projektive Identifizierung ist also
– zum einen als ein Versuch zu sehen, unerträgliche Anteile loszuwerden und zugleich kontrollieren zu können,
– andererseits als ein Versuch, den eigenen desolaten und desorganisierten Zustand nonverbal zu kommunizieren, indem dieser Zustand durch unterschwellige Kommunikation im anderen induziert wird.

Der Partner und auch der Therapeut wird zum Ersatz für die fehlende Mitte, zu einem Container für unerträgliche Gefühle.

7. Psychotherapie bei Borderline

Der Psychotherapeut fühlt sich einem Borderliner gegenüber gespalten, also in multiplen Zwickmühlen gefangen:

  • Einerseits spürt er eine besonders intensive Beziehung, ja Bindung zu dem Borderliner und eine intensive Verbundenheit und Fürsorglichkeit,
  • andererseits empfindet er eine vorsichtige bis ängstliche Distanz mit Impulsen, sich von dem Borderliner distanzieren und die Kontrolle über die Situation behalten zu wollen.

In seinen negativen Aspekten kann der Psychotherapeut die Therapie mit Borderlinern als mühsam, anstrengend und belastend empfinden. Sie kann ihn dazu bringen, an sich selbst zu zweifeln, sich verwirrt, ängstlich, wertlos, dumm, hilflos und/oder inkompetent zu fühlen.

Im Extrem erscheinen ihm die hoch geladenen Verwicklungen mit Borderlinern schier unaushaltbar, also an der Grenze des erträglichen, und zugleich schier unentrinnbar, also an der Grenze seiner Abgrenzungsfähigkeiten.

In der Psychotherapie mit Borderliner gibt es spezifische Fallstricke, die zu erheblichen Turbulenzen oder dramatischen Therapieabbruchbrüchen führen können:

  • eine Tendenz zur Rollenumkehr, dass also der Therapeut sich in der Rolle des Leidenden und Bedürftigen findet, der von dem Borderliner „durchleuchtet“ und dirigiert wird,
  • Machtkämpfe, in denen der Patient auf den Therapeuten Zwang oder Manipulation ausübt, z.B. ihn zu lieben, sich in ihn zu verlieben, besonders zugewandt und jederzeit für ihn verfügbar zu sein,
  • ein subtiler Voyeurismus des Psychotherapeuten, der sich am entgrenzten Erleben und Verhalten des Borderline-Patienten ergötzt, kombiniert mit einem entsprechenden Exhibitionismus auf Seiten des Patienten,
  • eine Tendenz zur Destabilisierung des Therapeuten wegen fortgesetzter Attacken des Patienten und durch dessen Rütteln an den Grenzen des Therapeuten,
  • Frustration, weil Bestärkung, Zuwendung oder Lob hoch geladene, ambivalente Reaktionen beim Borderliner auslösen, z.B. weil sie als Verführung erlebt werden, dadurch eine Ambivalenz aus Lust und Ekel, aus Selbstwertinflation und (Selbst-)Verachtung auslösen,
  • Zermürben des Therapeuten durch unentwegtes Testen des Borderliners: „Bleibst du bei mir, wenn ich alles tue, um die Beziehung zu zerstören?“

All das erfordert eine stabile Erdung des Therapeuten in sich selbst, gute Verwurzelung in seinem eigenen Erleben und eine Haltung, in der er sich von der Faszination der Intensität der Borderline-Dynamik nicht zu weit mitreißen lässt, sondern eine gewisse innere Distanz von den hochgeladenen Spaltungen und Oszillationen in der therapeutischen Beziehung bewahrt, also insofern „radikal bei sich bleibt“.

Wegen der latent selbst- und fremdgefährdenden Tendenzen des Borderliner ist es erforderlich, die Regeln und Grenzen der psychotherapeutischen Zusammenarbeit sowie Pläne für den Notfall gemeinsam auszuarbeiten, detailliert zu erklären und zu begründen, v.a. bezüglich:

  • Selbst- und Fremdgefährdungen (u.a. Suizidvertrag),
  • Therapieabbruch und therapieabbruchsgefährdendes Verhalten (z.B. durch eine explizite Vereinbarung zur regelmäßigen Teilnahme an den Sitzungen),
  • Grenzüberschreitungen in der und um die Therapie, insbesondere Vereinbarungen über Art, Umfang, Zeiten und Formen von Kontakten im Notfall außerhalb der Therapiesitzungen,
  • Herausarbeiten individualisierter „Skills“, also von Maßnahmen, Übungen oder Techniken, die dem Patienten helfen, seine innere Stabilität zu bewahren oder wiederherzustellen und sich selbst zu beruhigen und seine innere Spannung und Übererregung herunterzuregulieren.

Diese Vereinbarungen müssen einerseits klar, andererseits aber auch flexibel genug sein (im Sinne von „es darf alles mal sein“), weil Borderliner zunächst nicht ohne Weiteres in der Lage sind, starre Regeln und Grenzen einzuhalten, und weil zu rigide Reglements sie nur dazu herausfordern, diese infrage zu stellen, an ihnen zu rütteln und sie schließlich zu übertreten.

In der Psychotherapie mit Borderlinern hat sich eine Arbeitsweise bewährt, die auf die aktualisierten gespaltenen Beziehungsmuster im Hier und Jetzt der Therapiesitzung fokussiert, u.a. durch detailliert kommentierendes Beschreiben der aktuellen Beziehungssituation. Biografische und Übertragungsdeutungen sind in der Regel (zumindest zu Beginn der Therapie) weniger hilfreich, weil sie vom Patienten als Derealisierung der aktuellen Situation empfunden werden und dadurch konfusionierend wirken und Angst auslösen können oder als rein intellektuelles Gedankenspiel, also zu Abwehrzwecken benutzt werden. Auf Seiten des Therapeuten sind häufige und frühzeitige biografische Deutungen oft das Produkt einer Scheu des Therapeuten vor Verstrickungen mit dem Patienten in der aktuellen Beziehungsdynamik.

Wichtig ist das frühzeitige und aktive Thematisieren auch aggressiver, destruktiver oder manipulativer Gefühle und Impulse des Patienten dem Therapeuten gegenüber.

Mit fortschreitender Therapie sollte der Therapeut sich bemühen, die gespaltenen und projizierten Anteile des Patienten zu erkennen, differenziert zu benennen und schließlich miteinander in Verbindung zu bringen.

Hilfreich zur Regulation der emotionalen Intensität und für die Selbstberuhigung des Patienten sind Techniken der therapeutischen Dissoziation, wie sie aus der Traumatherapie bekannt sind (z.B. Distanzierungs- und Bildschirmtechniken, sicherer Ort usw.)

Der Therapeut sollte und muss dem Borderliner gegenüber authentisch emotional präsent sein, ohne diesen mit den eigenen Gefühlen, Reaktionen, Fantasien und Assoziationen zu überfordern.

Obwohl es wegen der bisweilen massiven Loyalitätsforderungen von Borderline-Patienten schwierig sein kann, sollte der Therapeut möglichst vermeiden, in dem hoch gespaltenen Beziehungsgeflecht des Borderline-Patienten für die eine und gegen die andere Seite Partei zu ergreifen oder gar aktiv mitzuagieren.

Aufgabe des Therapeuten ist es, durch Empathie und Selbstempathie zunächst stellvertretend für den Patienten zu Mentalisieren, dem Patienten also zu zeigen, dass und wie der Therapeut sein eigenes Erleben, das Erleben des Patienten und die Beziehung zwischen ihnen aus einer gewissen Distanz reflektiert und kommuniziert, seine Gefühle und Impulse aber nicht auslebt.

Der Patient braucht in besonderer Weise den Therapeuten als Du, weil er ein empathisches Du nicht hatte und daher sich selbst nicht hat. Der Therapeut stellt dem Patienten sein eigenes inneres Erleben selektiv und gefiltert zur Verfügung.

Dies erfordert vom Psychotherapeuten, seine eigenen „schmutzigen Ecken“ fortgesetzt zu erkunden, dazu (zunächst vor sich selbst) zu stehen und sich dazu ggf. auch dem Borderliner gegenüber zu bekennen.

Der Therapeut muss bereit sein, sich der geladenen Ambivalenz aus Verführung und Verachtung, Huldigung und Missbilligung usw. durch den Patienten auszusetzen. Dafür braucht er große emotionale Stabilität und zugleich feinfühlige Empathie und Selbstempathie.

Borderliner brauchen das „Containment“ des Therapeuten. Das bedeutet, dass der Therapeut die „ausgestoßenen“ Anteile des Patienten in sich aufnehmen muss (bzw. wahrnehmen und anerkennen muss, dass sie de facto in ihn hinein verlagert wurden), diese aus einer gewissen Distanz in seinem Inneren betrachten, sie in der Wahrnehmung und Benennung differenzieren, dadurch „entgiftet“, „verdauet“, und dann moduliert in Form einer differenzierten Beschreibung an den Patienten zurückgibt.

Um überhaupt mit dem Borderliner in einen tieferen, realen Kontakt kommen zu können und dessen oszillierenden Affektstürmen standhalten zu können, ist es für den Therapeuten erforderlich, stabil und bei sich bleiben zu können, um den „Aggressionsnebel“, die komplexen Manipulationen und Kontaktzerstörungsmanöver des Patienten durchdringen und zu ihm durchdringen zu können.

Dabei sollte und muss der Therapeut stets „mit allem rechnen“, denn Stimmungs- und Positionswechsel des Patienten innerhalb der Spaltungsdynamik können jederzeit geschehen. Wenn ein destruktiver Angriff des Patienten stattfindet oder der Therapeut sich in einer emotionalen Verwicklung findet, ist es wichtig, dass er so gut es geht seine innere Stabilität bewahrt und hinterher möglichst schnell wieder zu sich findet.

Grundsätzlich ist es wichtig, der Verführung zu übermäßigem „Tun“ zu widerstehen und im Kontakt mit dem Borderliner „mehr zu sein als zu tun“.

In dem Maß, wie der Therapeut zeitlich und emotional dazu in der Lage ist, ist es für Borderline-Patienten heilsam, wenn der Therapeut ihm durch sein Verhalten zeigt und auch ausdrücklich und authentisch vermittelt, dass er „zu ihm steht“ und die Beziehung zu ihm möglichst nicht abbricht, den Patienten also nicht verlässt und nicht weggeht, auch dann, wenn dieser durch anhaltendes oder wiederholtes destruktives Verhalten sich bemüht, den Therapeuten zu einem Therapieabbruch zu bringen.

Den Borderline-Patienten zu verlassen, also die Beziehung von Seiten des Therapeuten abzubrechen ist für Borderliner retraumatisierend. Daher wäre grundsätzlich ein endloses Angebot einer dauerhaften, lebenslangen Bindung für den Patienten überaus stabilisierend. Das bedeutet, dass der Patient spürt und weiß, dass er jederzeit wieder zum Therapeuten kommen kann, auch wenn er das vielleicht nie tut.

Zentral ist die authentische und auch explizit vermittelte Botschaft des Therapeuten an den Patienten: „Ich nehme dich an, so wie du bist.“ Auf diese Weise wird der Therapeut zum „Gefäß“ (Container) und damit zu einer Halt und Grenzen gebenden Umhüllung für die verzweifelt entgrenzte Emotionalität und Verletzbarkeit des Patienten.

Werner Eberwein

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