Ist Hypnose gefährlich?

Wenn jemand fragen würde, ob ein Hammer gefährlich ist, was würde man darauf antworten? Wahrscheinlich ungefähr: „Das kommt darauf an, was man damit macht„. Ähnlich ist es mit der Hypnose.

Ein Hammer ist erst einmal nichts weiter als ein Stück Metall mit einem Holzstil daran. Man kann damit Nägel in die Wand schlagen, ein Blech glatt klopfen, aber auch Dinge zerstören oder sogar Menschen damit verletzen. Hypnose ist eine Technik, um einen vertieften Entspannungs- und Versenkungszustand einzuleiten, zu steuern und zu nutzen. Sie kann zu heilsamen, aber auch zu schädlichen Zwecken eingesetzt werden:

  • Mit Hypnose kann man (am besten eingebettet in andere psychotherapeutischen Verfahren) psychische oder psychosomatische Störungen heilen  oder lindern.
  • Man kann damit akute oder chronische Schmerzen vermindern oder ausschalten.
  • Man kann Leid aufrecht erhaltende emotionale, gedankliche oder Beziehungsverstrickungen lösen.
  • Man kann Menschen unterstützen, in eine ressourcenorientierte Stimmung zu kommen.
  • Man kann vieles weitere damit tun, was heilsamen und wohltuenden ist.

Aber man kann mit Hypnose auch Schaden anrichten:

  • Hypnose wird von Showhypnotiseuren angewandt, um Menschen zur Belustigung des Publikums in eine hilflosen Zustand zu bringen und absichtlich bloßzustellen.
  • Hypnose und daraus abgeleitete Kommunikationstechniken werden in der Werbung angewandt, um Menschen Dinge zu verkaufen, die sie nicht brauchen, oder die ihnen schaden.
  • Hypnosuggestive Kommunikationstechniken werden von Politikern und in Sekten angewandt, um Menschen zu verwirren, ihnen die Orientierung zu nehmen und Entscheidungen zuzustimmen, die nicht ihren Interessen entsprechen.
  • Hypnotische Methoden wurden und werden von Geheimdiensten benutzt, um Gefangene zu desorientieren, sie zu falschen Geständnissen zu bringen oder Informationen aus ihnen herauszuholen.
  • Hypnose und daraus abgeleitete Methoden werden in einer Reihe von anderen Kontexten zu schädlichen Zwecken angewandt.

In einem hypnotischen Trancezustand ist der Selbstschutz und die Abgrenzung eines Menschen weiter geöffnet als im gewöhnlichen Wachzustand. Er ist daher eher als im Wachzustand bereit, direkte oder indirekte Suggestionen anzunehmen und umzusetzen. Darum ermöglicht Hypnose psychische und körperliche Einflussnahmen auf den Patienten, die für diesen nicht in jedem Moment und nicht in vollem Umfang kognitiv nachvollziehbar ist. Darum ist es erforderlich, vor einer hypnotherapeutische Behandlung mit dem Patienten eine klare Vereinbarung über die Ziele der Behandlung herzustellen und behutsam darauf zu achten, alles zu vermeiden, was dem Patienten schaden könnte.

Seriöse Hypnotherapeuten unterliegen durch die Berufsordnung ihrer Kammern der Verpflichtung auf eine therapeutischen Ethik, die im Grunde eine modernisierte Form des Hippokratischen Eids darstellt.

In einem hypnotische Zustand können die inneren Barrieren gegen Gefühle und Erinnerungen mit Hilfe bestimmter hypnotischer Techniken gelockert werden. Auf diese Weise können abgewehrte Gefühle und Erinnerungen zugänglich gemacht werden, was im Rahmen bestimmter hypnotherapeutischer Arbeitsweisen sehr hilfreich sein kann. Wenn diese Methoden jedoch von unzureichend qualifizierten Personen angewandt werden, kann es zu Überflutungserscheinungen kommen, so dass der Patient mit heftigen und schwer erträglichen Emotionen konfrontiert ist, die ihn in einen instabilen psychischen Zustand bringen können. Um das zu vermeiden, ist es unabdingbar, dass ein Hypnotherapeut, der mit emotionsaktivierenden Techniken arbeitet, durch eine gründliche und fortlaufende Strukturdiagnostik die psychische Stabilität des Patienten einschätzt, um die hypnotische Zugangsarbeit auf diese abzustimmen. Dabei ist es ja gerade eine Stärke hypnotherapeutischer Arbeit, dass es auf hypnosuggestivem Wege möglich ist, die Aktivierung abgewehrter Emotionen sehr fein zu dosieren. In der Hypnotherapie kann man auf präzise Weise den Zugang zu abgewehrten Emotionen fördern, aber auch dämpfen. Es wurden ausgefeilte Zugangs- und Abgrenzungstechniken entwickelt, um den inneren Kontakt zu abgewehrten (z.B. traumatischen) Emotionen zu regulieren.

Die Erfahrung zeigt, dass Patienten selbst in tiefen Trancezuständen über Selbstschutzfähigkeiten verfügen, die sie vor in gewissem Umfang vor einer missbräuchlichen Verwendung von Hypnose schützen. Auch in tiefer Trance sind die Patienten nicht ohne weiteres bereit, alles zu tun, was ein Hypnotiseur ihnen sagt – das enthebt den Hypnotherapeuten aber nicht von seiner Verpflichtung, hypnotische Techniken verantwortlich und rücksichtsvoll anzuwenden.

Obwohl man also einen Hammer auch zu schädlichen Zwecken missbrauchen könnte, braucht man man vor einem Hammer in der Hand eines Heimwerkers oder eines Schreiners keine Angst zu haben, weil diese ihn sorgsam und umsichtig zu hilfreichen Zwecken anwenden. Ebenso sind hypnotische Techniken und die Methoden der suggestiven Kommunikation in den Händen gut ausgebildeter und ethisch integerer Psychotherapeuten und Ärzte hilfreiche und wirkungsvolle Bestandteile ganzheitlicher Therapieprozesse.

Werner Eberwein

1 Antwort
  1. RST
    RST says:

    Zuerst einmal ein dickes Lob für diese informative und interessante Seite! Nichtsdestotrotz sehe ich die Dinge an der einen oder anderen Stelle etwas anders.

    – Es kann aus dem Text leicht der Eindruck entstehen, dass eine Person, weil sie hypnotisiert ist, für weitgehend alles unkritisch empfänglich ist, was ihr der Hypnotiseur sagt. So wird das zwar nicht formuliert, und es wird ja auch gesagt, dass auch tief hypnotisierte Personen über Selbstschutzfähigkeiten verfügen. Aber dennoch klingt es etwas so, als habe der Hypnotisierte (beispielsweise bei einer Therapie) weit mehr von seinen Selbstschutzfähigkeiten verloren als ein „Wacher“ in einer vergleichbaren therapeutischen Situation. Genau das allerdings erschiene mir als fraglich, auch wenn es natürlich schwierig ist, Befunde aus einem experimentellen Setting auf die Therapie zu übertragen. Wenigstens im Psychologie-Labor sind Hypnotisierte allerdings nicht fügsamer als „Wache“.

    – Natürlich werden manipulative Techniken in ähnlicher Art sowohl bei der Hypnose wie z.B. auch in der Werbung eingesetzt. Dennoch macht das „Manipulative“ eigentlich nicht die Hypnose aus. Soziale Beeinflussbarkeit und hypnotische Suggestibilität korrelieren nur sehr geringfügig und in Abhängigkeit von den verwendeten Tests.

    – Sicherlich kann es während einer Hypnotherapie zu „Überflutungserscheinungen“ kommen. Aber Belege dafür, dass die Hypnotherapie in dieser Hinsicht bedeutend problematischer wäre als andere Therapien, existieren nicht. Wir müssen hier die Effekte von psychischer Vulnerabilität, Therapie und Hypnose auseinanderhalten.

    – Man kann vieles an der Showhypnose kritisch sehen, und Sie selbst führen ja auch entsprechende Beispiele auf. Man sollte aber dennoch nicht vergessen, dass sämtliche Untersuchungen zeigen, dass die allermeisten Personen bei der Bühnenhypnose positive Erfahrungen machen. Nur wenige Teilnehmer machen gleichermaßen positive und negative Erfahrungen oder erleben ihre Teilnahme ausschließlich negativ. Käme es bei der Showhypnose zu einem Zwischenfall, würde dies dafür sorgen, dass der Teilnehmer womöglich nicht mehr auf den Hypnotiseur reagiert – was für diesen peinlich wäre und den Ablauf der Show stören würde. Und wirklich „gravierende“ Probleme scheinen dann doch sehr selten zu sein.

    – Auch die Formulierung, dass „hypnotische Techniken und die Methoden der suggestiven Kommunikation in den Händen gut ausgebildeter und ethisch integerer Psychotherapeuten und Ärzte“ hilfreich seien, ist etwas unglücklich. Es vermittelt leicht den Eindruck, dass Suggestion oder Hypnose sehr ungewöhnliche Phänomene sind, die im normalen Leben nicht vorkommen und auch mit der normalen Kommunikation nichts oder doch kaum etwas zu tun haben. Denn nur vor so einem Hintergrund erscheint die obige Formulierung als sinnvoll.

    – Wir sollten auch nicht vergessen, dass beispielsweise viele Zahnärzte, die oft kein besonderes psychotherapeutisches Training absolviert haben, im Rahmen ihrer Tätigkeit und ihrer Qualifikation erfolgreich Hypnose einsetzen. Ebenfalls nutzen viele Menschen die Selbsthypnose. Und in der Hypnoseforschung werden häufig größeren Gruppen von Personen durch ein Tonband hypnotisiert und dann auf verschiedene Phänomene – einschließlich Halluzinationen und Regression – getestet. Diese Versuchspersonen werden im Vorfeld in aller Regel nicht psychologisch untersucht, und über ihre psychische Gesundheit ist nichts bekannt. Dennoch werden kaum Komplikationen berichtet, und negative Reaktionen treten nicht häufiger als bei anderen psychologischen Experimenten auf. Selbstredend ist dieser Fall ganz anders gelagert als die Hypnotherapie mit einer psychisch instabilen Person – aber es zeigt eben noch einmal, dass wir die Hypnose selbst und den Kontext ihrer Anwendung sorgfältig unterscheiden müssen.

    Um es zusammenzufassen: Alles in allem scheint die Hypnose „an sich“ recht sicher zu sein, was natürlich nicht einzelne negative Reaktionen ausschließt.

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