Was sind die Symptome von Traumatisierungen?

Unter einem psychischen Trauma verstehen wir ein schreckliches, unerträgliches Ereignis oder eine Abfolge von schrecklichen Ereignissen, die in der Seele des Betroffenen nicht angemessen verarbeitet werden können, und die daher seelische Notfallmechanismen („Abwehrprozesse“) auslösen, so dass die traumatisierte Person manchmal nach Jahrzehnten darunter leidet.

Nicht jedes schreckliche Ereignis muss zu einem Trauma werden. Wenn die Seele eines Menschen stabil und gefestigt genug ist, wenn die Person über ausreichend Bewältigungsressourcen und ein stabiles, verständnisvolles soziales Netz sowie über genügend zwischenmenschliche Unterstützung verfügt, können schreckliche Ereignisse psychisch verarbeitet werden und werden dann zu einem Teil der Lebensgeschichte: „Es war furchtbar, aber jetzt ist es vorbei.“

Ein Trauma entsteht, wenn ein unerträgliches Ereignis zu überflutenden ambivalenten Emotionen führt (z.B. Verzweiflung, Hilflosigkeit, Ekel, Panik oder Hass verbunden mit Sehnsucht nach Sicherheit, Schutz, Nähe oder Zuwendung oder mit sexueller Stimuliertheit), die von der Seele nicht angemessen verarbeitet werden können, und die daher auf die eine oder andere Weise abgespalten werden müssen.

Traumatische Ereignisse sind in der Regel Erlebnisse von Gewalt, Grenzüberschreitungen, schwere körperliche Krankheiten, Misshandlungen, schwere Unfälle, Folter, Naturkatastrophen, sexuelle Übergriffe, Vergewaltigungen, kriminelle oder Kriegshandlungen, Vernachlässigungen oder auch massive psychische Verwirrung. Traumatisch wirken solche Ereignisse nicht nur, wenn jemand sie selbst erlebt, sondern auch wenn jemand Traumatisierungen bei anderen Menschen miterlebt, etwa bei nahen Familienangehörigen oder sonstwie nahestehenden Menschen („sekundäre Traumatisierung“).

Traumata können einzelne Ereignisse sein, wie etwa ein schwerer Unfall oder eine Vergewaltigung, es kann sich aber auch um wiederholte ähnliche oder vergleichbare Ereignisse handeln („komplexe Traumatisierung“). Nicht nur das Ereignis selbst wirkt traumatisieren, sondern auch das Fehlen oder die Mangelhaftigkeit sozialer Unterstützung oder zusätzliche traumatisierende Einflüsse der sozialen Umwelt (z.B. entwürdigende polizeiliche Verhöre oder Gerichtsverhandlungen, verleugnende, verdrehende oder anschuldigende Reaktionen von Familienangehörigen o.ä.).

Eine zentrale Rolle bei der Verarbeitung von Traumata spielt die Frage, ob diese vom sozialen Umfeld des Betroffenen wahrgenommen und als schwerwiegend erkannt und benannt werden, oder ob sie verleugnet, vertuscht, heruntergespielt, bestritten, der traumatisierten Person selbst als Schuld zugewiesen oder angeheizt, als Sensation ausgeschlachtet oder auf lüsterne Weise öffentlich verbreitet werden.

  • Frühe Traumatisierungen (im Säuglingsalter bis zum Alter von etwa drei Jahren) werden in der Regel im impliziten Gedächtnis als Gefühle, automatische Verhaltensmuster, Körperempfindungen oder Wahrnehmungsweisen gespeichert.
  • Spätere Traumatisierungen werden (sofern sie nicht einer traumatischen Amnesie unterliegen) im expliziten Gedächtnisses als bewusste, sprachlich und begrifflich übermittelbare autobiografische Erinnerungen gespeichert.

Aufgrund der Überforderung der psychischen Verarbeitungsmöglichkeiten der Person werden Traumata ganz oder teilweise dissoziiert. (Ein schreckliches Ereignis, das vollständig, also auch in seinen emotionalen Qualitäten, bewusstseinsfähig ist, das kognitiv reflektiert und verbal kommuniziert werden kann, wirkt in der Seele in der Regel nicht traumatisch.)

Ein Trauma kann ganz oder teilweise verdrängt, also der bewussten Erinnerungen entzogen oder nur zeitweise, in bestimmten Situationen oder bestimmten Menschen gegenüber bewusstseinsfähig und sprachlich kommunizierbar sein. Bestimmte Aspekte, Momente oder Ebenen der traumatischen Erfahrung sowie ihrer nicht gelingenden Verarbeitung können dem Bewusstsein unzugänglich, verzerrt oder verändert erscheinen. Die kognitiven Erinnerungen an das Trauma und ihre begriffliche Einordnung können z.B. beschönigend sein („Ab und zu eine Tracht Prügel hat mir nicht geschadet“), oder sie können Selbstbeschuldigungen enthalten („Ich bin ja selbst mit schuld, weil ich mitgemacht/es zugelassen habe.“) u.ä.

Manche Traumata können ganz oder teilweise bewusst erinnert werden, während die damit verbundenen Gefühle abgespalten sind oder unterdrückt werden, weil als als unerträglich empfunden werden. In anderen Fällen werden traumatisierte Menschen von unerträglichen Gefühlen überflutet, haben aber keine bewussten Erinnerungen dazu und können diese Gefühle nicht zuordnen.

Besonders bei frühen Traumatisierungen kann es für die betroffene Person quälend sein, keine oder keine klaren Erinnerungen an das oder die traumatischen Ereignisse zu haben, sondern nur bspw. endlos sich wiederholende Albträume oder nicht klar unterscheiden zu können, ob es sich um reale Erinnerungen oder symbolische Fantasien handelt. Es stellt für Psychotherapeuten eine enorme Herausforderung dar, diese Unsicherheiten gemeinsam mit dem Patienten auszuhalten und nicht vorschnell und auch nicht unterschwellig Realität oder Irrealität solcher „Erinnerungsfantasien“ zu suggerieren oder zu behaupten. In manchen Fällen bleibt es auch nach jahrelanger intensiver Psychotherapie unklar, ob entsprechende Bilder, Ahnungen und Träume auf reale Ereignisse zurückgehen, oder ob sie z.B. eine missbräuchliche Beziehungsatmosphäre symbolisch zum Ausdruck bringen.

Traumatische Erinnerungen können durch Auslösereize aktiviert werden, die einen Zusammenhang zu der traumatischen Situation haben (z.B. Orte, Begriffe, Personen, Gesten, Stimmlagen, Gerüche, Körperhaltungen usw.). Wenn durch solche Auslöser die traumatische Erinnerung aktiviert wird, erscheint sie dem Betroffenen in diesem Moment als zeitlos. Er fühlt sich wieder so, wie damals in der traumatischen Situation, kann aber oft die Verbindung zum Auslöser bzw. der aktuellen Situation nicht herstellen, was zu massiven Verwirrungen führen kann. (Fragmentierte oder unzutreffend zugeordnete Empfindungen können bspw. bei medizinischen Untersuchungen oder Behandlungen oder bei zärtliche Berührung oder auch momentanen Distanzierungen eines Partners heftige Panikzustände auslösen.)

Die traumatischen Gefühle werden oft unerwartet und mit großer Intensität im Körper wahrgenommen, also nicht im eigentlichen Sinn erinnert, sondern im Hier und Jetzt wiedererlebt („Flashback“). Vorstellungen, Bilder, Erinnerungen und Gefühle können den Betroffenen auch in harmlosen alltäglichen Situationen, wie in der U-Bahn, in der Badewanne oder auf dem Weg zur Arbeit überfallen und Panikreaktionen auslösen („Intrusionen“).

Das psychosomatische System traumatisierter Personen ist durch die Nachwirkungen traumatischer Ereignisse beeinträchtigt. Traumatisierte Menschen leiden daher häufig unter einer latenten oder anhaltenden Übererregung, also einem dauernden Alarmzustand („Hyperarrousal“), oft kombiniert mit emotionaler und vegetativen Erstarrung („Freezing“). Sie haben große Schwierigkeiten, mit Stress umzugehen und sich selbst zu beruhigen und leiden häufig unter einer Beeinträchtigung ihrer emotionalen Vitalität.

Traumatische Erinnerungen können oft nicht oder nicht vollständig oder nicht korrekt bewusst zusammengefügt werden, weil die Traumatisierung die integrativen Funktionen der Psyche außer Kraft gesetzt hat. Das Trauma führt daher häufig zu Missinterpretationen, unangemessenen Bewertungen, Klassifizierungen und Einordnungen (bspw. wenn körperliche Übergriffe eines Elternteils als Aufmerksamkeit oder liebevolle Zuwendung eingeordnet wird).

Manche traumatisierte Menschen sind auf ihr Trauma oder auf traumatische Reize fixiert oder in ihrer Identität überstark auf die Traumatisierung ausgerichtet. Häufig sind sie nicht in der Lage, auslösende Reize oder ähnliche Situationen angemessen zu verstehen und einzuordnen oder auf einer sprachlichen Ebene angemessenen Kontakt und Distanz zu anderen Menschen herzustellen.

Manche Traumatisierte Personen wurden durch Drohungen oder verwirrende Zuschreibungen dazu gebracht, über ein Trauma Stillschweigen zu bewahren, weshalb sie über das traumatische Ereignis zunächst nicht sprechen können. Dies geht oft mit intensiver Angst, Scham oder Schuldgefühlen einher.

Häufig erkennen traumatisierte Menschen zu ihrer eigenen Bestürzung, dass sie in ihrem Leben die Muster der traumatischen Situation unbewusst wiederholt haben oder in der Gegenwart weiter wiederholen, wobei sie sich sowohl in der Opfer- als auch in der Täter-Rolle befinden können, bisweilen auch in beiden Rollen abwechselnd oder zugleich.

Dies kann einhergehen mit Selbst- und/oder Fremdschädigungen, beispielsweise Selbstverletzungen, Selbstverstümmelungen, zwanghaft-aggressiven Verführungsmustern, ausbeuterischem Verhalten, Rachemanövern an Unschuldigen, unvorhersehbaren aggressiven Ausrastern, sexueller Promiskuität, provokativ-aggressivem Sozialverhalten, kompensatorischen Kontrollzwängen u.ä.).

Traumatisierte Menschen fühlen sich oft schuldig oder verantwortlich für das, was sie erlitten haben (z.B. „Wenn Mama mich schlägt, muss ich ja etwas Böses getan haben“, „Ich habe mich aufreizend gekleidet/verhalten, kein Wunder, dass der Mann mir zwischen die Beine gefasst hat“).

In der traumatisierten Situation fühlte sich der Betroffene machtlos und der traumatischen Gewalt hilflos ausgeliefert. Die Empfindungen, keine Kontrolle über die Situation, den eigenen Körper und die eigenen Grenzen zu haben und sich nicht schützen zu können, kann zu einer anhaltenden Identifizierung als Opfer oder einem kompensatorischen Täterverhalten führen („Jetzt bin ich mal am Drücker!“).

Traumatisierte Personen haben oft Schwierigkeiten, ihre eigene Autonomie wahrzunehmen oder zu beschützen. Es fällt ihnen schwer zu glauben dass ihre Wünsche und Abgrenzungen von anderen Menschen angemessen wahrgenommen und respektiert werden könnten. Dies führt zu einer fundamentalen Störung des Vertrauens, gerade in nahen zwischenmenschlichen Beziehungen, beispielsweise in der Partnerschaft oder in der Familie.

Die Traumatisierung schädigt das Selbstkonzept und die Selbstwahrnehmung der betroffenen Person. Dies kann zu traumatischen Identifizierungen führen („Ich bin eine Schlampe“) oder zu Dissoziationen vom eigenen Körper (Empfindungslosigkeit, „neben sich stehen“).

Besonders Menschen, die in einer traumatisierenden Umgebung aufgewachsen sind, fehlen viele Fähigkeiten zur Regulation sozialer Beziehungen und Konflikte. Daher erleben sie immer wieder Situationen, die sie nicht oder nur mit Notfallmechanismen bewältigen können, was sich im Laufe ihres Lebens zu einer langen Folge nicht angemessen verarbeiteter Erlebnisse summieren kann.

Aufgrund unbewusste Dissoziations- und Projektionsprozesse finden sich traumatisierte Menschen häufig immer wieder in traumatischen Situationen wieder, oder sie induzieren in ihrem Gegenüber unbewusst Täter-Empfindungen oder -Impulse oder werden selbst zum Täter und machen ihr gegenüber zum Opfer („Viktimisierung“). Aufgrund einer mangelnden Fähigkeit, angemessen mit sozialen Konflikten und Konkurrenzsituationen umzugehen, kann ihr soziale Leben sehr konfliktreich oder auch seicht und entleert sein.

Traumatisierte Menschen entwickeln häufig eine große Angst vor Nähe, oft kombiniert mit einem gleichzeitigen, überstarken Bedürfnis danach. Insbesondere Missbrauchsopfer können häufig ihre eigenen Wünsche nach sexueller Intimität oder zärtlicher Verbundenheit nicht angemessen wahrnehmen oder ausdrücken, oder sie können nicht angemessen zwischen erwachsener Sexualität (ihrer eigenen und der des Partners) und liebevoller Fürsorge und Zuwendung unterscheiden. Dies kann zu diversen Verwicklungen, Verwirrungen und Retraumatisierungen führen.

Die Dissoziation vom eigenen Körperempfinden kann so weit gehen, dass der Betroffene sich teilnahmslos fühlt oder „gar nichts mehr“ fühlt bis hin zu einem teilweisen oder völligen Fehlen von körperlichen Schmerzempfindungen oder – umgekehrt – einer Sehnsucht nach Schmerz „um wenigstens irgendetwas zu fühlen“. Das kann zu körperlichen oder psychischen Selbstverletzungen führen, auch um aus unerträglichen Zustände von innerer Anspannung oder Gefühllosigkeit herauszukommen.

Viele traumatisierte Menschen leiden unter Depressionen und Ängsten, Drogensucht, Alkoholismus oder psychosomatischen Beschwerden, psychogenen Schmerzen, Schlafstörungen, Verdauungsbeschwerden, permanenten Infektionen, sexuellen Funktionsstörungen oder massiven sozialen oder Beziehungsstörungen.

Manche traumatisierte Personen erleben sich selbst, ihren Körper oder bestimmte Situationen als unwirklich („Derealisation“). Sie empfinden sich zeitweise als abwesend, als „nicht vorhanden“ oder als „außerhalb der Welt der anderen stehend“, oder sie empfinden relevante soziale Situationen (z.B. den Verlust einer geliebten Person) als bedeutungslos.

Trotz vieler, differenzierter, speziell für traumatisierte Menschen entwickelter psychotherapeutischer Methoden stellt die Behandlung von traumatisierten Menschen den Patienten und den Therapeuten vor enorme Herausforderungen. Insbesondere dass reale Traumatisierungen häufig nicht oder nicht vollständig bewusst sind oder nicht als solche eingeordnet werden, stellt hohe Anforderungen an die Professionalität des Therapeuten und die Bewältigungsfähigkeiten des Patienten.

Zu bedenken ist auch, dass nicht jede Form von psychischem Leid als Folge von Traumatisierungen verstanden werden kann. Manche Patienten beginnen eine Psychotherapie, um „ihr Trauma zu finden“, während ihr psychisches Leid eher auf chronische Beziehungsstörungen in der Kindheit, auf einen Mangel an erlernten Bewältigungskompetenzen, auf überfürsorgliche Eltern, auf sozial-politisch-ökonomische oder sonstige Probleme zurückgeht.

Werner Eberwein