Nehmen Tiere anders wahr als Menschen?

Das ist nicht ganz einfach zu beantworten, weil man Tiere natürlich nicht direkt fragen kann, was und wie sie wahrnehmen. Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass es erst mal starke Unterschiede zwischen Tieren und Menschen gibt, abgesehe davon, wie man die definiert und ob man glaubt, ob man sie hart („klare Unterschiede“) oder nur weich („mehr oder weniger“) abgrenzen kann: Tiere haben nun mal keine UNO, keine Wallstreet, keine Atombombe, kein Internet, keine Programmiersprachen und keine Industrieanlagen.

Nehmen Tiere auch anders war als Menschen? Mit dieser Frage hat sich der Psychologe Klaus Holzkamp in seinem 1972 erschienenen Buch „Sinnliche Erkenntnis“ beschäftigt. Seine Theorie war, dass Menschen im Unterschied zu Tieren „Bedeutungen“ wahrnehmen (nicht nur „Gestalten“ im Sinne der Gestaltpsychologen). Den Begriff „Bedeutung“ leitete er (marxistisch) aus dem Begriff „Gebrauchswert“ ab und diesen wiederum aus der Fähigkeit zur Werkzeugherstellung (das können nur Menschen, dagegen können auch Tiere rudimentäre Werkzeuge benutzen, aber diese nicht herstellen, so Holzkamp). An diesem Konzept wurde kritisiert, dass der Mensch nicht nur Gebrauchswerte wahrnimmt, sondern auch soziale und gesellschaftliche Beziehungen, und zwar unmittelbar wahrnimmt.

Ein Beispiel: Ein Mensch steht an der Bushaltestelle und schaut geradeaus. Was sieht er? Er sieht zum Beispiel eine Ampel. Ein Orang Utan dagegen, vermutlich eines der „intelligentesten“ Tiere auf der Erde, könnte noch lernen, dass man bei Rot stehen bleiben muss. Aber er wüsste nicht, dass Ampeln Teil eines Verkehrsregelungssystems sind. Der Begriff „Verkehrsregelungssystem“ ist Teil eines Bedeutungssystems, das über den unmittelbaren Nutzen, also die „Funktion“ einer Ampel (die auch ein Orang Utan erlernen kann) eine ganze Ebene hinausgeht. Man könnte sagen, Tiere können keine „Metarepräsentationen“ bilden. Sie können rudimentär sogar abstrakte Begriffe (z.B. „Früchte“, „Menschen“) bilden und eine einfache Grammatik benutzen. Aber sie können Begriffe wie „Grammatik“ oder „rudimentär“ nicht bilden, weil das Begriffe über Begriffe sind, also Metabegriffe. Sie können also nicht in „Bedeutungssystemen“ denken und diese daher auch nicht wahrnehmen.

Und sie können innerhalb der Bedeutungssystemen nicht operieren, beispielsweise sich miteinander austauschen über die Frage, was der Begriff „sich austauschen“ bedeutet. Dass wir in Metakategorien denken und sprechen können, wirkt sich unmittelbar auch auf die Wahrnehmung aus. Der Mensch „sieht“ nicht nur einen Weg in die Erde hinein mit einem blauen Schild drüber, sondern er sieht („repräsentiert geistig“ könnte man sagen) einen Teil des Berliner U-Bahn-Netzes. Ein Orang Utan könnte eventuell noch lernen, hier in die U-Bahn ein- und dort wieder auszusteigen, aber er „sieht“ nicht „eine U-Bahn-Station“ als Teil des Berliner Verkehrsnetzes, sondern nur einen Gang in die Erde der hier hinein, dann in einen sich bewegenden Kasten und dort wieder hinaus führt, wo dann die Banane ist.

Werner Eberwein

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  1. Thomas Faulhaber
    Thomas Faulhaber says:

    Der Orang Utan kann von uns einiges lernen, doch auch wir können von ihm etwas mitnehmen: den „reinen“ Blick auf eine Welt, die nicht von unserem menschlichen Verstand gleich analysiert und bewertet wird.
    Und das ist mindestens genauso schwer wie zu lernen, wie wo man ein – oder aussteigen muss.

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