Kann man alle Probleme einfach weghypnotisieren?

Die Vorstellung, durch Hypnose geheilt zu werden, erscheint zunächst verführerisch, weil man glauben könnte, man müsse zu seinem therapeutischen Fortschritt nichts beitragen, außer sich bequem hinzusetzen und die Augen zu schließen, den Rest mache dann der Therapeut. So einfach ist es aber nicht. Symptome einfach wegzusuggerieren („Ihre Ängste werden verschwinden …“, „Ab heute werden Sie gut schlafen …“) mag spektakulär aussehen, aber es hat in der Regel keinen nachhaltigen Effekt. Ich fände es auch erschreckend, wenn es möglich wäre, einen Menschen einfach so hypnotisch  „umzuprogrammieren“, und sei es auch zu therapeutischen Zwecken.

Höchstens Patienten, die nur einen kleinen Schritt von der Lösung eines eng umgrenzten Problems entfernt sind, kann man manchmal durch direktiv-zielorientierte hypnotischen Suggestion sinnvoll helfen.

Ich habe beispielsweise vor zwei Jahren eine Bekannte, die seit vier Jahren im Schnitt zwanzig Zigaretten am Tag geraucht hat, in zwei Sitzungen mit überwiegend direktiver Suggestion in Trance unterstützen können, das Rauchen aufzugeben, und sie raucht bis heute nicht wieder. (Daraus entstand übrigens meine CD „Nichtraucher durch Selbsthypnose“.) Sie war hoch motiviert, sie hatte vom Rauchen einfach genug und brauchte nur noch einen letzten, kleinen Schubs, den ich ihr in Trance geben konnte. Außerdem wollte sie gern mit ihrem Freund ein Baby haben, aber nicht im „qualmenden“ Zustand.

Auch z.B. als Erste Hilfe in akuten Notfällen, bei starken Schmerzen, bei invasiven medizinischen Untersuchtungen oder zur Vorbereitung von Operationen oder Geburten kann direktive Hypnose gute Hilfe leisten, die unmittelbar auf konkrete Zielzustände abzielt.

Moderne hypnotische Psychotherapie funktioniert aber nicht so, dass der Therapeut einen Patienten in Trance „geradebiegt“. Hypnotherapie ist ein kooperativer Vorgang, bei dem die Aktivität des Patienten und die des Therapeuten Hand in Hand gehen. Der Patient ist auch in Trance aktiv an der Gestaltung und am Fortschritt des therapeutischen Prozesses beteiligt.

In der Psychotherapie sind Symptome in der Regel Anzeichen von tieferliegenden psychischen Dynamiken, die auch mit Hypnose in einem längeren Therapieprozess verstehend und integrierend durchgearbeitet werden müssen, wenn die Veränderung nachhaltig sein soll. Die Symptome sind nicht selbst schon der Kern des Leidens, sondern ein Versuch, notdürftig mit Konflikten und Mängeln im Unbewussten und mit verwickelten Beziehungsdynamiken klarzukommen, also bereits Selbstheilungsversuche, die allerdings mit hohen psychischen „Kosten“ verbunden sind. Psychische Symptome einfach hypnotisch beseitigen zu wollen, wäre, als würde man einem Blinden seinen Stock wegnehmen, damit er besser gehen kann. Solange die zugrundeliegenden Kompensationsprozesse nicht durchgearbeitet sind, kommen die abgespaltenen Gefühle auf die eine oder andere Weise wieder zum Ausdruck.

Oft hat der Klient aus seinen Symptomen auch einen sekundären Krankheitsgewinn:

  • Vielleicht enthebt ihn seine Symptomatik von überfordernden Ansprüchen am Arbeitsplatz oder seitens seiner Familie.
  • Vielleicht ist Kranksein die einzige Möglichkeit, die er kennt, um Schonung in Beziehungskonflikten, Abstand vom Partner, Nähe zu ihm, Verständnis oder Zuwendung zu erhalten.

Die unbewusste Abhängigkeit des Patienten von solchen Krankheitsgewinnen muss hypnotherapeutisch bearbeitet werden, denn sie kann ein vorübergehend verschwundenes Symptom nach einiger Zeit wieder erscheinen lassen.

Wenn man beispielsweise einem Menschen, der zu viel isst, direkt suggeriert, dass er abends beim Fernsehen keine Schokoriegel mehr essen, sondern statt dessen fettarme Buttermilch trinken werde, dann hat das nur bei wenigen Menschen langfristig Erfolg. Schließlich hat das Schokolade-Essen auch angenehme Seiten, auf die der Patient nicht verzichten möchte:
– Wenn er keine Schokolade mehr isst, wird er vielleicht nervös und löffelt nachher noch mehr Sahnejoghurts.
– Vielleicht ist er im Grunde seines Herzens ein bedürftiger, hungriger „Säugling“ geblieben, der nicht von Mamas Brust weggekommen ist.
– Oder er hat Angst, sich leer, einsam, alleine oder frustriert zu fühlen, wenn er mit dem Überessen aufhört.
– Oder das Überessen ist Teil eines alten Familienrituals.
– Oder es dient der abendlichen Beruhigung nach beruflichem oder familiärem Stress.

Solche psychodynamischen und psychosozialen Aspekte müssen in der Hypnotherapie berücksichtigt werden, ja sie müssen im Zentrum der Therapie stehen, denn sie entscheiden über den langfristigen Erfolg oder Misserfolg der Therapie. Dann geht die Hypnotherapie aber weit über das unmittelbare Wegsuggerieren eines unerwünschten oder das Herbeisuggerieren eines erwünschten Zustandes hinaus.

Direktive hypnotische Symptombeseitigung ohne Bearbeitung der zugrundeliegenden Dynamiken entspricht der Gabe eines säurehemmenden Medikamentes bei einer chronischen Gastritis: es hilft – aber es hilft nicht dauerhaft. Da nur die Auswirkung eines biografischen, psychosomatischen, sozialen und kulturellen Netzes von Wirkungen und Rückwirkungen verändert wird, müsste die suggestive Behandlung ständig wiederholt werden – aber sie verliert im Laufe der Zeit ihre Kraft. Suggestion als bloßes „Verbalmedikament“ angewandt hilft nach einiger Zeit nicht mehr.

Moderne Hypnotherapie, die latente Potentiale nutzt und abgespaltene Anteile integriert, wirkt nicht linear und auf eindeutig vorhersehbare oder vorherbestimmbare Weise, sondern „trance-logisch“: der Trance-Prozess und seine Effekte entwickeln sich oft überraschend, autodynamisch und unvorhersehbar.

Hypnotische Psychotherapie, die an die Wurzeln einer Problematik gehen will, muss ihr Hauptaugenmerk auf dynamischen Ursachen und systemischen Funktionen und Wechselwirkungen der Störung richten. Die Symptome des Patienten werden dann nicht selbst schon als das zentrale zu behandelnde Problem, sondern als „Wächter der Gesundheit“ verstanden.

Chronische Depressionen beispielsweise gehen oft auf kindliche Erlebnisse von Verlassenheit oder Demütigung zurück und werden oft durch überfürsorgliche oder ignorant-aggressive Bewältigungsversuche des sozialen Umfeldes gefördert und aufrechterhalten. Der Energiemangel, den ein Depressiver erlebt, quält ihn, aber er schützt ihn auch z.B. vor unerträglicher Verzweiflung, vor massiver Autoaggression oder vor demütigender Hilflosigkeit in Situationen der Überforderung. Die Aufheiterungsversuche und sozialen Kontrollversuche, die ein Depressiver erlebt, verstärken häufig nur sein depressives Muster. Ein Hypnotherapeut, der einem depressiven Klienten einfach nur eine bessere Stimmung suggeriert, scheitert langfristig ebenso, wie ein Freund, der ihm gut zuredet oder ein Arzt, der ihm bloß Antidepressiva verschreibt. Die Störung ist nicht an der Wurzel geheilt, sondern bestenfalls vorübergehend kompensiert.

Um psychisches Leid nachhaltig aufzuarbeiten, führt kein Weg an der Durcharbeitung der zugrundeliegenden psychodynamischen und psychosozialen Dynamiken vorbei. Diese sind dem Klienten zu Beginn der Behandlung in ihren Zusammenhängen in der Regel nicht bewusst. Oft erkennt der Klient erst im Laufe der Therapie, was seine Grundprobleme sind, von denen viele seiner Oberflächensymptome abgeleitet sind. Hypnose kann im Rahmen einer methodenintegrativen Psychotherapie benutzt werden, um Zugang zu der Grundstörung zu erlangen und um diese in einem methodenintegrativen Prozess kooperativ-dialogisch durchzuarbeiten.

Nur die wenigsten Hypnotherapeuten arbeiten ausschließlich mit Hypnose. Was in der Trance passiert und wie darin psychotherapeutisch gearbeitet wird, variiert je nach der Grundorientierung des Therapeuten:

  • Manche Hypnotherapeuten arbeiten verhaltenstherapeutisch: sie benutzen Trance z.B. um alltagspraktische Verhaltensänderungen zu fördern oder um gedankliche Einstellungen zu verändern.
  • Andere Hypnotherapeuten arbeiten psychodynamisch: sie nutzen Trance z.B. um abgespaltene Anteile zu integrieren, verdrängte Gefühle oder Übertragungen zu bearbeiten.
  • Wieder andere Therapeuten arbeiten humanistisch: sie nutzen Trance z.B. um das Gewahrsein des Patienten für seine Kontaktgestaltung und seine Wahlfreiheit zu fördern.
  • Andere Hypnotherapeuten arbeiten systemisch: sie nutzen Trance-Zustände z.B. um Leid aufrecht erhaltende Wechselwirkungen in Familien oder Organisationen umzustrukturieren.
  • Wieder andere Therapeuten arbeiten NLP-orientiert: sie nutzen Trance z.B.  um kognitive Repräsentationen und Handlungsmuster auf zielorientierte Weise umzuformen.

Manchmal werden mehrere dieser Ansätze kombiniert – was ich für den aktuellen Stand der Kunst der psychotherapeutischen Anwendung von Hypnose halte.

Trance, Hypnose und Suggestion können psychotherapeutische Prozesse in gleich welcher Therapieform beschleunigen und erleichtern. Die Behandlung ist aber auch mit Hypnose immer noch mühsam genug, vor allem weil der Klient lernen muss, jahrzehntelang abgespaltene Gefühle und Persönlichkeitsanteile zuzulassen und wieder als zu seiner Identität gehörig zu erleben, statt sie unbewusst auf andere Menschen zu projizieren, in Beziehungen auszuagieren oder in Symptome zu verwandeln.

Nachhaltige und persönlichkeitsverändernde Psychotherapie braucht Zeit und erfordert viel Engagement seitens des Therapeuten und des Patienten, auch wenn hypnotisch gearbeitet wird. Dieser Weg ist mühsamer und langwieriger, als viele sich das von einer Hypnotherapie erhoffen, aber dafür kann er tiefgehende und langfristig anhaltende Transformationen der Persönlichkeitsstruktur des Patienten erreichen.

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Integrative Formen von Hypnotherapie auf Basis des humanistischen Menschenbildes vermittle ich in meinen Fortbildungen.

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Werner Eberwein