Schnellhypnose - wozu und wie?
Werner Eberwein
Einleitung
Da ist es wieder: Walter, ein Psychologe aus Oldenburg, schaut aufgeregt im Fortbildungsseminar herum. Seine Augen blitzen vor verschwörerischer Neugier:
„Werner, zeig doch mal eine richtige Hypnose.“
Wie oft habe ich das schon gehört. Ich atme tief durch, erinnere mich, wie ich während meiner eigenen Ausbildung auch immer „richtige“ Hypnose sehen wollte und das Gefühl hatte, dass meine Trainer mir etwas vorenthalten. Was sie auch zeigten – ich hatte das Gefühl, das sei keine „richtige“ Hypnose. Ich wollte etwas Spektakuläres sehen, einen magischen Effekt, eine Blitzheilung, oder mindestens dass jemand an seiner Stuhllehne festklebte. Dabei habe ich schon als Student mit 20 Jahren diese ganzen Spielereien mit hypnotischen Zwängen, Signalhypnosen, eine Versuchsperson den eigenen Namen vergessen lassen, Regression in „vergangene Leben“ und vieles mehr gemacht und war fasziniert von meiner „magischen Macht“ gewesen. Trotzdem hatte ich immer das Gefühl, „richtige“ Hypnose sei noch mal etwas anderes, auch wenn ich nicht hätte sagen können, was ich eigentlich genau erwartete.
Erst nachdem ich mich intensiv mit der Showhypnose beschäftigt hatte (vgl. Eberwein 2002), fing ich an, solche Hypnose-Spektakel grundsätzlich abzulehnen. Heute finde ich hypnotische Machtbekundungen und Manipulationen stupide bis peinlich, manchmal sogar gefährlich. Aber wie soll ich das einem Kollegen erklären, der solche Effekte „einfach gern mal life sehen“ will.
Für mich ist Trance-Kommunikation etwas ziemlich Intimes. Der Patient öffnet vertrauensvoll seine Abwehr für einen suggestiven Einfluss. Nach meinem Verständnis muss ein psychisch geöffneter Mensch geschützt, respektvoll und behutsam behandelt werden, sogar dann, wenn er selbst das anders haben will.
Als Analogie fällt mir ein Chirurg ein, der ja auch - auf seine Weise - Patienten „öffnet“. Es geht nicht darum, dass er übervorsichtig jeden Eingriff vermeiden sollte, denn manchmal müssen Eingriffe sein, und Übervorsicht kann sogar gefährlich sein. Aber ein Chirurg darf niemals mehr vom Körper wegschneiden oder in ihn hineinsetzen, als im Interesse des Patienten erforderlich und unvermeidbar ist. Ebenso muss ein Hypnotiseur so schonend wie möglich arbeiten und nur so weit eingreifen, wie es unumgänglich ist.
Bei Techniken, die Hypnose schneller machen, ist die Gefahr besonders groß, dass der Patient überrumpelt und entwürdigt wird. Bei der Schnellhypnose zeigt sich am deutlichsten der Standpunkt und das Wertesystem des Hypnotiseurs.
Ist Schnellhypnose die ökonomischste Anwendung von Trance-Techniken oder bloß eine Marketing-Fiktion? Gibt es überhaupt hypnotische Techniken, die schneller funktionieren als andere? Und wenn es sie gibt – warum benutzt man sie eigentlich nicht immer? Wann nutzen Schnellhypnose-Techniken, wem nutzen sie - und können sie auch schaden?
Beginnen wir damit, wie Schnellhypnosetechniken gern präsentiert werden.
Mythen der Schnellhypnose
Anhänger der Schnellhypnose behaupten gern:
„Es geht ganz schnell, es ist ganz einfach, es funktioniert immer.“
Das ist natürlich faszinierend. Die Frage ist nur:
Stimmt das auch?
Klar wäre es hilfreich und ökonomisch, wenn wir alle Patienten in wenigen Augenblicken mit einfachen Standardtechniken und mit garantiertem Erfolg in Trance versetzen und dann darin „leicht und schnell“ alles bewirken könnten, was bewirkt werden soll.
Ein Zahnarzt in einem meiner Seminare brachte es auf den Punkt:
„Ich brauche eine Alternative zur chemischen Anästhesie, die genauso schnell und sicher wirkt, wie eine Spritze.“
Damit ist der Korb ziemlich hoch gehängt. Eine sichere, vollständige hypnotische Anästhesie in zwei Minuten – wer versucht, das als Routinetechnik zu etablieren, der hat sich einiges vorgenommen. Und doch gibt es Kollegen, die behaupten, das zu beherrschen.
Schauen wir uns also einmal an, was dran ist an den Mythen der Schnellhypnose.
Der Mythos der Geschwindigkeit
Aus dem Munde der Schnellhypnose-Begeisterten klingt das etwa so:
„Mit Methode X kann ich jeden Patienten innerhalb von wenigen Minuten in eine Trance versetzen, die so tief ist, dass ich darin alles erforderliche mit ihm machen kann.“
Wie viele Mythen, so beinhaltet auch dieser einen wahren Kern. Manchmal geht eine Trance-Induktion tatsächlich überraschend schnell. Es gibt Patienten, die so empfänglich und kooperativ sind, dass man sie nur intensiv anzuschauen braucht, und schon sind sie in Trance. Manche Hypnoseanfänger neigen dazu, die Einleitung der Trance endlos lange auszudehnen, weil sie noch keine Gefühl bzw. keine brauchbare Technik dafür haben, um herauszufinden, wann die „eigentliche Behandlung“ beginnen kann. Sicherheitshalber versuchen sie, den Patienten immer tiefer in Trance zu führen, wissen aber nicht, wann die Trance „tief genug“ ist. Oft ist der Patient schon längst in einer ausreichend tiefen Trance, während der Hypnotiseur sich weiter abmüht, ihn in eine solche hineinzubringen. Eigentlich könnte der Hypnotiseur längst anfangen, dem Patienten therapeutische Suggestionen zu vermitteln bzw. ihn in Trance medizinisch behandeln. In diesem Fall ist keine spezifische Schnellhypnosetechnik erforderlich. Die Induktion ist schon schnell genug, nur der Hypnotiseur merkt es nicht. Ihm fehlt ein Gespür bzw. eine geeignete hypnotische Dialogmethode (z.B. Ideomotorik), um herauszufinden, wann der Patient „soweit ist“.
Die moderne, ericksonÙsche Hypnose ist, was die Tiefe der Hypnose betrifft, ziemlich pragmatisch orientiert. Ericksonianer unterscheiden nur unscharf zwischen verschiedenen Tiefenstadien sowie zwischen Induktion, Vertiefung, Nutzung und Reorientierung. Der Wachzustand und die Trance verschwimmen für Ericksonianer miteinander. Suggestionen werden bereits vor der formellen Induktion oder noch nach der Reorientierung gegeben. EricksonÙsche Hypnose ist ein ganzheitlicher Prozess, ein Gesamtkunstwerk. Die Tiefe der Trance ist für Ericksonianer weniger relevant - es kommt ihnen darauf an, die Kooperationsbereitschaft des Unbewussten zu fördern. Wenn dissoziative therapeutische Prozesse in Richtung auf das gewünschte Ziel hin feststellbar sind, ist es für Ericksonianer nicht wichtig, ob oder wie tief der Patient in Trance ist. Daher legen Ericksonianer es nicht auf besonders „tiefe“ Trancezustände an, und daher ist die Induktionsphase in der ericksonianischen Hypnose manchmal recht kurz. Der Übergang zwischen Wachzustand, Trance, Nutzung der Trance und Reorientierung geschieht praktisch unmerklich.
Im winzigen Konsultationszimmer von Erickson konnte es im Einzelfall schwierig sein, festzustellen, ob ein Patient zu einem bestimmten Zeitpunkt wach oder in Trance war. Allerdings nahm sich sich Erickson zu Beginn seiner Arbeit mit jedem Patienten einige Stunden Zeit, um mit dem Patienten den Zustandswechsel hinein in die Trance und heraus aus der Trance intensiv zu trainieren, so dass die Übergänge hinterher flüssig und beiläufig geschahen.
Dennoch: Um eindeutig dissoziative Prozesse zugänglich zu machen, braucht es auch mit ericksonÙschen Techniken bei den meisten Patienten einige Zeit und eine gewisse Vorarbeit. Hochsuggestible Patienten gehen zwar mitunter in wenigen Minuten so tief in Trance, dass Anästhesie, Ressourcenaktivierung oder nachhaltige Posthypnose möglich sind. Die meisten Patienten brauchen dafür aber etwa 15 bis 20 Minuten Zeit, je nach Trance-Fähigkeit und angezielter Intervention. Manche Patienten brauchen sogar noch viel mehr Zeit, und nach meinem Verständnis sollte der Therapeut ihnen diese Zeit auch geben. Es hat keinen Sinn, einen Patienten, der langsam reagiert, aus ökonomischen oder narzißtischen Gründen drängeln zu wollen. Das erzeugt bloß Druck, und Druck erzeugt Widerstand. Manchmal ist der alte Satz hilfreich:
„Wenn du willst, dass es schnell geht, mach langsam.“
Eine „Drängelinduktion“ stellt meines Erachtens die Entspannungswirkung der Hypnose auf den Kopf. Außerdem werden wir weiter unten sehen, dass viele der sogenannten „Schnellhypnose“-Methoden in der Praxis keineswegs schneller sind als andere, sondern letztlich auch 15 bis 20 Minuten für den Gesamtprozess der Induktion brauchen.
Der Beginn der Induktion geht oft relativ schnell. Wenn man nur diese Phase misst, entstehen ziemlich kurze Zeitangaben. Es dauert meistens tatsächlich nur eine bis zwei Minuten, bis der Patient reglos mit geschlossenen Augen dasitzt. Das sieht von außen für einen naiven Beobachter wie eine Trance aus, ist aber in meinem Verständnis in den meisten Fällen noch kein veränderter Bewusstseinszustand. Die eigentliche Tranceinduktion wird dann bei Schnellhypnoseverfahren als „Vertiefung“ bezeichnet. Während dieser „Vertiefung“ findet aber erst der allmähliche Wechsel des Bewusstseinszustandes statt. Und dieser Prozess dauert bei den meisten Menschen - etwa 15 bis 20 Minuten.
Von diesem Zeitbedarf gibt es einige Ausnahmen. Hochsuggestible Patienten reagieren, wie gesagt, manchmal deutlich schneller. Wenn es hauptsächlich um intensive Ablenkung geht, wie zum Beispiel bei manchen Induktionstechniken für Kinder, dann kann man tatsächlich recht schnell arbeiten. Ein Kind mit etwas zu faszinieren, was für das Kind interessant ist, geht ziemlich schnell. Es ist eher schwierig, diese Faszination für längere Zeit aufrechtzuerhalten. Hypnose-Zahnärzte arbeiten bei Kindern in der Regel zusätzlich zur Hypnose mit chemischer Anästhesie. Für die zahnärztliche Hypnose genügt es vollkommen, wenn die Kinder behandlungsfähig sind, eine hypnotische Anästhesie ist nicht erforderlich. Daher überfluten Hypnose-Zahnärzte Kinder mit kindgerechten Refokussierungstechniken und können dann mit ihnen zahnärztlich arbeiten. Das geht oft recht schnell, aber meines Erachtens sollte man hier im Regelfall eher von einem „Hypnoid“ (einem Hypnose-ähnlichen Zustand) sprechen, nicht von einer stabilen Dissoziation („Hypnose“).
Auch wenn ein Patient schon mal hypnotisiert worden ist und stabil installierte Rehypnose-Anker hat, können Hypnoseinduktionen schnell, manchmal blitzartig gehen („Signalhypnose“). Nach einer längeren, ausführlichen Induktionsphase wird der Versuchsperson posthypnotisch suggeriert, dass sie aufgrund eines bestimmten Auslösereizes augenblicklich in Trance versinken würde. Der Auslösereiz ist dann entweder ein Schlüsselwort oder eine spezifische Berührung (Streichen über die Augen oder ähnliches). Die Etablierung der Signalhypnose braucht einige Zeit (man ahnt es schon: etwa 15 bis 20 Minuten), aber beim nächsten Mal geht die Re-Induktion der Trance wesentlich schneller, manchmal praktisch augenblicklich.
Im Bereich der psychotherapeutischen Anwendungen der Hypnose geht es gelegentlich nur um fokussierte Oberflächenprozesse, die keine besonders intensive Trance erfordern, ja, die im Grunde auch im Wachzustand erreicht werden könnten. Bei vielen NLP-Imaginationsmethoden (z.B. Swish, Alignment, Mentorenarbeit, Timeline usw.) ist der Patient in der Regel nicht besonders stark dissoziiert. Der Zustand des Patienten während solcher Übungen ist nahe am gewöhnlichen Wachzustand („hypnoid“). Daher erfordern diese Techniken keine gründliche Tranceinduktion. Der Zustandswechsel geschieht beiläufig während und als Folge der Anwendung der NLP-Methode. Allerdings können nach meiner Erfahrung mit solchen schnellen Transformationstechniken nur Probleme bearbeitet werden, die eher aktuell-reaktiv sind, nicht besonders tief sitzen und nicht generalisiert und in der Persönlichkeitsstruktur des Patienten verankert sind.
Wenn wir als Psychotherapeuten in den Bereich der Persönlichkeits- (Charakter-, Früh-) Störungen kommen, können die Patienten in der Regel weder angemessene Beschreibungen ihrer Problematik noch nachvollziehbare Zielvorstellungen liefern, noch können sie sich stabil kooperativ auf ein therapeutisches Arbeitsverhältnis einlassen. Bei diesen Patienten ist meistens eine jahrelange Arbeit erforderlich, um immer wieder eine tragfähige therapeutische Arbeitsbeziehung herzustellen, um sich den neuralgischen Punkten im Leben des Patienten allmählich anzunähern und sie durchzuarbeiten. Von Patienten mit Persönlichkeitsstörungen werden Schnellphypnosetechniken oft als bedrohlich erlebt, weil sie ihre ohnehin instabile Ich-Struktur weiter destabilisieren. Aber genau das sind die Patienten, die zuhauf die Praxis der Psychotherapeuten aufsuchen. Menschen mit begrenzten Symptomstörungen, die lediglich schnellstmöglich eine begrenzte psychische Einschränkung ausgebügelt haben wollen, sind, zumindest unter meinen Patienten, bei weitem in der Minderheit.
In der Psychotherapie geht es oft nicht bloß darum, schnellstmöglich die Probleme zu beseitigen, die der Patient im Erstgespräch genannt hat („Index-Symptome“). Vielmehr besteht der Prozess der Psychotherapie häufig darin, in einem allmählichen Prozess der Selbsterkundung mit dem Patienten zusammen herauszufinden, was die strukturelle Basis seiner Oberflächensymptome ist. Psychotherapie, die sich auf die bloße Beseitigung von Oberflächensymptomen beschränkt, erzeugt oft eine lange Serie von Kurzzeitbehandlungen, die in der Summe leicht eine Langzeitpsychotherapie übertreffen können. Ein humanistischer psychotherapeutischer Prozess der Erweiterung und Vertiefung der eigenen Erlebnis- und Handlungsmöglichkeiten dauert oft Jahre. Wenn in einer psychodynamischen oder humanistischen Psychotherapie mit hypnotischen Techniken gearbeitet wird, geht es nicht primär um Geschwindigkeit, sondern um psychische Integrationsprozesse, und diese schreiten eher langsam voran, weil Geschwindigkeitsdruck die psychischen Integrationsfähigkeiten des Patienten überfordern würde. Sich dem eigenen Schatten zu stellen braucht Zeit auch wenn mit Hypnose gearbeitet wird. Scheinbare Abkürzungen verlängern dabei oft bloß den Weg.
Der Mythos der Einfachheit
Der Mythos der Einfachheit lautet ungefähr so:
„Du mußt dir nicht tausend Prinzipien, Techniken und Formulierungen merken,
sondern nur einige simple Tricks, das ist alles.“
Auch an dieser Aussage ist etwas Wahres dran. Vor allem seit der erikson´schen Wende in der Hypnotherapie neigen manche Kollegen dazu, ihre Hypnosetechnik derart kompliziert zu gestalten, dass sie sie kaum ohne Spickzettel und detaillierte Ablaufschemata durchführen können. Eine überkomlexe Technik befriedigt den Spieltrieb des Hypnotiseurs durch immer neue Ebenen, Varianten und Aspekte, so wie eine elektrische Eisenbahn einen kleinen Jungen begeistert. Wer aber Hypnose routinemäßig in der therapeutischen Praxis einsetzen will, der braucht Techniken, die in angemessener Zeit zu erlernen sind, die man sich leicht merken kann, die einfach aufgebaut und leicht wiederholbar sind.
Dies trifft allerdings im engeren Sinne vor allem auf die traditionellen Methoden der klassischen Hypnose zu, die man tatsächlich im Prinzip an zwei Wochenenden erlernen kann: „Ihre Augen werden müde … die Arme sind schwer…“ usw. Wenn man also Wert auf eine einfache Methode legt, dann ist man bei der klassischen Hypnose gut aufgehoben. (Was die Probleme dabei sind, werde ich weiter unten beschreiben.)
Die meisten der modernen Schnellhypnosemethoden sind dagegen keineswegs einfach, sondern ziemlich komplex aufgebaut, auch wenn das manchmal auf den ersten Blick nicht so wirkt. Sie können ohne gründliche hypnotische Ausbildung und Selbsterfahrung weder verstanden noch praktiziert werden. Es handelt sich meistens um verschachtelte Mehr-Ebenen-Konfusionen, zu deren kompetenter Anwendung man schon einiges an Vorwissen und Erfahrung braucht. Sie sind alles andere als einfach. Geschwindigkeit und Sicherheit erfordern eben eine gewisse Komplexität.
Die Induktion der Trance ist nur für Hypnoseanfänger das Hauptproblem. Wenn man die ersten hypnotischen Schritte macht, erscheint es als schwierig, den Patienten in Trance zu bringen. Wenn man sich mit der Induktion der Hypnose einigermaßen sicher fühlt, erkennt man, dass die Aufgabe dann erst beginnt. Der Patient ist in Trance – aber was jetzt? Aus der Perspektive eines erfahrenen Hypnosetherapeuten ist es überhaupt nicht schwer, einen Patienten in eine Trance hineinzuführen. (Meines Erachtens sind Trance-Effekte sogar im gewöhnlichen Alltagskontakt unvermeidbar.) Aber dann wird es erst wirklich interessant. Dann geht es darum, sinnvolle therapeutische Arbeit zu tun und nachhaltige therapeutische Veränderungen zu bewirken, die über diesen Tag hinaus anhalten - und das ist das eigentlich Spannende. Nachhaltige hypnotische Veränderungsstrategien, die dauerhafte Heilungsprozesse fördern, sind keineswegs einfach zuwege zu bringen. Das klassische „Weghypnotisieren“ führt da nicht weit. Für dauerhafte Transformationen muss die Hypnose auf persönlichkeitstheoretischen, psychopathologischen, biografischen und systemischen Überlegungen aufgebaut sein. Wer hier Einfachheit verspricht, produziert letztlich nur psychisches Makeup.
Der Mythos der Sicherheit
Der Mythos der Sicherheit lautet:
“Ich habe das jetzt seit X Jahren mit Y Patienten gemacht, und es klappt immer.“
Abgesehen davon, dass es für solche Behauptungen nie irgend welche empirische Belege gibt, stellt sich hier wiederum die Frage, was man unter Trance bzw. unter Hypnose versteht. Wenn man damit bloß meint, dass ein Mensch mit geschlossenen Augen und eventuell erhobenem Arm relativ unbeweglich da sitzt und im Großen und Ganzen das tut, was der Hypnotiseur ihm sagt, dann ist eine Tranceinduktion (ob nun schnell oder langsam) tatsächlich eine recht sichere Angelegenheit, die bei praktisch allen Patienten funktioniert. Eigentlich müsste man den meisten Patienten dafür nur sagen: „Schließen Sie bitte die Augen, sitzen Sie ruhig da und tun Sie, was ich Ihnen sage.“ Und tatsächlich: manche „Schnellhypnotiseure“ (besonders Showhypnotiseure) benutzen Instruktionen dieser Art zur Induktion von „Hypnose“. Der Patient schließt folgsam die Augen, sitzt ruhig da und macht mit. Von außen sieht das aus wie hypnotische Allmacht, in Wirklichkeit handelt es sich in vielen Fällen bloß um einen höflichen Menschen, der einer klar formulierten Anweisung kooperativ folgt.
Versteht man dagegen unter Trance …
… einen signifikant und stabil veränderten Bewusstseinszustand,
in dem dissoziative psychische und somatische Prozesse induziert werden können,
zu denen der Patient im Wachzustand keinen Zugang hätte, …
… dann wird deutlich, dass eine Schnellinduktion innerhalb weniger Augenblicke zwar mit einiger Sicherheit den Patienten ruhigstellen und seine Aufmerksamkeit fesseln kann, aber keineswegs schon sicher jeden Patienten in eine therapeutisch nutzbare Trance hineinführt.
Wie sieht es mit der Sicherheit bei der klassischen Hypnose aus? Die klassische Hypnose ist zwar einfach, aber in der Anwendung keineswegs sicher, sondern im Gegenteil ziemlich unsicher. Klassische Hypnose funktionieren bei vielen skeptischen, ängstlichen oder kontrollierenden Patienten nur mangelhaft. Die Gefahr, dass man mit klassischen, direktiven Induktionen scheitert, ist recht hoch. Das war ja gerade der Hauptgrund für die „ericksonÙsche Wende“ in der Hypnosetherapie. Um relativ sicher die meisten Patienten in Trance führen zu können, sind die etwas komplexeren, naturalistischen, indirekten ericksonÙschen Techniken das Mittel der Wahl.
Zusammenfassung:
- Was sicher und relativ schnell geht (z.B. Mehrebenen-Konfusion), ist nicht einfach.
- Was relativ einfach und recht sicher ist (z.B. sanfte, metaphorische Hypnose), geht nicht schnell.
- Was schnell und einfach geht (z.B. autoritäre, direktive Hypnose), ist nicht sicher.
…
(Die Beschreibung der Schnellhypnosetechniken im Einzelnen ist professionellen Hypnosetherapeuten vorbehalten – ich möchte sie wegen der Gefahr des Mißbrauchs nicht im Internet veröffentlichen.)
Literatur und Materialien
- Bandler, R. & Grinder, J (1989).: Therapie in Trance. Hypnose: Kommunikation mit dem Unbewussten. Klett Cotta.
- DGZH (2001): Kursmanuskript für das Curriculum Zahnärztliche Hypnose. Kurs Z4. Deutsche Gesellschaft für zahnärztliche Hypnose. Stuttgart.
- Eberwein, W. (2002): Geheimnisse und Gefahren der Showhypnose. DGZH-Info.
- Esdaile J (1846/1902): Mesmerism in India and ist practical application in surgery medicine. The Psychic Research Company Chicago (Originl publ. in London 1846).
- Fiedler, S. (ohne Datum): Moderne Hypnose in der zahnärztlichen Praxis. Video.
- Holder, P. (2001): The Elman Induction. Video. www.hypnosiscenter.org.
- Kather, W. (2001): Rapid-Induction nach Victor Rausch DDS®. Video. Video-Cooperative-Ruhr.
- Mesmer, F. A. (1985): Abhandlung über die Entdeckung des thierischen Magnetismus. (Original 1781)
- Möck, K.: unveröffentlichtes Manuskript
- Rausch, V. (1998): Hypnose, Mesmerismus und subtile Energie. Video. Video-Cooperative-Ruhr.
- Rossi, E. & Erickson, M. : Hypnose erleben. Veränderte Bewusstseinszustände therapeutisch nutzen. Pfeiffer bei Klett-Cotta 2004.
- Schmierer, A. (2001): Zahnextraktion in Hypnose. Video. Hypnos-Verlag.
- Schöderböck, R. & Behnecke, G.: Mit Magie geht alles leichter oder „Du bist ein braves Kind“. In: Kinderhypnose in der Zahnmedizin. Hypnos-Verlag.
Anschrift des Autors
Werner Eberwein
Diplom-Psychologe
Psychotherapie
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