Was ist Achtsamkeit?

Achtsamkeit ist interessierte, freundliche, wertschätzende Beobachtung ohne zu bewerten und ohne zu reagieren. Die Methodik der Achtsamkeit entstammt der buddhistischen und Zen-Tradition aus Indien und Japan. Grundidee ist, dass wir oft durch automatische Reaktionen (Abwehrprozesse) aufgrund von unbewussten Einordnungs- und Bewertungsstrategien (Charaktermustern) auf leidvolle Weise miteinander und in unsere eigenen Reaktionen verstrickt sind. Achtsamkeit ermöglicht es, durch wertungsloses Beobachten ohne etwas verändern zu wollen, eine innere Distanz zu solchen Automatismen zu gewinnen, was die Möglichkeit eröffnet, neue Wege zu gehen und damit Wahlfreiheit zu gewinnen.


Dieser Beitrag basiert auf einem Workshop, den Halko Weiss, Ausbilder und bekanntester Vertreter der Hakomi-Methode, am 21.9.2011 im Rahmen des Jahreskongresses der Deutschen Gesellschaft für Körperpsychotherapie (DGK) an der Freien Universität Berlin gehalten hat.


Durch genaues und detailliertes Beobachten innerer Reaktionen auf äußere Stimuli, führt Achtsamkeit zu Ent-Automatisierung durch Des-Identifikation. Auf der Ebene der sinnlichen Wahrnehmung wird sehr genau und ohne zu reagieren oder zu verändern beobachtet, was man im Außen und im Innen sieht, hört, fühlt, denkt usw.

Dieses Beobachten ist ziellos – es geht nicht darum, etwas erreichen zu wollen, sondern um liebevolles Gegenwärtigsein, um absichtsloses Beobachten, wie die Prozesse im Bewusstsein sich bewegen, entstehen, sich verändern und vergehen (meditative Haltung). Achtsamkeit lenkt also den Fokus des Gewahrseins auf die Erfahrung des unmittelbaren Hier und Jetzt: „Was passiert eigentlich gerade jetzt, in diesem Moment?“

In Achtsamkeit beobachtet man die eigenen Körperempfindungen, Gefühle, Gedanken, Erinnerungen, Impulse oder Fantasien mit bewertungsfreiem Interesse und freundlicher Neugierde. Begegnung im Modus der Achtsamkeit ent-automatisiert die Reaktionen und intensiviert und vertieft die persönliche Präsenz und den Kontakt – auch im psychotherapeutischen Prozess.Achtsamkeit kann nach innen oder nach außen gerichtet sein. Der Therapeut kann sich selbst um einen Modus der Achtsamkeit bemühen, oder er kann den Klienten dabei unterstützen, achtsamer zu werden. Achtsamkeit kann auch intersubjektiv, also zwischen Menschen geübt und praktiziert werden.

Der Fokus der Aufmerksamkeit kann auf das gerichtet werden, was die andere Person mitteilt (ihre „Geschichte„), oder die Aufmerksamkeit kann auf die Person des Sprechenden selbst gerichtet sein (auf den „Geschichtenerzähler„).Paradoxerweise entsteht dadurch, dass man aufhört, sich selbst oder die andere Person krampfhaft und mit Druck verändern zu wollen, manchmal überhaupt erst die Möglichkeit nachhaltiger Veränderungen. Im Zen, in der Gesprächspsychotherapie und der Gestalttherapie wird das als „Paradox der Veränderung durch Nicht.-Verändern“ bezeichnet. Die wirkliche Akzeptanz des Gegebenen ist ja bereits eine grundlegende Änderung der Einstellung, die Veränderungen auf neuen Ebenen ermöglicht.

Dies ist besonders in der Arbeit mit verstrickten Beziehungen (z.B. in der Paartherapie oder in Teams) relevant, weil hier oft anhaltende, krampfhafte Versuche, den anderen oder sich selbst unbedingt verändern zu wollen gerade das aufrechterhalten, was man als unerträglich und dringend veränderungsbedürftig empfindet.

Achtsamkeit ermöglicht erst einen wirklichen Tiefenkontakt, sowohl zu sich selbst, als auch zu der anderen Person, gleichzeitig aber auch eine angemessene Distanz, sowohl zu den eigenen spontanen Gefühlsreaktionen und Verhaltensweisen, als auch zum Erleben und Verhalten des anderen Menschen.

Blinking

Eine einfache Technik zum Üben von Achtsamkeit ist das „Blinking“. Zwei Personen (zum Beispiel ein Paar) stehen oder sitzen sich mit geschlossenen Augen gegenüber, dann öffnet einer von beiden für einen kurzen Moment die Augen und schließt sie wieder. Sie beobachtet sehr genau, was vor, während und nach dem „Blinking“ in ihr geschieht. Dies eröffnet die Möglichkeit, z.B. selbst nach langjährigen Partnerschaften oder beruflichen Zusammenarbeit die andere Person ganz frisch zu sehen, so als ob man ihn in diesem Moment zum ersten Mal sieht. In der Zen-Tradition wird das als „Anfänger-Geist“ bezeichnet.

Sonden

Die Sonden-Technik stammt aus der Hakomi-Tradition der achtsamkeitsbasierten Körperpsychotherapie. Sonden sind verbale oder nonverbale Schlüsselreize, die dem Klienten im Zustand verstärkter Achtsamkeit gegeben werden, mit der Einladung, seine Reaktionen auf die Sonde zu beobachten. Sonden können beispielsweise Sätze sein wie:

  • „Ich sehe dich.“
  • „Du bist liebenswert.“
  • „Ich bin bei dir.“

Es kann sich aber auch um Berührungen, Bewegungen, Körperhaltungen oder selbst gesprochene Sätze handeln. Sonden helfen dem Klienten, sich bewusst zu werden, dass und wie er automatisiert reagiert, und wo und wie leidvolle Verstrickungen durch automatisierte, bewertungsgetriebene Reaktionen geschehen.

Fünf Arten, einander die Hand zu halten

Hierbei handelt es sich um eine Übung der intersubjektiven, körperorientierten Achtsamkeit. Zwei Menschen sitzen einander gegenüber und begeben sich in einen Zustand vertiefte Achtsamkeit. Sodann erkunden Sie fünf verschiedene Möglichkeiten, die Hände des anderen zu halten bzw. die eigenen Hände vom anderen gehalten zu bekommen:

  1. Die Person A hält die Hände der Person B so, wie er sie nach seinen inneren Impulsen gern halten möchte.
  2. Person B modelliert die Hände von Person A so, dass ihrer Hände von Person A so gehalten werden, wie sie (Person B) das möchte.
  3. Wie erstens, nur umgekehrt.
  4. Wie zweitens, nur umgekehrt.
  5. Nun suchen beide Personen miteinander eine Art, die Hände der anderen Person zu halten und dabei gleichzeitig die eigenen Hände gehalten zu bekommen, die für beide Personen „passt“.

Wenn Sie mehr darüber wissen wollen, können Sie das Das Achtsamkeits-Buch von Halko Weiss oder die Bücher von Jon Kabat-Zinn zum Thema Achtsamkeit lesen.

Werner Eberwein

1 Antwort
  1. Martin von Elm
    Martin von Elm says:

    Guter Artikel !
    Anfängergeist ist natürlich deutlich tiefer, als das, was man durch ein bisschen blinking erlebt. Aber klar, so eine Technik kann einem wirklich gut einen ersten oberflächlichen Eindruck davon vermitteln, was ungefilterte, nicht begrifflich überlagerte Wahrnehmung ist.
    Generell sehe ich bei der Übernahme des buddhistischen Achtsamkeitsbegriffs in die Psychologie die reale Gefahr einer inhaltlichen Verflachung. Achtsamkeit erscheint schon begrifflich ein irgendwie gut gemeinter netter Zustand zu sein, der auf jeden Fall irgendwie gut ist. Tatsächlich ist Achtsamkeit (eigentlich ursprünglich englisch „Awareness“ sowohl eine bestimmte buddhistische Praxis, als auch ein radikal von unserer herkömmlichen egoperspektivischen Weltsicht geschiedener Bewußtseinszustand.

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