Keine Preise für Gewalt! Kein Preis für den Film Elternschule! von Angela Ohlendorf

Der Film Elternschule,  ist für den Grimme-Preis nominiert. Ein Fakt, der eine Welle der Empörung ausgelöst hat. Unter dem Hashtag „keinepreisefürgewalt“ und „keinpreisfürgewalt“ protestieren tausende von Menschen in den Sozialen Medien. Ein Aufruf an die hiesigen Medien, eine öffentliche sachliche Diskussion zu führen, blieb bisher erfolglos. Bereits als der Film im Oktober 2018 in die Kinos kam, wurde der Film sehr stark kritisiert.

22.722 Menschen unterzeichneten eine Online-Petition, die das Absetzen des Films forderte. Der Deutsche Kinderschutzbund (DKSB) gab in einer Stellungnahme bekannt, dass „der Film, der in der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen gedreht wurde, zahlreiche Szenen, in denen Kinder psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt sind“ enthält. Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelte gegen die Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen. Die Ermittlungen wurden jedoch eingestellt, da die Anzeige „ohne Substanz und völlig ungerechtfertigt“ sei.

Ich möchte ehrlich sein, der Film ist nichts für schwache Nerven und bei den gewalthaltigen Szenen in der Dokumentation, fällt es mir sehr schwer sachlich zu bleiben. Die Bilder die ich dort gesehen habe, haben sich mir eingebrannt und lassen mich nicht mehr los.

Die Aufnahmen für den Film wurden in der Abteilung „Pädiatrische Psychosomatik“ der Kinder- und Jugendklinik Gelsenkirchen gedreht. Dietmar Langer, so heißt der leitende Psychologe der Abteilung. Er ist es, den die Zuschauer die meiste Zeit sehen und hören. Oft sieht man ihn, wie ein Lehrer vor der Tafel stehen. Er malt Skizzen und erklärt Eltern, wie sie mit ihren Kinder umgehen sollen. Die abfälligen Wörter und Aussagen, die er für Kinder benutzt, zeugen von wenig empathischen Einfühlungsvermögen und einer beschränkten Sicht auf Kinder. So sagt er, z.B. dass das Kind, was heute auf die Welt kommt, der größte Egoist auf diesen Planeten sei. Es würde ihm nur ums überleben gehen und wie es den Eltern gehe sei ihm egal. Er spricht nicht vom Weinen sondern vom „Jammern“. Er spricht nicht davon, dass sich ein Kind übergibt, sondern dass es „kotzt“. Über einen Jungen, der an Neurodermitis leidet, sagt er, dass dieser der Boss sei und dass das geändert werden müsse. Ein Kind in dem Alter müsse „körperlich erleben, was Führung heißt“.

Er spricht über Trotzanfälle und behauptet, dass dahinter eine Strategie steckt. Das Kind wolle mit Weinen „weichkochen“. Über einen Jungen, der apathisch auf dem Boden liegt, macht er sich lustig. Das sei strategische Hilflosigkeit, dass sei keine echte Not, dass sei Theater.

Auf der Internetseite, die den Film Elternschule repräsentiert, wird angegeben, dass eben jener Psychologe Dietmar Langer das Programm entwickelt hat, dass die Eltern und Kinder in der pädiatrischen psychosomatischen Abteilung durchlaufen – „zusammen mit einem Team aus Ärzten, Therapeuten und Pflegekräften.“ Seit 30 Jahren erforsche er die Zusammenhänge zwischen Stress, Erziehung und chronischer Krankheit.

Im Folgenden möchte ich teilen, was ich durch den Film Elternschule über das Programm gelernt habe. Die Eltern, die mit ihren Kindern die Klinik aufsuchen, sind verzweifelt und am Ende. Eine Mutter gibt sogar an, dass sie ihre Tochter in ein Heim geben will, wenn der Aufenthalt erfolglos ist. Die Kinder, die in dem Film zu sehen sind, leiden u.a. unter Schlafstörungen, Neurodermitis, Essstörungen und schreien stundenlang. Eltern und Kinder stehen offensichtlich unter einem hohen Leidensdruck. Das Programm will den Problemen mit Essens-, Trennungs-, und Schlaftrainings begegnen. Die Eltern sollen lernen wieder die „Führung“ zu übernehmen und „sagen, wo es langgeht“.

Kinder, die das Essenstraining durchlaufen, dürfen nur zu festen Zeiten essen. Zwischenmahlzeiten sind nicht erlaubt. Ein kleiner Junge wird gezeigt, er ist vielleicht 2 Jahre, vielleicht auch jünger. Langer präsentiert den Eltern eine Videoaufnahme von dem Jungen, um zu demonstrieren, wie manipulativ so ein kleines Kind doch sein kann. Der Junge auf der Videoaufnahme ist sichtlich gestresst. Aus psychologischen Untersuchungen weiß man, dass unter Stress die Entscheidungsfähigkeit beeinträchtigt ist. Dennoch soll der Junge wählen, was er essen möchte. Er weint bitterlich beim Essen. Langer behauptet, dass er weinen würde, da eine Nudel auf dem Löffel ist. Der Junge sagt „Au“. Er leidet deutlich. Langner kommentiert, „Au ist immer gut“. Es gäbe keinen Grund zu weinen oder zu schreien, wegen einer Nudel auf dem Löffel. Es sei klar, dass dies nichts mit akuter Not zu tun hätte. Dann behauptet Langer, dass der Junge nun die Pflegerin versucht zu „packen“. Man sieht den Jungen würgen und die Pflegerin sagen: ,,Wenn du das jetzt wieder raus spuckst (..)“. Langner kommentiert: „Jetzt will er wissen, ob das stimmt, was sie sagt.“. Der Junge muss sich schwallartig übergeben. Es ist eindeutig, dass der kleine Junge das Essen nicht bei sich behalten konnte, da es ihm Übelkeit bereitet hat. Langner unterstellt ihm jedoch, dass er dies „auf Kommando mit Ansage“ getan hat.

In einer folgenden Szene weint ein Mädchen verzweifelt, weil man ihm das Essen weggenommen hat. Es weint: „Mama, gib mir noch eine Chance. Ich brauche etwas zum Essen.“. Doch die Mutter bleibt hart und mit unbewegter Miene, weil ihr dieses Verhalten empfohlen wurde.

In einer weiteren Szene ist der Junge mit der Neurodermitis zu sehen, der der „körperlich erleben“ soll, „was Führung“ heißt. Eine Pflegerin mit ausdrucksloser Miene hält den Jungen fest. Sie versucht ihn immer wieder zu füttern. Der Junge weint verzweifelt. Man hört Langer über ihn sagen: „Der ist ein Kontrolleti vor dem Herrn.“. Nach dem Essen wird der Junge weiterhin für eine ganze Weile festgehalten. Er darf nicht zu seiner Mutter. Er ruft die ganze Zeit verzweifelt nach seiner Mama.

Ein anders Kind läuft verstört im Kreis, nachdem ihm von zwei Personen, offenbar unter Anwendung von Gewalt eine Sonde angebracht wurde. Die Kinder, die später scheinbar freiwillig essen, essen lustlos vor sich hin. Ich frage mich, warum mit Maßnahmen, die zu Essstörungen führen können, Essstörungen therapiert werden.

Trennung scheint ein elementarer Baustein im Programm der Klinik zu sein. Langner betont in einem Ausschnitt, wie wichtig Trennung für die Autonomieentwicklung sei. Das bezieht er auf alle Kinder. Auch für Babys seien Trennungserfahrungen schon wichtig. Die Entwicklung eines kleinen Kindes sei im ersten Lebensjahr eine Folge natürlicher Trennungssituationen. Es sei wichtig, wenn die Eltern Trennung üben, dass diese mindestens für eine halbe Stunde erfolgen müsse, damit das Kind in den entspannten Bereich käme. Es gibt Studien, die zeigen, dass Kinder in erzwungener Trennungssituation nur nach außen hin ruhig wirken, aber der Stresshormonspiegel im Blut weiter erhöht ist. Ich frage mich, warum Langer diesen Fakt einfach ignoriert.

Um Trennungserfahrungen in der Klinik zu fördern, gibt es eigens einen Raum, „die Mäuseburg“. Nach Langer ein Raum, indem sich die Kinder viel aufhalten würden und auf den die Kinder mit Geschrei reagieren. Die Kinder könnten dort in dem Raum machen, was sie wollen, oder nicht. An der Tür zur Mäuseburg hängt ein Schild, auf dem steht: „Tu mal nicht knöttern“. Die Eltern sollen sich vor dem Raum nur kurz verabschieden und dann gleich gehen. Langer zufolge, würden die Kinder nun in dem Raum „alles ausprobieren, alles was je Zuhause auch nur ansatzweise erfolgreich war“. Die Kinder hätten nun Gelegenheit, um zu üben. In dem Raum ist ein Junge zu sehen, der herzzerreißend nach seiner Mama weint. Er sitzt zusammengekauert unter einem Waschbecken. Im Hintergrund ist auch das Weinen anderer Kinder zu hören. Immer wieder wird der Junge eingeblendet, der weiter ganz verzweifelt weint. Einem anderen Jungen, der offensichtlich seinen Schnuller zum Trost dabei hat, wird dieser weggenommen. Der Junge unter dem Waschbecken würgt mittlerweile vor Stress. Eine Pflegerin sitzt mit in dem Raum, wie so oft in dem Film, mit starrer Miene. Sie lässt einen Kreisel drehen und ignoriert die Kinder einfach. Am Ende der Szene ist zu sehen, dass sogar Babys dort in dem Raum lagen. Die Kinder die dann von der Mutter abgeholt werden, sind sichtlich verstört. Sie reagieren auf die Annährungsversuche der Mutter abwehrend. Sollte es nicht Ziel einer Therapie sein, die Bindung der Eltern mit dem Kind zu stärken? Anschließend sind die Kinder glücklich spielend im Gang zu sehen, so nach dem Motto, war doch alles halb so wild.

Beim Schlaftraining, müssen die Kinder, alleine in einem dunklen Raum, in einem Gitterbett, getrennt von ihren Eltern schlafen. Durchschlafen ist das Ziel. Über eine Mutter, der es sichtlich schwerfällt, diese Maßnahme zu ergreifen, wird abfällig gesprochen. Verständnis  sucht der Zuschauer hier vergeblich.

Aktivierung ist anscheinend auch ein Punkt in dem Programm der Elternschule. Langer geht joggt mit einem Mädchen an der Hand um den See. Sie sagt irgendwann, dass sie nicht mehr mitlaufen will. Langer lacht darüber. Sie sagt, dass es ihr weh tue. Er sagt: „Hast du etwa Seitenstechen? Dann laufen wir noch ein Stück und dann ist das weg.“. Er zerrt sie weiter. In einer anderen Szene wird ein kleines Kind von zwei Frauen mitgezogen.

Für mich ist es offensichtlich, dass der Film gespickt ist von gewalthaltigen Handlungen gegenüber Kindern. Ich fasse nochmal zusammen, kleine Kinder werden zum Essen gezwungen und festgehalten, sogar bis sie sich übergeben. Kinder bekommen in dieser Klinik nichts zu essen, wenn sie sich nicht an die Zeiten halten. Kinder werden von ihren Eltern getrennt und mindestens eine halbe Stunde sich weinend selbst überlassen. Kinder müssen, ohne ihre Eltern, in einem dunklen Raum im Gitterbett schlafen. Kinder werden, obwohl sie Schmerzen haben, gezwungen zu laufen.

Ich finde es unfassbar, dass solch einem Film nun auch noch ein Preis verliehen werden soll. Legitimieren wir mit so einem Preis nicht Gewalt an Kindern?

Bereits der Titel der Dokumentation „Elternschule“ ist irreführend. So impliziert er doch, dass hier Eltern etwas lernen können und vernachlässigt den Fakt, dass die Eltern und Kinder des Filmes ja in der Abteilung Pädiatrische Psychosomatik sind. In die Klinik gehen Kinder mit Neurodermitis, Asthma, Allergien, Schlaf- und Essstörungen und Verhaltensauffälligkeiten. Es sind also keine „normalen“  Kindern, sondern Kinder, die psychisch und physisch beeinträchtigt sind. Insofern ist der Titel Elternschule falsch gewählt und baut bei den ZuschauerInnen eine falsche Erwartungshaltung auf. Die Beschreibung auf der Internetpräsenz der „Elternschule“ verstärkt diese falsche Erwartungshaltung. So steht dort geschrieben:

„Wie gehen wir richtig mit unseren Kindern um – und mit uns selbst? Wie, ticken‘ Kinder? Was brauchen sie von uns Erwachsene – und was nicht? (…) Hier lernen die Eltern ihre Kinder neu kennen – und finden hier heraus, wie das geht: Gute Erziehung.“.

Gute Erziehung soll also in der Elternschule vermittelt werden? Die Süddeutsche Zeitung geht sogar so weit zu sagen „Für jeden, der selbst Kinder hat, ist der Film ein Muss.“ Ist dies nicht wie eine offizielle Aufforderung an Eltern, solche Gewalt anzuwenden, wie sie in dem Film dargestellt wurde?

In der Presse sucht man vergeblich nach kritischen Diskursen. KritikerInnen werden im Gegenteil in der Presse diffamiert. So schreibt die Süddeutsche Zeitung, dass die Diskussion in den Sozialen Medien „symptomatisch für eine ideologisch überhitzte Debatte sei“. Die Überschrift des Artikels lautet Die Frage nach der ‚richtigen‘ Erziehung. Erziehung? Richtige Erziehung? Nochmal zu Erinnerung in der Dokumentation werden Kinder gezeigt die psychisch und physisch auffällig sind. Die Kritik in den Sozialen Medien richtet sich an die Methoden der Klinik, die offenkundig gewalthaltig sind. Ich verstehe nicht, was dran ideologisch überhitzt ist, diese zu Recht zu kritisieren.

Jörg Adolph und Ralf Bücheler, den Machern des Films, ist es nicht gelungen eine objektive Haltung einzunehmen.  So werden am Ende des Films nur die Eltern gezeigt, die glücklich über den Aufenthalt waren. Außerdem wird gänzlich vernachlässigt, dass es auch ganz andere Therapiemöglichkeiten gibt, weitaus humanistischere Verfahren, die eine ganz andere Sicht auf das Kind haben. Nach deren Menschenbild, sind Kinder nicht die egoistischen Wesen, als die Langer sie darstellt, sondern Symptomträger der Familie, in der etwa schiefläuft. Ihr abweichendes Verhalten, will demnach nur darauf aufmerksam machen. Hier wird bei den Eltern angesetzt und nicht bei den Kindern.

Laut der Internetseite vom Grimme-Preis, werden „(m)it einem Grimme-Preis (…) Fernsehsendungen und -leistungen ausgezeichnet, die für die Programmpraxis vorbildlich und modelhaft sind. Das lasse ich jetzt mal so stehen.

Angela Ohlendorf