Die Psychotechniken von Wahrsagern und Hellsehern

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Am 9.9.2010 hielt Prof. Dr. Toni Forster im Rahmen der DGZH-Jahrestagung in Berlin einen Vortrag zum Thema "Cold Reading". Der folgende Text gibt einen Überblick über diese Technik.

Prof. Forster ist als Psychologe tätig am Max-Planck-Institut für Psychiatrie und am Institut für Therapieforschung München, seit 1975 Verhaltenstherapeut in eigener Praxis in Dachau, Ausbilder und Supervisor in Verhaltenstherapie und Hypnotherapie.

 

Was ist Cold Reading

Cold Reading ist ein System von psychologischen Bausteinen, das von Hellsehern, Wahrsagern etc. benutzt wird, um den Eindruck zu erwecken, Gedanken lesen zu können und alles über den Kunden zu wissen. Es handelt sich um eine Kommunikationstechnik auf Basis von Pacing und Kalibrierung, nicht um etwas Übernatürliches, sondern um die praktische Anwendung eines Sets von psychologischen Techniken bzw. um ein Spiel, in dem man so tut, als könne man etwas über einen anderen Menschen sagen, was man eigentlich nicht wissen kann, weil man ihn noch nie gesehen hat. In der Praxis kommt der Kunde in der Regel mit einer Lebensfrage zum Reader, und dieser gibt ihm auf diese Frage eine Antwort - manchmal ohne die Frage zu kennen.

Die Technik basiert auf einer Kombination aus Eriksonschen offenen Formulierungen, der Beobachtung der nonverbalen Signale des Kunden, der Beobachtung der Reaktion des Kunden auf die Aussagen des Readers, auf professionelle Erfahrung und Lebenserfahrung sowie auf die Nutzung statistischer Wahrscheinlichkeiten. Die Technik wird häufig von Unterhaltungskünstlern angewandt, die sich als Mentalisten bezeichnen. Einige der Methoden können von und seriösen Hypnotherapeuten genutzt werden, vor allem zur schnellen Etablierung, zur Vertiefung und Stabilisierung des hypnotischen Rapports, zur Trance-Induktion durch Verblüffung oder zum Begleiten des Trance-Prozesses.

Man unterscheidet zwischen sog. open eyed Mind-Readers, also Personen, die die entsprechenden Methoden im Bewusstsein dessen verwenden, was sie tun, sie also als ausgefeilte Kommunikationstechniken verstehen, und shut eyed Mind-Readers, also Personen, die tatsächlich daran glauben, übersinnliche Fähigkeiten zu haben oder beispielsweise daran, dass etwa Tarot-Karten tatsächlich etwas über den Kunden aussagen.

Als Hot Reading (im Gegensatz zum Cold Reading) wird dagegen eine Methode bezeichnet, die von bestimmten Unterhaltungskünstlern, aber auch von Betrügern angewandt wird, bei der der Reader zunächst systematisch Vorinformationen über den Kunden sammelt (beispielsweise über das Internet, durch Privatdetektive oder durch einen Einwegspiegel im Wartezimmer) und dann dem Kunden Informationen zurückgibt, von denen der Kunde nicht weiß, dass bzw. woher der Reader sie hat.

Für die Existenz übersinnlicher Wahrnehmungsfähigkeiten gibt es bis dato keinen wissenschaftlichen Nachweis. Dagegen ist es plausibel und wird durch die Ergebnisse zum Beispiel der Sozialpsychologie gestützt, dass es Prozesse der unterschwelligen, unbewussten Kommunikation z.B. durch subtile nonverbale Signale (psychosomatische Resonanz) gibt, über die ein Reader auf empathische Weise Informationen über den Kunden erhält, deren Quelle nicht offensichtlich ist, und deren Herkunft ihm auch selber oft nicht unmittelbar bewusst ist.

Techniken des Cold Reading

Kernbestandteil des Cold Reading sind die offenen Formulierungen der Eriksonschen Sprachmuster, die wir auch in der Hypnose-Induktion z.B. zur Abdeckung aller Möglichkeiten verwenden, und die praktisch immer stimmen. Häufig werden dabei von Readern Formulierungen verwandt, die eine Polarität aufspreizen: Sie sind X aber auch Y, z.B.:
Sehen Sie, diese Tarot-Karte steht für einen Menschen mit einem stabilen, gefestigten Charakter, der weiß, was er will, und die zweite Karte steht für Offenheit neuen Erfahrungen gegenüber, Flexibilität und emotionale und intellektuelle Beweglichkeit. Damit sind praktisch alle Möglichkeiten der Polarität abgedeckt.

Die Fragen, mit denen ein Kunde zu einem Reader kommt, kommen in der Regel aus einem begrenzten Bereich von Themen bzw. Problemstellungen (Liebe, Arbeit, Sozialleben, Körper). Der Reader kann in allgemeiner Form zunächst diese Themenbereiche aufzählen bzw. andeuten, und - ständig die Reaktionen des Kunden auf seine Aussagen beobachtend - den Bereich allmählich einengen, bis er dann relativ genau sagen kann, in welchem Bereich sich die Frage bewegt, mit der der Kunde zu ihm kommt. (Diese Methode wird im NLP als Kalibrieren bezeichnet.)

Der Reader

  • fokussiert seine Aussagen auf Inhalte, die auf alle Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit zutreffen, oder zumindest auf die allgemeinen Untergruppe, der er den Kunden zuordnet (z.B. weiblich, Anfang 50, etwas mollig, aus einfachen Verhältnissen stammend), 
  • bindet seine Aussagen in ein überzeugungsförderndes Setting ein (Einrichtung des Raumes, Gestaltung des Readings als Ritual, Sprechweise),
  • unterfüttert die Sitzung mit einer Reihe von Gimmicks wie Tarot-Karten, Horoskope, Rituale des Gedankenlesens, eine Kristallkugel, Handlinien, Kartenlegen, Runen, Werfen von Münzen oder Steinen usw. Diese Gimmicks dienen der Ablenkung, der Bindung der Aufmerksamkeit des Kunden, aber auch zum Zeitschinden (wenn dem Reader gerade nichts Inhaltliches einfällt), und zur Delegation der Verantwortung auf das Gimmick (Tut mir leid, nicht ich, sondern die Karten sagen das).

Wenn die Aussagen des Readers nicht zutrifft, wird es entweder als etwas geframed, was die Karten oder Ähnliches (also die Gimmicks) sagen, oder es wird sekundären Anteilen, ungenutzten Potenzialen o.ä. zugeordnet (z.B.: Der Aszendent steht für Möglichkeiten, die man hätte, aber noch nicht lebt.), oder aber als etwas, was sich in der Vergangenheit ereignet hat oder sich in der Zukunft ereignen könnte. Auf diese Weise konstelliert der Reader einen Kontext, in dem seine Aussagen scheinbar immer zutreffen.

Eine gewisse Rolle spielt die präzise Beobachtung des Kunden durch den Reader, auch in der peripheren (und dadurch nicht so offensichtlichen) Wahrnehmung, insbesondere die Wahrnehmung der nonverbalen Reaktionen des Kunden auf die Aussagen des Readers. Ein erfahrener Reader erhält eine Fülle von subtilen Informationen z.B. durch den körperlichen und stimmlichen Ausdruck, die Kleidung, die Körperhaltung und den Körperausdruck, Schmuck, die Sprechweise, den Haarschnitt, Kosmetik usw. des Kunden.

Manche Reader bitten den Kunden während des Readings, einfache Entscheidungen zu fällen, und nutzen diese dann diagnostisch, zum Beispiel: Soll ich aus Ihrer Hand lesen, wollen wir die Karten befragen, oder bevorzugen Sie die Iris-Diagnose? Auch eine skeptische Haltung des Kunden kann in das Reading eingebaut und ihm subtil als anscheinend auf übersinnliche Weise empfangene Information zurückgespiegelt werden.

Wichtig ist, dass der Reader den Kunden stets das sagt, was der Kunde hören will bzw. zu hören erwartet, es aber auf eine Weise sagt, die den Kunden verblüfft, und dabei konkrete Aussagen vermeidet (weil die verkehrt sein könnten).

Reader gehen davon aus, dass sich die Menschen weit weniger voneinander unterscheiden, als sie glauben, und dass die wichtigen Lebensereignisse und -fragen vieler Menschen relativ ähnlich sind, auch wenn sie sich dessen nicht bewusst sind.

Reader nutzen den sog. Barnum-Forer-Effekt der Täuschung durch persönliche Validierung, der die Neigung von Menschen bezeichnet, vage und allgemeingültige Aussagen über die eigene Person als individuell zutreffende Beschreibung zu akzeptieren. Der Begriff ist nach dem Zirkusgründer P. T. Barnum benannt. Barnum-Aussagen sind beispielsweise in Zeitungshoroskopen zu finden. Die Testreihen des amerikanischen Psychologen B. R. Forer beziehen sich auf solche Zeitungshoroskope.

Wenn der Reader etwas sagt, was eindeutig oder gefühlt für den Kunden nicht zutrifft, dann unterliegt das teilweise im Laufe der folgenden Tage im Kunden der Amnesie. Der Wunderglaube des Kunden und sein Bedürfnis nach magischen, mystischen Erlebnissen hat ebenfalls einen relevanten Anteil an der retrograden Begradigung des Readings in Richtung auf subjektiv erlebte Stimmigkeit.

Wenn der Reader Voraussagen für die Zukunft macht oder Hinweise für ein für den Kunden günstiges Verhalten gibt, so können diese Voraussagen oder Hinweise außerdem als Suggestionen wirken und die Lebenskonstellation erst herstellen oder fördern, die der Reader scheinbar zutreffend vorhergesagt hat.

Toni Forster demonstrierte eine überraschende und sehr einfache Methode, einem fremden Menschen ein zureichend zutreffendes Reading zu geben, indem man scheinbar die Lebensgeschichte, Probleme, innere Konflikte usw. des Kunden detailliert beschreibt, dabei nur auf konkrete Namen, Daten, Orte und Fakten verzichtet, sich also relativ allgemein ausdrückt (weil das in den Karten sooo eindeutig nie zu sehen ist), dabei aber in Wirklichkeit entweder

  • a) über sich selbst spricht, oder
  • b) einen guten Freund beschreibt,

woraufhin sich der Kunde erstaunlicherweise nach dem Barnum-Effekt oft sehr zutreffend und individuell beschrieben fühlt.

Im Cold Reading werden also Techniken verwandt, die erfahrenen Hypnotiseuren vertraut sind, und diese werden eingebunden in ein magisches Setting und verknüpft mit Materialien (z.B. Karten usw.), so dass ein sehr überzeugendes Setting entstehen kann, was zu den bisweilen begeisterten und verblüfften Berichten von Sitzungen bei Wahrsagern, Hellsehern usw. führen kann.

 

Autor & Copyright:

Werner Eberwein, geb. 1955; Diplom-Psychologe, Psychotherapeut seit 1984; Ausbildungen u.a. in Körperpsychotherapie, Hypnotherapie, NLP, Tiefenpsychologie, Verhaltenstherapie, Gesprächspsychotherapie, Provokativer Therapie; Leiter des DGH-Fort- und Weiterbildungszentrums Berlin der Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie und des Instituts für Humanistische Psychotherapie Berlin (IHP); diverse Veröffentlichungen und Trance-CD’s

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Website: www.werner-eberwein.de