Was ist Humanistische Psychotherapie?
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Humanistische Psychotherapie versteht sich als dritter Weg neben den psychodynamischen und den behavioralen Verfahren. Humanistische Psychotherapie ist eine integrative psychotherapeutische Orientierung, die das psychische Wachstum durch Entfaltung spezifisch menschlicher Potenziale auf ein von Sinn getragenes, selbstverwirklichendes, authentisches Leben hin in den Mittelpunkt stellt. In der Humanistischen Psychotherapie wird der psychotherapeutische Prozess gesehen als fortgesetzte Tiefenselbsterkundung des Erlebens und besonders der Beziehungsmuster des Klienten in einem kooperativen Tiefendialog mit dem Therapeuten. Humanistische Psychotherapie integriert erfahrungsorientierte, psychodynamische, ressourcen- und zielorientierte Ansätze. Humanistische Psychotherapie dient dazu, die Lebendigkeit des Klienten und seine latenten Potentiale aus den Fesseln gefrorener Angepaßtheit oder blinder Rebellion zu befreien. Das Ziel der Humanistischen Psychotherapie ist es, Beziehungsstörungen und Traumata zu transformieren, archaische Gefühle und Impulse zu kultivieren, also spürbar, lebbar und kontrollierbar zu machen, und dem Klienten zu helfen, seine Identität zu erfühlen und zu definieren und die eigenen Grenzen zu spüren, zu schützen und auszuweiten, um einen vitalen, erfüllten Lebensweg zu gestalten.
Wahlfreiheit und Sinnorientierung
Welche Konsequenzen hat es, wenn wir den Menschen als existenziell frei betrachten? Was bedeutet das für die Psychotherapie?
Die Humanistische Psychotherapie geht davon aus, dass dem Menschen trotz seiner Formung und Begrenzung durch seine biologische Natur, seine Lebensgeschichte und seine soziale Umgebung in jeder Angelegenheit und in jedem Augenblick die Möglichkeit bleibt, wahlfrei zwischen einer Vielzahl von Optionen zu entscheiden. Wie sich der einzelne Mensch im Einzelfall entscheidet, kann nicht vorhergesagt und nicht vorherbestimmt werden. Diese existenzielle Wahlfreiheit kann dem Menschen nicht genommen werden, und er kann sich aus ihr nicht herausstehlen. Die Möglichkeit des Menschen, sein Leben wahlfrei auszugestalten und übergeordneten Zielen und Werten zu widmen, eröffnet eine ganze Dimension jenseits der biologischen Triebe und der Verhaltenskonditionierungen.
Auf der Idee der existenziellen Wahlfreiheit und Sinnorientierung basiert das Humanistische Menschenbild, das die Möglichkeit und Unausweichlichkeit der Selbstgestaltung der Welt durch den Menschen hervorhebt. Jeder Mensch, jede soziale Gemeinschaft, ja die ganze Menschheit erzeugt und reproduziert durch ihre wahlfreien Entscheidungen ihre Lebensumwelt. Die soziale Wirklichkeit ist vom Menschen geschaffen und wird durch Entscheidungen aufrechterhalten - oder verändert.
Eine solche Sichtweise öffnet einen weiten Raum. Sie konfrontiert uns mit unserer Verantwortung für unser Leben, aber sie weist auch auf unsere Veränderungsmöglichkeiten hin. Wir sind für die Ausgestaltung unseres eigenen Lebens, für die Gestaltung der sozialen Beziehungen und der ökologischen Bedingungen, unter denen wir leben, verantwortlich. Wir gestalten unsere Biografie durch unsere wahlfreien Entscheidungen. Damit haben wir Teil an der Gestaltung des Ganzen.
Selbst unter noch so begrenzten und beschränkenden äußeren Umständen bleibt dem Menschen eine Freiheit der Wahl. Wie die aufwühlenden Berichte des in Wien geborenen Psychiaters Viktor Frankl über seine Erfahrungen als Insasse mehrerer Konzentrationslager zeigen (Frankl 2005), hat der Mensch selbst unter den unmenschlichsten, absurdesten und restriktivsten Bedingungen mindestens noch die Freiheit der Wahl,
- sich der scheinbaren Aussichtslosigkeit seiner Lage passiv zu ergeben, und damit seinem Leben als sinnhafter und lebenswerter Existenz ein Ende zu setzen, oder
- durch einen inneren Bezug zu einem persönlichen Sinn ein in selbstbestimmten Werten verwurzeltes Leben zu gestalten.
Eine der wertvollsten Ergebnisse von Frankls Reflexionen seiner schrecklichen KZ-Erfahrungen war, dass diejenigen seiner Mitinsassen, die sich aufgaben, die also an der Absurdität ihrer Lage verzweifelten, „in den Zaun gingen“, d. h. ihrem Leben in dem Hochspannungszaun, der die KZs umgab, ein Ende setzten. Dagegen fanden diejenigen, die selbst im KZ den Bezug zu etwas Sinngebendem behielten, sei es eine Religion, die Hoffnung auf das Wiedersehen der Familienangehörigen, eine Philosophie oder noch so kleine gegenseitige Unterstützungen, einen inneren Halt, der Ihnen die Kraft zum Überleben gab. Frankls Begriff des persönlichen Sinns und der Orientierung an Werten sind Grundkonzepte der Humanistischen Psychotherapie.
Wenn der Mensch als existentiell frei betrachtet wird, also als ein Wesen, das den Sinn und die Orientierung seines Lebens durch wahlfreie Entscheidungen hervorbringt, dann ist jeder Mensch für die leitenden Prinzipien und die Ausgestaltung seines Lebensweges verantwortlich. „Wir sind in die Freiheit geworfen“, sagt Sartre (1982). Über alle Bedingungen und Konditionierungen hinaus gestaltet der Mensch aktiv seine Existenz, also auch die Art, wie er mit psychischem Leid umgeht.
Die Arbeit des Klienten an sich selbst
Wenn ein psychisch leidender Mensch einen Humanistischen Psychotherapeuten aufsucht, so hat er eine Entscheidung getroffen, wie er seinen Umgang mit seinem Leid gestalten möchte.
- Er hätte stattdessen auch entscheiden können, dass er lieber versuchen will, mit seinen Problemen allein klarzukommen.
- Er hätte in eine Klinik gehen oder mit Freunden oder Familienangehörigen darüber sprechen können.
- Er hätte in eine Selbsthilfegruppe gehen, sich medizinisch behandeln lassen oder Psychopharmaka nehmen können.
- Er hätte sich entscheiden können, alles so auszuhalten, wie es ist, oder er hätte sein Leben umkrempeln können.
- Er hätte auswandern, nichts tun, das Ganze mit sich selbst ausmachen, einen Analytiker oder einen Verhaltenstherapeuten aufsuchen können.
Niemand kann vorhersagen, welchen Weg ein psychisch leidender Mensch einschlagen wird. Niemand kann ihm diesen Weg vorgeben. Man kann ihn beraten, ihn ermutigen, drängen oder sogar zwingen (z. B. durch psychiatrische oder juristische Maßnahmen), aber selbst dann bleibt ihm eine Wahlfreiheit, die ihm nicht genommen werden kann. Nur schwerste Störungen wie bestimmte schwere hirnorganische Schädigungen, Schizophrenie oder Demenz können die Willensfreiheit teilweise oder ganz aufheben, und in diesen Fällen kann Humanistische Psychotherapie wenig erreichen. Humanistische Psychotherapie setzt Entscheidungsfreiheit voraus, und sie dient dem Gewahrsein und der Ausdehnung der Wahlfreiheit.
Wenn ein Mensch in psychischem Leid einen Humanistisch orientierten Psychotherapeuten aufsucht, so wird dieser ihm verdeutlichen, das er, der Therapeut, sich nicht als derjenige versteht, der die Therapie „macht“. Der Humanistische Psychotherapeut mit seinem Fachwissen und seinen Techniken sieht nicht primär sich für den Ablauf und den Erfolg des psychotherapeutischen Prozesses verantwortlich. Vielmehr ist es der Klient, der in der Therapie mit aller Kraft seinen Weg suchen und selbst gehen muss, und dabei erhält er die kompetente Unterstützung des Therapeuten. Der Humanistische Psychotherapeut versteht sich als Kooperationspartner, als Begleiter und Unterstützer, manchmal als Herausforderer, aber nicht als „Macher“ der Therapie. Das mag banal klingen, hat aber weitreichende Folgen für die Gestaltung des Therapieprozesses. Aus der Sicht der Humanistischen Psychotherapie wird dadurch, dass der Therapeut die Verantwortung des Klienten für die Gestaltung seines Lebens und auch für die Ausgestaltung des therapeutischen Prozesses anerkennt, befürwortet, fördert, aber auch fordert, ein therapeutischer Fortschritt überhaupt erst möglich.
Professioneller Dialog
Die Humanistische Psychotherapie beschäftigt sich vorrangig mit dem, was am Menschen spezifisch menschlich ist. Sie vertritt den Standpunkt, dass die Subjektivität und Intersubjektivität des Menschen nur begrenzt empirisch-statistisch oder biologisch-medizinisch erfasst und abgebildet werden kann. Der Mensch als Subjekt ist kein Ding, kein Zahlenwert und kein Neuronenimpuls, sondern eine Person und nur als Ganzheit in ihrem Erleben und Handeln, also als Subjekt, zu erfassen. Die Subjektivität eines anderen Menschen kann ein Mensch nur in einer Beziehung mit ihm, also intersubjektiv, durch Verstehen und Dialog, Einfühlung und Abgrenzung erfahren.
In der Humanistischen Psychotherapie geht es um intra- und interpsychische Prozesse. Die Seele kann grundsätzlich nicht wie ein Objekt untersucht werden, weil sie kein Objekt ist. In der Humanistischen Psychotherapie gibt es keinen objektiven Beobachterstandpunkt außerhalb der therapeutischen Beziehung zum Klienten. Der Therapeut ist mit dem Klienten in eine Beziehungsgesamtheit, ein interpersonelles System eingebunden, in dem der Theapeut durch professionelle Distanz und Fachwissen einen Raum ausfaltet, in dem der Klient sich selbst und seine Beziehungsmuster reflektieren und transformieren kann. Psychotherapie ist Heilung im Kontakt und mit den Mitteln des Kontaktes. Kontakt im Sinne der Humanistischen Psychotherapie ist etwas dialogisches, intersubjektives. Humanistische Psychotherapie ist ein professioneller Dialog auf Basis intersubjektiver Wissenschaft.
Der dritte Weg
Humanistische Psychotherapie ist vor allem eine Einstellung. Sie besteht aus Orientierungen, Prinzipien, Theorien und Techniken, aber sie ist kein lehrbuchartig fixierbares, einheitliches Verfahren. Sie hat keine zentrale Geschäftsstelle, keinen relevanten Dachverband, keine Mitgliedschaft und keine allgemein verbindliche Ausbildungsordnung. Viele ihrer Anhänger sind auch in den klassischen, von den Krankenkassen anerkannten Verfahren ausgebildet, also Verhaltenstherapeuten, Tiefenpsychologen oder Analytiker, manche mehreres zugleich. Kristallisationspunkt der Humanistischen Psychotherapiebewegung war in den 1960er Jahren das Esalen-Institut in Kalifornien, in dem viele Begründer und große Vertreter der Humanistischen Psychologie und Psychotherapie wie Abraham Maslow, Fritz Perls, Alexander Lowen, Carl Rogers, Stan Grof, Ida Rolf und viele andere gearbeitet haben.
Humanistische Psychotherapie versteht sich als dritter Weg neben den verhaltensorientierten und den analytischen Verfahren der Psychotherapie und verschreibt sich der Integration der Theorien und Techniken. Humanistische Psychotherapeuten arbeiten auf der Basis ihrer Humanistischen Grundeinstellung mit einer Vielfalt von Techniken, die im wohlverstandenen Interesse des Klienten zur Überwindung seiner Leid machenden Fixierungen und Begrenzungen sinnvoll sind. Sie werden in der Humanistischen Psychotherapie auf Grundlage einer Philosophie angewandt, die auf Wahlfreiheit und Sinnorientierung, Verstehen und Dialog beruht.
Humanistische Psychotherapie integriert verbale und nonverbale Techniken. In Humanistischen Psychotherapiesitzungen wird auch geredet, aber auch geatmet, gemalt, getanzt, massiert, getrommelt, gespielt, meditiert und visualisiert. Die therapeutischen Prozesse können in Worte, Dialoge, Bewegungen, Töne, Imaginationen, Rollenspiele oder Rituale umgesetzt werden.
Der Begriff „Humanistisch“ meint hier im Unterschied zum landläufigen Verständnis nicht ein oberflächliches „das Gute im Menschen“ und hat nichts mit Schulunterricht in Altgriechisch zu tun. Vielmehr soll er den Grundgedanken hervorheben, dass der Mensch in seiner existenziellen Freiheit, mit seiner Selbstverantwortung und seinen Potenzialen gesehen wird. Der Klient wird nicht primär als krankes, konditioniertes oder triebdeterminiertes Wesen betrachtet, sondern als kreativer Gestalter seiner Welt, als Schöpfer sozialer Wirklichkeit in Beziehung mit anderen.
Das Spektrum der Humanistischen Verfahren und Techniken reicht von der verbalen und nonverbalen dialogischen Arbeit mit Kontakt und an Kontaktmustern über Rollenspiele, Identifikationsmethoden und körperorientierten Techniken bis zur Arbeit mit veränderten Bewusstseinszuständen, konfrontativen, kreativen und Gruppentechniken. Ziel der Humanistischen Psychotherapie ist die Integration von abgewehrten Anteilen, die Förderung der Wahlfreiheit des Klienten, die Entfaltung latenter Potenziale und die Orientierung der Lebensperspektive an Sinn stiftenden Werten.
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