Kann man nur von Licht leben?

Das australische „spirituelle Medium“ Ellen Greve, geb. 1957, genannt „Jasmuheen“, eine ehemalige Bankangestellte, behauptet in ihrem Buch „Lichtnahrung – die Nahrungsquelle für das kommende Jahrtausend“ (Koha Verlag 1998), wie auch in ihrem Film „Am Anfang war das Licht“ (mit Rüdiger Dahlke, Alive Verlag 2011), sie ernähren sich seit 1993 nur von Licht, ja „Lichtfaster“ wie sie bräuchten darüber hinaus lebenslang keinen Tropfen Flüssigkeit mehr zu sich nehmen. Jasmuheen preist ihre Licht-Nulldiät sogar als Patentrezept gegen den Hunger in der Welt an. Sie leitet seit Jahrzehnten Seminare mit esoterischen Inhalten, die sie angeblich als „Pressesprecherin“ der „Großen Weißen Bruderschaft“ medial von dem angeblich 1784 verstorbenen „Grafen von Saint Germain“ empfängt (Wikipedia: Jasmuheen, siehe auch http://www.agpf.de/Lichtnahrung.htm#focus).

„Jasmuheen behauptet auch, dass ihre DNA aus zwölf statt wie bei allen anderen Lebewesen nur aus zwei Strängen besteht. Die Australian Skeptics [eine Skeptiker-Organisation, W.E.] hatten ihr zur Überprüfung dieser Aussage 30.000 Australische Dollar für einen Bluttest angeboten. … Die James Randi Educational Foundation erhöhte die Summe für den Bluttest auf über eine Million US-Dollar. Bis heute hat sie diesen Bluttest weder durchführen lassen, noch ist sie von ihrer Behauptung abgerückt.“ (Wikipedia: Jasmuheen)

Entgegen ihrer Behauptung, weder zu essen noch zu trinken, habe Jasmuheen bei einem Interview mit der Zeitschrift „Esotera“ Tee mit Milch und Honig getrunken. Bei einem Gespräch mit einer australischen Rundfunkstation gab sie zu, Fruchtsäfte zu trinken und Käsekräcker sowie Schokolade zu essen. Ein Journalist beobachtete, wie sie im Flughafen von London in einem Restaurant eine vegetarische Mahlzeit bestellte (ebd.).

Man könnte dies alles als harmloser Spinnerei abtun, wäre es Jasmuheen nicht gelungen, ihr „Lichtfasten“ auf eine so glaubhafte Weise zu vermitteln, dass inzwischen Tausende von Menschen an ihrem Radikalkuren teilgenommen haben, einige von ihnen mit tödlichen Folgen.

„1999 willigte Jasmuheen ein, sich einer medizinisch begleiteten Testwoche des Lichtfastens ohne Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr zu unterziehen, die von der australischen Fernsehsendung ’60 Minutes‘ veranstaltet wurde. In einem Hotelzimmer wurde die von der Außenwelt isolierte Probandin rund um die Uhr gefilmt. Nach vier Tagen wurde der Versuch aufgrund der fortschreitenden Dehydrierung und des rapiden Gewichtsverlusts durch die begleitende Ärztin abgebrochen.“ (Wikipedia: Jasmuheen)

In seinem Buch „Achtung Esoterik“ (Pendo Verlag 2000) beschreibt der Schweizer Journalist Hugo Stamm den Fall einer australischen Anhängerin der Lichtnahrung, die am siebten Tag eines Seminars mit Jasmuheen an einem Nierenversagen durch Flüssigkeitsverlust starb. Lapidar stellte Jasmuheen dazu fest, dies sei eben das Karma der Teilnehmerin gewesen, und eine Tote unter 5000 Absolventen sei zu verschmerzen.

Auch das Nachrichtenmagazin Focus berichtete 1999 von drei Todesopfern durch die „Lichtnahrung“.

Der deutsche Arno Zopf beschrieb 1999 auf seiner Website, wie er nach drei Wochen „Lichtnahrung“ (wobei er ab der zweiten Woche jede Menge Wasser zu sich nahmen) 11 kg abgenommen hatte. Im Weiteren trank er täglich mehrere Liter heiße Bullion, Milch, Kakao und Eistee und nahm auf diese Weise bis zur neunten Woche 18 kg ab. Er beschreibt, er habe dabei und danach keinerlei „spirituelle Veränderungen“ gespürt, sondern sich lediglich immer schwächer gefühlt. Seine Angehörigen waren höchst besorgt. „Er sehe aus wie ein Verhungernder und werde bald auf der Intensivstation landen oder sterben.“

Die 53jährige Neuseeländerin Lani Roslyn Morris erlitt nach sieben Fastentagen wegen massiven Flüssigkeitsverlustes einen Schlaganfall. Sie wurde in die Intensivstationen in Melbourne eingeliefert und starb nach wenigen Tagen am 2. Juli 1998. Der Spiritist, der sie zu der tödlichen Fastenkur überredet und sie dabei „begleitet“ hatte, wurde 1990 in Brisbane wegen Totschlags verurteilt.

Im März 1997 starb auch der damals 31jährige Münchner Lichtfaster Timo Degen. Das Radikalfasten bewirkte bei ihm einen Kreislaufkollaps. Er fiel ins Koma und erlitt einen Hirnschaden. Degen vegetierte vier Wochen im Wachkoma vor sich hin und wurde künstlich ernährt. Als er wieder zu sich kam, litt er massiv unter Epilepsie, und musste in ein Pflegeheim eingeliefert werden. Kurze Zeit später starb er durch einen Unfall während eines epileptischen Anfalls. Sein letzter Eintrag in seinem Tagebuch über den Lichtnahrungsprozess: „Ich habe mich noch nie in meinem Leben so schwach und elend gefühlt. Ich kann fast nichts mehr sehen.“

Auch die 48 -jährige australische Hotelmanagerin Verity Linn starb im September 1999, nachdem sie im Rahmen eines Lichtnahrungsprozesses tagelang nichts gegessen und getrunken hatte völlig ausgemergelte am Ufer eines schottischen Sees. (Alle Fallberichte aus Stamm 2000, S. 114ff)

Wie viele Menschen mit lebendbedrohlichen Essstörungen sich von ihr bestärkt gefühlt haben, gar nichts mehr zu essen mit voraussagbaren Folgen, ist unbekannt.

Ohne jede Nahrungszufuhr aber beim Trinken von (viel) Flüssigkeit können – mit dem lebensgefährlichen Risiko massiver Organschäden – normalgewichtige Menschen etwa 60 Tage überleben, stark Übergewichtige im Extrem bis zu 200 Tage. Danach ist der Tod unvermeidlich. Viele Verhungernde sterben an den Folgen einer durch Eiweißmangel bedingten Infektionen oder am plötzlichen Herztod aufgrund von auf Herzrhythmusstörungen durch Kaliummangel. Wenn der Blutzuckerspiegel absinkt, nimmt die Hirnleistung ab, es treten Verwirrtheit, Angst und Depression auf. Bei noch niedrigeren Blutzuckerwerten kommt es zu Krämpfen und unkontrollierten Bewegungen. Wenn der Blutzuckerspiegel weiter absinkt, fällt der Hungernde ins Koma und stirbt. Beim Hungern verliert man je nach Ausgangsgewicht etwa 200 bis 500 Gramm Körpergewicht pro Tag (Wikipedia: Hungertod).

Ohne Wasser kommt es – temperaturabhängig – nach etwa drei bis vier Tagen zum Tod durch Verdursten. Bei starker Hitze kann man bereits innerhalb eines Tages verdursten, wenn es feucht und kalt ist, kann man im Extrem etwa 10 Tage ohne Wasser überleben. „Niemand überlebt zwei Wochen ohne Flüssigkeitszufuhr“ (Prof. Johann Steurer, Poliklinik der Universität Zürich, zit. nach Stamm 2000, S. 115f).

Werner Eberwein

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