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Psychotherapeutische Arbeit mit dem Körper

Fortbildung Humanistische Psychotherapie

 

 

Werner Eberwein

 

Die Befreiung der Gefühle

Verkörperung und Entkörperung

Emotionale Probleme können sich verkörpern oder sie können den Patienten entkörpern. Die Verkörperung von Problemen bringt Symptome wie Kopfschmerzen, Asthma, Magengeschwüre oder Allergien hervor. Auch die Anfälligkeit für Infektionskrankheiten ist abhängig vom Zustand des Immunsystems, dessen Funktionstüchtigkeit sich je nach dem psychischen Befinden verbessert oder verschlechtert. Wenn emotionale Schwierigkeiten den Patienten entkörpern, dann spürt er sich nicht mehr.

Sorgen machen krank!

Seelische Zufriedenheit ist eine wesentliche Voraussetzung für körperliche Gesundheit. Psychischer Stress destabilisiert die Selbstheilungskräfte des Organismus. Vor allem abgewehrter, also unbewusster Stress greift die körperliche Selbstregulationsfähigkeit an.

In Liebesbeziehungen und im Verhältnis zur Familie und zur Arbeit zeigt es sich besonders deutlich, wenn den natürliche, lebendige Bedürfnisse des Körpers und der Seele abgespalten werden.

Wenn ein Mensch emotionale Konflikte oder Mangelzustände erlebt, die unerträglich und überwältigend sind, dann können diese aus dem Bewusstsein verdrängt und in den Körper hinein geschoben werden. Dieser Prozess wird „Konversion“ oder „Somatisierung“ genannt. Er kann schon in der Kindheit vorgeprägt worden sein, als die Fähigkeit, psychisches oder körperliches Leiden zu ertragen und zu verarbeiten, noch wenig entwickelt war.

Wenn einem Kind überwältigender emotionaler oder körperlicher Schmerz zugefügt wird, oder wenn ein natürliches Bedürfnis über lange Zeit massiv frustriert wird, dann werden die Bewältigungsmechanismen der betreffenden Person überlastet. Körperliche Abwehrprozesse treten als Notfallmaßnahme in Aktion. Die Energie des Leidens wird dann im Körper gefangen und eingelagert, zum Beispiel in Form von chronischen Muskelspannungen oder funktionellen Organstörungen. Es entstehen psycho-organische Symptome als körperlicher Ausdruck emotionaler Störungen. Die Person ist zwar vor der akuten Überflutung durch unbewältigbare Gefühlskonflikte geschützt, aber um den Preis körperlichen Leidens.

In den körperlichen Beschwerden kommen die alten, abgewehrten Gefühle aus der Kindheit zum Ausdruck, ohne dass sie bewusst werden. Es handelt sich meistens um Komplexe aus bedrohlichen Gefühlen wie Schmerz, Trauer, Angst, Schreck, Scham, Ekel oder Wut, die miteinander im Widerstreit stehen. Darunter sitzen oft noch tiefere Schichten aus Entsetzen, Panik oder Verzweiflung aus der frühesten Babyzeit („Fragmentierungsgefühle“).

Körperorientierte Psychotherapie arbeitet mit körperlichen Empfindungen und direkt am Körper und kann so den Prozess der Verkörperung allmählich rückgängig machen. Sie kann Somatisierungen in Gefühle zurückverwandeln, damit sie erlebt, eingeordnet, verstanden und verarbeitet werden können.
Gleichzeitig mit der Verkörperung zu Abwehrzwecken findet bei der Entstehung seelisch-körperlichen Leidens oft ein Prozess statt, den man als Entkörperung bezeichnen könnte: die Entfremdung vom Körper, der Kampf gegen die Körperlichkeit.

Der Körper ist unsere innere Natur, wie ein Stück Erde, das wir ständig mit uns herumtragen. Er wird oft ebenso missachtet wie die äußere Natur der Seen und Wälder, der Luft und der Meere. Viele denken, klares Wasser komme endlos aus dem Wasserhahn, ohne dass man dafür etwas tun müsste. Ebenso leben viele so, als könne man nur von Kaffee und Zigaretten und mit fünf Stunden Schlaf pro Nacht leben.

Die steigenden Zahlen von magersüchtigen Männern belegen, dass das Ideal des knackigen, ewig jugendlichen Körpers nun auch die Männer zu tyrannisieren beginnt. Auch sie müssen jetzt - wie schon seit ehedem die Frauen - mit den Idealgestalten konkurrieren, die sich auf Plakaten und in Fernsehspots herumräkeln. Nie zuvor wurde ein veräußerlichter Körperkult so unerbittlich vermarktet wie heute. Wozu also sich auch noch in der Psychotherapie mit dem Körper beschäftigen?

Weil der Körper uns manchmal dazu zwingt! Wenn der Darm blutet oder der Penis sich nicht mehr heben will, wenn man sich ständig erschöpft und zerschlagen fühlt, wenn man nachts nicht schlafen kann, weil das Herz angstvoll bummert, wenn man fetter und fetter wird, wenn man sich kaum noch rühren kann vor Rückenschmerzen oder wenn die Haut übersät ist mit juckenden Quaddeln, dann muss man schließlich erkennen, dass etwas schief läuft im Leben.

Die Arroganz des Willens gegen die Natur scheitert offensichtlich, wenn das innere Milieu umkippt wie ein verschmutztes Gewässer, wenn der Körper sich weigert, weiter zu funktionieren. Dann gehtÙs meistens erst mal zum Arzt in der Hoffnung auf schnelle Reparatur, ohne dass man in der Tiefe etwas emotional durcharbeiten und in der Alltagsgestaltung einiges ganz praktisch verändern müsste. Wenn der Körper aber weiter oder immer wieder streikt, wird die tiefere Auseinandersetzung mit sich selbst schließlich unumgänglich, will man nicht lebenslang am Tropf chemischer oder psychischer Gegenstimulationen hängen und an einem zweiten Tropf gegen die Nebenwirkungen des ersten.

Der Körper ist der Ort der Gefühle

Der Körper ist nicht nur ein Ort der Somatisierung, also Verdrängung, er ist unser materielles Sein schlechthin und die Quelle all unserer natürlichen Antriebe und Bedürfnisse. Er ist der Ursprung unserer Lust, Kraft und Lebensfreude. Bevor wir handeln, fühlen oder denken, sind wir Körper. Der gefühlte Kontakt zum Körper gibt dem Geist Erdung. Die Verankerung des Geistes im Körper macht real. Sich als und im Körper zu spüren, kann übersteigerte Kopf- und Phantasieprodukte zu ihrer erlebbaren Basis zurückführen. Was immer wir konstruieren, projizieren, halluzinieren oder phantasieren - im Körper und als Körper ist stets unser reales Dasein fühlbar.

Wenn Körperpsychotherapeuten ihre Klienten daher immer wieder fragen:
  • "Wie geht es dir gerade?"
  • "Was fühlst du?"
  • "Wie fühlt sich das an?"
  • "Wo spürst du das?"
  • "Wie nimmst du deinen Körper wahr?"
... dann wollen sie den Klienten aus dem Kopf heraus auf den Boden des direkten Erlebens führen.

Auf einer kopfigen, abgehobenen Ebene kann alles Beliebige gesagt, gedacht oder getan werden, ohne dass das im Inneren etwas berührt oder im Leben etwas bewegt. Man kann sich am Stammtisch über Krieg, „die Umwelt“, „Globalisierung“, Kindesmisshandlung oder Krebs auslassen, ohne davon berührt zu werden und ohne dass das irgendwelche Folgen hat. Diese abgehobene Art zu sprechen wurde von Fritz Perls, dem Begründer der Gestalttherapie, gern als „Bullshit“ bezeichnet, zu deutsch etwa: „bedeutungsloses Labern“.

Ein Körpertherapeut arbeitet daher nicht nur mit den Inhalten dessen, was der Klient ihm berichtet, sondern vor allem mit der Art, wie ein Klient sich ausdrückt, mit den Gefühlen, die der Klient spürt und insbesondere mit den Gefühlen, die der Klient nicht spüren will.

Was sind Gefühle?

Gefühle sind erlebte Energiezustände des Körpers. So wird zum Beispiel Trauer als Schmerz im Bauch, als Kloß im Hals oder als Spannung hinter den Augen wahrgenommen. Angst wird als Zittern im Zwerchfell oder als Pudding in den Knien erlebt. Lust als Prickeln, Ziehen oder Strömen in den Genitalien und/oder im Herzen oder als Rieseln unter der Haut. Heiterkeit als Hüpfen in der Brust oder als Kribbeln in der Kopfhaut. Gefühle sind nicht irgendwo, sie sind im Körper. Sie werden nicht bloß gedacht, sie schweben nicht im leeren Raum. Es sind bewegte vegetative Ladungen in der Leib-Seele-Einheit.


Wenn eine Klientin bloß beiläufig oder wie belanglos über ein Thema spricht, bei dem man eigentlich eine starke gefühlsmäßige Beteiligung erwarten würde (etwa über den Tod ihres Vaters oder über eine kürzlich erfolgte Abtreibung), dann lenkt der körperorientierte Therapeut ihre Aufmerksamkeit auf ihre Gefühle und bringt sie mit ihren Körperempfindungen in Kontakt. Ungefühltes Berichten oder Erinnern ist therapeutisch wirkungslos. Was krank macht, ist nicht ein Mangel an intellektuellem Begreifen, sondern die Angst vor dem Spüren. Wir tun alles, um bestimmte Empfindungen nicht zu fühlen, vor allem solche, die wir in einer auswegslosen Situation in der Kindheit als unerträglich und nicht zu bewältigen erlebt haben.  Und die Angst vor diesen Gefühlen hält uns auch heute noch in neurotischen Abwehrmechanismen fest.

Übrigens können durchaus auch positive Gefühle wie Freude, Liebe, Kraft oder Lust abgewehrt werden, etwa weil ihre Äußerung in der Kindheit bestraft, verachtet oder ausgenutzt wurde. Manchmal denke ich, dass es sogar vor allem die positiven, kraftvollen, vitalen Gefühle und Impulse sind, die am tiefsten begraben sind unter den Abwehrplatten im Körper.

In der Körperpsychotherapie ist das Erleben des Körpers, das Fühlen, der Schlüssel zur therapeutischen Veränderung. Das Durchleben abgewehrter Gefühle ermöglicht eine Wandlung auf der körperenergetischen Ebene.

Was ist "Körperenergie"?

Körperenergie ist eine unmittelbare Erfahrung. Wenn ein Mensch wütend oder lustvoll erregt ist, dann ist sein Gesicht gerötet und die Augen blitzen, die Muskulatur ist gespannt und aktionsbereit, der Atem geht tief und schnell, und das Herz klopft. Wir sprechen dann von einem Zustand hoher Energie. Auch ein Mensch, der alte Ladungen dampfkesselähnlich in seinem Innern anstaut, aber äußerlich vielleicht starr oder tot wirkt, kann viel (gestaute) Energie haben, die er aber innen festhält und nicht nach außen ausdrücken kann. Ganz anders ein Depressiver mit hängenden Schultern, einem schlurfenden Gang, stumpfen Augen und einer müden, monotonen Stimme, der sich oft schlaff und kraftlos fühlt und sich morgens kaum aufraffen kann, aus dem Bett zu steigen - sein Energieniveau ist niedrig.


Wer beim Tanzen oder beim Sex gehemmt und emotional unbeteiligt bleibt, dem fehlt etwas, dem mangelt es an Vitalität. Hier kann und soll das Energieniveau hochschnellen dürfen. Wer dagegen morgends um 4 Uhr im Bett oder im Urlaub am Strand in der Hängematte immer noch ständig unter Strom steht, der ist wie ein überdrehter Motor und findet keine Ruhe. Sein Energieniveau ist chronisch zu hoch.

Die Höhe des Energieniveaus des Klienten und der Umfang, in dem Energie fließt und gelebt wird, ist für Körpertherapeuten ein wichtiger diagnostischer Hinweis. Letztlich geht es um eine Harmonisierung der Körperenergie, nicht als ein langweiliger, dauerhafter Mittelzustand, sondern als ein flexibles Pendeln zwischen einem oberen und einem unteren Pol, entsprechend den äußeren Umständen und den natürlichen Rhythmen des Körpers. Durch Körperarbeit können chronische energetische Überladungen abgebaut und Unterladungen angehoben werden. Gestaute Energie kann ins Fließen gebracht, überschäumende Energie kann in Halt gebende Grenzen stabilisiert werden, taube Zonen können vitalisiert werden, und der Klient kann lernen, dies mehr und mehr selbst, also ohne Hilfe des Therapeuten, zu tun.

Körperarbeit strebt an, den Verkopften, Hölzernen, Verwirrten oder emotional Überschwemmten herauszubringen aus einsamen Grübeleien und emotionalen Achterbahnfahrten auf die Erde, in die Realität seiner Empfindungen, zur direkten, körperlichen Wahrnehmung der Realität seiner Gefühle. Gleichzeitig will Körperarbeit den Betäubten, Verknöcherten, bloß linearlogisch in Kästchen Denkenden in Kontakt bringen mit den irrationalen Anteilen seiner Seele, mit vegetativen Strömungen, Bildern, Visionen und Träumen, die immer schon unerkannt in ihm gewirkt haben, und die ihn sein Leben überhaupt erst als lebendig erfahren lassen. Körperarbeit sucht die Verwurzelung der Seele in der gespürten materiellen Existenz des „Bauches“ und gleichzeitig die Öffnung des Ich für die Kreativität und den inneren Reichtum an Phantasie und Tiefe.

Im Körper spüren wir uns als biologische Wesen unseren Instinkten und Reflexen unterworfen. Gleichzeitig können wir durch Körperarbeit (beispielsweise durch tiefes Atmen oder durch intensive Bewegungen) Zugang zu ganzheitlicheren Seinsebenen finden. Alle alten und neuen Mysterienschulen, vom Yoga bis zum Zen, vom Tantra bis zum Schamanismus und zur Hypnose, benutzen Körper-Rituale als Weg in veränderte Zustände des Bewusstseins, um dem „großen Geist", „den Ahnen", "Gott", "dem Unbewussten" oder „dem inneren Selbst“ nahe zu kommen.

Atemtechniken, Haltungs- und Bewegungsübungen, Trance, Visualisierung, Tanz, Spiel und Gesang werden auch in der Körpertherapie genutzt, um das Erleben des Klienten zu vertiefen und zu erweitern. Wilhelm Reich, der Begründer der therapeutischen Körperarbeit, ursprünglich Freud'scher Analytiker, war Materialist, politischer Idealist und Mystiker zugleich. Neben einer Reihe von Verschrobenheiten war er der Pionier der Psychotherapie in die materiell-biologischen und die transzendent-energetischen Aspekte der Seele hinein.

Das „Bauchdenken“

Das im Körper erfahrbare Unbewusste ist der Ort der Gefühle und der Energie, von Schmerz und Lust, aber es kann auch lebenspraktische Richtungen aufzeigen und existenzielle Orientierungen geben. Viele Fragen und Probleme können auf der Ebene des rationalen Denkens und der direkten Verhaltensänderung allein nicht gelöst werden, weil man oft nicht weiß, in welche Richtung die Veränderung gehen soll. Es gibt in der Therapie oft Momente, in denen der Klient Orientierung sucht, sie aber in seinem Verstand nicht findet, und nach äußeren Gepflogenheiten, nach Regeln oder Autoritäten kann oder will er sich nicht richten.


Was kann ein Therapeut beispielsweise tun, wenn eine 28-jährige Klientin sich fragt, ob sie mit ihrem Partner zusammenbleiben soll, der sie über lange Zeit betrogen und gedemütigt hat? Soll er ihr einen Rat geben? Wie aber könnte der Therapeut wissen, was für die Klientin gut ist? Darf er der Patientin die Prinzipien seines eigenen Lebens überstülpen? Soll er sie vertrösten auf eine ferne Zukunft, in der sie vielleicht ihre neurotischen Bindungsmuster so weit überwunden hat, dass ihr von selbst klar ist, was sie tun muss? Wie aber soll sich die Klientin jetzt, in der Gegenwart verhalten? Hier können körperorientierte Trance-Techniken helfen, die das "Bauchdenken", also die Intuition fördern.
Der Therapeut kann dieser Klientin zum Beispiel vorschlagen, ihren Atem frei fließen zu lassen, wenn er sieht, dass sie ihn flach und eingeschnürt hält, wenn sie von ihrem Partner spricht, und ihr so über einen gedanklichen Stillstand hinweghelfen, der gleichzeitig eine emotionale Blockierung ist. Er kann sie einladen, "ihr Herz zu fragen", und ihr zeigen, wie sie das auf eine Weise tun kann, dass klare und eindeutige Antworten kommen. Er kann diffuse Gefühle von Verwirrung und Gespaltenheit in die Körpertiefen hinein verfolgen, wo die Empfindungen deutlicher, intensiver und bedeutungsvoller werden, so dass sie als Neuauflagen kindlicher Zwiespälte erlebt, verstanden und überwunden werden können.

Das Körpererleben kann als Kriterium für alltagspraktische Entscheidungen dienen. Der Therapeut könnte die Klientin beispielsweise fragen:
  • "Wie fühlt sich das an, wenn du daran denkst, dich zu trennen - was geschieht in deinem Körper dabei?"
  • "Wie fühlst du dich, wenn du dich entscheidest, mit ihm zusammenzubleiben - was geschieht dann in dir?"

Die Erfahrung zeigt, dass im inneren Wissen des Unbewussten (das sich im Körpererleben manifestieren kann), auch die Bedürfnisse und Grenzen anderer Menschen sowie langfristige Lebensperspektiven repräsentiert sind. Wer sich ausbeuterisch, rücksichtslos oder kurzsichtig verhält, wer nur an sich selbst oder nur an diesen Moment denkt, wer andere überfährt oder die Zukunft ausblendet, der fühlt sich „nicht wohl in seiner Haut“, auch wenn er das vielleicht zuerst noch nicht richtig einordnen oder noch nicht die richtigen Konsequenzen daraus ziehen kann.

Wir sind von Natur aus soziale Wesen und auch gefühlsmäßig (also körperlich) auf die Zukunft und auf soziale Beziehungen eingestellt. Wenn man sich mit seinem Unbewussten im Körpererleben verbindet, dann ist darin die soziale Verantwortung anderen Menschen gegenüber und langfristige Perspektiven bereits enthalten, sie müssen bloß dem Erleben zugänglich und verstehbar gemacht und in Handeln umgesetzt werden. Dabei kann Körpertherapie helfen.

Maske, Schatten und Kern

Oft sind Gefühle in übereinander liegenden Schichten angeordnet, wobei die einzelnen Schichten durch Abwehrprozesse voneinander getrennt sind. Man spürt normalerweise nur die oberste Schicht, in Krisenzeiten vielleicht noch die nächste darunter liegende. Erst in der Therapie kann man sich allmählich durch die Schichten der Gefühle hinabarbeiten.

Beim Gedanken an eine Trennung von ihrem Partner konnte die oben erwähnte Klientin zunächst nur dumpfe Bedrücktheit und Taubheit empfinden. In der Therapie kam sie mit tiefer liegenden, abgewehrten Gefühlen von Ärger, Verletztheit und Scham in Kontakt. Darunter lagen alte Schuldgefühle ihren Eltern gegenüber. Dann kam eine Schicht von mörderischer narzisstischer Wut, verbunden mit der Panik eines Babys vor dem Alleingelassenwerden, und darunter spürte sie ein Strömen von ungeformter Körperenergie, von purer Kraft, die noch nicht als "positives" oder "negatives" Gefühl ausgeformt war.
Die oberste, sozial angepasste Schicht des Erlebens (die "Fassade") ist meistens relativ energiearm und leblos.

Die darunter liegende, negative Schicht (der "Schatten") ist energetisch hoch geladen, aber schmerzhaft oder peinlich, oft ambivalent und gesellschaftlich nicht erwünscht. Die tiefste Schicht (der "Kern") repräsentiert die frei pulsierende Lebensenergie vor und unter all ihren Verwicklungen und neurotischen Verdrehungen. Umhüllt werden diese inneren Schichen von einem Container, der Schutz, Distanz und Form gibt (die "Grenze"), das Innere zusammen und das Äußere draußen hält.
Alle Gefühle, die angenehmen wie die unangenehmen, sind letztlich Bewegungsformen der einen Lebensenergie. Was in der Therapie als „Abwehr“ bezeichnet wird, ist ein Schutzwall gegen die Anteile der Lebensenergie, die unerträglich, weil stark ambivalent, zu intensiv oder zu destruktiv sind oder es in der Kindheit waren. Das Kind musste all diejenigen Impulse aus dem Bewusstsein abspalten, die seine psychische Stabilität gefährdeten oder die Strafe, Unverständnis oder Liebesentzug seitens der Eltern nach sich zogen. Diese vermiedenen, zugedeckten Bereiche sind nicht wirklich verschwunden. Sie wurden nur weggeschoben. Im Unbewussten schwelen sie lebenslänglich vor sich hin wie die zubetonierten, glühenden Überreste des zerstörten Atommeilers von Tschernobyl. Sie produzieren ständig destruktive, krankmachende innere Reize, die wiederum abgewehrt werden müssen, was den Organismus unter Stress setzt und viel Energie absorbiert. Die unbewusste Abwehraktivität führt zu Erschöpfungszuständen, ohne dass man irgendetwas tut.

Abwehr frisst Energie.

Die unbewussten Manöver auf der emotionalen, körperlichen, geistigen oder Verhaltensebene, die automatisiert eingesetzt werden, um den abgewehrten “heißen Stellen” auszuweichen, nennt man „Neurose“.

Solche traumatisierten Bereiche der Psyche sind mit einem Ring aus Angst oder Scham umgeben. Angst signalisiert: ”Vorsicht, hier wird es gefährlich, nicht weitergehen!” Scham bedeutet: „Vorsicht, hier kann es peinlich werden, verstecken und verbergen!“ Der Körper verwandelt Angst und Scham in chronische muskuläre Spannungen oder Schwächegefühle und eine Hemmung des Atems. Die Spannungen oder Lähmungen sperren den Energiefluss ab. Die Angst- oder Schamgefühle werden gern auf andere Menschen verschoben (projiziert). Als Resultat bleiben diffuse Gefühle von Leiden, Angst, Ohnmacht und Depression übrig, die dem Therapeuten dann als Symptome geschildert werden.

Neurose ist verformte, gespaltene Lebensenergie.

In dem Maße, wie im Laufe des Therapieprozesses die "negativen" (unangenehmen) Gefühle als von der Substanz her identisch mit den "positiven" (angenehmen) Gefühlen empfunden werden, kann ihre Abspaltung überwunden werden. Wenn unangenehme Gefühle in ihrem Wesen als Energie, als Kraft empfunden werden, dann brauchen sie nicht länger vermieden und unterdrückt zu werden, und damit wird der Neurose ihre Abwehrbasis entzogen. Vorher abgewehrten Gefühle können zugelassen werden. Der Klient kann sich von ihrer Energie durchströmen lassen und dann immer noch entscheiden, ob er sie ausleben kann und will oder nicht. Vermeidungsmechanismen sind an dieser Stelle überflüssig geworden. Aber dieser Prozess braucht oft viel Zeit und viel Mut und Mühe.

Wie läuft Körpertherapie praktisch ab?

Die Grundstruktur einer körpertherapeutischen Sitzung ist sehr offen, viel flexibler als in den meisten anderen Therapieformen. Ich arbeite im Sitzen, im Stehen, im Liegen oder im Umhergehen, in Ruhe und Bewegung, mit Worten und ohne Worte. Der Körpertherapeut ist manchmal sehr nahe beim Klienten, hält z.B. seine Hand oder seinen Kopf oder massiert seinen Rücken. Manchmal sitzen oder stehen sich Klient und Therapeut gegenüber, oder sie bewegen sich zusammen im Therapieraum herum. Der Klient ist weitestgehend frei, immer wieder die Form zu wählen, die es ihm am ehesten ermöglicht, zu arbeiten, und auch der Therapeut hat die Möglichkeit, verschiedene Settings vorzuschlagen.
Mein Arbeitsraum ist recht groß (60 Quadratmeter). Auf dem Boden liegen ein dicke Teppiche zum Sitzen oder zum Liegen. Zum Inventar gehören Matratzen zur Arbeit im Liegen und für die Ausdrucksarbeit, eine Menge Kissen zum Sitzen und für Rollenspiele, ein Massagetisch, ein Schaumstoffklotz mit Tennisschlägern zum Ausdruck von Wut, eine Sammlung von Stofftieren für die Altersregression und für Rollenspiele und diverse einfache Musikinstrumente wie Gongs und Trommeln zum nonverbalen Ausdruck.

Ein Klient, sagen wir sein Name sei Paul, betrat den Therapieraum. Er setzte sich in die Mitte des Raumes auf ein Kissen, ich setzte mich ihm gegenüber. Er berichtete, dass er sich seit der Trennung von seiner Freundin vor zweieinhalb Jahren nicht mehr auf eine Beziehung einlassen konnte, von ein paar letztlich frustrierenden One-Night-Stands abgesehen. Er sprach leicht bedrückt, aber ohne große innere Beteiligung, betonte jedoch, wie sehr ihm Nähe und Geborgenheit, emotionaler Austausch und Körperlichkeit fehlten.

Ich fragte ihn, was er empfand, wenn er über all das redete. Es fiel ihm zunächst nicht leicht, das in Worte zu fassen. Er sagte ausweichend: "Na ja, besonders gut geht's mir natürlich nicht damit." Ich fragte ihn, was er gefühlsmäßig in seinem Körper wahrnahm, wenn er an das Thema "Beziehung" dachte. "Da ist etwas hier", sagte er und deutete auf seine Herzgegend, "es fühlt sich an, wie ein Trichter, es drückt den Atem hinunter, es ist beklemmend, dunkel und dumpf".

Paul war schon etwa zehn Monate bei mir in Therapie, so dass ich mich für einen ziemlich direkten Zugang auf der Körperebene entschied. (Bei ängstlichen Menschen mit fragiler Selbststruktur muss man oft wesentlich vorsichtiger und indirekter vorgehen.)

Ich bat ihn, sich auf den Rücken auf die Matratze zu legen, die Augen zu schließen und sich mit seiner Aufmerksamkeit in das Beklemmungsgefühl im Herzen hineinzuspüren.

Während er das tat, schob ich, hinter seinem Kopf sitzend, meine linke Hand zwischen sein linkes Schulterblatt und seine Wirbelsäule, so dass meine Fingerspitzen auf seinem Rücken in Höhe seines Herzens lagen. Dort gibt es einen Muskel, der bei praktisch allen Menschen mit emotionalen Problemen im Herz-Bereich angespannt und druckempfindlich ist. Wenn man diesen Muskel berührt, wird das emotional auch innen, im Herzen wahrgenommen. Gleichzeitig bat ich Paul, behutsam in die Mitte des „Trichters“ hineinzuspüren. "Da ist ein schwarzes Loch", sagte er.

Das schwarze Loch taucht in der Therapie oft als Symbol für eine Verdrängung auf. In der Astronomie ist ein schwarzes Loch ein in sich zusammengestürzter Stern, dessen Schwerkraft so stark ist, dass er selbst das Licht festhält, ein Ort außerhalb von Raum und Zeit, wo die Naturgesetze nicht mehr gelten und die Realität eine Lücke hat. Ein schwarzes Loch im Herzen bedeutet: hier haben Verletzungen im Bereich von Liebe und Verlangen stattgefunden, die so überwältigend waren, dass der Herzbereich aus dem Gewahrsein ausgeblendet, also abgespalten wurde. Paul hatte mir vorher schon erzählt, dass er in seiner letzten Beziehung massive Verletzungen und Enttäuschungen erlebt hatte. Etwas in seinem Herzen war wie ausgestanzt aus seiner Wahrnehmung (dissoziiert). Paul konnte sich nicht verlieben, weil er seine Herzgefühle gleichsam weggestülpt hatte vor einem Übermaß an Schmerz.
Wenn er alleine zu Hause versucht hätte, in sein Herz hineinzufühlen, dann wäre er nicht viel weiter gekommen. Er hätte den „Trichter“, das „schwarze Loch“ wahrgenommen, aber was wäre damit gewonnen? Wenn er ohne therapeutische Hilfe versucht hätte, seinen Atem frei fließen zu lassen, hätte er damit sehr wahrscheinlich wieder aufgehört, sobald er mit den ersten Ausläufern abgewehrter Gefühle in Kontakt gekommen wäre.

Als ich Paul nun in der Sitzung ermutigte, weiter zu atmen, auch wenn unangenehme Gefühle spürbar würden, und zusätzlich mit meinen Fingerspitzen den "Herz-Muskel" auf seinem Rücken massierte, wurde Energie mobilisiert (durch das Atmen) und gleichzeitig die somatische Abwehrpanzerung aufgeweicht (durch das Massieren), so dass er mit dem Abgewehrten in Kontakt kam. Paul fühlte Wellen von intensiver, kaum zu ertragender Trauer, die mit der Trennung von seiner Freundin zusammenhing, deren Wurzeln aber bis weit in die Kindheit zurückreichten.

Die abgewehrte alte Trauer und Verzweiflung (der Baby-Schmerz) war es, die ihn daran hinderte, sich auf eine Beziehung einzulassen. Alles, was diesen Schmerz berührte, musste er vermeiden. Aber so lange er diesen Schmerz abwehren musste, konnte er sich nicht verlieben.

Der Körpertherapeut braucht nicht darauf zu warten, dass Abkömmlinge des Unbewussten von selbst im Bewusstsein des Patienten auftauchen. Er kann die Abwehr durch Interventionen auf der Körperebene aufweichen, so dass die Angst vor den abgewehrten Gefühlen und die abgewehrten Gefühle selbst direkt erlebbar werden. Er muss dabei allerdings vorsichtig sein, damit nicht zu viel abgewehrtes Material auf einmal mobilisiert wird. Der Klient würde sonst von alten Gefühlen überflutet, die er noch nicht verarbeiten kann. Das wäre antitherapeutisch und würde die Abwehr nur verstärken. Bei Patienten mit einer fragilen Ich-Grenze und hoch geladenen emotionalen Ambivalenzen (z.B. Borderline-Strukturen) muss der Therapeut oft umgekehrt arbeiten und durch Körperarbeit die Halt gebende Umhüllung der Selbststruktur stärken, so dass die Emotionen eingedämmt werden können und damit kontrollierbar werden.
Ich führte Paul sehr behutsam an die Abwehrgrenze heran und gab ihm viel Raum und Zeit, um die in seinem Herzen vor ihm selbst verborgenen Gefühle zu erspüren, zu verstehen und einzuordnen.

Dabei war es zentral wichtig, zu erfassen, in welchen Kontext diese alten Gefühle, Ängste und Wünsche gehörten, zu welchem Lebensalter, zu welcher Situation und zu welcher Person. Der Schmerz eines erwachsenen Mannes wegen der Trennung von einer Partnerin fühlt sich ganz anders an, als die ungleich intensivere Verzweiflung eines alleingelassenen Babys, wenn es Angst hat, seine Mutter zu verlieren.

Solche Babygefühle treten als Projektion auf Personen des erwachsenen Lebens in Erscheinung. Aber nur im ursprünglichen Kontext können abgewehrte (verdrängte oder gespaltene) Gefühle vollständig erlebt, durchfühlt und verarbeitet werden. Sonst bleibt ein Teil der Abwehr aufrechterhalten und der Klient muss weiter projizieren und ausagieren. In Pauls Fall hieße das: er würde weiter aus Angst vor Verlust vor einer Beziehung weglaufen. Dadurch würde gerade das, wovor er am meisten Angst hatte, das Alleinsein, verewigt.
Im Laufe der nächsten Monate begann Paul, Schicht um Schicht sein Herz wieder zu spüren. Zuerst erlebte er Traurigkeit, dann Angstgefühle, dann panische Wut, dann tiefen Schmerz, der ihn zurückführte in das Alter von zwei bis vier Jahren, als er von seinen Eltern an Verwandte und dann in ein Heim abgeschoben wurde. Er hatte sich als Kind nicht wirklich gewollt, sondern in seiner Existenz abgelehnt gefühlt, und das hatte in ihm als Kind unerträgliche Empfindungen von Selbstauflösung (Fragmentierung) bewirkt. Diese Struktur nennt man in der Körpertherapie ein schizoides Charaktermuster.
In dem Maß, wie Paul diese Gefühle und Zustände nicht mehr abwehren musste, konnte er sich allmählich „durch sie hindurchfühlen“ und gewann Kontakt zu ursprünglichen kindlichen Liebesgefühlen seiner Mutter und sich selbst gegenüber. Er erlebte Wellen von Bewegungsdrang und sprühende Lebensfreude. Er hatte ein Stück Schatten (Abwehr) durchlebt und integriert und dadurch ein Stück Licht (Lebensenergie) gewonnen.

Der Sinn der Regressionsarbeit

Neurotische Probleme (vor allem im Bereicht der Früh- oder Persönlichkeitsstörungen) können oft nur durch die Untersuchung gegenwärtiger Beziehungsmuster erkannt und verstanden werden. Manche Patienten sind auf die Vergangenheit und die Suche nach „dem einen, alles erklärenden Trauma“ fixiert, um sich nicht mit emotionalen Konflikten in ihrem gegenwärtigen Leben auseinandersetzen zu müssen. Bei diesen Patienten ist es unabdingbar, ihre Aufmerksamkeit zunächst auf ihre derzeitigen Beziehungsmuster zu lenken und auf die Art, wie sie ihr aktuelles soziales und berufliches Leben gestalten.

Therapie darf nicht einseitig zu „Psycho-Archäologie“ werden (also zu endlosem, unproduktiven Herumwühlen in der Vergangenheit). Dennoch sind Probleme, sofern sie neurotisch sind, nicht durch aktuelle äußere Verhältnisse verursacht. Sie entstammen inneren, verinnerlichten Kämpfen und Abspaltungen aus der Kindheit. Wenn ein Kind krankmachende Gewalt, Missbrauch, Missachtung, Vernachlässigung oder einen chronischen Mangel an Grenzen und an Orientierung erfährt, dann wächst es zu einem neurotisch leidenden Erwachsenen heran.

Repression macht Depression.
 Mangel an Halt erzeugt ein schwaches Ich.

Wenn ein Erwachsener neurotisches Leiden überwinden will, muss er sich mit seiner Biografie auseinandersetzen.Wenn dann in der Therapie der innere Kampf zwischen den vitalen Impulsen und den Abwehrprozessen bewusst durchlebt wird, und wenn die im Konflikt stehenden, gespaltenen Persönlichkeitsanteile, Bindungen und abgestorbenen Bereiche allmählich integriert werden, dann verschwinden die damit gekoppelten körperlichen und Beziehungsprobleme, und lebenspraktische Entscheidungen können nun gefällt werden, weil sie von neurotischem Unterbau befreit sind.
Körper-Trance-Arbeit kann sehr schnell in die Gefühle und in die Regression (das Widererleben kindlicher Beziehungsmuster) hineinführen. Aber wozu ist das gut? Einen alten Schmerz einfach noch mal zu erleben wäre therapeutisch unsinnig. Regressionsarbeit bedeutet nicht, etwas Altes, Schmerzhaftes einfach noch mal zu erleben – das ist ein verbreitetes Mißverständnis. Die Basis einer Neurose ist nicht einfach ein schlimmes Ereignis in der Vergangenheit, sondern ein hoch geladener, abgewehrter Gefühlsknoten, der damals nicht gefühlt werden konnte, und der daher verdrängt, verschoben, gespalten, projiziert werden musste. Der Schmerz ist quasi nie Vergangenheit geworden, sondern blieb im Unbewussten in ewiger Gegenwart erhalten und bringt seitdem Symptome hervor.

Die meisten Patienten wollen daher nicht einfach eine schnelle Veränderung auf der Verhaltensebene. Sie wollen auch verstehen, was mit ihnen los ist. Und ein neurotisches Problem ist nur als Wiederauflage eines alten, geschädigten Beziehungsmusters verstehbar. Auf der erwachsenen Ebene erscheinen neurotische Probleme unverständlich, albern, übertrieben oder gar verrückt. Ein Teil des neurotischen Leidens entsteht gerade aus dieser Unverstehbarkeit. Der Patient denkt: „Was ist bloß mit mir los – ich verstehe mich selbst nicht.“ Als Re-Inszenierung frühkindlicher, gestörter Bindungen werden Neurosen in der Therapie verständlich und nachvollziehbar. Das Verstehen seiner Selbst ist für den Patienten ungemein heilsam. Sich selbst wirklich zu fühlen und zu verstehen, hebt Unbewusstheit auf und integriert das Selbst.

Das Hindurchgehen durch alte Beziehungsverstrickungen öffnet weiterhin den Zugang zu den darunter versteckten primären Bedürfnissen nach Nähe und Vertrauen, nach Freiheit und Selbständigkeit, zu einem Reservoir von Kraft und Lust, das damals unter dem Schmerz und der Abwehr begraben wurde. Mitten in der traumatischen Konstellation, unter der tiefsten Verzweiflung, liegt die Lebenskraft verborgen, die verletzt und vergewaltigt wurde und daher durch Abspaltung in Schutz gebracht werden musste. Wenn man durch einen Trauma-Knoten hindurchgeht (was sehr lautstark und dramatisch, aber auch sanft und innerlich, fast meditativ geschehen kann), dann gewinnt man Kontakt zu den Energien, die seit Jahrzehnten durch den Panzer weggesperrt oder fehlgeleitet waren.

Die Primärenergie

Der Prozess der Revitalisierung abgewehrter Emotionen muss vorsichtig dosiert werden, damit der dynamische Auftrieb alter Gefühle und Impulse nicht überschwappt und das Leiden noch verstärkt. Durch Körperarbeit und Trance-Techniken ist es möglich, anflutende Gefühle in gewissem Umfang zu öffnen, aber auch zu schließen, falls das erforderlich ist.

Der Weg durch die abgewehrten Gefühlskomplexe hindurch kann viele der in der Zwischenzeit entstandenen Ablenkungs- und Betäubungsmanöver aushebeln, wie:
  • zu viel essen,
  • zu viel arbeiten,
  • zu viel fernsehen,
  • beziehungslosen Sex,
  • sozialen Rückzug,
  • Einsamkeit,
  • chronischen Zank und Streit,
  • Ängste,
  • Depressionen,
  • Drogen,
  • Kaufrausch,
  • Selbstschädigung,
  • Gefühlstaubheit,
  • energetische Erschlaffung.

In dem Umfang, wie man sich wirklich fühlen kann und Kontakt zu seinem energetischen Kern gewinnt, weiß man, was man braucht und sucht es direkt. Man lässt sich nicht so leicht ablenken, abschrecken oder durch manipulative Verlockungen an der Nase herumführen.

In den folgenden Monaten und Jahren lernte Paul, unter den Verletzungen, Scham- und Schuldgefühlen aus seinen Frauenbeziehungen der letzten Jahre sein verschrecktes inneres Baby zu fühlen, das ein "Loch" (einen Mangel) im Herzen hatte. Dabei mussten frühe, gespaltene Übertragungen auf mich als Repräsentant seiner idealisierten und gleichzeitig vernachlässigenden Mutter erkannt und durchgearbeitet werden.

Sein Alltagsleben wurde allmählich von den alten Ängsten entlastet. Warum sollte Paul weiter Angst haben, sich auf eine Beziehung einzulassen, wenn er direkt erleben konnte, dass die wahre Angst in seinem Herzen Jahrzehnte alt und die eines verlassenen, missachteten Babys war, das verzweifelt war wegen der ungenügenden Stabilität und mangelnden emotionalen Anwesenheit der Mutter. Seine Angst kehrte aus der Gegenwart dorthin zurück, wo sie hingehörte: in die Vergangenheit.

Paul konnte in der Therapie die Übertragung seiner als kalt erlebten Mutter auf alle Frauen (letztlich auf alle Menschen) erkennen und ihr dadurch ihre zwingende Kraft nehmen. Es war therapeutisch ungleich wirkungsvoller, das direkt und mit allen Gefühlen zu erleben, als es bloß zu wissen oder zu denken.
Wenn man dauerhaft an einem unlösbar erscheinenden Alltagsproblem festhängt, dann hängt man in Wirklichkeit an einer kindlichen Fixierung. In dem Umfang, wie ungefühlte Gefühle in der Therapie erstmals voll empfunden und alte, übertragene Anteile bewusst erlebt und erkannt werden, wird den aktuellen Problemen ihre neurotische Energie entzogen, und dann werden sie lösbar. Ein Schiff kann nicht losfahren, so lange es an einer Ankerkette hängt. Noch so viel Rudern und Steuern wird es nicht in Bewegung bringen. Die Ankerkette ist unsichtbar unter der Wasserlinie verborgen, aber er sie hindert das Schiff daran, sich vom Fleck zu rühren. Zuerst muss der Anker gelöst sein, dann kann das Schiff losfahren. Zuerst müssen alte Fixierungen transformiert sein, dann kann sich auf der Ebene des aktuellen Erlebens, des Denkens und Handelns etwas Entscheidendes ändern.

Verschiedene Richtungen der therapeutischen Arbeit

Das Durchfühlen alter traumatischer Konstellationen ist nicht die einzige Möglichkeit psychotherapeutischer Arbeit. Man kann auch zielorientiert, verstehend, integrativ, provokativ, aufbauend oder harmonisierend arbeiten.
Wenn ein Klient etwa vor einem schwierigen Gespräch mit seinen Eltern um die Weiterfinanzierung seines Studiums steht oder vor dem peinlichen Geständnis eines Seitensprunges an seine Partnerin, dann kann es hilfreich sein, dieses Gespräch in der Therapie in einem Rollenspiel vorzubereiten. Mit Unterstützung des Therapeuten kann der Klient üben, sich klar und integer zu verhalten und mit den Reaktionen klarzukommen, die er von seinem Gegenüber erwartet.
Während des Rollenspiels kann der Therapeut die Aufmerksamkeit des Klienten auf die Gefühle und Körperempfindungen des Patienten lenken und ihn ermutigen, sich ehrlich und direkt, aber auch bedächtig und respektvoll mitzuteilen. Er kann ihn auf seinen nonverbalen Körperausdruck aufmerksam machen, mit dem oft (am Bewusstsein vorbei) wesentlich wirkungsvoller kommuniziert wird, als mit dem Inhalt von Worten.

Trance- und Körperarbeit im Rollenspiel ermöglicht es, die gespielte Situation in der Therapiesitzung intensiv emotional zu erleben. Gefühle von Angst, Wut, Trauer, Scham oder Schuld können so schon im Vorfeld des Gesprächs erfahren, verstanden und verarbeitet werden. Das reale Gespräch verläuft dann oft viel leichter und konstruktiver.

Ich benutze außerdem verschiedene therapeutische Massagetechniken, um körperliche Spannungen aufzuweichen und festgehaltene Energie zu mobilisieren, um Ungleichgewichte körperenergetischer Ladungen zu harmonisieren, gestaute Energie abzuleiten oder um dem Klienten Halt, Sicherheit, Form und Grenzen zu geben.

In den wilden Anfangsjahren der Körperpsychotherapie haben viele Therapeuten mangels Erfahrung und mangels differenzierter Techniken ihre Klienten oft recht mechanisch, autoritär oder gar gewaltsam in dynamische Prozesse oder vorgegebene Übungen hineingedrängt, sich in das blinde Auslösen emotionaler Ausbrüche vergallopiert oder dem Patienten eigene philosophische oder spirituelle Orientierungen übergestülpt. Seit einiger Zeit sterben diese überprovokativen oder dirigistischen Stile glücklicherweise aus. Die Mehrheit der Therapeuten hat sich eine nicht-direktive, Klient-zentrierte Haltung zu eigen gemacht und arbeitet überwiegend sanft, verstehend und gewährend.
An bestimmten Stellen allerdings ist ein offenes Wort oder eine provokative Herausforderung sehr nützlich, wenn ein Klient sonst ewig in einem alten, unbefriedigenden Muster hängen bleiben würde.

Auflösung alter Fixierungen – aber wie?

Der Umfang an Schmerz, Entsetzen, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die ein Kind erlebt, wenn es verlassen, überfordert, abgelehnt, missbraucht, dauernd un- oder missverstanden oder misshandelt wird, liegt weit jenseits dessen, was der erwachsene Verstand sich vorstellen kann. Vor allem ein kleines Baby hat noch weit geöffnete sensorische Fenster, und nur primitive Abwehrmechanismen zur Verfügung. Es kann nicht weggehen, sich betrinken, den Fernseher einschalten oder die Polizei rufen, wenn etwas geschieht, was es nicht ertragen kann. Es kann aber alles Böse wegspalten um das Gute zu retten, oder es kann – subjektiv - aus seinem Körper herausgehen, was beides ihm später als Erwachsenen Schwierigkeiten mit dem Realitätskontakt und der Beziehungsgestaltung macht. Oder es leidet einfach, und Kinder leiden oft schrecklich.

Was später zur Neurose wird, ist ursprünglich ein Versuch, unerträglichem Leiden davonzulaufen, mit dem Effekt, dass man das Leiden paradoxerweise ein Leben lang unbewusst immer wieder herstellt. Der neurotische Mensch denkt, handelt und fühlt wie ein überfordertes Kind, wenn sein Muster ausgelöst ist. Er verkrampft sich, er klammert, er schreit, er schlägt um sich, er flieht, er verkriecht sich, er versucht, sich selbst wegzumachen, er hält die Luft an, er trinkt, er stellt sich tot und denkt, dass der Schmerz ewig dauert. Aber genau dadurch inszeniert er unbewusst genau das immer wieder, was er am meisten fürchtet.

An alles, was man abwehrt, ist man gefesselt und stellt es unbewusst immer wieder her.

Was man krampfhaft zu vermeiden sucht, wird einem vom Schicksal (vom Unbewussten) immer wieder offeriert, so lange, bis man es integriert, verarbeitet und daraus gelernt hat.

Wenn man versucht, wegzulaufen, während ein Bein an einen Pflock gekettet ist, dann läuft man nur im Kreis herum und wird schließlich unweigerlich zu dem Pflock hingezogen. (Manche Menschen sprechen in diesem Zusammenhang von einer karmischen Aufgabe, die man zu lösen habe. Freud sprach vom neurotischen Wiederholungszwang.)

Das Sozialverhalten eines neurotisierten Menschen besteht großteils darin, die ihm nahe stehenden Menschen so zu manipulieren, dass sein Trauma ja nicht berührt wird. Aber alle diese Vermeidungen sind zum Scheitern verurteilt, so lange er an das Trauma innerlich gebunden ist. Der Neurotiker versucht beständig, einem alten Leiden zu entkommen, das er in seinem Unbewussten mit sich herumträgt, und genau das zieht ihn immer wieder in projektive Neuauflagen dieses Leidens hinein. Das neurotische Verhalten ist ein automatisierter Selbstheilungsversuch, der zum Scheitern verurteilt ist. Die Neurose lenkt die Aufmerksamkeit immer wieder zu dem neuralgischen Punkt hin, aber Heilung kann aus Angst vor dem alten Beziehungsmuster ohne therapeutische Hilfe nicht stattfinden.

Kindliche Panik wird an ihrem tiefsten Grund als Todesangst erlebt. Wer sich in der Therapie dieser Panik stellt, der braucht nicht mehr wegzulaufen, er braucht weder abzuwehren noch auszuagieren. Als Baby wäre er gestorben, wenn er die Kälte und Abwesenheit, das unangemessene Begehren, die Gewalt oder die Angst und den Schmerz der Eltern voll erlebt bzw. mitgefühlt hätte.

Der Erwachsene kann in der Therapie das kindliche Entsetzen durch sich hindurchlaufen lassen wie eine Welle, und erleben, dass er nicht wirklich stirbt, obwohl er vielleicht noch einmal Todesangst hat, bevor er mit der Lebensenergie seines Kerns in Kontakt kommt. Wenn der alte Schmerz im ursprünglichen Kontext fühlbar geworden und integriert ist, dann sind die damit verknüpften neurotischen Vermeidungsmuster nicht mehr nötig. Die Angst kann als Fossil einer lange vergangenen Zeit erlebt und durchlebt werden. Sie kommt und geht wie ein kalter Wind aus dem Keller durch die Seele hindurch, ohne zu haften. Dann muss das alte, neurotische Spiel nicht zwanghaft wiederholt werden. Man ist ein Stück erwachsener geworden.


Anschrift des Autors

Werner Eberwein
Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut
Leiter des Fort- und Weiterbildungszentrums Berlin
der Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie (DGH)
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