Selbsthypnose, Meditation und Imagination für Krebspatienten
Können Selbsthypnose- und Imaginationsübungen Krebspatienten helfen?
Durch vielfältige wissenschaftliche Untersuchungen aus dem Bereich der Psychoneuroimmunologie ist heute gut belegt, dass psychische und psychosoziale Einflüsse unmittelbare und signifikante Auswirkungen auf die Funktionsfähigkeit des Immunsystems und damit auch auf den Verlauf einer Krebserkrankung haben (vgl. z.B. Simonton 1992, Schmid 2011, Schubert 2011). Zusätzlich zur bestmöglichen medizinischen und komplementärmedizinischen Behandlung können Methoden, die die psychische Ausgeglichenheit, Stabilität und Zuversicht fördern, dazu beitragen,
- die körperlichen und psychischen Nebenwirkungen der medizinischen Krebsbehandlung zu vermindern,
- langfristig einer Metastasierung oder Rezidivierung vorzubeugen.
Wie sollten Selbsthypnoseübungen für Krebspatienten aufgebaut sein?
Krebspatienten in einer medizinischen Behandlungsphase (direkt vor oder unmittelbar nach einer Operation, während oder unmittelbar nach einer Radio- oder Chemotherapie) sind für jede Form der Unterstützung, so auch für Methoden der Selbsthypnose, Meditation und Imagination, in der Regel überaus offen und dankbar. Es ist ihnen sehr bewusst, dass sie sich in einer Situation der existenziellen Bedrohung befinden, in der es um Leben oder Tod oder zumindest um die Gefahr einer massiven Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität geht. Krebspatienten sind für Imaginationsarbeit hoch motiviert, sie haben für solche Übungen in der Regel viel Zeit, weil sie für einige Zeit aus ihren alltäglichen Verpflichtungen herausfallen, aber sie haben nicht viel Kraft. Das Befundtrauma, die körperlichen und psychischen Auswirkungen der Operation, von Bestrahlung und Chemotherapie oder die körperlichen und psychischen Folgen einer fortgeschrittenen Krebserkrankung können die Kraft und Vitalität des Patienten massiv schwächen. Daher sollten imaginative Übungen für Krebspatienten sein:
- kurz – d.h. sie sollten nach Möglichkeit nur einige Minuten dauern, können dann aber mehrmals am Tag wiederholt werden,
- einfach, d.h. sie sollten am besten nur aus einer einzigen oder einigen wenigen einfachen, leicht zu merkenden Vorstellungen oder leicht zu praktizierenden Übungen bestehen,
- unmittelbar wohltuend, d.h. die psychische und psychosomatische Kraft, Stabilität und Lebensfreude stärken, und
- intensiv, d.h. mit großer emotionaler Beteiligung und unter Beteiligung möglichst aller Sinnessysteme durchgeführt werden.
Eine Ausnahme sind Selbsthypnoseübungen mit Hilfe von Trance-CDs, denn dabei muss der Patient nichts tun. Er legt die CD lediglich in das Abspielgerät, legt sich bequem hin und lässt sich in die Trance hinein, durch sie hindurch und wieder heraus führen. Selbsthypnose-CDs für Krebspatienten können also ruhig lange und komplex sein, weil sie vom Patienten keine Eigenaktivität erfordern.
Wie funktioniert Selbsthypnose?
Selbsthypnose funktioniert im Wesentlichen mit Hilfe von drei Elementen:
- innere Worte oder Sätze, d.h. verbale Autosuggestionen, die „im Stillen“, das heißt mit der inneren Stimme zu sich selbst gesprochen werden,
- innere Bilder, d.h. visuelle Vorstellungen, die heilungsfördernd wirken können,
- imaginierte Gefühle oder Zustände, d.h. in der Imagination als körperlich erlebte Gestimmtheiten, die ressourcenaktivierend auf innere Heilung hin einstimmen können.
Mit Hilfe von inneren Worten, inneren Bildern und imaginierten Gefühlen kann der Patient sich selbst in einen vertieften Entspannungs- und Versenkungszustand hineinführen, der in sich schon durch Beruhigung und Entspannung heilungsfördernd wirkt, und der dazu genutzt werden kann, mit Hilfe imaginativer Vorstellungen Heilungsprozesse und prophylaktische Wirkungen zu fördern.
Wie kann die psychische Krise bei Krebs bewältigt werden?
- Ein Krebsbefund ist für jeden Menschen ein schweres Trauma. Wenn einem Menschen ein Krebsbefund mitgeteilt werden muss, so erlebt dieser unweigerlich einen psychischen Schock, der ihm durch Mark und Knochen geht. Die Mitteilung des Befundes löst massive Ängste aus, so dass der Patient in der Regel zunächst in einen inneren Erstarrungszustand geht, weil er das, was er gerade gehört hat, noch nicht angemessen verarbeiten kann. Manche Patienten, insbesondere solche, denen es in dieser Situation an Unterstützung durch Angehörige oder Psychotherapeuten fehlt, wissen sich nicht anders zu helfen, als den Befund zu verleugnen, ihn zu verharmlosen oder nicht wahrhaben zu wollen. Sie versuchen, die Augen zu verschließen, gleichsam den Kopf in den Sand zu stecken um sich selbst und ihre Angehörigen nicht in Panik zu versetzen, was jedoch nicht wirklich gelingen kann.
- Nach einer Weile oder im Untergrund entsteht unweigerlich Panik, das heißt, massive Angst und Aufgewühltsein. Der Patient erstarrt oder flüchtet sich in blinden Aktionismus, er spürt Tendenzen, sich zu verkriechen, die Situation zu verheimlichen, oder er wird wütend oder erstarrt vor Angst.
- Die nächste Phase ist die Verzweiflung, die Kraft des Patienten lässt nach, er spürt Resignation und Erschöpfung oder Gefühle der Sinnlosigkeit, er fürchtet, dass sein Leben zu Ende geht, dass ihm alles entgleitet und er nichts dagegen tun kann.
- Wenn der Patient über genügend innere und äußere Ressourcen verfügt, d.h. wenn er psychisch stabil genug ist und ausreichende und angemessene Unterstützung seiner Angehörigen und Behandler erfährt, gelingt es ihm nach Tagen, Wochen oder Monaten allmählich zur Besinnung zu kommen und langsam wieder Boden unter den Füßen zu finden, sich in gewissem Umfang zu beruhigen und sich wieder für Schönes und Haltgebendes im Leben zu öffnen.
- Wenn es dem Patienten gelingt, die Krebskrise mehr und mehr zu bewältigen, findet er schließlich zu einer gewissen Akzeptanz der Krankheit, was mit Gefühlen der Erneuerung und Intensivierung einhergehen kann. Der Patient erlebt, gerade weil ihm die Endlichkeit seines Lebens unabweisbar vor Augen geführt wurde und wird, kleine, vorher vielleicht belanglose Momente oder Ereignisse positiver, intensiver und mit großer Dankbarkeit für jeden Moment.
- Dies geht einher mit einem Gefühl der Demut, wenn es gut geht nicht in einem resignativen, depressiven Sinn, sondern als Bewusstsein, dass sehr viel für ihn getan wird, dass er auch selbst sehr viel tun kann, um gesund zu werden und zu bleiben, dass es ihn aber trotz all dieser Aktivitäten letztlich jederzeit „erwischen“ kann, dass er also vor der Gefahr einer Wiederkehr oder Ausweitung der Krankheit, vor weiteren körperlichen Beeinträchtigungen mit unter Umständen schwerwiegenden oder gar tödlichen Folgen niemals gefeit ist. Dies kann im Positiven dazu führen, dass sich der Krebspatient bewusster ist als vor seiner Erkrankung, was wirklich wichtig ist im Leben und welche Menschen ihm wirklich nahe stehen und am Herzen liegen.
Was können Krebspatienten selbst tun?
Krebspatienten hören von ihren medizinischen Behandlern häufig Sätze wie: „Was es zu tun gibt, tun wir, Sie selbst können eigentlich nichts tun, außer es sich gut gehen lassen und hoffen, dass die Behandlung gut wirkt.“ Das ist nicht wahr. Krebspatienten stehen vielfältige Möglichkeiten offen, um an Heilung und Rezidivprophylaxe aktiv mitzuwirken:
- Das beginnt damit, aktiv nach den bestmöglichen medizinischen Behandlungsmöglichkeiten zu suchen und auch Varianten zu bedenken, die möglicherweise massive Auswirkungen auf die Heilungsaussichten und die Folgewirkungen der Behandlungen haben. Es stellen sich zum Beispiel Fragen wie: Operation, Bestrahlung oder Chemotherapie ja oder nein? In welchem Umfang? Bei wem? Wo? Wann? Mit welchen Geräten oder Substanzen? Wie lange?
- Unbedingt erforderlich wäre meines Erachtens für jeden Krebspatienten eine begleitende psychotherapeutische Behandlung, um die Folgen des Befundtraumas zu verarbeiten und um psychische Belastungen zu verarbeiten, die vor dem Ausbruch der Krankheit vorhanden waren und möglicherweise zur Entstehung und Entwicklung krankhafter Zellmutationen beigetragen haben.
- Darüber hinaus gibt es eine Vielfalt von komplementären alternativen Heilmethoden, unter denen sich jeder Krebspatient diejenigen heraussuchen sollte, die ihm nach seiner Weltanschauung plausibel erscheinen, die ihm wohl tun, die ihn in Konzeption und Anwendung überzeugen und von denen er sich eine realistische Chance der Unterstützung seines Heilungsprozesses verspricht. Das könnten zum Beispiel sein: Misteltherapie, Ernährungsumstellung (biologische Ernährung), Quigong, Tai Chi, Zen-Meditation, Überwärmungsverfahren, Entspannungstraining, Ausgleichssport, Yoga, Selbsthypnose, Akupunktur, Ayurveda und viele andere.
- Krebspatienten sollten unbedingt darauf achten, Gifte zu meiden, was mitunter eine mühsame Umstellung ihrer Lebensgewohnheiten bedeutet. Es ist verführerisch (insbesondere wenn es dem Patienten nach einer Weile wieder besser geht), in alte, schädliche Gewohnheiten zurückzufallen, vor allem dann, wenn ihm seitens der medizinischen Behandler nicht in aller Deutlichkeit klar gemacht wurde, wie gefährlich diese für den weiteren Verlauf seiner Erkrankung sind. Hier ist an allererster Stelle das Rauchen zu nennen, das zur Entstehung und Rezidivierung nicht nur von Lungenkrebs, sondern von allen Krebsarten nachweislich beiträgt, aber auch Junkfood-Ernährung, Übergewicht, exzessives Sonnenbaden oder Solarien, Drogen wie Kiffen oder Alkohol, ein Übermaß an Zucker, Fett, Weißmehl oder Milchprodukten.
- Krebspatienten sollten darauf achten, sich gesund, das heißt insbesondere biologisch zu ernähren, also auf die möglichst giftarme oder giftfreie Herkunft ihrer Nahrungsmittel zu achten und
- sich ausreichend zu bewegen, das heißt mäßigen Ausgleichssport zu betreiben, um sich körperlich und psychisch fit zu halten und um Übergewicht vorzubeugen, weil dieses unzweifelhaft als krankheitsfördernder Faktor identifiziert wurde.
- Auf der psychischen Ebene ist für Krebspatienten alles hilfreich, was die psychische Stabilität und Ausgeglichenheit sowie die Stabilität seiner Halt gebenden Beziehungen fördert. Hier ist insbesondere an Psychotherapie zu denken, die jeder Krebspatient in Anspruch nehmen sollte, aber auch an die vielfältigen psychisch heilend wirkenden Selbsthilfemethoden wie Meditation, Imagination, Selbsthypnose oder körperorientierte Verfahren. Diese können dazu beitragen, das allgemeine Wohlbefinden des Patienten zu stärken und die Beziehungen zu den Menschen, die ihm nahe stehen und ihm am Herzen liegen, zu stabilisieren und zu harmonisieren, was die psychischen und körperlichen Folgen und Nebenwirkungen der medizinischen Behandlungen vermindert und das Immunsystem stärkt und dadurch dazu beiträgt, Metastasierung und Rezidivierung vorzubeugen.
Was kann der Krebspatient tun, um psychische Gesundheitsfaktoren zu fördern?
In der Zeit nach dem Primär- oder Rezidivbefund sowie während oder nach der medizinischen Behandlung befinden sich die meisten Krebspatienten offensichtlich oder unterschwellig in einer bedrückten bis panischen „Krankheitsstimmung“, in der sie ihre Situation als überaus düster erleben und wenig Kontakt zu ihren heilungsfördernden Ressourcen finden können. Die Krankheitsstimmung des Patienten wird gefördert durch eine Reihe von psychogenen Krankheitsfaktoren:
- prämorbide (schon vor der Erkrankung vorhandene) psychische Belastungen (z.B. familiäre, am Arbeitsplatz, Traumata, psychische Probleme usw.),
- das Befund-Trauma,
- die nachfolgende Krebs-Panik,
- panische Über- oder Rückzugsreaktionen im sozialen Umfeld,
- Selbstwert-Beeinträchtigungen („Wer bin ich noch, wenn …“),
- jatrogene (von Ärzten und Behandlungspersonen unabsichtlich erzeugte) Negativsuggestionen und negative direkte oder unterschwellige Botschaften,
- psychische Behandlungs-Nebenwirkungen (z.B. die Schwächegefühle nach der Chemotherapie),
- das Herausfallen aus Halt gebenden Lebensbezügen, vor allem aus Arbeitszusammenhängen und damit verbundenen sozialen Einbindungen,
- das Hadern mit dem Schicksal als Folge von unverarbeiteter Konfrontation mit einem absurden Schicksal („Warum gerade ich …? ich habe doch immer …“).
Zur Förderung von Selbstheilungsprozessen und zur Rezidiv-Vorbeugung ist es förderlich, die Krankheitsstimmung des Patienten mit Hilfe selbsthypnotischer und imaginativer Methoden umzuwandeln in eine Gesundheitsstimmung, in der der Patient sich als zuversichtlich erlebt und mit seinen Heilungsressourcen in gutem Kontakt ist.
Hierbei sind bestimmte psychogene Gesundheitsfaktoren wichtig, die durch psychische Interventionen und ganz besonders durch Selbsthypnose und Vorstellungsarbeit gefördert werden können:
- die Krankheit als Herausforderung betrachten, d.h. nicht in Panik, Resignation oder Verzweiflung stecken zu bleiben, sondern diese mit professioneller und autogener Hilfe zu verarbeiten, um die Eigenverantwortung für den weiteren Verlauf der Erkrankung zu erkennen und nach Möglichkeiten aktiver Bewältigung zu suchen. Es ist wenig förderlich, wenn sich der Patient dauerhaft mit Fragen wie „Warum ich?“ quält. Viel hilfreicher ist es, sich zukunftsorientiert Gedanken über seinen persönlichen Heilungsweg zu machen: „Was kann ich tun? Wie will ich leben?“
- die Krankheit entmystifizieren, d.h. sich von Schreckensbildern im Zusammenhang mit Krebserkrankungen allmählich zu lösen und diese als zwar ernstzunehmende und auch bedrohliche, aber dennoch prinzipiell heilbar oder zumindest in Würde bewältigbar zu betrachten,
- die Krankheit akzeptieren, d.h. sich selbst als Erkrankten sowie die Folgen der Erkrankung und/oder der notwendigen Behandlungen anzuerkennen, sich also als zwar beeinträchtigt, aber dennoch vital und lebensfroh zu erleben,
- im Alltag Dysstress vermindern, d.h. zwar durchaus im Rahmen der individuellen Möglichkeiten aktiv und engagiert zu sein, aber belastende, Kraft raubende Formen von Stress soweit wie möglich zu vermindern und aktiv Entspannungsmethoden zu üben,
- Zuversicht für die Zukunft wieder finden, also Pläne machen und sich Dinge vorzunehmen, auf die man sich freuen kann,
- auf die eigenen Selbstheilungskräfte vertrauen, was realistisch ist, weil diese grundsätzlich in der Lage sind, die Krebserkrankung in Schach zu halten oder gar zu besiegen,
- sich gesundes Leben aktiv vorstellen, also in aktiver Imagination sich selbst real oder symbolisch als gesunden, vitalen Menschen rituell, das heißt regelmäßig imaginieren,
- ein kooperatives Verhältnis zu den Behandlern entwickeln, d.h. weder in ehrfürchtiger Erstarrung vor den „Halbgöttern in weiß“ verharren, noch diese wegen ihrer Grenzen oder wegen der Begrenztheit der heute zur Verfügung stehenden Behandlungsmöglichkeiten anzuklagen, sondern sich als gleichberechtigter Dialogpartner definieren, der gemeinsam mit einem Team von nach Kräften bemühten Behandlern über die weitere Behandlung und Selbstbehandlung entscheidet und daran aktiv teilnimmt,
- das eigene Selbstbild und die eigene Identität überdenken („Wer bin ich?“), d.h. in sich zu gehen und sich immer wieder zu prüfen: Was ist mir wirklich wichtig im Leben? Muss ich wirklich ständig an meiner Leistungsgrenze oder darüber hinaus arbeiten? Muss ich mich wirklich so viel um andere kümmern? Brauche ich wirklich ein neues Auto? Bin ich liebenswert/attraktiv auch mit dieser oder jener körperlicher Beeinträchtigung?
- die eigenen Lebensperspektiven überdenken („Wo will ich hin?“), d.h. gründlich über existenzielle Neuorientierungen nachdenken: Aus dem Arbeitsleben aussteigen? Weniger arbeiten? Den Job wechseln? Umziehen? Eine Weltreise machen? Meditieren lernen?
- sich an persönlichem Sinn und Werten orientieren („Wofür lebe ich?“), d.h. in seinem Leben Möglichkeiten der Ankopplung an etwas Größeres zu finden, was dem Leben Sinn verleiht und eine Orientierung an persönlichen Werten ermöglicht – das könnten zum Beispiel weltanschauliche, politische, religiöse, spirituelle, familiäre oder andere Sinn gebende Orientierungen sein.
Wie funktioniert Selbsthypnose und Imagination für Krebspatienten?
Ein Selbsthypnose-Ritual beginnt mit vertiefter Entspannung durch innere Sätze (Autosuggestion), innere Bilder (Imagination) und Gefühls-Vorstellungen (Zustandsimaginationen), die den Übenden helfen, in einen vertieften Entspannungszustand und zu einer meditativen Haltung des Geschehenlassens zu finden. Diese führen nach einer Weile zu einer Orientierung der Aufmerksamkeit nach Innen, also zum Einsinken in einen Versenkungszustand (Trance) hinein. In dem Trancezustand wird mit Vorstellungen gearbeitet, die die Stimmung und den psychophysiologischen Zustand des Übenden verändern können. Hierbei ist der Trancezustand selbst als Wirkungsverstärker zu betrachten, weil die Wirkungen der Vorstellungen im Trancezustand wesentlich intensiver sind als durch bloßes Denken im Wachzustand. Der Übende stellt sich z.B. einen Zustand von psychischer Ausgeglichenheit, von gesundem Leben und von Harmonie in Beziehungen vor, entweder real oder symbolisch, beispielsweise in Form einer gesunden Landschaft, eines heilenden Lichts oder von wohltuenden Farben oder Klängen. Wie empirische Untersuchungen belegen, haben solche selbsthypnotischen Übungen in Trance signifikante physiologische Wirkungen im Immun- und Hormonsystem, können also zur Stärkung der Selbstheilungskräfte und zur Vorbeugung von Rezidiven beitragen.
Die physiologischen Prozesse, die zur Entstehung und Entwicklung, Metastasierung, Rezidivierung oder Heilung von Krebs beitragen, sind überaus komplex. Es handelt sich um ein hoch vernetztes Zusammenspiel von entgleisten Mutationen auf der Zellebene, die sich wahrscheinlich über mehrere oder viele Jahre hinweg entwickeln, bis eine Krebszelle schließlich soweit dereguliert ist, dass sie nicht mehr aufhört zu wachsen, vom Immunsystem aber nicht als gefährlich identifiziert und zerstört werden kann. Hierbei spielen komplexe systemische Zusammenhänge zwischen genetischen, immunologischen, hormonellen und neuronalen und psychischen Prozessen eine Rolle, bei deren Entschlüsselung die Wissenschaft heute erst am Anfang ist. Für die Imaginationsarbeit brauchen wir diese Zusammenhänge nicht im Detail zu kennen. Worauf es bei der Imaginationsarbeit ankommt, ist, eine einprägsame emotionale Erfahrung, also das subjektive Erleben einer gesundheitsfördernden Stimmung in Trance, die intensiv und wohl tuend genug ist, um gleichsam in die physiologischen Prozesse des Körpers hineinzusickern.
Wie geht man bei der Selbsthypnose mit Ablenkungen um?
Da Selbsthypnose-Übungen nicht von einem Hypnotherapeuten angeleitet, sondern von dem Patienten selbst durchgeführt werden, kann es leicht passieren, dass der Übende mit seiner Aufmerksamkeit von den selbsthypnotischen Vorstellungen abgelenkt wird und sich entweder in Alltagsgedanken verliert, oder beginnt zu dösen oder einschläft. Selbsthypnoseübungen erfordern daher eine gewisse innere und äußere Disziplin, ähnlich wie Meditationsübungen. Wenn man z.B. dazu neigt, während der Übung einzuschlafen, ist es günstiger, die Übung im Sitzen zu machen, wobei eine aufrechte Sitzhaltung ohne sich an der Stuhllehne anzulehnen, oft hilfreich ist, um der Atembewegung im Brustkorb möglichst großen Bewegungsraum zu verschaffen.
Dass während der Selbsthypnoseübung die Aufmerksamkeit immer wieder von den Selbsthypnosevorstellungen, abschweift und sich mit Ablenkungen beschäftigt, ist normal, ja unvermeidbar. Auch nach vielen Jahren oder gar Jahrzehnten mit Selbsthypnose- oder Meditationsübungen geht die Aufmerksamkeit immer wieder zu körperlichen Empfindungen oder Missempfindungen, Gedanken, Assoziationen, Erinnerungen, Sinnesreizen oder anderen inneren oder äußeren Wahrnehmungen. Die Selbsthypnoseübung besteht darin, das Abgelenktsein mit freundlicher Aufmerksamkeit zu registrieren und immer wieder zur autosuggestiven Vorstellung zurückzukehren. Über kurz oder lang schweift die Aufmerksamkeit wieder ab - dies wird wieder mit freundlicher Aufmerksamkeit registriert, und der Übende kehrt zum Fokus zurück usw. Dieses Weg-vom-Fokus und Zurück-zum-Fokus ist die Art, wie selbst bei sehr geübten Menschen Imaginationsübungen ablaufen. In Analogie zu der Gestalt eines Seerosenblattes wird dieser Prozess in der buddhistischen Tradition als „1000-blättriger Lotus“ bezeichnet.
Was ist der Unterschied zwischen Selbsthypnose und Meditation?
Selbsthypnose und Meditation ähneln einander, sie überschneiden sich in bestimmten Bereichen, aber es gibt auchUnterschiede zwischen ihnen. Zunächst führt sowohl Selbsthypnose (z.B. Autogenes Training oder Imaginationsübungen) als auch Meditation (z.B. buddhistische oder Zen-Meditation) in nicht-alltägliche Bewusstseinszustände hinein, also in Erlebensbereiche, in denen man nicht im alltäglichen Sinn wach und mit Alltagshandlungen beschäftigt ist, aber auch nicht schläft oder träumt.
Selbsthypnose- und meditative Methoden arbeiten zum Teil mit sehr ähnlichen Techniken, sie führen zu teilweise ähnlichen Wirkungen (z.B. zu körperlicher Entspannung, geistiger Zentriertheit und Ausgeglichenheit, einer Annäherung zwischen bewussten und unbewussten Ebenen des Gewahrseins und einer verstärkten Integration der Persönlichkeit).
Dabei liegt bei der Selbsthypnose der Schwerpunkt auf dissoziativen Zuständen („Trance“), die v.a. durch Versenkung in Vorstellungen hinein erzeugt werden, während es in der Meditation primär um geschärftes Gewahrsein für reale Wahrnehmungen, also um wache Aufmerksamkeit („Achtsamkeit“) geht. Selbsthypnoseübungen sind in den Kontext von Psychotherapie und Wachstumsarbeit eingebettet, Meditationsübungen vor allem in den Kontext von Spiritualität und Religion.
Was ist der Unterschied zwischen Selbsthypnose und dem Autogenen Training?
Es gibt eine große Vielfalt von Selbsthypnose- und Imaginationstechniken (vgl. Alman & Lambrou 2010). Das Autogene Training (Schulz 1973, Thomas 2006) ist eine Form der Selbsthypnose, die (vor allem in der Grundstufe) vorwiegend mit verbalen Autosuggestionen (mit der inneren Stimme gesprochenen selbsthypnotischen Sätzen) funktioniert. Das Autogene Training ist einfach aufgebaut, es stellt eine klare, präzise und leicht in einem überschaubaren Zeitrahmen zu erlernende Struktur zur Verfügung, so dass es seit vielen Jahrzehnten von einer großen Anzahl von Menschen erlernt und manchmal über Jahrzehnte hinweg erfolgreich praktiziert wird.
Welche Formen von Heilungsimaginationen gibt es?
Was die Inhalte von Heilungsvorstellungen betrifft, kann man zwischen realen und symbolischen Imaginationen und zwischenkämpferischen und harmonischen Vorstellungen unterscheiden. Ein Krebspatient könnte sich beispielsweise den zellphysiologischen Prozess vorstellen, in dem weiße Blutkörperchen die Krebszellen in seinem Körper angreifen und vernichten. Wenn sich der Krebspatient dieses Bild symbolisch vorstellt, dann könnte er beispielsweise Haifische als Stellvertreter der Immunzellen imaginieren, die Makrelen als symbolische Stellvertreter der Krebszellen verspeisen. Solche aggressionsfördernden Imaginationen sind können bspw. für Patienten passend sein, die sich als aggressionsgehemmt erleben.
Eine harmonische Vorstellung wäre es zum Beispiel, wenn der Krebspatient sich selbst in der nahen oder fernen Zukunft als gesunden Menschen oder als auf seinen persönlichen Heilungsweg befindlich imaginiert, zum Beispiel in einer Situation, die für den Patienten Heilung oder Gesundheit symbolisiert. Eine symbolische, harmonische Imagination wäre es, wenn der Krebspatient sich einen heilenden Lichtstrahl vorstellt, der im Körper Heilungswirkungen entfaltet und insbesondere die vom Krebs betroffenen oder bedrohten Körperregionen mit heilendem Licht durchflutet. Hierbei ist es besonders hilfreich, diese Vorstellung in möglichsten vielen Sinneskanälen (vor allem visuell, auditiv und kinästhetisch) zu imaginieren, weil Vorstellungen, die mehrere oder alle Sinneskanäle einbeziehen, als realistisch oder vital erlebt werden und daher besonders intensive Umstimmungsprozesse und heilungsfördernde physiologische Impulse bewirken können.
Werner Eberwein



