Rückführung in die Kindheit
Hypnotherapie-Fortbildung
Werner Eberwein
Trance-Körper-Psychotherapie
Vortrag auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Hypnose (DGH), Oktober 2000
Die Psychoanalyse hat mehr Theorie entwickelt als alle anderen psychotherapeutischen Schulen zusammen. Die Veröffentlichungen von Freud, seinen Schülern und Dissidenten von Jung bis Reich, von Kohut bis Kernberg, füllen ganze Bibliotheken. Analytiker haben für alles und jedes (mindestens) einen Begriff. Die Borderline-Dynamik wäre ohne die Schriften von Kernberg nicht verstehbar. Kohut hat uns gezeigt, wie die narzißtische Dynamik funktioniert. Ohne Freud wüssten wir nichts von der Verdrängung, ohne Reich nichts vom Muskelpanzer. Vielleicht ist die Zeit bald reif, dass sich die Psychoanalyse auch für methodische Neuerungen wie Trance, Körperarbeit oder Identifikationstechniken öffnet.
Die Kurzzeittherapien auf der anderen Seite, von Erickson bis Selvini-Palazzoli, von Bandler und Grinder bis deShazer, von Beck bis Shapiro beschäftigen sich ganz bewusst nicht mit der Psychodynamik der Person in ihrer Tiefe und Ganzheit. Sie können wirkungsvoll und schnell alltagspraktische Veränderungen bewirken, aber sie arbeiten nicht an dynamischen Abwehrprozessen und können Abgewehrtes nicht integrieren.
Der Stand der Kunst in der Psychotherapie wäre es eigentlich, die psychodynamischen und die kurzzeittherapeutischen Verfahren miteinander zu vernetzen und den positiven Gehalt der einzelnen Methoden miteinander zu verbinden - was viele Praktiker in ihren Therapien sowieso schon tun.
In meine psychotherapeutische Orientierung gehen ein:
- psychodynamische Konzepte wie Abwehr, Verdrängung, Spaltung und Übertragung,
- körpertherapeutische Techniken wie Atemarbeit, Bewegung, Ausdruck und Berührung,
- hypnosuggestive Methoden wie Trancearbeit, suggestive Sprache, Dissoziation und indirekte Kommunikation,
- kurzzeittherapeutische Ansätzen, wie Zielorientiertheit, Konfrontation, Ressouce-Aktivierung und Verhaltensübungen.
Diese integrative Methode nenne ich Hypnodynamik. Hypnodynamik ist psychodynamische Körpertherapie in Trance.
Körperorientierte Hypnokatharsis ist eine Methode, von der ich vermute, dass sie vielen Kolleginnen und Kollegen weniger vertraut und daher vielleicht von besonderem Interesse ist. Hypnokatharsis ist das Durchfühlen einer psychodynamischen Abwehr, begleitet von einem Halt gebenden und empathisch verstehenden Therapeuten. Ich benutze diese Technik in der Regel in Kombination mit ziel- und ressourceorientierten Methoden, mit denen alltagspraktische Probleme bearbeitet und die Kompetenzgefühle des Patienten gestärkt werden.
Ich möchte Ihnen eine Sequenz aus einer Sitzung vorstellen, die in einer altersregressiven Trance durch eine emotionale Katharsis hindurch führte (um die Anonymität zu wahren sind einige biografische Details verändert). Die beschriebene Sequenz stammt aus der zweiunddreißigsten von insgesamt fünfundachtzig Sitzungen mit einer neunundzwanzigjährigen Werbegrafikerin, die ich hier Jenni nennen möchte. Sie war wegen massiver diffuser und gestaltloser Ängste zur Therapie gekommen, die seit ihrer Pubertät all ihre Lebensbereiche durchdrangen. Sie hatte insbesondere große Angst vor Konfrontationen jeder Art, konnte sich in Konflikten nicht durchsetzen und klammerte sich abhängig an ihren Freund. Sie litt unter Asthma und benutzte seit Jahren täglich mehrmals ein Asthma-Spray.
Jenni war mit einer emotional sehr instabilen, allein erziehenden Mutter aufgewachsen, die in JenniÙs Kindheit mehrere ernst zu nehmende Selbstmordversuche verübt hatte. Der Vater war während der Schwangerschaft der Mutter verschwunden. Zu ihm hatte es nie einen Kontakt gegeben.
Zu Beginn der Sitzung legte sich Jenni, wie schon oft zuvor, auf eine Liege, deckte sich zu und nahm sich ein kleines Kissen unter ihren Kopf. Sie sagte: „Ich möchte wissen, warum ich immer diese Angst habe, wenn mein Freund nur etwas lauter mit mir redet.“ Sie beschrieb eine Situation am Sonntag vor der Sitzung, in der das so gewesen war.
Ich bat sie, ihre Augen zu schließen, damit sie ihre Aufmerksamkeit leichter nach innen richten konnte, und gab ihr den von ihr bestimmten Fokus der Sitzung suggestiv vor: „Stell dir vor ... es ist Sonntag Nachmittag ... du sitzt mit deinem Freund ... bei einem Tee im Wohnzimmer, ... und plötzlich ... redet dein Freund ... etwas lauter mit dir ...“ Jenni schwieg eine Weile, dann zog sie die Mundwinkel herunter: „Ich habe einen Kloß im Bauch,“ sagte sie. Sie zeigte auf die Gegend des Solarplexus. Ich legte meine Hand vorsichtig dort hin. Durch die Berührung wurde ihre Aufmerksamkeit weiter nach innen (in ihren Körper hinein) fokussiert.
Nach einer Weile wurde sie unruhig, ihr Atem beschleunigte sich, sie runzelte die Stirn. Ich fragte sie, was sie fühlte, und sie sagte: „Ich werde wütend“. Sie schien offenbar etwas davon zu erleben, was in dem Kloß in ihrem Bauch eingeschlossen war. „Laß dich das wirklich fühlen,“ sagte ich. Ihr Atem stockte. Sie wirkte angehalten, angespannt.
Immer wieder hatte es in den vergegangenen Sitzungen Situationen gegeben, in denen Jenni mit aggressiven Empfindungen in Kontakt kam, und dann war plötzlich alles aus, und sie fühlte sich blockiert. Vor dem Hintergrund dessen, was ich über ihre Geschichte wußte, versuchte ich, die Blockierung als einen Übertragungswiderstand zu deuten: „Hast du Angst,“ sagte ich, „ich würde dich, so wie deine Mutter früher, fallen lassen, wenn du wütend wirst?“ „Ich habe Angst,“ korrigierte sie mich, „sie fällt zusammen, sie erträgt es nicht, wenn ich sie angreife.“ Jenni hatte als Kind nicht so sehr befürchtet, von ihrer Mutter abgelehnt zu werden, wenn sie wütend war. Vielmehr hatte sie Angst, dass durch ihre Wut ihre Mutter kollabieren und ihre Selbstkontrolle verlieren könnte.
„Laß dich fühlen,“ sagte ich, „wo es dich hinführt, wenn du den Atem frei fließen läßt.“ Eine Befreiung des Atems führt oft in Richtung höherer Energie und damit auf Abwehrbarrieren zu. Ich sah, wie ihre Fäuste sich ballten, als ob sie Aggression zum Ausdruck bringen, aber gleichzeitig auch festhalten wollte, als ob sie in ihren Angst-Wut-Komplex hineingehen, aber auch vor ihm davonlaufen wollte. Eine psychodynamische Abwehr wird subjektiv immer als Ambivalenzkonflikt erlebt, in diesem Fall als: ‚Ich bin wütend, aber ich habe Angst, dass du meiner Wut nicht standhältst.Ù
„Bleib dabei,“ sagte ich, „und laß uns sehen, wo dich das hinführt“. Nach einigen Minuten flüsterte sie gerade noch verstehbar: „Ich sitze in einem Käfig ... eingesperrt ... Gitter ...“ Ich wiederholte wortwörtlich, was sie gesagt hatte: „Du sitzt in einem Käfig ... eingesperrt ... Gitter ...“ Jennis Atem intensivierte sich. Sie kauerte sich im Liegen zusammen und hielt ihren Kopf mit der Hand. Sie sagte: „Ich fühle mich wie tot.“ Ich versuchte, fragend in Worte zu fassen, wie sie dieses Totstellen in ihrer inneren Welt erleben mochte: „Ist das so, als ob die ganze Welt verschwindet, als ob auch du wie weg bist, aus Angst vor deiner eigenen Wut?“ „Ich fühle mich so klein,“ sagte sie.
Menschen in Trance antworten oft nicht direkt auf eine Frage. Ihre eigentlich relevante Reaktion ist die Veränderung ihres Zustandes, von dem sie manchmal anschließend etwas in Worte zu fassen versuchen. Jenni wurde offenbar in eine spontane Altersregression hineingezogen, die sie in die Entwicklungsphase zurückführte, in der eine dynamische Wurzel ihrer Angst lag. Sie fühlte sich klein – wie ein Kind.
„Wo bist du, Jenni?“, fragte ich sie, „Ist noch jemand da? ... Wo ist denn deine Mama? ...“ Indem ich zu ihr sprach, als ob sie ein Kind sei, half ich ihr indirekt, ihre spontane Altersregression zu stabilisieren. Ich implizierte mit meinen Worten, daß sie sich als Kind fühlte, und half ihr auf diese Weise, sich nicht bloß an Vergangenes, Vergessenes dissoziiert zu erinnern, sondern es in Trance hier und jetzt wiederzuerleben.
Ihr Kopf bewegte sich mit einem kleinen Ruck zur Seite, und sie sagte: „Ich höre in mir das Wort ‚MamaÙ“. Jenni krümmte sich noch mehr zusammen. Es schien, als ob alle Lebendigkeit in ihr zum Erliegen kam. „Ich fühle mich wie tot,“ sagte sie wieder. Sie verkroch sich in einer inneren Höhle des Nicht-Fühlens. Gleichzeitig war das Gefühl, wie tot zu sein, etwas Schreckliches, vor dem Jenni große Angst hatte. Jenni erlebte ihre Wut als ziemlich heftig, und ihr Ich als ziemlich schwach. Sie steckte in einem Notfallprogramm fest, zu dem sie als Kind mangels Alternative Zuflucht gesucht hatte, wenn sie von heftigen Gefühlen geschüttelt wurde, die ihre Mutter emotional nicht tragen konnte: sie machte sich tot.
In dem Totstellen war aber auch sein Gegenteil zu spüren: die Angst vor dem Überschwemmtwerden von Gefühlen. „Bleib dabei,“ sagte ich, „... du fühlst dich ... wie tot.“ Die subtile implizite Suggestion „du fühlst dich“ wies dabei schon über das Totstellen hinaus. Jenni krümmte sich zusammen, atmete heftig, machte Ausweichbewegungen mit dem Kopf und dem ganzen Körper und hielt ihre Handflächen in einer abwehrenden Geste vor sich hin. Die Spannung in ihr stieg.
„Geh dahin, wo die größte Angst ist,“ sagte ich. Ihr Mund öffnete sich weit, aber sie hielt den Atem an. „Ich möchte meine Mutter anschreien,“ sagte sie.
„Stell dir vor,“ sagte ich, „wie das wäre ... wenn du das tust ... sie anschreien ... jetzt ...“ Plötzlich kam Jenni aus ihrer Todeserstarrung heraus, schlug heftig um sich und schrie dabei laut, zuerst ohne Worte, dann mit recht unflätigen, kindlichen Schimpfworten. Das dauerte einige Minuten.
Nun ist ein innerer Konflikt natürlich noch nicht damit gelöst, daß der Therapeut dem Patienten nachgerade erlaubt, zu tun, was ihm als Kind nicht möglich war. Nicht Herumtoben ist es, was heilt, sondern das Fühlen des nie Gefühlten. Jenni schob den Unterkiefer vor und erstarrte wieder. Ihre Hände wirkten wie Krallen, sie wurde bleich. „Bleib dabei,“ sagte ich zu ihr, „... du willst sie anschreien, ... aber du hast Angst, dass sie zusammenbricht, ... fühl diesen inneren Kampf ....“ Jenni zeigte jetzt Zeichen massiver Panik. Ihre Bewegungen wurden fahrig. Sie atmete heftig und stockend. Sie sah aus, als wolle sie vor sich selber davonlaufen. „Ich löse mich auf,“ sagte sie.
Sie erlebte jetzt in der therapeutischen Trance einen akuten Panikanfall, verbunden mit einer Blockierung des Atems. Sie fühlte Fragmentierungsangst, die Angst, auseinanderzufallen. Primäre Angst ist die Angst, zu sterben, das heißt sich aufzulösen, gleichzeitig der Wunsch, sich aufzulösen, um einer als unerträglich erlebten Situation zu entrinnen. „Du wirst nicht sterben,“ sagte ich zu ihr, „das ist nur das Gefühl, daß du stirbst.“
Jenni ging jetzt durch eine Katharsis von Panik und Wut, äußerlich sichtbar durch heftige Konvulsionen und Zittern am ganzen Körper und stoßweises Atmen. Sie drückte körperlich aus, was in seiner Intensität kaum in Worte gepaßt hätte.
Wie sie mir später sagte, ging sie durch eine Hölle, aber gleichzeitig erlebte sie eine ungeheure Befreiung. Jungianisch gesprochen erlebte sie eine Reise durch die Unterwelt, Sterben und Wiedergeburt. Primärtherapeutisch gesprochen durchfühlte sie ein Stück Urschmerz. Im Grunde spürte sie Energie und integrierte ihre eigenen, innere Kräfte. Dies führte zu einer Harmonisierung ihrer Spannungen, zu einer Stabilisierung ihres Selbstgefüges, zu einer Abnahme der Angst vor der Angst und damit zu einer Verringerung der Angst selbst.
Angst kommt vom Weglaufen.
Wenn man sich der primären Angst stellt, nimmt sie ab.
Jenni drückte nun mit ihrem Körper und ihrer Stimme große Kraft und Lebensfreude aus, als ob sie durch Wände gehen könne. Kohutianisch gesprochen erlebte sie sich in ihrer kindlichen Omnipotenz mit all ihren Ressourcen an Energie und Lebendigkeit.
Primäre Lebensenergie ist die machtvollste aller Ressourcen.
Sie ist die Grundkraft unseres Lebens, die energetische Quelle aller Gefühle, Fähigkeiten und Kenntnisse.
Die Integration primärer Energie fördern die Liebes- und Arbeitsfähigkeit, Selbstbehauptung und Kreativität.
Als Jenni sich wieder beruhigt hatte, setzte ich mich hinter sie und nahm ihren Kopf behutsam in meine Hände. Er fühlte sich weich und schutzbedürftig an, wie das flaumbedeckte Köpfchen eines Babys. Ich hielt ihn für einige Minuten, wiegte ihn leicht und summte dabei.
Sie schwieg und lächelte. Ich verhielt mich wie eine beruhigende und Halt gebende Mutter, die sich durch das Schreien eines Babies nicht aus der Fassung bringen läßt und ihm insbesondere nicht ihre Zuwendung entzieht.
Ich vermittelte Jenni in der altersregressiven Trance nonverbal die Erfahrung: ‚Du kannst wütend sein und schreien, aber ich falle nicht zusammen. Du möchtest spüren, daß ich da bin, und dich halten kann. Ich bin da, und ich halte dich.Ù
Jenni schien das Halten ihres Kopfes ungemein zu genießen. In diesem Moment fühlte sie sich als Baby, und ich war ihre Mutter, so wie sie sie damals gebraucht hätte. Sie tauchte weit in eine Verschmelzungstrance hinein ab. Ich fühlte mich auf eine sehr friedliche und angenehme Weise eins mit ihr und mit der ganzen Welt.
In der weiteren Therapie mit Jenni habe ich weiterhin hypnotische, körperorientierte, psychodynamische und zielorientierte Methoden miteinander verbunden. Die Therapie dauerte insgesamt zwei Jahre. Die diffusen Ängste verschwanden im Laufe dieser Zeit vollständig. Sie wurde selbstbewusster in Konflikten und selbständiger in ihrer Beziehung, klammerte sich weniger an ihren Partner, lernte, Ihrem Freund etwas entgegenzusetzen, und entwickelte eine befriedigende berufliche Identität. Ihr Asthma ging zurück, so dass sie nur noch etwa ein Drittel ihres Sprays benötigte. Dieses Ergebnis ist bis heute, drei Jahre nach Abschluß der Therapie, stabil.
Anschrift des Autors
Werner Eberwein
Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut
Leiter des Fort- und Weiterbildungszentrums Berlin
der Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie (DGH)
und des Instituts für Humanistische Psychotherapie Berlin (IHP)
Aachener Str. 27, 10713 Berlin
Praxis/Seminarort:
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