Wie kann ein Psychotherapeut seine PatientInnen verstehen?

In vielen Formen von Psychotherapie geht es ganz zentral um Verstehen. Patienten kommen zur Therapie, weil etwas mit Ihnen los ist, das sie nicht verstehen. Sie fühlen sich ihren eigenen Gefühlen und Reaktionen ausgeliefert, ihrer Angst, ihrer Eingeengtheit, ihrer Niedergeschlagenheit, ihrem Schmerz. Sie verstehen nicht, was mit Ihnen los ist und finden keinen Ansatzpunkt, um ihrem Leid zu entkommen. Psychotherapie ist Verstehen und Veränderung, ja Veränderung durch Verstehen und durch Hilfe zum Selbstverstehen. Weiterlesen

Was ist Resonanz?

„Resonanz ist das Versprechen der Moderne – Entfremdung ist ihre Realität.“
Hartmut Rosa

Resonanz

In seinem aktuellen Buch „Resonanz – eine Soziologie der Weltbeziehung“ (Suhrkamp Verlag Berlin 2016) beschreibt der Jenaer Professor für allgemeine und theoretische Soziologe Hartmut Rosa Resonanz und Entfremdung als allgemeine Formen der Weltbeziehung. Weiterlesen

Beruht die Theorie der Spiegelneuronen auf einer Überinterpretation neurobiologischer Befunde?

In seinem Buch »Warum wir verstehen was andere fühlen. Der Mythos der Spiegelneuronen« (Hanser Verlag München, 2015, 364 Seiten) bringt der renommierte Hirnforscher Gregory Hickock eine Reihe von ernstzunehmenden Argumenten gegen die zur Zeit unter Psychologen und Psychotherapeuten überaus verbreitete Theorie der Spiegelneuronen vor.

Hickock ist Professor für Verhaltensforschung an der Universität von Kalifornien. Dort leitet er das Center for Language Science und das Auditory and Language Neuroscience Lab. Hickock ist einer der profiliertesten Kritiker der Spiegelneuronentheorie. Weiterlesen

Was ist das Selbst?

„Das Selbst“ ist ein Begriff, der in der Psychologie mit vielen, teilweise unterschiedlichen Bedeutungen verwandt wird. In der Regel ist damit gemeint, dass und wie ein Mensch „sich selbst“ als einheitliches, autonom denkendes und handelndes Wesen wahrnimmt, also als ganze Person, als Persönlichkeit.

Von dem US-amerikanischen Psychologen William James stammt die Unterscheidung zwischen dem „Ich“ und dem „Mich“. Diese Unterscheidung wird deutlich z.B. in dem Satz: „Ich nehme mich wahr“. Weiterlesen

Was ist eine Reifikation?

Reifikation (gesprochen Re-ifikation mit Betonung auf dem „e“, auch Reifizierung) bedeutet Vergegenständlichung. Das Wort kommt vom lateinischen res = Sache und facere = machen. Gemeint ist eine geistige Operation, in der ein Prozess, eine Abstraktion oder ein Erleben so betrachtet und behandelt wird, als ob es ein konkreter Gegenstand sei.

Reifikationen sind in unserer Sprache und unserem Denken allgegenwärtig. Oft ist das nicht weiter problematisch, weil wir daran gewöhnt sind, in anschaulichen Bildern zu denken. An bestimmten Stellen führt das jedoch zu geistigen Verwirrungen, aus denen man kaum mehr herausfindet, wenn man das Prinzip der Reifikation nicht versteht. Weiterlesen

Sind die populären Interpretationen der Ergebnisse der Hirnforschung bloße Neuromythologie?

Beruht die Faszination für das, was uns in den letzten Jahren in diversen populären Veröffentlichungen und Kongressvorträgen als „Ergebnisse der Hirnforschung“ offeriert wurde möglicherweise auf einem grundlegenden und letztlich banalen Fehlschluss? Können Hirnforscher wirklich „dem Gehirn beim Denken zusehen“? Weiterlesen

Wozu dient Achtsamkeit in der Psychotherapie?

Achtsamkeit ist nicht alles, aber ohne Achtsamkeit ist alles nichts. So könnte man das Buch „Wirkfaktoren der Achtsamkeit: Wie sie die Psychotherapie verändern und bereichern“ (Schattauer-Verlag Stuttgart, 2015) zusammenfassen, in dem Michael Harrer und Halko Weiss die Achtsamkeit und ihre Anwendungen in der Psychotherapie unter praktisch allen nur erdenklichen Gesichtspunkten ausloten.

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Was sind Paradiesfantasien?

Paradiesfantasien sind unrealistisch idealisierte Vorstellungen. Sie sind ungemein verbreitet in unserer narzisstischen Kultur:

  • In Reiseprospekten wird uns der perfekte Urlaubsort vorgegaukelt.
  • Dating-Portale und Liebesschnulzen suggerieren uns den idealen Partner.
  • Abnehm-Programme versprechen uns die ideale Figur.
  • Klamotten-Versandfirmen versprechen uns das perfekte Outfit.

Klingt gut und ist werbewirksam, stellt sich aber leider alles als unrealistisch heraus. Weiterlesen

Wer war Jean-Paul Sartre?

Jean-Paul Sartre (1905-1980) war ein französischer Philosoph, Romancier, Dramatiker und Publizist. Mit seinem philosophischen Hauptwerk „Das Sein und das Nichts“ (1943) wurde er zum Hauptbegründer und -vertreter des Existentialismus und zu einem der einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts. Weiterlesen

Was ist Phänomenologie?

Als Phänomenologie wird eine der maßgeblichen philosophische Strömungen des 20. Jahrhunderts bezeichnet, die vor allem von Edmund Husserl (1859-1938) ausgearbeitet wurde. Bekannte Phänomenologen sind z.B. Max Scheler, Martin Heidegger, Jean-Paul Sartre, Maurice Merleau-Ponty, Emmanuel Lévinas, Paul Ricoeur und Jaques Derrida.

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Was ist Hermeneutik?

Unter Hermeneutik versteht man seit dem 17. Jahrhundert in der Philosophie eine Theorie des Verstehens und Auslegens menschlicher Ausdrucksformen (z.B. von Texten, Kunstwerken, wörtlicher Rede usw.). Der Begriff Hermeneutik leitet sich von dem griechischen Wort hermeneuein = erklären, auslegen, übersetzen ab sowie vom Namen des griechischen Götterboten Hermes, der die Beschlüsse des Zeus verkündet und die Seelen der Verstorbenen in die Unterwelt führt. Die philosophische Hermeneutik geht zurück auf Schleiermacher und Dilthey sowie auf Heidegger und vor allem Gadamer und dann auf Habermas. Im Rahmen der Psychotherapie meint der Begriff Hermeneutik das Verstehen und Interpretieren der verbalen und nonverbalen Äußerungen des Patienten sowie der Interaktionen zwischen Patient und Therapeut im therapeutischen Prozess. Weiterlesen

Was ist Bewusstsein?

Im Jahre 1974 schrieb der 1937 in Belgrad geborene US-amerikanische Philosoph Thomas Nagel in der Zeitschrift Philosophical Review einen viel beachteten und häufig nachgedruckten Aufsatz mit dem Titel „Wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“. In diesem Aufsatz tritt er reduktionistischen Erklärungen des Bewusstseins entgegen, die Erlebensprozesse auf physikalische Hirnzustände, also neuronale Korrelate zurückzuführen versuchen. Dieser Aufsatz löste in der Philosophie des Geistes eine jahrzehntelange Diskussion aus, die so genannte „Qualia-Debatte“. (Mit dem Begriff Qualia [von lat. qualis: „wie beschaffen“] sind die subjektiven Erlebnisgehalte mentaler Zustände gemeint.) Weiterlesen

Was ist Dialog?

In seinem 1996 posthum erschienenen Buch „Der Dialog. Das offene Gespräch am Ende der Diskussion“ (7. Auflage Klett-Cotta-Verlag 2014) stellt der Londoner Professor für theoretische Physik David Bohm (1917-1992) seine Vorstellung von einem konstruktiven zwischenmenschlichen Dialog dar, die er in intensivem persönlichem Austausch mit Jiddu Krishnamurti entwickelt hat. Seine Konzepte haben Eingang in verschiedene Methoden z.B. der Mediation und des Businesscoaching gefunden. Ich möchte hier besonders die Aspekte herausarbeiten, die für eine humanistisch verstandene Psychotherapie von besonderer Bedeutung sind. Weiterlesen

Was ist Neuropsychotherapie?

Es war ein spannendes Unterfangen, das sich Klaus Grawe in seinem Buch „Neuropsychotherapie“ vorgenommen hatte: er wollte die damals bekannten (Stand: 2004) Ergebnisse der Hirnforschung für die Psychotherapie nutzbar machen. Im ersten Teil des Buches trägt Grawe mit Akribie die Ergebnisse der Hirnforschung für die Psychotherapie zusammen. So scheint es laut Grawe heute beispielsweise relativ gut gesichert zu sein, dass bei depressiven Patienten bestimmte Hirnregionen (präfrontaler Cortex, Hippocampus) „durch mangelnde Benutzung“ im Volumen geschrumpft sind. Nach einer erfolgreichen Therapie nehmen diese Hirnregionen dagegen an Volumen und an Synapsendichte zu (Grawe 2004, S. 150 ff). Dies wäre der Nachweis dafür, dass sowohl psychische Störungen als auch psychotherapeutische Prozesse mit strukturellen Hirnveränderungen einhergehen. Psychotherapie kann also die Struktur des Gehirns verändern. Das ist interessant und stärkt die Reputation der Psychotherapeuten gegenüber den Medizinern. Weiterlesen

Was heißt „Begegnung“ in der Psychotherapie?

Im dritten Band seines 1993 erschienenen Buchs „Integrative Therapie“ hat Hilarion Petzold, der Begründer der Integrativen Therapie, einen Vortrag aus dem Jahre 1988 veröffentlicht, in dem er seine Erfahrungen in der Arbeit mit schwer- und todkranken Patienten reflektiert (die erweiterte 2. Auflage erschien 2003). Er untersucht darin verschiedene Aspekte des Begriffes und Prozesses der Begegnung in seiner psychologischen und philosophischen Einbettung. Weiterlesen

Was ist dialogische Psychotherapie?

Der dialogische Ansatz ist eine humanistische Orientierung in der Psychotherapie, die auf den Philosophen Martin Buber zurückgeht. Es handelt sich nicht um eine bestimmte Schule der Psychotherapie, sondern um eine Art und Weise, Psychotherapie zu verstehen und zu praktizieren, die aber in den humanistischen Richtungen der Psychotherapie seit 60 Jahren besonders gepflegt wird. (Erst in den letzten Jahren sind auch z.B. in der Psychoanalyse unter dem Begriff „interpersonelle“ oder „relationale Wende“ ähnliche Entwicklungen zu verzeichnen, wobei praktisch nie auf die wesentlich älteren Schriften von z.B. Roger, Perls oder Moreno verwiesen wird.) Weiterlesen

Was ist Existenzanalyse?

In einem >>>72minütigen Video-Interview mit Werner Eberwein beschreibt Prof. Alfried Längle (Wien), Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse (GLE) die Grundprinzipien und Anwendungen der Existenzanalyse (starten mit Klick auf das Bild):

Werner Eberwein und Alfried Längle

Werner Eberwein und Alfried Längle

Werner Eberwein

Ist Hypnose Manipulation?

Diese Frage wird von Patienten und Kollegen manchmal, von Pressevertretern in Interviews fast immer gestellt. Dahinter verbirgt sich die Unsicherheit, ob es mit Hypnose bspw. möglich sei, jemandem Geheimnisse zu entlocken, die er im Wachzustand nicht preiszugeben bereit wäre, oder ihn zu Handlungen zu verleiten, die im kontrollierten Zustand seinem moralischen Empfinden widersprechen würden. Weiterlesen

Wie kommen beim Menschen Entscheidungen zustande?

Menschen, die man als „verkopft“ bezeichnet, versuchen, Entscheidungen allein mit dem Verstand zu fällen, oder sie gehen davon aus, dass sie das fast immer täten. Sie glauben, auf einer rein rationalen Ebene durch Abwägung von Für und Wieder zu einer „vernünftigen“ Entscheidung kommen zu können.Rein rationales Entscheidung ist jedoch unmöglich. Computer beispielsweise können Entscheidungen nur auf Basis vorgegebener Entscheidungsroutinen fällen. Wie könnte ein Computer beispielsweise entscheiden, ob ihm ein Salat, ein Steak, ein Glas Wasser oder ein Stück Kuchen „lieber“ wäre? Das kann er nur, wenn ihm eine Bewertungsroutine einprogrammiert ist. Weiterlesen

Welche Rolle spielen Sinnfragen in der Psychotherapie?

In seinem Buch „Sinnvoll leben – Eine praktische Anleitung der Logotherapie“ (Residenz-Verlag 2007) beschreibt der 1951 geborene österreichische Psychotherapeut Alfried Längle die Grundprinzipien der Existenzanalyse nach Viktor Frankl und zugleich die existenzphilosophischen Grundlagen der Humanistischen Psychotherapie. Weiterlesen

Wie wirken Antidepressiva?

Die am häufigsten angewandten Antidepressiva sind die sogenannten Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI). SSRI blockieren im Gehirn die Prozesse, die für die Wiederaufnahme des Botenstoffes Serotonin zuständig sind, wodurch sich die Konzentration von Serotonin erhöht. Dahinter steht die Hypothese, dass eine verminderte Serotoninkonzentration im Gehirn für Depressionen verantwortlich ist. Bekannte SSRI-Antidepressiva sind z.B. Fluvoxamin, Fluoxetin (Prozac), Citalopram, Escitalopram, Sertralin und Paroxetin. Das bekannteste Antidepressivum ist wohl Prozac, das weltweit von über 45 Millionen Menschen geschluckt wird. Weiterlesen

Kann man nur von Licht leben?

Das australische „spirituelle Medium“ Ellen Greve, geb. 1957, genannt „Jasmuheen“, eine ehemalige Bankangestellte, behauptet in ihrem Buch „Lichtnahrung – die Nahrungsquelle für das kommende Jahrtausend“ (Koha Verlag 1998), wie auch in ihrem Film „Am Anfang war das Licht“ (mit Rüdiger Dahlke, Alive Verlag 2011), sie ernähren sich seit 1993 nur von Licht, ja „Lichtfaster“ wie sie bräuchten darüber hinaus lebenslang keinen Tropfen Flüssigkeit mehr zu sich nehmen. Jasmuheen preist ihre Licht-Nulldiät sogar als Patentrezept gegen den Hunger in der Welt an. Sie leitet seit Jahrzehnten Seminare mit esoterischen Inhalten, die sie angeblich als „Pressesprecherin“ der „Großen Weißen Bruderschaft“ medial von dem angeblich 1784 verstorbenen „Grafen von Saint Germain“ empfängt (Wikipedia: Jasmuheen, siehe auch http://www.agpf.de/Lichtnahrung.htm#focus). Weiterlesen

Was weiß die Hirnforschung wirklich?

In seinem jüngst erschienenen Buch „Neuromythologie – Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung“ (2012) kritisiert der Berliner Pharmakologe und kritische Neurowissenschaftler Felix Hasler die übertriebenen Ansprüche mancher in der Presse und im Fernsehen in den letzten Jahren sehr präsenter, biologistisch orientierter Hirnforscher. Hasler stellt eine „schier unglaubliche Diskrepanz zwischen dem gegenwärtigen Welterklärungsanspruch der Neurowissenschaften und den empirischen Daten“ (1) fest. (Die Zahlen im Text beziehen sich auf das Buch von Hasler.) Weiterlesen

Hat die Hirnforschung bewiesen, dass wir keinen freien Willen haben?

Wenn wir uns für etwas entscheiden, zum Beispiel wohin wir in Urlaub fahren, ob wir uns eine Einbauküche zu legen, eine Psychotherapie machen oder welche Partei wir wählen, ist unser Wille dann frei, können wir entscheiden was wir wollen, oder ist unser Wille durch irgend etwas vorherbestimmt (determiniert), so dass wir gar nicht anders können, als genau so zu entscheiden wie wir eben entscheiden und dies dann nur im Nachhinein als Willensfreiheit empfinden? Weiterlesen

Ist das Gehirn der Geist?

Diese Frage ist eine aktuelle Formulierung des uralten „Leib-Seele-Problems“ (auch: „Geist-Körper-Problem“), das schon seit Jahrtausenden und bislang ohne eindeutiges Ergebnis von Philosophen und Wissenschaftlern unterschiedlicher Richtungen diskutiert wird, seit einigen Jahrzenten vor allem unter dem Titel „Philosophie des Geistes“. Weiterlesen