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Showhypnose - wie funktioniert das?

 

Hypnotherapie-Fortbildung

 

Geheimnisse und Gefahren der Showhypnose

Vor einigen Wochen war ich bei einer Show des „Weltmeisters der Hypnose“ Manfred Knoke alias Don Alfredo zu Gast und saß mit etwa fünfzehn anderen Besuchern auf der Bühne, um von ihm hypnotisiert zu werden. Was mich kaum erstaunte, war, daß ich wieder einmal eine der beiden Personen war, die Knoke nach kurzer Zeit relativ gelassen als „unhypnotisierbar“ aussortierte („ ... bei Ihnen klappt es nicht, das passiert manchmal, setzen Sie sich bitte wieder hin“). Das selbe habe ich zuvor auch schon bei einem anderen Showhypnotiseur namens Sandokan erlebt. Sandokan wollte mich im Laufe eines persönlichen Gesprächs auf meine Bitte hin in Trance versetzen, um mir meine leichten Kopfschmerzen wegzuhypnotisieren, was nicht den geringsten Erfolg hatte. Andererseits hatte Sandokan einen ganzen Aktenordner mit Erfolgsberichten begeisterter Menschen vorzuweisen, die er von allen möglichen Alltagsleiden geheilt haben wollte. Vor etwa 20 Jahren war ich zum ersten Mal bei einem australischen Showhypnotiseur namens Martin St. James in der Berliner Philharmonie gewesen, der mit einer Hyperventilationstechnik gleich dreißig Leute auf einmal hypnotisierte. Auch da war ich einer der vier oder fünf Personen, die als „unhypnotisierbar“ von der Bühne heruntergeschickt wurden.

Bin ich nicht hypnotisierbar oder besonders widerständig? Offenbar nicht, denn in einem therapeutischen Setting kann mich jeder Anfänger ohne Probleme hypnotisieren. Dennoch sind die Versuchspersonen von Showhypnotiseuren nicht gekauft oder bestochen. Das ist nicht nötig. Ihre Vorführungen kann jeder einigermaßen geübte und nicht publikumsscheue Menschen auf einer größeren Féte wiederholen, sofern er Zeit und Gelegenheit hat, besonders empfängliche Versuchspersonen aus einer ausreichend großen Gruppe von Freiwilligen herauszufischen.

Man kann davon ausgehen, daß die meisten Besucher einer Hypnoseshow eine gewisse Faszination für Hypnose mitbringen und damit eine gewisse grundsätzliche Bereitschaft, sich hypnotisieren zu lassen. Ich dagegen scheine von Showhypnotiseuren nicht hypnotisierbar zu sein. Ich gehe innerlich wohl in einen Machtkampf mit dem Showhypnotiseur, um ihm zu beweisen, daß er mich nicht „kriegt“, und dann kriegte er mich auch nicht. Vielleicht müßte ich besser „mitmachen“, wie das alle Showhypnotiseure am Anfang einfordern: „Gegen Ihren Willen kann ich Sie nicht hypnotisieren, Sie müssen mitmachen, sonst geht es nicht.“ Aber ist das dann noch Hypnose - oder vielmehr ein einfaches Mitspielen?

Was mich erstaunte, war, daß es Knoke gelang, von den fünfzehn Personen, die anfänglich auf der Bühne saßen, immerhin dreizehn so weit zu bringen, daß sie bereit waren, seine Späße mitzumachen.

Thomas Stöcker hat seine bei Zahnärzten so beliebte Turbo-Induktion von einem österreichischen Showhypnotiseur namens Bertino übernommen. Bei Der Showhypnotiseur Pharo braucht für eine Art Super-Turbo-Induktion knapp zehn Sekunden. Dagegen schreibt der Meister der hypnotischen Raffinesse, Milton Erickson: „Nach meiner Erfahrung sollte man im Durchschnitt insgesamt drei bis acht Stunden ... auf das Training einer unerfahrenen Versuchsperson verwenden, damit sie eine gute hypnotische Trance entwickelt ...“ (Erickson, Gesammelte Schriften, Bd. 3, S. 417) Können die Hypnotherapeuten von den Showhypnotiseuren noch etwas lernen?

Nachdem ich nun eine ganze Reihe von Showhypnotiseuren life erlebt habe, ist mir eines ganz klar: mit einer besonders raffinierten Technik hat das Ganze nichts zu tun. Showhypnotiseure benutzen die ältesten und primitivsten Hypnosetechniken, die man sich vorstellen kann. Sie machen – aus ericksonianischer Sicht – so ziemlich alles verkehrt, was man verkehrt machen kann. Sie verzichten fast vollständig auf das Pacing der Muster und Befindlichkeiten ihrer „Opfer“. Sie leiern ihren immer gleichen Induktions-Sermon mechanisch und beziehungslos herunter. Sie reagieren fast nicht auf subtile Ausdruckssignale ihrer Versuchspersonen. Sie bauen äußere Störungen nicht ein usw. Dennoch haben sie scheinbar einen verblüffenden Erfolg.

Ich konnte mich zeitweise eines gewissen Neides nicht erwehren, weil es Showhypnotiseuren zu gelingen schien, ihre „Opfer“ dazu zu bringen, die verrücktesten Dinge mitzumachen, während ich in meiner therapeutischen Praxis selbst zum Wohle und im besten Interesse der Patienten keineswegs immer solche starken Einflüsse ausüben kann, auch dann nicht, wenn ich genau die selbe Techniken wie die Showhypnotiseure benutze. (Auf das Honorar der Showhypnotiseure - Knoke verlangt € 2000,- für eine zweistündige Show – bin ich nebenbei gesagt auch ein bißchen neidisch.)

Wer einmal einen Showhypnotiseur gesehen hat, weiß, daß ihre Wirksamkeit nicht auf persönliche Magie oder eine charismatische Ausstrahlung zurückzuführen ist. Showhypnotiseure wirken in der Regel halbseiden mit ihren Goldkettchen und halb aufgeknöpften Hemden, ihren nietenbesetzten Jacketts und den nie fehlenden ordinären Anspielungen. Knoke ist ein ziemlich einfach gestrickter Mensch, der die niederen Formen des Humors ganz gut zu bedienen weiß (z.B. Knoke nach der Demonstration einer kataleptischen Brücke mit einem jungen Mädchen zum Freund des Opfers: „Ich war heute schon auf deiner Freundin - wie findest du das?“ - Gelächter).

Lange vor Beginn meiner hypnotherapeutischen Ausbildung habe ich im Rahmen einer selbstorganisierten studentischen Experimentiergruppe all die bekannten showhypnotischen Effekte erzeugen können. Ich konnte Freunde und Kommolitonen an ihrem Stuhl festkleben oder sie ihren Namen vergessen lassen, und sie als alte Oma an einem imaginierten Stock im Zimmer herumgehen lassen. Was mir jedoch nach einiger Zeit die Freude an meiner vermeintlichen Allmacht etwas vergällte, war, daß ich nur relativ wenige Menschen in ausreichendem Umfang zu einer solchen Gehorsamsbereitschaft bringen konnte. Manchmal hatte ich außerdem den Eindruck, daß einige meiner Versuchspersonen nur „mitspielten“, um mir die Show nicht zu verderben und heimlich innerlich über mich grinsten.

Allerdings könnte man ja auch sagen: egal ob meine Versuchspersonen „wirklich“ hypnotisiert waren oder nicht - ich habe sie dazu gebracht, zu tun, was ich ihnen suggerierte. Wenn man auf die selbe Weise einem Patienten auf seinen eigenen Wunsch hin das Rauchen abgewöhnen könnte - wunderbar. Als ich dann aber einem dreizehnjährigen Jungen, den ich damals als Familienhelfer betreute, durch Hypnose das notorische Stehlen abgewöhnen wollte, funktionierte das seltsamerweise nicht, obwohl er im „showhypnotischen“ Sinne hervorragend hypnotisierbar war. Ich demonstrierte mit ihm beispielsweise einige Male die kataleptische Brücke mit einem seiner Freunde auf seinem Bauch. Er war bereit, Showeffekte mitzumachen, aber einen (von mir als sinnvoll erachteten) therapeutischen Effekt konnte ich bei ihm mit meiner damaligen Technik nicht erreichen.

Seitdem beschäftigte mich die Frage, ob Showhypnotiseure wirklich besonders begabte Hypnotiseure sind, oder ob die scheinbare Willenlosigkeit ihrer Opfer einfach ein Ergebnis der Showsituation ist.

Hier die Antwort(en):

Spieltrieb

Ein Faktor, der zum Funktionieren der Showhypnose beiträgt, ist sicherlich der Wunsch der Versuchsperson, „zu sehen, ob das mit der Hypnose funktioniert“. Um zu sehen, ob es funktioniert, muss man natürlcih zuerst einmal mitspielen. Wenn man gleich zu Beginn der Show „aussteigt“, dann ist die aktive Teilnahme an der Show vorbei, und man muß zurück ins Publikum (so wie ich). Das ist weniger spannend, als auf der Bühne mit dabeizusein. Man „spielt“ also erstmal „mit“, ähnlich wie Kinder bei einem Kindergeburtstag Sackhüpfen, Eierlaufen oder Topfschlagen mitspielen. Man macht mit, weil es Spaß macht, und weil man danach seinen Freunden etwas Interessantes zu erzählen hat. Durch das anfängliche, bereitwillige Mitspielen wird man langsam in eine Rollenidentifikation hineingezogen, die man dann nicht mehr ohne weiteres freiwillig kontrollieren oder verlassen kann (ich gehe gleich weiter darauf ein).

Vermeidung von Peinlichkeit

Man empfindet es als peinlich, manchmal sogar als persönliches Versagen, auf einer Bühne, im Scheinwerferlicht, plötzlich kundzutun, daß „es“ bei einem „nicht funktioniert“. Ich habe diese Peinlichkeit jedes Mal empfunden, wenn der Showhypnotiseur zu mir sagte, daß „es“ bei mir nicht klappte. Ich war enttäuscht und fühlte mich aus dem Spiel ausgeschlossen. Ich hatte das Gefühl, mir eine Blöße gegeben zu haben, als ob bei mir etwas nicht in Ordnung sei, oder als ob ich dem Showhypnotiseur die Show vermasseln wollte. Für Menschen, die noch nie auf einer Bühne gestanden haben, kann das „Aussteigen“ aus der Show mit wesentlich mehr Peinlichkeit belegt sein, als weiteres Mitspielen, wofür sie ja keine Verantwortung haben, weil sie ja „hypnotisiert“ sind. Das Aussteigen erfordert eine gewisse Courage. Man will nicht als „Spielverderber“ gelten und auf der Bühne aller Augen auf sich ziehen. Also spielt man weiter mit.

Das Fehlen eines klaren Ausstiegszeitpunktes

Sofern man als Versuchsperson des Showhypnotiseurs noch wach oder nur in einem leichten Trance-Zustand ist, könnte man eigentlich jederzeit aussteigen und „nicht mehr mitspielen“. Man weiß allerdings nie, wann man aussteigen soll. Die Hinführung zu den Showhypnose-Tricks geschieht in kleinen Schrittchen, sozusagen in einer Salami-Taktik. Zuerst steht man unbeweglich da und schaut auf ein helles Licht, während der Showhypnotiseur mit sicherer Stimme zu einem spricht. Nun gut, warum sollte man nicht eine Weile bewegungslos dastehen und zuhören. Das ist ja offenbar erst das „Vorspiel“ für die Hypnose. Das Schauen in das Licht ist aber für die Augen auf die Dauer ziemlich anstrengend. Warum sollte man also nicht die Augen schließen, wenn Knoke sagt: „Bitte schließe jetzt die Augen“? Er hat freundlich darum gebeten, und man ist ja schließlich ein höflicher Mensch. Dann sagt der Showhypnotiseur, daß man sich nach hinten fallen lassen solle, wenn er einen „an der Stirn berührt“. (Diese „Berührung“ ist dann eher ein kräftiger Schubs am Kopf nach hinten.) Warum sollte man sich nicht fallen lassen? Das lange, bewegungslose Stehen war sowieso unangenehm, und der Showhypnotiseur hat ja gesagt, er würde einen von hinten sicher auffangen, es könne nichts passieren.

Und wenn man dann auf dem Boden liegt - warum sollte man sich nicht von dem unentwegt weitersprechenden Showhypnotiseur den Kopf zur Seite drehen lassen. Und wenn er einem dann auf die Augenlider pustet, dann öffnet man die Augen praktisch reflektorisch. Das würde man sowieso tun, wenn einem jemand auf die geschlossenen Augen pustet. Auch in vollem Wachzustand ist man also auf einer Bühne bereit, Aufforderungen dieser Art zu folgen. Man erwartet ja, dadurch „hypnotisiert“ zu werden, und das möchte man ja gerade gerne mal erleben.

Auf diese Weise wird man Schritt für Schritt an ein gehorsamsbereites Verhalten herangeführt. Hierbei ist es zunächst egal ob man „wirklich“ hypnotisiert ist oder nicht. Durch die Salami-Taktik entsteht kein Gefühl für einen Punkt, an dem man aussteigen möchte. Da die Übungen am Anfang noch zur Einleitung der Hypnose zu gehören scheinen, wäre es unsinnig, gleich anfangs auszusteigen, denn da wäre man ja sowieso noch nicht „hypnotisiert“, und es wäre somit noch kein Kunststück, einfach aufzuhören. Wenn man aber schon einige der Spielchen mitgemacht hat, dann erscheint es einem innerlich irgendwie unpassend (letztlich: peinlich), gerade jetzt auszusteigen, und alle schauen einen überrascht an. Man hat ja alles Vorherige mitgespielt, warum sollte man gerade jetzt aufhören? Das „Jetzt“ unterscheidet sich nicht wesentlich vom „Gerade eben“. Also macht man „noch ein bißchen weiter“ mit. Es ist ja auch ganz interessant.

So wird man in kleinen Schrittchen von Trick zu Trick geführt, und ehe man sich versieht, steht man als Huhn auf der Bühne und gackert. Und dann - ruckzuck - ist die Show vorbei, und man hat mitgemacht - wie die anderen auch.

Eine ähnliche Salamitaktik wie die Showhypnotiseure wende ich als Therapeut (zum Wohle der Klienten) seit vielen Jahren zur Einleitung von Körperübungen an. Zuerst frage ich den Klienten, ob er bitte einmal aufstehen könnte. „Warum nicht“, denkt er, „warum sollte ich nicht mal kurz aufstehen?“ - also steht er auf. Dann bitte ich ihn, die Beine etwa schulterbreit auseinanderzustellen. Wieder denkt er: „Warum nicht?“, also tut er es. Dann bitte ich ihn, leicht die Knie zu beugen. Wieder spricht da eigentlich nichts dagegen. Und nach zwei Minuten ist er mitten in einer bioenergetischen Übung. Wenn ich ihm anfangs gesagt hätte, was auf ihn zukommt, wäre die Wahrscheinlichkeit einer Weigerung wesentlich höher gewesen (selbst dann, wenn er gerade wegen der Körperarbeit zu mir gekommen ist). Die Salamitaktik teilt die Aufgabe in kleine Häppchen auf. Gegen jedes einzelne Häppchen ist ein Wehren der Mühe nicht wert. Und ehe man sich versieht, hat man die ganze Salami verspeist.

Definition des Kontextes

Der meines Erachtens wichtigste Faktor für das scheinbar so mühelose Gelingen der Showhypnose besteht darin, daß der Bühnenhypnottiseur durch sein Auftreten, seine Worte und die ganze Inszenierung der Show die Rahmenbedingungen und die Bedeutung der Situation definiert. Wie so etwas funktioniert, wurde mir erstmals deutlich, als ich während eines Urlaubes an einer sogenannten „Höhlentour“ teilnahm. Im Laufe der Tour war ich bereit, mich durch einen Eingang, der so eng war, daß ich mich gerade noch eben hindurchzwängen konnte, in eine unterirdische Höhle hinabzulassen. Allein hätte ich mich das niemals getraut. Es war nicht nur das (möglicherweise trügerische) Gefühl von Sicherheit, das der Tourenleiter vermittelte, sondern vor allem der Rahmen der Situation, der mich dazu brachte, etwas zu tun, was ich normalerweise als „ziemlich gefährlich“ abgelehnt hätte. (An diesem Zugang wäre ich mit Sicherheit nicht mehr aus der Höhle herausgekommen.) Es macht aber keinen großen Sinn (und da ist auch wieder - das Gefühl von Peinlichkeit), an einer lange vorher organisierten Höhlentour teilzunehmen, dann aber als „Spielverderber“ nicht mit in die Höhle hineinzusteigen. Dann würde man ja das eigentlich interessante Erlebnis verpassen. Der Tourenleiter wird schon wissen, ob es sicher ist, also macht man mit.

Einem normalen Menschen würde es schwerfallen, mitten in einem schicken Restaurant aufzustehen und sich rythmisch zuckend zu bewegen. Wenn aber die Räumlichkeiten als „Discothek“ definiert sind, dann ist das gar kein Problem. Man befindet sich in einem Rahmen, in dem das zuckende Verhalten in Ordnung ist. Es ist nicht mehr peinlich, sondern entspricht den definierten und allgemein akzeptierten Bedingungen der Situation.

Ganz ähnlich ist es überhaupt kein Problem, in einer Sauna unter wildfremden Menschen nackt oder auf einer Faschingsparty albern verkleidet und geschminkt herumzulaufen, was man in einer anders definierten Situation wahrscheinlich niemals täte.

Als Leiter einer Therapiegruppe oder eines Selbsterfahrungsworkshops ist es keine Schwierigkeit, eine Gruppe von erwachsenen Menschen binnen weniger Minuten dazu zu bringen, auf allen Vieren als Tiere durch den Raum zu krabbeln oder als Vögel mit weit ausgebreiteten Schwingen durch den Raum zu schweben. Es genügt die Definition der Situation als „Gruppenübung“ und dann eine einfache Aufforderung - schon passiert es. Und genau dieser simple Mechanismus erleichtert den Showhypnotiseuren ihr Geschäft entscheidend. Die Situation ist als „Showhypnose“ definiert, und nun macht man jeden Blödsinn mit.

Rollen-Identifikationen

Wenn eine Bühneninszenierung als „Showhypnose“ definiert ist, dann begeben sich die Versuchspersonen in die Rolle des Hypnotisierten. Sie identifizieren sich dann mit der Rolle, die sie zunächst freiwillig eingenommen haben und sind dann nach einer Weile darin gefangen. Wenn ein zehnjähriger Schüler die Rolle des Schülerlotsen übernimmt, kann er schlecht, während seine Mitschüler gerade die Straße überqueren, die Kelle wegwerfen und sich an der nächsten Imbißbude eine Cola holen. Er „steckt“ in der Rolle des Schülerlotsen, und die Rolle bestimmt sein Verhalten, auch wenn er im Moment vielleicht lieber etwas anderes tun würde. Ebenso übernehmen die „Opfer“ eines Showhypnotiseurs, wenn sie sich erst einmal bereit erklärt haben, bei der Showhypnose mitzumachen, die Rolle des Hypnotisierten, wobei die Rolle dann ihr Verhalten auch gegen ihren momentanen Willen steuert.

Einen ähnlichen Effekt habe ich oft beobachtet, wenn die Leiter von therapeutischen Ausbildungsseminaren gleich welcher Schulrichtung ihre jeweiligen Methoden mit Teilnehmer/innen des Trainingsworkshops demonstrierten. Die Versuchspersonen waren stets überaus bereit, den Erfolg der Methode möglichst deutlich werden zu lassen, vor allem, wenn der Seminarleiter „einen Namen“ hatte. Auch hier handelt es sich um die Bereitschaft, „mitzumachen“, wobei durch die Übernahme einer Rolle (hier als Demonstrations-Objekt), durch die Vermeidung von Peinlichkeit und die aktive, willentliche Bereitschaft mitunter starke psychische Effekte entstehen, die dann von außen wie Resultate der besonderen persönlichen Kraft des Ausbilders aussehen.

Selbstinduktion

Die Teilnehmer einer Showhypnose-Veranstaltung durchlaufen in ihrer Phantasie schon in den Tagen vor der Show einen unbewussten „Selbstinduktionsprozess“. Sie sind aufgrund ihrer (in der Regel falschen oder übertriebenen) Vorinformationen innerlich mit der „Macht“ der Hypnose beschäftigt, also mit den verbreiteten Mythen, die leider noch immer mit der Hypnose verbunden sind. Sofern sie beabsichtigen, auf die Bühne des Showhypnotiseurs zu gehen, laufen in ihnen halb bewußt innere Filmschleifen ab, in denen sie sich hunderte von Malen selbst als hypnotisiert sehen. Manchmal sind sie dabei mit Abrenzungsversuchen beschäftigt, indem sie versuchen, sich selbst davon zu überzeugen, daß der Hypnotiseur sie nicht "kriegen" wird. Aber auch das kann bei empfänglichen Personen dennoch als Autosuggestion wirken. Bei dem Versuch, sich vorbereitend gegen Hypnose zu immunisieren, wird die „Macht“ des Showhypnotiseurs bereits vorausgesetzt (sonst müßte man sich ja nicht gegen ihn wehren). Durch diese Selbstinduktionsprozesse wird der Showhypnotiseur schon vor der Veranstaltung innerlich zu einer Machtfigur aufgebaut, was sich dann in der Show zu bestätigen scheint.

Tricks

Ein weiterer wichtiger Wirkfaktor besteht darin, daß der Showhypnotiseur Experimente mit den Teilnehmer/innen demonstriert, die für die Zuschauer wie „Wunder der Hypnose“ aussehen, während sie in Wirklichkeit ohne Weiteres auch im Wachzustand durchgeführt werden können. Wenn jemand über ein Nagelbrett oder über Glasscherben geht oder in der kataleptischen Brücke zwischen zwei Stühlen liegt, dann sieht das für einen naiven Beobachter so aus, als müsse er einfach hypnotisiert sein. In Wirklichkeit ist es aber völlig gleichgültig, ob er hypnotisiert ist oder nicht. Das „Experiment“ funktioniert auf jeden Fall, auch im Wachzustand.

Vor einigen Wochen lernte ich eine junge Frau kennen, die einige Wochen zuvor ebenfalls in Knokes Show gewesen war, und mit der er die „kataleptische Brücke“ demonstiert hatte. Sie sagte, sie sei keineswegs hypnotisiert gewesen. Sie hätte, wenn sie gewollt hätte, jederzeit „aussteigen“ können. Sie habe lediglich sehen wollen, „ob die Sache funktioniert“. Es sei überaus anstrengend gewesen, als Knoke sich auf ihren Bauch gestellt hatte, und sie habe am Tag darauf ordentlich Muskelkater gehabt.

Die Rückenmuskulatur selbst zart gebauter Personen ist, auch wenn man das zunächst nicht glauben mag, durchaus in der Lage, das Gewicht einer anderen Person für kurze Zeit zu tragen.

Wie Untersuchungen von Prof. Bongartz an der Universität Konstanz belegen, ist es nicht möglich, durch Hypnose unmittelbar die Muskelkraft zu steigern. Es ist nicht die Kraft, an der es dem Opfer im Wachzustand mangelt, sondern die Bereitschaft, sich einer solchen Belastung auszusetzen. Der Showhypnotiseur stärkt keineswegs hypnotisch die Muskulatur, er „macht“ den Körper nicht „steif wie ein Brett“, obwohl das in der Show so aussieht. Es genügt, wenn er die Versuchsperson einfach auffordert, sich steif zu machen, dann klappt das mit der kataleptischen Brücke. Der Showhypnotiseur bringt lediglich Menschen dazu, Dinge zu tun, die sie im Wachzustand zwar durchaus tun könnten, aber wahrscheinlich nicht tun würden.

Auch über ein Nagelbrett, wie es von Showhypnotiseuren häufig benutzt wird, kann man ohne weiteres gefahrlos im Wachzustand gehen. Die meisten Zuschauer wissen nicht, daß der Abstand der Nägel auf dem Nagelbrett so gering ist, daß man ohne jedes Problem barfuß darüber gehen kann. Das Gleiche gilt für das Feuerlaufen: Wenn man sich zügig bewegt, kann man auch ohne Trance über glühende Holzkohlen laufen, ohne sich zu verletzen. Das funktioniert genauso, wie wenn man mit einer gewissen Geschwindigkeit mit dem Finger durch eine Kerzenflamme fährt. Und man kann sich auch im Wachzustand ohne Verletzung barfuß auf ein Häuflein Glasserben stellen, wenn man sich dabei nicht schnell seitwärts bewegt. Ich habe das mit den Scherben einer zerschlagenen Mineralwasserflasche ausprobiert. Es ging ohne Probleme.

Wenn man aber im Wachzustand aufgefordert würde, über ein Nagelbrett zu gehen, würde man vermutlich zumindest zögern und das zuerst einmal vorsichtig mit den Fingern oder den Zehenspitzen probieren, ähnlich wie man einen kalten Swimmingpool zunächst einmal ausprobiert, bevor man hineinspringt. Da aber die Augen des „Hypnotisierten“ bei der Showhypnose geschlossen sind, und er vom Showhypnotiseur an den Händen über das Nagelbrett geführt wird, fällt dieses vorsichtige Kontollieren weg. Der „Hypnotisierte“ weiß nicht, wohin bzw. worüber er geht, was dann in der Show so wirkt, als sei das Opfer willenlos bereit, den „Befehlen“ des Showhypnotiseurs zu folgen, über ein scheinbar schreckliches Nagelbrett zu gehen, und sich – oh Wunder – nicht zu verletzen.

Konfusionierende Fragen

Showhypnotiseure erwecken oft durch geschickte, verwirrende Fragen den Eindruck eines hypnotischen Effektes, ohne daß dieser tatsächlich eingetreten sein muß. Nachdem Knoke beispielsweise ein junges Mädchen mit geschlossenen Augen an den Händen über das Nagelbrett geführt hatte, ließ er sie die Augen öffnen und auf das Nagelbrett zurückschauen und fragte sie: „Weißt du, wo du gerade drübergegangen bist?“ Die Versuchsperson war verwirrt. Sie hatte ja nur einen  leichten Druck unter ihren Fußsohlen gespürt, glaubte aber im Wachzustand, daß sie sich sicher verletzen würde, wenn sie über dieses Nagelbrett gehen würde (was nicht stimmt). Was sollte sie nun auf die Frage antworten? Sie konnte nicht glauben, daß sie gerade über ein Nagelbrett gegangen war. Die sichtbare Verwirrung des „Opfers“ auf Knokes Frage hin wirkt aber für die Zuschauer so, als könne sie sich nicht erinnern, über das Nagelbrett gegangen zu sein. Es wird also durch einen sprachlichen Kniff der Eindruck einer Amnesie erweckt, die die Versuchsperson sehr wahrscheinlich gar nicht hatte. Der Eindruck der Amnesie entsteht, egal ob sie wirklich eine Gedächtnislücke hat oder nicht.

Auch die nächste Standardfrage von Knoke: „Möchtest du da jetzt drüber gehen?“, wurde (und wird praktisch immer) mit einem verwirrten Kopfschütteln beantwortet. Die Versuchsperson glaubt ja nicht, daß sie das bei Bewußtsein kann, ohne sich zu verletzen. Daher verneint sie die Frage - was für den Zuschauer so aussieht, als könne sie im Wachzustand tatsächlich nicht über das Nagelbrett gehen (was nicht stimmt).

Knoke benutzt also den Glauben der Teilnehmer/innen an die „Wunder der Hypnose“ dazu, Verwirrungsreaktionen zu erzeugen, die dann für die Zuschauer so aussehen, als seien hypnotische Effekte eingetreten. Ob die Versuchsperson tatsächlich in Trance war oder ist, spielt hierfür gar keine Rolle.

Bühneneffekt

Für das scheinbar so mühelose Gelingen der showhypnotischen Effekte ist es von Bedeutung, daß sich die Szenerie auf einer Bühne vor Publikum abspielt. Die Versuchspersonen sind in der Regel Menschen, die noch nie auf einer Bühne gestanden haben. (Eine Ausnahme war ein relativ unbekannter Schauspieler aus der „Lindenstraße“, der mit auf Knoke’s Bühne stand, der aber Zeitungsberichten zufolge schon eine ganze Weile mit Knoke herumreiste.) Ich vermute, ihm ging es vor allem um Publicity, was ihn sichtlich zu besonders perfektem Mitspielen motivierte. Die meisten der Opfer aber haben Lampenfieber, sind unsicher und haben Angst, sich vor den Augen der Öffentlichkeit „daneben zu benehmen“. In einer Bühnensituation hält man sich schüchtern zurück und wartet auf Anweisungen der Person, die die Situation anscheinend „im Griff hat“. Diese Person ist der Showhypnotiseur. Man weiß nicht, wie man sich als „Hypnotisierter“ auf der Bühne zu verhalten hat. Das Einfachste ist, den Anweisungen des Showhypnotiseurs zu folgen. So rutscht man in die gewünschte Gehorsamsbereitschaft hinein.

Gehorsamsbereitschaft

Spätestens seit den spektakulären Gehorsams- bzw. Gefängnisexperimenten von Milgram und Zimbardo in den 1970er Jahren weiß man, daß man Menschen allein durch die Definition einer Situation als „Experiment“ dazu bringen kann, anderen Menschen scheinbar schweren psychischen oder körperlichen Schaden zuzufügen, ja sie sogar scheinbar zu „töten“. Dies erfordert nur, daß ein mäßig kompetent wirkender Versuchsleiter einfach die Anweisung dazu gibt.

Die Bereitschaft, das eigene Kritikbewußtsein auszuschalten und gehorsam zu sein, ist in unserer Psyche und unsere Sozialstruktur tief eingewurzelt. Die Bereitschaft, vor einem Menschen in einer „Leitungsposition“ innerlich gleichsam „die Hacken zusammenzuknallen“ und Anordnungen zu befolgen, darf nicht unterschätzt werden. Diese latente Unterwerfungsbereitschaft aktualisiert sich auch einem Showhypnotiseur gegenüber.

Das Paradoxon der Freiwilligkeit

Einen einfachen Trick benutzen alle Shwohypnotiseure. Sie sagen im Laufe ihres Induktions-Sermons in etwa: „Gegen deinen Willen kann ich dich nicht hypnotiseren. Es geht nur, wenn du es willst, wenn du mitmachst.“ Mit diesen Worten nehmen sie dem Widerstand des Opfers den Wind aus den Segeln und versetzen die zu hypnotisierende Person in einen verwirrenden Double-Bind. Das ähnelt der Erickson-Technik der Einbindung des Widerstandes, was bekanntlich ein hochwirksame Induktionstechnik ist.

Es ist eine paradoxe Situation, wenn man in eine Haltung willenloser Folgsamsbereitschaft hineingeführt werden soll, dies aber nur aufgrund von freiwilligem Mitmachen möglich sei. Wie soll das gehen, sich freiwillig willenlos zu machen? Man ist verwirrt und tut der Einfachheit halber, was einem gesagt wird. Man hätte zwar die Möglichkeit, einfach nicht mitzumachen, aber diesen Spaß hat einem der Showhypnotiseur ja schon verleidet: „Wenn du nicht willst, dann geht es eben nicht. Du musst schon wollen, damit es geht.“

Wenn man offenbar nicht zur Hypnose gezwungen werden kann, dann macht es keinen großen Sinn, sich gegen das Hypnotisiertwerden zu wehren. Wenn man sich ganz einfach auch weigern kann, ist es viel spannender, mitzumachen. Man verpaßt sonst nur den Spaß und sonst nichts. Und dann macht es natürlich auch keinen Sinn, sich gegen die Wirkung der (scheinbaren oder realen) Hypnose zu wehren, also gegen die Spielchen, die der Showhypnotiseur mit einem vorführt.

Soziale Isolation

In der Showhypnose spielt es eine große Rolle, daß die Teilnehmer/innen der Veranstaltung einander nicht kennen und auf der Bühne (z.B. durch die zu Beginn geschlossenen Augen) kommunikativ isoliert sind. Es fehlt ihnen die Möglichkeit, sich auszutauschen, und somit fehlt ihnen ein Feedback über das Verhalten der anderen. Wenn man mit geschlossenen Augen auf einer Bühne steht, weiß man nicht, wie sich die anderen verhalten und was in dieser Situation„normal“ ist. Es fehlt einem die „Gruppenrückversicherung“ und die „Normalitätsorientierung“.

Knoke hätte mit Sicherheit große Schwierigkeiten, die Schüler einer Schulklasse zu hypnotisieren. Sie kennen einander und wären auch während der „Induktion“ emotional miteinander in Kontakt. Bei einer Schulklasse hätte er es mit einem sozialen Netz zu tun. Hier wäre die Motivation, dem Showhypnotiseur „eins auszuwischen“ und ihn auszumanövrieren ziemlich hoch. Wenn sich aber einer dieser Schüler isoliert unter fremden Menschen auf der Bühne eines Showhypnotiseurs befindet, dann steht er allein einer „Autoritätsperson“ gegenüber und fühlt sich unsicher. Daher machen Jugendliche in einer Horde Gleichaltriger oft einen ziemlich markigen Eindruck, während sie sich als Hasenfüße erweisen, wenn man ihnen einzeln gegenübersteht. Nach dem alten Prinzip „teile und herrsche“ sind sie als Einzelne leichter beeiflußbar als in einer Gruppe mit ausgeformten kommunikativen Beziehungen und Bezügen.

Hysterie

Auch heute fallen junge Mädels noch manchmal in Ohnmacht oder reißen sich die Kleider vom Leib, um Musik- oder Filmidole (wie z.B. Tokyo Hotel) anzuhimmeln. In größerem und brutalerem Maßstab führte diese Dynamik im Berliner Sportpalast dazu, daß eine Menge eigentlich ganz normaler, für eine Polit-Show zusammengetrommelter Deutscher auf die Frage, ob sie „den totalen Krieg“ wollten, ein lautstarkes „Jaaaaaaaa!!!“ jubelten. Irgendwelche Gedanken daran, was das für die Welt, für sie selbst und ihre Familien bedeuten mußte, scheinen sie dabei nicht gehabt zu haben. Der Hysterie-Effekt, das Mitgerissensein, spielt auch bei der Showhypnose eine Rolle, insbesondere deswegen, weil unbedarfte Versuchspersonen die Hypnose ja noch immer als okkulte Macht mißverstehen.

Übertragung von Elternbildern

Die „Macht“ des Showhypnotiseurs ist psychodynamisch gespeist aus unbewußten Übertragungsprozessen. Die Übertragung kindlicher Gefühle auf eine andere Person tritt nicht nur im Verlauf einer Psychoanalyse dem Analytiker gegenüber auf, sondern in allen Beziehungen, insbesondere in nicht klar definierten Situationen. Wenn man sich unsicher ist, wenn man nicht weiß, was einen erwartet und was von einem erwartet wird, greift man auf alte Beziehungsmuster zurück, die ein Gefühl von Sicherheit und Orientierung geben. Das sind dann oft Elternbilder aus der Kindheit, und, wenn das Gegenüber mit einem Machtanspruch auftritt, Projektionen früher Bildern „allmächtiger Eltern“ („narzißtische Größenvorstellungen“). Der Showhypnotiseur hat Macht, weil die Versuchsperson sie auf ihn projiziert.

Hypnose

Als letzter Faktor sei derjenige genannt, der von den Showhypnotiseuren als der allein verantwortliche für ihre Spielchen ausgegeben wird, nämlich Hypnose zur Verminderung des Widerstandes gegen die „Befehle“ des Hypnotiseurs. Als ich bei Knoke auf der Bühne stand, gab es einen Moment, in dem ich mich wirklich hätte in Trance sinken lassen können, wenn ich gewollt hätte. Was mich vor allem daran hinderte, waren seine dirigistischen Formulierungen, die mit meinem subjektiven Erleben nicht übereinstimmten. Knoke sagte beispielsweise: „Deine Schultern sind schwer. Du schläfst.“ Dies traf aber nicht zu. Meine Schultern waren ziemlich angespannt, und ich war hellwach. An dieser Stelle riß der Rapport zwischen Knoke und mir („mangelndes Pacing“, würde ein Ericksonianer sagen). Alles weitere, was er sagte, erreichte mich nicht mehr auf der Trance-Ebene. Ich hörte es mir im Wachzustand an und hätte ihm folgen können oder auch nicht. Wenn ich die rapport-brechenden ungeschickt formulierten Suggestionen ignoriert hätte und den weiteren Suggestionen gefolgt wäre, dann wäre ich möglicherweise in einen veränderten Bewußtseinszustand gelangt.

Als Knoke am Ende der Show die Versuchspersonen auf die bekannte Ruck-Zuck-Weise innerhalb von drei Sekunden reorientierte, waren einige seiner Opfer deutlich desorientiert. Sie schienen wirklich in einem Trance-Zustand gewesen zu sein. Die meisten Versuchspersonen auf der Bühne hatten sich laut nachherigem Befragen subjektiv die ganze Zeit über völlig wach gefühlt. Durch das Zusammenwirken der oben genannten Faktoren waren sie aber dennoch bereit gewesen, den „Suggestionen“ des Showhypnotiseurs zu folgen.

Da man in vielen Untersuchungen mit tausenden von Versuchspersonen festgestellt hat, daß man mit direktiver Hypnose nur etwa zehn bis dreißig Prozent der Versuchspersonen in tiefere Trance-Zustände bringen kann, kann man davon ausgehen, daß auch bei einer Bühnenhypnose durchschnittlich etwa ein Fünftel der Opfer wirklich hypnotisiert ist. Einige der Opfer eines Showhypnotiseurs sind also tatsächlich in einem veränderten Bewußtseinszustand und andere nicht. Einige der Inszenierung sind so aufgebaut, daß sie funktionieren, egal ob man hypnotisiert ist oder nicht. Die anderen „Experimente“ macht der Showhypnotiseur nur mit den besonders empfänglichen Versuchspersonen.

Gefahren der Showhypnose

Obwohl die therapeutische Hypnose der Showhypnose wohl einen Teil ihres großen öffentlichen Interesses verdankt, sind die professionellen Hypnotherapeuten auf die Showhypnotiseure nicht gut zu sprechen. Sie werfen ihnen vor, das Ansehen einer hochwirksamen psychotherapeutischen Methode durch billige Showeffekte zu schädigen.

  • Showhypnotiseure unterliegen keinem therapeutischen Ehrenkodex. Es macht ihnen überhaupt nichts aus, ja sie legen es aus Effektgründen gerade darauf an, ihre Opfer suggestiv zu Handlungen zu bewegen, die diese nachher wahrscheinlich als peinlich oder beschämend empfinden.
  • Bühnenhypnotiseure wecken ihre Opfer in der Regel, um die Blitzartigkeit ihrer Macht zu demonstrieren, mit einem Fingerschnipsen auf und nehmen sich keine Zeit zu einer gründlichen Dehypnotisierung. Die von ihnen hypnotisierten Personen schleppen daher manchmal noch längere Zeit unkontrollierbare Tranceeffekte mit sich herum. Dies kann zu dauerhaften Entfremdungsgefühlen, Ängsten und körperlichen Symptomen führen.
  • Auch Menschen, denen während oder nach einer Bühnenhypnose nichts Schlimmes passiert, erleben es manchmal als beängstigend, daß sie in Hypnose keine Kontrolle mehr über sich hatten. Dies kann bei einer nachfolgenden psychotherapeutischen Behandlung zu einer Verstärkung des Widerstandes führen.
  • Außerdem wecken Showhypnotiseure in der Öffentlichkeit unrealistische Erwartungen an die therapeutische Hypnose. Die Klienten von Hypnotherapeuten erwarten dann, daß ihr Therapeut ihnen genauso blitzartig hilft, wie sie es bei Alfred Knoke im Fernsehen gesehen haben. Wenn der Hypnotherapeut versucht, ihnen zu erklären, daß das bei der therapeutischen Hypnose anders funktioniert und vor allem nicht ganz so schnell geht, glauben sie, der Hypnotherapeut wolle nur verschleiern, daß er nicht so gut hypnotisieren könne wie „Don Alfredo“. Solche Vorurteile sind oft selbst durch intensive Aufklärungsarbeit nicht zu bereinigen.
  • Bei der Demonstration der kataleptischen Brücke durch Showhypnotiseure werden gelegentlich empfindliche Wirbel und Bandscheiben so stark belastet, daß organische Schäden entstehen.
  • Das schwerwiegendste Probleme bei der Showhypnose ist es aber, daß Showhypnotiseure manchmal traumatisierte Emotionen in ihren Opfern mobiliseren und mit dem, was dann in ihren Versuchspersonen passiert, nicht umgehen können, bzw. gar nichts davon mitkriegen. Der Showhypnotiseur Pharo, dessen Demonstration zur Eröffnung eines Fitneß-Studios ich mir kürzlich ansah, suggerierte beispielsweise einem neunzehnjährigen Mädchen, daß ein anwesendes sechsjähriges Mädchen ihre Mutter sei. Das Problem war nur, daß die reale Mutter des „Opfers“ bei einem dramatischen Verkehrsunfall gestorben war, als die Versuchsperson noch ein Kind war. Das Mädchen hatte den Unfall damals nur knapp überlebt. Das wußte Pharo natürlich nicht. Die angst- und schreckgeweiteten Augen des hypnotisierten Mädchens - faszinierend für das Publikum - wurden als Beweis der absoluten Macht des Hypnotiseurs heftig applaudiert. Für das Opfer war es eine Retraumatisierung. Showhypnotiseure führen ihre Opfer gern in kindliche Erlebensweisen, insbesondere in Situationen von Verwirrung und Hilflosigkeit, weil das so witzig aussieht. Ihre Probanden reden oder schreiben wie kleine Kinder, saugen an einer Nuckelflasche, können nicht mehr bis zehn rechnen oder schreien wie Babys nach ihrer Mama. Wenn eine Versuchsperson wirklich in einem hypnotischen Zustand ist, dann fühlt sie sich real in ihre Kindheitserlebnisse zurückversetzt. Wenn sie dabei in Kontakt mit traumatischem Material kommt, ist sie den damit verbundenen, überwältigenden und unverarbeiteten Emotionen schutzlos ausgeliefert. Dies kann bei einer Showhypnose leicht passieren, weil die Erfahrung von Machtlosigkeit und Ausgeliefertsein, die Showhypnotiseure ja gerade demonstrieren wollen, Assoziationen zu vergleichbaren Situationen in der Kindheit wecken. Menschen, die in ihrer Kindheit Unterwerfung, Zwang, Gewalt, Mißhandlung, Mißbrauch oder Folter ausgesetzt waren, können durch Showhypnotiseure leicht in psychische Überflutungszustände geraten, denen sie ohne therapeutische Hilfe nicht mehr Herr werden können. Diese Reaktionen treten oft erst einige Zeit nach der Show auf, wenn der Showhypnotiseur längst in einer anderen Stadt auftritt. Es ist kein Zufall, daß gerade in Israel die Showhypnose gesetzlich verboten wurde. Auch in Schweden ist Showhypnose aus den oben genannten Gründen verboten.

Die beiden größten deutschen Hypnotherapeutengesellschaften M.E.G. und DGH forderten auf der 2.Europäischen Hypnose-Konferenz 1995 in München das Verbot der Bühnenhypnose und beschlossen, durch Showhypnose geschädigte Personen rechtlich zu unterstützen.

Hypnose ist kein Spielzeug für machtgeile Bühnenzauberer.
Sie gehört in die Hand gründlich und umfassend ausgebildeter Therapeuten.

 

 


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Werner Eberwein
Diplom-Psychologe
Psychotherapie

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