Bücher

Was ist, was kann Hypnotherapie?

Hypnotherapie-Fortbildung

 

Werner Eberwein

 

Kurzdefinition "Hypnotherapie"

Hypnotherapie ist eine moderne Form der Psychotherapie, in der vielfältige Techniken des Dialogs mit dem Unbewussten ("Suggestion" bzw. "Autosuggestion") im Vordergrund stehen. Hypnotherapie basiert auf einer Kooperationsbeziehung zwischen dem Klienten und dem Therapeuten im Rahmen eines besonderen Vertrauensverhältnisses ("Rapport"), das es dem Klienten ermöglicht, veränderte Bewusstseinszustände ("Trance") zu erleben, in denen einschränkende Aspekte der Bewusstseinskontrolle reduziert sind, so dass latente Potentiale des Unbewussten ("Ressourcen") aktiviert und genutzt sowie abgespaltene Anteile integriert werden können.

 

Hypnose – Humbug oder effektives Therapieverfahren?

Hypnotherapie fasziniert, aber sie gibt auch zu skeptischen Fragen Anlass. Es ist durch hunderte von kontrollierten Studien nachgewiesen, dass sie eine therapeutisch wirkungsvolle Methode ist - ja Hypnotherapie ist sogar eines der am besten untersuchten Psychotherapieverfahren überhaupt. Dennoch bleibt der hypnotische Zustand ("Trance") ein Mysterium – das macht ihn so interessant.

Die meisten Menschen denken, wenn sie das Wort „Hypnose“ hören, zuerst an Showhypnotiseure, die ihre "Opfer" als Huhn über die Bühne hüpfen lassen, oder an Filme wie „Dr. Mabuse“, in denen harmlose Mitbürger durch Hypnose gezwungen werden, Verbrechen zu begehen. Viele gehen davon aus, dass ein Mensch unter Hypnose vollkommen „weg“ und der Macht des Hypnotiseurs absolut ausgeliefert sei und alle seine Befehle willenlos befolgen müsse. Mit der psychotherapeutischen Anwendung der Hypnose hat all das alles nichts zu tun.
 
Humanistische Hypnotherapie arbeitet auf Basis von Freiwilligkeit und Zusammenarbeit. Unterwerfung und einseitige Einflussnahme wird abgelehnt. Dass Menschen inneren Zwängen oder zwanghaften Vermeidungen unterliegen und nicht Herr bzw. Frau ihres eigenen Lebens sind, ist ja gerade der Grund, weswegen sie einen Psychotherapeuten aufsuchen. Einem Klienten ist  überhaupt nicht damit gedient, wenn ein neurotischer Zwang durch einen hypnotischen ersetzt wird. Zwar bewegt sich der menschliche Geist in Trance tatsächlich auf einem tieferen Niveau, so dass in gewisser Weise seine unbewussten „Programme“ verändert werden können. Da aber die Psychotherapie, so wie ich sie verstehe, die Befreiung des Menschen von psychischen Einschränkungen zum Ziel hat, nicht aber die Zurichtung der Seele auf die Anforderungen der Gesellschaft, muss Hypnotherapie dazu beitragen, den Patienten zu befähigen, selbstverantwortlich seine eigenen Wege zu finden, und ihm nicht einen Weg vorschreiben oder eine Orientierung überstülpen. Für mich ist Hypnotherapie ein emanzipatorischer Prozess der Selbstfindung und damit das genaue Gegenteil von "Hinbiegen" oder "Umprogrammieren". In Trance ist es wesentlich leichter als in Wachzustand, Kontakt mit der eigenen „inneren Stimme“, dem „Bauchdenken“, der Intuition aufzunehmen und sich von ihr leiten zu lassen.


Noch vor zwanzig Jahren haben die meisten Hypnotherapeuten ihre Patienten auf ziemlich einfache, autoritäre Weise in Trance versetzt, ihnen dann suggeriert, dass ihre Probleme verschwinden werden und sie wieder aufgeweckt – das war dann die Therapie. Diese veraltete Methode funktionierte nur in wenigen Fällen, und meistens nur für kurze Zeit. Die Hypnose galt daher in Psychotherapeuten- und Medizinerkreisen lange als obskure Außenseitermethode und wurde kaum beachtet während sie in Comic-Heften und auf Jahrmärkten stets sehr gegenwärtig blieb.


In den 1970er Jahren wurden die neuartigen hypnotischen Techniken des amerikanischen Psychotherapeuten Milton Erickson in Europa bekannt, der seine Patienten manchmal so raffiniert in Trance führte, dass der Patient oder ein Beobachter gar nicht merkten, dass bzw. wie Erickson die Trance eingeleitet und genutzt hatte. Erickson arbeitete viel mit „unsichtbaren“ (indirekten) Suggestionen, die der Patient in der Regel gar nicht als solche bemerkt, z.B. mit therapeutischen Doppelbindungen, gezielter Verwirrung, Metaphern und Geschichten. Mit den modernen, ericksonschen Techniken kann man praktisch jeden motivierten Patienten in eine Trance hineinführen, die für die meisten therapeutischen Zwecke ausreichend tief ist. Dadurch und durch eine Reihe weiterer Weiterentwicklungen kam die Hypnotherapie in den letzten Jahrzehnten zu einer ungeahnten Renaissance.


Ericksonsche Hypnose kann sehr gut auch mit anderen psychotherapeutischen oder medizinischen Verfahren kombiniert werden ("integrative Hypnotherapie"). Sie macht therapeutische Prozesse jedweder Richtung tiefer, sanfter und leichter kontrollierbar. Aber auch die Erickson-Hypnose ist kein Wundermittel. Auch hypnotische Therapieprozesse brauchen Zeit. Sie erfordern eine spezielle Form der Mitarbeit des Klienten und eine stabile therapeutische Vertrauensbeziehung, wenn sie effektiv und langfristig wirksam sein sollen.

Was ist Hypnose, was ist Trance?

Unter dem Begriff "Trance" werden veränderte Zustände des Erlebens und Verhaltens zusammengefasst, die weder mit dem alltäglichen Wachsein noch mit Schlaf identisch sind. In Trance ist die kontrollierende Aktivität des Bewusstseins vermindert, die selbständigen Funktionen des Unbewussten sind verstärkt, und das Unbewusste ist leichter kommunikativ erreichbar ("erhöhte Suggestibilität").


Trance kann verschiedene Tiefenstadien erreichen, vom leichten Tagtraum nahe dem Wachzustand bis hin zum hypnotischen Tiefschlaf, an den man hinterher keine Erinnerung mehr hat. Viele Untersuchungen beweisen, dass Menschen auch in hypnotischem Schlaf noch auf Suggestionen reagieren, selbst dann, wenn das Bewusstsein "verschwunden" ist und sie sich hinterher an nichts mehr erinnern ("hypnotische Amnesie").

Manche Menschen denken, Trance-Erlebnisse seien etwas Exotisches, das nur wenige Auserwählte nach jahrelangem Training oder intensiver, raffinierter Beeinflussung erleben könnten. Das ist aber nicht der Fall. Jeder Mensch erlebt häufig Zustände von "Alltagstrance", die manchmal nicht weniger tief sind, als die Trancen, die von den erfahrensten Hypnotiseuren bei ihren begabtesten Medien hervorgebracht werden. Jeder Mensch kennt sogar Tieftrance-Zustände mit spontanem Gedächtnisverlust, Schmerzfreiheit oder posthypnotischen Reaktionen:

  • Viele Autofahrer haben schon das Phänomen der "Autobahntrance" erlebt: sie sind länger auf der Autobahn gefahren, und nach einer Weile merkten sie, dass sie fünf oder zehn Minuten lang "unbewusst" fuhren, und sich an diese Zeit nicht mehr erinnern konnten. Offenbar waren sie reaktionsfähig: sie konnten lenken, überholen, beschleunigen, bremsen und Verkehrsregeln beachten, aber ihr Bewusstsein war "weg", und sie wussten hinterher nichts mehr. Sie würden das normalerweise nicht so nennen, aber faktisch waren sie in einer Tieftrance, in einem somnambulen Zustand, ähnlich dem Schlafwandeln. Die Monotonie der Straße, das Motorgeräusch und das regelmäßige Vibrieren des Autos haben dabei die Rolle der hypnotischen Induktion übernommen.
  • Ein persönliches Beispiel von mir: Vor einigen Jahren bin ich in den Bergen in Portugal eine Geröllhalde hinuntergeklettert. Ich rutschte mit den Füßen ab, dabei schrammte ein großer Lavabrocken von hinten über meinen Unterschenkel und hinterließ eine etwa zwei Handflächen große Hautabschürfung, die stark blutete. Ich merkte sofort, dass die Sache nicht gefährlich war und war eher verärgert als erschrocken. Ich ging zurück zum Auto, spülte die verletzte Fläche mit Mineralwasser ab und pinselte sie mit Jodtinktur ein - und spürte dabei zu meiner Überraschung nicht den geringsten Schmerz. Die Haut und das Unterhaut-Bindegewebe im Bereich der Wunde war ohne mein bewusstes Zutun für etwa drei Stunden vollkommen taub. Erst am Abend, wieder in der Pension angekommen, kehrte die Sensibilität zurück und die Wunde schmerzte heftig. Ich hatte eine spontane Anästhesie, obwohl ich definitiv nicht in einem psychischen Schockzustand war und mich subjektiv vollkommen wach fühlte.


Auch wenn wir gefesselt sind von einem spannenden Roman, einem Kinofilm oder einer ergreifenden Musik, und dabei die Außenwelt zeitweise fast vergessen, sind wir in Trance. Ebenso in dem von Phantasien durchzogenen Grenzzustand zwischen Wachen und Schlaf jeden Morgen und jeden Abend. Manche Menschen sind während oder nach einem Orgasmus eine Zeit lang wie entrückt in einer Traumwelt.


Jeder Mensch kennt also Trance-Effekte, auch wenn er sie nicht bewusst bemerkt und in der Regel nicht als Trance bezeichnet. Daher ist auch jeder Mensch hypnotisierbar, sofern man ihm nicht eine Methode überstülpt, die ihm nicht entspricht, sondern ihm erlaubt, seinen eigenen Weg in die Trance und wieder heraus zu finden. Ein Therapeut, der schematisch jeden Klienten auf die gleiche Weise hypnotisiert, wird in vielen Fällen keinen Erfolg haben. Um z.B. ängstliche oder überkontrollierte Menschen in Trance zu führen, muss man sich ihren Mustern anpassen, ihre Gewohnheiten und Charakterzüge nutzen. Dieser Gedanke ist eine der grundlegenden Neuerungen, die Milton Erickson in die moderne Hypnose eingeführt hat.

Wege in Trance

In Trance sind die Wahrnehmung der Außenwelt und das rationale Denken gedämpft, tiefere Ebenen des Gewahrseins und der psychosomatischen Verarbeitung sind geöffnet, und autonome, unbewusste Prozesse können angeregt und begleitet werden. Trance ist nicht einfach etwas zwischen Wachsein und Schlafen, sondern ein dritter, ganz eigener innerer Raum:

Trance ist weder Wachsein noch Schlaf.

Trance kann durch einen Therapeuten, Hypnotiseur, Heiler oder Schamanen eingeleitet ("induziert") werden. Sie kann aber auch vom Patienten selbst herbeigeführt und gesteuert werden ("Selbsthypnose", "Meditation", "Visualisierungsübungen"). Veränderte ("dissoziative") Bewusstseinszustände können durch Überflutungen aus dem Unbewussten ausgelöst werden, wie in einer Psychose oder durch massive Traumatisierungen (Folter, Misshandlung, Vergewaltigung). Bewusstseinsveränderungen können durch neurologische Manipulationen wie Lichtblitze, Hyperventilation oder Brain-Machines, durch Massage, heiße Bäder, Schwitzhütten oder durch psychotrope Substanzen wie LSD, Meskalin oder Ecstasy ausgelöst werden. Trance kann als positiv ("Eutrance") oder negativ ("Dystrance"), als therapeutisch ("Heilungstrance") oder pathologisch ("neurotische Trance") erlebt werden.

Trance ist also nicht ein einziger, bestimmter Bewusstseinszustand, sondern ein Oberbegriff für ein ganzes Bündel von Zuständen, zum Beispiel:

  • die Seligkeit eines Babys nach dem Stillen,
  • die Entspannung während einer Massage,
  • Dösen in der Badewanne oder am Strand,
  • Hypnose beim Psychotherapeuten,
  • luzides Träumen (wenn man im Traum weiß, dass man träumt),
  • langes Tanzen in der Disco oder auf der Love-Parade,
  • sexuelle Ekstase,
  • Schlafwandeln,
  • Drogenrausch,
  • Autismus,
  • depressive Selbstbetäubung,
  • dissoziatives Erstarren,
  • der Thrill beim Bungee-Jumping oder Fallschirmspringen,
  • das Flow-Erleben, wenn man begeistert an etwas arbeitet,
  • meditative Leere und Offenheit des Geistes,
  • Identifikationserlebnisse in therapeutischen Rollenspielen,
  • Hyperventilationserleben,
  • Zustände vor, während und nach epileptischen Anfällen oder Migräne-Attacken,
  • das "Dahinschmelzen" bei zärtlichen oder romantischen Begegnungen,
  • Faszination durch Musik,
  • ein Kind beim Fernsehen.

Hypnotische Trance-Zustände werden von einem Hypnotiseur eingeleitet, begleitet, geführt und beendet. Sie eröffnen spezifische Fähigkeiten, die dem Wachbewußtsein nicht zur Verfügung stehen. Menschen in hypnotischer Trance können z.B.:

  • zulassen, dass ihre Stimmung sich ändert,
  • mit erkrankten Organen kommunizieren,
  • Schmerzen ausschalten,
  • Blutungen stoppen,
  • die Heilung von Wunden beschleunigen,
  • Einzelheiten ihrer frühen Kindheit erinnern,
  • in traumartigen inneren Szenerien agieren,
  • ihren eigenen Namen vergessen,
  • abgewehrte Gefühle zulassen oder abspalten,
  • Suggestionen aufnehmen, die sie hinterher im Wachzustand ausführen,
  • Ekstase erleben,
  • ihre Körpergrenzen verändert wahrnehmen,
  • sich tief entspannen und erholen,
  • sich in Panik hineinsteigern,
  • Ängste mindern,
  • sich mit anderen Menschen, Tieren oder Gegenständen identifizieren,
  • bewegungsunfähig werden,
  • sich in ihre eigene Zukunft hinein orientieren,
  • sportliche Leistungen verbessern,
  • sich das Rauchen abgewöhnen.

Die Einleitung einer Trance

Einer direkten Aufforderung wie "Geh jetzt in Trance!" könnten wohl die wenigsten Menschen nachkommen, mögen sie noch so bereitwillig sein. In Trance zu gehen liegt normalerweise außerhalb der Möglichkeiten des bewussten Willens. Daher ist für die Einleitung einer Trance neben der Bereitschaft, sich darauf einzulassen eine spezielle Kommunikationsweise ("Suggestion") und ein spezielles Ritual ("Setting") erforderlich, das eine Veränderung des Bewusstseinszustandes ermöglicht und gezielt Kommunikation mit dem Unbewussten bewirken kann.

Um den Prozess der Trance-Einleitung zu verstehen, muss man sich klarmachen, dass praktisch jede Kommunikation neben dem offensichtlichen Mitteilungsaspekt einen Aufforderungsaspekt beinhaltet. Die Aufforderung kann explizit sein ("Gib mir doch bitte mal das Salz rüber!") oder implizit ("Du hast mich schon so lange nicht mehr zum Essen eingeladen."). Die Aufforderung kann sich an das Bewusstsein oder an das Unbewusste richten. Sie kann durch Worte (verbal) oder durch Körpersignale und die Stimmlage (nonverbal) übermittelt werden.

Eine Suggestion ist eine spezielle Form der kommunikativen Aufforderung, nämlich eine Aufforderung an das Unbewusste. Durch Suggestion wird Trance herbeigeführt, vertieft, genutzt und zurückgenommen.

Hypnotische Trancezustände können eingeleitet werden durch:

  • Worte ("Verbalsuggestionen"),
  • Visualisierung, Imagination,
  • Meditation, Stille,
  • lange Bewegungslosigkeit,
  • intensive Bewegung, Tanzen,
  • Rollenspiele,
  • Berührungen, Mesmersche Passes,
  • Vibrationen (z.B. bei längeren Auto-, Zug- oder Schiffsfahrten),
  • verstärktes Atmen ("Hyperventilation"),
  • Monotonie (z.B. "Autobahntrance", langweilige Seminare),
  • Klänge (z.B. Trance-Musik),
  • tiefen Augenkontakt.

Der Trancezustand zeichnet sich durch eine größere Empfänglichkeit für Suggestionen aus, und diese Empfänglichkeit kann wiederum suggestiv verstärkt werden. Es wird also durch Suggestion ein suggestibler Zustand erzeugt und vertieft ("hypnogener Zirkel").

In der Hypnotherapie wird Trance meistens dadurch eingeleitet, dass die Aufmerksamkeit des Klienten zunächst auf ein bestimmtes Erlebnis konzentriert ("fokussiert") und dann mehr und mehr darin "absorbiert" wird. Absorption bedeutet, dass der Inhalt, auf den sich der Patient fokussiert, seine Aufmerksamkeit mehr und mehr einnimmt. Was zur Absorption der Aufmerksamkeit verwandt wird, ist eigentlich vollkommen gleichgültig. Wichtig ist nur, dass es geeignet ist, die Aufmerksamkeit des Klienten zu fesseln. Es kann zum Beispiel ein glänzender Gegenstand sein, auf den der Klient schaut, eine Erinnerung oder ein inneres Bild, das er sich vorstellt, oder der aktuelle Fluss seiner Gedanken, Gefühle und Empfindungen. Wenn die Aufmerksamkeit absorbiert ist, dann umgehen die folgenden Suggestionen in gewissem Umfang die auf den Fokus geheftete Aufmerksamkeit des Klienten und können an den bewussten Filterfunktionen vorbei das Unbewusste erreichen.

Trance als Brücke zur Ganzheit

In Trance funktioniert der Geist anders als im das Wachbewußtsein ("Trance-Logik"). Er ist viel offenener für unlogische, symbolische oder assoziative Inhalte, Zusammenhänge oder Anregungen. Das Bewusstsein und das Selbstbild sind in Trance flexibel und formbar. In Trance kann nahezu jede phantasierte Szene mit allen emotionalen und körperlichen Auswirkungen als nahezu wirklich erlebt werden. In Trance kann man:

  • sich als in Teilpersönlichkeiten gespalten erleben,
  • man kann die Zeit langsamer oder schneller, vorwärts oder rückwärts laufen lassen,
  • man kann sehen, wie die Sonne gleichzeitig auf- und untergeht,
  • man kann sich subjektiv in vergangenen oder zukünftigen Leben wiederfinden,
  • sich identifizieren mit einem Walfisch, einem Strohhalm in einem Limonadeglas oder mit allen Opfern des Zweiten Weltkrieges,
  • man kann sich als Samenfaden im Moment der Befruchtung erleben,
  • als Krebszelle oder als Lichtstrahl zwischen den Galaxien.

Diese Erlebnisse werden in Trance oft als sehr real empfunden. Es sind hypnotisch induzierte Träume, die sich aus einem Gemisch aus Suggestionen, Erinnerungen, archetypischen Bildern, transzendentem Erleben, kulturellen Mythen, kreativer Konstruktion und Symbolik zusammensetzen. Es kann im Einzelfall schwierig oder unmöglich sein, zu unterscheiden, was dabei Realität bzw. Erinnerung ist, und was "bloß eingebildet". Trance hat seine eigene Wirklichkeit ("Trance-Realität").

Im normalen Wachbewußtsein neigen wir dazu, der Irrationalität des Unbewussten zu misstrauen oder wir machen ein System daraus, wodurch es kontrollierbar erscheint. Vor allem den energetisch hoch geladenen und den schmerzhaften Gefühle misstrauen wir, und wir vermeiden sie meistens, was es uns erleichtert, integrierte Persönlichkeiten zu bleiben, aber dadurch sind wir auch abgehoben vom dynamischen Unterbau unserer Psyche. Im Trance-Zustand verzichtet das Ich auf Teile seiner Kontrollmacht, so dass die unbewussten Anteile der Psyche und die energetischen und physiologischen Funktionen des Körpers direkter zugänglich und kommunikativ ansprechbar werden. Trance bringt das Bewusstsein, das Unbewusste und den Körper näher zusammen.

Hypnotische Trance kann begrenzt als psychotherapeutisches Instrument zur Problemlösung benutzt werden, aber in ihrem Wesen ist sie weit mehr. Trance ist eine Brücke zwischen dem kleinen Ich und der Ganzheit des Selbst. Wir sind normalerweise begrenzt auf unser kleines Ich, dem ein Großteil der Fähigkeiten der Seele und des Körpers nicht oder nur in Extremsituationen zur Verfügung steht. Trance öffnet den Zugang zu den verborgenen Kammern der Psyche und des Körpers, zu den inneren Räumen jenseits des Wachbewusstseins.

In Trance sinkt das Ich in die tieferen Schichten des Selbst. Ab einer bestimmten Tiefe verliert es dabei vorübergehend das Gewahrsein seiner Selbst. Wenn man davon ausgeht, dass psychisches Leiden durch Abspaltungen entsteht (das Ich spaltet sich vom Körper, Liebe und Hass spalten sich, Persönlichkeitsanteile spalten sich voneinander, Gefühle spalten sich von Erinnerungen ab), dann ist das Eintauchen des Ich in die Ganzheit der Psyche nicht nur ein Instrument der Heilung, sondern schon ein Stück der Heilung selbst. Der Mensch, der sich in Trance mehr in seiner Ganzheit erleben kann, ist schon auf dem Weg der Heilung, weil er mehr und mehr vereinigt ist mit allem, was er ist.

Die Tiefe der Trance

Der Übergang vom Wachbewußtsein in die Trance hinein und zurück geschieht nicht so, als ob jemand auf einmal das Licht aus- und wieder einschaltet, sondern in der Regel allmählich und oft unmerklich. Solche Zustandsveränderungen, die vom Patienten kaum bemerkt werden, und an die er sich hinterher nicht oder nur unvollständig erinnert, sind geradezu ein Kennzeichen von modernen (ericksonschen) Trance-Prozessen. Der Therapeut beginnt zu sprechen, und man ist schon in einer leichten Trance, und hat es gar nicht gemerkt. Dann wird die Trance tiefer, und man hat nicht gemerkt, wie sie tiefer geworden ist. Dann wacht man auf und hat gar nicht gemerkt, dass man vorher "eingeschlafen" (in Tieftrance) war. Trance-Prozesse bestehen ja gerade darin, dass man einiges nicht oder nicht vollständig mitbekommt. Trance ist ein Kontinuum, ein fließender Übergang zwischen dem kontrollierten Alltagsbewusstsein und den Abgründen und Schatzkammern des Unbewussten.

  • Der obere Pol dieses Kontinuums ist der alltägliche Wachzustand, in dem das Bewusstsein aktiv und willentlich kontrolliert und in zielgerichtete Aktivitäten eingebunden ist.
  • Zu Beginn der Trance-Induktion wird das Bewusstsein in der Regel suggestiv fokussiert (das heißt auf einen bestimmten Gegenstand der Wahrnehmung konzentriert). Zum Beispiel können die Augen auf einen Gegenstand gerichtet werden, oder die Aufmerksamkeit wird auf eine bestimmte Körperregion oder eine bestimmte Empfindung konzentriert. Durch suggestive Verstärkung dieser Fokussiertheit tritt ein Teil des Gewahrseins allmählich immer mehr in den Vordergrund, andere Teile rücken in den Hintergrund oder werden ausgeblendet. Es entsteht ein Zustand, der als "Faszination" bezeichnet wird: die Aufmerksamkeit ist weitgehend in einen bestimmten Gegenstand absorbiert, und der Patient ist dadurch bereits in einem leichten Trancezustand.
  • In mittlerer Trance nimmt der Klient seinen Bewusstseinszustand als diffus, verschwimmend oder entgleitend wahr. Zeitweise träumt er und ist mit Bildern und Phantasien beschäftigt. Mehr und mehr folgt der Patient den Suggestionen des Therapeuten mit seinem Erleben und seinen Handlungen. Das Bewusstsein kann in mehrere Anteile gespalten oder vom Körper gelöst ("dissoziiert") erlebt werden. Der Hypnotisierte wartet relativ passiv auf die Anleitungen des Hypnotiseurs. Die Präsenz des Hypnotiseurs als Person tritt allmählich in den Hintergrund und wird zeitweise nicht mehr bewusst wahrgenommen. Gleichzeitig übernehmen die Suggestionen stellvertretend die Kontrollfunktionen des Ich.
  • In Tieftrance wird das Bewusstsein als "leer", ohne Inhalt wahrgenommen, wie im traumlosen Tiefschlaf. Der Hypnotisierte erinnert sich nachher an Teile der Trance oder an den gesamten Trance-Zeitraum nicht mehr, obwohl er währenddessen auf die Suggestionen des Therapeuten reagiert hat (möglicherweise sogar im Raum herumgegangen ist oder Fragen beantwortet hat - letzterer Zustand wird als "Somnambulismus", d.h. als hypnotisches Schlafwandeln bezeichnet). Wenn der Patient in Tieftrance ruhig daliegt oder -sitzt, hinterher eine Amnesie für das Trancegeschehen hat und in Trance auf die Suggestionen des Hypnotiseurs reagiert hat, spricht man von „hypnotischem Schlaf“.

Heilen in Trance

Trance ist eines der ältesten Heilverfahren der Menschheit. In den Heilverfahren der Naturvölker werden auf unterschiedliche Weise veränderte Bewusstseinszustände benutzt. In den Heiltänzen des !Kung-Volkes der Kalahari-Wüste beispielsweise ist der Heiler durch ausgiebiges nächtliches Tanzen und Singen in Trance, während der "Patient" wach ist (und mitunter deftige obszöne Witze über den Heiler reißt, was den Heilvorgang aber in keiner Weise stört). In der westlichen psychotherapeutischen Hypnose dagegen ist der Patient in Trance, und der Therapeut ist wach und kontrolliert, was offenbar ebenso funktioniert.

Meines Erachtens geschehen psychische Heilungen immer in Trance. Alle Formen der Psychotherapie arbeiten bewusst oder unbewusst mit Trance-Effekten:

  • Die Psychoanalyse arbeitet mit der Technik der freien Assoziation, die den Patienten via Deutung in einen nicht-alltäglichen Bewusstseinszustand (genannt "Übertragung") hineinführt, in der Prozesse der Regression und des Wiedererlebens gefördert sind.
  • In der Gestalttherapie und im Psychodrama versetzen sich die Klienten in ihre Mutter oder ihren Vater hinein, und sie lassen psychische Anteile auf leeren Stühlen miteinander sprechen, was nur in einem nicht-alltäglichen Bewusstseinszustand ("Trance") möglich ist.
  • In der Körpertherapie bewegt sich der Körper des Klienten in Ausbrüchen oder Wellen von Energie, der Klient verprügelt ein Kissen anstelle seiner Eltern oder fühlt, redet und bewegt sich als Kind.
  • In der Verhaltenstherapie stellt man sich intensiv vor, man würde sich einer beängstigenden Situation aussetzen (zum Beispiel auf einen Turm steigen, wenn man Höhenangst hat), und entspannt sich dabei, um sich daran zu gewöhnen - man ist in Trance.

Wir alle sind fähig, in Zustände des Heilungsbewusstseins einzutreten, und wir haben es schon oft erlebt, meist ohne es zu bemerken.

Was ist das Unbewusste?

Der Begriff des "Unbewussten" ist zentral für das Verständnis hypnotherapeutischer Prozesse. In der Hypnotherapie wird das Unbewusste als Träger autonomer Fähigkeiten gesehen, über die der bewusste Wille nicht verfügt. Unter anderem könne es Neurosen hervorbringen und heilen, wozu weder der Therapeut noch das Bewusstsein des Klienten fähig ist. Was aber ist das Unbewusste?

  • In der Freudschen Psychoanalyse wird das Unbewusste als etwas vorwiegend Negatives gesehen, als der Sitz des Verdrängten und der kulturell inakzeptablen Anteile des Trieblebens.
  • C.G. Jungs Unbewusstes ist ein rätselhaftes Land kollektiver religiöser Bezüge.
  • Wilhelm Reichs Unbewusstes umfasst die Fähigkeit der energetischen Selbstregulation und ist das Reservoir der Lebensenergie. 
  • Milton Erickson, der Erneuerer der therapeutischen Hypnose, betonte die Selbstheilungskräfte des Unbewussten und betrachtete es vor allem als einen Speicher lebensgeschichtlicher Erfahrungen und Fähigkeiten ("Ressourcen"), die für die Therapie nutzbar gemacht werden können.

Erickson ging davon aus, dass er dem Klienten die therapeutischen Heilungsprozesse nicht von außen einzuflößen und überzustülpen brauchte, sondern dass es sehr viel effektiver war, sie aus dem Fähigkeits- und Erfahrungsspeicher des Klienten von innen her aufzubauen, sie also aus seinem Unbewussten „hervorzulocken“. Das verringert den Handlungsstress des Therapeuten. Er muss nicht als omnipotenter Wunderheiler auftreten, sondern kann den Klienten selbst (bzw. seinem Unbewussten) als kompetentesten Fachmann für seine Probleme behandeln, weil er alles, was er braucht, latent schon in sich trägt. Der Patient erlebt sich als kompetent, weil er selbst es ist, der Ressourcen aus seinem eigenen Unbewussten heraus schöpft, um aus seinem Leiden herauszuwachsen.

Ist jeder Mensch hypnotisierbar?

Vor einer Weile hatte ich Gelegenheit, zu experimentellen Zwecken einen Physikprofessor in Trance zu führen, der Grundlagenforschung im Bereich der kleinsten Materiestrukturen macht. Wegen seiner sehr rationalistisch geprägten Weltanschauung bot ich ihm Suggestionen im Rahmen eines naturwissenschaftlichen Modells an. Ich benutzte zur Induktion der Trance medizinische Begriffe wie „Muskelinnervationen“ und „synaptische Transmitter“, sowie physikalische Analogien wie "die innere Festplatte", wodurch er ziemlich leicht einen kataleptischen Starrezustand des ganzen Körpers erleben konnte. Meine Einladung, ein dissoziiertes Bild seiner selbst zu entwickeln, mit dem er in Trance sprechen konnte, schlug jedoch vollkommen fehl, weil seine Weltanschauung war, dass der selbe materielle Körper (er selbst) unmöglich an zwei Orten gleichzeitig existieren könne. Als ich ihm in der Trance Analogien aus der Quantenphysik („nichtlokale Wechselwirkungen von Elementarteilchen“) als Modell anbot, nahm er auch das nicht an, weil er auch in Trance davon überzeugt war, dass solche Phänomene lediglich auf der subatomaren Ebene gelten, nicht aber für makroskopische Körper wie ihn selbst. Bis zum Ende der Sitzung fiel mir keine Analogie ein, die mit der Weltanschauung dieses Wissenschaftlers übereingestimmt hätte. Es fiel ihm leicht, ein hypnotisches Phänomen zu entwickeln, wenn ich es so anbot, dass es in seine Weltanschauung hineinpasste (Katalepsie). Ein Trance-Phänomen, das seiner Philosophie zuwiderlief, konnte er dagegen nicht erleben.

Obwohl dieser Mann durch meine Suggestionen am ganzen Körper steif wie ein Brett war, so dass er durch ein leichtes Pusten gegen seine Stirn nach hinten umfiel, fragte er mich hinterher: "Und - war ich jetzt in Trance, oder was?" Für jeden Außenstehenden war es offensichtlich, dass er meinen Katalepsie-Suggestionen gefolgt war (was er im Wachzustand niemals getan hätte). Ihm selbst war es aber keineswegs deutlich, dass er in einem veränderten Bewusstseinszustand gewesen war.

Seine Frage: "War ich jetzt in Trance?" ist geradezu typisch für Trance-Prozess. Der Trancezustand ist für Ungeübte nicht leicht als solcher zu erfassen. Irgendetwas Seltsames scheint geschehen zu sein, aber man weiß nicht genau, was es war, ob das jetzt Hypnose war, oder ob man geschlafen oder einfach nur mitgespielt hat. Es erfordert eine gut entwickelte Selbstwahrnehmungsfähigkeit, um in Trance zu merken, dass man in Trance ist, und um etwas von den Trance-Prozesse bewusst mitzubekommen. Es ist ja auch paradox, bewusst mitzubekommen, dass man etwas nicht bewusst mitbekommt - das ist nicht leicht.

In den letzten Jahrzehnten wurde eine Vielzahl von Untersuchungen mit tausenden von Versuchspersonen durchgeführt, um einen systematischen Zusammenhang zwischen der Hypnotisierbarkeit einerseits und Persönlichkeitsmerkmalen wie Willensstärke, Intelligenz und anderen psychischen Eigenschaften zu entdecken. Trotz großen Aufwandes konnte in den Untersuchungen kein solcher Zusammenhang nachgewiesen werden. Das hartnäckig sich haltende Missverständnis, gute Hypnotisierbarkeit setze eine Schwäche des Ich voraus, kann als widerlegt gelten.

Ebenfalls widerlegt ist die landläufige Meinung, Frauen seien leichter hypnotisierbar als Männer - tatsächlich konnte in breit angelegten Untersuchungen kein Unterschied zwischen der Hypnotisierbarkeit von Frauen und Männern gefunden werden. Kinder scheinen etwas leichter hypnotisierbar zu sein als Erwachsene, was vermutlich mit ihrer besseren Vorstellungsfähigkeit zusammenhängt. Die Hypnotisierbarkeit, so weit sie mit standardisierten Tests gemessen werden kann, erreicht ihren Höhepunkt etwa im 10. Lebensjahr und sinkt mit zunehmendem Alter (vermutlich mit der allgemeinen geistigen Beweglichkeit) allmählich etwas ab.

Ist man sofort vollkommen weg?

Viele Menschen haben, beeinflusst durch Sensationsgeschichten und Showhypnotiseure, die Erwartung, dass sie nach einem Fingerschnipsen des Hypnotiseurs augenblicklich in tiefe Hypnose versinken würden. Dies trifft jedoch in aller Regel nicht zu. Bei gut suggestiblen Personen ist es zwar möglich, in Trance einen posthypnotischen Anker zu setzen, so dass sie bei der nächsten Trance-Induktion tatsächlich durch Auslösen des Ankers sehr schnell in Trance gehen können. Um dies zu bewirken, müssen sie jedoch vorher durch eine wesentliche längere hypnotische Induktion gegangen sein.

Auch Showhypnotiseure beginnen nicht mit dem Fingerschnipsen, sondern sie setzen es ein, nachdem sie ihre Versuchskaninchen durch ausführliche Suggestionsprozeduren darauf eingestellt haben. Bei den meisten Menschen ist die sogenannte "Schnell-" oder "Signalhypnose" nur durch längere Übung und aufgrund eines allmählich aufgebauten Vertrauensverhältnisses zum Hypnotiseur möglich. Sie kann trainiert werden, ist aber für die meisten hypnotherapeutischen Anwendungen nicht erforderlich.

Kann man alle Probleme einfach weghypnotisieren?

Der Hypnotherapie ergeht es nicht anders wie anderen Therapieschulen auch, die gerade einen gesellschaftlichen Aufwind erleben: sie wird in ihren Möglichkeiten überschätzt - und von manchen ihrer Protagonisten überwertig dargestellt. Viele Menschen verbinden mit Hypnotherapie unrealistische, überzogene Erwartungen, und die bedauerliche, grandiose Eigenwerbung einiger Hypnotherapeuten und Hypnose-Ausbilder trägt dazu ein Übriges bei. Die Vorstellung, durch Hypnose geheilt zu werden, ist verführerisch, weil man glaubt, man müsse zu seinem therapeutischen Fortschritt nichts beitragen, außer sich bequem hinzusetzen und die Augen zu schließen, den Rest mache dann der Therapeut. So einfach ist es aber nicht.

Zunächst einmal arbeiten nur die wenigsten Hypnotherapeuten ausschließlich mit Hypnose. Hypnose ist vor allem ein Bündel von Techniken, um vertiefte Bewusstseinszustände einzuleiten und zu nutzen. Was man mit der Trance anfängt und wie man darin psychotherapeutisch arbeitet, variiert sehr mit der Grundorientierung des Therapeuten.In der Praxis werden Hypnotherapien meistens mit anderen Verfahren kombiniert:

  • Viele Hypnotherapeuten arbeiten auf einem verhaltenstherapeutischen Hintergrund. Sie benutzen Hypnose z.B., um alltagspraktische Verhaltensänderungen zu fördern und gedankliche Einstellungen zu verändern.
  • Andere Hypnotherapeuten arbeiten eher psychodynamisch, erlebnis- oder körperorientiert und nutzen Trance als Zugang zum Unbewussten, das aufdeckend und integrierend bearbeitet wird.
  • Wieder andere Hypnotherapeuten arbeiten auf humanistischen, systemischen, NLP-orientierten oder spirituellen Hintergründen.


Nur wenige Hypnotherapeuten versuchen heute immer noch, tiefer liegende Probleme "wegzuhypnotisieren", einfach deshalb, weil das in den meisten Fällen nicht oder nicht dauerhaft funktioniert. Wenn man einem Klienten in Trance direkt suggeriert, dass sein Problem nach der Trance für immer verschwunden sei, dann gelingt das nur in einem kleinen Prozentsatz der Fälle und in der Regel nur vorübergehend. Patienten, die nur einen kleinen Schritt von der Lösung eines eng umgrenzten Problems entfernt sind, kann man manchmal durch eine direktive hypnotische Suggestion auf der Symptomebene helfen. Ich habe beispielsweise vor zwei Jahren eine entfernte Bekannte, die seit fünfzehn Jahren im Schnitt dreißig Zigaretten am Tag geraucht hat, in einer einzigen Sitzung unterstützen können, das Rauchen aufzugeben, und sie raucht bis heute nicht wieder. Sie war sehr motiviert, hatte vom Rauchen einfach genug und brauchte daher nur noch einen letzten kleinen Schubs, den ich ihr in Trance geben konnte.


Auch als Erste Hilfe in akuten Notfällen, bei starken Schmerzen, während einer Zahnbehandlung, vor Operationen oder Geburten kann direktive Hypnose gute Hilfe leisten. Bei den meisten Psychotherapieklienten sind jedoch die Index-Symptome nur die Spitze eines Eisberges, also äußere Anzeichen von tiefer liegenden psychischen Abspaltungsprozessen, die in einem längeren Therapieprozess verstanden und integrierend durchgearbeitet werden müssen, wenn die Veränderung tiefgreifend und dauerhaft sein soll.


Die Symptome sind in aller Regel nicht der Kern des Leidens, sondern ein Versuch, notdürftig mit strukturellen Instabilitäten im Unbewussten ("latente Fragmentierung") klarzukommen. Symptome einfach beseitigen zu wollen, wäre, als würde man einem Blinden seinen Stock wegnehmen. Solange die zugrunde liegenden Abwehrprozesse nicht integriert sind, kommen die eingekapselten Gefühle auf die eine oder andere Weise wieder zum Ausdruck.


Wenn man beispielsweise bei einem Menschen mit Migräne suggestiv einfach die Schmerzen lindert, so tauchen sie in aller Regel nach einer Weile wieder auf. Suggeriert man einem Raucher direkt, dass er keine Zigaretten mehr rauchen werde, dann hat das nur bei wenigen Menschen langfristig Erfolg. Schließlich hat das Rauchen scheinbar auch angenehme Seiten, auf die der Raucher nicht verzichten möchte. Wenn er nicht raucht, wird er vielleicht nervös, isst mehr Süßigkeiten oder weiß nicht mehr, wo er mit seinen Händen hin soll. Vielleicht ist er im Grunde seines Herzens ein "Säugling" geblieben, der nicht von Mamas Brust weggekommen ist. Oder er hat Angst, dick zu werden, wenn er mit dem Rauchen aufhört. Solche Aspekte müssen in der Hypnotherapie berücksichtigt werden, denn sie entscheiden über den langfristigen Erfolg oder Misserfolg der hypnotischen Therapie. Das aber geht bereits weit über einfache, direktive-antisymptomatische Suggestion hinaus.


Integrative Trancetherapie, die die latenten Potentiale des kreativen Unbewussten nutzt, wirkt nicht linear auf vorab programmierbare Weise, sondern "trance-logisch". Der Trance-Prozess und seine Effekte sind nicht präzise vorauszusagen und entwickelt sich oft überraschend. Eine Klientin von mir z.B. litt seit Jahren unter einem heftigen, chronischen Krampfgefühl in der Gegend zwischen Nabel und Brustbein, ohne dass bei diversen ärztlichen Untersuchungen (inklusive Gastroskopie und CT) eine organische Störung festzustellen gewesen wäre. Ich bot ihr an, es mit Hypnose zu versuchen und erzählte ihr in Trance eine verschachtelte Geschichte, die ihren Lebensverhältnissen angepasst war, und in die ich immer wieder die Idee einwob "loszulassen".

In der nächsten Sitzung war ihr Krampfzustand im Oberbauch verschwunden. Auf Befragen berichtete sie, dass sie die Nacht nach der Sitzung heftige Durchfälle gehabt habe. Obwohl ich diese Reaktion nicht direkt suggeriert hatte, macht sie im Nachhinein betrachtet durchaus Sinn. Während der Trance oder davor hätte ich diese Form des „Loslassens“ aber nicht voraussagen können. Ihr Unbewusstes hatte meine Suggestionen auf seine Weise interpretiert und in einen physiologischen Prozess umgesetzt. Es handelte sich um einen kreativen Akt, den ihr Unbewusstes vollbracht hat. Man könnte daran denken, ob ihr Unbewusstes ein eingeklemmtes Gefühl auf psychosomatischem Wege gleichsam "ausgeschieden" hat. Das Verschwinden des Symptoms brachte nur eine vorübergehende Erleichterung. Das Krampfgefühl kehrte nach einigen Wochen wieder zurück und konnte erst in einem längeren therapeutischen Prozess verarbeitet werden, in dem alte Beziehungstraumata und kindliche Angstgefühle durchlebt und integriert werden mussten.

Oft hat der Klient aus seinen Symptomen einen "sekundären Krankheitsgewinn":

  • vielleicht enthebt ihn seine Symptomatik von überfordernden Ansprüchen am Arbeitsplatz oder seitens seiner Familie;
  • vielleicht ist Kranksein die einzige Möglichkeit, die er kennt, um Schonung in Beziehungskonflikten, Abstand vom Partner oder Nähe zu ihm, Verständnis oder Zuwendung zu erhalten.

Die unbewusste Abhängigkeit von solchen Krankheitsgewinnen muss berücksichtigt und bearbeitet werden, denn sie kann ein vorübergehend verschwundenes Symptom nach einiger Zeit wieder erscheinen lassen.

Direktive hypnotische Symptombeseitigung per klassischer Hypnose ohne Bearbeitung der zugrunde liegenden Dynamik entspricht der Gabe eines säurehemmenden Medikamentes bei einer chronischen Gastritis. Es hilft - aber es hilft in der Regel nicht dauerhaft. Da nur die letzte Auswirkung einer Kaskade von Verursachungen beseitigt wird, muss die Behandlung ständig wiederholt werden, und sie verliert im Laufe der Zeit ihre Kraft. Das Medikament wird wirkungslos, die Suggestion hilft nicht mehr.


Hypnotherapeutische Therapie, die an die Ursachen einer Problematik gehen will, muss ihr Hauptaugenmerk auf Ursachen und Funktionen der Störung richten. Symptome werden dann als Wächter der Gesundheit verstanden. Chronische Depressionen beispielsweise gehen oft auf kindliche Erlebnisse von Verlassenheit oder Demütigung zurück. Der Energiemangel, den ein Depressiver erlebt, quält ihn, aber er schützt ihn auch vor einer darunter liegenden Verzweiflung oder vor massiver Autoaggressionen. Diese abgewehrten Gefühle sind in der Regel in unbewusste, alte Beziehungsknoten mit den Eltern eingebunden. Ein Hypnotiseur, der einem depressiven Klienten einfach eine bessere Stimmung suggeriert, scheitert langfristig in den meisten Fällen ebenso, wie ein Arzt, der ihm bloß Antidepressiva verschreibt. Die Störung ist nicht an der Wurzel geheilt, sondern nur vorübergehend umgebogen oder überdeckt.


Es gibt in jedem Patienten psychische Anteile, die sich einer Heilung widersetzen, selbst wenn er diese noch so sehr wünscht. Diese Anteile werden in den psychodynamischen Therapien als „Widerstand“ bezeichnet. Wenn es dem Hypnotiseur gelingt, den Widerstand nicht als Feind zu betrachten, den er überlisten oder ausschalten muss, sondern als wichtigsten Bundesgenossen im Therapieprozess, dann können langfristige Behandlungserfolge erzielt werden. Und in diesem Prozess kann sehr fruchtbar mit Trance-Techniken gearbeitet werden ("Hypnoanalyse").


Um psychisches Leid nachhaltig aufzuarbeiten, führt meines Erachtens kein Weg an der Durcharbeitung der zugrunde liegenden emotionalen und energetischen Dynamiken vorbei. Diese sind dem Klienten zu Beginn der Behandlung nicht bewusst. Oft erkennen Klienten erst nach Jahren der Therapie, was eigentlich ihr Grundproblem ist, von dem viele ihrer Symptome abgeleitet sind. Hypnose kann benutzt werden, um Zugang zu der Grundstörung zu erlangen und diese durchzuarbeiten ("hypnotische Altersregression").


Trance, Hypnose und Suggestion kann den Therapieprozess in gleich welcher Therapieform beschleunigen und erleichtern ("integrative Hypnose"). Die Behandlung ist aber auch mit Hypnose immer noch mühsam genug, weil der Klient lernen muss, jahrzehntelang abgespaltene Gefühle und Persönlichkeitsanteile zuzulassen und wieder als zu seiner Identität gehörig zu erleben, statt sie auf andere Menschen zu projizieren oder in körperliche Symptome zu verwandeln. Persönlichkeitsverändernde Therapie braucht Zeit und erfordern viel Engagement seitens des Therapeuten und des Patienten, auch wenn hypnotisch gearbeitet wird. Dieser Weg ist mühsamer und langwieriger, als viele sich das von einer Hypnotherapie erhoffen, aber dafür kann er tiefgehende und langfristig anhaltende Integrationen der Persönlichkeitsstruktur erreichen.

Wird dem Hypnotisierten der freie Wille genommen?

Viele Menschen befürchten, durch Hypnose ihrer Willensfreiheit beraubt zu werden und der Macht des Hypnotiseurs ausgeliefert zu sein. Die Ängste beziehen sich unter anderem darauf, ob man mit Hypnose dazu gebracht werden kann, Geheimnisse oder persönliche Intimitäten auszuplaudern, die man im Wachzustand für sich behalten würde. Es gibt auch die Angst, man könnte zu albernen oder sexuellen Handlungen verleitet oder gezwungen werden. Viele Menschen haben Angst, von Hypnose oder dem Hypnotiseur abhängig oder nach dem Trancezustand süchtig zu werden.

Es hat sich in der Hypnotherapieszene in den letzten Jahren leider eingebürgert, solche Ängste mit beruhigenden Standardfloskeln abzutun, wie z.B.: "So etwas ist in meiner Praxis noch nie passiert." So einfach ist es aber leider nicht.

Zunächst einmal ist unser Wille keine monolithische Einheit, sondern ein Komplex aus verschiedenen Anteilen. Wenn man zum Beispiel einen Raucher fragt, ob er mit dem Rauchen aufhören will, so erhält man darauf meistens keine eindeutige Antwort. Natürlich ist sich jeder Raucher bewusst, dass Rauchen schwer gesundheitsschädlich ist. Es gibt in fast jedem Raucher einen Teil, der mit dem Rauchen aufhören möchte, und einen anderen Teil, der weiter rauchen will - das ist ein Kennzeichen jeder Sucht. Wenn es um einen Berufswechsel oder einen Umzug in eine andere Stadt geht, können manchmal nicht nur zwei, sondern ein ganzes Sammelsurium von einander widersprechenden Anteilen eine Rolle spielen. Daher ist die Frage, ob man in Hypnose zu etwas gebracht werden kann, das man nicht tun will, nicht leicht zu beantworten.

Jemand, der einen Hypnotherapeuten aufsucht oder sich für eine Showhypnose zur Verfügung stellt, hat wahrscheinlich einen Anteil in sich, der bereit ist, den Suggestionen des Hypnotiseurs zu folgen. In aller Regel gibt es aber auch noch andere Teile, die die Kontrolle behalten wollen, die den Hypnotiseur bloßstellen möchten, oder die Angst vor Beeinflussung und Abhängigkeit haben. Es gibt kindliche Anteile, die im Hypnotiseur die unbeschränkte oder unterdrückerische Autorität eines Elternteiles sehen. Es gibt nach okkulten Sensationen suchende Anteile, die ihre Faszination vom Grenzerlebnis Hypnose befriedigt sehen wollen. Es gibt konkurrenzhafte Teile, die den Hypnotiseur herausfordern oder entmachten wollen. Bei einer therapeutischen Hypnose gibt es den Teil, der geheilt werden will und einen anderen Teil, der sich gegen die Heilung sträubt. Manche dieser Anteile sind mit den Suggestionen des Therapeuten einverstanden, andere nicht.

Wenn der Hypnotisierte daher nach der Hypnose sagt: "Es ging aber nur, weil ich es wollte und mitgemacht habe", dann hat er damit recht, aber auch nicht. Mit Hypnose können Dinge erreicht werden, die weit jenseits der Reichweite des bewussten Willens liegen. Wer außer einem Fakir wäre wohl in der Lage, sich einen Weisheitszahn ohne chemische Betäubung schmerzfrei ziehen zu lassen, oder sich ohne chemische Anästhesie die Gallenblase entfernen zu lassen? Mit Hypnose kann nachweislich die Anzahl der Leukozyten im Blut, die Durchblutung einzelner Gewebepartien, die Hirnstromkurven, die Herzfrequenz und der Blutdruck beeinflusst werden. Das alles ist durch bewussten Willen nicht zu erreichen.

Wenn der Hypnotiseur dem Hypnotisierten hilft, Fähigkeiten zu realisieren, zu denen dieser willentlich keinen Zugang hat, dann ist dies nur dadurch möglich, dass sich der Hypnotisierte in einen veränderten Bewusstseinszustand begibt, der dann in großem Umfang vom Hypnotiseur gelenkt wird. Der Hypnotisierte gibt dem Hypnotiseur also eine gewisse Macht über sich.

Hypnosuggestive Beeinflussung in diversen Formen wird von geistigen, religiösen und politischen Machtorganen seit Menschengedenken dazu benutzt, um Menschen zu manipulieren. Die Macht der unterschwelligen Beeinflussung (und die formale Hypnose ist nur eine besonders prägnante Form davon) ist durch eine Vielzahl von Experimenten und Untersuchungen bewiesen worden. Aus diesem Grund ist es erforderlich, dass jeder Therapeut, der mit Hypnose arbeitet, sich einen wohlbegründeten Ehrenkodex zu eigen macht, der verhindert, dass er seinen Patienten Schaden zufügt. (Ein solcher Ehrenkodex ist Teil der Berufsordnung der Heilberufe.)

Hypnotiseure, insbesondere solche, die mit großem Popanz auftreten, ziehen oft starke Idealisierungen auf sich ("narzisstische Übertragungen"). Viele sogenannte "erleuchtete Meister", "Gurus", Sektenfürsten, "politische Führer", "Wunderheiler", "Startherapeuten" oder "Wahrsager" arbeiten (teilweise ohne ihr eigenes Wissen) mit hypnosuggestiven Methoden. Ihr ganzes Outfit und die soziale Einbettung ihrer Auftritte unterstützt idealisierende Projektionen und Übertragungen, die im Effekt manchmal wunderbare Heilungen und ekstatische Ausbrüchen ermöglichen, was die Grandiosität der Kultfigur zu bestätigen scheint. Seriöse Hypnotherapeuten lehnen solcherart Getue ab.

Im Rahmen einer Psychotherapie wirken unaufgelöste narzisstische Idealisierungen, sowie alle Suggestionen, die dem bewussten Willen des Klienten widersprechen, langfristig dem Heilungsinteresse entgegen. Jede Ausübung von Macht, sei es durch Zwang oder durch Manipulation, verletzt die Würde des Klienten und führt zu bewusstem oder unbewusstem Widerstand. Wer einer Macht ausgesetzt ist, mag sich ihr kurzfristig unterwerfen oder gar ein Teil von ihr werden wollen, aber letztlich sträubt er sich dagegen und sinnt insgeheim auf Befreiung und Vergeltung.

Ein hypnotischer Einfluss eines Therapeuten, der dem Denken und Wollen des Patienten widerspricht, führt zu einem Machtkampf, den der Therapeut langfristig nur verlieren kann. Auch wenn die ausgeübte Macht über den Patienten noch so gut gemeint ist, wehrt sich der Patient dagegen, in der Regel durch die hartnäckige Aufrechterhaltung oder baldige Wiederkehr des Symptoms. Hypnotische Suggestion, die ein Erleben oder Verhalten direktiv befiehlt oder untersagt, wirkt manchmal spektakulär, aber nie dauerhaft. Die Seele bewegt sich in der Tiefe nur aus Überzeugung und aus ihrem eigenen Antrieb heraus, oder sie bewegt sich nicht.

Nach dem humanistischen Verständnis der Hypnotherapie kann sich der Hypnotisierte nur dann einer Trance-Heilung wirklich hingeben, wenn seine Eigenmotivation respektiert und seine Kreativität gefördert wird, und wenn er nicht in eine Richtung gedrängt wird, die ihm fremd ist, oder die ihm widerstrebt. Für wachstumsfördernde therapeutische Trance ist jede Ausübung von Macht und jede Einschränkung der Willensfreiheit des Klienten nur hinderlich.

 


Anschrift des Autors

Werner Eberwein
Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut
Leiter des Fort- und Weiterbildungszentrums Berlin
der Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie (DGH)
und des Instituts für Humanistische Psychotherapie Berlin (IHP)

nur Postanschrift:
Aachener Str. 27, 10713 Berlin

Praxis/Seminarort:
Baruther Str. 21, 10961 Berlin

Tel. +49 (30) 82 70 28 34
Fax +49 (30) 82 70 28 35
Kontaktformular
 

Hypnotherapie-Fortbildung