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Traumata und Traumafolgen

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Fortbildung Humanistische Psychotherapie

 

 

Trauma. Von einem psychischen Trauma sprechen wir, wenn ein vorher relativ stabiler Mensch Erfahrungen mit massiver Gewalt macht, die er nur mit Abwehrprozessen verarbeiten kann, und die daher seine psychische Struktur destabilisieren oder verzerren. Traumata bringen einen Menschen in einen Zustand überwältigender Hilflosigkeit, weil die psychische oder körperliche Integrität eines Menschen oder von ihm nahestehenden Personen existenziell bedroht ist.

Absurdität. Traumatische Erfahrungen können entstehen, wenn ein Mensch mit dem konfrontiert ist, was der Existenzphilosoph Albert Camus als „Absurdität“ bezeichnet hat. Gemeint sind Erlebnisse, die ein überwältigendes Gefühl der Sinnlosigkeit, der Fassungslosigkeit oder des existenziellen Verlassenseins auslösen. Das kann beispielsweise der Fall sein, wenn ein Mensch als Opfer oder Zeuge von schweren Krankheiten oder Verlusten, von Vertrauensbruch, Verbrechen, Kriegshandlungen oder Naturkatastrophen unerträgliches Leid erlebt oder miterlebt, wodurch sein bisheriges Selbst- und Weltbild, seine Weltanschauung und seine Welterklärungsmuster, sein Gefühl für Gut und Böse, für Richtigkeit, für das, was sein kann und nicht sein kann, zusammenbricht. Das Vertrauen in die Welt und das grundlegende Gefühl, sich im Leben sicher zu fühlen, wird nachhaltig beeinträchtigt oder zerstört. Der Betroffene sucht nach Erklärungen, z.B.: „Wie konnte das passieren?“, „Warum ist das geschehen?“, „Warum ist das gerade mir/ihr/ihm geschehen?“, aber er findet keine Antwort. Er ist konfrontiert mit existenzieller Absurdität. Seine Weltanschauung wird gesprengt, seine psychische Struktur wird instabil, er verliert die innere Orientierung und erlebt Fragmentierungsangst.

Beispiel: Der amerikanische Psychotherapeut Sheldon Kopp beschreibt in seinem Buch „Das Ende der Unschuld“ (1993), wie seine „naive Weltsicherheit“ dass gute Menschen belohnt und böse Menschen bestraft werden, erschüttert wurde, als ihm mitgeteilt wurde, dass er an einem Hirntumor leide, der nicht vollständig operiert werden könne, und an dem er früher oder später sterben werde. Er habe sich sein Leben lang bemüht, ein guter Mensch zu sein und anderen Menschen zu helfen. Nun wurde er mit einem Schicksal konfrontiert, das seine Weltsicht sprengte und ihn in einen Zustand der Fassungslosigkeit warf.

 

Beispiel: Die Tochter einer Klientin erkrankte im Alter von drei Jahren an einer lebensgefährlichen Krankheit und litt seit mehreren Jahren an wiederkehrenden Schüben, die sie immer wieder an den Rand des Todes brachten und zu langen Krankenhausaufenthalten führten. „Sie hat doch niemandem etwas getan. Warum muss sie so leiden?“, sagt sie. Die Klientin war über lange Zeit hinweg mit der Lebensgefahr ihrer Tochter konfrontiert, was ihr grundlegendes Gefühl für Sicherheit im Leben erschütterte und zu einem generalisierten Angstzustand mit wiederkehrenden Panikattacken führte.

Formen von Traumatisierung. Wir können verschiedene Formen der Traumatisierung unterscheiden:

·         Monotraumata sind einmalige oder zeitlich begrenzte Ereignisse z.B. Vergewaltigung, schwere Krankheit, Vertrauensbruch, Entführung, Unfall, Überfall, Naturkatastrophe.

Beispiel: Ein Klient ist U-Bahn-Fahrer. Vor einem halben Jahr musste er miterleben, wie sich ein Selbstmörder vor seine U-Bahn warf: „Seit dem komme ich nicht mehr klar. Vorher ging es mir eigentlich gut.“ Er wurde durch das Ereignis traumatisiert.

  • Bei komplexen Traumatisierungen handelt es sich um vielfach in ähnlicher oder unterschiedlicher Form wiederholte Traumata (z.B. fortgesetzte Mißhandlung, Mißbrauch oder Vernachlässigung).
  • Von einem Bindungstrauma sprechen wir, wenn ein Mensch in seiner frühen Kindheit, also in einer Zeit, in der er von tragenden Bindungen existenziell abhängig war, traumatische Ereignisse wie z.B. den Tod einer primären Bezugsperson erlebt hat, die sein Bindungsgefüge und damit seine Bindungsfähigkeit erschüttert haben.

Abspaltung und Verewigung des Traumas. Manchmal ist dem Traumatisierten nicht oder nicht vollständig bewusst, was genau geschehen ist, ob überhaupt etwas geschehen ist, oder wie das Geschehene einzuordnen und zu bewerten ist. Je massiver und verwirrender das Trauma war und je jünger die traumatisierte Person gewesen ist, um so stärker werden einige Aspekte des Traumas oder die ganze traumatische Situation durch dissoziative Prozesse aus dem Bewusstsein entfernt und in abgespaltene Ich-Zustände hinein verlagert (Watkins 2003). Die Person kann die verstörenden Erfahrungen und die damit verbundenen Fragmentierungsängsten dadurch nicht verarbeiten, wird ihre psychischen Folgen aber auch nicht mehr los (Reddemann 2008, Huber 2007, Sachsse 2004, Wöller 2006).

Traumafolgen. Wenn traumatische Fragmentierungsängste aufgrund eines Mangels an inneren (psychischen) und äußeren (sozialen) Ressourcen nicht verarbeitet werden können, müssen sie, ebenso wie frühe Beziehungsstörungen notdürftig durch Abwehrprozesse bewältigt werden. Diese führen zu einer Verzerrung der psychischen Struktur, die je nach Schwere und Dauer der Traumatisierung als posttraumatischer Belastungszustand oder als posttraumatische Strukturstörung in Erscheinung tritt.

Beispiel: Als eine Klientin vier Jahre alt war, kam ihre Mutter in einem Verkehrsunfall ums Leben, die Klientin, ihre Schwester und der Vater wurden nur leicht verletzt. „Das habe ich nie verarbeitet“, sagt sie. Vor einigen Jahren erlebte sie bei einem Urlaub auf einer Insel im Südpazifik einen tropischen Orkan, bei dem sie nur knapp mit dem Leben davonkam. In dem Ort, in dem sie sich aufhielt, ertranken mehrere hundert Menschen oder wurden von einstürzenden Gebäuden erschlagen. Die Klientin war unmittelbar nach dem Orkan „vollkommen geschockt, wie gelähmt und betäubt“. Die akute Todesangst und das Erlebnis, einer Naturkatastrophe hilflos ausgeliefert zu sein (Aktualtrauma), reaktivierte den traumatischen Verlust aus ihrer Kindheit, erschütterte ihre psychische Struktur und führte zu dauerhaften Fragmentierungsneigungen. Die daraus resultierenden Ängste und Übererregungszustände, Schuld- und Schamgefühle waren so unerträglich, dass sie nur durch emotionale Erstarrung, Taubheit und sozialen Rückzug notdürftig kompensiert werden konnten. Die Klientin entwickelte ein posttraumatisches Syndrom mit Zuständen geistiger Abwesenheit, Panikattacken und traumatischen Regressionen.

Freezing und Hyperarrousal. Wenn sich ein Mensch existenziell bedroht fühlt, ist seine unmittelbare Reaktion, entweder zu kämpfen (Wut) oder zu fliehen (Angst). Wenn aber beides nicht geht, entweder weil die Bedrohung übermächtig ist, oder weil die Situation durch Kampf oder Flucht nicht bewältigt werden kann, so verfällt die Person in einen Erstarrungszustand (Freezing), der mit innerer Übererregung (Hyperarrousal) gepaart ist. Wenn eine solche Schockstarre wegen eines Mangels an psychischen oder sozialen Ressourcen nicht aufgelöst und verarbeitet werden kann, so entsteht ein anhaltender posttraumatischer Zustand. Im posttraumatischen Syndrom ist im Energiesystem des Menschen quasi Gaspedal und Bremse gleichzeitig betätigt. Der Körper ist kontrahiert, überangespannt und auf lähmende Weise bewegungsunfähig. Alternierend dazu oder gleichzeitig befindet sich der Traumatisierte in einem Zustand agitierter Überwachheit und Alarmiertheit. Es kann zu Panikattacken und überfallartigen Reaktivierungen des Traumazustandes (Intrusionen, Flashbacks) oder zu Zuständen von geistiger Leere und kognitiver Desorientiertheit (Numbness) kommen. (Reaktionen dieser Art finden wir nicht nur als Resultat von Traumatisierungen, sondern auch als Ergebnis früher Bindungs- und Beziehungsstörungen [Wöller 2006].) Traumata bewirken eine Instabilität der Selbststruktur, die chronische oder zyklisch auftretende Fragmentierungsneigungen und -ängste zur Folge hat. Der Traumatisierte erlebt einen ständigen Wechsel von traumatischem Wiedererleben mit emotionaler Überflutung (Intrusion) und Zuständen von Abwesenheit und Emotionsabschaltung (Dissoziation).

Posttraumatische Fragmentierungsangst. Posttraumatische Zustände gehen mit spezifischen  Fragmentierungsängsten einher. Der Traumatisierte fühlt sich wegen seiner Intrusionen und anhaltenden Alarmreaktionen weiterhin bedroht, wobei die Quelle der Bedrohung in der aktuellen Außenwelt nicht mehr (bzw. nur noch projektiv) zu finden ist. Es entsteht eine chronische, gegenstandslose Angst, Überwachheit und Überempfindlichkeit sowie Überaktivität und übertriebene Schreckreaktionen. Der Klient kann unter Albträumen, nächtlichen Schweißausbrüchen, Schlafstörungen und starken Stimmungsschwankungen leiden, die von Trauma-assoziierten Reizen ausgelöst (getriggert) werden. Er vermeidet bestimmte Situationen und Konstellationen, die mit dem Trauma assoziiert sind. Er neigt dazu, im unbewussten Versuch, eine Auflösung seiner inneren Spannungen zu bewirken, die traumatische Konstellation zwanghaft wiederherzustellen (Re-Inszenierung). Der Traumatisierte fühlt sich entfremdet und isoliert, hat Angst verrückt zu sein oder zu werden, fühlt sich unfähig, erwachsen zu lieben und klammert sich auf abhängige Weise an. Sexuell kann er blockiert sein oder zum Überagieren neigen.

Intrusionen. Intrusionen sind wiederkehrende, unkontrollierbare Einbrüche in Zustände des Wiedererlebens der traumatischen Situation oder der damit assoziierten Gefühle und Zustände. In einer Intrusion wird das traumatische Vergangenene so erlebt, als ob es hier und jetzt sei. Intrusionen können unerwartet und ohne erkennbare äußere Auslöser auftreten (z.B. beim Autofahren, in der Badewanne) oder aufgrund von spezifischen Auslösereizen, die an die traumatische Dynamik gekoppelt sind (Trigger). Ein zentrales Ziel der Psychotherapie nach Traumata ist es, aus Intrusionen Erinnerungen zu machen.

Mögliche Folgen von Traumata

?       Vermeidung von Trauma-assoziierten Situationen, Orten, Handlungen oder Beziehungen

?       Auslösung traumatischer Reaktionen durch Trauma-assoziierte Schlüsselreize (Trigger)

?       Verlust der Integrität des Selbst (Dissoziation)

?       chronische Erstarrungsreaktionen (Immobilitätsreaktion, Freezing)

?       chronische Übererregung (Hyperarrousal)

?       unbewusste, zwanghafte Wiederholungen der traumatischen Konstellation (Re-Inszenierung, Reviktimisierung)

?       unkontrollierbare Einbrüche des traumatischen Erlebens in das Alltagsbewusstsein (Intrusionen, Flashbacks)

?       strukturelle Rückorientierungen in traumatische Beziehungskonstellationen hinein (traumatische Regression)

?       unkontrolliertes Ausleben destruktiver Impulse (Ausagieren)

Resilienz und Vulnerabilität. Unter dem Begriff „Resilienz“ (von lat. resiliere: zurückspringen, abprallen) werden schützende Fähigkeiten und Eigenschaften von Menschen zusammengefasst, die ihre psychische Stabilität behalten haben unter Bedingungen, unter denen die meisten Menschen zerbrochen wären. Resilienz ist die Fähigkeit, schweren Stressfaktoren zu widerstehen, die normalerweise nur mit Abwehrprozessen bewältigt werden können und zu chronischem psychischem Leid führen. Resiliente Menschen sind aufgrund von inneren oder äußeren Schutzfaktoren (Resilienzressourcen) in der Lage, schwere Lebenskrisen ohne anhaltende Beeinträchtigungen durchzustehen. Als Schutzfaktoren, die zur Erhöhung der Resilienz beitragen, werden u.a. beschrieben:

  • die Überzeugung, selbst über das eigene Schicksal bestimmen zu können,
  • aktive Auseinandersetzung mit Lebensumständen und Problemen,
  • Orientierung auf und Einbindung in soziale Gemeinschaftlichkeit,
  • stabile emotionale Bindungen in der Familie,
  • Bezogenheit auf innere Werte, die von anderen Mitgliedern der Gemeinschaft geteilt werden,
  • Bildung, Intelligenz, soziale Intelligenz,
  • die Fähigkeit zur Impulskontrolle und zum Befriedigungsaufschub,
  • differenzierte Emotionalität und Empathie,
  • die Fähigkeit, über eigene Gefühle zu sprechen,
  • realistische Selbsteinschätzungen und Zukunftsvorstellungen,
  • die Fähigkeit, eigene Schwächen zuzugeben und um Hilfe zu suchen (Welter-Enderlin & Hildenbrand 2006, Cyrulnik 2007).

Wenn die inneren und äußeren Ressourcen eines Menschen stark sind, können selbst schwere Traumata oder Beziehungsstörungen ohne dauerhafte Strukturstörung verarbeitet werden. Sie bewirken dann „nur“ eine vorübergehende Erschütterung der Person, die mit Hilfe erlernter Bewältigungsfähigkeiten und mit Unterstützung des sozialen Umfeldes verarbeitet wird.

Beispiel: Ein Klient war in seiner Jugend deutlich übergewichtig und litt unter starker Akne, was sein heranreifendes Selbstwertgefühl stark belastete. Seine Familie ging mit diesem Problem unterstützend und wertschätzend um, so dass die unvermeidlichen hämischen Anfeindungen durch Gleichaltrige immer wieder aufgefangen werden konnten. Als er 32 Jahre alt war, erwischte er seine Frau in flagranti mit seinem besten Freund, was ihn zutiefst schockierte und zu einem Zerbrechen der Ehe und der Freundschaft führte. Er unternahm eine lange Reise auf einen anderen Kontinent und ausgedehnte Wanderungen in abgelegenen Gebirgsregionen. Nach seiner Rückkehr suchte er Anschluss an eine Selbsthilfeorganisation, in der er bis heute aktiv ist. Er fand darin ein Netzwerk gegenseitiger Unterstützung. Das half ihm, die traumatische Trennung zu verarbeiten. Heute sagt er: „Es war schrecklich, aber es musste so kommen. Ich habe viel daraus gelernt, und heute geht es mir viel besser als vorher.“

Der Gegenpol zur Resilienz wird als „Vulnerabilität“ (Verletzbarkeit) bezeichnet. Vulnerable Personen sind besonders leicht durch Beziehungsstörungen und Traumata zu verletzen und neigen daher verstärkt dazu, chronisches psychisches Leid zu entwickeln.

 

 


Anschrift des Autors

Werner Eberwein
Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut
Leiter des Fort- und Weiterbildungszentrums Berlin
der Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie (DGH)
und des Instituts für Humanistische Psychotherapie Berlin (IHP)

nur Postanschrift:
Aachener Str. 27, 10713 Berlin

Praxis/Seminarort:
Baruther Str. 21, 10961 Berlin

Tel. +49 (30) 82 70 28 34
Fax +49 (30) 82 70 28 35
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Hat der Mensch einen freien Willen?

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Werner Eberwein

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Das Konzept der Willensfreiheit ist für die Humanistische Psychotherapie grundlegend. In den letzten Jahren hat eine Gruppe von psychobiologisch ausgerichteten Forschern die Willensfreiheit des Menschen grundsätzlich in Frage gestellt. Dagegen wird von anderen Forschern eine Reihe von Argumenten für die menschliche Willensfreiheit ins Feld geführt. Die Veröffentlichungen führten zu heftigen Diskussionen in der Fachwelt und unter Laien, die ich im folgenden zusammenfassen möchte.

Argumente gegen die Willensfreiheit

Das Libet-Experiment. Das am häufigsten gegen die Willensfreiheit zitierte Experiment stammt von Benjamin Libet (2005). Libet beauftragte seine Versuchspersonen, innerhalb eines vorgegebenen Zeitrahmens von drei Sekunden mit einem Finger einen Druckschalter zu betätigen. Während dieser drei Sekunden sahen die Versuchspersonen einen rotierenden Lichtzeiger (etwa einem schnell sich drehenden Uhrzeiger vergleichbar). Die Versuchspersonen sollten irgendwann im Rahmen der drei Sekunden entscheiden, den Druckschalter zu betätigen. Sie sollten sich merken, auf welcher Position der Lichtzeiger gestanden hatte, als sie innerlich die Entscheidung getroffen hatten. Libet stellte fest, dass die Entscheidung der tatsächlichen motorischen Tätigkeit etwa eine Drittelsekunde voranging. Darüber hinaus stellte er fest, dass sich bereits einige Zehntelsekunden, bevor die Versuchsperson nach ihrem subjektiven Empfinden entschieden hatte, im Gehirn ein spezifisches Bereitschaftspotenzial aufbaute, das im EEG festgestellt werden konnte. Libet interpretierte dieses Versuchsergebnis so, dass das Gehirn der Versuchspersonen die Entscheidung bereits getroffen habe, bevor die Versuchsperson subjektiv eine Willensentscheidung gefällt habe. Dieses Experiment wird immer wieder zitiert, um zu belegen, dass die Freiheit des menschlichen Willens eine Illusion sei.

Descartes Irrtum. Domasio (2004) führte in seinem Buch „Descartes Irrtum“ aus, dass die Entscheidungen eines Menschen nicht allein auf rationalen Erwägungen basieren, sondern durch Emotionen beeinflusst seien.

Konditionierung. Behavioristisch orientierten Lernforscher versuchten, mit Experimenten zu belegen, dass Willensentscheidungen durch Lerneffekte konditioniert werden können.

Triebe. Psychoanalytiker interpretieren die Ergebnisse ihrer psychoanalytischen Arbeit mit ihren Klienten so, dass der Wille eines Menschen von einem als triebhaft verstandenen Unbewussten gesteuert wird.

Wahrnehmungsfilter. Wahrnehmungsforscher weisen darauf hin, dass wir aufgrund unserer begrenzenden Wahrnehmungsorgane und neurologischen Wahrnehmungsfilter nur einen Ausschnitt der Welt wahrnehmen und unsere Entscheidungen an diesen begrenzten Wahrnehmungen ausrichten. Daher seien unsere Entscheidungen nur so frei, wie unsere Wahrnehmung dies zulasse.

Hirnstruktur. Deterministisch orientierte Hirnforscher gehen davon aus, dass unsere Hirnstruktur beeinflusst und begrenzt, was wir wahrnehmen oder erkennen können.

Implizites Wissen. Andere Hirnforscher gehen davon aus, dass ein Teil unseres Wissens biologisch vererbt und ein anderer Teil biografisch programmiert sei. Wir würden Entscheidungen, die wir als frei empfinden, auf der Basis eines impliziten Wissens treffen, das unbewusst vorgegeben und nicht reflektierbar sei.

Epiphänomenalismus. Da bestimmte psychische Funktionen in den letzten Jahren durch bildgebende Verfahren immer besser im Gehirn lokalisiert werden können, würde immer deutlicher, dass das Gehirn wie ein biologischer Computer Informationen verarbeite. Was wir als bewusste Willensentscheidungen wahrnehmen, sei daher nur eine Begleiterscheinung (ein „Epiphänomen“) neuronaler Prozesse.

Anatomische Abweichungen. Einige Hirnforscher behaupten, im Gehirn von Straftätern anatomische Normabweichungen entdeckt zu haben. Dagegen könne zwischen dem Gehirn von Menschen und dem Gehirn der höheren Primaten kein qualitativer, struktureller Unterschied festgestellt werden, sondern lediglich ein Unterschied in der Hirnmasse, speziell in der Großhirnrinde. Ein hirnanatomisches Korrelat für unsere Fähigkeit, freie Willensentscheidungen zu fällen, die uns von den Tieren unterscheidet, könne nicht festgestellt werden.

Elektrische Hirnreizung. Wenn während Operationen am offenen Schädel bestimmte Hirnareale eines Menschen elektrisch gereizt werden, führen die Versuchspersonen motorische Bewegungen aus und beschreiben diese als willentlich verursacht.

Evolution. Verhaltensforscher führen aus, dass unser Denken, also auch unser Erkennen und Entscheiden, ein Produkt evolutionärer Ausleseprozesse, und damit den Darwinschen Gesetzen der Evolution unterworfen sei.

Manipulation. Sozialpsychologen weisen darauf hin, dass die Willensentscheidungen eines Menschen durch soziale Beeinflussung manipulierbar seien. Menschen könnten dazu gebracht werden, Verhaltensweisen auszuführen, die sie zunächst nicht wollen, die sie aber, sobald sie sie ausgeführt haben, als Ergebnis ihres freien Willens interpretieren. In bestimmten sozialpsychologisch manipulierten oder stresshaften Situationen können Menschen sich selbst Handlungen zuschreiben, die sie gar nicht begangen haben, oder umgekehrt, sie sind aufrichtig der Meinung, Handlungen nicht begangen zu haben, die sie aber unzweifelhaft begangen haben.

Argumente für die Willensfreiheit

Energiemobilisierung. Die Experimente von Benjamin Libet kann man auch anders interpretieren. Sie haben nur ergeben, dass irgend etwas im Gehirn eine halbe Sekunde vor einer Willensentscheidung geschieht. Was das Bereitschaftspotenzial ist, was es bedeutet, und woher es kommt, ist unbekannt. Es ist zum Beispiel möglich, dass dieses elektrische Potenzial lediglich bedeutet, dass im Gehirn eine Bereitschaft aufgebaut wird, eine Entscheidung zu fällen, so dass das Bereitschaftspotential eine Art Energiemobilisierung oder eine Voraktivierung durch engagierte Konzentration ist.

Entscheidung schon gefallen. In dem Untersuchungsdesign von Libet ist die eigentliche Entscheidung bereits in dem Moment gefallen, wo der Untersuchungsleiter der Versuchsperson den Sinn der Anordnung erläutert. Dass der Knopf gedrückt werden muss, und das innerhalb von drei Sekunden, steht nicht in Frage. Wenn sich eine Versuchsperson lediglich frei entscheiden kann, wann sie im Laufe von drei Sekunden einen Knopf drückt, dann kann hier von einer willensfreien Entscheidung im existenziellen Sinn keine Rede sein.

Die Veto-Option. Libet selbst geht von der Existenz der Willensfreiheit und Verantwortlichkeit des Menschen aus. Er hat nämlich herausgefunden, dass sich seine Probanden auch nach dem bereits aufgebauten Bereitschaftspotenzial noch einmal entscheiden können, ob sie die entsprechende Handlung ausführen oder nicht („Veto-Option“). In der Denkweise von Libet bedeutet das, dass ein Dieb in einem Kaufhaus möglicherweise den Impuls verspürt, einen Gegenstand zu entwenden, durch freie Willensentscheidung aber in der Lage ist, diesen Impuls zu unterdrücken. Durch die Veto-Option ist also in den Libetschen Experimenten die Willensfreiheit wieder eingeführt.

Subjektive Evidenz. Die Entscheidungsfreiheit ist in unserem subjektiven Erleben unmittelbar evident. Diese Evidenz kann nur aus der Ersten-Person-Perspektive erlebt und nicht aus einer Außenperspektive beobachtet werden. Wir spüren unmittelbar und in jedem Moment, dass wir einen freien Willen haben, dass wir so oder auch anders entscheiden können.

Nicht determinierbar. Über Willensentscheidungen sind zwar statistische Aussagen über eine große Zahl von Menschen hinweg möglich, aber wie die Entscheidung eines einzelnen Menschen in einem spezifischen Augenblick aussehen wird, kann nicht vorhergesagt und auch nicht vorherbestimmt werden. Niemand kann deterministisch vorhersagen oder vorherbestimmen, ob und wie wir eine bestimmte Verhaltensweise ausüben werden oder nicht.

Kategorienfehler. Die von manchen Hirnforschern vertretene Sichtweise, „nicht das Bewusstsein, sondern das Gehirn entscheidet“ ist ein Kategorienfehler und daher sinnlos. Bewusstsein und Gehirngrozesse sind nur verschiedene Betrachtungsebenen der selben Vorgänge. Wenn „das Gehirn“ eine Entscheidung fällt, dann ist es gerade der Mensch (der ja ohne sein Gehirn nicht denkbar ist), also die Person, die die Entscheidung fällt. Wenn „das Gehirn“ entscheidet, heißt das, dass die Person entscheidet.

Revision von Wahrnehmungsverfälschungen. Freie Bewusstseinsentscheidungen entstehen zwar auf der Basis von Wahrnehmungen und emotionalen Bewertungen, das stellt aber die Freiheit der Entscheidung nicht in Frage. Als einziges Wesen ist der Mensch in der Lage, seine Wahrnehmungen und emotionalen Bewertungen kritisch zu reflektieren, zu überprüfen, zu korrigieren und zu revidieren. Der Mensch ist nicht Sklave seiner Gefühle und Wahrnehmungen, sondern in der Lage, diese in größere Zusammenhänge einzuordnen. Es sieht so aus, als ob sich die Sonne um die Erde dreht, aber wir wissen, dass es umgekehrt ist.

Unbekannt. Wie Gedächtnis-Engramme entstehen und sich verändern, wie Bewusstseins- und Willensakte funktionieren, ist auf der hirnphysiologischen Ebene zurzeit völlig ungeklärt. Möglicherweise liegen dem Bewusstsein Prozesse zugrunde, die wir mit unserem heutigen wissenschaftlichen Verständnis noch nicht beschreiben könnten, ebenso, wie man im Mittelalter die elektromagnetischen Hintergründe der Entstehung von Blitzen noch nicht kannte.

Das Gehirn als sozial geformtes System. Wie die moderne Hirnforschung herausgefunden hat, ist die Hirnstruktur ein Produkt sozialen Lernens. Die biografischen Erfahrungen eines Menschen formen die Struktur seines Gehirns. Daher sagt die Lokalisation von psychischen Funktionen im Gehirn wenig über die Kausalität und das Zusammenspiel psychischer Funktionen aus.

Das Gehirn als Hologramm. Die Möglichkeit der Zuordnung bestimmter Gewebeschäden im Gehirn (zum Beispiel durch Unfälle oder Tumore) zu bestimmten psychischen Ausfällen, bedeutet aufgrund der Netzwerkstruktur des Gehirns nicht, dass die ausgefallene Funktion an dieser Stelle im Gehirn „sitzt“, sondern lediglich, dass etwas in diesem Areal passiert, was für die ausgefallene Funktion irgendwie bedeutsam sei. Das intakte, gesunde Hirn funktioniert als ein Netzwerk und ist stets als Ganzes tätig.

Entscheidungen als historische Prozesse. Die spezifisch menschlichen, geistigen Phänomene wie Bewusstsein, Wahlfreiheit und Erkenntnis sind keine individuellen, momentanen Akte, sondern kollektive, historische Prozesse. Eine Entscheidung wird nicht isoliert aus dem Moment heraus getroffen, sondern aufgrund der Eingewobenheit der Person in soziale Bezüge und biografisch entstandene Wertsysteme. Die Produkte der sozialen Kreativität des Menschen, von den Pyramiden bis zur Quantentheorie, können nicht als neurologisch präformiert verstanden werden. Kulturleistungen dieser Art sind nur in ihrem sozial-historischen Kontext als Produkt der Kreativität sozialer Gemeinschaften zu verstehen.

Manipulation durchschauen. Das menschliche Bewusstsein kann zwar manipuliert werden, es kann sich von Manipulationen aber auch distanzieren, vor allem, indem es sie als solche erkennt. Wir sind zum Beispiel in der Lage, optische Täuschungen durch technische Messmethoden zu erkennen und damit zu transzendieren. Ebenso könnten wir soziale Manipulationen als Täuschung erkennen. In diesem Fall unterliegen wir der optischen Täuschung oder der sozialen Manipulation nicht, sondern gewinnen eine Freiheit ihnen gegenüber.

Keine Belege. Für einen deterministischen, kausalen Zusammenhang zwischen Hirnschädigungen bzw. Gewebeveränderungen im Gehirn und Verbrechen oder psychischen Störungen gibt es zur Zeit keinerlei stichhaltigen Belege.

Existenzielle Entscheidungen. Das Bewusstsein fällt seine Entscheidungen nicht kausal auf der Basis von physikalisch erfassbaren Ursachen, sondern existenziell, also auf der Basis von persönlichen Gründen, gerichtet auf individuell sinnvolle Ziele und orientiert an Werten.

Design-Artefakte. Die Experimente der empirischen Hirnforschung finden unter künstlichen, alltagsfremden, isolierten und teilweise bizarren Rahmenbedingungen statt. Reale Willensentscheidungen sind wesentlich komplexer sozial eingebunden und nur als Teil der Biografie eines Menschen zu verstehen.

Quantenphysik. Bereits die Prozesse in einem Computerchip könnten nicht mehr mechanisch-kausal, sondern nur noch quantenphysikalisch beschrieben werden.

Phylogenetische Adaption. Unser Gehirn hat sich phylogenetisch auf eine adäquate Wirklichkeitsadaption hin entwickelt. Ein Tier, das Wirklichkeit nicht adäquat abbildet, hat einen Selektionsnachteil. Ein Affe, der den Ast nicht dort sieht, wo er ist, lebt nicht lange.

Das gesunde Gehirn. Durch Eingriffe von Hirnforschern in die Funktionsweise des Gehirns wird dessen normale Tätigkeit gestört. Die Ergebnisse solcher Experimente spiegeln die Tätigkeit des intakten Hirns nicht wider, denn es funktioniere dann nicht wie ein gesundes, ungestörtes Gehirn. Die Resultate der entsprechenden Experimente sind Artefakte des Untersuchungsdesigns, nicht Aussagen über die Funktionsweise eines intakten Gehirns.

Erklärungslücke. Zwischen der physischen und der psychischen Welt gibt es eine Erklärungslücke. Das Psychische mit dem Physischen erklären zu wollen, führt notwendig zu Kategorienfehlern.

Die Basis der Demokratie. Schon haben sich einige schwere Straftäter in ihren Prozessen auf „die Ergebnisse der Hirnforschung“ berufen, um zu begründen, warum es grundsätzlich keine Schuldfähigkeit des Menschen gebe. Unser Rechtssystem setzt Verantwortlichkeit und Schuldfähigkeit voraus. Die Demokratie setzt freie Wahlen voraus. Wer die Willensfreiheit in Frage stellt, stellt damit die Grundlage der repräsentativen Demokratie, des Vertrags- und Strafrechts sowie der auf Verträgen basierenden Ökonomie in Frage.Die Willensfreiheit ist die Basis unseres sozialen, politischen, ökonomischen und Rechtssystems.

 


 

   

Hypnose - Formen, Möglichkeiten und Grenzen

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für den Text:

Prof. Dr. med. Günter Hole, Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, Psychotherapie

Die therapeutische Hypnose

Formen, Möglichkeiten und Grenzen

Deutsches Ärzteblatt 94, Heft 49 (5.12.1997), Seite A?3351

klicken Sie bitte auf folgenden Link:

http://dgh-hypnose.de/con/30/pdf&Nr=264&PLZ_Suche=&sort_T=

   

Wie wirksam ist Hypnose?

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für den Text: 

Prof. Bongartz/Schwammer/Flonke (Universität Konstanz, Fachbereich Psychologie)

Die Effektivität der Hypnose

Eine metaanalytische Studie

Zeitschrift "Psychotherapeut" 2002

klicken Sie bitte auf folgenden Link:

http://www.hypnose-kikh.de/metaanalyse/Bongartz2002Metaanalyse.pdf

   

Was ist Humanistische Psychotherapie?

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Fortbildung "Humanistische Psychotherapie"
Einzeltherapie
Gruppentherapie
Coaching
Termin vereinbaren für ein Vorgespräch

 

Humanistische Psychotherapie versteht sich als dritter Weg neben den psychodynamischen und den behavioralen Verfahren. Humanistische Psychotherapie ist eine integrative psychotherapeutische Orientierung, die das psychische Wachstum durch Entfaltung spezifisch menschlicher Potenziale auf ein von Sinn getragenes, selbstverwirklichendes, authentisches Leben hin in den Mittelpunkt stellt. In der Humanistischen Psychotherapie wird der psychotherapeutische Prozess gesehen als fortgesetzte Tiefenselbsterkundung des Erlebens und besonders der Beziehungsmuster des Klienten in einem kooperativen Tiefendialog mit dem Therapeuten. Humanistische Psychotherapie integriert erfahrungsorientierte, psychodynamische, ressourcen- und zielorientierte Ansätze. Humanistische Psychotherapie dient dazu, die Lebendigkeit des Klienten und seine latenten Potentiale aus den Fesseln gefrorener Angepaßtheit oder blinder Rebellion zu befreien. Das Ziel der Humanistischen Psychotherapie ist es, Beziehungsstörungen und Traumata zu transformieren, archaische Gefühle und Impulse zu kultivieren, also spürbar, lebbar und kontrollierbar zu machen, und dem Klienten zu helfen, seine Identität zu erfühlen und zu definieren und die eigenen Grenzen zu spüren, zu schützen und auszuweiten, um einen vitalen, erfüllten Lebensweg zu gestalten.

 

Wahlfreiheit und Sinnorientierung

Welche Konsequenzen hat es, wenn wir den Menschen als existenziell frei betrachten? Was bedeutet das für die Psychotherapie?

Die Humanistische Psychotherapie geht davon aus, dass dem Menschen trotz seiner Formung und Begrenzung durch seine biologische Natur, seine Lebensgeschichte und seine soziale Umgebung in jeder Angelegenheit und in jedem Augenblick die Möglichkeit bleibt, wahlfrei zwischen einer Vielzahl von Optionen zu entscheiden. Wie sich der einzelne Mensch im Einzelfall entscheidet, kann nicht vorhergesagt und nicht vorherbestimmt werden. Diese existenzielle Wahlfreiheit kann dem Menschen nicht genommen werden, und er kann sich aus ihr nicht herausstehlen. Die Möglichkeit des Menschen, sein Leben wahlfrei auszugestalten und übergeordneten Zielen und Werten zu widmen, eröffnet eine ganze Dimension jenseits der biologischen Triebe und der Verhaltenskonditionierungen.

Auf der Idee der existenziellen Wahlfreiheit und Sinnorientierung basiert das Humanistische Menschenbild, das die Möglichkeit und Unausweichlichkeit der Selbstgestaltung der Welt durch den Menschen hervorhebt. Jeder Mensch, jede soziale Gemeinschaft, ja die ganze Menschheit erzeugt und reproduziert durch ihre wahlfreien Entscheidungen ihre Lebensumwelt. Die soziale Wirklichkeit ist vom Menschen geschaffen und wird durch Entscheidungen aufrechterhalten - oder verändert.

Eine solche Sichtweise öffnet einen weiten Raum. Sie konfrontiert uns mit unserer Verantwortung für unser Leben, aber sie weist auch auf unsere Veränderungsmöglichkeiten hin. Wir sind für die Ausgestaltung unseres eigenen Lebens, für die Gestaltung der sozialen Beziehungen und der ökologischen Bedingungen, unter denen wir leben, verantwortlich. Wir gestalten unsere Biografie durch unsere wahlfreien Entscheidungen. Damit haben wir Teil an der Gestaltung des Ganzen.

Selbst unter noch so begrenzten und beschränkenden äußeren Umständen bleibt dem Menschen eine Freiheit der Wahl. Wie die aufwühlenden Berichte des in Wien geborenen Psychiaters Viktor Frankl über seine Erfahrungen als Insasse mehrerer Konzentrationslager zeigen (Frankl 2005), hat der Mensch selbst unter den unmenschlichsten, absurdesten und restriktivsten Bedingungen mindestens noch die Freiheit der Wahl,

  • sich der scheinbaren Aussichtslosigkeit seiner Lage passiv zu ergeben, und damit seinem Leben als sinnhafter und lebenswerter Existenz ein Ende zu setzen, oder
  • durch einen inneren Bezug zu einem persönlichen Sinn ein in selbstbestimmten Werten verwurzeltes Leben zu gestalten.

Eine der wertvollsten Ergebnisse von Frankls Reflexionen seiner schrecklichen KZ-Erfahrungen war, dass diejenigen seiner Mitinsassen, die sich aufgaben, die also an der Absurdität ihrer Lage verzweifelten, „in den Zaun gingen“, d. h. ihrem Leben in dem Hochspannungszaun, der die KZs umgab, ein Ende setzten. Dagegen fanden diejenigen, die selbst im KZ den Bezug zu etwas Sinngebendem behielten, sei es eine Religion, die Hoffnung auf das Wiedersehen der Familienangehörigen, eine Philosophie oder noch so kleine gegenseitige Unterstützungen, einen inneren Halt, der Ihnen die Kraft zum Überleben gab. Frankls Begriff des persönlichen Sinns und der Orientierung an Werten sind Grundkonzepte der Humanistischen Psychotherapie.

Wenn der Mensch als existentiell frei betrachtet wird, also als ein Wesen, das den Sinn und die Orientierung seines Lebens durch wahlfreie Entscheidungen hervorbringt, dann ist jeder Mensch für die leitenden Prinzipien und die Ausgestaltung seines Lebensweges verantwortlich. „Wir sind in die Freiheit geworfen“, sagt Sartre (1982). Über alle Bedingungen und Konditionierungen hinaus gestaltet der Mensch aktiv seine Existenz, also auch die Art, wie er mit psychischem Leid umgeht.

Die Arbeit des Klienten an sich selbst

Wenn ein psychisch leidender Mensch einen Humanistischen Psychotherapeuten aufsucht, so hat er eine Entscheidung getroffen, wie er seinen Umgang mit seinem Leid gestalten möchte.

  • Er hätte stattdessen auch entscheiden können, dass er lieber versuchen will, mit seinen Problemen allein klarzukommen.
  • Er hätte in eine Klinik gehen oder mit Freunden oder Familienangehörigen darüber sprechen können.
  • Er hätte in eine Selbsthilfegruppe gehen, sich medizinisch behandeln lassen oder Psychopharmaka nehmen können.
  • Er hätte sich entscheiden können, alles so auszuhalten, wie es ist, oder er hätte sein Leben umkrempeln können.
  • Er hätte auswandern, nichts tun, das Ganze mit sich selbst ausmachen, einen Analytiker oder einen Verhaltenstherapeuten aufsuchen können.

Niemand kann vorhersagen, welchen Weg ein psychisch leidender Mensch einschlagen wird. Niemand kann ihm diesen Weg vorgeben. Man kann ihn beraten, ihn ermutigen, drängen oder sogar zwingen (z. B. durch psychiatrische oder juristische Maßnahmen), aber selbst dann bleibt ihm eine Wahlfreiheit, die ihm nicht genommen werden kann. Nur schwerste Störungen wie bestimmte schwere hirnorganische Schädigungen, Schizophrenie oder Demenz können die Willensfreiheit teilweise oder ganz aufheben, und in diesen Fällen kann Humanistische Psychotherapie wenig erreichen. Humanistische Psychotherapie setzt Entscheidungsfreiheit voraus, und sie dient dem Gewahrsein und der Ausdehnung der Wahlfreiheit.

Wenn ein Mensch in psychischem Leid einen Humanistisch orientierten Psychotherapeuten aufsucht, so wird dieser ihm verdeutlichen, das er, der Therapeut, sich nicht als derjenige versteht, der die Therapie „macht“. Der Humanistische Psychotherapeut mit seinem Fachwissen und seinen Techniken sieht nicht primär sich für den Ablauf und den Erfolg des psychotherapeutischen Prozesses verantwortlich. Vielmehr ist es der Klient, der in der Therapie mit aller Kraft seinen Weg suchen und selbst gehen muss, und dabei erhält er die kompetente Unterstützung des Therapeuten. Der Humanistische Psychotherapeut versteht sich als Kooperationspartner, als Begleiter und Unterstützer, manchmal als Herausforderer, aber nicht als „Macher“ der Therapie. Das mag banal klingen, hat aber weitreichende Folgen für die Gestaltung des Therapieprozesses. Aus der Sicht der Humanistischen Psychotherapie wird dadurch, dass der Therapeut die Verantwortung des Klienten für die Gestaltung seines Lebens und auch für die Ausgestaltung des therapeutischen Prozesses anerkennt, befürwortet, fördert, aber auch fordert, ein therapeutischer Fortschritt überhaupt erst möglich.

Professioneller Dialog

Die Humanistische Psychotherapie beschäftigt sich vorrangig mit dem, was am Menschen spezifisch menschlich ist. Sie vertritt den Standpunkt, dass die Subjektivität und Intersubjektivität des Menschen nur begrenzt empirisch-statistisch oder biologisch-medizinisch erfasst und abgebildet werden kann. Der Mensch als Subjekt ist kein Ding, kein Zahlenwert und kein Neuronenimpuls, sondern eine Person und nur als Ganzheit in ihrem Erleben und Handeln, also als Subjekt, zu erfassen. Die Subjektivität eines anderen Menschen kann ein Mensch nur in einer Beziehung mit ihm, also intersubjektiv, durch Verstehen und Dialog, Einfühlung und Abgrenzung erfahren.

In der Humanistischen Psychotherapie geht es um intra- und interpsychische Prozesse. Die Seele kann grundsätzlich nicht wie ein Objekt untersucht werden, weil sie kein Objekt ist. In der Humanistischen Psychotherapie gibt es keinen objektiven Beobachterstandpunkt außerhalb der therapeutischen Beziehung zum Klienten. Der Therapeut ist mit dem Klienten in eine Beziehungsgesamtheit, ein interpersonelles System eingebunden, in dem der Theapeut durch professionelle Distanz und Fachwissen einen Raum ausfaltet, in dem der Klient sich selbst und seine Beziehungsmuster reflektieren und transformieren kann. Psychotherapie ist Heilung im Kontakt und mit den Mitteln des Kontaktes. Kontakt im Sinne der Humanistischen Psychotherapie ist etwas dialogisches, intersubjektives. Humanistische Psychotherapie ist ein professioneller Dialog auf Basis intersubjektiver Wissenschaft.

Der dritte Weg

Humanistische Psychotherapie ist vor allem eine Einstellung. Sie besteht aus Orientierungen, Prinzipien, Theorien und Techniken, aber sie ist kein lehrbuchartig fixierbares, einheitliches Verfahren. Sie hat keine zentrale Geschäftsstelle, keinen relevanten Dachverband, keine Mitgliedschaft und keine allgemein verbindliche Ausbildungsordnung. Viele ihrer Anhänger sind auch in den klassischen, von den Krankenkassen anerkannten Verfahren ausgebildet, also Verhaltenstherapeuten, Tiefenpsychologen oder Analytiker, manche mehreres zugleich. Kristallisationspunkt der Humanistischen Psychotherapiebewegung war in den 1960er Jahren das Esalen-Institut in Kalifornien, in dem viele Begründer und große Vertreter der Humanistischen Psychologie und Psychotherapie wie Abraham Maslow, Fritz Perls, Alexander Lowen, Carl Rogers, Stan Grof, Ida Rolf und viele andere gearbeitet haben.

Humanistische Psychotherapie versteht sich als dritter Weg neben den verhaltensorientierten und den analytischen Verfahren der Psychotherapie und verschreibt sich der Integration der Theorien und Techniken. Humanistische Psychotherapeuten arbeiten auf der Basis ihrer Humanistischen Grundeinstellung mit einer Vielfalt von Techniken, die im wohlverstandenen Interesse des Klienten zur Überwindung seiner Leid machenden Fixierungen und Begrenzungen sinnvoll sind. Sie werden in der Humanistischen Psychotherapie auf Grundlage einer Philosophie angewandt, die auf Wahlfreiheit und Sinnorientierung, Verstehen und Dialog beruht.

Humanistische Psychotherapie integriert verbale und nonverbale Techniken. In Humanistischen Psychotherapiesitzungen wird auch geredet, aber auch geatmet, gemalt, getanzt, massiert, getrommelt, gespielt, meditiert und visualisiert. Die therapeutischen Prozesse können in Worte, Dialoge, Bewegungen, Töne, Imaginationen, Rollenspiele oder Rituale umgesetzt werden.

Der Begriff „Humanistisch“ meint hier im Unterschied zum landläufigen Verständnis nicht ein oberflächliches „das Gute im Menschen“ und hat nichts mit Schulunterricht in Altgriechisch zu tun. Vielmehr soll er den Grundgedanken hervorheben, dass der Mensch in seiner existenziellen Freiheit, mit seiner Selbstverantwortung und seinen Potenzialen gesehen wird. Der Klient wird nicht primär als krankes, konditioniertes oder triebdeterminiertes Wesen betrachtet, sondern als kreativer Gestalter seiner Welt, als Schöpfer sozialer Wirklichkeit in Beziehung mit anderen.

Das Spektrum der Humanistischen Verfahren und Techniken reicht von der verbalen und nonverbalen dialogischen Arbeit mit Kontakt und an Kontaktmustern über Rollenspiele, Identifikationsmethoden und körperorientierten Techniken bis zur Arbeit mit veränderten Bewusstseinszuständen, konfrontativen, kreativen und Gruppentechniken. Ziel der Humanistischen Psychotherapie ist die Integration von abgewehrten Anteilen, die Förderung der Wahlfreiheit des Klienten, die Entfaltung latenter Potenziale und die Orientierung der Lebensperspektive an Sinn stiftenden Werten.

 

 

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Schnellhypnose - wozu und wie?

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Werner Eberwein

Einleitung

Da ist es wieder: Walter, ein Psychologe aus Oldenburg, schaut aufgeregt im Fortbildungsseminar herum. Seine Augen blitzen vor verschwörerischer Neugier: 
    „Werner, zeig doch mal eine richtige Hypnose.“
Wie oft habe ich das schon gehört. Ich atme tief durch, erinnere mich, wie ich während meiner eigenen Ausbildung auch immer „richtige“ Hypnose sehen wollte und das Gefühl hatte, dass meine Trainer mir etwas vorenthalten. Was sie auch zeigten – ich hatte das Gefühl, das sei keine „richtige“ Hypnose. Ich wollte etwas Spektakuläres sehen, einen magischen Effekt, eine Blitzheilung, oder mindestens dass jemand an seiner Stuhllehne festklebte. Dabei habe ich schon als Student mit 20 Jahren diese ganzen Spielereien mit hypnotischen Zwängen, Signalhypnosen, eine Versuchsperson den eigenen Namen vergessen lassen, Regression in „vergangene Leben“ und vieles mehr gemacht und war fasziniert von meiner „magischen Macht“ gewesen. Trotzdem hatte ich immer das Gefühl, „richtige“ Hypnose sei noch mal etwas anderes, auch wenn ich nicht hätte sagen können, was ich eigentlich genau erwartete.

Erst nachdem ich mich intensiv mit der Showhypnose beschäftigt hatte (vgl. Eberwein 2002), fing ich an, solche Hypnose-Spektakel grundsätzlich abzulehnen. Heute finde ich hypnotische Machtbekundungen und Manipulationen stupide bis peinlich, manchmal sogar gefährlich. Aber wie soll ich das einem Kollegen erklären, der solche Effekte „einfach gern mal life sehen“ will.

Für mich ist Trance-Kommunikation etwas ziemlich Intimes. Der Patient öffnet vertrauensvoll seine Abwehr für einen suggestiven Einfluss. Nach meinem Verständnis muss ein psychisch geöffneter Mensch geschützt, respektvoll und behutsam behandelt werden, sogar dann, wenn er selbst das anders haben will.

Als Analogie fällt mir ein Chirurg ein, der ja auch - auf seine Weise - Patienten „öffnet“. Es geht nicht darum, dass er übervorsichtig jeden Eingriff vermeiden sollte, denn manchmal müssen Eingriffe sein, und Übervorsicht kann sogar gefährlich sein. Aber ein Chirurg darf niemals mehr vom Körper wegschneiden oder in ihn hineinsetzen, als im Interesse des Patienten erforderlich und unvermeidbar ist. Ebenso muss ein Hypnotiseur so schonend wie möglich arbeiten und nur so weit eingreifen, wie es unumgänglich ist.

Bei Techniken, die Hypnose schneller machen, ist die Gefahr besonders groß, dass der Patient überrumpelt und entwürdigt wird. Bei der Schnellhypnose zeigt sich am deutlichsten der Standpunkt und das Wertesystem des Hypnotiseurs.

Ist Schnellhypnose die ökonomischste Anwendung von Trance-Techniken oder bloß eine Marketing-Fiktion? Gibt es überhaupt hypnotische Techniken, die schneller funktionieren als andere? Und wenn es sie gibt – warum benutzt man sie eigentlich nicht immer? Wann nutzen Schnellhypnose-Techniken, wem nutzen sie - und können sie auch schaden?

Beginnen wir damit, wie Schnellhypnosetechniken gern präsentiert werden.

Mythen der Schnellhypnose

Anhänger der Schnellhypnose behaupten gern:
    „Es geht ganz schnell, es ist ganz einfach, es funktioniert immer.“
Das ist natürlich faszinierend. Die Frage ist nur: 
    Stimmt das auch?

Klar wäre es hilfreich und ökonomisch, wenn wir alle Patienten in wenigen Augenblicken mit einfachen Standardtechniken und mit garantiertem Erfolg in Trance versetzen und dann darin „leicht und schnell“ alles bewirken könnten, was bewirkt werden soll.

Ein Zahnarzt in einem meiner Seminare brachte es auf den Punkt: 
    „Ich brauche eine Alternative zur chemischen Anästhesie, die genauso schnell und sicher wirkt, wie eine Spritze.“
Damit ist der Korb ziemlich hoch gehängt. Eine sichere, vollständige hypnotische Anästhesie in zwei Minuten – wer versucht, das als Routinetechnik zu etablieren, der hat sich einiges vorgenommen. Und doch gibt es Kollegen, die behaupten, das zu beherrschen.

Schauen wir uns also einmal an, was dran ist an den Mythen der Schnellhypnose.

Der Mythos der Geschwindigkeit

Aus dem Munde der Schnellhypnose-Begeisterten klingt das etwa so:
    „Mit Methode X kann ich jeden Patienten innerhalb von wenigen Minuten in eine Trance versetzen, die so tief ist, dass ich darin alles erforderliche mit ihm machen kann.“

Wie viele Mythen, so beinhaltet auch dieser einen wahren Kern. Manchmal geht eine Trance-Induktion tatsächlich überraschend schnell. Es gibt Patienten, die so empfänglich und kooperativ sind, dass man sie nur intensiv anzuschauen braucht, und schon sind sie in Trance. Manche Hypnoseanfänger neigen dazu, die Einleitung der Trance endlos lange auszudehnen, weil sie noch keine Gefühl bzw. keine brauchbare Technik dafür haben, um herauszufinden, wann die „eigentliche Behandlung“ beginnen kann. Sicherheitshalber versuchen sie, den Patienten immer tiefer in Trance zu führen, wissen aber nicht, wann die Trance „tief genug“ ist. Oft ist der Patient schon längst in einer ausreichend tiefen Trance, während der Hypnotiseur sich weiter abmüht, ihn in eine solche hineinzubringen. Eigentlich könnte der Hypnotiseur längst anfangen, dem Patienten therapeutische Suggestionen zu vermitteln bzw. ihn in Trance medizinisch behandeln. In diesem Fall ist keine spezifische Schnellhypnosetechnik erforderlich. Die Induktion ist schon schnell genug, nur der Hypnotiseur merkt es nicht. Ihm fehlt ein Gespür bzw. eine geeignete hypnotische Dialogmethode (z.B. Ideomotorik), um herauszufinden, wann der Patient „soweit ist“.

Die moderne, ericksonÙsche Hypnose ist, was die Tiefe der Hypnose betrifft, ziemlich pragmatisch orientiert. Ericksonianer unterscheiden nur unscharf zwischen verschiedenen Tiefenstadien sowie zwischen Induktion, Vertiefung, Nutzung und Reorientierung. Der Wachzustand und die Trance verschwimmen für Ericksonianer miteinander. Suggestionen werden bereits vor der formellen Induktion oder noch nach der Reorientierung gegeben. EricksonÙsche Hypnose ist ein ganzheitlicher Prozess, ein Gesamtkunstwerk. Die Tiefe der Trance ist für Ericksonianer weniger relevant - es kommt ihnen darauf an, die Kooperationsbereitschaft des Unbewussten zu fördern. Wenn dissoziative therapeutische Prozesse in Richtung auf das gewünschte Ziel hin feststellbar sind, ist es für Ericksonianer nicht wichtig, ob oder wie tief der Patient in Trance ist. Daher legen Ericksonianer es nicht auf besonders „tiefe“ Trancezustände an, und daher ist die Induktionsphase in der ericksonianischen Hypnose manchmal recht kurz. Der Übergang zwischen Wachzustand, Trance, Nutzung der Trance und Reorientierung geschieht praktisch unmerklich.

Im winzigen Konsultationszimmer von Erickson konnte es im Einzelfall schwierig sein, festzustellen, ob ein Patient zu einem bestimmten Zeitpunkt wach oder in Trance war. Allerdings nahm sich sich Erickson zu Beginn seiner Arbeit mit jedem Patienten einige Stunden Zeit, um mit dem Patienten den Zustandswechsel hinein in die Trance und heraus aus der Trance intensiv zu trainieren, so dass die Übergänge hinterher flüssig und beiläufig geschahen.

Dennoch: Um eindeutig dissoziative Prozesse zugänglich zu machen, braucht es auch mit ericksonÙschen Techniken bei den meisten Patienten einige Zeit und eine gewisse Vorarbeit. Hochsuggestible Patienten gehen zwar mitunter in wenigen Minuten so tief in Trance, dass Anästhesie, Ressourcenaktivierung oder nachhaltige Posthypnose möglich sind. Die meisten Patienten brauchen dafür aber etwa 15 bis 20 Minuten Zeit, je nach Trance-Fähigkeit und angezielter Intervention. Manche Patienten brauchen sogar noch viel mehr Zeit, und nach meinem Verständnis sollte der Therapeut ihnen diese Zeit auch geben. Es hat keinen Sinn, einen Patienten, der langsam reagiert, aus ökonomischen oder narzißtischen Gründen drängeln zu wollen. Das erzeugt bloß Druck, und Druck erzeugt Widerstand. Manchmal ist der alte Satz hilfreich: 

    „Wenn du willst, dass es schnell geht, mach langsam.“

Eine „Drängelinduktion“ stellt meines Erachtens die Entspannungswirkung der Hypnose auf den Kopf. Außerdem werden wir weiter unten sehen, dass viele der sogenannten „Schnellhypnose“-Methoden in der Praxis keineswegs schneller sind als andere, sondern letztlich auch 15 bis 20 Minuten für den Gesamtprozess der Induktion brauchen.

Der Beginn der Induktion geht oft relativ schnell. Wenn man nur diese Phase misst, entstehen ziemlich kurze Zeitangaben. Es dauert meistens tatsächlich nur eine bis zwei Minuten, bis der Patient reglos mit geschlossenen Augen dasitzt. Das sieht von außen für einen naiven Beobachter wie eine Trance aus, ist aber in meinem Verständnis in den meisten Fällen noch kein veränderter Bewusstseinszustand. Die eigentliche Tranceinduktion wird dann bei Schnellhypnoseverfahren als „Vertiefung“ bezeichnet. Während dieser „Vertiefung“ findet aber erst der allmähliche Wechsel des Bewusstseinszustandes statt. Und dieser Prozess dauert bei den meisten Menschen - etwa 15 bis 20 Minuten.

Von diesem Zeitbedarf gibt es einige Ausnahmen. Hochsuggestible Patienten reagieren, wie gesagt, manchmal deutlich schneller. Wenn es hauptsächlich um intensive Ablenkung geht, wie zum Beispiel bei manchen Induktionstechniken für Kinder, dann kann man tatsächlich recht schnell arbeiten. Ein Kind mit etwas zu faszinieren, was für das Kind interessant ist, geht ziemlich schnell. Es ist eher schwierig, diese Faszination für längere Zeit aufrechtzuerhalten. Hypnose-Zahnärzte arbeiten bei Kindern in der Regel zusätzlich zur Hypnose mit chemischer Anästhesie. Für die zahnärztliche Hypnose genügt es vollkommen, wenn die Kinder behandlungsfähig sind, eine hypnotische Anästhesie ist nicht erforderlich. Daher überfluten Hypnose-Zahnärzte Kinder mit kindgerechten Refokussierungstechniken und können dann mit ihnen zahnärztlich arbeiten. Das geht oft recht schnell, aber meines Erachtens sollte man hier im Regelfall eher von einem „Hypnoid“ (einem Hypnose-ähnlichen Zustand) sprechen, nicht von einer stabilen Dissoziation („Hypnose“).

Auch wenn ein Patient schon mal hypnotisiert worden ist und stabil installierte Rehypnose-Anker hat, können Hypnoseinduktionen schnell, manchmal blitzartig gehen („Signalhypnose“). Nach einer längeren, ausführlichen Induktionsphase wird der Versuchsperson posthypnotisch suggeriert, dass sie aufgrund eines bestimmten Auslösereizes augenblicklich in Trance versinken würde. Der Auslösereiz ist dann entweder ein Schlüsselwort oder eine spezifische Berührung (Streichen über die Augen oder ähnliches). Die Etablierung der Signalhypnose braucht einige Zeit (man ahnt es schon: etwa 15 bis 20 Minuten), aber beim nächsten Mal geht die Re-Induktion der Trance wesentlich schneller, manchmal praktisch augenblicklich.

Im Bereich der psychotherapeutischen Anwendungen der Hypnose geht es gelegentlich nur um fokussierte Oberflächenprozesse, die keine besonders intensive Trance erfordern, ja, die im Grunde auch im Wachzustand erreicht werden könnten. Bei vielen NLP-Imaginationsmethoden (z.B. Swish, Alignment, Mentorenarbeit, Timeline usw.) ist der Patient in der Regel nicht besonders stark dissoziiert. Der Zustand des Patienten während solcher Übungen ist nahe am gewöhnlichen Wachzustand („hypnoid“). Daher erfordern diese Techniken keine gründliche Tranceinduktion. Der Zustandswechsel geschieht beiläufig während und als Folge der Anwendung der NLP-Methode. Allerdings können nach meiner Erfahrung mit solchen schnellen Transformationstechniken nur Probleme bearbeitet werden, die eher aktuell-reaktiv sind, nicht besonders tief sitzen und nicht generalisiert und in der Persönlichkeitsstruktur des Patienten verankert sind.

Wenn wir als Psychotherapeuten in den Bereich der Persönlichkeits- (Charakter-, Früh-) Störungen kommen, können die Patienten in der Regel weder angemessene Beschreibungen ihrer Problematik noch nachvollziehbare Zielvorstellungen liefern, noch können sie sich stabil kooperativ auf ein therapeutisches Arbeitsverhältnis einlassen. Bei diesen Patienten ist meistens eine jahrelange Arbeit erforderlich, um immer wieder eine tragfähige therapeutische Arbeitsbeziehung herzustellen, um sich den neuralgischen Punkten im Leben des Patienten allmählich anzunähern und sie durchzuarbeiten. Von Patienten mit Persönlichkeitsstörungen werden Schnellphypnosetechniken oft als bedrohlich erlebt, weil sie ihre ohnehin instabile Ich-Struktur weiter destabilisieren. Aber genau das sind die Patienten, die zuhauf die Praxis der Psychotherapeuten aufsuchen. Menschen mit begrenzten Symptomstörungen, die lediglich schnellstmöglich eine begrenzte psychische Einschränkung ausgebügelt haben wollen, sind, zumindest unter meinen Patienten, bei weitem in der Minderheit.

In der Psychotherapie geht es oft nicht bloß darum, schnellstmöglich die Probleme zu beseitigen, die der Patient im Erstgespräch genannt hat („Index-Symptome“). Vielmehr besteht der Prozess der Psychotherapie häufig darin, in einem allmählichen Prozess der Selbsterkundung mit dem Patienten zusammen herauszufinden, was die strukturelle Basis seiner Oberflächensymptome ist. Psychotherapie, die sich auf die bloße Beseitigung von Oberflächensymptomen beschränkt, erzeugt oft eine lange Serie von Kurzzeitbehandlungen, die in der Summe leicht eine Langzeitpsychotherapie übertreffen können. Ein humanistischer psychotherapeutischer Prozess der Erweiterung und Vertiefung der eigenen Erlebnis- und Handlungsmöglichkeiten dauert oft Jahre. Wenn in einer psychodynamischen oder humanistischen Psychotherapie mit hypnotischen Techniken gearbeitet wird, geht es nicht primär um Geschwindigkeit, sondern um psychische Integrationsprozesse, und diese schreiten eher langsam voran, weil Geschwindigkeitsdruck die psychischen Integrationsfähigkeiten des Patienten überfordern würde. Sich dem eigenen Schatten zu stellen braucht Zeit auch wenn mit Hypnose gearbeitet wird. Scheinbare Abkürzungen verlängern dabei oft bloß den Weg.

Der Mythos der Einfachheit

Der Mythos der Einfachheit lautet ungefähr so:
    „Du mußt dir nicht tausend Prinzipien, Techniken und Formulierungen merken, 
    sondern nur einige simple Tricks, das ist alles.“

Auch an dieser Aussage ist etwas Wahres dran. Vor allem seit der erikson´schen Wende in der Hypnotherapie neigen manche Kollegen dazu, ihre Hypnosetechnik derart kompliziert zu gestalten, dass sie sie kaum ohne Spickzettel und detaillierte Ablaufschemata durchführen können. Eine überkomlexe Technik befriedigt den Spieltrieb des Hypnotiseurs durch immer neue Ebenen, Varianten und Aspekte, so wie eine elektrische Eisenbahn einen kleinen Jungen begeistert. Wer aber Hypnose routinemäßig in der therapeutischen Praxis einsetzen will, der braucht Techniken, die in angemessener Zeit zu erlernen sind, die man sich leicht merken kann, die einfach aufgebaut und leicht wiederholbar sind.

Dies trifft allerdings im engeren Sinne vor allem auf die traditionellen Methoden der klassischen Hypnose zu, die man tatsächlich im Prinzip an zwei Wochenenden erlernen kann: „Ihre Augen werden müde … die Arme sind schwer…“ usw. Wenn man also Wert auf eine einfache Methode legt, dann ist man bei der klassischen Hypnose gut aufgehoben. (Was die Probleme dabei sind, werde ich weiter unten beschreiben.)

Die meisten der modernen Schnellhypnosemethoden sind dagegen keineswegs einfach, sondern ziemlich komplex aufgebaut, auch wenn das manchmal auf den ersten Blick nicht so wirkt. Sie können ohne gründliche hypnotische Ausbildung und Selbsterfahrung weder verstanden noch praktiziert werden. Es handelt sich meistens um verschachtelte Mehr-Ebenen-Konfusionen, zu deren kompetenter Anwendung man schon einiges an Vorwissen und Erfahrung braucht. Sie sind alles andere als einfach. Geschwindigkeit und Sicherheit erfordern eben eine gewisse Komplexität.

Die Induktion der Trance ist nur für Hypnoseanfänger das Hauptproblem. Wenn man die ersten hypnotischen Schritte macht, erscheint es als schwierig, den Patienten in Trance zu bringen. Wenn man sich mit der Induktion der Hypnose einigermaßen sicher fühlt, erkennt man, dass die Aufgabe dann erst beginnt. Der Patient ist in Trance – aber was jetzt? Aus der Perspektive eines erfahrenen Hypnosetherapeuten ist es überhaupt nicht schwer, einen Patienten in eine Trance hineinzuführen. (Meines Erachtens sind Trance-Effekte sogar im gewöhnlichen Alltagskontakt unvermeidbar.) Aber dann wird es erst wirklich interessant. Dann geht es darum, sinnvolle therapeutische Arbeit zu tun und nachhaltige therapeutische Veränderungen zu bewirken, die über diesen Tag hinaus anhalten - und das ist das eigentlich Spannende. Nachhaltige hypnotische Veränderungsstrategien, die dauerhafte Heilungsprozesse fördern, sind keineswegs einfach zuwege zu bringen. Das klassische „Weghypnotisieren“ führt da nicht weit. Für dauerhafte Transformationen muss die Hypnose auf persönlichkeitstheoretischen, psychopathologischen, biografischen und systemischen Überlegungen aufgebaut sein. Wer hier Einfachheit verspricht, produziert letztlich nur psychisches Makeup.

Der Mythos der Sicherheit

Der Mythos der Sicherheit lautet:
    “Ich habe das jetzt seit X Jahren mit Y Patienten gemacht, und es klappt immer.“

Abgesehen davon, dass es für solche Behauptungen nie irgend welche empirische Belege gibt, stellt sich hier wiederum die Frage, was man unter Trance bzw. unter Hypnose versteht. Wenn man damit bloß meint, dass ein Mensch mit geschlossenen Augen und eventuell erhobenem Arm relativ unbeweglich da sitzt und im Großen und Ganzen das tut, was der Hypnotiseur ihm sagt, dann ist eine Tranceinduktion (ob nun schnell oder langsam) tatsächlich eine recht sichere Angelegenheit, die bei praktisch allen Patienten funktioniert. Eigentlich müsste man den meisten Patienten dafür nur sagen: „Schließen Sie bitte die Augen, sitzen Sie ruhig da und tun Sie, was ich Ihnen sage.“ Und tatsächlich: manche „Schnellhypnotiseure“ (besonders Showhypnotiseure) benutzen Instruktionen dieser Art zur Induktion von „Hypnose“. Der Patient schließt folgsam die Augen, sitzt ruhig da und macht mit. Von außen sieht das aus wie hypnotische Allmacht, in Wirklichkeit handelt es sich in vielen Fällen bloß um einen höflichen Menschen, der einer klar formulierten Anweisung kooperativ folgt.

Versteht man dagegen unter Trance …

    … einen signifikant und stabil veränderten Bewusstseinszustand, 
    in dem dissoziative psychische und somatische Prozesse induziert werden können, 
    zu denen der Patient im Wachzustand keinen Zugang hätte
,

… dann wird deutlich, dass eine Schnellinduktion innerhalb weniger Augenblicke zwar mit einiger Sicherheit den Patienten ruhigstellen und seine Aufmerksamkeit fesseln kann, aber keineswegs schon sicher jeden Patienten in eine therapeutisch nutzbare Trance hineinführt.

Wie sieht es mit der Sicherheit bei der klassischen Hypnose aus? Die klassische Hypnose ist zwar einfach, aber in der Anwendung keineswegs sicher, sondern im Gegenteil ziemlich unsicher. Klassische Hypnose funktionieren bei vielen skeptischen, ängstlichen oder kontrollierenden Patienten nur mangelhaft. Die Gefahr, dass man mit klassischen, direktiven Induktionen scheitert, ist recht hoch. Das war ja gerade der Hauptgrund für die „ericksonÙsche Wende“ in der Hypnosetherapie. Um relativ sicher die meisten Patienten in Trance führen zu können, sind die etwas komplexeren, naturalistischen, indirekten ericksonÙschen Techniken das Mittel der Wahl.

 

Zusammenfassung:

  • Was sicher und relativ schnell geht (z.B. Mehrebenen-Konfusion), ist nicht einfach.
  • Was relativ einfach und recht sicher ist (z.B. sanfte, metaphorische Hypnose), geht nicht schnell.
  • Was schnell und einfach geht (z.B. autoritäre, direktive Hypnose), ist nicht sicher.

(Die Beschreibung der Schnellhypnosetechniken im Einzelnen ist professionellen Hypnosetherapeuten vorbehalten – ich möchte sie wegen der Gefahr des Mißbrauchs nicht im Internet veröffentlichen.)

Literatur und Materialien

  • Bandler, R. & Grinder, J (1989).: Therapie in Trance. Hypnose: Kommunikation mit dem Unbewussten. Klett Cotta.
  • DGZH (2001): Kursmanuskript für das Curriculum Zahnärztliche Hypnose. Kurs Z4. Deutsche Gesellschaft für zahnärztliche Hypnose. Stuttgart.
  • Eberwein, W. (2002): Geheimnisse und Gefahren der Showhypnose. DGZH-Info.
  • Esdaile J (1846/1902): Mesmerism in India and ist practical application in surgery medicine. The Psychic Research Company Chicago (Originl publ. in London 1846).
  • Fiedler, S. (ohne Datum): Moderne Hypnose in der zahnärztlichen Praxis. Video.
  • Holder, P. (2001): The Elman Induction. Video. www.hypnosiscenter.org.
  • Kather, W. (2001): Rapid-Induction nach Victor Rausch DDS®. Video. Video-Cooperative-Ruhr.
  • Mesmer, F. A. (1985): Abhandlung über die Entdeckung des thierischen Magnetismus. (Original 1781)
  • Möck, K.: unveröffentlichtes Manuskript
  • Rausch, V. (1998): Hypnose, Mesmerismus und subtile Energie. Video. Video-Cooperative-Ruhr.
  • Rossi, E. & Erickson, M. : Hypnose erleben. Veränderte Bewusstseinszustände therapeutisch nutzen. Pfeiffer bei Klett-Cotta 2004.
  • Schmierer, A. (2001): Zahnextraktion in Hypnose. Video. Hypnos-Verlag.
  • Schöderböck, R. & Behnecke, G.: Mit Magie geht alles leichter oder „Du bist ein braves Kind“. In: Kinderhypnose in der Zahnmedizin. Hypnos-Verlag.

 

 

 

Anschrift des Autors

Werner Eberwein
Diplom-Psychologe
Psychotherapie

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Was ist Wahnsinn?

Die Vernunft in der Wendezeit

Kein Ding ist durch eine einzige Ursache bestimmt. Was ist die Ursache des Regens? ... oder von Musik? Die linear-logische, kausale Denkweise (Ursache => Wirkung) wird uns zu eng. Zu Newtons Zeiten kannte man noch wenig von der Welt. Das Wissen war nur punktuell, für jede Erscheinung hatte man gleich die Ursache parat. Aber im Zeitalter des systemischen Denkens verschwimmen uns die Begriffe. Selbst Newtons berühmter Apfel ist kaum noch zu erkennen hinter dem Gestrüpp unseres immer umfsssender werdenden Wissen über ihn in seinen vielfältigen Beziehungen. Wenn wir uns tiefer auf die - bald harmonischen, bald wirren - lebenden Verflechtungen einlassen, mit denen wir in der Realität sind, werden sie ab einem bestimmten Punkt regelrecht verrückt. Die alten logischen Grundfragen, wie die Frage nach der Herkunft des Universums oder nach dem Verhältnis von Ich und Gehirn, enden heute alle in Paradoxien.

Das Nicht-Denken ist wiederentdeckt. Nicht mehr hemdsärmelig stehen wir da, als Handwerker der Welt, sondern staunend, umringt von Rätseln, und können uns nur von der unerhörten Absonderlichkeit beeindrucken lassen, daß in uns ein Teil des Seins Bewußtheit seiner selbst erlangt hat. Das Tabu gegen die Weltsicht der „Verrückten“ ist brüchig geworden. Die Schatten, von denen die Irren besessen sind, beginnen auch in ganz normalen Köpfen zu spuken. Wenn die schärfste Vernunft in letzter Konsequenz ihr Gegenteil hervortreibt, wenn die herkömmliche Wissenschaft in die Absurdität hineinreicht, dann erscheint die Welt selbst als "widersprüchlich", "zerfahren" - eben so wie das Denken der Verrückten. War in den Jahrhunderten nach Newton noch die Dampfmaschine das Modell, wie die Welt funktioniert, so ist es heute eher die Vorstellung von einem Hypernetz, einem allseits verflochtenen, schwingenden Ökosystem.

Die alten Selbstverständlichkeiten greifen nicht mehr. Sicherheit verschwimmt zu Wahrscheinlichkeiten, Gegensätze berühren sich in Oszillationen. Die Vernunft beginnt, ihren mechanischen Formalismus zu überwinden. Die Wissenschaft schaut neugieriger in das hoch geladene Chaos des Wahnsinns, wirft verstohlene Blicke über die Mauer, wie um sich an ihrer Negation zu bereichern. Die Irren rücken uns näher, die Fremdheit wird interessant.

Vermutungen über die Entstehung des Wahnsinns

Wir verwenden alltagssprachliche oder medizinischen Begriffe wie "verrückt" oder "schizophren", und meinen, weil wir Worte haben, wüssten wir auch, wovon wir sprechen. Ich glaube, daß wir erst ganz am Anfang einer brauchbaren Begriffsbildung für diesen Bereich sind. Ich zweifle dagegen sehr am Wert der psychiatrischen Diagnostik. Ich möchte mit einigen Überlegungen darüber beginnen, wie eigentlich das entsteht, was man als "unkontrollierte Trance-Realität" oder als "negative Transzendenz" bezeichnen könnte, also der Wahnsinn.

Unsere natürlichen und sozialen Lebensumstände fordern von frühester Kindheit an, daß wir lernen, Teile unserer Lebendigkeit, unserer spontanen Lebensäußerungen zurückhalten oder wegschieben zu können. Eigentlich geht das aber gar nicht, denn die Gefühle werden von innen her immer wieder aufgeladen und fordern so oder so ihr Recht. Letzten Endes können wir unsere Impulse nicht wegmachen. Wir alle haben diese Konflikte zwischen "ich möchte" und "ich darf nicht", zwischen "ich brauche" und "ich kriege nicht" in uns. Eine entfremdete Gemeinschaft steht im Widerspruch zu jedem einzelnen ihrer Mitglieder.

Diese Konflikte lösen sich nie ganz. Das individuelle Glück ist immer nur momentan. Das Leben pendelt zwischen Glück und Leid, zwischen Erfüllung und Widerstand, Wachstum und Absterben, Lust und Schmerz, Kontakt und Einsamkeit. Jeder sucht auf seine Weise das Positive und meidet das Negative. Die persönliche Lebensweise, die dadurch entsteht, ist immer in Bewegung, sie gelingt immer und mißlingt immer. Lust und Schmerz sind nur im Doppelpack zu haben.

Wir können nur ein bestimmtes Quantum an Leid ertragen (an Schmerz, Traurigkeit, Angst, Verwirrung, Enge, Einsamkeit, Auflösung usw.). Wenn es zu viel wird, spalten wir es ab. Jeder hat da seine spezielle Methode:

  • körperliches Einkapseln (psychosomatische Symptome),
  • Projektion nach außen (Ängste),
  • Kontaktvermeidung/Abhängigkeit (Beziehungsprobleme),
  • Bremsung der Energieproduktion (Depressionen),
  • Chemie (Drogen),
  • zwanghafte Überaktivität (Streß) usw.

Eine weitere Möglichkeit der Abspaltung von Leid ist es, den Kontakt zur Realität zu verändern, d.h. die Wahrnehmung, Empfindung und Deutung der Wirklichkeit zu verschieben. Wo die innere Lebenswelt schlimm genug ist, kann das Leiden, das daraus folgt, subjektiv betrachtet, immer noch besser sein, als in der selben Wirklichkeit zu leben, wie alle anderen.

Das geschieht besonders dann, wenn jemand sehr früh eine ganze Provinz seiner Persönlichkeit, ein ganzes Subsystem von Gedanken, Handlungen, Gefühlen und körperlichem Energiefluß so vollständig unterdrücken mußte, daß sich dieser Anteil überhaupt nicht mehr äußern konnte. Die Lebensenergie fließt weiter in diesen Komplex, er wird energetisch aufgeladen, es entsteht eine immer höhere Spannung, die aber abgespalten bleibt.

Die eingekapselte Ladung muß ständig durch eine psychische Gegenbewegung festgehalten, eingesperrt und totgemacht werden. Wenn die Integrität des Ich auf solidem Fundament steht, kann es solche Spannungen halten. Die Person ist dann lediglich ambivalent, zwanghaft oder vermeidend. Wenn jemand aber gerade zu der Zeit seiner Entwicklung, als das Selbstbewußtsein, das "Ich", entstanden ist, in hoch aufgeladene, verdrillte Double-Bind-Beziehungen verwickelt war, ist das Identitätsbewußtsein später anfällig für Auflösungserscheinungen.

Wodurch kann in der Kindheit die Identität geschwächt und gleichzeitig der Kontakt zu einem ganzen Komplex von energetischen Impulsen blockiert werden? Diese Frage ist mit Blick nur auf das Individuum nicht zu lösen. Es handelt sich um ein soziologisches Phänomen, um eine Verstrickung in der sozialen Struktur, in der ein Mensch aufwächst, insbesondere in seinem Familiensystem.

Im Gleichgewicht seiner Familienbeziehungen ist der Lebensweg des Verrückt-Werdenden die einzig mögliche Verarbeitung einer paradoxen Erlebnisumwelt. Einerseits agiert seine Familie als Ganzes wie ein einziges Lebewesen, das das Anders-Sein eines Mitgliedes wie eine Amputation eines Körperteiles erleben würde. Andererseits werden gerade durch die Symbiose die unvermeidbar auftretenden Konflikte zwischen den Familienmitgliedern ins Extrem getrieben: Abweichungen von den versteinerten Familienrollen dürfen nicht sein. Sie werden in einen Bereich jenseits des Denkbaren gedrängt und mystifiziert.

Verbotene Strebungen des Kindes werden nicht eigentlich unterdrückt, sondern schon vor jedem Bewußtsein in ein Abseits gedrängt, wo sie sich unter Abschluß von Kontakt aus inneren Subsystemen Persönlichkeits-Bruchstücke zusammenfinden, die latent bleiben und isoliert in den Tiefen des Unbewußten um die Übernahme der Kontrolle über die Person konkurrieren. Diese alternativen Persönlichkeiten machen sich dann später z.B. als "Stimmen", "Halluzinationen", "psychotische Zwänge" u.ä. bemerkbar.

Die Interaktion der Eltern mit dem verrückt werdenden Kind ist eigenartig verdreht, sie steckt in "seltsamen Schleifen", so daß das Kind in einem doppelsinnigen aber sich ausschließenden Kontakt mit den Eltern gleichzeitig ein "ich-bin-ich" und ein "ich-bin-nicht-ich" entwickelt. Die Energie, die aus dem Unbewußten für die Kontrolle des Selbst zur Verfügung steht, die Ich-Kraft, wird gespalten - die Identität wird instabil. Zwischen Ich und Nicht-Ich (lebbaren und nicht-lebbaren Anteilen) entsteht eine Sollbruchstelle, die als Ventil der Familienpsychose fungiert. Der Verrückt-Werdende agiert, was in der Familie keinen Platz hat. Er hat die äußere Familienstruktur verinnerlicht, sie wird zum Modell seiner Fassaden-Identität. Gerade die Über-Stabilität und Über-Angepasstheit, die Starrheit und Zwanghaftigkeit der schizogenen Familie als Ganzes treibt als ihr notwendiges Gegengewicht ein Mitglied hervor, aus dem herausquillt, was im System nicht leben darf.

Auf der allerfrühesten Stufe besteht dieses System noch nicht aus der ganzen Familie, sondern im Wesentlichen aus dem Körper der Mutter, denn das heranreifende Kind ist zuerst nur ein Teil von ihr. Der Körper der Mutter wird später zum Inbegriff für die "Welt überhaupt". So wie der Mutter-Körper sich angefühlt hat (schon von innen, aus dem unbegreifbar symbiotischen Erleben des Embryo), so wird später das allem Erleben zugrunde liegende Weltgefühl aussehen. Dabei spielt natürlich das emotionale Verhältnis der Mutter zu ihrer Schwangerschaft eine entscheidende Rolle, und wir können nur vermuten, wie sich z.B. erzwungene Schwangerschaften oder Abtreibungswünsche auf das im Bauch wachsende Kind auswirken.

Der schärfste Konflikt entsteht wohl, wenn die Mutter das Kind nicht will, und es eigentlich "wegmachen" möchte, es dann aber, aus welchen Gründen auch immer, trotzdem zur Welt bringt. Mutter und Kind leben für lange Zeit in einer biologischen und emotionalen Symbiose, und wenn in diese Symbiose Tötungswünsche eindringen, dann entsteht schon früh eine existenzielle Spaltung im Kern der Identität dese Kindes, dann kommt das Ich des Kindes sozusagen erst gar nicht zur Welt. Die "paradoxe Symbiose" lässt das Kind nie aus der Mutter heraus und vernichtet gleichzeitig seine Identität. In Worte verwandelt lautet die nonverbale Botschaft an das Kind: "Wir sind eins, aber Du bist nichts."

  • Eine erfüllte symbiotische Beziehung zwischen Eltern und Kind hinterlässt im Erwachsenen eine Freude an momentanen Verschmelzungserlebnissen.
  • Bei einer ungelösten Symbiose verbleibt ein chronsiches Bedürfnis nach Regression.
  • Die paradoxe Pseudo-Symbiose produziert eine Spaltung des Ich.

Wenn der gespaltene Erwachsene später in eine Situation kommt, in der er über längere Zeit viel Kraft für die Kontrolle divergierender Umweltimpulse einsetzen muß, wenn er sich zwischen widersprüchlichen Bedürfnissen verheddert, wenn er unter starkem Streß steht, (z.B. durch Überarbeitung, Prüfungsstreß, Beziehungsprobleme), dann wird die alte Ich-Schwäche durch die aktuelle Verwirrungen wieder aktiviert, und das instabile Ich wird in Vibration versetzt. Wenn der Stress stark genug ist, verliert das Identitätsbewußtsein seine Form. Der abgespaltene, psychotische Komplex drängt nach oben, der Betreffende wird diffus erregt, er kann nicht mehr schlafen. Die Ladung des Abgespaltenen wird stark und stärker, der energetische Auftrieb aus dem Unbewußten nimmt zu, die Kraft des Bewußtseins zur Selbststeuerung nimmt ab. Schließlich bricht die Mauer zum Bewußsein, die gestaute Energie überflutet das Ich und drängt ins Leben genau in der uralten, traumhaften, primärprozeßhaften Form, in der sie im Unbewußten mitunter für Jahrzehnte aufbewahrt war.

Im so genannten "psychotischen Schub" können mitunter lustvolle Erlebnisse, Offenheit und Sensibilität nach oben kommen, meist aber sind es bedrohliche, aggressive Bilder. Dennoch mag es vielleicht überraschend sein, daß manche Verrückte ihren Wahnsinn nicht leidend erleben, sondern als eine wunderbare Erfahrung und Befreiung, als "endlich wirkliches Leben". Als Leiden empfinden viele vielmehr den Zwang zur Normalität. Ähnliche Prozesse sind auch bei ganz "normalen" Menschen bekannt,

  • wenn sich die körperenergetische Ladung erhöht (Hyperventilation),
  • wenn das Ich durch Krankheit geschwächt ist (Fieber),
  • im Schlaf (Traum),
  • bei freier energetischer Entladung (Orgasmus),
  • wenn der Umweltkontakt blockiert ist (Isolationstank),
  • durch psychische Beeinflussung (Hypnose),
  • bei erzwungener Schlaf- bzw. Traumlosigkeit (Halluzinationen),
  • unter extremem Streß (Gehirnwäsche),
  • unter halluzinogenen Drogen (LSD, Mescalin),
  • bei selbstrückbezüglicher Aktivität (Meditation),
  • wenn der Panzer sich löst (Körpertherapie).

Dann wird zuweilen auch ein völlig Normaler (absichtlich oder unabsichtlich, kontrolliert oder unkontrolliert, für einen Moment oder länger) "verrückt", d.h. die Ich-Struktur wandelt sich:

  • Bei Experimenten mit einer Veränderung des Atem-Musters, wie sie im Rebirthing oder in dem von Grof entwickelten Holotropen Atmens angewandt wird, können sehr schnell sehr tiefe und eigenartige, halluzinationsähnliche Bilder auch aus den tiefsten, psychotischen Schichten ins Bewußtsein kommen und man findet sich vorübergehend in fremden Bewußtseinszuständen wieder.
  • Fieberträume können ungewöhnlich intensiv werden und bei offenen Augen und in teil-wachem Bewußtsein die Realität überlagern.
  • Im Traum sind wir ganz selbstverständlich in anderen Welten eingetaucht, mit anderen und manchmal ständig wechselnden Identitäten.
  • Im Moment eines nicht blockierten Orgasmus sind wir in einem veränderten Bewußtseinszustand, der in der Regel (nicht immer) als lustvoll und ekstatisch erlebt wird.
  • In einem Isolationstank ("Samadhi-Tank") können Fantasien als Realität erlebt werden, weil die realen Reize weitgehend ausgeschaltet sind.
  • In Hypnose kann man Sinneswahrnehmungen, Umwelterleben und die persönliche Identität suggestiv verändern.
  • Wenn jemand einige Tage am Schlaf gehindert wird, stellen sich Halluzinationen im Wachzustand ein - ebenso wenn zwar der traumlose Tiefschlaf möglich ist, die Versuchsperson aber immer geweckt wird, wenn sie träumt.
  • Unter extremem körperlichen, emotionalen und sozialen Streß, wie er z.B. gezielt zur Gehirnwäsche angewandt wird, kann die Identität zerbröckeln.
  • Halluzinogene Drogen können (vor allem in höheren Dosen) unkontrollierbare Bilder erzeugen.
  • Durch tiefe Meditation kommen wir in Kontakt mit trans-realen Erlebnisbereichen.
  • In der Körpertherapie sind wir - vor allem in tief regressiver oder stark energetischer Arbeit - bisweilen in einer anderen Welt.

Dies sind Zustände, die qualitativ einer Psychose ähneln mit dem Unterschied, daß sie relativ kontrolliert sind und nach kurzer Zeit von selbst verschwinden, wenn sich das Ich wieder in seine Lenkungsposition einreguliert hat.

Die Inhalte einer Psychose, die sogenannten "Wahnvorstellungen" sind in den selben Räumen angesiedelt, wie die oben genannten außernormalen Bewußtseinszustände. Sie stammen aus den verschiedensten Landschaften und Tiefenschichten des Unbewußten. Manche Verrückte sind an einer bestimmten Stelle des Unbewußten kleben geblieben, und leben in einer fixen, starren Sonderrealität, die in sich immer gleich bleibt. Andere springen innerhalb weniger Minuten zwischen den Schichten und Orten des Unbewußten hin und her.

Wir sind derzeit noch weit von einer Kartografie des Unbewußten entfernt. Wir wissen weder, wie groß der Bereich des Unbewußten, der grundsätzlich bewußt gemacht werden könnte, überhaupt ist, noch haben wir eine einheitliche Terminologie für die verschiedenen Bereiche zur Verfügung.

Freuds Begriffe reichen biografisch maximal bis in die Zeit zurück, als das Kind schon einige Monate alt war. Der davor liegende Bereich ist der zentrale Inhalt der post-freudianischen psychoanalytischen Erforschung der so genannten "Frühstörungen". Es gibt Hinweise darauf, daß es prägende Einflüsse schon während des Geburtsvorganges und sogar aus der Zeit im Mutterleib gibt. Die traditionelle Medizin lehnt zwar die Möglichkeit einer Erinnerung an die Geburt oder an die Zeit davor ab, weil in diesem Alter die leitenden Nervenbahnen noch nicht myelinisiert  seien. Ich habe jedoch in körpertherapeutischen Sitzungen schon oft Situationen gesehen und auch selbst erlebt, die mich durchaus an die Möglichkeit eines Wiedererlebens von Erfahrungen während der Geburt und im Mutterleib denken lassen.

Wie sich der Bereich, den Jung das "kollektive Unbewußte" nannte, sowie Reichs biologische Reflexe, die im Yoga bewußtseinsfähigen Organfunktionen, Grofs transpersonale Bilder, Dürckheims transzendente Erfahrungen, die Symbole der schamanistischen Naturmystik, Erlebnisse außergewöhnlicher Wahrnehmungs-Sensitivität und die vielen anderen inneren Welten dazu verhalten, ist für die Psychologie heute noch immer ein großes Rätsel. Ich kann hier nur andeuten, daß es natürlich äußerst schwierig ist, in diesem Bereich zwischen "wirklichen" Erfahrungen, Projektionen, hysterischem Aufbauschen und einfacher Einbildung zu unterscheiden.

Das Unbewußte ist ein großes Labyrinth, und nur für bestimmte Ausschnitte dieses Labyrinthes haben wir Wegepläne zur Verfügung. Aber auch diese Karten stimmen in ihrem Abbildungsmodus nicht miteinander überein, so daß wir sehr wenig über die Grenzen, Übergänge und Beziehungen der verschiedenen Abteilungen des Unbewussten zueinander wissen.

Verrückte haben sich in diesen Räumen verirrt, mancher von ihnen ist von den Wundern dieser Räume fasziniert. Während wir in Therapie und Meditation kontrolliert die verzwickten Kellerräume der Psychoe betreten können, die unter dem Wohnzimmer unseres Ich liegen, steht uns im Verrückten der Inhalt dieser Räume ungefiltert in Persona gegenüber. Der Verrückte ist mit Inhalten des Unbewussten identifiziert. Während in dynamischen Therapien ein kontrollierender Ich-Kern gezielt in das Unbewußte eintaucht, sich von Abgewehrtem "im Dienste des Ich" durchdringen lässt und wieder auftaucht, sehen wir in einem Irren eine ganze Landschaft des Unbewußten unmittelbar zum Leben erwacht. Daher trifft den Verrückten die selbe feindselige Abwehr, mit der wir uns auch nach innen gegen die Gespenster verteidigen, in denen wir dem Irren verwandt sind.

Unsere Ausrichtung auf die Normen der Gemeinschaft hat begonnen, als wir zum ersten Mal den Atem anhalten und Muskeln anspannen mussten, um Gefühle zurückzuhalten. Ohne es zu merken, tun wir das auch heute immer weiter. Mit unserer energetischen Körperpanzerung klammern wir uns an den nährenden und strafenden Regeln der Gemeinschaft fest und halten uns überschäumende Emotionen vom Leib.

In der Körpertherapie arbeiten wir daran, den emotionalen Körperpanzer und aufgelöste, verschwommene Ich-Strukturen allmählich in eine flexible Kontaktgrenze umzuwandeln. Dabei kommen wir unweigerlich in Kontakt mit dem Irrationalen. Das neurotischen Gleichgewicht wird destabilisiert, und dann kriegt der Patient (manchmal auch der Therapeut) Angst.

Wenn in der Therapie ein energetischer Stau (ein Abwehrkomplex) berührt wird, der noch nicht bewußtseinsfähig ist, dann empfinden wir Angst und reagieren instinktiv mit einem Fluchtreflex. Es wird uns dann "zu viel", wir "möchten am liebsten wegrennen". In einer solchen Situation verwenden wir alle unsere erlernten Kontrollmechanismen, um die aufkeimende Erregung schnellstmöglich abzutöten:

  • erstarren,
  • in Trance gehen,
  • zum Kind werden
  • hektische Überaktivität,
  • drüber weg reden,
  • intellektualisieren,
  • weglaufen,
  • einen Streit anfangen,
  • einschlafen,
  • krank werden,

 usw..

Diese Situationen erfordern vom Therapeuten großen Respekt und viel Feingefühl. Die Angst vor dem Schatten ist letzten Endes die Überraschung darüber, eine überstarke, ungewohnte, oft ambivalente Erregung zu spüren, verbunden mit unintegrierten Phantasien und Impulsen. Furcht ist ein Signal für eine reale Gefahr. Angst dagegen ist die Scheu vor der Berührung mit dem Abgewehrten. Es ist die Angst vor der Gegen-Welt (innen gefühlt oder nach außen projeziert), die uns signalisiert, wo unser Ich aufhört. Sie ähnelt der Angst vor dem Tod, denn auch im Wahnsinn ist das Ich gestorben (Benedetti).

Dynamische Selbstverwandlung in der Therapie ist eine kontrollierte Destrukturierung und Restrukturierung. Daher kommen wir auch in der Therapie immer wieder in Kontakt mit der Angst vor Destabilisierung oder vor Erstarrung. Es ist das Gefühl, an den Rand der inneren Welt gelangt zu sein, wo die Halt gebende Erde zu Ende ist, und wo wir in das bedrohliche Vakuum des unendlichen Weltalls hinab zu fallen drohen. Wenn der Therapeut genug Sicherheit hat und Halt geben kann, wenn er fürsorglich und behutsam ist, dann kann genau an dieser Grenze entlang Heilung und Erneuerung geschehen. In der Besinnung auf die Gewitter der Gegenwelt liegt die Chance der Transformation.

Das Subjekt in der Psychose

Die Entstehung einer psychotischen Struktur reicht zurück in die eigenartige Zeit, als das Kind noch keine Objekte wahrnehmen konnte, bis in die ersten Lebenswochen, bis zum Trauma der Geburt und möglicherweise weiter zurück bis in den Mutterleib. Das Wesen der Psychose ist uns in dem Maß unverständlich, wie wir uns nicht mehr in die vorsprachliche, vorbegriffliche Realität eines Kindes in diesem Alter hineinversetzen können. Sie ist uns unsagbar fremd. Das psychotische Erleben kann nur umschrieben und angedeutet werden, weil es die Begriffe sprengt. Am besten ist das wohl Gaetano Benedetti gelungen in seinem Buch-Juwel "Todeslandschaften der Seele".

Der Zustand einer Destabilisierung des Ich ist nur schwer einfühlbar. Wir denken, fühlen, erleben ja immer als Ich und objekthaft. Wir können Trauer, Wut oder Schmerz eines anderen Menschen vielleicht nachvollziehen, denn da ist die Dualität zwischen der wahrnehmenden Instanz, dem "inneren Beobachter", dem Ich, und dem wahrgenommenen Inhalt, der "Empfindung", dem Objekt, intakt. Wenn aber das Ich selbst nicht mehr richtig funktioniert, dann geraten wir bei einem ernsthaften Versuch, uns in einen solchen Zustand hineinzuversetzen, in eigenartige Paradoxien.

Versuchen wir es:

Richten Sie jetzt bitte Ihre Aufmerksamkeit einmal ganz auf diesen Text, während Sie ihn lesen. Und nun, während Ihre Augen die Buchstaben und Worte entlanggleiten, verfolgen Sie Ihre Aufmerksamkeit rückwärts nach innen. Suchen Sie denjenigen, der gerade jetzt aufmerksam für den Text ist. Versuchen Sie, ihr Ich-Bewußtsein, also "sich selbst" im Zentrum Ihrer Aktivitäten jetzt in diesem Moment wahrzunehmen. Wo sind Sie genau ? Im Kopf ? Im Bauch? Gar nicht leicht, stimmtÙs? Das kann nicht leicht sein, weil es selbstrückbezüglich ist: das Ich versucht, sich selbst wahrzunehmen. Das ist, als ob eine Netzhaut sich selbst sehen wollte, als ob ein Spiegel sich selbst spiegelte - eine Paradoxie, aber noch nachvollziehbar.

Wie wäre es aber jetzt, wenn alles andere, die ganze Realität, Ihr Körper, sogar Ihre Gefühle weiterhin existierten, aber "Sie selbst", d.h. der Kern Ihres Ich-Bewußtseins, würde diffus, würde beginnen, instabil und unfaßbar zu werden, sich aufzulösen und schließlich gar nicht mehr existieren. Das ist kaum nachvollziehbar, weil unsere Sprache und unser Denken nicht auf die Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt verzichten können. Wenn ich mir vorstelle, daß "ich" (mein Ich) nicht mehr existiert, dann betrachte ich mein Ich in der Phantasie objekthaft aus der Perspektive eines gesunden, stabilen Ich. Darum aber geht es nicht. Was wäre, wenn ich als Sehender,  als der Betrachtende, Wahrnehmende, also "ich selbst", nicht mehr richtig funktioniert, ja aufgelöst, zerstört wäre? Wenn ich mir vorstelle, daß "ich selbst" nicht mehr da sei, dann ist das wie in dem alten Satz: "Ein Kreter sagt, alle Kreter lügen. - eine Paradoxie, eine Selbstaufhebung, eine Absurdität, abwegig und nicht mehr nachvollziehbar. Höchstens im Tod "verschwinden" wir doch - oder?

Wie verwunderlich ist es, daß wir alle einen solchen Vorgang schon erlebt haben, sogar schon tausende von Malen, und wir erleben ihn jeden Abend von neuem. Jeden Abend, wenn wir einschlafen, versickert unser Ich-Bewußtsein allmählich. Nach einer eigenartigen Übergangszeit (der "Einschlaftrance") ist niemand mehr da, der das Versickern bemerken könnte. Und gerade diese Übergangszeit ist für uns interessant, denn hier beginnen Realität und Phantasie zu verschwimmen. Wir schlafen nicht schlagartig ein, sondern wir gleiten allmählich in eine Zwischenwelt, in der unsere Bewußtheit (und damit unsere bewußte Erinnerung) allmählich abnimmt. Danach kommt entweder die völlige Leere und das Vergessen des Tiefschlafs oder die Traumzeit hat begonnen.  Aber im Übergang sind wir "da" und "nicht da" zugleich, in Trance, teilwach in einer Nicht-Welt. Diese Welt ist meist friedlich, man schlummert oder phantasiert etwas schönes, aber qualitativ, strukturell sind wir dem Erleben eines Verrückten hier näher als im Wachzustand.

Versuchen Sie heute abend einmal, bewußt zu erleben, wie Sie einschlafen, während Sie einschlafen. Es wird Ihnen wahrscheinlich nicht gelingen. Aber vielleicht, wenn Sie den Mut haben, es wieder und wieder zu versuchen, erhalten Sie eine Ahnung der Erfahrung von Wachsein im Nicht-Ich. In dem Maße, wie Ihnen das gelingt, können Sie so von innen her, nicht nur verstandesmäßig im Kopf, einen ersten Eindruck von psychotischem Erleben gewinnen. Während des Einschlafens verschwindet allmählich unsere Ich-Identität. In unseren Träumen erlauben wir einer anderen Realität, in uns zu leben, die viel näher am Unbewussten ist, aber um den Preis, daß wir sie hinterher weitgehend vergessen oder nur stark verändert und an unser normales Erleben wieder angepasst erinnern.

Im Traum gehen wir in eine Gegen-Zone, in der die Anteile leben dürfen, die teils schon ewig in den Abgründen des Unbewußten hocken, teils aus Verdrängungen im Alltag stammen. Auch hier eine Paradoxie: Die Traumzone, also ein bißchen Verrücktsein im Inneren, ist der Garant für unsere psychische Gesundheit. Im Traum wird dem Wahnsinn in uns ein Tummelplatz zugeteilt, auf dem er sich bewegen kann, damit das Wachbewußtsein frei davon bleibt.

Wenn aber die Ladung der Primärprozesse zu stark wird, dann erleben wir innere Übergriffe aus der Gegen-Welt z.B. in Form von nicht-realen, angstbesetzten Phantasien. Sie werden vor allem dann akut, wenn das stabilisierende Ich schwach ist, und das ist es mindestens immer beim Einschlafen. Daher haben Menschen in einem präpsychotischen Zustand oft Angst vor dem Schlaf. Sie fürchten zu Recht, wenn sie einschliefen, könnte die Gegenwelt die Herrschaft übernehmen. Daher können sie manchmal 5, 6 oder 10 Tage nicht schlafen, bevor die Psychose ausbricht.

In einer krisenhaften Situation verstärkt aber die Schlaflosigkeit den Druck in der Traumwelt und destabilisiert das Ich weiter. Es gibt eine ganze Reihe von experimentellen Untersuchungen, in denen nicht-psychotische Versuchspersonen zwar den traumlosen Tiefschlaf hatten, aber am Träumen gehindert wurden. (Immer wenn bei ihnen die schnellen Augenbewegungen begannen, der so genannte REM-Schlaf, wurden sie geweckt.) Nach 4-6 Tagen begannen diese (vorher normalen) Personen zu halluzinieren. Ein Teilnehmer der Untersuchung öffnete z.B. seine Schreibtischschublade und sah plötzlich Flammen herausschlagen. Wenn die Traumwelt ihren Platz nicht im Schlaf haben darf, entsteht im Unbewußten eine Überladung, und die Primärprozesse greifen auf das Tagesbewußtsein über. Man wird sozusagen unkontrolliert verrückt, weil man nicht begrenzt verrückt sein darf. Wenn man einmal nur die Gegenwart betrachtet und die biografische Vorgeschichte beiseite lässt, könnte man sagen, daß eine Psychose durch einen Mangel an Träumen entsteht: Die Traumwelt fordert ihr Recht. 

Näher noch am psychotischen Bewußtseinszustand sind jene „luziden“ Momente im Traum, wenn man plötzlich merkt, daß man träumt. Das Erleben, bewußt in einer fremden, irrealen, inneren Welt zu sein, quasi in der "Matrix" zu stecken, ist so bedrohlich, daß man meistens ziemlich schnell aufwacht. Luzides Träumen ist dem psychotischen Erleben schon sehr nah. Der Entscheidende Unterschied ist aber, daß ein intaktes Ich sich in einer Traumwelt bewegt. In der Psychose bewegt sich ein zerstörtes Ich in der Realität.

Im Zustand der Verrücktheit wird man oft wieder zum Kind, allerdings zu einem sehr kleinen. In den ersten Lebenswochen war noch alles eins. Es gab weder Ich noch Welt, weder dieses noch jenes Objekt. Statt einer Welt gab es (mit erwachsenen Begriffen gesprochen) nur ein strukturloses, zeitloses Chaos von Eindrücken. Am Anfang war das Chaos. In der Zeit vor der Objektkonstanz ging noch alles dauernd in alles über, einschließlich dem "Ich selbst". Säugling erfassen wahrscheinlich zuerst überhaupt noch nicht, daß der Kinderwagen, in dem sie jetzt liegen, der selbe ist, wie das, was sie gerade noch von außen gesehen haben. Sie leben im ewigen Jetzt ohne Konstanz über die Zeit und über den Raum. Daher wechseln auch ihre Stimmungen so phänomenal schnell. In einem Augenblick weinen und schreien sie - im nächsten Moment glucksen und lachen sie schon wieder. Ihre Identität wechselt ständig wie im Traum. In dieses frühe, strukturlose Welterleben fällt der Irre zurück. Seine Welt ist ohne Konstanz der Objekte und des Ich, ohne Halt. Das kann manchmal faszinieren, aber meistens macht es unsagbare Angst.

Die Wand zwischen Bewußtem und Unbewußtem ist auch bei uns „Normalen“ dünner als wir gerne glauben möchten. Der Wahnsinn ist uns näher als wir denken. Schon ein paar Minuten tieferes Atmen, wie es z.B. im GrofÙschen Holotropen Atmen angewendet wird - und die Mauer bröckelt. Es ist erstaunlich, welche an sich geringfügigen Veränderungen unserer gewohnten Muster schon einen Kontakt zum Trans-Realen herstellen können. Haben Sie Lust auf ein Experiment? Dann verbringen Sie einmal eine Nacht ganz allein und im Dunkeln im Wald. Sie werden sehr schnell kommen, die Dämonen, die Ängste und Traumbilder, die vergessenen Gefühle, die erschreckenden Fast-Halluzinationen bei jedem Knacken, deren Beherrschung und Abspaltung offenbar von so zerbrechlichen Umständen abhängt, daß ein paar Stunden allein außerhalb unserer gewohnten Umgebung sie schon emporholen können.

Die Entstehung der Abwehrwand verdanken wir einer Reifung und Erziehung, die von dem Chaos der unendlichen Wahrnehmungen und Impulse, deren wir fähig sind, nur ein ordentliches Maß übrig lässt. Ist die Wand zu dick, werden wir starr und gefühllos (zwanghaft). Ist sie zu dünn, werden wir überflutet und panisch (paranoid). Bricht sie, verlieren wir den Boden unter den Füßen, dann sind wir verrückt. Die ambivalente Funktion der Mauer, ihre Entstehung und ihr Zerbrechen ist von der Gruppe Pink Floyd in ihrem alten Film „The Wall“ sehr mitfühlbar dargestellt worden.

Die Existenz und das lebendige Funktionieren einer Fernhaltungsfunktion, der "Verdrängung" als Voraussetzung für einen sachlichen, nüchternen Realitätskontakt, in dem man auf dem Teppich bleibt, ist überlebensnotwendig. Ich wage es kaum, den Begriff "Gesundheit" in den Mund zu nehmen (schauen Sie nur mal in die Schlafzimmer der Glücklichen, die immer so gewinnend lächeln, oder schauen Sie sich ihre Kinder an), aber ich weiß, daß der Wahnsinn die Verrückten zeitweise orientierungslos und hilflos macht und schnell existenzbedrohend werden kann.

Das, was in einer Psychose hochkommt, ist für den Betroffenen im Moment wahr. Indem das, was er vorher für Realität gehalten hat, zerbricht, geht er in eine eigene, subjektiv realere Wirklichkeit über. Die innere Welt stülpt sich über die äußere. Sie ist durch ihre Ladung so eindrücklich, daß sie als wahrer erlebt wird, als die normale Welt. Die Psychose ist wie die umfassende Tiefe eines archaischen Schreis gegen ein bloßes Wort, wie die höhere Dimensionalität eines surrealistischen Gedichtes gegen eine deskriptive Beschreibung, es ist die Entfesselung eines unkontrollierbaren Untergrundes, der durch den Kopf geht, die die Verrückten von der Normalität abhebt. Die Dinge der Realität in ihren chaotischen Bedeutungen springen den Irren an. Der Deich ist gebrochen, der Block ist gerissen, die Grenzen verschwimmen, es gibt keine Sicherheit mehr.

Es ist die Pathologie einer Ich-Zerstörung (Benedetti), aber auch die wunderbar-schreckliche allerfrüheste Erfahrung der All-Einheit, die orgonomische Empfindung des Nicht-Dualismus, die dem Verrückten in den Kopf schießt. Zen-Anhänger haben es erlebt, nachdem sie sich jahrelang in den Autismus der Meditation zurückgezogen haben. In dem Augenblick, den sie idealisierend als „Erleuchtung" bezeichnen, löst sich das Ich auf und alles ist eins. Die sozial-kulturell integrierbare Erfahrung von Einheit mit einem All-Geist produziert Religionen. Die hilflose, spontane, als Überflutung erlebte Erfahrung des Wahnsinns erzeugt soziale Ausgrenzung.

Der Irre spürt seinen Wahnsinn nicht als etwas Fremdes, das er unter Kontrolle halten müsste. Die „Transzendenz als Erfahrung“ (Dürckheim) ist ihm unmittelbar Realität. Oder wie ein Verrückter einmal zu mir sagte: "Die anderen sind dicht - ich bin leck." Aus dem tiefsten Innern, aus der rätselhaften Welt des Unbewußten hat der Tsunami der Traumzeit, des "Nagual" (Castaneda) die Herrschaft übernommen.

Gegenüber dem Wildwasser der unkontrollierten Erfahrung transzendierter Realität wird der Begriff der objektiven Wirklichkeit zu einer Versperrung des Verstehens. Diese Versperrung passiert jedem Irren unvermeidlich. Keiner, der normal bleibt, kann einem Irren durch die Abwehrwand hindurch folgen. Was die Irren herausplatzen, davor müssen wir (manchmal mürrisch aber in Sicherheit) unser Großhirn schützen.

Im schizophrenen "Schub" wird Energie verschleudert. Sie verpufft unkontrolliert. Hinterher setzt oft eine Periode von Depression und Kraftlosigkeit ein. Dieser Zyklus von Unterdrückung, Stauung, Entladung und Leere kann sich mehrmals oder immer wieder wiederholen, solange das Unlebbare nicht angenommen und integriert ist. Dennoch greift der Begriff von Wahnsinn als "Krankheit" zu kurz. Wahnsinn ist ein rasender Versuch der Integration, ein Versuch, die Realität wieder heil zu machen - ein Versuch, der scheitern muss.

Die Betrachtungsweise der Schizophrenie als Krankheit hatte historisch einmal ihren positiven Sinn gegen das im letzten Jahrhundert noch übliche Moralisieren und Kriminalisieren. Der Irre wurde medizinisiert und damit ent-schuldigt: "Der kann doch nichts dafür, der ist eben krank." (Auf die selbe Weise und mit dem selben Effekt wurden ja aus Alkoholikern die sogenannten "Alkoholkranken".) Sind die Verrückten aber erst einmal als "Gehirnkranke" erfaßt, sehen sie sich der Selbstverantwortlichkeit für ihr Leiden enthoben. Dann können und müssen sie die für sie vorgesehenen medizinischen und sozialen Interventionen über sich ergehen lassen. Da praktisch niemand ihr subjektives Leiden verstehen und annehmen kann (noch nicht einmal sie selbst), und jeder versucht, ihnen einzureden, woran sie eigentlich leiden müssten, da sie ja selbst nicht wissen, was mit ihnen los ist, und da es keinen gibt, der ihnen glaubhaft einen Weg aus der Hospitalisierungs-Drehtür nennen kann, beginnen sie häufig selbst ganz gern, die resignative Vererbungs-Hypothesen zu teilen, nach der sie unter einer angeborenen Störung des Hirnstoffwechsels leiden. Es entsteht Krankheitseinsicht - aber es stirbt die Selbstverantwortung. Der Wahnsinn ist in das Psychiatrie-System eingepackt und wird darin verwaltet.

In die Köpfe vieler Psychiatrie-Arbeiter ist mit konservativer Hartnäckigkeit der (vollkommen unbewiesend, aber dennoch handlungssteuernde) Gedanke eingedrungen, Schizophrenie sei irgendwie, zumindest unter anderem "anlagebedingt", d.h. erblich und daher unveränderbar. Es wird immer wieder auf angebliche Zwillingsuntersuchungen verwiesen, die das beweisen sollen, d.h. Fälle, wo eineiige Zwillinge unter unterschiedlichen Bedingungen aufwachsen und trotzdem beide schizophren werden. Was glauben Sie, wie viele solche Fälle tatsächlich in der Literatur beschrieben sind? Es sind genau 2 (!) Fälle (Foudraine: "Schizophrenie und Familie").

Für die These, die sogenannten "endogenen Psychosen" (Schizophrenie und manisch-depressive Psychose) seien Störungen des Hirnstoffwechsels, also Krankheiten im medizinischen Sinne, gibt es bis heute nicht den Schatten eines wissenschaftlichen Beweises. Als Argument wird gern angeführt, daß bestimmte Medikamente (Neuroleptika) gegen Psychosen helfen, also müsse die Ursache im Gehirnstoffwechsel liegen. Nun kann man natürlich alles mögliche medizinisch beeinflussen, ohne daß auf der organischen Ebene befriedigend eine Kausalität festzustellen wäre. Die Wirksamkeit der Neuroleptika beweist gar nichts, dient aber "zufällig" der Pharmaindustrie. Einige Psychiater wedeln gern mit der Stoffwechsel-Hypothese herum, um ihr Zuständigkeitsmonopol als Mediziner herauszukehren und ihre therapeutische Resignation zu kaschieren. Bleuler dagegen hat es noch zugegeben, daß das Wort "endogen" nichts anderes bedeutet als: "von unbekannter Entstehung".

Der Irre im Feld

Wie wirkt es sich in einem Feld von sozialen Beziehungen aus, wenn jemand ausflippt?

Was den Verrückten in seinem eigenen subjektiven Erleben fertigmacht, ist:

  • die Angst vor dem Schrecken, der aus der Tiefe kommt,
  • die Schlaflosigkeit - herumzurennen, wenn alle anderen schlafen,
  • die Einsamkeit - keiner versteht ihn in seiner Absonderlichkeit,
  • die distanzierte oder repressive Reaktion der Umwelt.

Würden die anderen (wir!) mit dem Verrückten in Kontakt bleiben, und das heißt vor allem: in gefühlsmäßigem Kontakt, dann würden wir früher oder später mit ihm zusammen verrückt. Wir müssen unseren eigenen unbewußten Wahnsinn abwehren durch Ausgrenzung, durch Vermeidung von Kontakt mit dem Irren. Jetzt hat der Irre zwei Probleme: Er muß mit seinem Wahnsinn fertig werden und mit der Feindseligkeit der Umwelt, die ihn und seine Seltsamkeit ausgrenzt.

Je mehr bestimmte innere Räume und spezielle Lebensweisen gesellschaftlich als unakzeptabel definiert sind, und je mehr eine soziale Kontrollmacht aufgefahren wird, um die Einhaltung der Normalität zu gewährleisten, umso mehr wird Wahnsinn als destruktiv einsortiert. Bei manchen Verrückten führt erst die soziale Ausgrenzung zur Lebensunfähigkeit. Ausgrenzung (meistens als Behandlung getarnt) ist oft gar nicht erforderlich. Wie sonst hätte es in Italien möglich sein können, in den 70er Jahren nach dem legendären "Gesetz Nr. 180", mit dem die Anstaltspsychiatrie abgeschafft wurde, selbst "schwer chronisch Schizophrene" manchmal allein durch soziale Maßnahmen wieder in die Gemeinschaft zu integrieren?

Eine psychische Krise bringt immer die sozialen Beziehungen aus ihrem Gleichgewicht. Der Verrückte provoziert mich - aber ich kann ihn nicht verstehen. Er bringt mich in eine Situation, wo ich handeln muß - aber was ich auch tue, er macht es kaputt. Ich werde hilflos, aber ich habe die Verantwortung - er ist ja verrückt! Es entsteht eine Beziehungskrise. Der Verrückte erzeugt eine Aura von verrückten Reaktionen in seinem Umfeld, die ihn wiederum noch verrückter machen.

Normalerweise herrscht in Beziehungen ein Gleichgewicht von Geben und Nehmen, eine Homöostase von gegenseitiger Unterstützung und Belastbarkeit. Wenn jemand verrückt wird, gerät dieses System aus den Fugen. Der Verrückte fordert nur noch und gibt nicht mehr das, was man von ihm gewöhnt war. Partner, Eltern, Kinder, Freunde, Kollegen fühlen sich nach kurzer Zeit genervt, brüskiert und provoziert. Im günstigsten Fall versuchen sie, eine Zeit lang geduldig und verständnisvoll gegenüber der Unerreichbarkeit und den eigentümlichen Handlungen des Verrückten zu sein. Der Irre aber kann ihnen kein Verständnis entgegenbringen, er ist aus den sozialen Bezügen herausgefallen und als die Person, die man kannte, verschwunden. Der Schock, den es z.B. für einen Ehepartner bedeutet, wenn ihn aus seit Jahrzehnten bekannten Augen plötzlich eine fremde Person anschaut, ist kaum zu ermessen. Sehr bald kommt der Punkt, wo es dem sozialen Umfeld "einfach reicht", wo man nicht mehr kann. Die Angehörigen, und in den allermeisten Fällen nicht die Betroffenen selbst, treten dann an Einrichtungen als Hilfesuchende heran.

Um die schier unlösbaren Schwierigkeiten zu verdeutlichen, in die man kommt, wenn in der nächsten Umgebung plötzlich  jemand irre wird, möchte ich ein Fallbeispiel einer psychotische Krise darstellen, den ich in ähnlicher Form viele Male miterlebt habe.

Versetzen Sie sich mal in die beschrieben Situation und fragen Sie sich:

  • In welche Konflikte kommen Sie?
  • Was würden Sie spontan am liebsten machen ?
  • Was könnten Sie nach reiflicher Überlegung tatsächlich tun ?

Fallbeschreibung:

Sie leben als junge/r Student/in in einer Wohngemeinschaft. Mit einer Mitbewohnerin, die eigentlich alle gern mögen, ist etwas los. Angefangen hat es vor etwa 2 Wochen. Sie war aufgedreht, als hätte sie übermäßig viel Kaffee getrunken. Sie hat immer weniger geschlafen - die letzten 6 Tage überhaupt nicht mehr.

Jetzt redet sie praktisch ununterbrochen vor sich hin und ist schon ganz heiser. Teilweise sind es wirklich tolle und tiefe Gedanken, die wie Gedichte klingen, teilweise redet sie unverständliches Zeug. Sie spricht zum Beispiel mit Gott und meint, sie müsse das himmlische Königreich auf Erden verkünden, indem sie auf die Straßen geht und den Leuten ihre Liebe gibt. Teilweise fühlt sie sich toll, euphorisch. Sie ist unentwegt in Bewegung. Manchmal kommen ihr plötzlich Einfälle wie z.B. daß sie jetzt sofort nach Rom fliegen muß, um dort ein Konzil abzuhalten. Auf dem Flughafen wäre sie um ein Haar in die Psychiatrie eingewiesen worden, weil sie erzählt hat, sie sei die Mutter Gottes und nur sie könne die Welt vor dem Untergang retten. Im letzten Moment hat sie jemand aus der WG dort abgeholt.

In der letzten Woche hat sie schon über 1000,- ? ausgegeben, z.B.  ist sie nächtelang mit dem Taxi kreuz und quer durch die Stadt gefahren.

Mehr und mehr hat sie Angstgefühle. Zeitweise ist sie sicher, daß sie die letzte Überlebende eines Atomkriegs sei, und daß alle anderen Menschen schon tot seien. Dann redet sie andere Menschen als Geister an. Dann wiederum sieht sie vor dem Haus riesige Wölfe herumlaufen, und nichts auf der Welt kann sie überzeugen, daß die nicht da sind. Sie meint, sie habe den bösen Blick und jeder, den sie ansieht, müsse sterben.

Wenn man aufpasst, kann man sie durchaus davon abhalten, irgend einen Unsinn zu machen. Wenn man eindringlich mit ihr redet, kann man sich für einen Augenblick recht klar mit ihr verständigen. Manchmal ist sie sogar plötzlich wieder "normal" und lacht über sich selbst und ihre "komischen Ideen". Aber dann geht es wieder los.

Da in ihr Jesus wiedergeboren sei, sagt sie, brauche sie nicht mehr zu essen. Gestern hat sie das Zimmer einer Mitbewohnerin "aufgeräumt" und dabei ihren Führerschein zerrissen, um sie „zu befreien". Dann hat sie einen Stapel ihrer Schallplatten aus dem Fenster geworfen und dabei lauthals gesungen. Vorhin hat sie Ihnen eine Ohrfeige gegeben und Sie dabei mit dem Namen ihres Bruders angebrüllt. Dann wollte sie nackend auf die Straße rennen. Währenddessen redet sie pausenlos. Um zu beweisen, daß sie keine Schmerzen mehr fühlt, wollte sie sich eben mit einer Schere ins Bein stechen ...

 

Wie kann man sich in einer solchen Situation verhalten, ohne etwas verkehrt zu machen? Sie werden unweigerlich in eine Beziehungskrise verwickelt und müssen reagieren, ohne daß Sie lange nachdenken können. Die Beziehung mit einem Verrückten wird im Handgemenge gestaltet. Das Umfeld versucht normalerweise, eine solche Krise zu bewältigen durch:

  • Individualisierung: "Das ist Dein Problem, damit hab ich nichts zu tun."
  • Schuldzuweisung: "Da bist Du selber Schuld." "Du bist sowieso an allem Schuld."
  • Pathologisierung: "Du bist krank."
  • Ausgrenzung: "Du mußt hier weg."
  • Delegation: "Da muß sich ein Psychiater/Therapeut/die Polizei drum kümmern."

In diesen Bewältigungsversuchen werden unter anderem wechselseitig abhängige Ganzheiten sowie gewachsene und eskalierte Beziehungsverwicklungen kognitiv zerschnitten. Tatsächlich bewegen sich der Irre, seine Familie, seine Kollegen, sein Umfeld - die normale Gesellschaft und der Wahnsinn ja in einem lebenden, ganzheitlichen System von Wirkungen/Rückwirkungen. Wenn man genau hinschaut, ist es manchmal gar nicht so leicht, festzustellen, wer eigentlich verrückt und was normal ist.

Erst durch das Zerhacken der Wechselwirkungen eines Beziehungssystems durch "willkürliche Interpunktion" (Selvini-Palazzoli) kommt man zu einer scheinbaren Ursache, die dann die Wirkung „Wahnsinn“ hervorzubringen scheint (Ursache ist dann z.B. "die Familie", die das Kind verrückt gemacht hat). Auf die selbe Weise kommt  man überhaupt erst zu der Definition einer Person als Krankheitsträger, als „der Verrückte“ in einer „normalen“ Gesellschaft. Das mechanische, atomisierende Weltbild trägt dazu bei, verrückt zu machen, weil es isoliert was zusammengehört, ebenso die pathologisierende Sprech- und Denkweise: "Psychose", "Störung","Krise" usw. auf die wir aber kaum wirklich verzichten können.

Es gibt Kulturen, in denen die selben Symptome, die bei uns den psychiatrischen-juristisch-pharmazeutischen Apparat in Gang bringen, als Zeichen der Berufung zu einer sozial integrierten und mit hohem Status versehenen Funktion des Heilens und Beratens verstanden werden. Wenn jemand dort von der "Schamanenkrankheit" befallen wird (die sich in nichts von einem schizophrenen Schub unterscheidet), dann tritt ein von Generation zu Generation weitergegebenes Arrangement der Ausbildung und Kultivierung transzendenter Rituale in Aktion. Die Erscheinungen einer chronifizierten Psychose, die Depression und die Erstarrung nach dem Schub, bleiben dort weitgehend aus. Am Ende dient der Betreffende als "Zauberer" der Gemeinschaft. Die Verrückten als Verkünder der Wahrheit, die Kranken als Heiler - wer ist hier eigentlich verrückt?

Der Irre und ich

Was bei einem Psychotiker an "Wahnvorstellungen" herauskommt, ist in der Qualität jedem Menschen bekannt. Wir kennen fast alles aus unseren Träumen und Phantasien. Es sind all die Impulse, die wir kontrollieren und gelegentlich wegschieben müssen. Während der Zustand des Ich-Verlustes praktisch unverständlich ist, sind die Inhalte, die in der Geisteskrankheit nach oben kommen, sehr bekannt. Jeder hat sie. Der seit Jahren boomende Markt für Fantastische Literatur und Fantasy-Filme weist darauf hin, daß die Gemeinschaft Kanäle für ihre Verrücktheit braucht - verfilmte Träume.

In der Psychose realisiert sich der "Schatten". Der Verrückte agiert die verdrängten Anteile des normalen Bürgers. Im Kontakt mit akut Verrückten werden eigenen unterdrückten Fantasien und Impulse angesprochen und in Resonanz versetzt. Man fühlt das entweder als Faszination oder als Angst, meistens als beides zugleich.

Vielen akut Verrückten kann man nichts vormachen. Für sie sind wir aus Glas. Wie ein Kind durchschauen sie Täuschungsmanöver mit "Kinderaugen". Man kriegt nur Kontakt zu ihnen durch radikale Ehrlichkeit, so weit man dazu in der Lage ist. Lügen, Vertuschen, Vermeiden, Beschönigen und Verschleiern einem Irren gegenüber ist eine Form von Gewalt. Es erzeugt früher oder später Gewalt von seiner Seite.

Ein Irrer ist in der Regel nicht ungezielt oder grundlos aggressiv. Entgegen einem verbreiteten Vorurteil sind Verrückte nicht aggressiver oder gefährlicher als andere Menschen, sofern man es schafft, sie so sein zu lassen, wie sie sind (was manchmal fast unmöglich scheint). Auch wenn man es vielleicht im jeweiligen Moment nicht versteht: die Aggressionen eines Menschen, der gerade ausrastet, sind oft ziemlich gezielt und dosiert. Häufig reagiert er auf aktuelle oder vorherige Manipulation oder subtile Feindseligkeiten.

Auch wenn ich hier so wissend schreibt: Ich verstehe ziemlich häufig Verrückte auch nicht. Weniger weil mir Wissen oder Erfahrung fehlt, sondern weil meine Einfühlung behindert ist durch Vorurteile, Konzepte und Rezepte. Zum Beispiel kann ein zu kurz gegriffener Materialismus (z.B. "Es gibt keine Gespenster, punktum!") dazu führen, daß ich nicht verstehen kann, wie es für jemanden eben doch Geister gibt. So geht es auch mit dem schematischen Umgang mit diagnostischen oder psychoanalytischen Begriffen. Wenn ich meinem scheinbaren Expertenwissen aufsitze, dann stehe ich mit Glasaugen dem Fremden gegenüber, und muss krampfhaft mein Unverständnis und meinen Unglauben verbergen.

  • Was die Normalen an den Verrückten verrückt macht, sind abgewehrte Teile ihrer selbst.
  • Was in den Verrückten verteidigenswert ist, ist das Lebensrecht unserer eigenen unangepassten Gefühle und Phantasien.
  • Faszination vom Wahnsinn ist ein Kokettieren mit der eigenen Verrücktheit.
  • Haß gegen Verrückte dient der Verteidigung der eigenen psychischen Stabilität.
  • Unverständnis für Verrückte dient der Abwehr der eigenen unerträglichen Seiten und dem Schutz unserer sozialen Lebensfähigkeit.

An unseren unbewußten Motiven zu "helfen" packt uns der Irre und zieht uns in die Falle, in der er selber sitzt. Er vermittelt gleichzeitig:

  • "Ich leide ..." und "... ich fühle mich toll."
  • "Ich bin verrückt, Du hast die Verantwortung..." und "... ich bin der Normale, Du bist der Verrückte."
  • "Du mußt unbedingt etwas für mich tun ...", "... aber ich lasse mich auf nichts ein!"

Wer sich die Verantwortung delegieren lässt, wird hilflos oder repressiv. Man kann Gefühle von Hilflosigkeit als Indikator dafür nehmen, wie weit man sich unterschwellig Verantwortung hat delegieren lassen. Wenn man nur die Verantwortung dafür übernehmen will, daß dem Irren nichts an Leib und Leben geschieht, dann sitzt man schon in der Falle. Jeder, der das schon einmal versucht hat, wird das bestätigen.

So lange wir im Dienste unseres Narzißmus im Umgang mit Verrückten nach Bedeutung, Erfolg und Effekt streben, liegt im Nichts-Tun-Können die Gefahr einer Krise unseres Selbstwertgefühls. Wenn wir, die Fachleute, nichts tun können, versinken wir in Bedeutungslosigkeit. Dann fühlen wir uns manchmal gezwungen, etwas zu tun, wo wir nichts tun können oder sollten. Unsere Ohnmachtsgefühle können wir mystisch wegbannen mit einem System von Einrichtungen, Tarnmanövern und Ritualen. Aber hinter diesen Ritualen und Rollenzuweisungen verschwindet uns der Kontakt zum anderen Menschen als Du, als Einer-wie-ich. Aber ohne solche Rituale würden wir gemeinsam im Chaos rotieren ...

Wie bleibt Hilfe menschlich?

Manche psychotischen Krisen könnten durchlebt werden "wie eine Grippe" (Basaglia), wenn es möglich wäre, dem Betroffenen einen stabilen, dauernden Kontakt mit einigen wenigen Menschen anzubieten, die ihn verstehen und die er mag. Sie müssen bei ihm bleiben, auf ihn aufpassen und ihn emotional "halten", denn psychisch ist der Irre wie ein Baby.

Die Hände und Arme, die Ohren und Augen und Herzen, vor allem aber die einfache, wirkliche Anwesenheit von Freunden könnte eine Alternative zu Gittern, Zwangsjacken und Psychopharmaka sein. Kontakt kann Angst kontrollieren. Dann könnte der Irre durch die schreckliche Leere/Überflutung gehen, sterben und wiedergeboren werden. Eigentlich wäre eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung bei einer psychotischen Krise das Mittel der Wahl. Aber das ist in den meisten Fällen, vor allem längerfristig, praktisch gesehen einfach nicht zu leisten. Ein akut Verrückter bräuchte ein Team von 5 bis 10 Leuten, damit immer jemand bei ihm sein kann, und die sind nach zwei Wochen mit Sicherheit fix und fertig. Aber gelegentlich reicht auch schon weniger, nur ein paar Stunden da sein, oder ihn im richtigen Moment in den Arm zu nehmen. Es gibt viele Verrückte, die nie eine Klinik von innen sehen, weil sie nie übermäßig auffällig werden, und weil ihr soziales Umfeld sie akzeptiert. Früher hatte jedes Dorf seinen "Deppen".

Für professionelle Helfer ist es notwendig, sich und den anderen die zeitlichen und psychischen Grenzen ihres Hilfsangebots klarzumachen und diese Grenzen auch dem Hilfsbedürftigen gegenüber eindeutig zu benennen. Mit konfluenter Überbetreuung und Dauer-Verfügbarkeit ist niemandem gedient, denn damit laugt man sich nur aus. Wenn man sich überfordert fühlt (was irgendwann unweigerlich passiert), kommt es leicht zu Überschusshandlungen oder zu aggressiven Entscheidungen. Auch wenn es schmerzhaft für beide ist, muß man ab einem bestimmten Punkt deutlich "nein" sagen und sich abgrenzen.

Helfer können durchaus auf der Grundlage freier, selbstverantwortlicher Vereinbarungen arbeiten. Der Verrückte hat das Recht, "wirr" zu sein und sich gegen Behandlung und Befragung zu wehren. Der Irre verliert nie ganz die Entscheidungsmöglichkeit, weiter verrückt zu sein oder etwas dagegen zu tun indem er an sich arbeitet (ebenso wie ein Drogenabhängiger die Entscheidung hat, weiter Drogen zu gebrauchen oder nicht). Weder Wahnsinn noch Sucht zerstört die Fähigkeit zur Selbstverantwortung völlig. Wer in einem klar begrenzten Rahmen Unterstützung bietet, kann mit der Kraft und dem Willen des Betroffenen arbeiten, nicht mit seiner eigenen. Er macht ein begrenztes Angebot – der Irre kann es annehmen oder ablehnen.

Wer sich dafür hergibt, den Betroffenen zu manipulieren oder ihm die Verantwortung für sein Leben abzunehmen, treibt ihn immer weiter in die Regression des Versorgungssyndroms hinein. Es ist eine Frage der persönlichen oder institutionellen Selbst-Definition, ob man bereit ist, gesellschaftliche Ordnungsaufgaben zu übernehmen oder nicht. Wer in einer Klinik oder beim Sozialpsychiatrischen Dienst arbeitet, steckt in einem System, das ihm Handlungsnotwendigkeiten vorgibt, die aber keineswegs immer gut für den Verrückten sind.

Wer in einer Institution arbeitet, die bezahlt soziale Kontrollfunktionen übernimmt, der kommt nicht darum herum, Zwang und Kontrolle auszuüben. Dies wird häufig verschleiert oder durch die klinischen Begriffe der Helfer-Sprache beschönigt. Psychiatrische Zwangsmaßnahmen setzen die persönliche Entscheidung des Helfers voraus, sich die Verantwortung für das Geschehen anzueignen. Vor allem die Entscheidung, wo man arbeitet, programmiert die Funktionen, die man dann wohl oder übel übernehmen muß. Hinterher kann man leicht alle Begrenztheit und Repressivität seiner täglichen Arbeit und Arbeitsumwelt mit den unausweichlichen Zwängen der Institution rechtfertigen, in der man arbeitet. Nicht selten müssen vorab die Höhe des Einkommens und die Stabilität des Arbeitsplatzes gegen die Festigkeit der eigenen Überzeugungen abgewogen werden. Wenn man erst mal ein paar Jahre in einer Institution arbeitet, übernimmt man unmerklich die institutionelle Sichtweise, sonst kann man in ihr nicht überleben.

Eine Zwangseinweisung in eine Klinik ist ein schwerer Eingriff in die Persönlichkeitsrechte, der häufig in keinem Verhältnis zum Anlaß der Einweisung steht. Zwangseinweisungen werden oft leichtfertig aufgrund relativ harmloser Vorkommnisse vorgenommen, ohne zuvor ernsthaft nach anderen Lösungen zu suchen (wozu der Einweisende nach dem Unterbringungsgesetz eigentlich verpflichtet ist). Eine Einweisung kann schwere Gesundheitsschäden durch Behandlungsfolgen zur Folge haben. Es ist vielleicht nicht jedem bekannt, daß es in der Psychiatrie heute immer noch Elektroschocks, Zwangsjacken und Isolationsräume gibt. Auch Mißhandlungen durch Pflegepersonal kommt vor, und auch innerhalb der Klinikmauern begehen immer wieder Patienten Selbstmord. Da - nach psychiatrischer Sicht - der akut Verrückte nicht in der Lage ist, einen eigenen Willen zu bilden, können seine Wünsche ignoriert werden. Er kann gegen seinen Willen festgehalten werden. Er kann zu Medikamenten überredet werden, ja sie können ihm auch zwangsweise verabreicht werden. Vor den Klinikmauern enden die Menschenrechte. Andererseits erledigen die Kliniken das, was sich die soziale Gemeinschaft (die Familien, die Freunde und Kollegen) vom Hals schaffen wollen und oft müssen.

Ich möchte einem Irren keine Medikamente aufschwatzen. Ich halte ihn aber auch nicht davon ab, welche zu nehmen, wenn er das will. Es ist seine Entscheidung (oft keine leichte) ob er Medikamente nimmt oder nicht, wann, welche, wie viel, wie lange. Er braucht dazu Informationen über Wirkungen, Nebenwirkungen und Alternativen und ein nicht-manipulatives Verständnis. Er kann sich im Voraus absichern, indem er "im Zustand des unangezweifelten klaren Verstandes" eine Patientenverfügung bei Freunden hinterlegt, wie mit ihm im Falle einer Psychose oder einer Klinikeinweisung verfahren werden soll. Er kann vertraute Personen per Vollmacht beauftragen, in diesem Fall seine Angelegenheiten zu regeln.

Die Integration der Verrückten in die Gesellschaft, damit die Integration der Traumwelt in die Normalität, würde die sozialen Beziehungen und Normierungen der Gesellschaft verändern, setzt aber diese Veränderungen gleichzeitig auch voraus. Ehemals gut gemeinte Reformeinrichtungen der Alternativ-Psychiatrie (therapeutische Wohngemeinschaften, Krisendienste, Kontaktzentren) werden mehr und mehr eingefangen von der Logik der Verwaltung scheinbaren Geldmangels. (Die Gesellschaft ist nicht arm, der Reichtum ist nur drastisch ungleich verteilt. Denken Sie mal an Bill Gates.)

Der Glaube, durch Delegation an Therapeuten oder Mediziner der Wahnsinnsschicht unserer Gesellschaft beizukommen, ist eine hoffnungsvolle Illusion des Therapiezeitalters. Eigentlich ist die Individualisierung des Wahnsinns nur eine neue Form des mechanischen Schuld-Denkens und der Ideologie des individuellen Glücks: "Du könntest ja auch mal bei Dir selber gucken ... alle Probleme sind nur in Deinem Kopf."

So lange die Gemeinschaft nicht anders kann, als repressiv und ausgrenzend miteinander umzugehen, wird es weiter Leute geben, in denen sich die paradoxe Klammer aus Repression und Haltlosigkeit sprengt, die daran "ausrasten". Wer tief in sich hineinschaut, kann beides in sich entdecken: den Verrückten und den Wunsch, ihn wegzumachen.

Das heißt aber nicht, daß es nicht sinnvoll für Verrückte sei, Therapie zu machen. Das Problem ist die Therapiemotivation. Ich kenne keinen Verrückten der ernsthaft und langfristig bereit wäre, seinen Wahnsinn therapeutisch zu bearbeiten. Natürlich gibt es Irre in Therapie – aber woran arbeiten sie? Der Wahnsinn wird oft kaum thematisiert und noch weniger therapeutisch angegangen. Nicht nur, weil es dafür kaum psychotherapeutische Konzepte gibt, sondern auch, weil die Verrückten das gar nicht wollen bzw. können. Das ist das ungelöste Grundproblem. Wir Therapeuten haben offenbar den Schlüssel noch nicht gefunden. Derzeit ist alle Psychosen-Pschotherapie nicht viel mehr als ein Experimentieren.

Psychosen sind wohl hauptsächlich deshalb therapieresistent, weil in den derzeit üblichen therapeutischen Settings in dem Moment, in dem die Therapie die Psychose berührt (und das heißt: aktiviert), das therapeutische Bündnis zusammenbricht. Das erwachsene Ich des Klienten, mit dem der Therapeut Vereinbarungen geschlossen hat, ist nicht mehr vorhanden. Der Klient akzeptiert keine Grenzen und keine Abmachungen mehr, er ist nicht mehr zu bremsen und nicht mehr zu erreichen. Er agiert zuerst wie ein un-erzogenes Kind, dann bleibt er aus der Therapie weg. Oder er brabbelt in den Sitzungen nur vor sich hin. Manchmal ist er wieder erreichbar, wenn die akute Psychose vorüber ist oder medikamentös hinuntergedrückt wurde, und dann ist er wieder kooperativ. Aber dann erreicht die Therapie wieder nur die „neurotische“ Schicht "über" der Psychose.

Verrückte leiden nach innen hin an dem Schrecklichen, das sie sind, und das sie vor ihrem Ausrasten nur in Totheit hat leben lassen. Nach außen leiden sie an der ausgrenzenden und repressiven Reaktion der Gemeinschaft auf ihre "Reisen ins Jenseits".

Wahnsinn ist eine Krücke gegen der Normalität. Normalität ist eine Krücke gegen den Wahnsinn. Wer läßt sich schon gerne die Krücken wegschlagen? Wir alle leben mit unseren Krücken. Wahnsinn ist auch eine selbstgemachte Realitäts-Insel auf der Flucht vor dem noch Schlimmeren: die (oft schmerzhafte) Realität wirklich zu berühren.

Die Irrationalität des Wahnsinns ist der Versuch, die Realität bedürfnisgerecht zu machen: "Eure Welt tut mir zu weh - ich mach mir meine eigene" ... ein Versuch, der gelingt und an der inneren Ambivalenz des Irren scheitert. Aus Leiden am Panzer hat sich im Verrückten der Panzer gesprengt. Aus Leiden am Mangel an Bezug ist er ins Chaos eingetaucht. Er ist erst euphorisch wegen seines Sieges, aber dann schutzlos der „negativen Transzendenz“ und der Aggression der Gemeinschaft ausgeliefert.

Gesucht werden Therapeuten, die sich ihrer eigenen Unendlichkeit stellen, damit sie mit den Verrückten Kontakt finden, ohne von ihnen wegen ihrer Kleinkariertheit verachtet oder gefürchtet zu werden. Die meisten Therapeuten fühlen sich dabei ziemlich schnell überfordert.

Meine Hoffnung in der Psychosetherapie liegt darin, in Zeiten relativer Stabilität auf kontrolliertem Wege an die psychotische Schicht heranzutreten und sie in einem begrenzten Setting zum Leben zu erwecken und virulent zu machen. Natürlich kann es dem Therapeuten dabei leicht gehen wie dem Zauberlehrling, der nicht mehr beherrschen kann, was er gerufen hat. Er muß auf des Messers Schneide zwischen wirkungslosen "Telefonieren" mit dem Klienten und dem Ausbruch der Psychose in einem explosiven Grenzgebiet arbeiten, in dem sowohl ein kontrollierendes Ich als auch die alles auflösende Psychose anwesend ist.

Nur mit dem Klienten über die Psychose zu theoretisieren, ist therapeutisch wirkungslos. Sie muß leben, um integriert werden zu können. Die Instrumente für eine solche Arbeitsweise sind von den neuen humanistischen Therapieformen schon entwickelt. Es ist möglich, durch bestimmte körpertherapeutische oder Atemtechniken die psychotische Schicht zu erreichen. Eine solche Arbeit ist voller Risiken und stellt die Verantwortung des Therapeuten vor kaum zu bewältigende Schwierigkeiten. Aber die Entwicklung alternativer Settings mit neuen, körperorientierten Methoden ist meines Erachtens die einzige Alternative zum medikamentösen Zudecken und Abtöten. Bisher ist solche Arbeit aber über ein Experimentierstadium nicht hinaus.

Der Begründer einer therapeutischen Richtung spricht immer auch über sich selbst. Theorie schöpft immer wesentlich aus der Introspektion. Freud, der die Therapie der Sexualneurosen begründet hat, war selbst im klinischen Sinne neurotisch. (Wenn man heute seine Theorien über den Ödipuskonflikt, Katrationsangst und Penisneid liest, kommt man nicht umhin, Freud selbst und seine Zeit in diesen Theorien zu sehen.) Reich und Jung hatten ernste psychotische Neigungen, haben diese aber nie wirklich bearbeitet. Vielleicht fehlen Therapeuten, die selbst verrückt waren und ihren Wahnsinn erfolgreich bearbeitet und integriert haben. Vielleicht werden erst solche Therapeuten den Durchbruch in der Psychosentherapie bringen, ähnlich der Arbeit der Ex-User in den Drogenprojekten.

Einige Formen außergewöhnlicher Lebensweise, die noch vor wenigen Jahrzehnten von einer gesellschaftlichen Inquisition verfolgt und kriminalisiert wurden, wie etwa die Homosexualität, werden heute als Varianten möglicher Lebensgestaltung toleriert. Die verschiedensten Subkulturen haben sich soziale Nischen mit eigenen Treffpunkten, Zeitschriften und Beziehungsnetzen geschaffen. Die Integration der Irren in die Gemeinschaft  würde eine Hebung des Schattens in das öffentliche Bewußtsein erfordern, mindestens in den Bereich des Erwägbaren: "Es könnte schon sein, daß davon auch etwas in mir ist." Erst wer bereit ist, sich weniger in Konsum und Selbstverständlichkeiten einzuigeln, kann Raserei und Panik, Kopflosigkeit und Extase wieder als erlebbar annehmen.

Die autogene Droge Wahnsinn wirkt provokant auf die Normalität. Die vom Schatten Besessenen rufen nach einer erweiterten Kultur jenseits der Gedanken und Gefühle im ordentlichen Gleis. Je mehr wir uns gegenwärtig sind, daß der Kopf auch weit und wirr sein kann, daß das Herz auch zucken und brennen kann, daß sich der Bauch auch aufbäumen und zerreißen kann, umso näher können wir uns Wahnsinnige kommen lassen.

Ich kann kein Rezept anheften für den Umgang mit Irren. In manchen Fällen wird bei Leuten die ausrasten ein zunächst relativ harmloser Vorgang durch panische Reaktionen und verrückte Verwicklungen im sozialen Feld eskaliert. Häufig kann man dann zugespitzte Situationen (zumindest kurzfristig) erstaunlich leicht entdramatisieren. Häufig ist man aber ziemlich hilflos mit dem Produkt jahrzehntelanger Verwicklungen konfrontiert. Wenn es zu Drohung mit Gewalt kommt, kann man sich als Helfer oft auch ohne Zwang oder Delegation schützen, z.B. durch Rückzug oder Abgrenzung.

Noch vor 20 Jahren galt die Morphinabhängigkeit als praktisch unheilbar. Heute gibt es jede Menge Therapieeinrichtungen für Junkies. Es mußte für sie erst eine geeignete Umgangsform gefunden werden, nachdem herkömmliche Psychotherapie und Psychiatrie allgemein als fehlindiziert erkannt worden war. Vielleicht ist auch für das psychische und soziale Problem "Psychose"die geeignete Form noch zu finden?

Wenn es "um die Wurst geht", reagieren wir unweigerlich als ganze Person. Unter starkem Stress zeigt sich, wer man wirklich ist, und der Untergrund der Lebensgeschichte, die durchlebten und unbearbeiteten Konflikte werden sichtbar. Was man weiß oder denkt, spielt in Situationen, in denen es ernst wird, nur eine begrenzte Rolle. Und wenn man mit jemandem zu tun hat, der verrückt wird, dann wird es ernst. Wie weit eine Begegnung mit dem Wahnsinn für den Verrückten und für die Helfer fruchtbar oder destruktiv wird, entscheidet sich auf einer Ebene und in Momenten, in denen man eher reflexartig reagiert, ohne zu denken, wo man nackt dasteht. Im Kontakt mit Verrückten steht man immer nackt da, auch wenn man das nicht merkt. Und es ist nie ganz klar, wer von beiden wem hilfreich sein wird, und wer welche Heilung braucht und erhalten wird. So wie man eine Krankheit nicht "hat", sondern in personaler Ganzheit ist, so kann auch Heilung nicht "getan" werden.

Es gibt kein Buch, in dem man nachlesen kann, wie man das alles richtig macht.

Die entscheidenden Prozesse finden sowieso sehr weit innen, sehr persönlich statt.

 

"Nur was einer wirklich ist, hat heilende Kraft."
C.G. Jung

 

 

 



 

Anschrift des Autors

Werner Eberwein
Diplom-Psychologe
Psychotherapie

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Werner Eberwein

 

Trance-Körper-Psychotherapie

Vortrag auf dem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Hypnose (DGH), Oktober 2000

 

Die Psychoanalyse hat mehr Theorie entwickelt als alle anderen psychotherapeutischen Schulen zusammen. Die Veröffentlichungen von Freud, seinen Schülern und Dissidenten von Jung bis Reich, von Kohut bis Kernberg, füllen ganze Bibliotheken. Analytiker haben für alles und jedes (mindestens) einen Begriff. Die Borderline-Dynamik wäre ohne die Schriften von Kernberg nicht verstehbar. Kohut hat uns gezeigt, wie die narzißtische Dynamik funktioniert. Ohne Freud wüssten wir nichts von der Verdrängung, ohne Reich nichts vom Muskelpanzer. Vielleicht ist die Zeit bald reif, dass sich die Psychoanalyse auch für methodische Neuerungen wie Trance, Körperarbeit oder Identifikationstechniken öffnet.

Die Kurzzeittherapien auf der anderen Seite, von Erickson bis Selvini-Palazzoli, von Bandler und Grinder bis deShazer, von Beck bis Shapiro beschäftigen sich ganz bewusst nicht mit der Psychodynamik der Person in ihrer Tiefe und Ganzheit. Sie können wirkungsvoll und schnell alltagspraktische Veränderungen bewirken, aber sie arbeiten nicht an dynamischen Abwehrprozessen und können Abgewehrtes nicht integrieren.

Der Stand der Kunst in der Psychotherapie wäre es eigentlich, die psychodynamischen und die kurzzeittherapeutischen Verfahren miteinander zu vernetzen und den positiven Gehalt der einzelnen Methoden miteinander zu verbinden - was viele Praktiker in ihren Therapien sowieso schon tun.

In meine psychotherapeutische Orientierung gehen ein:

  • psychodynamische Konzepte wie Abwehr, Verdrängung, Spaltung und Übertragung,
  • körpertherapeutische Techniken wie Atemarbeit, Bewegung, Ausdruck und Berührung,
  • hypnosuggestive Methoden wie Trancearbeit, suggestive Sprache, Dissoziation und indirekte Kommunikation,
  • kurzzeittherapeutische Ansätzen, wie Zielorientiertheit, Konfrontation, Ressouce-Aktivierung und Verhaltensübungen.

Diese integrative Methode nenne ich Hypnodynamik. Hypnodynamik ist psychodynamische Körpertherapie in Trance.

Körperorientierte Hypnokatharsis ist eine Methode, von der ich vermute, dass sie vielen Kolleginnen und Kollegen weniger vertraut und daher vielleicht von besonderem Interesse ist. Hypnokatharsis ist das Durchfühlen einer psychodynamischen Abwehr, begleitet von einem Halt gebenden und empathisch verstehenden Therapeuten. Ich benutze diese Technik in der Regel in Kombination mit ziel- und ressourceorientierten Methoden, mit denen alltagspraktische Probleme bearbeitet und die Kompetenzgefühle des Patienten gestärkt werden.

Ich möchte Ihnen eine Sequenz aus einer Sitzung vorstellen, die in einer altersregressiven Trance durch eine emotionale Katharsis hindurch führte (um die Anonymität zu wahren sind einige biografische Details verändert). Die beschriebene Sequenz stammt aus der zweiunddreißigsten von insgesamt fünfundachtzig Sitzungen mit einer neunundzwanzigjährigen Werbegrafikerin, die ich hier Jenni nennen möchte. Sie war wegen massiver diffuser und gestaltloser Ängste zur Therapie gekommen, die seit ihrer Pubertät all ihre Lebensbereiche durchdrangen. Sie hatte insbesondere große Angst vor Konfrontationen jeder Art, konnte sich in Konflikten nicht durchsetzen und klammerte sich abhängig an ihren Freund. Sie litt unter Asthma und benutzte seit Jahren täglich mehrmals ein Asthma-Spray.

Jenni war mit einer emotional sehr instabilen, allein erziehenden Mutter aufgewachsen, die in JenniÙs Kindheit mehrere ernst zu nehmende Selbstmordversuche verübt hatte. Der Vater war während der Schwangerschaft der Mutter verschwunden. Zu ihm hatte es nie einen Kontakt gegeben.

Zu Beginn der Sitzung legte sich Jenni, wie schon oft zuvor, auf eine Liege, deckte sich zu und nahm sich ein kleines Kissen unter ihren Kopf. Sie sagte: „Ich möchte wissen, warum ich immer diese Angst habe, wenn mein Freund nur etwas lauter mit mir redet.“ Sie beschrieb eine Situation am Sonntag vor der Sitzung, in der das so gewesen war.

Ich bat sie, ihre Augen zu schließen, damit sie ihre Aufmerksamkeit leichter nach innen richten konnte, und gab ihr den von ihr bestimmten Fokus der Sitzung suggestiv vor: „Stell dir vor ... es ist Sonntag Nachmittag ... du sitzt mit deinem Freund ... bei einem Tee im Wohnzimmer, ... und plötzlich ... redet dein Freund ... etwas lauter mit dir ...“ Jenni schwieg eine Weile, dann zog sie die Mundwinkel herunter: „Ich habe einen Kloß im Bauch,“ sagte sie. Sie zeigte auf die Gegend des Solarplexus. Ich legte meine Hand vorsichtig dort hin. Durch die Berührung wurde ihre Aufmerksamkeit weiter nach innen (in ihren Körper hinein) fokussiert.

Nach einer Weile wurde sie unruhig, ihr Atem beschleunigte sich, sie runzelte die Stirn. Ich fragte sie, was sie fühlte, und sie sagte: „Ich werde wütend“. Sie schien offenbar etwas davon zu erleben, was in dem Kloß in ihrem Bauch eingeschlossen war. „Laß dich das wirklich fühlen,“ sagte ich. Ihr Atem stockte. Sie wirkte angehalten, angespannt.

Immer wieder hatte es in den vergegangenen Sitzungen Situationen gegeben, in denen Jenni mit aggressiven Empfindungen in Kontakt kam, und dann war plötzlich alles aus, und sie fühlte sich blockiert. Vor dem Hintergrund dessen, was ich über ihre Geschichte wußte, versuchte ich, die Blockierung als einen Übertragungswiderstand zu deuten: „Hast du Angst,“ sagte ich, „ich würde dich, so wie deine Mutter früher, fallen lassen, wenn du wütend wirst?“ „Ich habe Angst,“ korrigierte sie mich, „sie fällt zusammen, sie erträgt es nicht, wenn ich sie angreife.“ Jenni hatte als Kind nicht so sehr befürchtet, von ihrer Mutter abgelehnt zu werden, wenn sie wütend war. Vielmehr hatte sie Angst, dass durch ihre Wut ihre Mutter kollabieren und ihre Selbstkontrolle verlieren könnte.

„Laß dich fühlen,“ sagte ich, „wo es dich hinführt, wenn du den Atem frei fließen läßt.“ Eine Befreiung des Atems führt oft in Richtung höherer Energie und damit auf Abwehrbarrieren zu. Ich sah, wie ihre Fäuste sich ballten, als ob sie Aggression zum Ausdruck bringen, aber gleichzeitig auch festhalten wollte, als ob sie in ihren Angst-Wut-Komplex hineingehen, aber auch vor ihm davonlaufen wollte. Eine psychodynamische Abwehr wird subjektiv immer als Ambivalenzkonflikt erlebt, in diesem Fall als: ‚Ich bin wütend, aber ich habe Angst, dass du meiner Wut nicht standhältst.Ù

„Bleib dabei,“ sagte ich, „und laß uns sehen, wo dich das hinführt“. Nach einigen Minuten flüsterte sie gerade noch verstehbar: „Ich sitze in einem Käfig ... eingesperrt ... Gitter ...“ Ich wiederholte wortwörtlich, was sie gesagt hatte: „Du sitzt in einem Käfig ... eingesperrt ... Gitter ...“ Jennis Atem intensivierte sich. Sie kauerte sich im Liegen zusammen und hielt ihren Kopf mit der Hand. Sie sagte: „Ich fühle mich wie tot.“ Ich versuchte, fragend in Worte zu fassen, wie sie dieses Totstellen in ihrer inneren Welt erleben mochte: „Ist das so, als ob die ganze Welt verschwindet, als ob auch du wie weg bist, aus Angst vor deiner eigenen Wut?“ „Ich fühle mich so klein,“ sagte sie.

Menschen in Trance antworten oft nicht direkt auf eine Frage. Ihre eigentlich relevante Reaktion ist die Veränderung ihres Zustandes, von dem sie manchmal anschließend etwas in Worte zu fassen versuchen. Jenni wurde offenbar in eine spontane Altersregression hineingezogen, die sie in die Entwicklungsphase zurückführte, in der eine dynamische Wurzel ihrer Angst lag. Sie fühlte sich klein – wie ein Kind.

„Wo bist du, Jenni?“, fragte ich sie, „Ist noch jemand da? ... Wo ist denn deine Mama? ...“ Indem ich zu ihr sprach, als ob sie ein Kind sei, half ich ihr indirekt, ihre spontane Altersregression zu stabilisieren. Ich implizierte mit meinen Worten, daß sie sich als Kind fühlte, und half ihr auf diese Weise, sich nicht bloß an Vergangenes, Vergessenes dissoziiert zu erinnern, sondern es in Trance hier und jetzt wiederzuerleben.

Ihr Kopf bewegte sich mit einem kleinen Ruck zur Seite, und sie sagte: „Ich höre in mir das Wort ‚MamaÙ“. Jenni krümmte sich noch mehr zusammen. Es schien, als ob alle Lebendigkeit in ihr zum Erliegen kam. „Ich fühle mich wie tot,“ sagte sie wieder. Sie verkroch sich in einer inneren Höhle des Nicht-Fühlens. Gleichzeitig war das Gefühl, wie tot zu sein, etwas Schreckliches, vor dem Jenni große Angst hatte. Jenni erlebte ihre Wut als ziemlich heftig, und ihr Ich als ziemlich schwach. Sie steckte in einem Notfallprogramm fest, zu dem sie als Kind mangels Alternative Zuflucht gesucht hatte, wenn sie von heftigen Gefühlen geschüttelt wurde, die ihre Mutter emotional nicht tragen konnte: sie machte sich tot.

In dem Totstellen war aber auch sein Gegenteil zu spüren: die Angst vor dem Überschwemmtwerden von Gefühlen. „Bleib dabei,“ sagte ich, „... du fühlst dich ... wie tot.“ Die subtile implizite Suggestion „du fühlst dich“ wies dabei schon über das Totstellen hinaus. Jenni krümmte sich zusammen, atmete heftig, machte Ausweichbewegungen mit dem Kopf und dem ganzen Körper und hielt ihre Handflächen in einer abwehrenden Geste vor sich hin. Die Spannung in ihr stieg.

„Geh dahin, wo die größte Angst ist,“ sagte ich. Ihr Mund öffnete sich weit, aber sie hielt den Atem an. „Ich möchte meine Mutter anschreien,“ sagte sie.

„Stell dir vor,“ sagte ich, „wie das wäre ... wenn du das tust ... sie anschreien ... jetzt ...“ Plötzlich kam Jenni aus ihrer Todeserstarrung heraus, schlug heftig um sich und schrie dabei laut, zuerst ohne Worte, dann mit recht unflätigen, kindlichen Schimpfworten. Das dauerte einige Minuten.

Nun ist ein innerer Konflikt natürlich noch nicht damit gelöst, daß der Therapeut dem Patienten nachgerade erlaubt, zu tun, was ihm als Kind nicht möglich war. Nicht Herumtoben ist es, was heilt, sondern das Fühlen des nie Gefühlten. Jenni schob den Unterkiefer vor und erstarrte wieder. Ihre Hände wirkten wie Krallen, sie wurde bleich. „Bleib dabei,“ sagte ich zu ihr, „... du willst sie anschreien, ... aber du hast Angst, dass sie zusammenbricht, ... fühl diesen inneren Kampf ....“ Jenni zeigte jetzt Zeichen massiver Panik. Ihre Bewegungen wurden fahrig. Sie atmete heftig und stockend. Sie sah aus, als wolle sie vor sich selber davonlaufen. „Ich löse mich auf,“ sagte sie.

Sie erlebte jetzt in der therapeutischen Trance einen akuten Panikanfall, verbunden mit einer Blockierung des Atems. Sie fühlte Fragmentierungsangst, die Angst, auseinanderzufallen. Primäre Angst ist die Angst, zu sterben, das heißt sich aufzulösen, gleichzeitig der Wunsch, sich aufzulösen, um einer als unerträglich erlebten Situation zu entrinnen. „Du wirst nicht sterben,“ sagte ich zu ihr, „das ist nur das Gefühl, daß du stirbst.“

Jenni ging jetzt durch eine Katharsis von Panik und Wut, äußerlich sichtbar durch heftige Konvulsionen und Zittern am ganzen Körper und stoßweises Atmen. Sie drückte körperlich aus, was in seiner Intensität kaum in Worte gepaßt hätte.

Wie sie mir später sagte, ging sie durch eine Hölle, aber gleichzeitig erlebte sie eine ungeheure Befreiung. Jungianisch gesprochen erlebte sie eine Reise durch die Unterwelt, Sterben und Wiedergeburt. Primärtherapeutisch gesprochen durchfühlte sie ein Stück Urschmerz. Im Grunde spürte sie Energie und integrierte ihre eigenen, innere Kräfte. Dies führte zu einer Harmonisierung ihrer Spannungen, zu einer Stabilisierung ihres Selbstgefüges, zu einer Abnahme der Angst vor der Angst und damit zu einer Verringerung der Angst selbst.

Angst kommt vom Weglaufen.
Wenn man sich der primären Angst stellt, nimmt sie ab.

Jenni drückte nun mit ihrem Körper und ihrer Stimme große Kraft und Lebensfreude aus, als ob sie durch Wände gehen könne. Kohutianisch gesprochen erlebte sie sich in ihrer kindlichen Omnipotenz mit all ihren Ressourcen an Energie und Lebendigkeit.

Primäre Lebensenergie ist die machtvollste aller Ressourcen.
Sie ist die Grundkraft unseres Lebens, die energetische Quelle aller Gefühle, Fähigkeiten und Kenntnisse.
Die Integration primärer Energie fördern die Liebes- und Arbeitsfähigkeit, Selbstbehauptung und Kreativität.

Als Jenni sich wieder beruhigt hatte, setzte ich mich hinter sie und nahm ihren Kopf behutsam in meine Hände. Er fühlte sich weich und schutzbedürftig an, wie das flaumbedeckte Köpfchen eines Babys. Ich hielt ihn für einige Minuten, wiegte ihn leicht und summte dabei.

Sie schwieg und lächelte. Ich verhielt mich wie eine beruhigende und Halt gebende Mutter, die sich durch das Schreien eines Babies nicht aus der Fassung bringen läßt und ihm insbesondere nicht ihre Zuwendung entzieht.

Ich vermittelte Jenni in der altersregressiven Trance nonverbal die Erfahrung: ‚Du kannst wütend sein und schreien, aber ich falle nicht zusammen. Du möchtest spüren, daß ich da bin, und dich halten kann. Ich bin da, und ich halte dich.Ù

Jenni schien das Halten ihres Kopfes ungemein zu genießen. In diesem Moment fühlte sie sich als Baby, und ich war ihre Mutter, so wie sie sie damals gebraucht hätte. Sie tauchte weit in eine Verschmelzungstrance hinein ab. Ich fühlte mich auf eine sehr friedliche und angenehme Weise eins mit ihr und mit der ganzen Welt.

In der weiteren Therapie mit Jenni habe ich weiterhin hypnotische, körperorientierte, psychodynamische und zielorientierte Methoden miteinander verbunden. Die Therapie dauerte insgesamt zwei Jahre. Die diffusen Ängste verschwanden im Laufe dieser Zeit vollständig. Sie wurde selbstbewusster in Konflikten und selbständiger in ihrer Beziehung, klammerte sich weniger an ihren Partner, lernte, Ihrem Freund etwas entgegenzusetzen, und entwickelte eine befriedigende berufliche Identität. Ihr Asthma ging zurück, so dass sie nur noch etwa ein Drittel ihres Sprays benötigte. Dieses Ergebnis ist bis heute, drei Jahre nach Abschluß der Therapie, stabil.

 

 



Anschrift des Autors

Werner Eberwein
Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut
Leiter des Fort- und Weiterbildungszentrums Berlin
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Symptome und Syndrome

Wer am eigenen Leib tiefgehende therapeutische Prozesse erlebt hat, weiß, daß die hartnäckigsten Unzulänglichkeiten nicht nur punktuell und begrenzt sind, wie ein Soßenfleck auf einem ansonsten blütenweißen Hemd. Zentrale Schwierigkeiten, Depressionen, Ängste, Zwänge, Abhängigkeiten, Rückzugs- oder Entgrenzungsneigungen durchdringen den Charakter wie ein Pilz, der mit seinen unsichtbaren Fäden das ganze Mauerwerk einer Hauswand durchzieht. Psychisches Leid ist nicht nur hier, sondern auch dort, nicht nur dann, sondern auch vorher und nachher.

Die 32jährige Anna kam zur Therapie wegen anhaltender Schlafstörungen. Sie schlief seit Wochen nur zwei bis vier Stunden pro Nacht und fühlte sich am Tage entkräftet und ausgelaugt. Die Schlafstörungen waren ausgelöst worden durch einen Seitensprung ihres Freundes, wodurch sie sich in der Beziehung nicht mehr sicher fühlte.

Wenn ich kurzzeittherapeutisch mit Anna gearbeitet hätte, dann hätten wir das Symptom, also die Schlafstörungen, als zu behandelndes Index-Problem vereinbart. Als ich sie aber fragte:

„Stell dir vor, die Schlafstörungen sind verschwunden, und du kannst wieder gut und tief durchschlafen – wäre dann erledigt, weswegen du zur Therapie gekommen bist?“

Anna sagte: „Nein, da sind noch viele andere Dinge.“

Im Laufe der Therapie ergab sich, daß sie eine panische Angst davor hatte, verlassen zu werden, obwohl sie sich gleichzeitig von ihrem Freund eingeengt und kontrolliert fühlte. Er habe praktisch nie Lust zu irgendwelchen Aktivitäten, und sie habe schon seit langer Zeit keine Lust mehr auf körperliche Nähe mit ihm. Sie konnte sich nicht wirklich einlassen, sich aber auch nicht trennen. Gleichzeitig empfand sie eine tiefe Sehnsucht nach Geborgenheit. Sie hatte große Angst vor Gewalttätigkeit in intimen Beziehungen und eine tiefe Verachtung für alle Männer im sexuellen Bereich.

Die Schlafstörungen waren nur ein Symptom im Rahmen eines Syndroms von Ängsten, Abhängigkeiten, Beziehungs-, Selbstwert- und sexuellen Problemen. Sie hatte nicht nur ein einziges, eingrenzbares Problem, sondern eine Vielzahl von Schwierigkeiten in praktisch allen Lebensbereichen, und nicht nur jetzt, sondern schon so lange sie sich zurückerinnern konnte.

Ihre multiplen Störungen waren Ausdruck einer Verzerrung der Struktur ihrer Persönlichkeit, die nach Kernberg als Borderline-Dynamik verstanden werden konnte. Die Strukturpathologie ging zurück auf eine von schwerem Alkoholismus, massiver Gewalt, Grenzüberschreitung und Entwertung geprägten Beziehungsdynamik mit ihren Eltern, die man mit dem Satz zusammenfassen könnte:

„Wenn ich mich einlasse, werde ich vernichtet - aber ohne Nähe kann ich nicht leben.“ ... oder:
„Ich hasse dich, verlaß mich nicht.“

Die psychodynamische Hypnosetherapie setzt an den Index-Symptomen an, die der Patient zu Beginn der Therapie nennt, aber sie läßt es mit diesen nicht bewenden. Das eigentliche Arbeitsfeld der Hypnoanalyse und Hypnodynamik sind die generalisierten, strukturellen Störungen des Selbst.

Dabei sind meines Erachtens auch die persönlichkeitsanalytischen Begriffe wie „borderline“, „narzisstisch“, „schizoid“ usw. nur pragmatische Schubladen, die man genau kennen muss, die aber dennoch den Patienten als Person niemals abbilden. Einen Menschen auf eine diagnostische Kategorie zu reduzieren, engt den Blick ein und entwürdigt den Menschen. Diagnosen sind nützliche Hilfsmittel, wenn man sich von ihnen auch wieder lösen kann.

 

Die Induktion in der psychodynamischen Hypnose

Wie und wann kann man in einem psychodynamischen Therapieprozeß Hypnose einsetzen? Am Anfang der Sitzung steht, ähnlich wie in der zielorientierten Hypnose, der Spannungsbogen zwischen dem, was der Patient hat, also seinem augenblicklichen Zustand, und dem, was er möchte, also seinem Ziel. Dieser Konflikt wird in der psychodynamischen Hypnose zum Ausgangspunkt eines autodynamischen aufdeckenden Tranceprozesses, der Schritt für Schritt in die Tiefe des Unbewußten führt.

Die 27jährige Brigitte, Mutter einer vierjährigen Tochter wollte, wie sie sagte, in der Therapie „den Kontakt zu sich selbst wiederfinden“. Ihr Mann habe sich nach fünf Beziehungsjahren von ihr getrennt, weil er es nicht verkraftet habe, daß sie, als sie eines Abends im Vollrausch durchs nächtliche Berlin marschiert war, sich nur mit großer Mühe zweier Männer erwehren konnte, die, nachdem sie sie in eine dunkle Ecke gezerrt hatten, ihre Hosen schon heruntergelassen hatten. Im letzten Moment konnte sie weglaufen. Dies aber sei der Auslöser für den Beziehungszusammenbruch gewesen. Seither laste ein Bleigewicht auf ihrem Leben. Aber schon immer habe sie Schwierigkeiten gehabt, zu sagen, was sie wolle und was nicht.

Ich gab ihr eine Decke zum Zudecken, aus Bequemlichkeitfür sie und als Schutz und zur Abgrenzung, bat sie, ihre Augen zu schließen und mir zu sagen, wie sie sich fühlte und was sie in der Sitzung wolle.

„Ja, aber genau das“, sagte sie, „ist es doch, was ich am wenigsten kann - aussprechen, was ich fühle und sagen, was ich will.“

„Bleib dabei, so gut es geht“, sagte ich, „und fühle, wo dich das hinführt.“

Auf suggestive Weise bat ich sie im Weiteren, an der Barriere des Nicht-Wissens, Nicht-Fühlen-und-Nicht-Reden-Könnens zu verharren, um zu erkunden, wo ihre Assoziationen sie hinführten. Ich sagte suggestiv zu ihr:

„Du möchtest den Kontakt zu dir selbst wiederfinden ... geh in dich hinein ... fühle dich selbst ... wer du bist ... wie du bist ... deine Gefühle ... was du willst ... und was nicht ...“

Die Aufforderung, im Erleben eines Ambivalenzkonfliktes zu bleiben, wirkte de fakto als Induktion eines Versenkungszustandes. Das Fokussieren auf den Konflikt zwischen Sein und Wollen setzt am Erleben des Patienten an und geht in die Tiefe, hinein in sein Inneres.

Der Konflikt zwischen BrigitteÙs Wunsch, sich zu spüren und sich klar vermitteln zu können, und ihrer Unfähigkeit dazu war der Einstiegspunkt in eine psychodynamische Selbsterkundungstrance. Diese Ambivalenz war noch längst nicht das ganze zu behandelnde Problem, sondern wie ein Fußabdruck, der auf einen Elefanten hindeutete, aber der Elefant selbst war es noch nicht.

Ambivalenzkonflikte sind die Schatten, die die tiefer liegenden Abwehrprozesse in das Bewußtsein des Patienten hinein werfen. Der Patient möchte etwas, aber er kann es nicht. Er wird gehindert durch einen nur teilweise bewußten Prozeß, der psychodynamisch als „Abwehr“ bezeichnet wird. Die Abwehr wird im subjektiven Erleben durch unerträgliche Affekte, meistens durch Angst oder aus Scham spürbar. Wenn wir in der Therapie den Patienten an Angst und Scham, also an der Abwehr, entlang in die Tiefe führen, geht er fast von selbst in Trance. In dem Versuch, eine Region seines Erlebens zu erkunden, die für sein Bewußtsein im Dunkeln liegt, geht er in sein inneres Dunkel, also in Trance.

Fühlen – Symbolisieren – Verstehen

In der psychodynamischen Trancetherapie ist das fühlende Sich-vereinigen des Patienten mit den ausgegrenzten Anteilen seiner Lebendigkeit zwar grundlegend, aber noch längst nicht der gesamte therapeutische Prozeß. Um die Integration abgewehrter Anteile dauerhaft zu machen, müssen innere Strukturen aufgebaut werden, die den neurotischen Selbstschutz ersetzen, und das vorher Abgewehrte muß kognitiv repräsentiert, also verstanden und kommunizierbar werden.

Als Zwischenschritt zwischen dem noch verständnislosen Fühlen und dem verstehenden Einordnen und Mitteilenkönnen dient das Symbolisieren, also der Versuch, unbewußten Prozessen durch Analogien, Bilder, Phantasien und Vergleiche näherzukommen.

Die schon erwähnte Patientin Brigitte sah sich in einer Sitzung in einem hypnotischen Traum in einem Kasten aus hauchdünnen Glas gefangen, der sie gleichzeitig einengte und beschützte. Er war so eng, daß sie nur schwer atmen konnte, gleichzeitig gab er Schutz vor einer als feindlich imaginierten Welt. Da seine Wände so hauchdünn waren, konnte sie sich nur mit großer Vorsicht bewegen, um ihn nicht zu zerbrechen. Dieser gläserne Kasten war nicht real, er war eine Phantasie, die jedoch das Erleben der Patientin besser auf den Punkt brachte, als diskursive Begriffe dies gekonnt hätten. Offenbar war Brigittes größte Angst, daß die scheinbar feindliche Welt sie berühren oder gar in sie eindringen, in ihr etwas anrühren oder aufwühlen könnte. Ihre Angst vor Nähe, besonders vor intimer Nähe, gleichzeitig ihr sehnsüchtiger Wunsch nach tiefer Begegnung und vertrauensvoller Bindung war die nächste, tiefere Schicht ihres Ambivalenzkonfliktes, der nun schon deutlicher auf seine Wurzeln in den frühen Bindungsprozessen verwies.

Die Trance-Phantasien des Therapeuten

Auch bei der 22jährigen Frederike war der Anlaß der Therapieaufnahme, daß sie seit zwei Monaten nicht mehr allein in ihrer Wohnung schlafen konnte. Sie übernachtete bei Freundinnen oder bat diese, bei ihr zu übernachten. Ihren Schlafstörungen lag aber eine ganz andere Dynamik zugrunde, als bei der eingangs erwähnten Patientin Anna. Frederike war ein adoptiertes Kind, aufgewachsen in einer selbst recht instabilen Adoptivfamilie. Ihre Schlafstörungen begannen, als sie nach einer heftigen Auseinandersetzung mit ihrem Adoptivvater versuchte, sich aus dieser Familie zu lösen und nun spürte, daß sie im Grunde in ihr nie einen ausreichenden Rückhalt gefunden hatte.

Während sie darüber sprach, merkte ich, daß sich in mir parallel zu ihren Worten ein Phantasiefilm abspielte. Ich sah ein befruchtetes Ei durch einen Eileiter wandern und wie es versuchte, sich in der Gebärmutter einzunisten. Ich beschrieb der Patientin diese Phantasie und fragte sie:

„Könnte es sein, daß du auf einer ganz grundlegenden Ebene eine tiefe Sehnsucht danach hast, dich ‚einzunisten‘, also zu wissen, wo du hingehörst, und wo du absolut sicher bist?“

Zum ersten Mal in dieser Sitzung schaute sie mich direkt an, ihre Augen wurden feucht, und mit einem Zeichen von Überraschung, als ob sie mit einem Verstehen gar nicht gerechnet hätte, sagte sie:

„Ja genau, so fühle ich mich.“

Meine eigene Trancewahrnehmung hatte mir geholfen, ein Stück ihrer Tiefenstruktur zu verstehen und deuten zu können, das ich auf andere Weise nicht hätte erfassen können.

Das Symbol des befruchteten Eis und der Begriff „einnisten“ verwies auf eine Thematik in der Patientin, die viel breiter war, als ihre aktuellen Schlafstörungen und die in die Tiefe ihrer von Unsicherheit geprägten Lebensgeschichte und ihre frühen Bindungsmuster hineinreichte.

Hypnodrama und Altersregression

In der körperorientierten Hypnosetherapie (Hypnodynamik) wird Altersregression dazu benutzt, um alte Beziehungsdynamiken, die unter dem Syndrom verborgen sind, zugänglich und gleichsam im Stadium ihrer Entstehung veränderbar zu machen.

Die Versunkenheit in einen psychischen Transformationszustand setzt ja nicht unbedingt körperliche Entspannung und Passivität voraus. Der depressiv-aggressionsgehemmte 29jährige Klaus, der in einer körpertherapeutischen Sitzung wohl zum ersten Mal in seinem Leben über seine hochentwickelte „Schweigewaffe“ hinaus ging und aus vollem Hals und Bauch einen Schaumstoffklotz, stellvertretend für seinen Vater, anbrüllte, war in diesem Moment zutiefst in sich und zugleich außer sich, heraus aus seiner gewohnheitsmäßigen Lämmchen-Rolle und drinnen in einer archaischen, vernichtenden Wut auf seinen jämmerlichen und gleichzeitig bedrohlichen Vater. Vater und Sohn waren Wölfe im Schafspelz, und es war für den Patienten eine ungeheuere Befreiung, endlich einmal offen Wolf sein zu dürfen, ohne den Vater gleich fressen zu müssen, oder Gefahr zu laufen, von ihm gefressen zu werden.

Im Hin- und Hergehen zwischen einer (in NLP-Begriffen gesprochen) assoziierten und einer dissoziierten Position konnte Klaus seine gespaltenen Anteile integrieren, indem er versuchsweise abwechselnd in Schaf und Wolf, in sich als Kind und in seinen Vater, also in das innere und äußere Fremde, Abgewehrte, hineinspürte und es dann wieder von außen bekämpfen durfte. Er konnte die Dynamik seiner Abwehrspaltungen erleben und durchfühlen, und als dies geschah, war er nicht in seinem alltäglichen Selbst, vielmehr in einer Sonderrealität, in Trance, obwohl er die Augen offen hatte, mit mir sprechen und im Zimmer hin und her gehen und sich ziemlich lautstark ausdrücken konnte.

Provokative Übertragungsarbeit

In einer hypnodynamischen Therapie taucht der Patient in kindliche Beziehungsdynamiken ein, deren Umgebung und Beziehungspartner er in Trance halluziniert. Auf diese Weise kann man „das Eisen schmieden, wenn es heiß ist“, also mit dem Patienten als Kind mit aktivierten kindlichen Gefühlen in all ihrer Flexibilität und Umformbarkeit arbeiten, was den therapeutischen Prozeß im Vergleich zu bloß verbalen oder kognitiven Therapieverfahren sehr intensiviert und beschleunigt. Ein Analytiker beispielsweise muss mitunter quälend lange auf produktive Assoziationen des Patienten warten. Der hypnodynamische Therapeut kann den Patienten in imaginierten oder symbolisch dargestellten Trance-Szenerien die Übertragungsdynamik im Hier und Jetzt der Therapiesitzung lebendig und anschaulich fühlbar werden lassen, und das hat eine enorme transformative Kraft.

Den 42jährigen, schwulen, seit Jahren trockenen Alkoholiker Helmut begleitete ich in Trance in die Zeit seiner Vorpubertät, in der er verzweifelt versucht hatte, die Aufmerksamkeit und Unterstützung seines Vaters zu gewinnen, der jedoch, nach HelmutÙs Erinnerung, wie ein morscher, bröseliger Felsen depressiv und besoffen vor der Sportschau hing und dem Jungen ab und zu wie einem Schäferhund Kommandos zubrüllte. In einem Rollenspiel versetzte ich mich in dieses Vaterbild hinein und spielte den Vater mit Mimik, Gestik, Körperhaltung und durch typische Sätze. Dabei konnte ich in der Rolle das eigene, verhunzte Leben des Vaters fühlen, und der Patient als Kind konnte seine Ambivalenz aus Angst, Wut und Mitleid dem Vater gegenüber erkunden.

Einige Wochen später sagte Helmut zu mir:

„In dieser Sitzung habe ich begriffen, wie ich später aus kindlichem Mitleid mit dem Elend meines Vaters ihm in den Suff gefolgt bin.“

An der Oberfläche schien zwischen Helmuts latenten Alkoholismus, seiner schizoiden Abgespaltenheit von seinen Gefühlen, seiner Unfähigkeit, im trockenen Zustand sexuelle Beziehungen einzugehen, einem permanenten Gefühl von Schwäche und einer Unfähigkeit, im Beruf Befriedigung zu finden, kaum ein Zusammenhang zu bestehen. Hätte man jedes einzelne dieser Probleme und die zahllosen weiteren, die er in der Therapie vorbrachte, für sich behandeln wollen, so hätte das dem Versuch geglichen, im Herbst Blatt für Blatt einzeln vom Rasen auf den Kompost zu tragen. In der alten Beziehungsdynamik fanden all die Äste, Zweige und Blätter seiner Strukturpathologie in einigen wenigen Wurzeln zusammen.

Eine solche dynamische Wurzel muß erst einmal erkannt werden. Bei Helmut war es unter anderem der innere Kampf zwischen seiner kindlichen Liebe für den einzigen Papa, den er hatte, und seinem Haß gegen ihn wegen der Entwürdigung, die er durch ihn erleben mußte. Ein Kind ist mit einer solchen inneren Zerrissenheit vollkommen überfordert. Es hilft sich mit psychischen Notfallprogrammen, also mit Abwehrprozessen, die die Basis seiner künftigen Strukturstörung bilden. Bei Helmut waren es vor allem narzißtische Spaltungen zwischen einer projizierten Größenphantasie und einem entwerteten Selbstanteil.

Helmuts tiefe Beschämung und Verzweiflung, weil er sich von seinem heimlich über alles verehrten (und auch erotisch begehrten) Vater wie ein räudiger Köter behandelt fühlte, verhinderte, daß er hier und heute im unbetäubten Zustand sein Herz öffnen konnte. Als Kind hatte die innere Zerrissenheit seine psychische Struktur erschüttert und ihn als Jugendlichen in seinem Selbstwertgefühl schwer geschädigt zurückgelassen. In der therapeutischen Altersregression konnte er, suggestiv unterstützt, zum ersten Mal in seinem Leben ohne Abwehr die immensen inneren Spannungen durchfühlen, die damals sein Selbstwertgefühl belastet und nahezu zerbrochen hatten.

Er wiederholte in der Therapie also nicht die alte traumatische Beziehungsverstrickung einfach nochmal, sondern er durchfühlte sie Schritt für Schritt zum ersten Mal ohne Abwehr. Damit wurden viele der pathogenen Vermeidungsprozesse entbehrlich, die die Basis seiner neurotischen Probleme gewesen waren. Seine allmählich zunehmende Fähigkeit, Schläge des Schicksals gegen sein Selbstwertgefühl ohne neurotischen Selbstschutz zu ertragen, ermöglichte es ihm, sich in seinem Beruf, in Freundschaften und einer Partnerbeziehung wirklich einzulassen.

Die Hypnose fand in der vorhin beschriebenen Sitzung nicht nach dem gewohnten Ritual entspannt im Sessel sitzend, mit kataleptischem Arm statt, sondern im Rahmen eines suggestiv begleiteten psychodynamischen Rollenspiels, das ihn in eine altersregressive Trancerealität hineinführte.



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Werner Eberwein
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Rezension des Buches "Neuropsychotherapie" von Klaus Grawe

Grawe, K. (2004). Neuropsychotherapie. Göttingen: Hogrefe

 


Grawes Überblick über die neurologische und empirische Literatur ist beeindruckend. Aber was dabei am Ende für die Psychotherapie herauskommt, bleibt weit hinter dem zurück, was in den modernen Kurzzeittherapien schon lange zum täglichen Brot gehört.


 

In seinem Buch „Psychotherapie im Wandel – von der Konfession zur Profession“ hat Klaus Grawe 1994 die Psychotherapieszene mit einer harten empirischen Metaanalyse aufgeschreckt. Es ist wiederum ein spannendes Unterfangen, das er sich in seinem neuen Buch „Neuropsychotherapie“ (2004) vorgenommen hat: Er möchte die Ergebnisse der Hirnforschung für die Psychotherapie nutzbar machen.

Im ersten Teil des Buches trägt Grawe akribisch die Ergebnisse der Hirnforschung für die Psychotherapie zusammen. So scheint es heute beispielsweise relativ gut gesichert zu sein, dass bei depressiven Patienten bestimmte Hirnregionen (präfrontaler Cortex, Hippocampus) „durch mangelnde Benutzung“ im Volumen geschrumpft sind. Nach einer erfolgreichen Therapie nehmen diese Hirnregionen dagegen an Volumen und an Synapsendichte zu (ebd., S. 150 ff). Dies wäre der Nachweis dafür, dass sowohl psychische Störungen als auch psychotherapeutische Prozesse mit strukturellen Hirnveränderungen einhergehen. Psychotherapie kann also die Struktur des Gehirns verändern. Das ist interessant und stärkt die Reputation der Psychotherapeuten gegenüber den Medizinern.

Grawes neurobiologisches Konzept der Angst dagegen basiert auf einer außerordentlich schmalen Datenbasis. Nach Grawe haben die Hirnphysiologen Gutberlet und Miltner 1999 herausgefunden dass ein bestimmter Aspekt des EEG (die P3-Amplitude) sich bei Patienten mit Spinnenphobie nach erfolgreicher Verhaltenstherapie noch ebenso von Normalpersonen unterschied, wie vor der Therapie. Die Verhaltenstherapie hat die Spinnenphobie also beseitigt, das EEG aber nicht verändert. Nach Grawe interpretieren Gutberlet und Miltner das so, dass ein Hirnareal, das als Amygdala bezeichnet wird, auch bei den therapierten Patienten weiterhin durch Angstreize aktivierbar bleibt (S. 104).

Nun sind Hirnstromkurven als Messinstrument nicht gerade besonders zuverlässig. Gutberlet und Miltner schließen außerdem von einem durch Verhaltenstherapie unveränderten EEG auf eine aktiviert gebliebene Amygdala, ohne dass dabei die Aktivität der Amygdala direkt gemessen worden wäre. Das ist nun wahrhaft eine schmale, im Grunde eine gar nicht vorhandene Datenbasis. Und auf dieser Basis baut Grawe nun seine ganze „neurowissenschaftliche Angst-Theorie“ auf. Wenn – so Grawe – die Amygdala „nachgewiesenermaßen“ auch nach der Verhaltenstherapie einer Phobie weiterhin aktiviert bleibe, so könne Angst nicht im verhaltenstherapeutischen Sinn „gelöscht“ werden. Verhaltenstherapeutische Methoden der Angst-Löschung hätten demnach keine neurologische Basis. Die Amygdala als „Angst-Zentrale“ feuere ja weiter, also bleibe die Angstprägung erhalten. Sie könne lediglich auf kognitivem Wege "aktiv gehemmt“ werden.

Das ist eine Spekulation auf Basis einer Spekulation, die von einer empirischen Fundierung weit entfernt ist. Dass die Amygdala z. B. auch dann feuert, wenn ein Affe gerade einen süßen Fruchtsaft schmeckt, wie Grawe selbst ausführt (ebd., S. 289), stört ihn in seiner Konstruktion nicht weiter.

Grawes „neurowissenschaftlich fundierte Therapiekonzept“ für die Behandlung von Angst ist dann auch nichts anderes, als die altbekannte verhaltenstherapeutische Methode der systematischen Desensibilisierung. Der Patient müsse zunächst in einen "guten Zustand" versetzt werden. Dann müsse er sich real oder in der Phantasie dem Angstauslöser aussetzen, ohne Angst zu empfinden. Auf diese Weise würde die Angst-Reaktion „aktiv gehemmt“ (ebd., S. 107 ff). Ob „Löschung“ oder „aktive Hemmung“ – Grawes Therapieverfahren der Wahl bleibt also das selbe und das alte: die klassische Verhaltenstherapie.

Nachdem Grawe im ersten Teil seines Buches ausführlich die Ergebnisse der neurologischen Hirnforschung referiert hat, entwickelt er im zweiten Teil des Buches eine psychologische Theorie, die mit den neurologischen Resultaten kaum mehr in Verbindung steht. Er nennt sie „Konsistenztheorie“. Wenn man genau hinschaut, erkennt man schnell, dass es sich im Grunde um etwas altbekanntes handelt, nämlich um eine etwas modernisierte Form der Theorie der kognitiven Dissonanz von Festinger (1957).

Nach Grawes Konsistenztheorie habe der Mensch folgende Grundbedürfnisse:
- ein Bedürfnis nach Kontrolle,
- ein Bedürfnis nach Lust,
- ein Bedürfnis nach Bindung und
- ein Bedürfnis nach Selbstwerterhöhung.

Aus diesen Grundbedürfnissen entspringen, so Grawe, „motivationale Ziele“ und zwar entweder „Annäherungsziele“ (die mit positiven Emotionen einhergehen) oder „Vermeidungsziele“ (die mit negativen Emotionen verbunden sind). Wenn mehrere gleichzeitig aktivierte Grundbedürfnisse eines Menschen miteinander übereinstimmten, und wenn die Person ihre Ziele tatsächlich erreichen kann, dann erlebt der Mensch nach Grawe „Konsistenz“: Die Bedürfnisse sind eindeutig und sie werden erfüllt. Wenn die Person dagegen einen Konflikt zwischen unterschiedlichen Grundbedürfnissen in sich trägt, spricht Grawe von „Diskordanz“. Wenn die Person ihre Ziele nicht erreichen kann, spricht er von „Inkongruenz“. Das „zentrale Prinzip des psychischen Funktionierens“ (ebd., S. 186) sei das Streben nach Konsistenz und die Vermeidung von Inkonsistenz. Als „Hauptform von Inkonsistenz“ bezeichnet Grawe die Nichtübereinstimmung zwischen den Zielen eines Menschen und der Realität. Ein Mensch fühlt sich also nach Grawe wohl, wenn seine Bedürfnisse miteinander übereinstimmen und wenn er seine Bedürfnisse befriedigen kann.

An dieser Stelle habe ich mich beim Lesen gefragt, ob es wirklich erforderlich ist, aus einer ganzen Bibliothek von neurologischen und empirischen Untersuchungen über hunderte von Seiten hinweg etwas abzuleiten, was jedes Kind weiß. Wer würde schon das Gegenteil vermuten, dass ein Mensch sich wohl fühlt, wenn er sich innerlich zwischen verschiedenen Bedürfnissen zerrissen fühlt, oder wenn er wichtige Lebensziele nicht erreichen kann? Was Grawe mit einem ungeheuren Aufwand als „Inkonsistenz“ ableitet, ist nichts anderes als das, was man landläufig als „Frustration“ bezeichnet, nämlich wenn etwas nicht so läuft, wie man das möchte.

Wie ist nach Grawe konsistenztheoretisch die Entwicklung psychischer Störungen zu verstehen? „Inkonsistenz“ (ein innerer Konflikt zwischen verschiedenen Bedüfnissen oder zwischen Bedürfnis und Realität) führe zu einem "neurologischen Spannungszustand" - die Überwindung des „Inkonsistenzkonfliktes“ führe zu Spannungsreduktion. Diese sei von einer erhöhten Dopaminausschüttung im Gehirn begleitet. Die wiederum führe zu einem Neuwachstum von synaptischen Verbindungen zwischen den Neuronen im Gehirn - also zu dem, was Grawe im neurologischen Sinn unter "Lernen" versteht.

Symptome entstünden demnach durch Konditionierung: der zukünftige Patient versuche, Inkonsistenzspannung kurzfristig zu reduzieren, und dadurch entstehe ein Symptom (z.B. eine ängstliche Vermeidung). Weil das Symptom die Spannung reduziert, wird der Prozess „verstärkt“ und fahre sich fest, was zur Chronifizierung führe (ebd., S. 311 ff). Auch für diese Theorie der Symptomentstehung hätte Grawe die Neurologie nicht bemühen müssen, denn sie ist in jedem Lehrbuch der klassischen Verhaltenstherapie nachzulesen.

So banal, wie die (unter einer höchst kompliziert klingenden Terminologie verborgenen) Theorien Grawes sind auch die „empirisch sehr gut belegten“ (ebd., S. 433 ff) Empfehlungen, die Grawe uns Psychotherapeuten geben will. Sie reduzieren sich im wesentlichen auf drei Punkte:

1.) Der Therapeut solle mit dem Patienten an der Bewältigung seiner Probleme arbeiten.
2.) Der Therapeut solle für eine gute Beziehung zu dem Patienten sorgen.
3.) Der Therapeut solle auf die Ressourcen des Patienten fokussieren.

Dadurch entstehe beim Patienten ein „Zustand der Motiviertheit“, der angenehm und anregend sei, und mit einer höheren Dopaminkonzentration im Gehirn einhergehe. Das führe zu Gefühlen von Lust, und einer größeren „Verstärkungsbereitschaft“ für neu gelerntes Verhalten.

Die Richtlinie Nr. 1 empfinde ich als tautologisch. Es handelt sich um eine Definition von Psychotherapie schlechthin. Der Richtlinie Nr. 2 würden sicherlich die Anhänger der meisten psychotherapeutischen Schulen zustimmen (auch wenn sie dann in der Praxis wahrscheinlich nicht immer optimal umgesetzt wird). Und was die Ressourcen-Orientierung in Richtilinie Nr. 3 betrifft, so steht diese Einstellung in den modernen Kurzzeittherapien (Hypnotherapie, NLP usw.) von jeher an allererster Stelle. Wir lernen also von Grawe etwas, was zumindest Kurzzeittherapeuten seit Jahrzehnten wussten, dass es dem Therapieprozess förderlich ist, auf eine gute Beziehung zum Patienten zu achten und auf die Ressourcen des Patienten zu fokussieren.

Grawes vielfach wiederholter, harscher Kritik an den psychodynamisch orientierten Verfahren vermag ich nicht zu folgen. Nach Grawe seien psychodynamisch Verfahren durch eine ("therapeutisch schädliche") „Problemzentriertheit“ statt durch ("therapeutisch förderliche") „Ressourcenzentriertheit“ ausgezeichnet. Wenn man die immense Differenziertheit der Theorien und Methodiken etwa der modernen psychoanalytischen Richtungen von Kohut oder von Kernberg und ihren Nachfolgern betrachtet, so erscheint die Reduktion dieser Verfahren auf das Schlagwort „Problemzentriertheit“ doch sehr kurz gegriffen. Eine psychodynamische Therapie sei aber – so Grawe - auch darum vollkommen sinnlos, weil frühkindliche Erlebnisse „prinzipiell nicht erinnerbar“ (S. 356), und damit „der Introspektion unzugänglich“ (S. 358) seien. Obwohl Grawe letzteres in seinem Buch immer wieder betont, fehlt gerade hierfür jeder empirische Beleg. Dass in analytisch begründeten Therapien frühkindliche Beziehungsmuster nicht unbedingt direkt erinnert werden müssen, sondern dass sie aus den aktuellen Interaktions- und Übertragungsmustern des Patienten erschlossen werden können, ist für Grawe auch nicht weiter von Belang.

Schauen wir uns noch an, wie Grawe die Ressourceorientiertheit des psychotherapeutischen Prozesses erreichen will. Er empfiehlt dem Therapeuten, aktiv dafür zu sorgen, dass der Patient in der Therapie Erfahrungen macht, die für den Patienten eine „Befriedigung seiner Grundbedürfnisse“ darstellen (S. 433 ff). Dies führe zu „Konsistenzverbesserung“ und dadurch - auch unabhängig von der Bearbeitung konkreter Symptome – zu einer Verbesserung des Wohlbefindens des Patienten.

Wie kann der Therapeut die Grundbedürfnisse des Patienten befriedigen? Das „Kontrollbedürfnis“ des Patienten könne befriedigt werden durch eine Verbesserung seiner Kontrolle über seine Symptome (z.B. Angst- oder Zwangssymptome). Das Bedürfnis des Patienten nach „Selbstwerterhöhung“ könne befriedigt werden, indem der Therapeut den Patienten für seine Fähigkeiten und Leistungen verbal anerkenne. Das Bedürfnis nach „Bindung“ könne befriedigt werden, indem sich der Therapeut als kompetent und engagiert darstelle. Wie kann sich der Therapeut als kompetent und engagiert darstellen? Zitat Grawe:

„Therapeuten sollten mit dem Oberkörper zum Patienten hin geneigt sitzen, die Arme offen, die Hände locker im Schoß, jedenfalls nicht verschränkt. Sie sollten, während der Patient spricht, immer wieder mit dem Kopf nicken. Was sie selbst sagen, sollten sie mit lebhafter Gestik unterstreichen. Die Beine sollten eher offen als übereinander geschlagen sein.“ (ebd., S. 435)

Das Bedürfnis des Patienten nach „Lust“ könne befriedigt werden, indem der Therapeut dem Patienten in den Sitzungen „positive Emotionen“ verschaffe, beispielsweise durch „Humor“ („gemeinsames Lachen“) oder durch „Hypnose“.

Wenn man bedenkt, wie differenziert etwa hypnotherapeutische oder NLP-Methoden zur Ressource-Aktivierung und zur Verbesserung des Rapports mit dem Patienten sind, mag man über Grawes akademische Ratschläge lächeln. Aber es würde mich gar nicht wundern, wenn aur einer ganz ähnlichen „empirischen“ Basis demnächst verbindliche, störungsspezifische Therapieleitlinien erarbeitet würden, die - inklusive obligatorischem Skill-Training und anschließenden Qualitätssicherungmaßnahmen - uns Therapeuten verpflichtend vorgegeben werden.

Für Grawe ist das menschliche Gehirn bloß ein Computer. Subjektive Erlebnisse sind für ihn „Schaltkreise“, Gedanken und Gefühle werden bei Grawe „geschaltet“, das Bewusstsein ist für ihn „der Arbeitsspeicher“. Das große Rätsel der Psychologie (vielleicht das zentrale Mysterium unserer Existenz), das menschliche Bewusstsein, verschwindet in Grawes Computer-Analogien vollkommen. Worum es in der Psychotherapie zentral geht, die Transformation erlebter Subjektivität ist für Grawe kein Gegenstand. Subjektivität, Individualität und Bewusstsein werden ausgeklammert.

Es ist daher kein Wunder, dass Grawe sich schon auf die Entwicklung einer neurologischen Psychotherapie freut. Zitat Grawe:

„Technisch wäre es auch möglich, ein bestimmtes Hirnareal durch implantierte Elektroden (Schrittmacher) oder durch Magnetstimulation zu aktivieren oder leichter durch bestimmte Reize aktivierbar zu machen. … Man könnte in bestimmte, genau ausgewählte Hirnregionen kleine Magnete implantieren, deren magnetische Kraft ausreicht, im Blut zirkulierende Moleküle, die mit bestimmten Markern versehen wurden, zum verstärkten Andocken in genau dieser Hirnregion zu bringen. … Es könnte etwa genau an der Stelle ein verstärkte Dopaminkonzentration herbeigeführt werden, wo ein neues neuronales Erregungsmuster gebahnt werden soll.“ (S. 446 f)

Für mich ist ein solches chirurgisches Herumspielen am Gehirn zu psychotherapeutischen Zwecken eine gruselige Vorstellung. Für Grawe ist es die wünschenswerte Integration von Neurologie und Psychotherapie.


Anschrift des Autors

Werner Eberwein
Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut
Leiter des Fort- und Weiterbildungszentrums Berlin
der Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie (DGH)
und des Instituts für Humanistische Psychotherapie Berlin (IHP)

nur Postanschrift:
Aachener Str. 27, 10713 Berlin

Praxis/Seminarort:
Baruther Str. 21, 10961 Berlin

Tel. +49 (30) 82 70 28 34
Fax +49 (30) 82 70 28 35
Kontaktformular
 

Fortbildung Hypnotherapie
Fortbildung Humanistische Psychotherapie

   

Co-Counselling als therapeutische Selbsthilfe

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Werner Eberwein

 

Sehen,

   daß Du nur Du bist,
   wenn Du alles bist,
      was Du bist:
         das Zarte
         und das Wilde,
            das was sich anschmiegen,
            und das,
               was sich losreißen will.

Erich Fried

 

Was ist Co-Counselling?

Co-Counselling wurde in den 50er Jahren in den USA entwickelt. Es war in den 70er Jahren in den USA und in England außerordentlich verbreitet und wird (oft unter anderen Bezeichnungen) auch heute noch vielerorts praktiziert. Co-Counselling bedeutet soviel wie "gegenseitige therapeutische Selbsthilfe". Es ist ist eine strukturierte Methode, um mit Problemen und Konflikten eigenverantwortlich besser umgehen zu lernen, ein soziales Ritual um zu lernen, für einander da zu sein.

Die Grundidee des Co-Counselling ist es, daß in jedem Menschen die Fähigkeit angelegt ist, mit seinen eigenen Problemen aus sich heraus zurecht zu kommen und anderen dabei zu helfen. Die Selbstregulation von Beziehungen durch solidarische Auseinandersetzung und gegenseitige Unterstützung ist etwas ganz Natürliches. Erst eine entfremdete Sozialstruktur (ich sage nur: Fernsehen …) und in der Folge diverse Schwierigkeiten damit, sich selbst in der Begegnung mit anderen mitzuteilen, sowie ein Mangel an Eingebundenheit in ein dauerhaft tragendes soziales Umfeld machen den Beruf des Psychotherapeuten überhaupt erst erforderlich.

Co-Counselling stellt einen strukturierten und geschützten Raum zur Verfügung, in dem die Counsel-Partner zu sich selbst finden und sich mit ihren Problemen und Mustern auseindersetzen können. Co-Counselling kann therapeutisch wirken, aber es ist keine Therapie. Es unterscheidet sich von einer therapeutischen Beziehung dadurch, daß es nichtprofessionell und gegenseitig ist. Daher werden die Rollen der Counsel-Partner auch anders benannt, nämlich "Protagonist" und "Begleiter" statt "Patient/Klient" und "Therapeut". Co-Counselling setzt keine therapeutische Ausbildung voraus, sondern nur ein relativ leicht zu erlernendes, von Respekt und Zugewandtheit geprägtes Grundverständnis, einige Übung und reflektierende Begleitung.

Im Co-Counselling erfahren die Partner eine verstehende, gewährende Beziehungsform, so wie sie sein könnte, die sie normalerweise im Alltag nicht oft haben. Co-Counselling ist eine ritualisierte Form, einander zuzuhören und füreinander da zu sein, sich selbst und dem anderen Raum zu geben, damit man sich fühlen und ausdrücken kann, statt einander immer gleich ins Wort zu fahren, dem anderen zu beweisen, daß er Unrecht hat, ihn zu belehren oder an schwierigen Stellen einfach wegzuhören. Insofern ist Co-Counselling keine neue, besonders raffinierte Psychotechnik, sondern etwas ganz Natürliches, was jeder Mensch eigentlich kennt und kann, aber häufig gerade dann nicht hat oder vergißt, wenn es am nötigsten wäre. Daher muß eine solche Haltung zuerst als etwas besonderes etabliert und in einer Sondersituation erlernt und entdeckt werden und kann dann allmählich mit in den normalen Alltag hinübergenommen werden.

Co-Counselling wird in der Regel im Rahmen einer Gruppe (in unserem Fall im Rahmen der Donnerstagsgruppe) etabliert und weiterentwickelt, kann aber auch von Paaren und innerhalb von Familien und beruflichen Zusammenhängen praktiziert werden.

In der Gruppe werden Co-Counselling-Paare gebildet, indem sich jeder Gruppenteilnehmer für eine gewisse Zeit einen Partner sucht. (Wenn die Anzahl der Teilnehmer ungerade ist, counselt entweder ein Teinehmer doppelt, oder drei Teilnehmer machen Sitzungen zu dritt mit jeweils einem Teilnehmer als Beobachter.)

 

Man lernt vom Fremden mehr, als vom Bekannten.

Es erscheint zunächst nahe liegend zu sein, jemanden als Co-Counsel-Partner zu wählen, den man schon gut kennt, zu dem man Vertrauen und eine positive Beziehung hat. Das ist aber keineswegs erforderlich oder sinnvoll. Ein Partner, der einem zunächst eher fremd oder unbekannt ist, erhöht nämlich die Wahrscheinlichkeit, daß die Counsel-Erfahrung Zugänge zu bisher unbekannten psychischen Anteilen eröffnet.

Bei einander nahe stehenden Menschen haben sich oft schon Beziehungsmuster eingefahren, die nicht ohne weiteres wieder verlassen werden können. Gerade mit einem Menschen, zu dem man zuerst ein eher distanziertes Verhältnis hat, oder den man zuerst nicht besonders mag, kann Co-Counselling sehr tief gehen und lehrreich sein. Die Beziehung zu dieser Person kann sich durch die Counsel-Erfahrung grundlegend verändern, weil eine neue Erfahrung mit dieser Person entsteht. Mit einer zunächst weniger nahe stehenden Person zu counseln ist ein größeres Wagnis mit der Chance eines besonderen Gewinns. Das Fremde oder Unsympathische an einem anderen Menschen ist oft bloß der Spiegel des eigenen Schattens. Es bereichert die Persönlichkeit, dem eigenen Schatten ins Auge zu schauen, auch wenn das vorübergehend unbequem sein kann.

Auch Gruppenteilnehmer, die sowieso schon ein Paar oder enge Freunde sind, können miteinander counseln. Sie sollten das vor allem dann tun, wenn ihre Beziehung verstrickt ist, und sie normalerweise nur schwer tiefer miteinander reden können. Dies setzt allerdings die Fähigkeit und besondere Bereitschaft des Paares voraus, sich konsequent an die Co-Counselling-Struktur zu halten. Wenn ein Paar das nicht kann oder sowieso schon die Tendenz hat, sich von anderen Menschen abzukapseln, dann sollten die beiden besser erst mal mit anderen Teilnehmern counseln.

 

Wie läuft eine Co-Counselling-Sitzung ab?

Jedes Paar trifft sich außerhalb der Gruppensitzungen einmal wöchentlich zu einer zweistündigen Co-Counselling-Sitzung. Die Paare bleiben über einen vereinbarten Zeitraum (z.B. einen Monat) zusammen und sollten in dieser Zeit nur in Ausnahmefällen (z.B. bei unüberwindlicher Verstrickung) verändert werden. Nach Ablauf dieser Zeit werden die Paarkonstellationen in einer Gruppensitzung gewechselt.

Die Co-Counselling-Einheit wird in zwei Sitzungen von je 45 Minuten aufgeteilt, mit einer Pause von zehn Minuten nach jeder Sitzung. Die Partner einigen sich, wer anfängt. Der Partner, der arbeitet, wird "Protagonist" genannt, der andere ist der "Begleiter".

 

Erste Regel: Sei da!

Die erste und wichtigste Funktion des Begleiters ist es, so gut er kann und mit offenem Herzen anwesend und aufmerksam zu sein. Was der Begleiter sagt oder tut, ist sekundär gegenüber seiner Präsenz als Person und seiner freundlichen Aufmerksamkeit für den Protagonisten mit der Einstellung: "Ich bin so gut ich kann mit offenem Herzen für dich da."

 

Zweite Regel: Am Anfang tu nur, wozu der Protagonist dich direkt bittet.

Um in die Co-Counselling-Haltung hineinzukommen, ist es das Beste, wenn der Begleiter zu Beginn erst einmal gar nichts tut, außer wenn der Protagonist ihn direkt darum bittet. Er wird die verschiedensten Impulse spüren, z.B. dem Protagonisten zuzustimmen, ihm zu widersprechen, ihn zu belehren, zu trösten, Nähe zu ihm zu suchen, ihn zu kritisieren, einzuschlafen oder ungeduldig zu werden. Er wird sich vielleicht gelangweilt, erotisiert, ängstlich, traurig, betroffen, angestrengt, aufgeregt, frustriert, angegriffen oder neugierig fühlen. Aber all das soll er zunächst nur in sich selbst wahrnehmen und erst mal nichts weiter damit machen, damit der andere einen geschützten Raum hat, in dem er sich erkunden kann.

Der Begleiter soll anfangs nur dann aktiv werden, wenn der Protagonist ihn wirklich braucht, und das merkt der Begleiter daran, daß der Protagonist ihn direkt um etwas bittet. Auf diese Weise kann sich der Protagonist seinen Raum selbst so strukturieren, daß er sich gut und sicher darin fühlt.

 

Der Beginn der Sitzung

Eine Sitzung könnte so beginnen, daß der Begleiter den Protagonisten fragt, ob er lieber liegen, sitzen, stehen oder umhergehen möchte. Dann kann er ihn fragen, wo im Raum er (der Begleiter) sein soll und ob der Protagonist etwas braucht (z.B. ein Kissen, eine Decke, daß der Begleiter seine Hand hält o.ä.). Es ist oft hilfreich, wenn der Protagonist zugedeckt bequem und zugedeckt liegt und mit dem Begleiter auf irgend eine Weise Körperkontakt hält. Dieses Setting gibt dem Protagonisten ein Gefühl von Sicherheit, und erleichtert es ihm, in seine Gefühle oder Phantasien zu gehen.

Dann wartet der Begleiter, ob der Protagonist spricht oder schweigt, etwas tut oder nichts tut, einen Wunsch äußert oder nicht. Er ist so gut er kann da mit seiner Aufmerksamkeit, ohne etwas bestimmtes zu erwarten, bewirken oder verhindern zu wollen, während der Protagonist tut, wonach ihm ist. Der Protagonist könnte dem Begleiter z.B. erzählen, was ihn gerade beschäftigt, während er Rücken an Rücken mit ihm sitzt. Co-Counselling muss nicht nur aus Reden bestehen. Der Protagonist könnte sich auch hinlegen und den Begleiter bitten, ihm den Kopf zu kraulen, den Nacken zu massieren, oder die Füße zu halten.

Wenn "nichts" passiert (wenn der Protagonist nichts tut, sich nichts wünscht und schweigt), dann kann das für den Begleiter anfangs ungewohnt oder unbehaglich sein. Er fühlt sich vielleicht ignoriert oder abgelehnt, oder er hat das Gefühl, dem Protagonisten "helfen" zu müssen. Er kann unter Druck kommen, Ungeduld oder innere Spannungen spüren. Aber für den Protagonisten kann es eine wertvolle und wichtige Erfahrung sein, wenn gar nichts von ihm gefordert wird, noch nicht einmal, dass irgend etwas passieren soll („Endlich ist jemand einfach so für mich da und ich brauche überhaupt nichts zu tun"). Wenn sich der Protagonist entscheidet, nichts zu tun und den Begleiter um nichts zu bitten, dann hat das wahrscheinlich einen Sinn für ihn, auch wenn der Begleiter und auch der Patient selbst das in diesem Moment vielleicht nicht versteht. Stille kann ein ruhiges, geborgenes Sich-Versenken sein, wie eine Meditation.

Manchmal ist anhaltende Stille und Passivität des Protagonisten aber eher ein Ausdruck von einsamer Desorientiertheit, ein angespanntes Ausharren oder ein Stocken voller Ängste und frustrierter Erwartungen. (Wenn man darin geübt ist, merkt man den Unterschied an der Atmosphäre im Raum.) Dann könnte der Begleiter den Protagonisten vorsichtig fragen, wie es ihm geht, und ob er etwas braucht. Wenn der Protagonist dann z.B. sagt: „Es ist okay, ich brauche nichts“, dann soll der Begleiter sich in Geduld fassen und auf die Selbstregulationsfähigkeit des Protagonisten vertrauen.

 

Zweite Regel: Der Protagonist hat immer Recht.

Wenn die Partner einige Erfahrung mit der Co-Counselling-Struktur gemacht haben, dann kann der Begleiter aktiver werden, auch mal seinen eigenen Impulsen folgen und aus seiner Intuition heraus Vorschläge oder Rückmeldungen einbringen, ähnlich wie ein Therapeut in einer Therapiesitzung. Er kann dem Protagonisten beispielsweise vorschlagen, sich hinzulegen, aufzustehen, einen Satz zu wiederholen, zu einem angeschnittenen Thema mehr zu sagen, sich eine Person, über die er gerade spricht, bildhaft vorzustellen oder sich ihn sie hineinzuversetzen. Aber auch dann behält der Protagonist die volle Kontrolle über den Prozeß. Der Begleiter unterstützt ihn, regt ihn an, richtet sich aber immer nach dem Willen des Protagonisten.

Als professioneller Therapeut verhalte ich mich manchmal auch beharrend, verwirrend, konfrontativ, herausfordernd oder penetrant. Ich arbeite an festgefahrenen („Ich-syntonen“) unbewußten Mustern, an Widerstand und Regression in der Dynamik von Übertragung und Gegenübertragung. Ein Co-Counselling-Begleiter dagegen sollte sich vor allem um eine schützende, fürsorgliche, fördernde, verstehende, gewährende, angemessen abgegrenzte, liebevolle Haltung bemühen. Konfrontative Elemente sollte nur ein erfahrener Co-Counselling-Begleiter einführen, wenn der Protagonist das wünscht und wenn der Begleiter sich sicher damit fühlt.

Ein erfahrener Begleiter kann auf Wunsch des Protagonisten alle Formen, die er in der Einzel- oder Gruppentherapie gesehen oder erlebt hat, und auch alles, was ihm in der Situation einfällt, dem Protagonisten vorschlagen (z.B. Rollenspiele, auf ein Kissen schlagen, Massage, Bewegungs- oder Atemübungen). So lange er diese Vorschläge respektvoll als Vorschläge einbringt, und es dem Protagonisten (auch innerlich) völlig freistellt, sie anzunehmen, zu modifizieren oder abzulehnen, kann er praktisch nichts verkehrt machen. Der Protagonist kann sich alles wünschen, annehmen oder ablehnen. Beim Co-Counselling hat der Protagonist – im Rahmen der klar zu formulierenden Grenzen des Begleiters - immer „Recht“. Er weiß am besten, was gut für ihn ist.

 

Dritte Regel: Bei „Stop“ ist stop.

Wenn der Begleiter sich überfordert fühlt oder wenn ein Wunsch des Protagonisten über seine Grenzen zu gehen droht, dann muß er sich klar abgrenzen ("Es tut mir leid, aber das möchte ich nicht tun"). Das muß für den Protagonisten nicht schrecklich oder frustrierend sein, selbst wenn der Begleiter das vielleicht befürchtet. Der Protagonist braucht einen Begleiter, der integer und mit einem guten Gefühl bei ihm ist, nicht jemanden, der mit zusammengebissenen Zähnen etwas mitspielt oder über sich ergehen lässt, was er eigentlich nicht will. Eine klare Abgrenzung, respektvoll vorgebracht, ist befreiend für beide Seiten, sie ist zum Schutz des Begleiters und der Ritualstruktur unabdingbar.

Beide Co-Counselling-Partner müssen auf ihre Grenzen achten und deutlich machen, wenn ihnen etwas zu viel wird, oder wenn sie etwas nicht wollen. Wenn einer von beiden an seine Grenzen kommt oder wenn ihm etwas zu viel wird, sagt er „stop“. Dann hört der Counsel-Partner sofort auf, und die Sitzung wird unterbrochen oder beendet. Auch das ist ganz in Ordnung und ein Zeichen dafür, dass der „Stop-Sager“ ein klares Gefühl für seine Grenzen hat und in der Lage ist, sie zu schützen. Die Interaktion wird dann in der nächsten Gruppensitzung angesprochen, damit es gemeinsam angeschaut und verstanden werden kann.

Schwierig wird es für den Begleiter naturgemäß dann, wenn er selbst in ein Thema des Protagonisten verwickelt ist, wenn er das selbe Problem auch hat, eine ähnliche Dynamik in sich abwehren muß, oder wenn die Beziehung zwischen beiden das Thema des Sitzung ist. Wenn der Begleiter spürt, daß er innerlich verwickelt ist, dann ist es oft das beste, erst mal nur zuzuhören, möglichst wenig zu tun, und sich mit seinen Gefühlsreaktionen dann in seiner eigenen Sitzungshälfte auseinanderzusetzen. (Das ist dann ein Modell für die Bearbeitung von Beziehungskonflikten in Co-Counselling-Selbsthilfe.) Wenn der Begleiter mit dem Protagonisten emotional verwickelt ist, dann muß er das registrieren, sich merken und frühzeitig in der Donnerstagsgruppe ansprechen, bevor daraus ein Beziehungsknoten geworden ist.

Mit dem Protagonisten und seinen Problemen emotional verwickelt zu sein, ist nichts Negatives und nur scheinbar ein Hindernis. Wenn man sich tiefer einlässt ist Verwickeltsein letztlich unvermeidbar. Die emotionale Verstrickung ist die Art, wie der Begleiter seine emotionale Beteiligung an dem Prozeß des Protagonisten durch seine eigene Person hindurch spürt. (Bei einem Therapeuten würde man von der „Gegenübertragung“ sprechen.) Es ist kein Zeichen von Unfähigkeit, sondern kann der einzige Weg dazu sein, den anderen wirklich zu verstehen. In der aktiven Auseinandersetzung mit seiner Eingebundenheit in die Dynamik des Protagonisten lernt der Begleiter, auf einen anderen Menschen wirklich einzugehen, statt ihm nur seine eigene Geschichte überzustülpen. Hier ist Fühlen und Distanz zugleich wichtig.

 

Vierte Regel: Halte dich an die Struktur.

Aufgabe des Begleiters ist es auch, auf die Sitzungszeit zu achten. Weil er nicht in jeder Situation ohne Weiteres auf eine Armbanduhr schauen kann, sollte sich während der Sitzung in seiner Sichtweite eine Uhr befinden (zum Beispiel ein Wecker, der nicht hörbar tickt). Nach 40 Minuten (also 5 Minuten vor dem Ende der Teil-Sitzung) sagt der Begleiter in einer respektvollen Stimmlage, daß die Zeit nun bald um ist, um dem Protagonisten Gelegenheit zu geben, in den verbleibenden fünf Minuten die Sitzung innerlich abzurunden. Nach genau (!) 45 Minuten beendet der Begleiter die Sitzung und verläßt für zehn Minuten den Raum. Diese Pause und der räumliche Abstand sind für beide wichtig, um das Ritual innerlich abzuschließen und um den anschließenden Rollenwechsel durchführen zu können. Die 45 Minuten Sitzungsdauer sollten höchstens um eine bis zwei Minuten über- oder unterschritten werden, auch wenn es so aussieht, als würde sowieso nichts mehr passieren, oder als würde das Wichtigste jetzt eben gerade erst kommen.

Wenn der Begleiter den Protagonisten während der Sitzung berührt hat, kann er zur symbolischen „Reinigung“ in der Pause seine Hände eine Weile unter fließendes, warmes Wasser halten. Dann beginnt die zweite 45-minütige Sitzung, in der der vormalige Begleiter nun Protagonist, der vormalige Protagonist nun Begleiter ist, ebenfalls mit einer anschließenden zehnminütigen Pause mit räumlicher Trennung.

Nach zwei Stunden ist das Co-Counselling beendet. Die Partner könnten dann Kaffee trinken oder spazieren gehen, in dem Wissen, dass das nun nicht mehr Co-Counselling ist. (Um sich an die Co-Counselling-Struktur zu gewöhnen, sollten die Partner sich anfangs lieber an einem anderen Tag privat treffen, wenn sie das Bedürfnis danach haben, um den besonderen Charakter der Co-Counselling-Situation erst einmal zu etablieren.)

Es ist für das Funktionieren des Co-Counselling entscheidend wichtig, den Rahmen konsequent einzuhalten. Die Paare sollten sich regelmäßig jede Woche treffen und auch wirklich miteinander counseln. Co-Counselling ist kein Kaffeekränzchen. Es sollte klar strukturiert (rituell) ablaufen und eindeutig vom gewohnten Alltagskontakt abgehoben sein. Wenn das Co-Counselling mit dem Alltag verschwimmt, bleibt die Beziehung alltäglich und damit innerhalb der gewohnten, eingeschliffenen Begrenzungen. Dann findet Co-Counselling mit seinen besonderen Möglichkeiten nicht statt.

Ebenso wichtig ist es, daß beide Partner genau darauf achten, wo sie unsicher werden und was sie zurückhalten, etwa um den anderen zu schonen, oder weil sie dessen Reaktion fürchten. Diese Dinge sollen dann in der Gruppe angesprochen werden. Die Momente, in denen es für den Begleiter schwierig wird, sind nämlich meistens genau die Stellen, an denen auch der Prozeß des Protagonisten "festhängt". Dort ist er an seinem Wachstum gehindert, und dann muß sich der Begleiter aus der Gruppe und beim Gruppenleiter Unterstützung, Reflexion und Anregungen holen.


Anschrift des Autors

Werner Eberwein
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Hypnosetherapie zwischen Empirie und Esoterik

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Werner Eberwein

 

Wirkt Hypnose magisch – oder kann man sie berechnen? Ist das Magische an der Hypnose eine (wirksame) Illusion – oder besteht die Illusion in der Idee der exakten Fassbarkeit der Hypnose?

Die moderne Hypnosetherapie ist wie ein Zwerg, der auf den Schultern eines Riesen sitzt. Was wir heutzutage unter Hypnose verstehen, ist die mehr oder weniger zeitgemäße Fassung einer Tradition, die durch die Jahrtausende geht. Das Heilen durch Suggestion wurde mal religiös verklärt, mal als Hexenwerk verteufelt - nicht selten beides zugleich. Zeitweise war es den anerkannten Heilberuflern bei Strafe verboten, Hypnose anzuwenden. Dann schwenkte die bürokratische Handhabung um, und Hypnose war ausschließlich den offiziell anerkannten Heilkundigen vorbehalten. So ging es hin und her schon in grauer Vorzeit bis zu Franz Anton Mesmer, und auch heute noch bewegt sich die Hypnose im Spannungsfeld zwischen dem bunten Schillern der Esoterik auf der einen und den grauen Formeln der Empirie auf der anderen Seite, mal um Abgrenzung bemüht, mal im magischen oder „wissenschaftlichen“ Gewand.


Was ist eigentlich Esoterik?

Die Esoterik ist ein eklektizistisch-religiöser Supermarkt. Sie umfasst ein weit gespreiztes Spektrum von Astrologie bis Zen-Buddhismus, von Astralreisen bis Trance-Tanz, von Hellsehen bis zur Atemarbeit, von Geisterbeschwörungen bis ... ja ... bis zu Hypnose. In der esoterischen Szene wird tiefgründig Erlebtes vermischt mit naivem Aberglauben, ehrwürdige Traditionen werden verquickt mit aberwitzigen Phantasiegebilden.

Die esoterischen Heilungs- und Heilsvorstellungen schöpfen ihre Sogwirkung aus der Kritik an einer pharmazeutischen und elektronischen Medizin, der der Patient als Mensch abhanden zu kommen droht, und an einem Gesundheitssystem, dem der ökonomische und ethische Kollaps droht.

Sie will den Geist öffnen für Mögliches und noch nicht Verstehbares nach dem bekannten Satz aus Shakespears Hamlet:

„Es gibt mehr DingÙ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt.“

Die Esoterik ist eine unerschöpfliche Quelle eingängiger Metaphern für Hypnosesitzungen. Aber andererseits: nicht alles, was irrational ist, hat gleich auch Hand und Fuß.

In der esoterischen Szene (so auch in der esoterischen Hypnose) werden eindrucksvolle Erlebnisse in Trance zum Kriterium für Realität, nach dem Motto: „Wahr ist, was ich fühle.“ Geschichten und Mythen, Anekdoten und Phantasien, vermischt mit Glaubensbekenntnissen und überstrapazierter Quantenphysik, werden - nicht selten offensiv missionarisch - als gesicherte Realität verkauft. Skeptische Fragen nach Überprüfbarkeit und Reproduzierbarkeit werden von Esoterikern nur mitleidig belächelt. Für Teile der esoterischen Weltanschauung gilt wohl, was Marx über die Religion schrieb:

„Sie ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, der Geist geistloser Zustände. Sie ist das Opium des Volkes.“

Die Hypnose hatte in der Öffentlichkeit schon immer einen zwiespältigen (aber gerade dadurch auch reizvollen) Ruf am Rande des Okkulten, und trotz all unserer Bemühungen um Aufklärung und für ein realistisches Bild der Hypnose ist das heute nicht viel anders. Wir brauchen daher solide Forschung zur Absicherung unserer Bodenhaftung, um bloßes Wunschdenken von handfest Reproduzierbarem zu unterscheiden.

Was leistet Empirie?

Was nicht jede/r weiß: selbst die Leistungen im Rahmen der gesetzlichen Krankenversorgung sind empirisch keineswegs gut abgesichert. So stellte der Sachverständigenrat für die konzertierte Aktion im Gesundheitswesen 1999 fest:

"Nur etwa 4 % aller ambulant und stationär erbrachten Dienstleistungen (genügen) dem Anspruch auf belastbare Evidenz. ... Für 51 % gibt es heute ... keine wissenschaftliche Evidenz."

(Wir brauchen wohl nicht lange darüber nachzudenken, warum gerade von neuen psychotherapeutischen Verfahren eine unerschütterliche empirische Absicherung verlangt wird.)

Aber die Empirie hat auch nicht die Antwort auf alle Fragen. Leider geht es den Empirikern nicht selten wie der Forscher, der einen Frosch auf seine Hand setzt und zu ihm sagt: „Spring!“ – und der Frosch springt. Dann umwickelt der Forscher die Hinterbeine des Frosches mit Heftpflaster und sagt zu ihm „Spring!“ – und der Frosch springt nicht. „Es ist bewiesen“, sagt der Forscher, „der Frosch hört mit den Beinen.“ Was bei empirischen Untersuchungen herauskommt, ist oft genug so sehr von den Voraussetzungen der Untersuchung bestimmt, dass Wirklichkeit mehr konstruiert als abgebildet wird.

Es wäre sowieso ein sehr eingeengter Blickwinkel, wollte sich die Hypnosetherapie nur als Naturwissenschaft, also als angewandte Laborforschung definieren. Die Fesselung der Psychotherapie an den so genannten Goldstandard empirischer Forschung dient heute primär der Kostenkontrolle und der Zementierung der Claims der in den Psychotherapie-Richtlinien bereits anerkannten Schulen - von denen nebenbei die ältesten diesen Standard nie erfüllen mussten.

Wissenschaftliche Forschung hat für die Hypnose einen wichtigen Stellenwert, ja sie ist unabdingbar, weil sie uns hilft, zwischen Wirklichkeit und Fiktion zu unterscheiden. Positive Resultate empirischer Untersuchungen sind darüber hinaus für den Praktiker gut brauchbar als Suggestionsverstärker.

Empirie gibt der Hypnose wissenschaftliche Verankerung, um von Universitäten, Ministerien und Krankenkassen ernst genommen zu werden. Aber die Voraussetzungen empirischer Forschungen sind selbst Konstrukte, die kritisch hinterfragt werden müssen. Leider vereinfachen empirische Untersuchungen die hypnotherapeutischen Prozesse notwendig so weit, dass sie vom Standpunkt der klinischen Praxis manchmal kaum wieder zu erkennen sind. Die Seele und der therapeutische Dialog sind eben keine Dinge, die man nach Gramm und Metern messen kann.

Was empirisch erforscht werden kann, sind:

*       materielle Substrate - also Leukozytenzahl, Hautwiderstand oder der Sauerstoffverbrauch von Hirnregionen, die von der naturwissenschaftlichen Forschung untersucht werden,

         oder:

*       operationalisierte Berichte - also Fragebögen, Tests oder Interviews, die statistisch ausgewertet werden.

Die Komplexität eines Lebensweges als Produkt von verantwortlichen Entscheidungen und als Begegnung zwischen Personen entgleitet der biologischen Empirie ebenso wie der mathematischen. Nicht ohne Grund ist die Vorstellung ein wenig gruselig, dass ein Gehirn auf dem Seziertisch einmal ein Mensch gewesen sein muss, der gelacht und geweint hat, mit dem man reden und etwas unternehmen konnte. Hypnose ist kein materieller Gegenstand, den man anfassen oder präparieren könnte. Hypnose ist ein (inter-)subjektiver Prozess mit biologischen Auswirkungen. Hypnose wird von fühlenden Menschen in sich selbst oder in der Interaktion miteinander immer wieder neu erschaffen und kann nur so entstehen. Ähnlich wie ein Traum oder ein Gespräch wirkt Hynose sich - auf interessante Weise - im Gehirn oder auf den Blutdruck aus, aber sie ist selbst nichts Materielles, nicht substanzhaft.

Hypnose ist ein Sich-Einlassen auf die eigene Tiefe.

Der Anwendungsnutzen biologischer oder statistischer Forschung für die hypnotherapeutische Praxis ist begrenzt. Die physiologische Empirie (also Hirnforschung, Biofeedback oder Biochemie) beweist, dass „es funktioniert“, dass Trance physiologische Veränderungen hervorbringt, dass wir hypnotisch das Blutbild oder die Sauerstoffversorgung bestimmter Hirnareale verändern können, aber daraus entstehen kaum neue, praktisch-therapeutische Perspektiven. Die statistische Empirie (also Umfragen, Faktorenanalysen und Korrelationskoeffizienten) wandelt das Erleben in Zahlenwerte um, verfehlt aber dadurch gerade das weitgehend, was sie zu erforschen vorgibt, nämlich das Subjektive. Qualitative Empirie wiederum erzeugt unübersehbare Datenberge, die ohne (ungeprüfte) Vorab-Hypothesen kaum sinnvoll ausgewertet werden können.

Ein Hypnotherapeut wirkt auch heilend durch Tiefenkontakt, Mut, Wärme, Klarheit, Abgegrenztheit, Mitschwingen, Akzeptieren, Verstehen, Einfühlung, Phantasie, Kreativität, Flexibilität, Sicherheit, Zentriertheit und inneren Tiefgang, also durch Faktoren, die nur schwer operationalisiert werden können. Die empirische Hypnoseforschung will Hypnosetherapie auf das Messbare begrenzen, zugespitzt nach dem Satz: "Was ich nicht messen kann, soll auch nicht praktiziert werden".

Die empirische Erforschung hypnotischer Heilungsprozesse ist hilfreich und notwendig, weil sie uns davor schützen kann, uns in Phantasien hinein zu vergallopieren, aber sie greift notwendig zu kurz. Sie hinterlässt genau im Zentrum ihrer Fragestellung eine Erklärungslücke, die unter dem Begriff „reduktionistisches Dilemma“ bekannt wurde. Empirie muss vereinfachen und quantifizieren, wenn sie vergleichbare Daten liefern will. Die Seele aber ist komplex, einzigartig, der Inbegriff des Persönlichen und darüber hinaus nur zu einem geringen Teil bewusst. Sie kann nur annäherungshaft und indirekt verobjektiviert werden.

Stellen Sie sich vor, ein Empiriker wollte die Qualität oder die Effizienz eines Urlaubes, einer Ehe oder – sagen wir – eines Kusses erforschen. Wenn wir dann wissen, dass die Qualität einer Ehe 63 von möglichen 100 Punkten erreicht, dann haben wir eine vergleichbare Größe, aber die Lebenswirklichkeit der Partnerschaft, die Vielfalt der Beziehung ist darin nicht abbildbar. Was gemessen werden kann, ist nicht die Seele.

Weiterhin erscheint es ganz logisch, die Wirksamkeit der Interventionen zu untersuchen, die der Therapeut anwendet, obwohl die klinische Praxis und eine Vielzahl empirischer Untersuchungen zeigen, dass die Motivation und die Eigeninitiative des Patienten, also die Art, wie der Patient in der Therapie für sein Weiterkommen aktiv wird, mindestens ebenso wichtig für den therapeutischen Fortschritt ist. Meines Erachtens ist die (vor allem von den Krankenkassen produzierte) Ideologie der „Leistungserbringung“ durch die Therapeuten eine krankheitserhaltende Illusion, die existenzielle Heilungsentwicklungen der Patienten verhindert, statt sie zu fördern. Hypnosetherapie ist keine Einbahnstraße. Hypnose ist Kooperation.

Eine Hypnosetherapie ist kein chemisches Experiment, bei dem man eine Substanz (die Intervention) einer anderen (der Störung) hinzufügt, und dann das Produkt (die Heilung) erhält. Was in einer Hypnosetherapie passiert, ist nicht einfach das Ergebnis von Techniken, die der Therapeut auf den Patienten appliziert. Vielmehr entsteht eine hypnotische Therapie aus der Zusammenarbeit zweier Personen, und die aktive Arbeit des Patienten an sich selbst ist von beiden die weitaus wichtigere. (Dieser Gedanke ist meines Erachtens der Kern der „ericksonianischen Wende“ in der Hypnosetherapie.)

Wenn man Hypnose nur als Sammlung von Rezepten zur Symptombeseitigung, also als ein Therapie-Kochbuch versteht, dann wird ihr Potential bei weitem nicht ausgeschöpft. Was ein Therapeut im hypnotischen Dialog mit dem Unbewussten bewirken kann, entsteht nicht notwendig aus Handbuchwissen, sondern vor allem aus der kommunikativen Kompetenz des Therapeuten, seiner persönlichen Reife, seiner Tiefensensibilität und seiner Resonanzfähigkeit im Umgang mit Menschen. Begegnung ist nicht programmierbar.

Der Hypnosetherapie als Tiefendialog zwischen Personen in Kooperation mit dem Unbewussten kann man sich mit bildgebenden Verfahren und mathematischen Meta-Analysen annähern, aber erreichen kann man sie nie. Eine Empirie des Subjektiven im Sinne einer exakten Wissenschaft, quasi die Seele auf dem Seziertisch oder in einer Tabelle abgebildet, gibt es nicht und kann es nicht geben.

Humanistische Hypnosetherapie sieht Trance als existenziellen Dialog zwischen Personen und dem Unbewussten der Beteiligten. Sie versteht den Menschen als Subjekt, das Beziehung, Sinn- und Bedeutung sucht.

Erstaunlicherweise gibt es bisher praktisch keine seriösen, detaillierten Berichte über das subjektive Erleben von Trance-Prozessen, weder von Patienten- noch von Therapeutenseite. Dabei könnte man gerade durch solche Erlebnisberichte dem hypnotischen Prozess vielleicht von innen her am nächsten kommen. Allerdings sind hypnotische Prozesse im Erleben prinzipiell nicht vollständig repräsentiert. Was in einer Trance passiert, wie Veränderungen geschehen, und was genau die relevanten Faktoren hypnotischer Heilungsprozesse sind, ist weder dem Patienten noch dem Therapeuten vollständig bewusst.

Mehr als jedes andere Therapieverfahren transzendiert Hypnose die Rationalität (und damit die Reproduzierbarkeit). Moderne Hypnose wirkt individuell sehr verschieden, aus dem Unbewussten und durch Stimulation des Unbewussten. Sie ist - ähnlich wie zum Beispiel „Humor“ oder „Harmonie“ - in ihrem Wesen trans-rational. Das ist gerade das Faszinierende und Effektive daran. Ein hypnotischer Prozess ähnelt der Tür in Michael Ende's Unendlicher Geschichte, durch die man nur gehen kann, wenn man nicht will. Durch Wissen und Wollen funktioniert es nicht. Je präziser und eindeutiger man hypnotische Begriffe und Prozesse definieren will, umso mehr entgleiten sie.

Besonders die modernen, ericksonschen Hypnosestrategien haben etwas genuin Kreatives, Unvorhersehbares. Am wirksamsten sind hypnotische Interventionen, wenn sie auf die Person dieses Patienten abgestimmt sind. Sie können dann aber nicht identisch mit hundert oder tausend Probanden wiederholt oder auch nur vollständig und exakt beschrieben werden. Was identisch reproduziert werden kann, ist nicht individualisiert, und daher nicht ericksonianisch!

In empirischen Studien an den Universitäten werden hypnotherapeutische Techniken meistens von Hypnose-unerfahrenen Studenten oder von Therapie-Anfängern an - wiederum - Studenten im Rahmen ihrer Experimental-Praktika untersucht. In der Regel wird mit standardisierten Induktionstexten gearbeitet, die vom Blatt abgelesen oder vom Tonband gehört werden. Die Ergebnisse solcher Untersuchungen müssen, was die Wirksamkeit der Hypnose betrifft, weit hinter realen Therapien zurückbleiben, in denen Trance-Techniken von erfahrenen Therapeuten professionell, kreativ, integrativ und individualisiert mit Patienten angewandt werden, die emotional stark involviert sind, weil ihre Probleme ihnen unter den Nägeln brennen. Wenn man moderne hypnotherapeutische Methoden so weit vereinfacht und schematisiert, dass sie wiederholbar und vergleichbar werden, nimmt man ihnen viel von ihrer transformativen Kraft. Hypnose ist Heilung aus der Traumlogik. Wir wissen noch immer sehr wenig darüber, wie sie eigentlich wirkt.

Empirisch gut untersucht ist die alte, standardisierte Hypnose in Laborsituationen. Ich weiß nicht, ob die ericksonsche individualisierte, indirekte oder beiläufige Mehr-Ebenen-Hypnose als Bestandteil eines integrativen Therapiekonzepts (also moderne Hypnose) quantitativ überhaupt untersucht werden kann. Vielleicht passt sie in das statistische Paradigma einfach nicht hinein.

Was ist Hypnose? Was ist Trance?

Hypnose führt den Geist in ein Zwischenreich, in dem suggestiv stimulierte Phantasien zu körperlicher Wirklichkeit werden, in dem die Schatten der Biografie dem gespürten Selbst hinzugefügt werden können. Hypnose ermöglicht einen Zugang zu tieferen Schichten der Seele, um Blockaden in oberflächlichen Schichten aufzulösen. Hypnose ist ein Sich-Einlassen auf die eigene Tiefe, auch auf die eigenen Abgründe, und auf die des anderen. In Trance kann sich der Patient mit seinem Gewahrsein in seinen Körper einsinken lassen. Er kann lernen, mit Organsystemen zu kommunizieren und körperliche Prozesse zu beeinflussen. Hypnosuggestiv können erstaunliche psychische und körperliche Veränderungen bewirkt werden, die ansonsten nur durch chemische oder physikalische Eingriffe möglich sind. Trance ist eine Brücke zwischen Körper und Seele. Hypnose ist angewandte Psychosomatik.

Trance ist ein Mittel zur Heilung, aber auch schon ein Stück Heilung selbst. Hypnose vermittelt körperliche Tiefentspannung und eine vorübergehende Befreiung des Geistes vom hektischen Geschwätz der Gedanken, wie es sonst nur unter Drogen oder nach jahrelangen, intensiven Meditationsübungen erlebt werden kann. Trance ist ein wohltuender Ruhepol in unserer überstimulierenden Schnellfeuerkultur. Das Erlebnis tiefer innerer Stille, das Einsinken in die Leere, das Ruhen des Geistes, das Loslassen des Körpers, die Hingabe an die Wellen des psychischen Grundes, all das sind Erlebnisweisen, die in alten östlichen und neuen westlichen Traditionen angestrebt, dort aber nur für Wenige nach viel Mühen erreichbar sind. Diese so genannten Alpha-Zustände sind zutiefst wohltuend, erholsam und an sich schon heilsam.

Wir alle haben ein natürliches Bedürfnis nach Trance als Stillezone in einer immer lauter und hektischer werdenden Welt. Die Alpha-Deprivation - ein Mangel an Ruhe und Besinnlichkeit - ist zu einem der wichtigsten pathogenen Faktoren unserer Zeit geworden. Das ADS-Syndrom, das eine ganze Generation von Kindern erfasst zu haben scheint und der „Killer Nummer eins“, die Herz-Kreislauf-Erkrankungen, sowie Tinnitus, Suchten, Schlafstörungen und das nervöse Erschöpfungssyndrom legen davon Zeugnis ab.

Versenkung zum Wesen hin ist ein Weg zum Ziel, aber auch ein Stück Angekommensein im Ziel. Trance ist Werkzeug und Werk, Technik der Veränderung und – zumindest vorübergehender - innerer Frieden im seelischen Grund. Hypnose ist westliche Meditation.

Hypnose führt die Seele ihrer Ganzheit entgegen. (Die Seele ist immer auf der Suche nach sich selbst.) Trance kann ein Schritt auf dem Weg zur Ganzwerdung sein, zur Überschreitung des kleinen Ich hin zur Ganzheit des psychosomatischen Selbst, zur Integration und dadurch zur Gesundwerdung.

Ein Stück jenseits der Selbstkontrolle und der gewohnten Identitätsgrenzen wird in Trance die Seele in ihrer Relativität und Wandelbarkeit erlebbar. Wir spüren in Trance, dass wir auch anders, jemand anders, zum Beispiel glücklich oder unser eigener, innerer Feind, oder aber viel weiser und reifer als wir selbst sein könnten. In Trance kann die Psychodynamik oder die systemische Einbindung einer Störung direkt erfahren und ergründet werden. Das Erleben von Heilsein, von Am-Ziel-Sein kann vorweggenommen werden. Das Gefühl, gesund zu sein, aber auch schamhaft und ängstlich Abgewehrtes kann in Trance als machtvolle Ressource aktiviert und therapeutisch genutzt werden.

In Trance ist die Befreiung aus dem Kasten kalter Rationalität möglich. Vor Erickson haben praktisch nur Männer hypnotisiert, und hypnotisiert wurden überwiegend Frauen. Die EricksonÙsche Hypnose hat dagegen etwas Weibliches, insofern sie sanft, eher indirekt, spiegelnd, einladend und flexibel ist. Die viel zu oft auf bloß funktionale Sachorientierung fokussierte Psyche von uns Männern profitiert besonders vom Biegsamen, Märchenhaften, Analogischen der modernen Hypnosetechniken, die die Phantasie aktivieren und die Emotionen ansprechen. Trance ist Heilung durch Erleben und Fühlen, durch suggestive Bestärkung des Heilungsglaubens. Hypnotherapie vermittelt signifikante emotionale Erfahrungen.

Hypnotische Heilungsprozesse wirken manchmal magisch, weil bestimmte Probleme sich auf rational nicht voll nachvollziehbare Weise in Luft aufzulösen scheinen. Manche Interventionen im Rahmen der Trancelogik wirken so intensiv, weil sie primärprozeßhaft (also nach der Traum-„Logik“ des Unbewussten) gestaltet sind. Hypnose nutzt bewusst die Magie von Stimmungen, Ritualen, Analogien und Archetypen, sowie die gezielte Entgrenzung des Bewusstseins und die teilweise Verschmelzung der Identität von Therapeut und Patient in Trance. Die moderne Hypnose ist keine Einbahnstraße der Beeinflussung, sondern ein Dialog, vermittelt durch das Unbewusste der Beteiligten, und daher nur als Zwei-Personen-Psychologie zu begreifen. Hypnose ist psychosomatische Tiefenresonanz. Trance ist ein archaischer Transformationszustand, gleichsam der Veränderungsmodus der Seele.

Psychische Heilung findet, wenn sie geschieht, immer in Trance statt:

*       In der Psychoanalyse bewegt man sich in einer therapeutischen Zweitwirklichkeit, genannt „Übertragung".

*       In der Verhaltenstherapie arbeitet man mit imaginativer Umstrukturierung und Desensibilisierung.

*       Im Psychodrama, in der Gestalttherapie oder in Familienaufstellungen werden durch Rollenspiele therapeutische Doppelrealitäten (also Trance) erzeugt und genutzt.

*       In der Körpertherapie gehen die Patienten durch Atem, Berührung und Bewegung in Trance.

Alle psychisch wirksamen Therapiemethoden arbeiten auf die eine oder andere Weise mit Trance, allerdings jeweils nur mit einem Ausschnitt der Möglichkeiten dieses Zustandes. Vor allem die gezielte posthypnotische Suggestion ist ein Spezifikum der Hypnotherapie, das in anderen Verfahren praktisch ungenutzt bleibt.

Hypnose kann relativ begrenzt benutzt werden, etwa um einen medizinischen Eingriff entspannt zu erleben, oder um akute Ängste oder Zwänge abzubauen. Der Trance-Zustand selbst und das hypnotische Kommunikationsfeld (genannt „Rapport“) bleiben ein Mysterium. Mit pseudo-klaren Begriffen wie „Suggestion“ oder „das Unbewusste“ hantieren wir mit etwas, das wir kaum begreifen und vielleicht nie vollständig begreifen können. Das Unbewusste ist uns eben nicht bewusst. Es ist ein aktives Jenseits, ein Unfassbares, das wir pragmatisch verwenden, ohne es auch nur annähernd zu verstehen. Suggestion ist eine Vielfalt von Kommunikationsprozessen unter der Wahrnehmungsschwelle. Was also ist Hypnose?

*       Hypnose ist eine Wissenschaft, insofern sie empirisch – soweit das möglich ist – hervorragend erforscht und belegt ist.

*       Hypnose ist ein Handwerk, weil viele ihrer Techniken nur durch Selbsterfahrung gelernt werden können und durch persönliche Anleitung vermittelt werden müssen.

*       Hypnose ist eine Kunst, weil sie ihre eigene Ästhetik in Sprache und Bildern sowie viele parallele Stilrichtungen besitzt.

*       Hypnose ist ein Mysterium, weil sie das Trans-Rationale therapeutische einsetzt und sich als Tiefen-Intersubjektivität einem vollständigen rationalen Begreifen entzieht.

Manchmal frage ich mich, ob die Seele und das Unbewusste grundsätzlich nicht begriffen werden können, ebenso wie Tiere prinzipiell keine höhere Mathematik lernen können. Vielleicht gibt es einiges, was bei all unserem Wissen geheimnisvoll bleibt.


Eine integrative Betrachtungsweise von Hypnose und von Trance, ja von Psychotherapie überhaupt als humanistischer Prozess hat in der Logik der Krankenkassen, der Gesundheitsministerien und Kassenärztlichen Vereinigungen keinen Raum. Das ist aber wohl eher gut, denn innerhalb der GKV ist auch künftig kaum mehr zu erwarten, als die weitere Ausweitung des jetzt schon unerträglichen bürokratischen Aufwandes durch immer neue, sinnlose Formalitäten und ein sich weiter ausweitender Verteilungskampf zwischen den Therapeuten-Untergruppen.


Spannende Aufgaben

Zum Schluss möchte ich drei Aufgabenbereiche benennen, in denen die Hypnosetherapie meines Erachtens weiterentwicklungsbedürftig ist.

1. Die Aktivierung latenter Fähigkeiten durch Suggestion in Trance (also moderne Hypnotherapie) ist ein effektives Werkzeug, aber noch lange keine voll ausgerüstete psychotherapeutische Werkstatt. Die klinische Erfahrung zeigt, dass es viel wirksamer ist, Hypnose mit anderen Verfahren zu verknüpfen. Der Stand der Kunst in der Psychotherapie wäre eigentlich die Vernetzung des rationalen Gehalts der vorhandenen Therapieformen, also von jeder Methode das zu nehmen, was Sinn macht und was wirkt, und das zu einem einheitlichen, Ganzen zu vereinen.

Die Psychotherapeutengesetzgebung geht von der Fiktion der Anwendung isolierter Verfahren aus. In der therapeutischen Praxis bewährt sich dagegen das am besten, was viele Therapeuten sowieso tun: die Integration unterschiedlicher Verfahren und Konzepte. Wie man aber hypnosuggestive Techniken im Rahmen von modernen psychodynamischen, psychodramatischen oder körperorientierten Verfahren anwendet, dazu gibt es nur wenige aktuelle Konzepte. Einige der brauchbarsten und modernsten Veröffentlichungen zu diesem Thema, sind schon fünfzig oder hundert Jahre alt (wie die von Janet oder von Wolberg).

2. Wir haben viele kurzzeit-hypnotherapeutische Techniken für fokussierte Symptome entwickelt. Wir wissen ziemlich genau, wie wir hypnotisch mit Patienten arbeiten können, die unter eingegrenzten Phobien, psychosomatischen Symptomen oder Zwängen leiden. Allerdings sind in vielen Fällen solche begrenzten Symptombilder eher das Produkt einer überfokussierenden diagnostischen Sichtweise. (Was das Problem der ICD-Schubladen ist, merkt man, wenn man einmal versucht, sich selbst nach dem ICD zu diagnostizieren.)

Viele Patienten, die um Psychotherapie nachsuchen, leiden unter generalisierten, polyneurotischen Störungen (die heute so verbreitet sind, dass der ReichÙsche Begriff der „Normalpathologie“ durchaus Sinn macht). Ihre Index-Symptome sind wie Korken, die auf dem Meer einer Stukturstörung schwimmen. Sich bei ihnen auf einzelne Symptome zu beschränken, entspricht zwar den ökonomischen Vorgaben der Krankenkassenlogik, wird aber diesen Patienten als Person nicht gerecht.

Wir erleben in den letzten Jahrzehnten eine Epidemie der narzisstischen, Borderline-, schizoiden und anderen Persönlichkeitsstörungen. Hypnosetherapie bei Strukturstörungen mit ihren schwer zu erkennenden und zu handhabenden Beziehungsverstrickungen und Fragmentierungsneigungen wird zwar unweigerlich vielerorts praktiziert, ist aber konzeptuell bisher nur unzureichend ausgearbeitet.

3. Wir wissen, wie wir Trance nutzen können, um mit Patienten zu arbeiten, die vor abgehobenem Denken und hektischem Machen keinen Raum für Selbstbezug und Selbstveränderung haben. Aber wir haben nur sehr wenige hypnotische Techniken für Patienten entwickelt, bei denen Passivität und eine instrumentelle, technische Einstellung zu sich selbst im Kern ihrer Problematik liegt. Ich meine Patienten mit der Haltung: „Ich lege mich jetzt hin - Sie versetzen mich in Trance und machen mich gesund.“ Wenn und so lange solche Wünsche nach Manipuliertwerden im Zentrum der Strukturpathologie eines Patienten stehen, ist eine herkömmliche hypnosuggestive Therapie meines Erachtens kontraindiziert.

Wir haben viele Methoden entwickelt, um Patienten zu ermutigen, in Trance hinein loszulassen und sich den unbewussten Prozessen im Geschehenlassen hinzugeben. Aber wir haben nur sehr wenige hypnotische Methoden entwickelt, um die Eigenaktivität und Eigenverantwortung von solchen Patienten zu fördern, bei denen die Entwicklung verantwortlicher Entscheidungen und aktiver Lebensgestaltung erforderlich ist, damit sie aus der Falle gewohnheitsmäßiger Passivität herausfinden.


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Werner Eberwein
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Literatur zum Thema "Hypnose/Hypnotherapie"

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zusammengestellt von Werner Eberwein


Bücher

  • Bandler, R. & Grinder, J.: Therapie in Trance. Klett-Cotta 1981.
    klar und einfach geschriebene Einführung in den NLP-Stil der Hypnosetherapie
  • Eberwein, W. : Humanistische Psychotherapie. Thieme 2009.
    Quellen, Theorien und Techniken der HPT - mit vielen Praxisbeispielen
  • Eberwein, W. & Schütz, G.: Die Kunst der Hypnose. Junfermann 1996.
    Einführung in Methoden und Techniken, enthält vier Selbsthypnose-Programme
  • Eberwein, W.: Abenteuer Hypnose – Heilung durch Trance. Kösel 1996.
    Auseinandersetzung mit oft gestellten Fragen zu Hypnose
  • Erickson, M. H., Rossi, E. & Rossi, S.: Hypnose. Pfeiffer 1986
    das Original & der Anfang des neuen Hypnosebooms, ein Muß!
  • Erickson, M. H. & Rossi, E.: Hypnosetherapie. Pfeiffer 1989
    Fortführung des Letzteren, Erickson über seine Techniken und Anwendungen
  • Erickson, M. H. & Rossi, E.: Der Februarmann. Junfermann 1991
    ausführlichste Fallbeschreibung von Erickson, hochinteressant
  • Gerl, W.: Moderne Hypnose – Hilfe durch das Unbewusste. Trias 1998.
    ordentliche, leicht verständliche Einführung, auch für Patienten geeignet
  • Gilligan, S.: Therapeutische Trance. Carl-Auer 1994.
    vollständigste Zusammenfassung der ericksonÙschen Hypnosetherapie
  • Kossak, H. C.: Hypnose – ein Lehrbuch. Psychologie-Verlags-Union 1993.
    Überblick vor allem über die klassische Hypnose
  • Peter, B. & Revenstorf, D.: Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin. Springer 2000.
    ausführlicher Überblick über viele Techniken und Anwendungen
  • Rossi, E. L.: Gesammelte Schriften von Milton H. Erickson. Carl-Auer 1998.
    6 Bände für die, die es wirklich wissen wollen
  • Schmierer, A.: Einführung in die zahnärztliche Hypnose. Quintessenz 1993.
    das Standardwerk zur zahnärztlichen Hypnose & Schmerztherapie
  • Zeig, J.: Die Weisheit des Unbewussten. Carl-Auer 1995.
    unerreichte Einführung in die ericksonÙsche Philosophie, ericksonianisch geschrieben, muß man gelesen haben!

CDs

  • Eberwein, W.: Am See der Heilung. GetWellRecordings 2010.
    zur Aktivierung der Selbstheilungskräfte bei körperlichen Krankheiten
  • Eberwein, W.: Selbstheilungskräfte in der Seele entfalten. Kösel 1996.
    zur Stimulation der Selbstheilungskräfte & zur Überwindung von Krisen
  • Eberwein, W.: Angst verwandeln in Gelassenheit. Kösel 1996.
    suggeriert die Kraft und dem Mut, sich den eigenen Ängsten zu stellen
  • Eberwein, W.: Morgen kann ich drüber lächeln. Kösel 1997.
    für bzw. gegen Depressionen und momentane Stimmungstiefs
  • Eberwein, W.: Loslassen – dem Fluß des Lebens folgn. Hypnos 1997.
    zur Entspannung, aber auch im Sinne des Nicht-Anhaftens an Vergängliches
  • Eberwein, W.: Den Traumpartner finden. Kösel 1998.
    zur Einstimmung auf Sich-Einlassen & für eine lebendige Beziehung
  • Eberwein, W.: Was ist mein Weg? Kösel 2002.
    in Trance dem Unbewußten Fragen stellen und Antworten erhalten
  • Eberwein, W.: Nichtraucher durch Selbsthypnose. Kösel 2004.
    Hilfe bei der dauerhaften Befreiung von der Nikotinsucht


   

Kinderhypnose beim Zahnarzt

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Hypnotherapie-Fortbildung

 

 

Werner Eberwein

 

Wale schweben rückwärts

Der folgende Text ist eine Darstellung der kinderhypnotischen Konzepte von Dr. Robert Schoderböck aus Kremsmünster in Österreich, der als einer der profundesten Fachleute für zahnärztliche Kinderhypnose im deutschen Sprachraum gilt. Robert hat eine Vielfalt von Einstellungen und Methoden entwickelt, die den Ängsten und Wünschen und der Erlebnisweise von Kindern in besonderem Maße gerecht werden.

 

Kontakt ist alles

Kinderhypnose ist hauptsächlich ein liebevoller Umgang mit den kleinen Patienten, auch und vor allem dann, wenn sie „interessant“ (alter Begriff: „schwierig“ - siehe unten) sind. Die Kinderhypnose unterscheidet sich von der Hypnose für Erwachsene vor allem durch eine alters- und geschlechtsangemessene Begrifflichkeit und Bildersprache. Natürlich fällt es einem Kind viel leichter, in Trance zu gehen, wenn der Zahnarzt auf eine Weise mit ihm umgeht, die seinem altersgemäßen Schutzbedürfnis, seiner kindlichen Weltsicht, seinem Sprachverständnis und seinen Interessen entspricht.

Spezifische Techniken nur für Kinder, die man mit Erwachsenen nicht anwenden könnte, gibt es nicht. In der Kinderhypnose kommen die selben Methoden und Verfahren zur Anwendung, mit denen man auch mit Erwachsenen arbeiten kann, aber eben auf eine kindgemäße Weise angewandt. Für die zahnärztliche Kinderhypnose ist es hilfreich, viel mit kindgemäßen Konfusionstechniken zu arbeiten, um das Kind optimal von der Zahnbehandlung abzulenken. Kinder lieben verrückte, konfuse Geschichten. Die Irrationalität konfusionierender Trancegeschichten entspricht dem märchenhaften, sprunghaften kindlichen Denken, dem es sowieso schwer fällt, längere Zeit bei einem Thema zu bleiben.

Positive oder negative Einstellungen des Zahnarztes dem Kind gegenüber oder des Kindes oder der Eltern der Zahnbehandlung gegenüber haben die Tendenz, sich in die Beziehung hinein umzusetzen. Umgekehrt erweitern sich die Möglichkeiten des Behandlers sowie des Behandelten, wenn sie/er ihre/seine inneren Einstellungen erweitert. Kinder leben sehr stark im Hier und Jetzt. Sie haben noch kein deutliches Empfinden für zeitliche Abläufe, daher sind sie schwer durch Versprechungen zu beeindrucken und auch weniger durch Vergangenes geprägt als Erwachsene.

Das Unbewusste des Kindes ist in besonderem Maße empfänglich für Bilder. Diese Bilder ermöglichen Dissoziation und können Heilungsprozesse fördern. Das Kind unterscheidet weniger als der Erwachsene verschiedene Quellen von Informationen. Ein Bilderbuch, das eine bestimmte Information enthält, wird von einem Kind als nahezu ebenso relevant eingeschätzt, wie die Information eines Lehrers, eines Liedes, einer Fernsehsendung oder eines Spielkameraden. Daher ist ein Kind leichter als ein Erwachsener bereit, auf kindgerecht und bildhaft vermittelte Suggestionen zu reagieren.

Grundsätzlich wird in der zahnärztlichen Hypnose immer mit chemischer Anästhesie gearbeitet. Kinder, die dringend behandlungsbedürftig, aber auch mit hypnotischen Methoden nicht erreichbar sind, müssen in Vollnarkose behandelt werden. Dies gilt besonders für Kinder, die so schwer geistig behindert sind, daß sie einer hypnotischen Induktion nicht folgen können.

Der Behandler sollte sich nicht wundern, wenn das Kind während der Hypnose die Augen geöffnet hat und gelegentlich redet. Kinder können ohne Weiteres tiefe Trancezustände mit offenen Augen erleben und sogar sprechen, während sie in Trance gehen.

Im Vergleich zu Erwachsenen gehen Kinder schneller (praktisch unmittelbar) in Trancezustände hinein und wieder heraus. Sie sind viel leichter involvierbar in Fantasieszenerien, Spiele, Märchen und Geschichten. Für Kinder liegen Fantasie und Realität noch nahe beieinander. Durch ihre Verbundenheit mit ihrer Fantasiewelt ist bei Kindern die Grenze zwischen Trance und Nichttrance noch mehr als bei Erwachsenen verwischt.

Eine Tranceinduktion ist für ein Kind ein Spiel, dem es gerne folgt, wenn das Spiel Spaß macht und interessant ist. Häufig sehen wir bei Kindern auch Teiltrancezustände. Beispielsweise sind die Hände des Kindes in Trance, aber die Beine sind wach, oder das Kind ist bis zur Nasenspitze in Trance, aber die Augen sind wach.

Ängstlichen Kindern muss sich der Zahnarzt sehr behutsam annähern, besonders wenn er Zeichen einer Abwehrhaltung bei ihnen wahrnimmt (verschränkte Arme, trotziger Blick, Vermeidung von Augenkontakt, Hilfe suchendes Verstecken bei der Mutter).

Der Arbeit mit dem begleitenden Elternteil (hier kurz: Mutter) kommt in der Kinderhypnose eine besondere Bedeutung zu. In der Regel werden Kinder bis zum Alter von etwa 6 Jahren behandelt, während sie auf dem Bauch der Mutter liegen. Durch direkte und indirekte Suggestion, vor allem durch Konfusionstechniken wird die Mutter rasch in Trance geführt. Der Zahnarzt und die Helferin orientieren sich in eine kindgemäße Phantasie-Realität hinein und führen die Mutter mit dorthin, das Kind folgt automatisch. Dann kann der Zahnarzt indirekt suggestiv zu dem Kind sprechen.

Kinder ab 6 oder 7 Jahren werden allein im Stuhl liegend behandelt, während die Mutter die Hand des Kindes hält. Erfahrungsgemäß ist das Kind ruhig, wenn die Mutter ruhig ist. Der Zahnarzt kann daher die Mutter auffordern, die Hand des Kindes „ganz ruhig“ zu halten, und dabei „ganz ruhig“ zu sein (eingebettete Suggestionen).

Körperkontakt

 

Je jünger das Kind ist, umso wichtiger ist körperlicher Kontakt, und umso mehr Körperkontakt braucht es. Körperkontakt zum Kind ist mindestens ebenso wichtig wie der verbale. Durch Halt und Schutz gebenden körperlichen Kontakt durch den Zahnarzt oder die Helferin entsteht zusätzlich zur verbalen eine nonverbale Trance-Induktion.

Sowohl der Zahnarzt als auch die Helferin und die Mutter können dem Kind durch Körperkontakt in eine Trance hinein helfen, die für die Durchführung einer entspannten Zahnbehandlung ausreichend tief ist. Ein Finger auf der Kinnmitte macht dem Kind deutlich, dass es den Mund öffnen und offen halten soll, und fördert die Trockenheit der Mundregion, so dass auf einen Speichelsauger manchmal ganz verzichtet werden kann. Eine Hand auf dem Bauch oder dem Herzen des Kindes beruhigt das Kind und gibt ihm Sicherheit, ebenso eine Hand von oben auf der Mitte des Kopfes. Sehr nützlich ist eine gleichzeitige Berührung des Kindes an der Schläfe mit dem Handrücken durch den Zahnarzt auf der einen und die Helferin auf der anderen Seite. Dies wird als außerordentlich beruhigend und trancefördernd empfunden. All diese Berührungen („Grifftechniken“) geben dem Kind Schutz und Halt, fördern dadurch seine Entspannung und Orientierung nach Innen, können also Trancezustände herbeiführen und aufrechterhalten.

Umdefinitionen

Zentral für die zahnärztliche Kinderhypnose ist die Umdefinition (Reframing) zahnmedizinisch relevanter Begriffe, Geräte und Vorgänge. Dies dient nicht nur dazu, dem Kind die Angst vor der Situation zu nehmen, sondern es dient auch der positiven Umstimmung des Zahnarztes selbst. Wenn der Zahnarzt von einem Kind als „unbehandelbar“ spricht oder denkt, ist der Kontakt mit diesem Kind von Anfang an beeinträchtigt. Der Zahnarzt sollte daher (was völlig realistisch ist) davon ausgehen, dass im Prinzip jedes Kind behandelbar ist. Statt von einem „ängstlichen“ Kind sollte er von einem „vorsichtigen“ sprechen und auch so denken. Entsprechend gibt es für gewiefte zahnärztliche Kinderhypnotiseure keine „schwierigen“ Kinder mehr, sondern nur noch „interessante“ oder auch „sehr interessante“.

Es wird nicht von der Spritze gesprochen, sondern zum Beispiel von dem „Zahneinschlafgerät“. Der Bohrer heißt „Zahnstaubsauger“, die Zange heißt „Zahnzwacks“ usw. Da Kinder einfache Tricks dieser Art schnell durchschauen, ist es hilfreich, für alle zahnmedizinischen Geräte mehrere Ersatzworte zur Verfügung zu haben, um dem Kind Alternativen anbieten zu können.

Zahnarzt: „Früher hat man das einen Sauger genannt, aber heute, in der wirklichen Welt, ist das ein Schlürfrüssel.“
Kind: „Mag ich nicht.“
Zahnarzt: „Gut, dann nehmen wir ein Rauschgerät.“
Kind: „Mag ich auch nicht.“
Zahnarzt: „Okay, dann nehmen wir ...“ usw.

An die kindgerecht bildhaften Bezeichnungen für die zahnärztlichen Geräte und Handlungen können leicht frei assoziierte Geschichten angeknüpft werden. Begriffe mit latenten negativen Konnotationen (Begleitbedeutungen) sollten vermieden bzw. in positiv konnotierte Begriffe umgedeutet werden. In Trance können die so umdefinierten Begriffe dann in ein kindgerechtes Bild eingewoben werden. Um Begriffe oder Handlungen umzudefinieren, müssen sie zuerst von grammatikalisch und semantisch negativen in positive Begriffe umgewandelt werden. (Das Unbewusste tendiert dazu, grammatikalische Negationen zu ignorieren.) Aus der problematischen Formulierung: „Es tut auch nicht weh“ oder: „Es tut jetzt vielleicht gleich ein bisschen weh“, wird dann beispielsweise in der Trance: „Die hellblaue Katze, die ganz oben auf der Wolke sitzt und lächelt, fühlt sich jetzt so wohl, dass sie ein wenig beginnt zu schnarchen“. Die grammatikalisch und semantisch positive Formulierung „sich wohl fühlen“, wird auf kindgerechte Weise bildhaft ausgedrückt und in das Bild der Katze hineinprojiziert. (Wenn das Lieblingstier eines Kindes sich wohl fühlt, fühlt auch das Kind sich wohl.) Auf ähnliche Weise wird aus problematischen Formulierungen wie: „Du hast doch wohl keine Angst, oder?“ eine umdefinierte Beschreibung wie: „Du hast aber schöne Schmetterlinge im Bauch, wie viele sind es denn?“, oder aus der Bezeichnung „schmerzfreie Behandlung“ wird die kindgerechte Beschreibung: „Mit der Zahneinschlafmaschine schicken wir den Zahn jetzt schlafen, ... dabei fällt mir eine Katze mit fünf Beinen ein, oder waren es sieben?“

Pseudologische Erklärungen

Der Zahnarzt zeigt und erklärt dem Kind alles, was er tut, aber er benutzt dabei umdefinierte Begriffe und pseudologische Erklärungen. Er zeigt dem Kind zuerst das Instrument, dann „benutzt“ er das Instrument an einem Stofftier, dann an der Hand des Kindes, dann erst im Mund des Kindes. Auf diese Weise nähert sich das Instrument langsam der Mundregion des Kindes, wobei das Kind merkt, dass sowohl das Stofftier als auch seine Hand das Instrument „mag“.

Das Kind wird dann in eine Geschichte hinein dissoziiert, die sich an die umdefinierte Bezeichnung anschließt. Das Ätzgel wird zum Beispiel als „blauer Kleber“ bezeichnet. Der Klebstoff, der dem Kind am bekanntesten ist, ist Uhu. Hier kann sich eine schräge Uhu-(Vogel-)Geschichte anschließen, die unter anderem frei assoziierte pseudologische Begründungen für zahnmedizinische Handlungen enthält: „Wir machen das jetzt, damit der Uhu seinen Baum wieder findet ...“

Induktion bei Kindern

Eine rituelle, explizite Hypnose mit einem Kind (ab etwa 6 Jahren) beginnt in der Regel mit einer beiläufig und zwanglos eingeleiteten Armkatalepsie. Der Zahnarzt fragt das Kind: „Darf ich mir einmal deinen Arm ausleihen?“ (kindgerechte Sprache), schaut das Kind an, stellt den Arm des Kindes „in die Luft“, unterstützt ihn einen Augenblick und lässt ihn dort stehen.

Zwischen Trancephänomenen und Trancezuständen gibt es einen zirkulären Zusammenhang: Trance erzeugt Trancezeichen, aber Trancezeichen erzeugen auch Trance. Man kann also durch die Suggestion von Trancephänomenen Trancezustände induzieren („Hebelinduktion“). Der kataleptische Arm dient dem Zahnarzt gleichzeitig als Feedback über den eingetretenen bzw. aufrechterhaltenen Trancezustand des Patienten. Für den kleinen Patienten ist der kataleptisch erhobene Arm eine willkommene Ablenkung von der Zahnbehandlung. Für die Mutter ist er ein Ratifikationserlebnis, das sie vom Eintritt einer hypnotischen Trance überzeugt.

Die Tranceinduktion dient hauptsächlich dazu, das Kind in seinen eigenen Fantasien und Imaginationen zu involvieren. Die induktiven Formulierungen können und sollten denkbar einfach gehalten sein, zum Beispiel: „Denk mal an ein grünes Schaf ...“. Imaginationen verschiedener Qualitäten können zwecks Konfusion vermischt werden, beispielsweise Farben und Richtungen: „Du denkst jetzt an dunkelblau, ... dann an grün auf der linken Seite, ... und jetzt hellgrün auf der rechten Seite, ... und jetzt hellblau oben ...“.

Weil für ein Kind Spiel und Realität noch nahe beieinander liegen, machen Suggestionen mit der Formulierung: „Tu so als ob ...“ für ein Kind absolut Sinn. Wenn der Zahnarzt zu dem Kind sagt: „Jetzt tu so, als ob du den Mund aufmachst“, und dabei sein Kinn leicht nach unten drückt, dann wird das Kind in der Regel den Mund öffnen. Auf ähnliche Weise spielerisch wirken Formulierungen wie: „Tu jetzt mal so, als ob du dir eine Wolke vorstellen könntest.“

Eine gute Möglichkeit, einem Kind (ebenso wie einem Erwachsenen) in einen Trancezustand hinein zu helfen, ist es, dem Kind von Situationen zu erzählen, in denen es auch normalerweise in leichte Trancezustände geht: Musik hören, Fußball spielen, jemand erzählt eine Gutenachtgeschichte, tanzen, fernsehen, eine Märchenkassette hören ...

Kinder lieben es, gefragt zu werden (wahrscheinlich weil in der Regel sie es sind, die die Erwachsenen nach vielen Dingen fragen müssen). Fragen lösen innere Suchprozesse in dem Kind aus. Das Kind taucht gleichsam in seine innere Welt ein, auf der Suche nach der Antwort, wodurch Trance gefördert wird. Besonders gilt das für Fragen, für die weder der Behandler noch das Kind eine Antwort weiß: „Ich frage mich, was wohl in dem Sarkophag im Innern der Cheops-Pyramide drinnen ist.“ Fragen dieser Art wirken für das Kind wie ein Koan (eine auf der rationalen Ebene unlösbare Meditationsaufgabe aus dem Zen-Buddhismus: „Du weißt doch, was ein Spiegel ist. Stell dir einen Spiegel vor, der nichts spiegelt.“) Fragen, Aufgaben, Denkspiele dieser Art stimulieren in dem Kind innere Such- bzw. Lösungsprozesse, die aufgrund der Unlösbarkeit der Aufgabe nirgendwohin (das heißt in eine Trance hinein) führen.

Bei Kindern ist es erforderlich, nach der Trance-Induktion mit dem Behandlungsbeginn nicht zu lange zu warten, weil die Fixierung der Aufmerksamkeit des Kindes begrenzt ist.

Trainingshypnose

In vielen Fällen ist eine entspannte Zahnbehandlung mit den hier beschriebenen Techniken in relativ kurzer Zeit (einigen Minuten) relativ leicht und unmittelbar möglich. Bei manchen sehr „vorsichtigen“ oder besonders „interessanten“ Kindern geht das aber nicht so schnell. Bei ihnen sollte zunächst eine Leehrhypnose ohne Behandlung durchgeführt werden.

Die Leerhypnose sollte dem Kind gegenüber auf eine Weise einsortiert (geframed) werden, die die Befürchtungen des Kindes möglichst weit reduziert: „Heute machen wir nichts, nur zaubern, ist das okay?“ Dem werden die meisten Kinder zustimmen. Dann sagt der Zahnarzt zu dem Kind: „Leih mir doch bitte mal die Hand“, oder: „Darf ich mir mal deine Hand ausleihen?“. Gleichzeitig hebt er den Arm des Kindes und stellt ihn in die Luft. Der Zahnarzt fragt das Kind nach seinem Lieblingstier und bittet das Kind, das Tier zu beschreiben.

Der Zahnarzt bittet das Kind, die Augen zu schließen, während auch der Mund zu bleibt. „Stell dir das Meerschweinchen jetzt mal auf einer Sandfläche vor.“ Der Zahnarzt bewegt die erhobene Hand des Kindes langsam (!) im Kreis und suggeriert dem Kind, dass sich dadurch auch sein Lieblingstier im Kreis bewegt. Die Hand wird auf diese Weise zu einem „Zauberarm“ oder einem „Computer-Joystick“. Das Kind kann mit der Bewegung des Armes sein Lieblingstier in alle Richtungen bewegen, sich ducken, springen oder sogar fliegen lassen. „Stell dir jetzt mal vor, das Meerschweinchen steigt in die Luft, bis es mit den Ohren eine Wolke berührt. Was sieht das Tier, wenn es runter schaut? Es müsste doch eigentlich eine Straße sehen.“

Der Zahnarzt suggeriert auf diese Weise relativ rasch Fantasien wie Straße, Autos, Wasser, Wind, Regen oder Sonne, die während der Behandlungssitzung zum Einbinden von Störreizen verwandt werden: das Geräusch des Rosenbohrers wird zu einem rumpelnden Lastwagen, die Wasserspülung des Bohrers wird zum Regen, die Druckluft wird zum Wind usw.

Zur Reorientierung genügt es bei Kindern oft schon, die kataleptische Hand des Kindes zu seinem Bauch zurückzuführen und zu dem Kind zu sagen: „Jetzt bist du wieder hier und wach.“ Zauberarm und Lieblingstier werden dann, in der nächsten Sitzung, der Behandlungssitzung, sowie in weiteren Behandlungssitzungen als Re-Hypnoseanker benutzt.

Eine andere Variante ist die Wolke-Tier-Induktion: Der Zahnarzt stellt den Arm des Kindes „in die Luft“, bittet das Kind seine Augen zu schließen und sich eine Wolke vorzustellen, in der Wolke würde das Kind dann ein Tier sehen. Das Kind könne sich das Tier von allen Seiten anschauen. Der Zahnarzt erzählt dem Kind eine kleine Geschichte mit dem Tier, die mit der erforderlichen zahnärztlichen Arbeit assoziiert ist: „Der Hund macht jetzt seinen Mund weit auf (Kind öffnet den Mund), und da drüben, auf der Straße, fährt ein Auto vorbei (Rosenbohrer)“.

Paradoxien und Implikationen

Im Sinne einer paradoxen Intervention kann der Zahnarzt dem Kind dessen tatsächliches (zum Beispiel widerständiges) Verhalten befehlen. Wenn das Kind beispielsweise „vorsichtig“ ist, die Augen weit auf, den Mund aber zumacht, kann der Behandler dem Kind die Anweisung geben: „Sei ganz vorsichtig, schau alles genau an, mach die Augen auf und lass den Mund zu“ (paradoxe Instruktion).

Der Zahnarzt kann zum Zahn des Kindes sprechen und zu ihm sagen: „Halt ruhig“, was implizit suggestiv auf das Kind als Ganzes wirkt. Für die Erwachsenenlogik macht das keinen Sinn, für ein Kind aber schon. Kinder denken animistisch, für sie sind Zähne ebenso lebendig wie Meerschweinchen, Bäume, Autos, Nähmaschinen, Bäume oder Häuser.

Bei Extraktionen kann der Zahnarzt die Zähne des Kindes „locker reden“. Die Erfahrung zeigt, dass ein Zahn leichter extrahiert werden kann, wenn er vom psychoorganischen System des Kindes gleichsam „losgelassen“ wird: „Jetzt bitte die Augen lockerlassen ... und den Zahn lockerlassen ... und den Zahn heraus schweben lassen ...“

Kindgerechte Konfusion: der „gesponnene“ Dialog

In der hypnotischen Arbeit mit Kindern haben sich Konfusionstechniken bewährt (eine kindgerechte Formulierung dafür lautet: „Quatsch reden“, „spinnen“).

Das Grundprinzip der hypnotischen Konfusion mit Kindern ist die freie Assoziation. Der Zahnarzt verlässt die eingefahrenen Gedankengeleise der Erwachsenenlogik und lässt seine Gedanken und Worte sprunghaft „ins Kraut schießen“. Diese Sprunghaftigkeit ist typisch für das kindliche Denken. Sie ist dem Kind vertraut und entspricht der Art, wie das Kind selbst denkt. Wenn der Zahnarzt das Kind lobt, kann er beispielsweise auch die Zähne des Kindes loben, seine Brille, die Helferin, das Telefon, den Behandlungsstuhl und alles andere, was im Raum ist oder auch nicht ist. (Für ein Kind verrichtet der Behandlungsstuhl Arbeit, indem er das Kind hochhebt, und hat ein Lob durchaus verdient.) Eine weitere Basismethode der Konfusion ist die Doppelinduktion, die in der Regel vom Behandler gemeinsam mit einer dafür geschulten Helferin durchgeführt wird.

Eine spielerische Form der hypnotisch-konfusionierenden Ablenkung des Kindes ist das Gespräch mit der Helferin, in das gelegentlich direktive Kommandos (zum Beispiel „Mund auf“ oder „weit auf“) eingestreut werden. Die Induktion spielt sich gleichzeitig verbal und nonverbal ab, und sie springt zwischen dem Zahnarzt und der Helferin hin und her. Auf diese Weise können auch sehr „interessante“ Kinder von der Zahnbehandlung so weit abgelenkt werden, dass sie entspannt und angenehm behandelbar sind.

Alle Kinder lieben Spiele, daher ist die Arbeit mit Wortspielen in der Kinderhypnose hilfreich. Der Zahnarzt kann das Kind beispielsweise einladen, nicht an ein blaues Krokodil zu denken, was unweigerlich dazu führt, dass das Kind an ein blaues Krokodil denkt.

Besonders bewährt hat sich zur Induktion von Kindern die Konfusionstechnik des „gesponnenen Dialoges“ zwischen Zahnarzt und Helferin. Die beiden führen dem Kind eine Art Kabarett vor, um seine Aufmerksamkeit darin zu involvieren. Die Grundprinzipien dieses Dialoges müssen natürlich mit der Helferin trainiert und eingeübt werden. Ausgangspunkt dieser Form der Konfusion ist das Auswerfen eines „Gedankenköders“ und eine daran anknüpfende freie Assoziation (positiver) Inhalte. Als Gedankenköder können beispielsweise umdefinierte Worte für zahnmedizinische Geräte dienen.

Zur Umdefinition genügt bei Kindern manchmal schon das Weglassen oder Verändern eines Buchstabens. Aus einer Sonde wird auf diese Weise eine „Sonne“, und es schließt sich eine Geschichte über die Sonne an. Diese Geschichte kann frei assoziiert vom Hundertsten ins Tausendste gehen. Die Assoziationen können sich durchaus sprunghaft entwickeln, sollten aber für das Kind noch nachvollziehbar bleiben. Es sollte trotz assoziativer Bocksprünge ein gewisser Zusammenhang aufrechterhalten bleiben, also ein „roter Faden“, der sich durch die Assoziationen hindurchspinnt.

Eine spielerische Möglichkeit für solche Assoziationssprünge ist das Wörtlichnehmen von Worten:
Zahnarzt: „Ich stelle mir gerade eine Frage.“
Helferin: „Wo stellen Sie sie denn hin?“ oder: „Steht die Frage aufrecht?“ oder: „Ich habe gehört, auf der rechten Seite sind Fragen eher grün.“
Zahnarzt: „Kürzlich habe ich eine Frage fallen lassen.“
Helferin:„Haben Sie sie hinterher wiedergefunden?“ usw.
Das Wörtlichnehmen ermöglicht einen assoziativen Sprung, der für das Kind nachvollziehbar bleibt. Die konfusionierende Doppelinduktion ist ein Ko-Fabulieren im Gespräch nach dem Prinzip: je blöder (verwirrender) die Geschichte, umso besser. Bindeglieder der freien Assoziation können Formulierungen sein wie:

- „Da fällt mir ein ...“
- „Das erinnert mich an ...“
- „In Neuguinea gibt es ...“
- „Es gibt eine Theorie ...“
- „Es gibt Untersuchungen ...“
- „Ich habe gelesen ...“
- „Früher war es so ...“.

Spezifische, strukturierte Konfusionsstrategien für die Doppelinduktion sind zum Beispiel ...

  • die Echo-Methode: Die Helferin wiederholt bestimmte Worte oder Satzteile aus der suggestiven Induktion des Zahnarztes;
    die Einstreu-Technik: Die Helferin streut ohne jeden Zusammenhang Farben, Zahlen oder Wochentage in den suggestiven Sermon des Behandlers ein;
  • die Schaukel-Methode: Zahnarzt und Helferin erzählen im Wechsel eine Geschichte weiter, wobei jeder von beiden immer ein bis zwei Sätze erzählt;
  • die Gegenteil-Methode: Zahnarzt und Helferin widersprechen einander auf absurde Weise um Kleinigkeiten, sie streiten sich beispielsweise darum, ob hellblau schöner ist als dunkelblau (es muss dabei immer um irrelevante Dinge gehen, damit nicht die Atmosphäre eines realen Streits entsteht);
  • die Philosophie-Technik: Zahnarzt und Helferin philosophieren über Sprichwörter oder abstrakte Begriffe oder Ideen, machen dabei Assoziationssprünge und streuen Fragen ein;
  • das Silbenspiel: Von einem Wort wird eine Silbe genommen und an diese Silbe fügt sich eine Vielfalt von Assoziationen an; beispielsweise wird von dem Wort sau-ber die Silbe -ber genommen, sodann schließt sich daran eine freie Assoziation über Bären, Berlin, Bernadette, Bernstein oder den Dezem-ber an;
  • das Abkürzungsspiel: Abkürzungen erhalten eine andere Bedeutung (BDP – eigentlich Bund Deutscher Psychologen - bedeutet beispielsweise „bei dir pieptÙs“, „bist du plöde“ oder „Bierdeckelpapier“;
  • das Tierratespiel : das Kind darf sich ein Tier ausdenken und der Zahnarzt fragt das Kind danach, aber das Kind darf nur ja oder nein signalisieren.

Hypnotische Konfusionstechniken können von den Eltern oft nicht als Hypnose identifiziert werden. Daher definiert der Behandler, dass „es Hypnose war, wenn das Kind behandelbar ist“. Dieser Zusammenhang wird den Eltern in einem schriftlichen Elterninformationsbogen nahegebracht.

Hilfsmittel

Ein nützliches Hilfsmittel in der zahnärztlichen Hypnose ist ein Handspiegel, in dem das Kind seine Zähne betrachten kann, unterstützt durch den Zahnarzt, der das Kind in das Spiegelbild hinein dissoziieren kann: „Schau mal, deine Zähne sind dort, im Spiegel“. (Bei Extraktionen und anderen Eingriffen sollte der Spiegel nicht benutzt bzw. weggelegt werden.)

Auch Deckenbilder mit Märchenmotiven sind hilfreich. Sie helfen dem Kind den Kopf zurückzulegen, was für die Zahnbehandlung oft erforderlich ist, und sie ermöglichen dem Zahnarzt, das Kind in das Märchenmotiv hinein zu dissoziieren.

Hilfreich ist auch die Arbeit mit Handpuppen, die ebenfalls zur Ablenkung dienen. Die gesamte Kommunikation mit dem Kind kann dann über die Handpuppe ablaufen. Beispielsweise „fragt“ die Handpuppe den Zahnarzt, ob sie mal in den Mund des Kindes schauen darf. Das Kind wird einer kleinen, harmlosen Handpuppe viel eher gestatten, seine Zähne zu betrachten als dem Zahnarzt. Der Behandler kann später die Handpuppe auf den Bauch des Kindes legen und das Kind bitten, die Handpuppe mit seinem Atem zu wiegen, was die Bauchatmung des Kindes und damit eine Beruhigung fördert. Auch Fingerpuppen sind hilfreich, die – auf einen Finger des Kindes gesteckt - auf ganz zwanglose und kindgerechte Weise implizit eine Armkatalepsie des Kindes fördern können.

In diese indirekten Suggestionstechniken können gelegentlich sehr direktiv kurze Kommandos eingebettet werden wie zum Beispiel: „Mach die Wunde zu!“ (In der Vorstellungswelt eines Kindes ist es kein Problem, eine Wunde in seinem Mund zu verschließen, selbst wenn es einem Erwachsenen nicht klar wäre, wie es das eigentlich anstellt.)

Für Notfälle: die „Trance Crie“

Wenn das Kind eine chemische Anästhesie erhalten hat, also keinen Schmerz spürt, fängt es trotzdem gelegentlich an zu weinen, zu jammern oder zu schreien. Es handelt sich hierbei nicht um Schmerzschreie (das Kind hat ja keinen Schmerz), sondern um ein Angstschreien. In der Regel genügt es dann, das Kind kurz zu reorientieren und dann wieder in die Trance hineinzuführen (diese Fraktionierung dauert bei Kindern nur Sekunden).

Bei Notfallbehandlungen, also wenn das Kind akut behandlungsbedürftig ist, oder auch bei Kleinkindern bis 5 Jahren, kann man das Kind manchmal trotz seines Angstschreiens behandeln. Das Kind schreit sich sozusagen in Trance und reagiert seine Angst damit ab – ist aber trotzdem behandelbar, auch wenn es für das ganze Behandlungsteam einige Nerven kostet. Diese Schrei-Trance („Trance Crie“ - für die Eltern umdefiniert: „Es kann sein, dass Ihr Kind etwas laut wird“) ist manchmal die einzige Alternative zu einer Behandlung in Vollnarkose, die der letzte Ausweg für sonst unbehandelbare Kinder bleiben sollte.

Für Kleinkinder: Bonding

Bei Kleinkindern unter 5 Jahren, aber auch in der Notfallbehandlung bei Kindern, hat sich die Bonding-Technik bewährt. Hier ist es besonders wichtig, mit den Eltern übereinzukommen, dass das Kind unter Umständen „laut werden“ kann, aber nicht wegen Schmerz (weil es ja eine chemische Anästhesie erhalten hat). Sind die Eltern damit nicht einverstanden, muss das Kind unter Vollnarkose behandelt werden.

Nach der Information der Mutter über den Ablauf wird das Kleinkind Bauch an Bauch auf die Mutter gelegt. Sodann wird das Kind von der Mutter, dem Behandler und der Helferin zugleich auf den Rücken gedreht. Das Kind wird gebeten den Mund zu öffnen, um Anästhesie-Gel an die zu behandelnde Stelle zu bringen. Sodann wird das Kind wieder auf den Bauch gedreht und der Behandler lässt ihm eine Pause. Nun wird das Kind wiederum auf den Rücken gedreht, es erfolgt die chemische Anästhesie, und dann dreht man das Kind wieder auf den Bauch. Dabei ist es besonders wichtig, den Kopf des Kindes zu halten. Wieder wird das Kind auf den Rücken gedreht, und die Behandlung wird durchgeführt. Dann wird das Kind gebeten, den Mund zu schließen und es wird wieder umgedreht, und man lässt ihm Zeit, das Erlebte zu verdauen. Diese Methode des intensiven schützenden Körperkontaktes hat sich bei Kleinkindern besser bewährt als die Konfusionstechnik, die eher für etwas ältere Kinder ab 5 Jahren geeignet ist.

Heilungssuggestionen

Besonders nach Unfällen mit Verletzungen im Mundbereich ist es hilfreich, wenn sich das Kind in einer leichten Trance daran erinnert, wie sein Mund (oder überhaupt sein Körper) vor der Verletzung ausgesehen hat. Eine solche Anleitung kann oft ohne große Induktion gegeben werden, weil ein Kind nach einem Unfall in der Regel sowieso in einem Trancezustand ist. Das Kind kann auch angeleitet werden, den Unfall mehrere Male nacheinander in Zeitlupe mit positivem Ausgang durchzuspielen. Oder es kann ermutigt werden, sich die Verletzung symbolisch vorzustellen und dann das Symbol zu verändern. Auch direktive Suggestionen wie „Mach die Wunde zu!“ oder „Stopp die Blutung!“ sind erfolgversprechend.

Wenn das Kind nach der Behandlung über unwohle Gefühle oder Restschmerzen klagt, können diese hypnotisch materialisiert und transformiert werden: „Zeig doch mal mit den Händen, wie weh es getan hat ... Und jetzt zeig mal, wie weh es jetzt tut ... Soll ich dir zeigen, wie es ganz weggeht? Nimm einfach das gute Gefühl (mit den Fingern, von einer Stelle, die sich gut anfühlt) und bring ihn zehn Mal auf die andere Seite.“

Mit den hier beschriebenen Einstellungen und Techniken wird nach einiger Übung und Koordination mit der Helferin die zahnärztliche Arbeit mit Kindern zum Vergnügen und „unbehandelbare“ Kinder gehören der Vergangenheit an.



Anschrift des Autors

Werner Eberwein
Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut
Leiter des Fort- und Weiterbildungszentrums Berlin
der Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie (DGH)
und des Instituts für Humanistische Psychotherapie Berlin (IHP)

nur Postanschrift:
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Praxis/Seminarort:
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Angst und Hypnose

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Werner Eberwein

Was ist Angst?

 
Angst entsteht, wenn man versucht, nicht zu fühlen. Wenn man überschwemmende Gefühle von Wut, Schmerz, Lust oder Auflösung vermeidet, spürt man Angst. Durch die Angst entstehen innerhalb des Körpers Regionen, die man nicht mehr spürt. Das erlebt man als Loch, als ob ein Teil des Bauches, Herzens oder Kopfes wie ausgestanzt sei. Daher das Loch im Bauch im nebenstehenden Bild, mit dem eine Patientin von mir ihre Angstgefühle auszudrücken versuchte. Das angedeutete Hin- und Herschlagen des Kopfes soll das Nicht-wahrhaben-Wollen ausdrücken. Man will von etwas weg, von etwas wegrennen, sich von etwas trennen, etwas wegschieben, wovon man sich nicht trennen kann, was man nicht wegschieben kann, weil es innerhalb der eigenen Seele passiert, und einem, wo immer man hingeht, und wo immer man hinläuft, hinterher rennt und einen verfolgt. Angst ist wie ein Loch im Bauch, und man weiß nicht mehr, wo einem der Kopf steht.
 
Ängste sind bei Frauen häufiger anzutreffen, als bei Männern. Links sehen Sie einen Überblick über die Geschlechterverteilungen und Häufigkeit von Phobien. Phobien sind Ängste, die auf bestimmte Situationen oder Objekte begrenzt sind. Es gibt zum Beispiel Tier-Phobien oder Ängste vor großen Höhen, Sprechangst oder Angst vor Prüfungen, vor Ansteckungsgefahr durch Viren oder Keime, Flugangst, Angst vor engen Räumen und noch weitere. Der obere, rötliche Balken zeigt den Anteil der Frauen bei den Phobien, der bläuliche Balken zeigt den Anteil der Männer. Sie sehen, dass Phobien bei Frauen deutlich häufiger sind als bei Männern.
 
Aber natürlich haben auch Männer Angst, manchmal auch sehr viel Angst. Es fällt ihnen nur wesentlich schwerer, das zuzugeben. Die typische Form von Angst bei Männern ist die latente Angst, die nicht als solche gespürt wird: eine Angst vor der Angst, oft kompensiert durch betont cooles, aggressives, oder scheinbar überlegenes Auftreten, oder durch die Vermeidung, sich tiefer emotional einzulassen, oder durch Vermeidung von Gefühlen überhaupt. Männer sind wesentlich verkopfter als Frauen, und hinter dieser Verkopftheit steckt oft eine große Angst vor Gefühlen, Angst vor dem Unkontrollierbaren, wenn "Mann" sich auf Gefühle oder auf Nähe wirklich einlässt.

Welche Formen von Angst gibt es?

Da gibt es einmal das, was wir als Furcht bezeichnen. Furcht ist ein realistisches, angemessenes Warnsignal vor einer realen Gefahr. Vor ein paar Jahren bin ich einmal in einer U-Bahn-Station am Bahnsteig einem echten, lebenden Leoparden begegnet. Ich dachte: träume ich, oder habe ich Halluzinationen? Es war ein erwachsener Leopard, und kein Mensch weit und breit. Mir wurde ziemlich mulmig. Erst nach vielleicht zwei Minuten kam jemand um die Ecke, legte dem Leoparden ein Halsband um und führte ihn spazieren. Es war offenbar jemand, der sich einen Leopard als Haustier hält. In dieser Situation hatte ich Furcht, weil ich nicht wusste, ob und wie zahm dieser Leopard war, oder ob er vielleicht aus dem Zoo ausgebrochen und gefährlich war.
 
Zwischen realistischer Furcht und pathologischer Angst gibt es fließende Übergänge. Ein Grenzfall sind die sogenannten Alltagsängste. Alltagsängste haben wir alle gelegentlich, zum Beispiel Angst, dass den Kindern etwas passiert, Angst vor Trennung oder vor Verlust eines geliebten Menschen, oder vor Konflikten, Angst vor Verlust des Arbeitsplatzes, vor Einsamkeit oder vor Katastrophen (besonders nach dem 11. September, oder damals nach Tschernobyl). Dies sind realistische Ängste, die aber manchmal übergehen in etwas Überzogenes, aber immer noch in einem Bereich, den jeder von uns gelegentlich erlebt. Alltagsängste stehen am Übergang zwischen angemessenen und einer pathologischen Angstreaktionen.
 
Unter den neurotischen Ängsten gibt es die schon erwähnten Phobien (Höhenangst, Flugangst, Sprechangst usw.) Zu den neurotischen Ängsten zählen auch die Panikattacken. Das sind Ängste, die einen Menschen urplötzlich überfallen können, die sehr bedrohlich werden können, aber meistens nicht lange dauern - manchmal nur Sekunden, manchmal Minuten oder höchstens Stunden. Sie können den Betroffenen vorübergehend völlig destabilisieren und verschwinden wieder, oft ohne dass man einen konkreten Auslöser feststellen könnte, geschweige denn eine Ursache, die diese Angst erklären würde. Es verbleibt dann oft für lange Zeit eine Angst vor der Angst, nämlich die Angst, daß die Panikattacke wiederkommt.
 
Dann gibt es anhaltende Ängste nach Traumata, zum Beispiel nach sexuellem Missbrauch in der Kindheit, Vergewaltigung, Misshandlung oder Folter (Beispiel: Bosnien). Ich hatte einmal eine Patientin, die in Südamerika ein schweres Erdbeben erlebt hatte und in Panik kam, wenn sie nur daran dachte, weil damals mit einem Mal die gesamte Welt um sie herum in Schutt und Asche ging. Binnen Minuten waren alle Häuser kaputt; die Straßen waren kaputt, viele ihrer Freunde waren tot. Es war ein Erlebnis, wie sie sagte, das man mit Worten nicht beschreiben kann: ein Trauma, das posttraumatische Ängste nach sich zog.
 
Weiter gibt es dann die Angstneurosen. Eine Angstneurose ist ein generalisierter Angstzustand, der nicht an fixierbare Auslöser gebunden ist. Man hat einfach Angst, und das fast ständig.
 
Wenn wir noch tiefer in die psychische Struktur gehen, dann kommen wir zu den Frühstörungsängsten. Hier geht es zum Beispiel um die narzisstische Angst vor Entwertung. Menschen mit einer narzisstischen Problematik haben massive Selbstwertprobleme und leben in panischer Angst vor kleinsten Äußerungen anderer Menschen, die entwertenden Charakter haben könnten. Eine andere Form ist die Borderline-Angst vor Vernichtung, oft gepaart mit massiven eigenen Vernichtungswünschen.
 
Wenn wir noch tiefer in die Pathologie gehen, kommen wir zu den psychotischen Ängsten. Das sind die entsetzlichsten Ängste, die wir kennen. Es handelt sich um wahnhafte, überwältigende Ängste ohne reale Grundlage im gegenwärtigen Leben. Hier ist vor allem die paranoide Schizophrenie zu nennen. Eine Patientin, mit der ich vor Jahren gearbeitet habe, hat eine paranoid-schizophrene Episode über einige Wochen hinweg erlebt. Hinterher erzählte sie mir, ihr Freund habe ihr kleine Pfirsichstückchen gegeben, und sie hatte das Gefühl, dass er sie mit Körperteilen von Babys fütterte. Dann hat sie versucht ihre Schuhe anzuziehen und hatte plötzlich das Gefühl, dass sie einen Pferdefuß habe, wie der Teufel, so dass sie nicht mehr in ihren Schuh hineinkam. Sie müssen bedenken, dass solche wahnhaften Erlebnisse für schizophrene Patienten absolut real sind. Es sind für sie keine Vorstellung oder Fantasien. Für diese Patientin waren es wirklich Körperteile von Babys, mit denen sie gefüttert werden sollte, und sie hatte wirklich einen Teufelsfuß, und das sind nur zwei Beispiele. Sie hat die gesamte Welt als bedrohlich erlebt. Sie können sich vorstellen, welche Ängste das nach sich zieht. Psychotische Ängste sind ein Albtraum im Wachzustand, ein Horrortrip, der nicht aufhört.

Wie entsteht Angst?

Da gibt es einmal die Verkopplung einer realen Bedrohung mit einem Auslösereiz. Ein kleines Kind geht auf ein großes, nett aussehendes Wuscheltier zu, in der Absicht, es zu streicheln, und plötzlich verwandelt sich dieses Wesen in ein Zähne fletschendes Monster, das laute, erschreckende Geräusche von sich gibt und sich schnell auf das Kind zu bewegt.
 
Das Kind kriegt einen Schreck. Vor allem wenn die Eltern selbst Angst vor Hunden haben (was in Berlin nicht unbegründet ist), dann kann es sein, dass in dem Kind eine latente Angstbereitschaft entsprechenden Situationen gegenüber verbleibt. Wir sprechen dann von einer gelernten Angst.
 
Tiefer in der psychischen Struktur sind Ängste vor Verdrängtem angesiedelt. Jemand hat zum Beispiel in seiner Kindheit massive Entwertungen durch seine Eltern erlebt. Er erlebt sich als gekränkt in seinem Selbstwertgefühl, so sehr, dass er es nicht mehr ertragen kann, das in seinem Wachbewusstsein zu behalten. Er spaltet die Erniedrigung ab, verdrängt den ganzen Zusammenhang, verdrängt die Ereignisse, die Worte oder Prügel und was immer damit in Zusammenhang steht. Solche Verdrängungen sind eine Notlösung. Sie sind nie dauerhaft.
 
Verdrängtes kommt unweigerlich wieder nach oben und stellt immer wieder Situationen her, die ebenso bedrohlich sind, wie die Ursprungssituation. Freude nannte das die Wiederkehr des Verdrängten oder den Wiederholungszwang.
 
 Die tiefsten Formen von Angst entstehen, wenn ein Mensch befürchten muss, dass seine psychische Struktur zerfällt. In diesem Bereich bewegen sich die Frühstörungen oder auch die Psychosen und Ängste, die Menschen erleben, wenn sie eine Überdosis an halluzinogenen Drogen zu sich nehmen, wie LSD, Psilocybin oder Meskalin. Es ist die Angst, dass man wahnsinnig, wird, dass man stirbt, dass das Ich zerfällt. Wir sprechen von Desintegrations- oder Fragmentierungsangst.

Hypnose und Selbsthypnose bei Ängsten

Was Sie auf dem Bild links sehen, ist ein Zustand tiefer Entspannung und Erholung. Eine hypnotische Trance ist kein Schlaf. Die junge Frau im nebenstehenden Bild schläft nicht, aber sie ist auch nicht wach. Sie ist in einem Zustand, in dem sie sich offenbar wohl fühlt. Die tiefe Entspannung, die man in Trance erlebt, ist bereits ein Mittel gegen die Angst. Man kann nicht gleichzeitig Angst haben und tief entspannt sein. Schon ganz ohne weitere hypnotische Suggestionen oder psychotherapeutische Maßnahmen wirkt allein die Entspannung in Trance angstmindernd.
 
Wenn latente Alltagsängste oder Anspannungen den Charakter von Unrast haben, von Getriebenheit, als Workaholic-Syndrom, als Bedürfnisses, ständig aktiv zu sein, oder vor sich selbst wegzurennen, vor einer inneren Leere, als Zwang, von einer Fete zur nächsten zu rennen, dann ist das das Großstadtsyndrom - nicht unbedingt etwas Pathologisches, sondern erst einmal eher eine Kulturkrankheit. In diesem Bereich können Techniken der hypnotische Selbsthilfe helfen, um aus der Unruhe und Getriebenheit auszusteigen und zu sich selbst zu kommen.
 
Selbsthypnose gibt es in verschiedenen Formen. Die bekannteste ist das Autogene Training. Das Autogene Training wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von dem Militärarzt J.H. Schulz entwickelt. Jeder kann es in einigen Wochenendkursen an der Volkshochschule erlernen. Sehr viele Menschen praktizieren Autogenes Training regelmäßig. Man versetzt sich selbst in Trance, durch eine Reihe von Formeln, die man innerlich vor sich hin spricht. Autogenes Training kann man zur Beruhigung und Entspannung nutzen.
 
Eine weitere Form der Selbsthypnose sind Imaginationstechniken. Sie werden zum Beispiel von Carl Simonton benutzt, einem amerikanischen Radio-Onkologen, der mit Krebspatienten arbeitet. Er hat eine Imaginationsmethode zur Unterstützung des Immunsystems bei Krebserkrankungen entwickelt. Als Simonton in den 80er Jahren mit dieser Methode anfing, hat er noch überwiegend aggressive Vorstellungen benutzt. Er dachte, das Immunsystem ist die Armee des Körpers. Damit diese Armee die Krebszellen vernichten kann, muss man die Schlagkraft der Armee durch aggressive Bilder steigern. Er brachte seinen Patienten zum Beispiel bei, sich Haifische (die Zellen des Immunsystems) vorzustellen, die andere Fische (die Krebszellen) fressen. Es gibt Patienten, für die ist das passend, besonders solche, die eher aggressionsgehemmt sind. Aber es gibt andere Patienten, für die solche Vorstellungen nicht passen. Heute arbeitet Simonton viel flexibler, je nach Persönlichkeit des Patienten. Ich habe ihn vor einigen Jahren im Rahmen eines Workshops kennen gelernt. Er sagte, heutzutage gehe er davon aus, daß sich jeder Patient das vorstellen soll, was für ihn passt. Eine Patientin hat sich zum Beispiel vorgestellt, ihr Immunsystem sei ein Schaf, und die Krebszellen seien Grashalme, und das Schaf frisst die Grashalme. Ein friedliches Bild, das für diese Patientin passend war.
 
Eine andere Form von Autosuggestion sind Affirmationen. Das sind positiv formulierte Sätze wie: "Ich bin stark", "Das Glück des Lebens wartet auf mich" oder ähnliches. Einige Patienten von mir haben sich Sätze dieser Art zu Hause im Badezimmer über den Spiegel gehängt und sehen sie jeden Tag viele Male, oder sie sagen das als Selbsthypnoseübung mehrmals täglich einige Minuten lang innerlich zu sich selbst.
 
Erfunden wurde die Selbsthypnosetechnik von Emile Coué, einem Apotheker im neunzehnten Jahrhundert. Er hat mit nur einem einzigen Satz gearbeitet, den er immer wieder selbst zu sich gesagt hat. Dieser Satz lautet: "Es geht mir von Tag zu Tag in jeder Hinsicht immer besser und besser." Ich habe das für eine Weile ausprobiert, es ist sehr einfach und angenehm.
 
Eine weitere, verbreitete Form der Autosuggestion oder Selbsthypnose ist es, sich Trance-CDs oder -Kassetten anzuhören. Davon gibt es inzwischen sehr viele für alle möglichen Zwecke und auf alle möglichen Weisen gestaltet.
 
Wenn es um pathologische Ängste geht, dann kommt man mit Selbsthypnosetechniken allein nicht sehr weit, dann muss man eine professionelle Psychotherapie machen.
 
Was professionelle Hypnosetherapie betrifft, gibt es einmal die zahnärztliche Hypnose. Seit diese vor etwa 20 Jahren in Deutschland eingeführt wurde, haben ungefähr tausend Zahnärzte bundesweit Hypnose gelernt, die Hypnose vorwiegend zur Angstminderung einsetzen. Vielen Menschen wird mulmig, wenn sie zum Zahnarzt müssen. Das Sich-Ausliefern, weil etwas mit ihnen gemacht wird, worüber sie keine Kontrolle haben, der weiße Kittel, das helle Licht, die Instrumente, der typische Zahnarztgeruch - all das kann Angst machen. Einige Patienten haben derart viel Angst vor dem Zahnarzt, dass sie viele Jahre lang nicht beim Zahnarzt waren. Ihr Gebiss sieht entsprechend wie eine Ruinenlandschaft aus. Sie haben so viel Angst vor der Zahnbehandlung, daß sie ohne hypnosuggestive Anleitung und Begleitung überhaupt nicht behandelbar sind. Ähnlich ist es mit manchen Kindern und mit eingen geistig Behinderten. Sie geraten während der Zahnbehandlung manchmal in Panik, und manchmal steigern sie sich zusammen mit ihren Eltern immer weiter in die Angst hinein. Mit hypnotischen Methoden kann man sowohl Kinder als auch erwachsene Patienten mit starker Zahnbehandlungsangst entspannt behandeln. Hypnose-Zahnärzte führen ihre Patienten zuerst in einen Zustand von Sicherheit, Entspannung und Erholung, subjektiv heraus aus ihrem Körper an einen Urlaubsort oder einen Entspannungs- oder Kraftort. Während sie dort alles Mögliche erleben, wird die Behandlung durchgeführt. Wenn die Trance tief genug ist, dann kann der Zahnarzt eine vollständige Taubheit der Kieferregion suggerieren, so dass der Patient keinen Schmerz spürt, und damit kein chemisches Anästhetikum braucht. Es gibt Zahnärzte, die nur mit Hypnose-Anästhesie Zähne ziehen und Kieferoperationen machen, und das geht manchmal erstaunlich schnell. Es dauert manchmal nicht mehr als einige Minuten, selbst bei ungeübten Patienten. Die hypnotische Anästhesie ist aber nicht die Hauptanwendungsform der zahnärztlichen Hypose. Die Hauptindikation der zahnärztlichen Hypnose ist die Verminderung der Angst des Patienten, so dass er die Behandlung als etwas Angenehmes erlebt.
 
Im psychotherapeutischen Bereich gibt es zwei Grundformen hypnotischer Therapie. Einmal die hypnotische Kurzzeittherapie. Man spricht von Kurzzeittherapie, wenn man einen Zeitraum zwischen einer und 25 Sitzungen meint. Hier wird die Trance genutzt, um latente, verborgene Fähigkeiten des Unbewussten zu aktivieren. Eine reine Hypnose ist ja noch keine Therapie. Wenn man jemanden nur in Hypnose versetzt und wieder aufweckt, das ist das nicht weiter beeindruckend. Er fühlt sich für eine Weile entspannt und etwas, dann wacht er wieder auf und das war's. Wir bezeichnen das als Leerhypnose. Spannend wird es mit der Frage: was macht man in der Hypnose, wie nutzt man den Trance-Zustand? In Trance ist man in der Lage, Dinge zu vollbringen, die man normalerweise nicht kann. Man kann sich zum Beispiel an latente Fähigkeiten erinnern, die man hat, und diese auf eine aktuelle Aufgabe anwenden.
 
Ein Beispiel: Jemand hat Angst vor Prüfungen. Wenn er nur an eine bevorstehende Prüfung denkt, dann zittert er schon. Er ist sich nicht bewusst, dass er in seinem Leben ohne allzu viel Angst schon viele Situationen bewältigt hat, die so ähnlich waren. Ich hatte einmal einen Patienten mit starker Prüfungsangst. Er studierte Betriebswirtschaft und stand kurz vor dem Vordiplom. In einer Sitzung sagte er: "Ich brauche etwas, das mir direkt hilft. Ich schaffe das sonst nicht. Nächsten Freitag ist die Prüfung. Ich weiß alles, aber wenn ich vor dem Prüfer stehe, ist mein Kopf leer wie ein Blecheimer, und ich kapiere nichts mehr." Wenn ich diesen Patienten nur hypnotisiert und wieder aufgeweckt hätte, dann hätte er eine angenehme Dreiviertelstunde gehabt, aber das allein hätte ihm noch nicht gegen die Prüfungsangst geholfen. Ich habe ihn deswegen angeleitet, in Trance zu gehen, und ihn dann an alle möglichen Situationen in seinem Leben zu erinnert, die ähnlich waren wie die Prüfung, die er aber gut und kompetent bewältigt hat. Zum Beispiel hat er den Führerschein gemacht. Das war auch eine Prüfung. Er hat mir vorher erzählt, dass das kein Problem war, ebenso ähnliche, weitere Situationen auch. In Trance baute sich in ihm das Gefühl auf: "Alles, was ich brauche, um die bevorstehende Prüfung zu bewältigen, habe ich irgendwann schon mal erlebt, eigentlich kann ich das." Dieses latente Wissen und Können bezeichnen wir in der Hypno-Therapie als "Ressourcen", als Kraftquellen. Eine Ressource ist etwas, das man eigentlich kann oder weiß, aber manchmal weiß man nicht, dass man es weiß oder kann. In der Trance können Ressourcen aktiviert und auf ein anstehendes Problem angewandt werden. In der hypnotischen Kurzzeittherapie werden also in Trance Bewältigungserfahrung oder latentes inneres Wissen aktiviert.
 
Wir stehen alle manchmal vor Situationen, in denen wir etwas wichtiges entscheiden müssen. Was mache ich am nächsten Wochenende mit meiner Therapiegruppe? Das beschäftigt mich gerade. Andere müssen entscheiden: Soll ich mich trennen und eine neue Beziehung eingehen? Soll ich meinen Arbeitsplatz wechseln? Wollen wir noch ein Kind haben oder nicht? Mit existentiellen Fragen dieser Art muß sich jeder Mensch immer wieder herumschlagen. Oft sind wir innerlich blockiert, weil einiges dafür spricht, anderes spricht dagegen - aber wie sollen wir uns entscheiden? In der Hypnotherapie gehen wir davon aus, dass es ein inneres Wissen gibt, zu dem man in Trance Zugang finden kann, das im Wachzustand nicht ohne weiteres zur Verfügung steht. Dieses Wissen bezeichnet man normalerweise als Intuition oder als Eingebung. Das Unbewußte ist der Bereich, aus dem Entscheidungen kommen. Wenn wir eine Entscheidung fällen, dann fällen wir sie nie im Kopf. Entscheidungen kommen von innen, aus dem "Bauch", aus dem Unbewußten. Das Bewußtsein, der "Kopf" kann nur argumentieren, die Für's und Wieder's aufzählen, aber keine Gewichtung treffen. Wenn Sie in ein Restaurant gehen, die Speisekarte anschauen und überlegen: Nehme ich ein Steak mit Pfifferlingssoße oder eine Pizza Salami, dann können Sie das rational, also im "Kopf" unmöglich entscheiden. Die Entscheidung kommt aus dem Gefühl, aus dem Inneren, aus dem Bauch. Ein anderes Wort für den "Bauch" ist das Unbewusste. Mit ihm können wir in Trance Kontakt aufnehmen, beispielsweise in Form von Szenerien, oder indem wir das Bild eines alten Weisen etablieren und ihm Fragen stellen.
 
Eine weitere, tiefer gehende, und noch nicht sehr verbreitete, aber hocheffektive Form von hypnotischer Therapie ist die Hypnoanalyse oder psychodynamische Hypnose. Das ist die Methode, mit der Sigmund Freud einmal angefangen hat, und die er aus bestimmten, historischen Gründen wieder aufgegeben hat. Hypnoanalyse bedeutet, dass man in Trance in die Vergangenheit der eigenen Lebensgeschichte geht und sich dort mit abgewehrten, abgespaltenen Beziehungssituationen beschäftigt, die man damals nicht hat verarbeiten können. Diese Form von hypnotischer Therapie ist geeignet für eher breitere, generalisierte Störungen, sogenannte Syndrome, sowie für Charakter- oder Persönlichkeitsstörungen. Eine solche Problematik liegt vor, wenn es sich nicht um ein begrenztes, eingrenzbares Problem handelt, sondern wenn die ganze Persönlichkeit eines Menschen das Problem ist, seine Beziehungsmuster, seine Art zu denken und sein Leben zu gestalten. In der Hypnoanalyse geht es nicht darum, schnell Symptome zu beseitigen. Psychodynamische Hypnose wirkt persönlichkeitsverändernd. Es geht dabei um das Durchfühlen und Verstehen alter Gefühlskonflikte, Erinnerungen, Identifizierungen und Beziehungsmuster. Hypnoanalyse ist für mich die hohe Schule der Hypnose. Eine besonders intensive Form der Hypnoanalyse wird als Hypnokatharsis bezeichnet. Katharsis bedeutet Reinigung. Es ist ein Hindurchgehen durch das, wodurch man auf Teufel komm raus nicht hindurch gehen will. Jungianisch gesprochen geht es um die Konfrontation mit dem Drachen. Der Drache, das ist die Angst. Und wer will sich schon mit seinem inneren Drachen konfrontieren?
 
Aber manchmal, gerade wenn man sich nicht mit einem inneren Drachen konfrontieren will, dann kommt der Drache hinter einem her und verfolgt einen. Oder er entführt die Prinzessin (er nimmt einem, was einem am Wertvollsten ist), und dann muss man sich mit dem Drachen konfrontieren, ob man will oder nicht. Denn wenn man das vermeidet, aus Angst vor dem feurigen Atem des Drachen (Angst vor der Angst), dann landet man in der chronischen Angst, also in einem dauernden (neurotischen) Angstzustand. Angst kommt vom Weglaufen! Man vermeidet etwas, das einem bedrohlich erscheint, und dadurch wird die Angst chronisch. Man vermeidet zum Beispiel Entwertungen durch andere und fühlt sich deswegen ständig von Entwertungen bedroht. Man vermeidet Konflikte und findet sich gerade dadurch ständig in Konflikten wieder. Stellen Sie sich vor, Sie hätten Angst vor Hunden und würden durch Berlin zu gehen und versuchen zu vermeiden, Hunden zu begegnen. Es ist voraussagbar, was passiert. Sie werden ständig auf Hunde treffen. Denn die sind nun mal da, man kann sie nicht vermeiden.
 
In Trance während einer Therapie kann man sich mit Unterstützung durch den Therapeuten und mit Hilfe von Kraftquellen dem Drachen "Angst" stellen.
 
Was könnten dabei Kraftquellen sein? Die Entspannung ist eine Kraftquelle. Der Trancezustand ist eine Kraftquelle. Darüber hinaus gibt es innere Helfer. Wenn es beispielsweise um eine Prüfungssituation geht, könnte ein innerer Helfer jemand sein, den man kennt, der gut und sicher mit Prüfungen umgehen kann, den man in Trance fragen kann: "Wie machst du das eigentlich, wenn du dich einer solchen Situation stellst?" Und dann kann man sich von dem imaginierten Helfer Rat und Hilfe holen. Unterstützt von solchen Kraftquellen geht man dann in Trance dem Drachen entgegen. Es kann ein altes Trauma sein. Es kann eine Vermeidung sein, zum Beispiel die Vermeidung, einer Person, die man attraktiv findet, zu sagen, dass man sie liebt und mit ihr zusammen sein will. Davor haben manche Menschen große Angst: "Um Gottes willen, was passiert, wenn ich eine Abfuhr kriege!" - Es gibt Menschen, die in dieser Angst ewig verharren und den Schritt auf den oder die Angebetete zu einfach nicht tun können. Diese Menschen können in Trance durch ihre Angst vor der Ablehnung hindurch gehen. Sie erleben im Versenkungszustand tiefe, archaische Ängste, die in ihrem Kern, in ihrem Tiefsten Desintegrationsängste sind, Ängste vor dem Verlust der Ich-Kontrolle und vor der Zerstörung der Persönlichkeitsstruktur. Aber es lohnt sich. Wenn man durch die Desintagrationsangst geht, dann spürt man, dass Angst in ihrem Wesen nichts anderes ist als Erregung, Energie, Aufregung. Wenn man durch die Angst hindurch geht, dann kommt man in Kontakt mit der verborgenen und zugedeckten, abgewehrten Lebensenergie, der stärksten Ressource überhaupt.
 


 

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Werner Eberwein
Diplom-Psychologe
Psychotherapie

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Hypnotherapie-Fortbildung

   

Krebs und Hypnose - Die Simonton-Methode heute

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Hypnotherapie-Fortbildung

 

Werner Eberwein 

Carl Simonton und die Psycho-Onkologie

Im März 1998 hatte ich im Rahmen eines dreitägigen, von Dr. Gunther Schmidt organisierten Seminars in Heidelberg die Gelegenheit, Dr. Carl Simonton M.D. kennen zu lernen. Simonton gilt seit seinem 1981 erschienenen Buch "Wieder gesund werden" international als Begründer und „der“ Repräsentant der psychologischen Krebstherapie.

Um es gleich vorwegzunehmen, die Bedeutung Simontons liegt nicht darin, dass er "die" Technik entwickelt hätte, um Krebs psychotherapeutisch zu heilen. Auch wenn ich insgeheim mit dieser Hoffnung zu dem Seminar gekommen war, Simonton hat den alles klärenden Stein der Weisen der psychotherapeutischen Krebsheilung nicht gefunden. Er arbeitet vielmehr mit verbreiteten und in der Psychotherapie gut bekannten Methoden. Er war lediglich einer der ersten, der sich getraut hat, diese Methoden auf die Arbeit mit Krebskranken anzuwenden.

Meines Erachtens besteht Simontons Bedeutung hauptsächlich darin, dass er als hoch qualifizierter klassisch-medizinischer Krebsspezialist bezeugt, dass "es geht", dass Psychotherapie bei Krebskranken hilft, nicht nur um die emotionalen Folgen der Erkrankung zu mildern, sondern offenbar auch zur Behandlung der Erkrankung selbst. Diese Grundorientierung kann sich inzwischen auf eine Reihe von empirischen Untersuchungen stützen.

Das wichtigste, was Simonton lehrt, ist eine Philosophie. Sie besagt, dass die Selbstheilungskräfte des Organismus grundsätzlich in der Lage sind, Krebs zu heilen, und wie wichtig psychische Faktoren, wie Gedanken, Vorstellungen und Gefühle bei der Behandlung einer Krebserkrankung sind. Simonton übermittelt Vertrauen und Hoffnung, dass „der Glaube“ (die Psyche) heilen kann. Wie ein Pfeiler im Strom bleibt er trotz aller Anfeindungen seitens der klassischen Medizin seit 20 Jahren bei dieser Überzeugung. Er ist sowohl für Krebskranke als auch für Therapeuten, die an der beschränkten Denkweise der klassischen nur-chemophysikalischen Medizin zu verzweifeln drohen, ein Hoffnungsträger.

Simonton arbeitete viele Jahre lang als Radio-Onkologe (d.h. er behandelte Krebskranke mit Strahlentherapie). Im Rahmen einer Forschungsarbeit zum Problem der Hoffnungslosigkeit bei Krebskranken wurde ihm die Wichtigkeit der seelischen Prozesse für den Krankheitsverlauf bewusst. Er beschäftigte sich mit den Ergebnissen der Motivationspsychologie und begann, mit einer Methode zu experimentieren, in der sich seine Patienten zusätzlich zu ihrer medizinischen Behandlung ihren Heilungsprozess mehrmals täglich intensiv vorstellten. Der erste Patient, den er mit dieser Methode behandelte, hatte für die Bestrahlungstherapie eine ungünstige Prognose. Zu Simontons Überraschung wurde dieser Patient vollständig gesund. Was Simonton jedoch am meisten überraschte, war, dass dieser Patient keine der sonst üblichen unerwünschten Nebenwirkungen der Strahlentherapie wie Schwächegefühle und Übelkeit zeigte.

Simonton erkannte, was bereits Hippokrates gewusst hatte, dass der Geist und die Gefühle den Heilungsprozess sowie die Wirkungen und Nebenwirkungen einer medizinischen Behandlung entscheidend beeinflussen. Er begann, nach empirischen und experimentellen Arbeiten über die psychischen Aspekte der Krebserkrankung und Krebsheilung zu suchen. Bereits in den fünfziger Jahren wurde von einzelnen Fällen erfolgreicher hypnosuggestiver Behandlungen bei Krebs berichtet. Bei einem Patienten mit einem inoperablen, fortgeschrittenen Lymphdrüsenkrebs, der klassisch-medizinisch nicht mehr sinnvoll behandelt werden konnte, seien beispielsweise nach Injektionen von Kochsalzlösung (die suggestiv als "ein neues, hochwirksame Krebsmedikament namens Krebiozin ausgegeben wurden), die Tumore dauerhaft verschwunden.

Die klassische Medizin geht davon aus, dass spontane" Rückbildungen von Krebstumoren außerordentlich selten seien. Simonton betont, dass aus allen bisherigen Untersuchungen zu diesem Thema eindeutig hervorgehe, dass Spontanremissionen wesentlich häufiger seien, als allgemein angenommen wird. Er selbst habe im Laufe seiner Praxis eine ganze Reihe von solchen "wunderbaren Heilungen" erlebt, "die Wert wären, ihnen einen Schrein zu errichten oder Pilgerreisen zu unternehmen". Der wichtigste psychologische Faktor bei der Krebsheilung sei der Glaube, das Tiefe Vertrauen in die Selbstheilungskraft der Seele und des Körpers.

Erstaunlicherweise hätten die vielfältigen Untersuchungen über psychologische Faktoren in der Krebstherapie die medizinische Schulmeinung und die ärztliche Behandlungsindustrie nicht signifikant beeinflusst. Studien, aus denen die "Macht des Geistes" eindeutig hervorgingen, träfen auf einen massiven Widerstand in den Universitäten und Kliniken. Aufgrund eingefahrener Weltanschauungen und wirtschaftlicher Interessen kam es zu einem massiven politischen Intrigenspiel gegen die wenigen Ärzte, die sich mit Möglichkeiten psychologischer Krebsheilung beschäftigten.

In der klassischen Medizin glaubt man nicht an die Selbstheilungskraft des Körpers, daher werden die Behandlungsmethoden immer härter. Simonton bezeichnet die Bestrahlungstherapie als "Einsatz der Atombombe gegen den Krebs". Die erste Substanz, die zur Chemotherapie bei Krebs eingesetzt wurde (und die heute manchmal noch eingesetzt wird), war das von den Nazis als chemischer Kampfstoff entwickelte Senfgas. Man glaubt, Krebs sei eine schwere, aggressive Krankheit, daher müssten dagegen immer brutalere Mittel eingesetzt werden. Dennoch haben sich laut Simonton die Erfolgsaussichten bei der Krebsbehandlung (mit Ausnahme von einigen Krebsformen wie Nieren- und Hodenkrebs) seit den 1950er Jahren kaum verbessert.

Seit Hippokrates gebe es gegen jede wesentliche Änderung der medizinischen Lehrmeinung immer wieder massive Widerstände seitens der Vertreter der herkömmlichen Methodik, die sich in ihrer gewohnten Weltanschauung bedroht fühlten. Damit Untersuchungen über ein neues Behandlungsprinzip von der medizinischen Wissenschaft akzeptiert werden, müssten sie zunächst emotional akzeptabel sein.

Die Auswirkungen psychischer Faktoren auf immunologische Prozesse und die Fähigkeit des Körpers, Krebstumore zum Verschwinden zu bringen, werden von einem medizinischen Forschungszweig untersucht, der als "Psycho-Neuro-Immunologie" bezeichnet wird. Eine seiner Wurzeln ist die Arbeit des russischen Physiologen Matalnikov, der in den 30er Jahren am Pasteur-Institut in Paris arbeitete. Er wies nach, dass das Immunsystem von Labormäusen konditionierbar war. Ähnlich wie es Pavlov gelungen war, den Organismus von Hunden dazu zu bringen, beim Anschlagen einer Glocke Speichel und Magensaft zu produzieren, konnte Matalnikov in seinen Experimenten die Konzentration der weißen Blutkörperchen seiner Labormäusen durch akustische Signalreize verändern. Daraus muss gefolgert werden, dass die Tätigkeit des Immunsystems psychisch beeinflusst werden kann und somit auch von psychischen Faktoren abhängig ist.

Aus den bekannt gewordenen Untersuchungen von Seyle über die Auswirkungen von Stress geht hervor, dass alle Faktoren, die den Organismus unter ungesunden Stress stellen, der Entwicklung von Krankheiten Vorschub leisten, während "gesunde" Emotionen wie Freude, Glück und Zufriedenheit, die Entstehung von Gesundheit fördern.

Simontons Mentor, der amerikanische Psychoanalytiker Le Shan war gut mit Milton Ericksons hypnotherapeutischen Behandlungsprinzipien vertraut und führte sie in die Krebsbehandlung ein.

Empirische Daten

Dass Psychotherapie bei Krebserkrankungen hilft, konnte Simonton 1981 durch eine empirische Studie bestätigen. Er untersuchte 71 Frauen mit fortgeschrittenem Brustkrebs, die zusätzlich zu ihrer medizinischen Behandlung psychotherapeutische Sitzungen erhielten. Die mittlere Überlebenszeit der Frauen mit Psychotherapie betrug 38,5 Monate - die der Frauen ohne Psychotherapie nur 18,0 Monate, also die Hälfte.

Diese Studie wurde 1989 durch Spiegel von der Stanford University in Kalifornien wiederholt in der Absicht, sie zu widerlegen. Tatsächlich kam Spiegel zu den selben Resultaten. Spiegels Untersuchung erfüllte die höchsten Ansprüche an wissenschaftlich abgesicherte, kontrollierte Studien. Es wurden 50 von Psychotherapeuten begleitete Frauen mit fortgeschrittenem Brustkrebs untersucht. Ihre mittlere Überlebenszeit nach der Diagnose habe mit Psychotherapie 36,6 Monate betragen, die von den Patienten ohne Psychotherapie dagegen nur 18,9 Monate.

Hierbei ist zu bedenken, dass es sich bei der Psychotherapie noch nicht einmal um eine ausgefeilte, speziell Therapieform speziell für Krebskranke gehandelt hatte, sondern um relativ einfache psychotherapeutische Beratungsgespräche (vgl. Simonton 1997, S. 19ff).

Auch Derogatis (1979) und Greer (1985) untersuchten die Überlebenszeiten von Frauen mit fortgeschrittenem Brustkrebs. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass diejenigen Frauen die höchsten Überlebenserwartungen hatten, die über die besten psychischen Bewältigungsmechanismen, sowie über einen gewissen Kampfgeist verfügten. Die niedrigsten Überlebenszeiten hatten Frauen, die sich hoffnungslos fühlten.

1985 veröffentlichte Grossarth-Maticek von der Universität Heidelberg eine (umstrittene) Untersuchung von 1300 Menschen über 10 Jahre hinweg. Er war ohne medizinische Untersuchung nur aufgrund der Untersuchung seelischer Eigenschaften in der Lage, statistisch signifikant vorherzusagen, wer im Laufe von sechs Jahren wahrscheinlich an Krebs sterben würde. Bei denjenigen Personen, die in der Zwischenzeit psychotherapeutisch behandelt worden waren, sank die Krebssterblichkeit signifikant ab. Das bedeutet, dass Psychotherapie in der Lage ist, zur Verhütung von Krebs beizutragen (vgl. Interview mit Grossarth-Maticek in "Psychologie Heute" 5/1998).

1993 veröffentlichte Fawsy im Archiv of General Psychiatry eine Studie über die Auswirkungen von psychotherapeutischer Behandlung auf Heilungsaussichten und Überlebenszeiten von 68 Patienten mit bösartigem Hautkrebs. Es handelte sich um eine gut abgesicherte Studie mit Kontrollgruppe und zufälliger Patientenauswahl. Die Studie ergab, dass psychotherapeutische Behandlungen, die die Patienten in der Bewältigung von emotionalem Stress unterstützen, die Überlebenszeit und die Lebensqualität der Patienten statistisch signifikant vergrößern und die Geschwindigkeit des Tumorwachstums verringern. Erstaunlich war dabei unter anderem das Ergebnis, dass Psychotherapie allein effektiver war als Chemotherapie oder Strahlentherapie allein. In Kombination mit medizinischer Therapie ist sie geeignet, die Heilwirkungen dieser Methoden zu verstärken und die unerwünschten Nebenwirkungen zu vermindern. Eine Kombination von klassischer und psychotherapeutischer Krebsbehandlung sei, so Simonton, in ihren Ergebnissen einer nur medizinischen oder nur psychotherapeutischen Behandlung deutlich überlegen.

"Die beste Krebstherapie ist eine Kombination der modernsten medizinischen Methoden (in einer menschlichen und unterstützenden Weise angeboten) mit der bestmöglichen psychologischen Betreuung. Das Ergebnis wird besser ausfallen als für die Chemotherapie oder andere ärztliche Behandlungen allein oder als für psychologische Betreuung allein.“ (Simonton 1997, S. 25)

„Ich ermutige oder entmutige keine Patienten, irgendeine spezielle Behandlung zu versuchen. Mein Interesse ist es, ihnen dabei zu helfen, einen Weg zu finden, auf ihre eigenen inneren Vorgänge zu hören." (ebenda S. 61)

Die Beeinträchtigung des Immunsystems durch Stress sowie die Förderung des Immunsystems durch die Verringerung von Stress ist durch so viele Untersuchungen belegt, dass sie als gesichert gelten kann (Literaturangaben dazu sind in den Veröffentlichungen von Simonton nachzulesen).

Die Simonton-Methode

Simonton ist Pragmatiker. Er betont, er gehöre keiner psychotherapeutischen "Schule" an und habe im Laufe seines Lebens mit vielen therapeutischen Methoden gearbeitet, auch zum Beispiel mit Psychoanalyse oder mit Janovs Primärtherapie.

In seinem heutigen Behandlungsprogramm untersucht Simonton zusammen mit seinen Patienten deren bisherige, erfolgreiche Bewältigungsmöglichkeiten (Ressourcen). Der Patient wird ermutigt, herauszufinden, was ihm bisher in seinem Leben geholfen hat, emotionalen Schmerz und Hoffnungslosigkeit zu bewältigen und diese Fähigkeiten auf angemessene Weise auch auf seine Krebserkrankung anzuwenden.

Die Behandlung gegen den Krebs solle so sanft wie möglich sein und vom Patienten auch subjektiv als hilfreich erlebt werden. Wenn der Patient glaubt, dass die Behandlung ihm schade, wird er gegen die Behandlung kämpfen. Der Fokus einer psychologischen Krebstherapie müsse auf der allgemeinen Verbesserung der Lebensqualität des Patienten liegen, und die Therapie müsse der Verletzbarkeit der Patienten Rechnung tragen. Sie müsse klar sein und mit klaren Grenzen arbeiten. Sie müsse die Perspektive des Lebens ebenso wie die Möglichkeit von Sterben und Verlust einbeziehen. Sich mit dem Tod zu beschäftigen, damit seinen Frieden zu finden, und sich nicht mit aller Gewalt an das Überleben zu klammern, sei mit entscheidend für den Prozess der Gesundwerdung.

Philosophie

Eine zentrale Aufgabe der psychotherapeutischen Arbeit mit Krebskranken sei die Bestärkung ihrer Hoffnung in die Möglichkeit der Heilung. Simonton versteht unter Hoffnung in diesem Zusammenhang "die Überzeugung, dass wünschenswerte Dinge erreichbar sind, egal wie groß oder klein die Wahrscheinlichkeit dafür ist". Eine gesunde Form der Hoffnung für Krebskranke sei nicht die Überzeugung, dass er auf jeden Fall gesund werde, sondern die Überzeugung, dass er gesund werden könne.

Die klassische Medizin vermittelt dem Patienten direkt und indirekt die Einstellung: "Es gibt keine Hoffnung, machen Sie sich damit vertraut, dass Sie an Krebs sterben werden, machen Sie also das Beste aus der verbleibenden Zeit." Diese Einstellung sei ungesund und fördert das Krebswachstum. Hilfreich sei für den Krebspatienten alles, was seinen Glauben an seine Selbstheilungskräfte, sein Vertrauen in den Sinn seines Daseins und seine Geduld mit sich selbst fördere.

Durch imaginative, kognitive und hypnosuggestive Arbeit seien auch grundlegende weltanschauliche und spirituelle Einstellungen des Patienten veränderbar. Diese Einstellungen betreffen die Natur und das Wesen des Universums, unser Wesen als Menschen und grundlegende Haltungen zu Leben und Tod, Sinn und Schicksal. Simontons Grundeinstellung ist ein profunder spiritueller Pragmatismus. Er geht davon aus, dass wir glauben können, was wir glauben wollen, und dass auch grundlegende Einstellungen relativ schnell und direkt veränderbar sind.

Hypnose, Selbsthypnose und Imaginationsarbeit

Simonton arbeitet sehr stark mit den von Milton Erickson entwickelten suggestiven Sprachmustern und indirekten Hypnoseinduktionen, teils explizit z.B. in Form von "Meditationen", teils beiläufig im Gespräch. Simonton benutzt konsequent die Ericksonsche Sprache. Er spricht beispielsweise praktisch nie negativ von "Krankheit", "Leiden", "Angst" oder "Schmerz", sondern positiv von "ungesunden Einstellungen", "unerfreulichen Erfahrungen", "nicht wünschenswerten Einstellungen", "fehlender Hoffnung", "gesundem Sterben" usw.

Das Grundprinzip der Imaginationsarbeit, wie es von Simonton heute praktiziert wird, besteht darin, dass sich der Patient das gewünschte Ergebnis (z.B. Gesundheit) oder eine Bewegung in Richtung hin zum gewünschten Ergebnis mehrmals täglich auf eine Weise vorstellt, die für ihn persönlich passt und für ihn bedeutungsvoll ist.

Die Verwendung der Vorstellungskraft für Heilungsprozesse ist seit der Urzeit in allen Völkern verbreitet. Nach Simonton erzeugen gesunde Vorstellungen gesunde Gefühle wie Frieden, Zufriedenheit und Liebe. Ungesunde Vorstellungen erzeugen Gefühle wie Schmerz, Hoffnungslosigkeit und Angst. Wenn es dem Krebskranken gelingt, mit Hilfe von Imagination, Meditation oder Autosuggestion sich den gesunden Zustand oder den Heilungsprozess lebendig und intensiv vorzustellen, stellen sich gesunde Gefühle ein, die den körperlichen Heilungsprozess fördern. Manche Patienten könnten durch Selbsthypnose-Übungen dieser Art die Nebenwirkungen der Chemotherapie gut kontrollieren und mindern. Einige erlebten dadurch überhaupt keine der üblichen Nebenwirkungen.

Wenn dem Patienten die Arbeit mit Imaginationstechniken schwer fällt, so sei es erforderlich, die zugrunde liegenden ungesunden Einstellungen kognitiv umzustrukturieren, um das Vertrauen in die Selbstheilungskraft des Körpers zu fördern. Simonton arbeitet dazu gern mit hypnotischen Trancen ("Meditationen"). Er leitet sie auf eine sehr einfache Weise mit gewährenden suggestiven Formulierungen ein, wie z.B.:

"Machen Sie es sich so bequem wie möglich … entspannen Sie sich … gehen Sie innerlich an einen Ort, an dem Sie sich sicher fühlen … lassen Sie sich von Ihrem Atem immer tiefer in einen Zustand der Entspannung hineinführen …“

In einem vertieften Entspannungs- und Versenkungszustand (Trance) entwickelt Simonton metaphorische Szenerien, wie z.B. eine Reise zu dem „Ort, wo die Antwort auf alle Fragen ist", um die innere Weisheit des Unbewussten anzusprechen und einen Dialog mit ihr zu ermöglichen. Er verwendet hypnosuggestive Szenerien auch zur Veränderung von Einstellungen, etwa um den Glauben an die Selbstheilungskräfte des Körpers zu fördern oder um gesunde Imaginationen und Vorstellungsbilder zu vermitteln, etwa Vorstellungen vom Heilungsprozess oder von einem gewünschten Zustand.

Der Patient stellt sich zum Beispiel auf eine für ihn passende Weise vor:

  • der Körper sei stark und weise,
  • die weißen Blutkörperchen seien stark und zahlreich,
  • der Krebs sei schwach und leicht aus dem Körper zu entfernen,
  • den Krebs als Boten, der eine wichtige Information für ihn beinhalte,
  • die medizinische Behandlung sei sinnvoll und hilfreich,
  • die gesunden Körpergewebe seien stark und stabil, sie könnten den Nebenwirkungen der Chemotherapie widerstehen,
  • alltagspraktische Veränderungsschritte,
  • der Schmerz ändere seine Intensität, seine Bedeutung oder Beschaffenheit,
  • den Zustand der vollkommenen Gesundheit.

Wenn der Patient "im Kopf" nicht weiß, was er tun soll (z.B. Chemotherapie machen oder nicht, welche Form der Imagination), kann der Therapeut ihm helfen zu spüren, was er in seinem Herzen fühlt, was er tun möchte. Wenn er sich auch in seinem Herzen unklar oder zwiespältig ist, kann der Therapeut ihm helfen, auf hypnosuggestive Weise mit der inneren Weisheit seines Unbewussten in Dialog zu treten (Beispiel-Trancen zum Ablesen finden Sie in Simonton 1997).

Simonton ist mit der Vorgabe konkreter Inhalte in Trance recht zurückhaltend, weil er es als effektiver betrachtet, wenn sich jeder Patient seine eigene Form der Imagination erarbeitet. Grundprinzip sei in der Regel, dass der Patient sich selbst, seine Selbstheilungskräfte und die Behandlungsmethoden als stark und wirkungsvoll, den Krebs dagegen als schwach und leicht besiegbar vorstellt.

Die Formen und Inhalte der Trancen und Imaginationsübungen im Einzelnen sollten den individuellen Eigenarten, Gewohnheiten und Fähigkeiten des Patienten entsprechen. Aggressive Bilder, wie sie Simonton früher (1981) bevorzugte (z.B. Haifische, die Krebszellen fressen) seien manchmal angemessen, aber nicht in jedem Fall sinnvoll.

Der Therapeut unterstützt den Patienten, eigene Imaginationsformen zu entwickeln, z.B. indem er ihn fragt, was ihm einfällt, wenn er daran denkt, gesund zu werden. Die angewandten Bilder und Symbole müssen vereinbar sein mit dem Leben und den grundlegenden Haltungen des Patienten und auf dem aufbauen, was der Patient gut kann (Hobbys, Beruf, Erfahrungen, Fähigkeiten, bereits erlernte meditative Übungen), z.B.:

  • ein Buchhalter kann sich z.B. vorstellen, die Bilanz seines Immunsystems zu überarbeiten,
  • wer gerne fischt, kann sich vorstellen, den Fisch der Gesundheit aus einem ruhigen See zu angeln,
  • wer das Meer liebt, kann sich vorstellen, dass der Ozean den Krebs wegwäscht,
  • ein religiös orientierter Mensch kann sich ein heilendes Licht von Gott vorstellen,
  • ein Maler kann sich vorstellen, wie schwarze Farben sich in heilendes Orange verwandeln,
  • ein musikalischer Mensch kann sich heilende Klänge oder Choräle vorstellen,
  • ein eher verbal orientierter Patient kann mit verbalen Autosuggestionen arbeiten,
  • wer gern berührt wird, kann heilende Vorstellungen mit angenehmer Massage verbinden,
  • wer gern tanzt, kann ekstatische Tänze zur Hilfe nehmen,
  • wer gern musiziert, kann auf heilende, meditative Weise singen oder trommeln.

Auch was die Frequenz der Imaginationsübungen betrifft, ist die zentrale Frage, wie oft der Patient die Übung ausführen möchte und welche Auswirkungen es hat, wenn er die Übung beispielsweise nur einmal pro Woche, oder mehrmals pro Stunde macht. Der Therapeut kann dem Patienten helfen, herauszuarbeiten, wie er normalerweise denkt, imaginiert und lebt (z.B. eher kontemplativ, hektisch, ekstatisch, kopfgesteuert, emotional). Er kann dem Patienten Möglichkeiten aufzeigen und ihm dann helfen, seine eigenen Formen zu entwickeln. Das Vorgeben einer "richtigen" Form der Imagination sei eine Falle, die den Therapeuten mehr Verantwortung und Anstrengung auflädt, als gesund für ihn und für den Patienten ist. Am besten sei ein Gleichgewicht zwischen der Vermittlung von Ideen und Anregungen an den Patienten und der Unterstützung des Patienten, seine eigenen Imaginationsweisen zu finden.

Veränderung von Einstellungen

Wie die Vielzahl der inzwischen recht gut dokumentierten Fälle so genannter Spontanremissionen beweise, trägt der Körper in sich grundsätzlich die Fähigkeit, Krebszellen zu erkennen und zu vernichten. Im Falle der Krankheit stehe, so Simonton, diese natürliche Fähigkeit lediglich vorübergehend nicht vollständig zur Verfügung.

Im Zentrum der Simonton-Methode der psychologischen Krebstherapie steht die Konzentration auf das, was beim Patienten stimmt, und nicht darauf, was bei dem Patienten nicht in Ordnung ist. Er fokussiert die Behandlung darauf, was dem Patienten Sinn, Freude und ein Gefühl von Authentizität bringt: "Warum bin ich hier, was gibt meinem Leben Sinn?" - und versucht, den Patienten anzuregen, mehr davon in sein Leben zu integrieren. Erst dann stellt sich die Frage, was dem störend im Weg steht. Bei den störenden Faktoren handelt es sich in erster Linie um emotionalen Schmerz, sowie um Gefühle der Hoffnungs- und Hilflosigkeit, die, so Simonton auf ungesunde Glaubenshaltungen und Überzeugungen zurückgehen.

In den letzten zehn Jahren habe er die von ihm in seinem Buch "Wieder gesund werden" beschriebene Imaginationstherapie modifiziert. Gemeinsam mit Maultsby von der Howard-University in den USA habe er eine kognitive Methode in seine Arbeit integriert. Bei dieser Technik geht es um die Herausarbeitung von ungesunden Einstellungen, Glaubenshaltungen und Überzeugungen und deren Transformation in gesundheitsfördernde Einstellungen. "Gesund" sei dabei nicht unbedingt das, was sich in dem Moment gut anfühlt, wenn man es tut, sondern das, was hinterher gute Gefühle hervorbringt. Eine krankheitsfördernde Einstellung, wie z.B. der Satz: "Ich schaffe es nicht, ich werde sterben", wird mit Hilfe der fünf "Maultsby-Fragen" untersucht:

  • Basiert diese Glaubenshaltung auf Tatsachen?
  • Hilft mir diese Glaubenshaltung, mein Leben und meine Gesundheit zu schützen?
  • Hilft mir diese Glaubenshaltung, meine kurzfristigen oder langfristigen Ziele zu erreichen?
  • Hilft mir diese Glaubenshaltung, meine wichtigsten Konflikte (mit mir selbst oder mit anderen Menschen) zu lösen, zu bewältigen oder zu vermeiden?
  • Hilft mir diese Glaubenshaltung, mich zu fühlen, wie ich mich fühlen möchte?

Bei einer "gesunden" Glaubenshaltung müssten drei oder mehr dieser Fragen mit "ja" beantwortet werden. Bei einer "ungesunden" Glaubenshaltung würden nur zwei oder weniger dieser Fragen mit "ja" beantwortet.

Ungesunden Glaubenssätzen werden dann komplementäre, gesunde Glaubenssätze gegenübergestellt, die der Patient auf einen Zettel schreibt, den er immer bei sich trägt und täglich viele Male durchliest. Zusätzlich lernt der Patient, mehrmals täglich in Selbsthypnose mit diesen gesunden Glaubenssätzen zu meditieren und sich in sie hineinzuversenken. Maultsby's Modell sei, so Simonton, sehr einfach, leicht zu erlernen und dem Patienten leicht zu vermitteln. Es ermögliche es, sogar grundlegende philosophische, weltanschauliche oder spirituelle Einstellungen direkt zu verändern, die nach Simontons Erfahrung von grundlegender Bedeutung für den Gesundwerdungsprozess sind.

Die anzustrebende Haltung des Patienten könne man in folgende Worte fassen: "Ich möchte leben, weil ich weiß, warum ich leben möchte, und ich bin bereit zu sterben. Wenn ich nicht bereit bin zu sterben, kümmere ich mich darum, was ich tun kann, um bereit zu sein, zu sterben. Ich möchte, dass es mir besser geht, aber ich akzeptiere, wenn es mir schlechter geht." Auf diese Weise könne es dem Patienten erleichtert werden, aus einem verzweifelten Ankämpfen gegen die Krankheit (das seine emotionale Belastung nur weiter verstärkt) heraus zu finden.

Ein weiterer wesentlicher Aspekt der psychologischen Krebstherapie sei der Umgang mit Wut- und Schuldgefühlen sowohl beim Patienten als auch bei den Angehörigen und den Therapeuten. Der Patient müsse ermutigt werden, die Zusammenhänge zwischen Gedanken und Überzeugungen, Gefühlen und seinem körperlichen Zustand zu verstehen und zu erkennen. Er müsse begreifen, was eine gesunde und was eine ungesunde Weltanschauung bzw. spirituelle Einstellung sei. Die grundlegende philosophische Einstellung zum Leben beeinflusse auf eine radikale und sehr fundamentale Weise die Fähigkeit des Patienten zur Bewältigung von emotionalem Schmerz und damit seinen Heilungsprozess. Die psychoonkologische Therapie müsse erfreulich und angenehm gestaltet sein, damit der Patient die zu ihr erforderliche Energie aufbringen könne.

Zu der Frage, wie es erklärbar sei, dass es bei manchen Patienten zu Spontanremissionen komme und bei anderen nicht, führte Simonton aus, dass die wenigen Untersuchungen zu diesem Thema nahe legten, dass Patienten mit Spontanremissionen auf ihre Krebserkrankung weniger als andere Patienten mit Angst und Hoffnungslosigkeit reagierten, und dass sie ihre Krebsdiagnose vor allem zum Anlass nahmen, ihr Leben zu überdenken und neu zu organisieren. Das "Wunder", das einigen Krebspatienten zuteil werde, sei also Produkt einer harten Arbeit an sich selbst.

Die grundlegenden Prinzipien der Gesundheit, so Simonton, treffen auf Gesunde ebenso wie auf Kranke zu. Gesundheit bestehe darin, sich in Einstellungen und Lebensweise unserer wahren Natur, unserem Wesen annähern. Dabei wird es dem Patienten freigestellt, auszuwählen, welche der therapeutischen Anregungen er aufnehmen will und welche nicht: "Tun Sie nichts, wovon Sie glauben, dass es nicht gut für Sie sei. Im Zweifelsfall lassen Sie es." Auf diese Weise wird die Selbstverantwortung des Patienten gefördert, aber auch gefordert. Die Vorstellung, Krebs sei eine schwere, fast immer notwendig zum Tode führende Krankheit, sei ungesund, ebenso die Vorstellung, Krebszellen seien aggressiv. Krebszellen seien nicht aggressiv gegen andere, gesunde Zellen, sie wachsen lediglich unkontrolliert und schneller als diese. Der Therapeut müsse an seinen eigenen Einstellungen dem Krebs und den Heilungsprozesse gegenüber arbeiten, denn seine Überzeugungen beeinflussen unbewusst die Einstellungen der Patienten.

Wenn Glaubenshaltungen psychotherapeutisch verändert werden, fühlt man sich oft vorübergehend seltsam unauthentisch. Diese Erscheinung wird als "kognitiv-emotionale Dissonanz" bezeichnet: das Alte (Ungesunde) fühlt sich weiterhin richtig an, das Neue (Gesunde) fühlt sich zunächst noch falsch an. Nach Simonton kommt es aber nach ungefähr drei bis sechs Wochen intensiven Übens zu einem kognitiven Adaptionsprozess, und die neue Einstellung wird automatisiert. In der Therapie ist es unumgänglich, mit diversen Widerständen gegen die Technik der kognitiven Umstrukturierung umzugehen. Besonders hilfreich hierbei ist es, in der Gruppe Erfahrungen von Menschen zu hören, die mit vergleichbaren Methoden Erfolge erzielt haben.

Auslösende Probleme und Krankheitsgewinn

Typischerweise lassen sich, so Simonton, etwa drei bis achtzehn Monate vor Ausbruch der Krankheit schwere Stressoren ausmachen, die das emotionale Gleichgewicht des Patienten stark belastet haben, wie: starke Belastungen naher Beziehungen, in der Familie, in der Arbeit oder die finanziellen Verhältnisse betreffend, ein Orts- oder Wohnungswechsel, eine andere schwere Krankheit oder Verletzung oder insbesondere das Verratenwerden durch eine Vertrauensperson. Durch psychotherapeutische Unterstützung kann der Patient lernen, diese Stressoren besser zu bewältigen.

In der analytischen Psychologie unterscheidet man zwischen einem primären und einem sekundären Krankheitsgewinn. Der primäre Krankheitsgewinn besteht darin, dass die Krankheit eine Funktion im Rahmen innerer Prozesse des Patienten erfüllt (z.B. um Schuldgefühle oder Autoaggressionen zu realisieren). Der sekundäre Krankheitsgewinn besteht in Reaktionen des Umfeldes des Patienten auf die Krankheit, die paradoxerweise die Krankheit fördern können (z.B. vermehrte Zuwendung und Aufmerksamkeit, Entlastung von Stress usw.).

Bei den sekundären Krankheitsgewinnen handelt es sich in der Regel darum, dass der Patient durch die Krankheit besser Liebe ausdrücken und empfangen kann, besser in der Lage ist, ja oder nein zu sagen, neue Prioritäten im Leben zu setzen und Zeit für sich selbst zu haben. Simonton unterstützt seine Patienten darin, sekundäre Krankheitsgewinne zu realisieren, ohne dass dies die Krankheit voraussetzt.

Um dem Patienten zu helfen, sich über sein persönliches Muster der Krankheitsauslöser und Krankheitsgewinne Klarheit zu verschaffen, fordert Simonton den Patienten auf, fünf große Veränderungen seines Lebens in den drei bis sechs Monaten vor Ausbruch der Krankheit zu benennen oder aufzuschreiben. Dann solle er sich verdeutlichen, mit welchen Gefühlen diese Veränderungen verbunden waren und schließlich fünf positive Veränderungen durch die Krankheit benennen. Seine Patienten entwickeln darüber hinaus einen 2-Jahre-Gesundheitsplan, in dem für die Bereiche Ernährung, Spiel, Spaß, Bewegung, Meditation, Lebenssinn, soziale Beziehungen usw. kurz-, mittel- und langfristige Ziele und konkrete Planungen entwickelt werden.

Auseinandersetzung mit dem Tod

Eine wichtige Anwendungsform der Hypnose ist für Simonton die Auseinandersetzung mit dem Tod, den sich die Patienten in Trance vorstellen, um auch mit der Perspektive des Todes in Frieden leben zu können. Für einen Patienten angesichts des Todes stellt sich die Frage, was er tun kann, damit seine Sterbeerfahrung friedvoller wird. Für den Therapeuten oder Unterstützer stellt sich die Frage, wie er dem Patienten beistehen kann, damit dieser gut sterben kann. Die Auseinandersetzung mit dem Tod hat den Sinn, dem Patienten ein besseres Leben zu ermöglichen, indem er seine Glaubenshaltungen gegenüber dem Tod verändert. Beispielsweise solle sich der Patient vorstellen, wie er seine Liebsten um sich habe, wenn er stirbt, wie sie ihn trösten, und was er ihnen sagen wolle, um bereit zu sein, loszulassen. Für die meisten Patienten sei das größte Problem die Zeit bis zum Tod, das zweitgrößte Problem für sie ist in der Regel die Zeit nach dem Tod. Das Sterben selbst dagegen beschäftigt sie am wenigsten.

Über das Erleben unmittelbar vor dem Sterben gibt es, so Simonton, eine Fülle von Informationen vom ägyptischen und tibetischen Totenbuch über die Gespräche von Kübler-Ross bis zu Moody's Erfahrungen von Nah-Tod-Erlebnissen. Simonton zitiert das tibetische Totenbuch, in denen ausgeführt wird, dass wir dazu neigen, so zu sterben, wie wir gelebt haben. Wenn wir also auf eine bestimmte Art sterben wollen (bewusst, friedvoll, gesund, schmerzfrei, umgeben von Menschen, die wir lieben, neugierig), dann müssen wir uns bemühen, auf diese Weise zu leben. Es gibt viele Menschen, die gesund leben und gesund (d.h. friedvoll an Altersschwäche) sterben. Die Lebensweise solcher Menschen ist jedoch bis heute medizinisch und psychologisch außerordentlich wenig untersucht.

Sterbende berichten unmittelbar vor dem Tod häufig über ein taubes Gefühl in den Beinen und von einem Gefühl, als ob die Lebensenergie den Körper von den Beinen aus aufwärts und schließlich durch die Schädeldecke hindurch nach oben verlasse. Menschen in Nah-Tod-Erlebnissen berichten davon, dass sie tieferen Frieden und umfassendere Liebe empfunden hätten, als sie es je in ihrem Leben erfahren haben, und dass sie unmittelbar davor waren, in etwas als Licht Erlebtes hineinzugehen.

Als Unterstützer oder Therapeut kann man einem Sterbenden helfen, sich in diese Prozesse hinein zu entspannen und damit zu kooperieren, an schöne, angenehme Dinge zu denken und sich schließlich mit dem Licht zu vereinigen. Manchmal sprechen Sterbende von selbst über schöne Dinge, an die sie denken, und das kann für alle Anwesenden eine tief bewegende Erfahrung sein.

In der Sterbebegleitung ist es das bei weitem wichtigste, auf eine liebevolle Weise bei der Person zu sein, mit Gefühlen der Wertschätzung für die Person und den tiefen Wunsch, dass sie einen guten Tod hat. Die wichtigste Botschaft, die ein Sterbebegleiter mit Worten und in seiner Haltung vermitteln kann, ist: "Alles ist gut. Mir geht es gut. Allen geht es gut". Massiv störend sei es dagegen, sich abhängig an die sterbende Person zu klammern und sie mit aller Kraft im Leben halten zu wollen, denn das störe den Sterbeprozess. Simonton berichtet, dass seine so unterstützten Patienten meistens einen guten Tod haben. Etwa einer von 20 seiner Patienten habe einen „schwierigen Tod“, und das entspreche stets der dominierenden Einstellung seines Lebens.

Was eine mögliche Weiterexistenz nach dem Tod betrifft, sei die gesündeste, förderlichste Einstellung, dass das Bewusstsein nach dem Tod in einem positiven, wünschenswerten Zustand weiter existiert. In der Mitte stehe die Einstellung, dass es kein Weiterleben nach dem Tod gebe. Am ungesündesten sei die Einstellung, dass das Weiterleben nach dem Tode auch unerfreulich sein könne oder werde.

Die durchgängige Lehre aller spirituellen Traditionen, die von einer Weiterexistenz nach dem Tode ausgehen, ist, dass Liebe und Mitgefühl für uns selbst und für andere die beste Voraussetzung für eine gute Weiterexistenz nach dem Tode sei.

Simonton unterstützt die Patienten und ihre Begleiter durch hypnotische Sterbemeditationen (1997, S. 122 ff). Er suggeriert in Trance das subjektive Erlebnis des Sterbens mit einer anschließenden "Reise ins Licht", von wo aus man rückwirkend das eigene Leben überblickt. Von hier aus stellt man sich die Frage, wofür man in seinem Leben dankbar ist, was man bereut, wie man das gern anders gemacht hätte und vor allem was wirklich wichtig im Leben sei.

An Krebs Sterbende haben leider häufig mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, von gewaltsamen, nutzlosen medizinischen Wiederbelebungsversuchen über die überwältigende Trauer der Angehörigen bis zu entwürdigender Verwaltung in Altersheimen, mit Schuldgefühlen, Verleugnungen, körperlichem Schmerz und dem Verlust von Beziehungen und Lebensperspektiven. Diese Vorbereitung auf diese Schwierigkeiten und die Auseinandersetzung damit sind ein wichtiger Teil der Auseinandersetzung mit dem Tod.

Spezielle Übungen

Der Patient erarbeitet sich in der therapeutischen Begleitung existenzielle Überzeugungen, die er stärken möchte und entwickelt mit Unterstützung des Therapeuten rituelle Abfolgen von Verhaltensweisen, um die gewünschten Einstellungen zu stabilisieren. Simonton unterstützt die Patienten auch in der Ausübung traditioneller Riten (z.B. den Gebetsformen der verschiedenen Religionen), wenn diese Formen dem Patienten vertraut und hilfreich sind.

Eines der ältesten Rituale, um die "innere Weisheit" zugänglich zu machen, ist die schamanische Trommelreise, die in vielen Naturvölkern bekannt und vermutlich Jahrtausende alt ist. Die von einem Problem oder einer Frage betroffenen Angehörigen des Stammes versammeln sich, und der Schamane schlägt für etwa 20 bis 30 Minuten mit einem relativ schnellen Rhythmus (3-7 Schläge in der Sekunde) monoton die Trommel. Währenddessen geht er gemeinsam mit den Anwesenden in Trance an "den Ort, an dem Antwort auf alle Fragen ist". Hier wird dann das Problem vorgebracht oder die Frage gestellt und Rat und Antwort empfangen, wobei man die "Geister der Ahnen" oder "Krafttiere" herbeiholt und um Unterstützung bittet.

Die Anwendung von Ritualen dieser Art in der Krebstherapie fördert die gesunde Einstellung des Patienten, dass jeder Mensch für alle Fragen Hilfe erhalten kann, weil er sie jederzeit in sich trägt. Diese Erfahrung, die mit vielen Namen bedacht wird, wie: "Weisheit des Unbewussten", "höheres Selbst", "Intuition" usw., ist praktisch jedem Menschen wohl bekannt.

Patienten, die auf sich selbst oder auf andere Personen einen tiefen Groll empfinden bittet Simonton, auf ein Blatt Papier den Namen der Person zu schreiben und den Grund für den Groll. Dann solle der Patient sich vorstellen, dass dieser Person etwas Schönes widerfahre, was ihr bestimmt Freude machen würde. Viele Patienten erleben in dieser Übung eine große emotionale Entlastung.

Persönliche Rituale können beispielsweise sein:

  • in der Natur sein,
  • Meditation,
  • Fragen mit in den Schlaf nehmen,
  • singen,
  • NLP-Übungen,
  • Imagination,
  • Trancetanz,
  • beten.

Ein sehr hilfreiches, einfaches Ritual ist das täglich viele Male wiederholte Frage-Mantra: "Was soll ich tun, damit es mir besser geht - was soll ich tun, um gesund zu werden?"

Unterstützer und Therapeuten

Eine der größten Schwierigkeiten in der Behandlung der Krebspatienten seien hemmende, einer Gesundwerdung im Wege stehende Einstellungen und Verhaltensweisen von Ehepartnern und Familienangehörigen der Kranken. Einzelarbeit mit Familienangehörigen helfe nicht viel. Sehr hilfreich sei dagegen die Kraft der Gruppe, die manchmal innerhalb von drei bis fünf Tagen gerade die größten "Widerständler" unter den Familienangehörigen zu den besten Unterstützern des Gesundungsprozesses werden ließe.

Das schwierigste Problem für die Unterstützer und Therapeuten sei das Anhaften an das Überleben bzw. die Heilung des Patienten. Zwanghaftes Fixiertsein an die Heilung stelle den Helfer und den Patienten unter Stress und mache eine langfristige professionelle Arbeit mit Krebskranken unmöglich. Der Therapeut müsse seine eigenen Anhaftungstendenzen sowie seine Neigungen zu Schuldgefühlen bzw. Beschuldigungen erkannt und durchgearbeitet haben, um erfolgreich mit Krebskranken arbeiten zu können.

Therapeuten und Unterstützer von Krebskranken müssten zuerst ihre eigenen Bedürfnisse wahrnehmen und entscheiden, ob sie sie jetzt befriedigen oder vorübergehend zurückstellen wollen bzw. können. Der Patient muss lernen, darum zu bitten, was er braucht, selbst dann, wenn vielleicht vom Gegenüber kein "Ja" kommt. Wenn der Patient etwas erbittet, was der Therapeut oder Unterstützer nicht tun will oder kann, so müsse dieser das klar ausdrücken und dann fragen, ob er etwas anderes für den Patienten tun könne.

Der Heilungsprozess von Patienten, die gesund werden, läuft meistens nicht so ab, wie der Therapeut, Unterstützer oder Ehepartner sich das vorstellt. Wenn dieser also merkt, dass der Patient ungesund lebt bzw. seiner Meinung nach etwas anders machen sollte, so ist eine respektvolle, offene Kommunikation ohne Druck wichtig.

Wenn sich eingefahrene Hierarchien durch die Krankheit verändern oder gar umkehren (z.B. ein in der Beziehung bisher überlegener Partner wird durch die Krankheit der Schwächere), kann es leicht dazu kommen, dass der bisher Unterlegene den Erkrankten alte Demütigungen "heimzahlt". Hier ist manchmal psychotherapeutische Hilfe erforderlich.

Das Grundprinzip im Zusammensein mit Krebskranken ist es, Liebe zu kommunizieren. Die Grundaussage sollte sein:

"Ich möchte, dass es dir besser geht, und dass du gesund wirst, weil ich dich liebe.
Aber für mich ist es auch in Ordnung, wenn es dir schlechter geht, oder wenn du stirbst."

Therapeuten und Unterstützer müssten emotional in Kontakt mit dem Patienten sein und gleichzeitig lernen, sich um ihr eigenes Wohlbefinden zu kümmern. Das Anhaften an Vergängliches (das grundlegende Problem menschlichen Leidens) sei auch in der Arbeit mit Krebskranken der schwierigste Faktor. Spaß und Spiel seien die wichtigsten Aspekte der Gesunderhaltung und Heilung der Unterstützer und Therapeuten. Therapeuten und Unterstützer müssten Spaß und Spiel in ihrem Leben haben, sonst können sie an den Patienten keine gesunde Haltung vermitteln.



 

Literatur 

Fawsy: Malignant Melanoma, Archive of General Psychiatry, 50, 9/1993

LeShan: Diagnose Krebs - Wendepunkt und Neubeginn.

Siegel: Prognose Hoffnung.

Simonton: Auf dem Wege der Besserung, Rowohlt-Verlag 1997

Simonton: Wieder gesund werden, Rowohlt-Verlag 1982

Eberwein: Abenteuer Hypnose. Heilung durch Trance. Kösel-Verlag 1996.

Selbsthypnose-CDs

Eberwein: Loslassen. Hypnos-Verlag 1996.

Eberwein: Selbstheilungskräfte in der Seele entfalten. Kösel-Verlag 1996.

 

Adressen

Carl Simonton Cancer Center
- Auskünfte über das Programm: Post Office Box 890, Pacific Palisades, CA 90 272, Tel. 001 - 800 - 459 - 3424 / 001 - 310 - 457 - 3811, Fax 001 - 310 - 457 – 0421, Internet: http://www.simontoncenter.com
- Literatur- und Tonbandcassetten: Simonton Cancer Center, Tape and Literature Department, P.O.Box 1198, Azle, Texas 760 20, USA, Tel. 001 - 817 - 444 - 4013

Patienten-Arbeitswochen Fortbildungen nach Carl Simonton
Paul Baur & Brunhilde Saur-Baur, Starenweg 26, 70736 Fellbach-Schmieden, Tel. 0711 - 515 989, Fax 0711 - 516 05 36, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! Sie müssen JavaScript aktivieren, damit Sie sie sehen können.

Auskünfte über Therapiemöglichkeiten nach Carl Simonton
ZIST, Zentrum für Individual- und Sozialtherapie e.V., Zist 3, D-82377 Penzberg, Tel. 08856 - 5192 (Mo-Fr 9-13.30 Uhr)

 

Anschrift des Autors

Werner Eberwein
Diplom-Psychologe
Psychotherapie

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Showhypnose - wie funktioniert das?

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Geheimnisse und Gefahren der Showhypnose

Vor einigen Wochen war ich bei einer Show des „Weltmeisters der Hypnose“ Manfred Knoke alias Don Alfredo zu Gast und saß mit etwa fünfzehn anderen Besuchern auf der Bühne, um von ihm hypnotisiert zu werden. Was mich kaum erstaunte, war, daß ich wieder einmal eine der beiden Personen war, die Knoke nach kurzer Zeit relativ gelassen als „unhypnotisierbar“ aussortierte („ ... bei Ihnen klappt es nicht, das passiert manchmal, setzen Sie sich bitte wieder hin“). Das selbe habe ich zuvor auch schon bei einem anderen Showhypnotiseur namens Sandokan erlebt. Sandokan wollte mich im Laufe eines persönlichen Gesprächs auf meine Bitte hin in Trance versetzen, um mir meine leichten Kopfschmerzen wegzuhypnotisieren, was nicht den geringsten Erfolg hatte. Andererseits hatte Sandokan einen ganzen Aktenordner mit Erfolgsberichten begeisterter Menschen vorzuweisen, die er von allen möglichen Alltagsleiden geheilt haben wollte. Vor etwa 20 Jahren war ich zum ersten Mal bei einem australischen Showhypnotiseur namens Martin St. James in der Berliner Philharmonie gewesen, der mit einer Hyperventilationstechnik gleich dreißig Leute auf einmal hypnotisierte. Auch da war ich einer der vier oder fünf Personen, die als „unhypnotisierbar“ von der Bühne heruntergeschickt wurden.

Bin ich nicht hypnotisierbar oder besonders widerständig? Offenbar nicht, denn in einem therapeutischen Setting kann mich jeder Anfänger ohne Probleme hypnotisieren. Dennoch sind die Versuchspersonen von Showhypnotiseuren nicht gekauft oder bestochen. Das ist nicht nötig. Ihre Vorführungen kann jeder einigermaßen geübte und nicht publikumsscheue Menschen auf einer größeren Féte wiederholen, sofern er Zeit und Gelegenheit hat, besonders empfängliche Versuchspersonen aus einer ausreichend großen Gruppe von Freiwilligen herauszufischen.

Man kann davon ausgehen, daß die meisten Besucher einer Hypnoseshow eine gewisse Faszination für Hypnose mitbringen und damit eine gewisse grundsätzliche Bereitschaft, sich hypnotisieren zu lassen. Ich dagegen scheine von Showhypnotiseuren nicht hypnotisierbar zu sein. Ich gehe innerlich wohl in einen Machtkampf mit dem Showhypnotiseur, um ihm zu beweisen, daß er mich nicht „kriegt“, und dann kriegte er mich auch nicht. Vielleicht müßte ich besser „mitmachen“, wie das alle Showhypnotiseure am Anfang einfordern: „Gegen Ihren Willen kann ich Sie nicht hypnotisieren, Sie müssen mitmachen, sonst geht es nicht.“ Aber ist das dann noch Hypnose - oder vielmehr ein einfaches Mitspielen?

Was mich erstaunte, war, daß es Knoke gelang, von den fünfzehn Personen, die anfänglich auf der Bühne saßen, immerhin dreizehn so weit zu bringen, daß sie bereit waren, seine Späße mitzumachen.

Thomas Stöcker hat seine bei Zahnärzten so beliebte Turbo-Induktion von einem österreichischen Showhypnotiseur namens Bertino übernommen. Bei Der Showhypnotiseur Pharo braucht für eine Art Super-Turbo-Induktion knapp zehn Sekunden. Dagegen schreibt der Meister der hypnotischen Raffinesse, Milton Erickson: „Nach meiner Erfahrung sollte man im Durchschnitt insgesamt drei bis acht Stunden ... auf das Training einer unerfahrenen Versuchsperson verwenden, damit sie eine gute hypnotische Trance entwickelt ...“ (Erickson, Gesammelte Schriften, Bd. 3, S. 417) Können die Hypnotherapeuten von den Showhypnotiseuren noch etwas lernen?

Nachdem ich nun eine ganze Reihe von Showhypnotiseuren life erlebt habe, ist mir eines ganz klar: mit einer besonders raffinierten Technik hat das Ganze nichts zu tun. Showhypnotiseure benutzen die ältesten und primitivsten Hypnosetechniken, die man sich vorstellen kann. Sie machen – aus ericksonianischer Sicht – so ziemlich alles verkehrt, was man verkehrt machen kann. Sie verzichten fast vollständig auf das Pacing der Muster und Befindlichkeiten ihrer „Opfer“. Sie leiern ihren immer gleichen Induktions-Sermon mechanisch und beziehungslos herunter. Sie reagieren fast nicht auf subtile Ausdruckssignale ihrer Versuchspersonen. Sie bauen äußere Störungen nicht ein usw. Dennoch haben sie scheinbar einen verblüffenden Erfolg.

Ich konnte mich zeitweise eines gewissen Neides nicht erwehren, weil es Showhypnotiseuren zu gelingen schien, ihre „Opfer“ dazu zu bringen, die verrücktesten Dinge mitzumachen, während ich in meiner therapeutischen Praxis selbst zum Wohle und im besten Interesse der Patienten keineswegs immer solche starken Einflüsse ausüben kann, auch dann nicht, wenn ich genau die selbe Techniken wie die Showhypnotiseure benutze. (Auf das Honorar der Showhypnotiseure - Knoke verlangt € 2000,- für eine zweistündige Show – bin ich nebenbei gesagt auch ein bißchen neidisch.)

Wer einmal einen Showhypnotiseur gesehen hat, weiß, daß ihre Wirksamkeit nicht auf persönliche Magie oder eine charismatische Ausstrahlung zurückzuführen ist. Showhypnotiseure wirken in der Regel halbseiden mit ihren Goldkettchen und halb aufgeknöpften Hemden, ihren nietenbesetzten Jacketts und den nie fehlenden ordinären Anspielungen. Knoke ist ein ziemlich einfach gestrickter Mensch, der die niederen Formen des Humors ganz gut zu bedienen weiß (z.B. Knoke nach der Demonstration einer kataleptischen Brücke mit einem jungen Mädchen zum Freund des Opfers: „Ich war heute schon auf deiner Freundin - wie findest du das?“ - Gelächter).

Lange vor Beginn meiner hypnotherapeutischen Ausbildung habe ich im Rahmen einer selbstorganisierten studentischen Experimentiergruppe all die bekannten showhypnotischen Effekte erzeugen können. Ich konnte Freunde und Kommolitonen an ihrem Stuhl festkleben oder sie ihren Namen vergessen lassen, und sie als alte Oma an einem imaginierten Stock im Zimmer herumgehen lassen. Was mir jedoch nach einiger Zeit die Freude an meiner vermeintlichen Allmacht etwas vergällte, war, daß ich nur relativ wenige Menschen in ausreichendem Umfang zu einer solchen Gehorsamsbereitschaft bringen konnte. Manchmal hatte ich außerdem den Eindruck, daß einige meiner Versuchspersonen nur „mitspielten“, um mir die Show nicht zu verderben und heimlich innerlich über mich grinsten.

Allerdings könnte man ja auch sagen: egal ob meine Versuchspersonen „wirklich“ hypnotisiert waren oder nicht - ich habe sie dazu gebracht, zu tun, was ich ihnen suggerierte. Wenn man auf die selbe Weise einem Patienten auf seinen eigenen Wunsch hin das Rauchen abgewöhnen könnte - wunderbar. Als ich dann aber einem dreizehnjährigen Jungen, den ich damals als Familienhelfer betreute, durch Hypnose das notorische Stehlen abgewöhnen wollte, funktionierte das seltsamerweise nicht, obwohl er im „showhypnotischen“ Sinne hervorragend hypnotisierbar war. Ich demonstrierte mit ihm beispielsweise einige Male die kataleptische Brücke mit einem seiner Freunde auf seinem Bauch. Er war bereit, Showeffekte mitzumachen, aber einen (von mir als sinnvoll erachteten) therapeutischen Effekt konnte ich bei ihm mit meiner damaligen Technik nicht erreichen.

Seitdem beschäftigte mich die Frage, ob Showhypnotiseure wirklich besonders begabte Hypnotiseure sind, oder ob die scheinbare Willenlosigkeit ihrer Opfer einfach ein Ergebnis der Showsituation ist.

Hier die Antwort(en):

Spieltrieb

Ein Faktor, der zum Funktionieren der Showhypnose beiträgt, ist sicherlich der Wunsch der Versuchsperson, „zu sehen, ob das mit der Hypnose funktioniert“. Um zu sehen, ob es funktioniert, muss man natürlcih zuerst einmal mitspielen. Wenn man gleich zu Beginn der Show „aussteigt“, dann ist die aktive Teilnahme an der Show vorbei, und man muß zurück ins Publikum (so wie ich). Das ist weniger spannend, als auf der Bühne mit dabeizusein. Man „spielt“ also erstmal „mit“, ähnlich wie Kinder bei einem Kindergeburtstag Sackhüpfen, Eierlaufen oder Topfschlagen mitspielen. Man macht mit, weil es Spaß macht, und weil man danach seinen Freunden etwas Interessantes zu erzählen hat. Durch das anfängliche, bereitwillige Mitspielen wird man langsam in eine Rollenidentifikation hineingezogen, die man dann nicht mehr ohne weiteres freiwillig kontrollieren oder verlassen kann (ich gehe gleich weiter darauf ein).

Vermeidung von Peinlichkeit

Man empfindet es als peinlich, manchmal sogar als persönliches Versagen, auf einer Bühne, im Scheinwerferlicht, plötzlich kundzutun, daß „es“ bei einem „nicht funktioniert“. Ich habe diese Peinlichkeit jedes Mal empfunden, wenn der Showhypnotiseur zu mir sagte, daß „es“ bei mir nicht klappte. Ich war enttäuscht und fühlte mich aus dem Spiel ausgeschlossen. Ich hatte das Gefühl, mir eine Blöße gegeben zu haben, als ob bei mir etwas nicht in Ordnung sei, oder als ob ich dem Showhypnotiseur die Show vermasseln wollte. Für Menschen, die noch nie auf einer Bühne gestanden haben, kann das „Aussteigen“ aus der Show mit wesentlich mehr Peinlichkeit belegt sein, als weiteres Mitspielen, wofür sie ja keine Verantwortung haben, weil sie ja „hypnotisiert“ sind. Das Aussteigen erfordert eine gewisse Courage. Man will nicht als „Spielverderber“ gelten und auf der Bühne aller Augen auf sich ziehen. Also spielt man weiter mit.

Das Fehlen eines klaren Ausstiegszeitpunktes

Sofern man als Versuchsperson des Showhypnotiseurs noch wach oder nur in einem leichten Trance-Zustand ist, könnte man eigentlich jederzeit aussteigen und „nicht mehr mitspielen“. Man weiß allerdings nie, wann man aussteigen soll. Die Hinführung zu den Showhypnose-Tricks geschieht in kleinen Schrittchen, sozusagen in einer Salami-Taktik. Zuerst steht man unbeweglich da und schaut auf ein helles Licht, während der Showhypnotiseur mit sicherer Stimme zu einem spricht. Nun gut, warum sollte man nicht eine Weile bewegungslos dastehen und zuhören. Das ist ja offenbar erst das „Vorspiel“ für die Hypnose. Das Schauen in das Licht ist aber für die Augen auf die Dauer ziemlich anstrengend. Warum sollte man also nicht die Augen schließen, wenn Knoke sagt: „Bitte schließe jetzt die Augen“? Er hat freundlich darum gebeten, und man ist ja schließlich ein höflicher Mensch. Dann sagt der Showhypnotiseur, daß man sich nach hinten fallen lassen solle, wenn er einen „an der Stirn berührt“. (Diese „Berührung“ ist dann eher ein kräftiger Schubs am Kopf nach hinten.) Warum sollte man sich nicht fallen lassen? Das lange, bewegungslose Stehen war sowieso unangenehm, und der Showhypnotiseur hat ja gesagt, er würde einen von hinten sicher auffangen, es könne nichts passieren.

Und wenn man dann auf dem Boden liegt - warum sollte man sich nicht von dem unentwegt weitersprechenden Showhypnotiseur den Kopf zur Seite drehen lassen. Und wenn er einem dann auf die Augenlider pustet, dann öffnet man die Augen praktisch reflektorisch. Das würde man sowieso tun, wenn einem jemand auf die geschlossenen Augen pustet. Auch in vollem Wachzustand ist man also auf einer Bühne bereit, Aufforderungen dieser Art zu folgen. Man erwartet ja, dadurch „hypnotisiert“ zu werden, und das möchte man ja gerade gerne mal erleben.

Auf diese Weise wird man Schritt für Schritt an ein gehorsamsbereites Verhalten herangeführt. Hierbei ist es zunächst egal ob man „wirklich“ hypnotisiert ist oder nicht. Durch die Salami-Taktik entsteht kein Gefühl für einen Punkt, an dem man aussteigen möchte. Da die Übungen am Anfang noch zur Einleitung der Hypnose zu gehören scheinen, wäre es unsinnig, gleich anfangs auszusteigen, denn da wäre man ja sowieso noch nicht „hypnotisiert“, und es wäre somit noch kein Kunststück, einfach aufzuhören. Wenn man aber schon einige der Spielchen mitgemacht hat, dann erscheint es einem innerlich irgendwie unpassend (letztlich: peinlich), gerade jetzt auszusteigen, und alle schauen einen überrascht an. Man hat ja alles Vorherige mitgespielt, warum sollte man gerade jetzt aufhören? Das „Jetzt“ unterscheidet sich nicht wesentlich vom „Gerade eben“. Also macht man „noch ein bißchen weiter“ mit. Es ist ja auch ganz interessant.

So wird man in kleinen Schrittchen von Trick zu Trick geführt, und ehe man sich versieht, steht man als Huhn auf der Bühne und gackert. Und dann - ruckzuck - ist die Show vorbei, und man hat mitgemacht - wie die anderen auch.

Eine ähnliche Salamitaktik wie die Showhypnotiseure wende ich als Therapeut (zum Wohle der Klienten) seit vielen Jahren zur Einleitung von Körperübungen an. Zuerst frage ich den Klienten, ob er bitte einmal aufstehen könnte. „Warum nicht“, denkt er, „warum sollte ich nicht mal kurz aufstehen?“ - also steht er auf. Dann bitte ich ihn, die Beine etwa schulterbreit auseinanderzustellen. Wieder denkt er: „Warum nicht?“, also tut er es. Dann bitte ich ihn, leicht die Knie zu beugen. Wieder spricht da eigentlich nichts dagegen. Und nach zwei Minuten ist er mitten in einer bioenergetischen Übung. Wenn ich ihm anfangs gesagt hätte, was auf ihn zukommt, wäre die Wahrscheinlichkeit einer Weigerung wesentlich höher gewesen (selbst dann, wenn er gerade wegen der Körperarbeit zu mir gekommen ist). Die Salamitaktik teilt die Aufgabe in kleine Häppchen auf. Gegen jedes einzelne Häppchen ist ein Wehren der Mühe nicht wert. Und ehe man sich versieht, hat man die ganze Salami verspeist.

Definition des Kontextes

Der meines Erachtens wichtigste Faktor für das scheinbar so mühelose Gelingen der Showhypnose besteht darin, daß der Bühnenhypnottiseur durch sein Auftreten, seine Worte und die ganze Inszenierung der Show die Rahmenbedingungen und die Bedeutung der Situation definiert. Wie so etwas funktioniert, wurde mir erstmals deutlich, als ich während eines Urlaubes an einer sogenannten „Höhlentour“ teilnahm. Im Laufe der Tour war ich bereit, mich durch einen Eingang, der so eng war, daß ich mich gerade noch eben hindurchzwängen konnte, in eine unterirdische Höhle hinabzulassen. Allein hätte ich mich das niemals getraut. Es war nicht nur das (möglicherweise trügerische) Gefühl von Sicherheit, das der Tourenleiter vermittelte, sondern vor allem der Rahmen der Situation, der mich dazu brachte, etwas zu tun, was ich normalerweise als „ziemlich gefährlich“ abgelehnt hätte. (An diesem Zugang wäre ich mit Sicherheit nicht mehr aus der Höhle herausgekommen.) Es macht aber keinen großen Sinn (und da ist auch wieder - das Gefühl von Peinlichkeit), an einer lange vorher organisierten Höhlentour teilzunehmen, dann aber als „Spielverderber“ nicht mit in die Höhle hineinzusteigen. Dann würde man ja das eigentlich interessante Erlebnis verpassen. Der Tourenleiter wird schon wissen, ob es sicher ist, also macht man mit.

Einem normalen Menschen würde es schwerfallen, mitten in einem schicken Restaurant aufzustehen und sich rythmisch zuckend zu bewegen. Wenn aber die Räumlichkeiten als „Discothek“ definiert sind, dann ist das gar kein Problem. Man befindet sich in einem Rahmen, in dem das zuckende Verhalten in Ordnung ist. Es ist nicht mehr peinlich, sondern entspricht den definierten und allgemein akzeptierten Bedingungen der Situation.

Ganz ähnlich ist es überhaupt kein Problem, in einer Sauna unter wildfremden Menschen nackt oder auf einer Faschingsparty albern verkleidet und geschminkt herumzulaufen, was man in einer anders definierten Situation wahrscheinlich niemals täte.

Als Leiter einer Therapiegruppe oder eines Selbsterfahrungsworkshops ist es keine Schwierigkeit, eine Gruppe von erwachsenen Menschen binnen weniger Minuten dazu zu bringen, auf allen Vieren als Tiere durch den Raum zu krabbeln oder als Vögel mit weit ausgebreiteten Schwingen durch den Raum zu schweben. Es genügt die Definition der Situation als „Gruppenübung“ und dann eine einfache Aufforderung - schon passiert es. Und genau dieser simple Mechanismus erleichtert den Showhypnotiseuren ihr Geschäft entscheidend. Die Situation ist als „Showhypnose“ definiert, und nun macht man jeden Blödsinn mit.

Rollen-Identifikationen

Wenn eine Bühneninszenierung als „Showhypnose“ definiert ist, dann begeben sich die Versuchspersonen in die Rolle des Hypnotisierten. Sie identifizieren sich dann mit der Rolle, die sie zunächst freiwillig eingenommen haben und sind dann nach einer Weile darin gefangen. Wenn ein zehnjähriger Schüler die Rolle des Schülerlotsen übernimmt, kann er schlecht, während seine Mitschüler gerade die Straße überqueren, die Kelle wegwerfen und sich an der nächsten Imbißbude eine Cola holen. Er „steckt“ in der Rolle des Schülerlotsen, und die Rolle bestimmt sein Verhalten, auch wenn er im Moment vielleicht lieber etwas anderes tun würde. Ebenso übernehmen die „Opfer“ eines Showhypnotiseurs, wenn sie sich erst einmal bereit erklärt haben, bei der Showhypnose mitzumachen, die Rolle des Hypnotisierten, wobei die Rolle dann ihr Verhalten auch gegen ihren momentanen Willen steuert.

Einen ähnlichen Effekt habe ich oft beobachtet, wenn die Leiter von therapeutischen Ausbildungsseminaren gleich welcher Schulrichtung ihre jeweiligen Methoden mit Teilnehmer/innen des Trainingsworkshops demonstrierten. Die Versuchspersonen waren stets überaus bereit, den Erfolg der Methode möglichst deutlich werden zu lassen, vor allem, wenn der Seminarleiter „einen Namen“ hatte. Auch hier handelt es sich um die Bereitschaft, „mitzumachen“, wobei durch die Übernahme einer Rolle (hier als Demonstrations-Objekt), durch die Vermeidung von Peinlichkeit und die aktive, willentliche Bereitschaft mitunter starke psychische Effekte entstehen, die dann von außen wie Resultate der besonderen persönlichen Kraft des Ausbilders aussehen.

Selbstinduktion

Die Teilnehmer einer Showhypnose-Veranstaltung durchlaufen in ihrer Phantasie schon in den Tagen vor der Show einen unbewussten „Selbstinduktionsprozess“. Sie sind aufgrund ihrer (in der Regel falschen oder übertriebenen) Vorinformationen innerlich mit der „Macht“ der Hypnose beschäftigt, also mit den verbreiteten Mythen, die leider noch immer mit der Hypnose verbunden sind. Sofern sie beabsichtigen, auf die Bühne des Showhypnotiseurs zu gehen, laufen in ihnen halb bewußt innere Filmschleifen ab, in denen sie sich hunderte von Malen selbst als hypnotisiert sehen. Manchmal sind sie dabei mit Abrenzungsversuchen beschäftigt, indem sie versuchen, sich selbst davon zu überzeugen, daß der Hypnotiseur sie nicht "kriegen" wird. Aber auch das kann bei empfänglichen Personen dennoch als Autosuggestion wirken. Bei dem Versuch, sich vorbereitend gegen Hypnose zu immunisieren, wird die „Macht“ des Showhypnotiseurs bereits vorausgesetzt (sonst müßte man sich ja nicht gegen ihn wehren). Durch diese Selbstinduktionsprozesse wird der Showhypnotiseur schon vor der Veranstaltung innerlich zu einer Machtfigur aufgebaut, was sich dann in der Show zu bestätigen scheint.

Tricks

Ein weiterer wichtiger Wirkfaktor besteht darin, daß der Showhypnotiseur Experimente mit den Teilnehmer/innen demonstriert, die für die Zuschauer wie „Wunder der Hypnose“ aussehen, während sie in Wirklichkeit ohne Weiteres auch im Wachzustand durchgeführt werden können. Wenn jemand über ein Nagelbrett oder über Glasscherben geht oder in der kataleptischen Brücke zwischen zwei Stühlen liegt, dann sieht das für einen naiven Beobachter so aus, als müsse er einfach hypnotisiert sein. In Wirklichkeit ist es aber völlig gleichgültig, ob er hypnotisiert ist oder nicht. Das „Experiment“ funktioniert auf jeden Fall, auch im Wachzustand.

Vor einigen Wochen lernte ich eine junge Frau kennen, die einige Wochen zuvor ebenfalls in Knokes Show gewesen war, und mit der er die „kataleptische Brücke“ demonstiert hatte. Sie sagte, sie sei keineswegs hypnotisiert gewesen. Sie hätte, wenn sie gewollt hätte, jederzeit „aussteigen“ können. Sie habe lediglich sehen wollen, „ob die Sache funktioniert“. Es sei überaus anstrengend gewesen, als Knoke sich auf ihren Bauch gestellt hatte, und sie habe am Tag darauf ordentlich Muskelkater gehabt.

Die Rückenmuskulatur selbst zart gebauter Personen ist, auch wenn man das zunächst nicht glauben mag, durchaus in der Lage, das Gewicht einer anderen Person für kurze Zeit zu tragen.

Wie Untersuchungen von Prof. Bongartz an der Universität Konstanz belegen, ist es nicht möglich, durch Hypnose unmittelbar die Muskelkraft zu steigern. Es ist nicht die Kraft, an der es dem Opfer im Wachzustand mangelt, sondern die Bereitschaft, sich einer solchen Belastung auszusetzen. Der Showhypnotiseur stärkt keineswegs hypnotisch die Muskulatur, er „macht“ den Körper nicht „steif wie ein Brett“, obwohl das in der Show so aussieht. Es genügt, wenn er die Versuchsperson einfach auffordert, sich steif zu machen, dann klappt das mit der kataleptischen Brücke. Der Showhypnotiseur bringt lediglich Menschen dazu, Dinge zu tun, die sie im Wachzustand zwar durchaus tun könnten, aber wahrscheinlich nicht tun würden.

Auch über ein Nagelbrett, wie es von Showhypnotiseuren häufig benutzt wird, kann man ohne weiteres gefahrlos im Wachzustand gehen. Die meisten Zuschauer wissen nicht, daß der Abstand der Nägel auf dem Nagelbrett so gering ist, daß man ohne jedes Problem barfuß darüber gehen kann. Das Gleiche gilt für das Feuerlaufen: Wenn man sich zügig bewegt, kann man auch ohne Trance über glühende Holzkohlen laufen, ohne sich zu verletzen. Das funktioniert genauso, wie wenn man mit einer gewissen Geschwindigkeit mit dem Finger durch eine Kerzenflamme fährt. Und man kann sich auch im Wachzustand ohne Verletzung barfuß auf ein Häuflein Glasserben stellen, wenn man sich dabei nicht schnell seitwärts bewegt. Ich habe das mit den Scherben einer zerschlagenen Mineralwasserflasche ausprobiert. Es ging ohne Probleme.

Wenn man aber im Wachzustand aufgefordert würde, über ein Nagelbrett zu gehen, würde man vermutlich zumindest zögern und das zuerst einmal vorsichtig mit den Fingern oder den Zehenspitzen probieren, ähnlich wie man einen kalten Swimmingpool zunächst einmal ausprobiert, bevor man hineinspringt. Da aber die Augen des „Hypnotisierten“ bei der Showhypnose geschlossen sind, und er vom Showhypnotiseur an den Händen über das Nagelbrett geführt wird, fällt dieses vorsichtige Kontollieren weg. Der „Hypnotisierte“ weiß nicht, wohin bzw. worüber er geht, was dann in der Show so wirkt, als sei das Opfer willenlos bereit, den „Befehlen“ des Showhypnotiseurs zu folgen, über ein scheinbar schreckliches Nagelbrett zu gehen, und sich – oh Wunder – nicht zu verletzen.

Konfusionierende Fragen

Showhypnotiseure erwecken oft durch geschickte, verwirrende Fragen den Eindruck eines hypnotischen Effektes, ohne daß dieser tatsächlich eingetreten sein muß. Nachdem Knoke beispielsweise ein junges Mädchen mit geschlossenen Augen an den Händen über das Nagelbrett geführt hatte, ließ er sie die Augen öffnen und auf das Nagelbrett zurückschauen und fragte sie: „Weißt du, wo du gerade drübergegangen bist?“ Die Versuchsperson war verwirrt. Sie hatte ja nur einen  leichten Druck unter ihren Fußsohlen gespürt, glaubte aber im Wachzustand, daß sie sich sicher verletzen würde, wenn sie über dieses Nagelbrett gehen würde (was nicht stimmt). Was sollte sie nun auf die Frage antworten? Sie konnte nicht glauben, daß sie gerade über ein Nagelbrett gegangen war. Die sichtbare Verwirrung des „Opfers“ auf Knokes Frage hin wirkt aber für die Zuschauer so, als könne sie sich nicht erinnern, über das Nagelbrett gegangen zu sein. Es wird also durch einen sprachlichen Kniff der Eindruck einer Amnesie erweckt, die die Versuchsperson sehr wahrscheinlich gar nicht hatte. Der Eindruck der Amnesie entsteht, egal ob sie wirklich eine Gedächtnislücke hat oder nicht.

Auch die nächste Standardfrage von Knoke: „Möchtest du da jetzt drüber gehen?“, wurde (und wird praktisch immer) mit einem verwirrten Kopfschütteln beantwortet. Die Versuchsperson glaubt ja nicht, daß sie das bei Bewußtsein kann, ohne sich zu verletzen. Daher verneint sie die Frage - was für den Zuschauer so aussieht, als könne sie im Wachzustand tatsächlich nicht über das Nagelbrett gehen (was nicht stimmt).

Knoke benutzt also den Glauben der Teilnehmer/innen an die „Wunder der Hypnose“ dazu, Verwirrungsreaktionen zu erzeugen, die dann für die Zuschauer so aussehen, als seien hypnotische Effekte eingetreten. Ob die Versuchsperson tatsächlich in Trance war oder ist, spielt hierfür gar keine Rolle.

Bühneneffekt

Für das scheinbar so mühelose Gelingen der showhypnotischen Effekte ist es von Bedeutung, daß sich die Szenerie auf einer Bühne vor Publikum abspielt. Die Versuchspersonen sind in der Regel Menschen, die noch nie auf einer Bühne gestanden haben. (Eine Ausnahme war ein relativ unbekannter Schauspieler aus der „Lindenstraße“, der mit auf Knoke’s Bühne stand, der aber Zeitungsberichten zufolge schon eine ganze Weile mit Knoke herumreiste.) Ich vermute, ihm ging es vor allem um Publicity, was ihn sichtlich zu besonders perfektem Mitspielen motivierte. Die meisten der Opfer aber haben Lampenfieber, sind unsicher und haben Angst, sich vor den Augen der Öffentlichkeit „daneben zu benehmen“. In einer Bühnensituation hält man sich schüchtern zurück und wartet auf Anweisungen der Person, die die Situation anscheinend „im Griff hat“. Diese Person ist der Showhypnotiseur. Man weiß nicht, wie man sich als „Hypnotisierter“ auf der Bühne zu verhalten hat. Das Einfachste ist, den Anweisungen des Showhypnotiseurs zu folgen. So rutscht man in die gewünschte Gehorsamsbereitschaft hinein.

Gehorsamsbereitschaft

Spätestens seit den spektakulären Gehorsams- bzw. Gefängnisexperimenten von Milgram und Zimbardo in den 1970er Jahren weiß man, daß man Menschen allein durch die Definition einer Situation als „Experiment“ dazu bringen kann, anderen Menschen scheinbar schweren psychischen oder körperlichen Schaden zuzufügen, ja sie sogar scheinbar zu „töten“. Dies erfordert nur, daß ein mäßig kompetent wirkender Versuchsleiter einfach die Anweisung dazu gibt.

Die Bereitschaft, das eigene Kritikbewußtsein auszuschalten und gehorsam zu sein, ist in unserer Psyche und unsere Sozialstruktur tief eingewurzelt. Die Bereitschaft, vor einem Menschen in einer „Leitungsposition“ innerlich gleichsam „die Hacken zusammenzuknallen“ und Anordnungen zu befolgen, darf nicht unterschätzt werden. Diese latente Unterwerfungsbereitschaft aktualisiert sich auch einem Showhypnotiseur gegenüber.

Das Paradoxon der Freiwilligkeit

Einen einfachen Trick benutzen alle Shwohypnotiseure. Sie sagen im Laufe ihres Induktions-Sermons in etwa: „Gegen deinen Willen kann ich dich nicht hypnotiseren. Es geht nur, wenn du es willst, wenn du mitmachst.“ Mit diesen Worten nehmen sie dem Widerstand des Opfers den Wind aus den Segeln und versetzen die zu hypnotisierende Person in einen verwirrenden Double-Bind. Das ähnelt der Erickson-Technik der Einbindung des Widerstandes, was bekanntlich ein hochwirksame Induktionstechnik ist.

Es ist eine paradoxe Situation, wenn man in eine Haltung willenloser Folgsamsbereitschaft hineingeführt werden soll, dies aber nur aufgrund von freiwilligem Mitmachen möglich sei. Wie soll das gehen, sich freiwillig willenlos zu machen? Man ist verwirrt und tut der Einfachheit halber, was einem gesagt wird. Man hätte zwar die Möglichkeit, einfach nicht mitzumachen, aber diesen Spaß hat einem der Showhypnotiseur ja schon verleidet: „Wenn du nicht willst, dann geht es eben nicht. Du musst schon wollen, damit es geht.“

Wenn man offenbar nicht zur Hypnose gezwungen werden kann, dann macht es keinen großen Sinn, sich gegen das Hypnotisiertwerden zu wehren. Wenn man sich ganz einfach auch weigern kann, ist es viel spannender, mitzumachen. Man verpaßt sonst nur den Spaß und sonst nichts. Und dann macht es natürlich auch keinen Sinn, sich gegen die Wirkung der (scheinbaren oder realen) Hypnose zu wehren, also gegen die Spielchen, die der Showhypnotiseur mit einem vorführt.

Soziale Isolation

In der Showhypnose spielt es eine große Rolle, daß die Teilnehmer/innen der Veranstaltung einander nicht kennen und auf der Bühne (z.B. durch die zu Beginn geschlossenen Augen) kommunikativ isoliert sind. Es fehlt ihnen die Möglichkeit, sich auszutauschen, und somit fehlt ihnen ein Feedback über das Verhalten der anderen. Wenn man mit geschlossenen Augen auf einer Bühne steht, weiß man nicht, wie sich die anderen verhalten und was in dieser Situation„normal“ ist. Es fehlt einem die „Gruppenrückversicherung“ und die „Normalitätsorientierung“.

Knoke hätte mit Sicherheit große Schwierigkeiten, die Schüler einer Schulklasse zu hypnotisieren. Sie kennen einander und wären auch während der „Induktion“ emotional miteinander in Kontakt. Bei einer Schulklasse hätte er es mit einem sozialen Netz zu tun. Hier wäre die Motivation, dem Showhypnotiseur „eins auszuwischen“ und ihn auszumanövrieren ziemlich hoch. Wenn sich aber einer dieser Schüler isoliert unter fremden Menschen auf der Bühne eines Showhypnotiseurs befindet, dann steht er allein einer „Autoritätsperson“ gegenüber und fühlt sich unsicher. Daher machen Jugendliche in einer Horde Gleichaltriger oft einen ziemlich markigen Eindruck, während sie sich als Hasenfüße erweisen, wenn man ihnen einzeln gegenübersteht. Nach dem alten Prinzip „teile und herrsche“ sind sie als Einzelne leichter beeiflußbar als in einer Gruppe mit ausgeformten kommunikativen Beziehungen und Bezügen.

Hysterie

Auch heute fallen junge Mädels noch manchmal in Ohnmacht oder reißen sich die Kleider vom Leib, um Musik- oder Filmidole (wie z.B. Tokyo Hotel) anzuhimmeln. In größerem und brutalerem Maßstab führte diese Dynamik im Berliner Sportpalast dazu, daß eine Menge eigentlich ganz normaler, für eine Polit-Show zusammengetrommelter Deutscher auf die Frage, ob sie „den totalen Krieg“ wollten, ein lautstarkes „Jaaaaaaaa!!!“ jubelten. Irgendwelche Gedanken daran, was das für die Welt, für sie selbst und ihre Familien bedeuten mußte, scheinen sie dabei nicht gehabt zu haben. Der Hysterie-Effekt, das Mitgerissensein, spielt auch bei der Showhypnose eine Rolle, insbesondere deswegen, weil unbedarfte Versuchspersonen die Hypnose ja noch immer als okkulte Macht mißverstehen.

Übertragung von Elternbildern

Die „Macht“ des Showhypnotiseurs ist psychodynamisch gespeist aus unbewußten Übertragungsprozessen. Die Übertragung kindlicher Gefühle auf eine andere Person tritt nicht nur im Verlauf einer Psychoanalyse dem Analytiker gegenüber auf, sondern in allen Beziehungen, insbesondere in nicht klar definierten Situationen. Wenn man sich unsicher ist, wenn man nicht weiß, was einen erwartet und was von einem erwartet wird, greift man auf alte Beziehungsmuster zurück, die ein Gefühl von Sicherheit und Orientierung geben. Das sind dann oft Elternbilder aus der Kindheit, und, wenn das Gegenüber mit einem Machtanspruch auftritt, Projektionen früher Bildern „allmächtiger Eltern“ („narzißtische Größenvorstellungen“). Der Showhypnotiseur hat Macht, weil die Versuchsperson sie auf ihn projiziert.

Hypnose

Als letzter Faktor sei derjenige genannt, der von den Showhypnotiseuren als der allein verantwortliche für ihre Spielchen ausgegeben wird, nämlich Hypnose zur Verminderung des Widerstandes gegen die „Befehle“ des Hypnotiseurs. Als ich bei Knoke auf der Bühne stand, gab es einen Moment, in dem ich mich wirklich hätte in Trance sinken lassen können, wenn ich gewollt hätte. Was mich vor allem daran hinderte, waren seine dirigistischen Formulierungen, die mit meinem subjektiven Erleben nicht übereinstimmten. Knoke sagte beispielsweise: „Deine Schultern sind schwer. Du schläfst.“ Dies traf aber nicht zu. Meine Schultern waren ziemlich angespannt, und ich war hellwach. An dieser Stelle riß der Rapport zwischen Knoke und mir („mangelndes Pacing“, würde ein Ericksonianer sagen). Alles weitere, was er sagte, erreichte mich nicht mehr auf der Trance-Ebene. Ich hörte es mir im Wachzustand an und hätte ihm folgen können oder auch nicht. Wenn ich die rapport-brechenden ungeschickt formulierten Suggestionen ignoriert hätte und den weiteren Suggestionen gefolgt wäre, dann wäre ich möglicherweise in einen veränderten Bewußtseinszustand gelangt.

Als Knoke am Ende der Show die Versuchspersonen auf die bekannte Ruck-Zuck-Weise innerhalb von drei Sekunden reorientierte, waren einige seiner Opfer deutlich desorientiert. Sie schienen wirklich in einem Trance-Zustand gewesen zu sein. Die meisten Versuchspersonen auf der Bühne hatten sich laut nachherigem Befragen subjektiv die ganze Zeit über völlig wach gefühlt. Durch das Zusammenwirken der oben genannten Faktoren waren sie aber dennoch bereit gewesen, den „Suggestionen“ des Showhypnotiseurs zu folgen.

Da man in vielen Untersuchungen mit tausenden von Versuchspersonen festgestellt hat, daß man mit direktiver Hypnose nur etwa zehn bis dreißig Prozent der Versuchspersonen in tiefere Trance-Zustände bringen kann, kann man davon ausgehen, daß auch bei einer Bühnenhypnose durchschnittlich etwa ein Fünftel der Opfer wirklich hypnotisiert ist. Einige der Opfer eines Showhypnotiseurs sind also tatsächlich in einem veränderten Bewußtseinszustand und andere nicht. Einige der Inszenierung sind so aufgebaut, daß sie funktionieren, egal ob man hypnotisiert ist oder nicht. Die anderen „Experimente“ macht der Showhypnotiseur nur mit den besonders empfänglichen Versuchspersonen.

Gefahren der Showhypnose

Obwohl die therapeutische Hypnose der Showhypnose wohl einen Teil ihres großen öffentlichen Interesses verdankt, sind die professionellen Hypnotherapeuten auf die Showhypnotiseure nicht gut zu sprechen. Sie werfen ihnen vor, das Ansehen einer hochwirksamen psychotherapeutischen Methode durch billige Showeffekte zu schädigen.

  • Showhypnotiseure unterliegen keinem therapeutischen Ehrenkodex. Es macht ihnen überhaupt nichts aus, ja sie legen es aus Effektgründen gerade darauf an, ihre Opfer suggestiv zu Handlungen zu bewegen, die diese nachher wahrscheinlich als peinlich oder beschämend empfinden.
  • Bühnenhypnotiseure wecken ihre Opfer in der Regel, um die Blitzartigkeit ihrer Macht zu demonstrieren, mit einem Fingerschnipsen auf und nehmen sich keine Zeit zu einer gründlichen Dehypnotisierung. Die von ihnen hypnotisierten Personen schleppen daher manchmal noch längere Zeit unkontrollierbare Tranceeffekte mit sich herum. Dies kann zu dauerhaften Entfremdungsgefühlen, Ängsten und körperlichen Symptomen führen.
  • Auch Menschen, denen während oder nach einer Bühnenhypnose nichts Schlimmes passiert, erleben es manchmal als beängstigend, daß sie in Hypnose keine Kontrolle mehr über sich hatten. Dies kann bei einer nachfolgenden psychotherapeutischen Behandlung zu einer Verstärkung des Widerstandes führen.
  • Außerdem wecken Showhypnotiseure in der Öffentlichkeit unrealistische Erwartungen an die therapeutische Hypnose. Die Klienten von Hypnotherapeuten erwarten dann, daß ihr Therapeut ihnen genauso blitzartig hilft, wie sie es bei Alfred Knoke im Fernsehen gesehen haben. Wenn der Hypnotherapeut versucht, ihnen zu erklären, daß das bei der therapeutischen Hypnose anders funktioniert und vor allem nicht ganz so schnell geht, glauben sie, der Hypnotherapeut wolle nur verschleiern, daß er nicht so gut hypnotisieren könne wie „Don Alfredo“. Solche Vorurteile sind oft selbst durch intensive Aufklärungsarbeit nicht zu bereinigen.
  • Bei der Demonstration der kataleptischen Brücke durch Showhypnotiseure werden gelegentlich empfindliche Wirbel und Bandscheiben so stark belastet, daß organische Schäden entstehen.
  • Das schwerwiegendste Probleme bei der Showhypnose ist es aber, daß Showhypnotiseure manchmal traumatisierte Emotionen in ihren Opfern mobiliseren und mit dem, was dann in ihren Versuchspersonen passiert, nicht umgehen können, bzw. gar nichts davon mitkriegen. Der Showhypnotiseur Pharo, dessen Demonstration zur Eröffnung eines Fitneß-Studios ich mir kürzlich ansah, suggerierte beispielsweise einem neunzehnjährigen Mädchen, daß ein anwesendes sechsjähriges Mädchen ihre Mutter sei. Das Problem war nur, daß die reale Mutter des „Opfers“ bei einem dramatischen Verkehrsunfall gestorben war, als die Versuchsperson noch ein Kind war. Das Mädchen hatte den Unfall damals nur knapp überlebt. Das wußte Pharo natürlich nicht. Die angst- und schreckgeweiteten Augen des hypnotisierten Mädchens - faszinierend für das Publikum - wurden als Beweis der absoluten Macht des Hypnotiseurs heftig applaudiert. Für das Opfer war es eine Retraumatisierung. Showhypnotiseure führen ihre Opfer gern in kindliche Erlebensweisen, insbesondere in Situationen von Verwirrung und Hilflosigkeit, weil das so witzig aussieht. Ihre Probanden reden oder schreiben wie kleine Kinder, saugen an einer Nuckelflasche, können nicht mehr bis zehn rechnen oder schreien wie Babys nach ihrer Mama. Wenn eine Versuchsperson wirklich in einem hypnotischen Zustand ist, dann fühlt sie sich real in ihre Kindheitserlebnisse zurückversetzt. Wenn sie dabei in Kontakt mit traumatischem Material kommt, ist sie den damit verbundenen, überwältigenden und unverarbeiteten Emotionen schutzlos ausgeliefert. Dies kann bei einer Showhypnose leicht passieren, weil die Erfahrung von Machtlosigkeit und Ausgeliefertsein, die Showhypnotiseure ja gerade demonstrieren wollen, Assoziationen zu vergleichbaren Situationen in der Kindheit wecken. Menschen, die in ihrer Kindheit Unterwerfung, Zwang, Gewalt, Mißhandlung, Mißbrauch oder Folter ausgesetzt waren, können durch Showhypnotiseure leicht in psychische Überflutungszustände geraten, denen sie ohne therapeutische Hilfe nicht mehr Herr werden können. Diese Reaktionen treten oft erst einige Zeit nach der Show auf, wenn der Showhypnotiseur längst in einer anderen Stadt auftritt. Es ist kein Zufall, daß gerade in Israel die Showhypnose gesetzlich verboten wurde. Auch in Schweden ist Showhypnose aus den oben genannten Gründen verboten.

Die beiden größten deutschen Hypnotherapeutengesellschaften M.E.G. und DGH forderten auf der 2.Europäischen Hypnose-Konferenz 1995 in München das Verbot der Bühnenhypnose und beschlossen, durch Showhypnose geschädigte Personen rechtlich zu unterstützen.

Hypnose ist kein Spielzeug für machtgeile Bühnenzauberer.
Sie gehört in die Hand gründlich und umfassend ausgebildeter Therapeuten.

 

 


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Werner Eberwein
Diplom-Psychologe
Psychotherapie

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Kurzdefinition "Hypnotherapie"

Hypnotherapie ist eine moderne Form der Psychotherapie, in der vielfältige Techniken des Dialogs mit dem Unbewussten ("Suggestion" bzw. "Autosuggestion") im Vordergrund stehen. Hypnotherapie basiert auf einer Kooperationsbeziehung zwischen dem Klienten und dem Therapeuten im Rahmen eines besonderen Vertrauensverhältnisses ("Rapport"), das es dem Klienten ermöglicht, veränderte Bewusstseinszustände ("Trance") zu erleben, in denen einschränkende Aspekte der Bewusstseinskontrolle reduziert sind, so dass latente Potentiale des Unbewussten ("Ressourcen") aktiviert und genutzt sowie abgespaltene Anteile integriert werden können.

 

Hypnose – Humbug oder effektives Therapieverfahren?

Hypnotherapie fasziniert, aber sie gibt auch zu skeptischen Fragen Anlass. Es ist durch hunderte von kontrollierten Studien nachgewiesen, dass sie eine therapeutisch wirkungsvolle Methode ist - ja Hypnotherapie ist sogar eines der am besten untersuchten Psychotherapieverfahren überhaupt. Dennoch bleibt der hypnotische Zustand ("Trance") ein Mysterium – das macht ihn so interessant.

Die meisten Menschen denken, wenn sie das Wort „Hypnose“ hören, zuerst an Showhypnotiseure, die ihre "Opfer" als Huhn über die Bühne hüpfen lassen, oder an Filme wie „Dr. Mabuse“, in denen harmlose Mitbürger durch Hypnose gezwungen werden, Verbrechen zu begehen. Viele gehen davon aus, dass ein Mensch unter Hypnose vollkommen „weg“ und der Macht des Hypnotiseurs absolut ausgeliefert sei und alle seine Befehle willenlos befolgen müsse. Mit der psychotherapeutischen Anwendung der Hypnose hat all das alles nichts zu tun.
 
Humanistische Hypnotherapie arbeitet auf Basis von Freiwilligkeit und Zusammenarbeit. Unterwerfung und einseitige Einflussnahme wird abgelehnt. Dass Menschen inneren Zwängen oder zwanghaften Vermeidungen unterliegen und nicht Herr bzw. Frau ihres eigenen Lebens sind, ist ja gerade der Grund, weswegen sie einen Psychotherapeuten aufsuchen. Einem Klienten ist  überhaupt nicht damit gedient, wenn ein neurotischer Zwang durch einen hypnotischen ersetzt wird. Zwar bewegt sich der menschliche Geist in Trance tatsächlich auf einem tieferen Niveau, so dass in gewisser Weise seine unbewussten „Programme“ verändert werden können. Da aber die Psychotherapie, so wie ich sie verstehe, die Befreiung des Menschen von psychischen Einschränkungen zum Ziel hat, nicht aber die Zurichtung der Seele auf die Anforderungen der Gesellschaft, muss Hypnotherapie dazu beitragen, den Patienten zu befähigen, selbstverantwortlich seine eigenen Wege zu finden, und ihm nicht einen Weg vorschreiben oder eine Orientierung überstülpen. Für mich ist Hypnotherapie ein emanzipatorischer Prozess der Selbstfindung und damit das genaue Gegenteil von "Hinbiegen" oder "Umprogrammieren". In Trance ist es wesentlich leichter als in Wachzustand, Kontakt mit der eigenen „inneren Stimme“, dem „Bauchdenken“, der Intuition aufzunehmen und sich von ihr leiten zu lassen.


Noch vor zwanzig Jahren haben die meisten Hypnotherapeuten ihre Patienten auf ziemlich einfache, autoritäre Weise in Trance versetzt, ihnen dann suggeriert, dass ihre Probleme verschwinden werden und sie wieder aufgeweckt – das war dann die Therapie. Diese veraltete Methode funktionierte nur in wenigen Fällen, und meistens nur für kurze Zeit. Die Hypnose galt daher in Psychotherapeuten- und Medizinerkreisen lange als obskure Außenseitermethode und wurde kaum beachtet während sie in Comic-Heften und auf Jahrmärkten stets sehr gegenwärtig blieb.


In den 1970er Jahren wurden die neuartigen hypnotischen Techniken des amerikanischen Psychotherapeuten Milton Erickson in Europa bekannt, der seine Patienten manchmal so raffiniert in Trance führte, dass der Patient oder ein Beobachter gar nicht merkten, dass bzw. wie Erickson die Trance eingeleitet und genutzt hatte. Erickson arbeitete viel mit „unsichtbaren“ (indirekten) Suggestionen, die der Patient in der Regel gar nicht als solche bemerkt, z.B. mit therapeutischen Doppelbindungen, gezielter Verwirrung, Metaphern und Geschichten. Mit den modernen, ericksonschen Techniken kann man praktisch jeden motivierten Patienten in eine Trance hineinführen, die für die meisten therapeutischen Zwecke ausreichend tief ist. Dadurch und durch eine Reihe weiterer Weiterentwicklungen kam die Hypnotherapie in den letzten Jahrzehnten zu einer ungeahnten Renaissance.


Ericksonsche Hypnose kann sehr gut auch mit anderen psychotherapeutischen oder medizinischen Verfahren kombiniert werden ("integrative Hypnotherapie"). Sie macht therapeutische Prozesse jedweder Richtung tiefer, sanfter und leichter kontrollierbar. Aber auch die Erickson-Hypnose ist kein Wundermittel. Auch hypnotische Therapieprozesse brauchen Zeit. Sie erfordern eine spezielle Form der Mitarbeit des Klienten und eine stabile therapeutische Vertrauensbeziehung, wenn sie effektiv und langfristig wirksam sein sollen.

Was ist Hypnose, was ist Trance?

Unter dem Begriff "Trance" werden veränderte Zustände des Erlebens und Verhaltens zusammengefasst, die weder mit dem alltäglichen Wachsein noch mit Schlaf identisch sind. In Trance ist die kontrollierende Aktivität des Bewusstseins vermindert, die selbständigen Funktionen des Unbewussten sind verstärkt, und das Unbewusste ist leichter kommunikativ erreichbar ("erhöhte Suggestibilität").


Trance kann verschiedene Tiefenstadien erreichen, vom leichten Tagtraum nahe dem Wachzustand bis hin zum hypnotischen Tiefschlaf, an den man hinterher keine Erinnerung mehr hat. Viele Untersuchungen beweisen, dass Menschen auch in hypnotischem Schlaf noch auf Suggestionen reagieren, selbst dann, wenn das Bewusstsein "verschwunden" ist und sie sich hinterher an nichts mehr erinnern ("hypnotische Amnesie").

Manche Menschen denken, Trance-Erlebnisse seien etwas Exotisches, das nur wenige Auserwählte nach jahrelangem Training oder intensiver, raffinierter Beeinflussung erleben könnten. Das ist aber nicht der Fall. Jeder Mensch erlebt häufig Zustände von "Alltagstrance", die manchmal nicht weniger tief sind, als die Trancen, die von den erfahrensten Hypnotiseuren bei ihren begabtesten Medien hervorgebracht werden. Jeder Mensch kennt sogar Tieftrance-Zustände mit spontanem Gedächtnisverlust, Schmerzfreiheit oder posthypnotischen Reaktionen:

  • Viele Autofahrer haben schon das Phänomen der "Autobahntrance" erlebt: sie sind länger auf der Autobahn gefahren, und nach einer Weile merkten sie, dass sie fünf oder zehn Minuten lang "unbewusst" fuhren, und sich an diese Zeit nicht mehr erinnern konnten. Offenbar waren sie reaktionsfähig: sie konnten lenken, überholen, beschleunigen, bremsen und Verkehrsregeln beachten, aber ihr Bewusstsein war "weg", und sie wussten hinterher nichts mehr. Sie würden das normalerweise nicht so nennen, aber faktisch waren sie in einer Tieftrance, in einem somnambulen Zustand, ähnlich dem Schlafwandeln. Die Monotonie der Straße, das Motorgeräusch und das regelmäßige Vibrieren des Autos haben dabei die Rolle der hypnotischen Induktion übernommen.
  • Ein persönliches Beispiel von mir: Vor einigen Jahren bin ich in den Bergen in Portugal eine Geröllhalde hinuntergeklettert. Ich rutschte mit den Füßen ab, dabei schrammte ein großer Lavabrocken von hinten über meinen Unterschenkel und hinterließ eine etwa zwei Handflächen große Hautabschürfung, die stark blutete. Ich merkte sofort, dass die Sache nicht gefährlich war und war eher verärgert als erschrocken. Ich ging zurück zum Auto, spülte die verletzte Fläche mit Mineralwasser ab und pinselte sie mit Jodtinktur ein - und spürte dabei zu meiner Überraschung nicht den geringsten Schmerz. Die Haut und das Unterhaut-Bindegewebe im Bereich der Wunde war ohne mein bewusstes Zutun für etwa drei Stunden vollkommen taub. Erst am Abend, wieder in der Pension angekommen, kehrte die Sensibilität zurück und die Wunde schmerzte heftig. Ich hatte eine spontane Anästhesie, obwohl ich definitiv nicht in einem psychischen Schockzustand war und mich subjektiv vollkommen wach fühlte.


Auch wenn wir gefesselt sind von einem spannenden Roman, einem Kinofilm oder einer ergreifenden Musik, und dabei die Außenwelt zeitweise fast vergessen, sind wir in Trance. Ebenso in dem von Phantasien durchzogenen Grenzzustand zwischen Wachen und Schlaf jeden Morgen und jeden Abend. Manche Menschen sind während oder nach einem Orgasmus eine Zeit lang wie entrückt in einer Traumwelt.


Jeder Mensch kennt also Trance-Effekte, auch wenn er sie nicht bewusst bemerkt und in der Regel nicht als Trance bezeichnet. Daher ist auch jeder Mensch hypnotisierbar, sofern man ihm nicht eine Methode überstülpt, die ihm nicht entspricht, sondern ihm erlaubt, seinen eigenen Weg in die Trance und wieder heraus zu finden. Ein Therapeut, der schematisch jeden Klienten auf die gleiche Weise hypnotisiert, wird in vielen Fällen keinen Erfolg haben. Um z.B. ängstliche oder überkontrollierte Menschen in Trance zu führen, muss man sich ihren Mustern anpassen, ihre Gewohnheiten und Charakterzüge nutzen. Dieser Gedanke ist eine der grundlegenden Neuerungen, die Milton Erickson in die moderne Hypnose eingeführt hat.

Wege in Trance

In Trance sind die Wahrnehmung der Außenwelt und das rationale Denken gedämpft, tiefere Ebenen des Gewahrseins und der psychosomatischen Verarbeitung sind geöffnet, und autonome, unbewusste Prozesse können angeregt und begleitet werden. Trance ist nicht einfach etwas zwischen Wachsein und Schlafen, sondern ein dritter, ganz eigener innerer Raum:

Trance ist weder Wachsein noch Schlaf.

Trance kann durch einen Therapeuten, Hypnotiseur, Heiler oder Schamanen eingeleitet ("induziert") werden. Sie kann aber auch vom Patienten selbst herbeigeführt und gesteuert werden ("Selbsthypnose", "Meditation", "Visualisierungsübungen"). Veränderte ("dissoziative") Bewusstseinszustände können durch Überflutungen aus dem Unbewussten ausgelöst werden, wie in einer Psychose oder durch massive Traumatisierungen (Folter, Misshandlung, Vergewaltigung). Bewusstseinsveränderungen können durch neurologische Manipulationen wie Lichtblitze, Hyperventilation oder Brain-Machines, durch Massage, heiße Bäder, Schwitzhütten oder durch psychotrope Substanzen wie LSD, Meskalin oder Ecstasy ausgelöst werden. Trance kann als positiv ("Eutrance") oder negativ ("Dystrance"), als therapeutisch ("Heilungstrance") oder pathologisch ("neurotische Trance") erlebt werden.

Trance ist also nicht ein einziger, bestimmter Bewusstseinszustand, sondern ein Oberbegriff für ein ganzes Bündel von Zuständen, zum Beispiel:

  • die Seligkeit eines Babys nach dem Stillen,
  • die Entspannung während einer Massage,
  • Dösen in der Badewanne oder am Strand,
  • Hypnose beim Psychotherapeuten,
  • luzides Träumen (wenn man im Traum weiß, dass man träumt),
  • langes Tanzen in der Disco oder auf der Love-Parade,
  • sexuelle Ekstase,
  • Schlafwandeln,
  • Drogenrausch,
  • Autismus,
  • depressive Selbstbetäubung,
  • dissoziatives Erstarren,
  • der Thrill beim Bungee-Jumping oder Fallschirmspringen,
  • das Flow-Erleben, wenn man begeistert an etwas arbeitet,
  • meditative Leere und Offenheit des Geistes,
  • Identifikationserlebnisse in therapeutischen Rollenspielen,
  • Hyperventilationserleben,
  • Zustände vor, während und nach epileptischen Anfällen oder Migräne-Attacken,
  • das "Dahinschmelzen" bei zärtlichen oder romantischen Begegnungen,
  • Faszination durch Musik,
  • ein Kind beim Fernsehen.

Hypnotische Trance-Zustände werden von einem Hypnotiseur eingeleitet, begleitet, geführt und beendet. Sie eröffnen spezifische Fähigkeiten, die dem Wachbewußtsein nicht zur Verfügung stehen. Menschen in hypnotischer Trance können z.B.:

  • zulassen, dass ihre Stimmung sich ändert,
  • mit erkrankten Organen kommunizieren,
  • Schmerzen ausschalten,
  • Blutungen stoppen,
  • die Heilung von Wunden beschleunigen,
  • Einzelheiten ihrer frühen Kindheit erinnern,
  • in traumartigen inneren Szenerien agieren,
  • ihren eigenen Namen vergessen,
  • abgewehrte Gefühle zulassen oder abspalten,
  • Suggestionen aufnehmen, die sie hinterher im Wachzustand ausführen,
  • Ekstase erleben,
  • ihre Körpergrenzen verändert wahrnehmen,
  • sich tief entspannen und erholen,
  • sich in Panik hineinsteigern,
  • Ängste mindern,
  • sich mit anderen Menschen, Tieren oder Gegenständen identifizieren,
  • bewegungsunfähig werden,
  • sich in ihre eigene Zukunft hinein orientieren,
  • sportliche Leistungen verbessern,
  • sich das Rauchen abgewöhnen.

Die Einleitung einer Trance

Einer direkten Aufforderung wie "Geh jetzt in Trance!" könnten wohl die wenigsten Menschen nachkommen, mögen sie noch so bereitwillig sein. In Trance zu gehen liegt normalerweise außerhalb der Möglichkeiten des bewussten Willens. Daher ist für die Einleitung einer Trance neben der Bereitschaft, sich darauf einzulassen eine spezielle Kommunikationsweise ("Suggestion") und ein spezielles Ritual ("Setting") erforderlich, das eine Veränderung des Bewusstseinszustandes ermöglicht und gezielt Kommunikation mit dem Unbewussten bewirken kann.

Um den Prozess der Trance-Einleitung zu verstehen, muss man sich klarmachen, dass praktisch jede Kommunikation neben dem offensichtlichen Mitteilungsaspekt einen Aufforderungsaspekt beinhaltet. Die Aufforderung kann explizit sein ("Gib mir doch bitte mal das Salz rüber!") oder implizit ("Du hast mich schon so lange nicht mehr zum Essen eingeladen."). Die Aufforderung kann sich an das Bewusstsein oder an das Unbewusste richten. Sie kann durch Worte (verbal) oder durch Körpersignale und die Stimmlage (nonverbal) übermittelt werden.

Eine Suggestion ist eine spezielle Form der kommunikativen Aufforderung, nämlich eine Aufforderung an das Unbewusste. Durch Suggestion wird Trance herbeigeführt, vertieft, genutzt und zurückgenommen.

Hypnotische Trancezustände können eingeleitet werden durch:

  • Worte ("Verbalsuggestionen"),
  • Visualisierung, Imagination,
  • Meditation, Stille,
  • lange Bewegungslosigkeit,
  • intensive Bewegung, Tanzen,
  • Rollenspiele,
  • Berührungen, Mesmersche Passes,
  • Vibrationen (z.B. bei längeren Auto-, Zug- oder Schiffsfahrten),
  • verstärktes Atmen ("Hyperventilation"),
  • Monotonie (z.B. "Autobahntrance", langweilige Seminare),
  • Klänge (z.B. Trance-Musik),
  • tiefen Augenkontakt.

Der Trancezustand zeichnet sich durch eine größere Empfänglichkeit für Suggestionen aus, und diese Empfänglichkeit kann wiederum suggestiv verstärkt werden. Es wird also durch Suggestion ein suggestibler Zustand erzeugt und vertieft ("hypnogener Zirkel").

In der Hypnotherapie wird Trance meistens dadurch eingeleitet, dass die Aufmerksamkeit des Klienten zunächst auf ein bestimmtes Erlebnis konzentriert ("fokussiert") und dann mehr und mehr darin "absorbiert" wird. Absorption bedeutet, dass der Inhalt, auf den sich der Patient fokussiert, seine Aufmerksamkeit mehr und mehr einnimmt. Was zur Absorption der Aufmerksamkeit verwandt wird, ist eigentlich vollkommen gleichgültig. Wichtig ist nur, dass es geeignet ist, die Aufmerksamkeit des Klienten zu fesseln. Es kann zum Beispiel ein glänzender Gegenstand sein, auf den der Klient schaut, eine Erinnerung oder ein inneres Bild, das er sich vorstellt, oder der aktuelle Fluss seiner Gedanken, Gefühle und Empfindungen. Wenn die Aufmerksamkeit absorbiert ist, dann umgehen die folgenden Suggestionen in gewissem Umfang die auf den Fokus geheftete Aufmerksamkeit des Klienten und können an den bewussten Filterfunktionen vorbei das Unbewusste erreichen.

Trance als Brücke zur Ganzheit

In Trance funktioniert der Geist anders als im das Wachbewußtsein ("Trance-Logik"). Er ist viel offenener für unlogische, symbolische oder assoziative Inhalte, Zusammenhänge oder Anregungen. Das Bewusstsein und das Selbstbild sind in Trance flexibel und formbar. In Trance kann nahezu jede phantasierte Szene mit allen emotionalen und körperlichen Auswirkungen als nahezu wirklich erlebt werden. In Trance kann man:

  • sich als in Teilpersönlichkeiten gespalten erleben,
  • man kann die Zeit langsamer oder schneller, vorwärts oder rückwärts laufen lassen,
  • man kann sehen, wie die Sonne gleichzeitig auf- und untergeht,
  • man kann sich subjektiv in vergangenen oder zukünftigen Leben wiederfinden,
  • sich identifizieren mit einem Walfisch, einem Strohhalm in einem Limonadeglas oder mit allen Opfern des Zweiten Weltkrieges,
  • man kann sich als Samenfaden im Moment der Befruchtung erleben,
  • als Krebszelle oder als Lichtstrahl zwischen den Galaxien.

Diese Erlebnisse werden in Trance oft als sehr real empfunden. Es sind hypnotisch induzierte Träume, die sich aus einem Gemisch aus Suggestionen, Erinnerungen, archetypischen Bildern, transzendentem Erleben, kulturellen Mythen, kreativer Konstruktion und Symbolik zusammensetzen. Es kann im Einzelfall schwierig oder unmöglich sein, zu unterscheiden, was dabei Realität bzw. Erinnerung ist, und was "bloß eingebildet". Trance hat seine eigene Wirklichkeit ("Trance-Realität").

Im normalen Wachbewußtsein neigen wir dazu, der Irrationalität des Unbewussten zu misstrauen oder wir machen ein System daraus, wodurch es kontrollierbar erscheint. Vor allem den energetisch hoch geladenen und den schmerzhaften Gefühle misstrauen wir, und wir vermeiden sie meistens, was es uns erleichtert, integrierte Persönlichkeiten zu bleiben, aber dadurch sind wir auch abgehoben vom dynamischen Unterbau unserer Psyche. Im Trance-Zustand verzichtet das Ich auf Teile seiner Kontrollmacht, so dass die unbewussten Anteile der Psyche und die energetischen und physiologischen Funktionen des Körpers direkter zugänglich und kommunikativ ansprechbar werden. Trance bringt das Bewusstsein, das Unbewusste und den Körper näher zusammen.

Hypnotische Trance kann begrenzt als psychotherapeutisches Instrument zur Problemlösung benutzt werden, aber in ihrem Wesen ist sie weit mehr. Trance ist eine Brücke zwischen dem kleinen Ich und der Ganzheit des Selbst. Wir sind normalerweise begrenzt auf unser kleines Ich, dem ein Großteil der Fähigkeiten der Seele und des Körpers nicht oder nur in Extremsituationen zur Verfügung steht. Trance öffnet den Zugang zu den verborgenen Kammern der Psyche und des Körpers, zu den inneren Räumen jenseits des Wachbewusstseins.

In Trance sinkt das Ich in die tieferen Schichten des Selbst. Ab einer bestimmten Tiefe verliert es dabei vorübergehend das Gewahrsein seiner Selbst. Wenn man davon ausgeht, dass psychisches Leiden durch Abspaltungen entsteht (das Ich spaltet sich vom Körper, Liebe und Hass spalten sich, Persönlichkeitsanteile spalten sich voneinander, Gefühle spalten sich von Erinnerungen ab), dann ist das Eintauchen des Ich in die Ganzheit der Psyche nicht nur ein Instrument der Heilung, sondern schon ein Stück der Heilung selbst. Der Mensch, der sich in Trance mehr in seiner Ganzheit erleben kann, ist schon auf dem Weg der Heilung, weil er mehr und mehr vereinigt ist mit allem, was er ist.

Die Tiefe der Trance

Der Übergang vom Wachbewußtsein in die Trance hinein und zurück geschieht nicht so, als ob jemand auf einmal das Licht aus- und wieder einschaltet, sondern in der Regel allmählich und oft unmerklich. Solche Zustandsveränderungen, die vom Patienten kaum bemerkt werden, und an die er sich hinterher nicht oder nur unvollständig erinnert, sind geradezu ein Kennzeichen von modernen (ericksonschen) Trance-Prozessen. Der Therapeut beginnt zu sprechen, und man ist schon in einer leichten Trance, und hat es gar nicht gemerkt. Dann wird die Trance tiefer, und man hat nicht gemerkt, wie sie tiefer geworden ist. Dann wacht man auf und hat gar nicht gemerkt, dass man vorher "eingeschlafen" (in Tieftrance) war. Trance-Prozesse bestehen ja gerade darin, dass man einiges nicht oder nicht vollständig mitbekommt. Trance ist ein Kontinuum, ein fließender Übergang zwischen dem kontrollierten Alltagsbewusstsein und den Abgründen und Schatzkammern des Unbewussten.

  • Der obere Pol dieses Kontinuums ist der alltägliche Wachzustand, in dem das Bewusstsein aktiv und willentlich kontrolliert und in zielgerichtete Aktivitäten eingebunden ist.
  • Zu Beginn der Trance-Induktion wird das Bewusstsein in der Regel suggestiv fokussiert (das heißt auf einen bestimmten Gegenstand der Wahrnehmung konzentriert). Zum Beispiel können die Augen auf einen Gegenstand gerichtet werden, oder die Aufmerksamkeit wird auf eine bestimmte Körperregion oder eine bestimmte Empfindung konzentriert. Durch suggestive Verstärkung dieser Fokussiertheit tritt ein Teil des Gewahrseins allmählich immer mehr in den Vordergrund, andere Teile rücken in den Hintergrund oder werden ausgeblendet. Es entsteht ein Zustand, der als "Faszination" bezeichnet wird: die Aufmerksamkeit ist weitgehend in einen bestimmten Gegenstand absorbiert, und der Patient ist dadurch bereits in einem leichten Trancezustand.
  • In mittlerer Trance nimmt der Klient seinen Bewusstseinszustand als diffus, verschwimmend oder entgleitend wahr. Zeitweise träumt er und ist mit Bildern und Phantasien beschäftigt. Mehr und mehr folgt der Patient den Suggestionen des Therapeuten mit seinem Erleben und seinen Handlungen. Das Bewusstsein kann in mehrere Anteile gespalten oder vom Körper gelöst ("dissoziiert") erlebt werden. Der Hypnotisierte wartet relativ passiv auf die Anleitungen des Hypnotiseurs. Die Präsenz des Hypnotiseurs als Person tritt allmählich in den Hintergrund und wird zeitweise nicht mehr bewusst wahrgenommen. Gleichzeitig übernehmen die Suggestionen stellvertretend die Kontrollfunktionen des Ich.
  • In Tieftrance wird das Bewusstsein als "leer", ohne Inhalt wahrgenommen, wie im traumlosen Tiefschlaf. Der Hypnotisierte erinnert sich nachher an Teile der Trance oder an den gesamten Trance-Zeitraum nicht mehr, obwohl er währenddessen auf die Suggestionen des Therapeuten reagiert hat (möglicherweise sogar im Raum herumgegangen ist oder Fragen beantwortet hat - letzterer Zustand wird als "Somnambulismus", d.h. als hypnotisches Schlafwandeln bezeichnet). Wenn der Patient in Tieftrance ruhig daliegt oder -sitzt, hinterher eine Amnesie für das Trancegeschehen hat und in Trance auf die Suggestionen des Hypnotiseurs reagiert hat, spricht man von „hypnotischem Schlaf“.

Heilen in Trance

Trance ist eines der ältesten Heilverfahren der Menschheit. In den Heilverfahren der Naturvölker werden auf unterschiedliche Weise veränderte Bewusstseinszustände benutzt. In den Heiltänzen des !Kung-Volkes der Kalahari-Wüste beispielsweise ist der Heiler durch ausgiebiges nächtliches Tanzen und Singen in Trance, während der "Patient" wach ist (und mitunter deftige obszöne Witze über den Heiler reißt, was den Heilvorgang aber in keiner Weise stört). In der westlichen psychotherapeutischen Hypnose dagegen ist der Patient in Trance, und der Therapeut ist wach und kontrolliert, was offenbar ebenso funktioniert.

Meines Erachtens geschehen psychische Heilungen immer in Trance. Alle Formen der Psychotherapie arbeiten bewusst oder unbewusst mit Trance-Effekten:

  • Die Psychoanalyse arbeitet mit der Technik der freien Assoziation, die den Patienten via Deutung in einen nicht-alltäglichen Bewusstseinszustand (genannt "Übertragung") hineinführt, in der Prozesse der Regression und des Wiedererlebens gefördert sind.
  • In der Gestalttherapie und im Psychodrama versetzen sich die Klienten in ihre Mutter oder ihren Vater hinein, und sie lassen psychische Anteile auf leeren Stühlen miteinander sprechen, was nur in einem nicht-alltäglichen Bewusstseinszustand ("Trance") möglich ist.
  • In der Körpertherapie bewegt sich der Körper des Klienten in Ausbrüchen oder Wellen von Energie, der Klient verprügelt ein Kissen anstelle seiner Eltern oder fühlt, redet und bewegt sich als Kind.
  • In der Verhaltenstherapie stellt man sich intensiv vor, man würde sich einer beängstigenden Situation aussetzen (zum Beispiel auf einen Turm steigen, wenn man Höhenangst hat), und entspannt sich dabei, um sich daran zu gewöhnen - man ist in Trance.

Wir alle sind fähig, in Zustände des Heilungsbewusstseins einzutreten, und wir haben es schon oft erlebt, meist ohne es zu bemerken.

Was ist das Unbewusste?

Der Begriff des "Unbewussten" ist zentral für das Verständnis hypnotherapeutischer Prozesse. In der Hypnotherapie wird das Unbewusste als Träger autonomer Fähigkeiten gesehen, über die der bewusste Wille nicht verfügt. Unter anderem könne es Neurosen hervorbringen und heilen, wozu weder der Therapeut noch das Bewusstsein des Klienten fähig ist. Was aber ist das Unbewusste?

  • In der Freudschen Psychoanalyse wird das Unbewusste als etwas vorwiegend Negatives gesehen, als der Sitz des Verdrängten und der kulturell inakzeptablen Anteile des Trieblebens.
  • C.G. Jungs Unbewusstes ist ein rätselhaftes Land kollektiver religiöser Bezüge.
  • Wilhelm Reichs Unbewusstes umfasst die Fähigkeit der energetischen Selbstregulation und ist das Reservoir der Lebensenergie. 
  • Milton Erickson, der Erneuerer der therapeutischen Hypnose, betonte die Selbstheilungskräfte des Unbewussten und betrachtete es vor allem als einen Speicher lebensgeschichtlicher Erfahrungen und Fähigkeiten ("Ressourcen"), die für die Therapie nutzbar gemacht werden können.

Erickson ging davon aus, dass er dem Klienten die therapeutischen Heilungsprozesse nicht von außen einzuflößen und überzustülpen brauchte, sondern dass es sehr viel effektiver war, sie aus dem Fähigkeits- und Erfahrungsspeicher des Klienten von innen her aufzubauen, sie also aus seinem Unbewussten „hervorzulocken“. Das verringert den Handlungsstress des Therapeuten. Er muss nicht als omnipotenter Wunderheiler auftreten, sondern kann den Klienten selbst (bzw. seinem Unbewussten) als kompetentesten Fachmann für seine Probleme behandeln, weil er alles, was er braucht, latent schon in sich trägt. Der Patient erlebt sich als kompetent, weil er selbst es ist, der Ressourcen aus seinem eigenen Unbewussten heraus schöpft, um aus seinem Leiden herauszuwachsen.

Ist jeder Mensch hypnotisierbar?

Vor einer Weile hatte ich Gelegenheit, zu experimentellen Zwecken einen Physikprofessor in Trance zu führen, der Grundlagenforschung im Bereich der kleinsten Materiestrukturen macht. Wegen seiner sehr rationalistisch geprägten Weltanschauung bot ich ihm Suggestionen im Rahmen eines naturwissenschaftlichen Modells an. Ich benutzte zur Induktion der Trance medizinische Begriffe wie „Muskelinnervationen“ und „synaptische Transmitter“, sowie physikalische Analogien wie "die innere Festplatte", wodurch er ziemlich leicht einen kataleptischen Starrezustand des ganzen Körpers erleben konnte. Meine Einladung, ein dissoziiertes Bild seiner selbst zu entwickeln, mit dem er in Trance sprechen konnte, schlug jedoch vollkommen fehl, weil seine Weltanschauung war, dass der selbe materielle Körper (er selbst) unmöglich an zwei Orten gleichzeitig existieren könne. Als ich ihm in der Trance Analogien aus der Quantenphysik („nichtlokale Wechselwirkungen von Elementarteilchen“) als Modell anbot, nahm er auch das nicht an, weil er auch in Trance davon überzeugt war, dass solche Phänomene lediglich auf der subatomaren Ebene gelten, nicht aber für makroskopische Körper wie ihn selbst. Bis zum Ende der Sitzung fiel mir keine Analogie ein, die mit der Weltanschauung dieses Wissenschaftlers übereingestimmt hätte. Es fiel ihm leicht, ein hypnotisches Phänomen zu entwickeln, wenn ich es so anbot, dass es in seine Weltanschauung hineinpasste (Katalepsie). Ein Trance-Phänomen, das seiner Philosophie zuwiderlief, konnte er dagegen nicht erleben.

Obwohl dieser Mann durch meine Suggestionen am ganzen Körper steif wie ein Brett war, so dass er durch ein leichtes Pusten gegen seine Stirn nach hinten umfiel, fragte er mich hinterher: "Und - war ich jetzt in Trance, oder was?" Für jeden Außenstehenden war es offensichtlich, dass er meinen Katalepsie-Suggestionen gefolgt war (was er im Wachzustand niemals getan hätte). Ihm selbst war es aber keineswegs deutlich, dass er in einem veränderten Bewusstseinszustand gewesen war.

Seine Frage: "War ich jetzt in Trance?" ist geradezu typisch für Trance-Prozess. Der Trancezustand ist für Ungeübte nicht leicht als solcher zu erfassen. Irgendetwas Seltsames scheint geschehen zu sein, aber man weiß nicht genau, was es war, ob das jetzt Hypnose war, oder ob man geschlafen oder einfach nur mitgespielt hat. Es erfordert eine gut entwickelte Selbstwahrnehmungsfähigkeit, um in Trance zu merken, dass man in Trance ist, und um etwas von den Trance-Prozesse bewusst mitzubekommen. Es ist ja auch paradox, bewusst mitzubekommen, dass man etwas nicht bewusst mitbekommt - das ist nicht leicht.

In den letzten Jahrzehnten wurde eine Vielzahl von Untersuchungen mit tausenden von Versuchspersonen durchgeführt, um einen systematischen Zusammenhang zwischen der Hypnotisierbarkeit einerseits und Persönlichkeitsmerkmalen wie Willensstärke, Intelligenz und anderen psychischen Eigenschaften zu entdecken. Trotz großen Aufwandes konnte in den Untersuchungen kein solcher Zusammenhang nachgewiesen werden. Das hartnäckig sich haltende Missverständnis, gute Hypnotisierbarkeit setze eine Schwäche des Ich voraus, kann als widerlegt gelten.

Ebenfalls widerlegt ist die landläufige Meinung, Frauen seien leichter hypnotisierbar als Männer - tatsächlich konnte in breit angelegten Untersuchungen kein Unterschied zwischen der Hypnotisierbarkeit von Frauen und Männern gefunden werden. Kinder scheinen etwas leichter hypnotisierbar zu sein als Erwachsene, was vermutlich mit ihrer besseren Vorstellungsfähigkeit zusammenhängt. Die Hypnotisierbarkeit, so weit sie mit standardisierten Tests gemessen werden kann, erreicht ihren Höhepunkt etwa im 10. Lebensjahr und sinkt mit zunehmendem Alter (vermutlich mit der allgemeinen geistigen Beweglichkeit) allmählich etwas ab.

Ist man sofort vollkommen weg?

Viele Menschen haben, beeinflusst durch Sensationsgeschichten und Showhypnotiseure, die Erwartung, dass sie nach einem Fingerschnipsen des Hypnotiseurs augenblicklich in tiefe Hypnose versinken würden. Dies trifft jedoch in aller Regel nicht zu. Bei gut suggestiblen Personen ist es zwar möglich, in Trance einen posthypnotischen Anker zu setzen, so dass sie bei der nächsten Trance-Induktion tatsächlich durch Auslösen des Ankers sehr schnell in Trance gehen können. Um dies zu bewirken, müssen sie jedoch vorher durch eine wesentliche längere hypnotische Induktion gegangen sein.

Auch Showhypnotiseure beginnen nicht mit dem Fingerschnipsen, sondern sie setzen es ein, nachdem sie ihre Versuchskaninchen durch ausführliche Suggestionsprozeduren darauf eingestellt haben. Bei den meisten Menschen ist die sogenannte "Schnell-" oder "Signalhypnose" nur durch längere Übung und aufgrund eines allmählich aufgebauten Vertrauensverhältnisses zum Hypnotiseur möglich. Sie kann trainiert werden, ist aber für die meisten hypnotherapeutischen Anwendungen nicht erforderlich.

Kann man alle Probleme einfach weghypnotisieren?

Der Hypnotherapie ergeht es nicht anders wie anderen Therapieschulen auch, die gerade einen gesellschaftlichen Aufwind erleben: sie wird in ihren Möglichkeiten überschätzt - und von manchen ihrer Protagonisten überwertig dargestellt. Viele Menschen verbinden mit Hypnotherapie unrealistische, überzogene Erwartungen, und die bedauerliche, grandiose Eigenwerbung einiger Hypnotherapeuten und Hypnose-Ausbilder trägt dazu ein Übriges bei. Die Vorstellung, durch Hypnose geheilt zu werden, ist verführerisch, weil man glaubt, man müsse zu seinem therapeutischen Fortschritt nichts beitragen, außer sich bequem hinzusetzen und die Augen zu schließen, den Rest mache dann der Therapeut. So einfach ist es aber nicht.

Zunächst einmal arbeiten nur die wenigsten Hypnotherapeuten ausschließlich mit Hypnose. Hypnose ist vor allem ein Bündel von Techniken, um vertiefte Bewusstseinszustände einzuleiten und zu nutzen. Was man mit der Trance anfängt und wie man darin psychotherapeutisch arbeitet, variiert sehr mit der Grundorientierung des Therapeuten.In der Praxis werden Hypnotherapien meistens mit anderen Verfahren kombiniert:

  • Viele Hypnotherapeuten arbeiten auf einem verhaltenstherapeutischen Hintergrund. Sie benutzen Hypnose z.B., um alltagspraktische Verhaltensänderungen zu fördern und gedankliche Einstellungen zu verändern.
  • Andere Hypnotherapeuten arbeiten eher psychodynamisch, erlebnis- oder körperorientiert und nutzen Trance als Zugang zum Unbewussten, das aufdeckend und integrierend bearbeitet wird.
  • Wieder andere Hypnotherapeuten arbeiten auf humanistischen, systemischen, NLP-orientierten oder spirituellen Hintergründen.


Nur wenige Hypnotherapeuten versuchen heute immer noch, tiefer liegende Probleme "wegzuhypnotisieren", einfach deshalb, weil das in den meisten Fällen nicht oder nicht dauerhaft funktioniert. Wenn man einem Klienten in Trance direkt suggeriert, dass sein Problem nach der Trance für immer verschwunden sei, dann gelingt das nur in einem kleinen Prozentsatz der Fälle und in der Regel nur vorübergehend. Patienten, die nur einen kleinen Schritt von der Lösung eines eng umgrenzten Problems entfernt sind, kann man manchmal durch eine direktive hypnotische Suggestion auf der Symptomebene helfen. Ich habe beispielsweise vor zwei Jahren eine entfernte Bekannte, die seit fünfzehn Jahren im Schnitt dreißig Zigaretten am Tag geraucht hat, in einer einzigen Sitzung unterstützen können, das Rauchen aufzugeben, und sie raucht bis heute nicht wieder. Sie war sehr motiviert, hatte vom Rauchen einfach genug und brauchte daher nur noch einen letzten kleinen Schubs, den ich ihr in Trance geben konnte.


Auch als Erste Hilfe in akuten Notfällen, bei starken Schmerzen, während einer Zahnbehandlung, vor Operationen oder Geburten kann direktive Hypnose gute Hilfe leisten. Bei den meisten Psychotherapieklienten sind jedoch die Index-Symptome nur die Spitze eines Eisberges, also äußere Anzeichen von tiefer liegenden psychischen Abspaltungsprozessen, die in einem längeren Therapieprozess verstanden und integrierend durchgearbeitet werden müssen, wenn die Veränderung tiefgreifend und dauerhaft sein soll.


Die Symptome sind in aller Regel nicht der Kern des Leidens, sondern ein Versuch, notdürftig mit strukturellen Instabilitäten im Unbewussten ("latente Fragmentierung") klarzukommen. Symptome einfach beseitigen zu wollen, wäre, als würde man einem Blinden seinen Stock wegnehmen. Solange die zugrunde liegenden Abwehrprozesse nicht integriert sind, kommen die eingekapselten Gefühle auf die eine oder andere Weise wieder zum Ausdruck.


Wenn man beispielsweise bei einem Menschen mit Migräne suggestiv einfach die Schmerzen lindert, so tauchen sie in aller Regel nach einer Weile wieder auf. Suggeriert man einem Raucher direkt, dass er keine Zigaretten mehr rauchen werde, dann hat das nur bei wenigen Menschen langfristig Erfolg. Schließlich hat das Rauchen scheinbar auch angenehme Seiten, auf die der Raucher nicht verzichten möchte. Wenn er nicht raucht, wird er vielleicht nervös, isst mehr Süßigkeiten oder weiß nicht mehr, wo er mit seinen Händen hin soll. Vielleicht ist er im Grunde seines Herzens ein "Säugling" geblieben, der nicht von Mamas Brust weggekommen ist. Oder er hat Angst, dick zu werden, wenn er mit dem Rauchen aufhört. Solche Aspekte müssen in der Hypnotherapie berücksichtigt werden, denn sie entscheiden über den langfristigen Erfolg oder Misserfolg der hypnotischen Therapie. Das aber geht bereits weit über einfache, direktive-antisymptomatische Suggestion hinaus.


Integrative Trancetherapie, die die latenten Potentiale des kreativen Unbewussten nutzt, wirkt nicht linear auf vorab programmierbare Weise, sondern "trance-logisch". Der Trance-Prozess und seine Effekte sind nicht präzise vorauszusagen und entwickelt sich oft überraschend. Eine Klientin von mir z.B. litt seit Jahren unter einem heftigen, chronischen Krampfgefühl in der Gegend zwischen Nabel und Brustbein, ohne dass bei diversen ärztlichen Untersuchungen (inklusive Gastroskopie und CT) eine organische Störung festzustellen gewesen wäre. Ich bot ihr an, es mit Hypnose zu versuchen und erzählte ihr in Trance eine verschachtelte Geschichte, die ihren Lebensverhältnissen angepasst war, und in die ich immer wieder die Idee einwob "loszulassen".

In der nächsten Sitzung war ihr Krampfzustand im Oberbauch verschwunden. Auf Befragen berichtete sie, dass sie die Nacht nach der Sitzung heftige Durchfälle gehabt habe. Obwohl ich diese Reaktion nicht direkt suggeriert hatte, macht sie im Nachhinein betrachtet durchaus Sinn. Während der Trance oder davor hätte ich diese Form des „Loslassens“ aber nicht voraussagen können. Ihr Unbewusstes hatte meine Suggestionen auf seine Weise interpretiert und in einen physiologischen Prozess umgesetzt. Es handelte sich um einen kreativen Akt, den ihr Unbewusstes vollbracht hat. Man könnte daran denken, ob ihr Unbewusstes ein eingeklemmtes Gefühl auf psychosomatischem Wege gleichsam "ausgeschieden" hat. Das Verschwinden des Symptoms brachte nur eine vorübergehende Erleichterung. Das Krampfgefühl kehrte nach einigen Wochen wieder zurück und konnte erst in einem längeren therapeutischen Prozess verarbeitet werden, in dem alte Beziehungstraumata und kindliche Angstgefühle durchlebt und integriert werden mussten.

Oft hat der Klient aus seinen Symptomen einen "sekundären Krankheitsgewinn":

  • vielleicht enthebt ihn seine Symptomatik von überfordernden Ansprüchen am Arbeitsplatz oder seitens seiner Familie;
  • vielleicht ist Kranksein die einzige Möglichkeit, die er kennt, um Schonung in Beziehungskonflikten, Abstand vom Partner oder Nähe zu ihm, Verständnis oder Zuwendung zu erhalten.

Die unbewusste Abhängigkeit von solchen Krankheitsgewinnen muss berücksichtigt und bearbeitet werden, denn sie kann ein vorübergehend verschwundenes Symptom nach einiger Zeit wieder erscheinen lassen.

Direktive hypnotische Symptombeseitigung per klassischer Hypnose ohne Bearbeitung der zugrunde liegenden Dynamik entspricht der Gabe eines säurehemmenden Medikamentes bei einer chronischen Gastritis. Es hilft - aber es hilft in der Regel nicht dauerhaft. Da nur die letzte Auswirkung einer Kaskade von Verursachungen beseitigt wird, muss die Behandlung ständig wiederholt werden, und sie verliert im Laufe der Zeit ihre Kraft. Das Medikament wird wirkungslos, die Suggestion hilft nicht mehr.


Hypnotherapeutische Therapie, die an die Ursachen einer Problematik gehen will, muss ihr Hauptaugenmerk auf Ursachen und Funktionen der Störung richten. Symptome werden dann als Wächter der Gesundheit verstanden. Chronische Depressionen beispielsweise gehen oft auf kindliche Erlebnisse von Verlassenheit oder Demütigung zurück. Der Energiemangel, den ein Depressiver erlebt, quält ihn, aber er schützt ihn auch vor einer darunter liegenden Verzweiflung oder vor massiver Autoaggressionen. Diese abgewehrten Gefühle sind in der Regel in unbewusste, alte Beziehungsknoten mit den Eltern eingebunden. Ein Hypnotiseur, der einem depressiven Klienten einfach eine bessere Stimmung suggeriert, scheitert langfristig in den meisten Fällen ebenso, wie ein Arzt, der ihm bloß Antidepressiva verschreibt. Die Störung ist nicht an der Wurzel geheilt, sondern nur vorübergehend umgebogen oder überdeckt.


Es gibt in jedem Patienten psychische Anteile, die sich einer Heilung widersetzen, selbst wenn er diese noch so sehr wünscht. Diese Anteile werden in den psychodynamischen Therapien als „Widerstand“ bezeichnet. Wenn es dem Hypnotiseur gelingt, den Widerstand nicht als Feind zu betrachten, den er überlisten oder ausschalten muss, sondern als wichtigsten Bundesgenossen im Therapieprozess, dann können langfristige Behandlungserfolge erzielt werden. Und in diesem Prozess kann sehr fruchtbar mit Trance-Techniken gearbeitet werden ("Hypnoanalyse").


Um psychisches Leid nachhaltig aufzuarbeiten, führt meines Erachtens kein Weg an der Durcharbeitung der zugrunde liegenden emotionalen und energetischen Dynamiken vorbei. Diese sind dem Klienten zu Beginn der Behandlung nicht bewusst. Oft erkennen Klienten erst nach Jahren der Therapie, was eigentlich ihr Grundproblem ist, von dem viele ihrer Symptome abgeleitet sind. Hypnose kann benutzt werden, um Zugang zu der Grundstörung zu erlangen und diese durchzuarbeiten ("hypnotische Altersregression").


Trance, Hypnose und Suggestion kann den Therapieprozess in gleich welcher Therapieform beschleunigen und erleichtern ("integrative Hypnose"). Die Behandlung ist aber auch mit Hypnose immer noch mühsam genug, weil der Klient lernen muss, jahrzehntelang abgespaltene Gefühle und Persönlichkeitsanteile zuzulassen und wieder als zu seiner Identität gehörig zu erleben, statt sie auf andere Menschen zu projizieren oder in körperliche Symptome zu verwandeln. Persönlichkeitsverändernde Therapie braucht Zeit und erfordern viel Engagement seitens des Therapeuten und des Patienten, auch wenn hypnotisch gearbeitet wird. Dieser Weg ist mühsamer und langwieriger, als viele sich das von einer Hypnotherapie erhoffen, aber dafür kann er tiefgehende und langfristig anhaltende Integrationen der Persönlichkeitsstruktur erreichen.

Wird dem Hypnotisierten der freie Wille genommen?

Viele Menschen befürchten, durch Hypnose ihrer Willensfreiheit beraubt zu werden und der Macht des Hypnotiseurs ausgeliefert zu sein. Die Ängste beziehen sich unter anderem darauf, ob man mit Hypnose dazu gebracht werden kann, Geheimnisse oder persönliche Intimitäten auszuplaudern, die man im Wachzustand für sich behalten würde. Es gibt auch die Angst, man könnte zu albernen oder sexuellen Handlungen verleitet oder gezwungen werden. Viele Menschen haben Angst, von Hypnose oder dem Hypnotiseur abhängig oder nach dem Trancezustand süchtig zu werden.

Es hat sich in der Hypnotherapieszene in den letzten Jahren leider eingebürgert, solche Ängste mit beruhigenden Standardfloskeln abzutun, wie z.B.: "So etwas ist in meiner Praxis noch nie passiert." So einfach ist es aber leider nicht.

Zunächst einmal ist unser Wille keine monolithische Einheit, sondern ein Komplex aus verschiedenen Anteilen. Wenn man zum Beispiel einen Raucher fragt, ob er mit dem Rauchen aufhören will, so erhält man darauf meistens keine eindeutige Antwort. Natürlich ist sich jeder Raucher bewusst, dass Rauchen schwer gesundheitsschädlich ist. Es gibt in fast jedem Raucher einen Teil, der mit dem Rauchen aufhören möchte, und einen anderen Teil, der weiter rauchen will - das ist ein Kennzeichen jeder Sucht. Wenn es um einen Berufswechsel oder einen Umzug in eine andere Stadt geht, können manchmal nicht nur zwei, sondern ein ganzes Sammelsurium von einander widersprechenden Anteilen eine Rolle spielen. Daher ist die Frage, ob man in Hypnose zu etwas gebracht werden kann, das man nicht tun will, nicht leicht zu beantworten.

Jemand, der einen Hypnotherapeuten aufsucht oder sich für eine Showhypnose zur Verfügung stellt, hat wahrscheinlich einen Anteil in sich, der bereit ist, den Suggestionen des Hypnotiseurs zu folgen. In aller Regel gibt es aber auch noch andere Teile, die die Kontrolle behalten wollen, die den Hypnotiseur bloßstellen möchten, oder die Angst vor Beeinflussung und Abhängigkeit haben. Es gibt kindliche Anteile, die im Hypnotiseur die unbeschränkte oder unterdrückerische Autorität eines Elternteiles sehen. Es gibt nach okkulten Sensationen suchende Anteile, die ihre Faszination vom Grenzerlebnis Hypnose befriedigt sehen wollen. Es gibt konkurrenzhafte Teile, die den Hypnotiseur herausfordern oder entmachten wollen. Bei einer therapeutischen Hypnose gibt es den Teil, der geheilt werden will und einen anderen Teil, der sich gegen die Heilung sträubt. Manche dieser Anteile sind mit den Suggestionen des Therapeuten einverstanden, andere nicht.

Wenn der Hypnotisierte daher nach der Hypnose sagt: "Es ging aber nur, weil ich es wollte und mitgemacht habe", dann hat er damit recht, aber auch nicht. Mit Hypnose können Dinge erreicht werden, die weit jenseits der Reichweite des bewussten Willens liegen. Wer außer einem Fakir wäre wohl in der Lage, sich einen Weisheitszahn ohne chemische Betäubung schmerzfrei ziehen zu lassen, oder sich ohne chemische Anästhesie die Gallenblase entfernen zu lassen? Mit Hypnose kann nachweislich die Anzahl der Leukozyten im Blut, die Durchblutung einzelner Gewebepartien, die Hirnstromkurven, die Herzfrequenz und der Blutdruck beeinflusst werden. Das alles ist durch bewussten Willen nicht zu erreichen.

Wenn der Hypnotiseur dem Hypnotisierten hilft, Fähigkeiten zu realisieren, zu denen dieser willentlich keinen Zugang hat, dann ist dies nur dadurch möglich, dass sich der Hypnotisierte in einen veränderten Bewusstseinszustand begibt, der dann in großem Umfang vom Hypnotiseur gelenkt wird. Der Hypnotisierte gibt dem Hypnotiseur also eine gewisse Macht über sich.

Hypnosuggestive Beeinflussung in diversen Formen wird von geistigen, religiösen und politischen Machtorganen seit Menschengedenken dazu benutzt, um Menschen zu manipulieren. Die Macht der unterschwelligen Beeinflussung (und die formale Hypnose ist nur eine besonders prägnante Form davon) ist durch eine Vielzahl von Experimenten und Untersuchungen bewiesen worden. Aus diesem Grund ist es erforderlich, dass jeder Therapeut, der mit Hypnose arbeitet, sich einen wohlbegründeten Ehrenkodex zu eigen macht, der verhindert, dass er seinen Patienten Schaden zufügt. (Ein solcher Ehrenkodex ist Teil der Berufsordnung der Heilberufe.)

Hypnotiseure, insbesondere solche, die mit großem Popanz auftreten, ziehen oft starke Idealisierungen auf sich ("narzisstische Übertragungen"). Viele sogenannte "erleuchtete Meister", "Gurus", Sektenfürsten, "politische Führer", "Wunderheiler", "Startherapeuten" oder "Wahrsager" arbeiten (teilweise ohne ihr eigenes Wissen) mit hypnosuggestiven Methoden. Ihr ganzes Outfit und die soziale Einbettung ihrer Auftritte unterstützt idealisierende Projektionen und Übertragungen, die im Effekt manchmal wunderbare Heilungen und ekstatische Ausbrüchen ermöglichen, was die Grandiosität der Kultfigur zu bestätigen scheint. Seriöse Hypnotherapeuten lehnen solcherart Getue ab.

Im Rahmen einer Psychotherapie wirken unaufgelöste narzisstische Idealisierungen, sowie alle Suggestionen, die dem bewussten Willen des Klienten widersprechen, langfristig dem Heilungsinteresse entgegen. Jede Ausübung von Macht, sei es durch Zwang oder durch Manipulation, verletzt die Würde des Klienten und führt zu bewusstem oder unbewusstem Widerstand. Wer einer Macht ausgesetzt ist, mag sich ihr kurzfristig unterwerfen oder gar ein Teil von ihr werden wollen, aber letztlich sträubt er sich dagegen und sinnt insgeheim auf Befreiung und Vergeltung.

Ein hypnotischer Einfluss eines Therapeuten, der dem Denken und Wollen des Patienten widerspricht, führt zu einem Machtkampf, den der Therapeut langfristig nur verlieren kann. Auch wenn die ausgeübte Macht über den Patienten noch so gut gemeint ist, wehrt sich der Patient dagegen, in der Regel durch die hartnäckige Aufrechterhaltung oder baldige Wiederkehr des Symptoms. Hypnotische Suggestion, die ein Erleben oder Verhalten direktiv befiehlt oder untersagt, wirkt manchmal spektakulär, aber nie dauerhaft. Die Seele bewegt sich in der Tiefe nur aus Überzeugung und aus ihrem eigenen Antrieb heraus, oder sie bewegt sich nicht.

Nach dem humanistischen Verständnis der Hypnotherapie kann sich der Hypnotisierte nur dann einer Trance-Heilung wirklich hingeben, wenn seine Eigenmotivation respektiert und seine Kreativität gefördert wird, und wenn er nicht in eine Richtung gedrängt wird, die ihm fremd ist, oder die ihm widerstrebt. Für wachstumsfördernde therapeutische Trance ist jede Ausübung von Macht und jede Einschränkung der Willensfreiheit des Klienten nur hinderlich.

 


Anschrift des Autors

Werner Eberwein
Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut
Leiter des Fort- und Weiterbildungszentrums Berlin
der Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie (DGH)
und des Instituts für Humanistische Psychotherapie Berlin (IHP)

nur Postanschrift:
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Praxis/Seminarort:
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Die Befreiung der Gefühle

Verkörperung und Entkörperung

Emotionale Probleme können sich verkörpern oder sie können den Patienten entkörpern. Die Verkörperung von Problemen bringt Symptome wie Kopfschmerzen, Asthma, Magengeschwüre oder Allergien hervor. Auch die Anfälligkeit für Infektionskrankheiten ist abhängig vom Zustand des Immunsystems, dessen Funktionstüchtigkeit sich je nach dem psychischen Befinden verbessert oder verschlechtert. Wenn emotionale Schwierigkeiten den Patienten entkörpern, dann spürt er sich nicht mehr.

Sorgen machen krank!

Seelische Zufriedenheit ist eine wesentliche Voraussetzung für körperliche Gesundheit. Psychischer Stress destabilisiert die Selbstheilungskräfte des Organismus. Vor allem abgewehrter, also unbewusster Stress greift die körperliche Selbstregulationsfähigkeit an.

In Liebesbeziehungen und im Verhältnis zur Familie und zur Arbeit zeigt es sich besonders deutlich, wenn den natürliche, lebendige Bedürfnisse des Körpers und der Seele abgespalten werden.

Wenn ein Mensch emotionale Konflikte oder Mangelzustände erlebt, die unerträglich und überwältigend sind, dann können diese aus dem Bewusstsein verdrängt und in den Körper hinein geschoben werden. Dieser Prozess wird „Konversion“ oder „Somatisierung“ genannt. Er kann schon in der Kindheit vorgeprägt worden sein, als die Fähigkeit, psychisches oder körperliches Leiden zu ertragen und zu verarbeiten, noch wenig entwickelt war.

Wenn einem Kind überwältigender emotionaler oder körperlicher Schmerz zugefügt wird, oder wenn ein natürliches Bedürfnis über lange Zeit massiv frustriert wird, dann werden die Bewältigungsmechanismen der betreffenden Person überlastet. Körperliche Abwehrprozesse treten als Notfallmaßnahme in Aktion. Die Energie des Leidens wird dann im Körper gefangen und eingelagert, zum Beispiel in Form von chronischen Muskelspannungen oder funktionellen Organstörungen. Es entstehen psycho-organische Symptome als körperlicher Ausdruck emotionaler Störungen. Die Person ist zwar vor der akuten Überflutung durch unbewältigbare Gefühlskonflikte geschützt, aber um den Preis körperlichen Leidens.

In den körperlichen Beschwerden kommen die alten, abgewehrten Gefühle aus der Kindheit zum Ausdruck, ohne dass sie bewusst werden. Es handelt sich meistens um Komplexe aus bedrohlichen Gefühlen wie Schmerz, Trauer, Angst, Schreck, Scham, Ekel oder Wut, die miteinander im Widerstreit stehen. Darunter sitzen oft noch tiefere Schichten aus Entsetzen, Panik oder Verzweiflung aus der frühesten Babyzeit („Fragmentierungsgefühle“).

Körperorientierte Psychotherapie arbeitet mit körperlichen Empfindungen und direkt am Körper und kann so den Prozess der Verkörperung allmählich rückgängig machen. Sie kann Somatisierungen in Gefühle zurückverwandeln, damit sie erlebt, eingeordnet, verstanden und verarbeitet werden können.
Gleichzeitig mit der Verkörperung zu Abwehrzwecken findet bei der Entstehung seelisch-körperlichen Leidens oft ein Prozess statt, den man als Entkörperung bezeichnen könnte: die Entfremdung vom Körper, der Kampf gegen die Körperlichkeit.

Der Körper ist unsere innere Natur, wie ein Stück Erde, das wir ständig mit uns herumtragen. Er wird oft ebenso missachtet wie die äußere Natur der Seen und Wälder, der Luft und der Meere. Viele denken, klares Wasser komme endlos aus dem Wasserhahn, ohne dass man dafür etwas tun müsste. Ebenso leben viele so, als könne man nur von Kaffee und Zigaretten und mit fünf Stunden Schlaf pro Nacht leben.

Die steigenden Zahlen von magersüchtigen Männern belegen, dass das Ideal des knackigen, ewig jugendlichen Körpers nun auch die Männer zu tyrannisieren beginnt. Auch sie müssen jetzt - wie schon seit ehedem die Frauen - mit den Idealgestalten konkurrieren, die sich auf Plakaten und in Fernsehspots herumräkeln. Nie zuvor wurde ein veräußerlichter Körperkult so unerbittlich vermarktet wie heute. Wozu also sich auch noch in der Psychotherapie mit dem Körper beschäftigen?

Weil der Körper uns manchmal dazu zwingt! Wenn der Darm blutet oder der Penis sich nicht mehr heben will, wenn man sich ständig erschöpft und zerschlagen fühlt, wenn man nachts nicht schlafen kann, weil das Herz angstvoll bummert, wenn man fetter und fetter wird, wenn man sich kaum noch rühren kann vor Rückenschmerzen oder wenn die Haut übersät ist mit juckenden Quaddeln, dann muss man schließlich erkennen, dass etwas schief läuft im Leben.

Die Arroganz des Willens gegen die Natur scheitert offensichtlich, wenn das innere Milieu umkippt wie ein verschmutztes Gewässer, wenn der Körper sich weigert, weiter zu funktionieren. Dann gehtÙs meistens erst mal zum Arzt in der Hoffnung auf schnelle Reparatur, ohne dass man in der Tiefe etwas emotional durcharbeiten und in der Alltagsgestaltung einiges ganz praktisch verändern müsste. Wenn der Körper aber weiter oder immer wieder streikt, wird die tiefere Auseinandersetzung mit sich selbst schließlich unumgänglich, will man nicht lebenslang am Tropf chemischer oder psychischer Gegenstimulationen hängen und an einem zweiten Tropf gegen die Nebenwirkungen des ersten.

Der Körper ist der Ort der Gefühle

Der Körper ist nicht nur ein Ort der Somatisierung, also Verdrängung, er ist unser materielles Sein schlechthin und die Quelle all unserer natürlichen Antriebe und Bedürfnisse. Er ist der Ursprung unserer Lust, Kraft und Lebensfreude. Bevor wir handeln, fühlen oder denken, sind wir Körper. Der gefühlte Kontakt zum Körper gibt dem Geist Erdung. Die Verankerung des Geistes im Körper macht real. Sich als und im Körper zu spüren, kann übersteigerte Kopf- und Phantasieprodukte zu ihrer erlebbaren Basis zurückführen. Was immer wir konstruieren, projizieren, halluzinieren oder phantasieren - im Körper und als Körper ist stets unser reales Dasein fühlbar.
Wenn Körperpsychotherapeuten ihre Klienten daher immer wieder fragen:
  • "Wie geht es dir gerade?"
  • "Was fühlst du?"
  • "Wie fühlt sich das an?"
  • "Wo spürst du das?"
  • "Wie nimmst du deinen Körper wahr?"
... dann wollen sie den Klienten aus dem Kopf heraus auf den Boden des direkten Erlebens führen.

Auf einer kopfigen, abgehobenen Ebene kann alles Beliebige gesagt, gedacht oder getan werden, ohne dass das im Inneren etwas berührt oder im Leben etwas bewegt. Man kann sich am Stammtisch über Krieg, „die Umwelt“, „Globalisierung“, Kindesmisshandlung oder Krebs auslassen, ohne davon berührt zu werden und ohne dass das irgendwelche Folgen hat. Diese abgehobene Art zu sprechen wurde von Fritz Perls, dem Begründer der Gestalttherapie, gern als „Bullshit“ bezeichnet, zu deutsch etwa: „bedeutungsloses Labern“.

Ein Körpertherapeut arbeitet daher nicht nur mit den Inhalten dessen, was der Klient ihm berichtet, sondern vor allem mit der Art, wie ein Klient sich ausdrückt, mit den Gefühlen, die der Klient spürt und insbesondere mit den Gefühlen, die der Klient nicht spüren will.

Was sind Gefühle?

Gefühle sind erlebte Energiezustände des Körpers. So wird zum Beispiel Trauer als Schmerz im Bauch, als Kloß im Hals oder als Spannung hinter den Augen wahrgenommen. Angst wird als Zittern im Zwerchfell oder als Pudding in den Knien erlebt. Lust als Prickeln, Ziehen oder Strömen in den Genitalien und/oder im Herzen oder als Rieseln unter der Haut. Heiterkeit als Hüpfen in der Brust oder als Kribbeln in der Kopfhaut. Gefühle sind nicht irgendwo, sie sind im Körper. Sie werden nicht bloß gedacht, sie schweben nicht im leeren Raum. Es sind bewegte vegetative Ladungen in der Leib-Seele-Einheit.

Wenn eine Klientin bloß beiläufig oder wie belanglos über ein Thema spricht, bei dem man eigentlich eine starke gefühlsmäßige Beteiligung erwarten würde (etwa über den Tod ihres Vaters oder über eine kürzlich erfolgte Abtreibung), dann lenkt der körperorientierte Therapeut ihre Aufmerksamkeit auf ihre Gefühle und bringt sie mit ihren Körperempfindungen in Kontakt. Ungefühltes Berichten oder Erinnern ist therapeutisch wirkungslos. Was krank macht, ist nicht ein Mangel an intellektuellem Begreifen, sondern die Angst vor dem Spüren. Wir tun alles, um bestimmte Empfindungen nicht zu fühlen, vor allem solche, die wir in einer auswegslosen Situation in der Kindheit als unerträglich und nicht zu bewältigen erlebt haben.  Und die Angst vor diesen Gefühlen hält uns auch heute noch in neurotischen Abwehrmechanismen fest.

Übrigens können durchaus auch positive Gefühle wie Freude, Liebe, Kraft oder Lust abgewehrt werden, etwa weil ihre Äußerung in der Kindheit bestraft, verachtet oder ausgenutzt wurde. Manchmal denke ich, dass es sogar vor allem die positiven, kraftvollen, vitalen Gefühle und Impulse sind, die am tiefsten begraben sind unter den Abwehrplatten im Körper.

In der Körperpsychotherapie ist das Erleben des Körpers, das Fühlen, der Schlüssel zur therapeutischen Veränderung. Das Durchleben abgewehrter Gefühle ermöglicht eine Wandlung auf der körperenergetischen Ebene.

Was ist "Körperenergie"?

Körperenergie ist eine unmittelbare Erfahrung. Wenn ein Mensch wütend oder lustvoll erregt ist, dann ist sein Gesicht gerötet und die Augen blitzen, die Muskulatur ist gespannt und aktionsbereit, der Atem geht tief und schnell, und das Herz klopft. Wir sprechen dann von einem Zustand hoher Energie. Auch ein Mensch, der alte Ladungen dampfkesselähnlich in seinem Innern anstaut, aber äußerlich vielleicht starr oder tot wirkt, kann viel (gestaute) Energie haben, die er aber innen festhält und nicht nach außen ausdrücken kann. Ganz anders ein Depressiver mit hängenden Schultern, einem schlurfenden Gang, stumpfen Augen und einer müden, monotonen Stimme, der sich oft schlaff und kraftlos fühlt und sich morgens kaum aufraffen kann, aus dem Bett zu steigen - sein Energieniveau ist niedrig.

Wer beim Tanzen oder beim Sex gehemmt und emotional unbeteiligt bleibt, dem fehlt etwas, dem mangelt es an Vitalität. Hier kann und soll das Energieniveau hochschnellen dürfen. Wer dagegen morgends um 4 Uhr im Bett oder im Urlaub am Strand in der Hängematte immer noch ständig unter Strom steht, der ist wie ein überdrehter Motor und findet keine Ruhe. Sein Energieniveau ist chronisch zu hoch.

Die Höhe des Energieniveaus des Klienten und der Umfang, in dem Energie fließt und gelebt wird, ist für Körpertherapeuten ein wichtiger diagnostischer Hinweis. Letztlich geht es um eine Harmonisierung der Körperenergie, nicht als ein langweiliger, dauerhafter Mittelzustand, sondern als ein flexibles Pendeln zwischen einem oberen und einem unteren Pol, entsprechend den äußeren Umständen und den natürlichen Rhythmen des Körpers. Durch Körperarbeit können chronische energetische Überladungen abgebaut und Unterladungen angehoben werden. Gestaute Energie kann ins Fließen gebracht, überschäumende Energie kann in Halt gebende Grenzen stabilisiert werden, taube Zonen können vitalisiert werden, und der Klient kann lernen, dies mehr und mehr selbst, also ohne Hilfe des Therapeuten, zu tun.

Körperarbeit strebt an, den Verkopften, Hölzernen, Verwirrten oder emotional Überschwemmten herauszubringen aus einsamen Grübeleien und emotionalen Achterbahnfahrten auf die Erde, in die Realität seiner Empfindungen, zur direkten, körperlichen Wahrnehmung der Realität seiner Gefühle. Gleichzeitig will Körperarbeit den Betäubten, Verknöcherten, bloß linearlogisch in Kästchen Denkenden in Kontakt bringen mit den irrationalen Anteilen seiner Seele, mit vegetativen Strömungen, Bildern, Visionen und Träumen, die immer schon unerkannt in ihm gewirkt haben, und die ihn sein Leben überhaupt erst als lebendig erfahren lassen. Körperarbeit sucht die Verwurzelung der Seele in der gespürten materiellen Existenz des „Bauches“ und gleichzeitig die Öffnung des Ich für die Kreativität und den inneren Reichtum an Phantasie und Tiefe.

Im Körper spüren wir uns als biologische Wesen unseren Instinkten und Reflexen unterworfen. Gleichzeitig können wir durch Körperarbeit (beispielsweise durch tiefes Atmen oder durch intensive Bewegungen) Zugang zu ganzheitlicheren Seinsebenen finden. Alle alten und neuen Mysterienschulen, vom Yoga bis zum Zen, vom Tantra bis zum Schamanismus und zur Hypnose, benutzen Körper-Rituale als Weg in veränderte Zustände des Bewusstseins, um dem „großen Geist", „den Ahnen", "Gott", "dem Unbewussten" oder „dem inneren Selbst“ nahe zu kommen.

Atemtechniken, Haltungs- und Bewegungsübungen, Trance, Visualisierung, Tanz, Spiel und Gesang werden auch in der Körpertherapie genutzt, um das Erleben des Klienten zu vertiefen und zu erweitern. Wilhelm Reich, der Begründer der therapeutischen Körperarbeit, ursprünglich Freud'scher Analytiker, war Materialist, politischer Idealist und Mystiker zugleich. Neben einer Reihe von Verschrobenheiten war er der Pionier der Psychotherapie in die materiell-biologischen und die transzendent-energetischen Aspekte der Seele hinein.

Das „Bauchdenken“

Das im Körper erfahrbare Unbewusste ist der Ort der Gefühle und der Energie, von Schmerz und Lust, aber es kann auch lebenspraktische Richtungen aufzeigen und existenzielle Orientierungen geben. Viele Fragen und Probleme können auf der Ebene des rationalen Denkens und der direkten Verhaltensänderung allein nicht gelöst werden, weil man oft nicht weiß, in welche Richtung die Veränderung gehen soll. Es gibt in der Therapie oft Momente, in denen der Klient Orientierung sucht, sie aber in seinem Verstand nicht findet, und nach äußeren Gepflogenheiten, nach Regeln oder Autoritäten kann oder will er sich nicht richten.

Was kann ein Therapeut beispielsweise tun, wenn eine 28-jährige Klientin sich fragt, ob sie mit ihrem Partner zusammenbleiben soll, der sie über lange Zeit betrogen und gedemütigt hat? Soll er ihr einen Rat geben? Wie aber könnte der Therapeut wissen, was für die Klientin gut ist? Darf er der Patientin die Prinzipien seines eigenen Lebens überstülpen? Soll er sie vertrösten auf eine ferne Zukunft, in der sie vielleicht ihre neurotischen Bindungsmuster so weit überwunden hat, dass ihr von selbst klar ist, was sie tun muss? Wie aber soll sich die Klientin jetzt, in der Gegenwart verhalten? Hier können körperorientierte Trance-Techniken helfen, die das "Bauchdenken", also die Intuition fördern.
Der Therapeut kann dieser Klientin zum Beispiel vorschlagen, ihren Atem frei fließen zu lassen, wenn er sieht, dass sie ihn flach und eingeschnürt hält, wenn sie von ihrem Partner spricht, und ihr so über einen gedanklichen Stillstand hinweghelfen, der gleichzeitig eine emotionale Blockierung ist. Er kann sie einladen, "ihr Herz zu fragen", und ihr zeigen, wie sie das auf eine Weise tun kann, dass klare und eindeutige Antworten kommen. Er kann diffuse Gefühle von Verwirrung und Gespaltenheit in die Körpertiefen hinein verfolgen, wo die Empfindungen deutlicher, intensiver und bedeutungsvoller werden, so dass sie als Neuauflagen kindlicher Zwiespälte erlebt, verstanden und überwunden werden können.

Das Körpererleben kann als Kriterium für alltagspraktische Entscheidungen dienen. Der Therapeut könnte die Klientin beispielsweise fragen:
  • "Wie fühlt sich das an, wenn du daran denkst, dich zu trennen - was geschieht in deinem Körper dabei?"
  • "Wie fühlst du dich, wenn du dich entscheidest, mit ihm zusammenzubleiben - was geschieht dann in dir?"

Die Erfahrung zeigt, dass im inneren Wissen des Unbewussten (das sich im Körpererleben manifestieren kann), auch die Bedürfnisse und Grenzen anderer Menschen sowie langfristige Lebensperspektiven repräsentiert sind. Wer sich ausbeuterisch, rücksichtslos oder kurzsichtig verhält, wer nur an sich selbst oder nur an diesen Moment denkt, wer andere überfährt oder die Zukunft ausblendet, der fühlt sich „nicht wohl in seiner Haut“, auch wenn er das vielleicht zuerst noch nicht richtig einordnen oder noch nicht die richtigen Konsequenzen daraus ziehen kann.

Wir sind von Natur aus soziale Wesen und auch gefühlsmäßig (also körperlich) auf die Zukunft und auf soziale Beziehungen eingestellt. Wenn man sich mit seinem Unbewussten im Körpererleben verbindet, dann ist darin die soziale Verantwortung anderen Menschen gegenüber und langfristige Perspektiven bereits enthalten, sie müssen bloß dem Erleben zugänglich und verstehbar gemacht und in Handeln umgesetzt werden. Dabei kann Körpertherapie helfen.

Maske, Schatten und Kern

Oft sind Gefühle in übereinander liegenden Schichten angeordnet, wobei die einzelnen Schichten durch Abwehrprozesse voneinander getrennt sind. Man spürt normalerweise nur die oberste Schicht, in Krisenzeiten vielleicht noch die nächste darunter liegende. Erst in der Therapie kann man sich allmählich durch die Schichten der Gefühle hinabarbeiten.

Beim Gedanken an eine Trennung von ihrem Partner konnte die oben erwähnte Klientin zunächst nur dumpfe Bedrücktheit und Taubheit empfinden. In der Therapie kam sie mit tiefer liegenden, abgewehrten Gefühlen von Ärger, Verletztheit und Scham in Kontakt. Darunter lagen alte Schuldgefühle ihren Eltern gegenüber. Dann kam eine Schicht von mörderischer narzisstischer Wut, verbunden mit der Panik eines Babys vor dem Alleingelassenwerden, und darunter spürte sie ein Strömen von ungeformter Körperenergie, von purer Kraft, die noch nicht als "positives" oder "negatives" Gefühl ausgeformt war.
Die oberste, sozial angepasste Schicht des Erlebens (die "Fassade") ist meistens relativ energiearm und leblos.

Die darunter liegende, negative Schicht (der "Schatten") ist energetisch hoch geladen, aber schmerzhaft oder peinlich, oft ambivalent und gesellschaftlich nicht erwünscht. Die tiefste Schicht (der "Kern") repräsentiert die frei pulsierende Lebensenergie vor und unter all ihren Verwicklungen und neurotischen Verdrehungen. Umhüllt werden diese inneren Schichen von einem Container, der Schutz, Distanz und Form gibt (die "Grenze"), das Innere zusammen und das Äußere draußen hält.

Alle Gefühle, die angenehmen wie die unangenehmen, sind letztlich Bewegungsformen der einen Lebensenergie. Was in der Therapie als „Abwehr“ bezeichnet wird, ist ein Schutzwall gegen die Anteile der Lebensenergie, die unerträglich, weil stark ambivalent, zu intensiv oder zu destruktiv sind oder es in der Kindheit waren. Das Kind musste all diejenigen Impulse aus dem Bewusstsein abspalten, die seine psychische Stabilität gefährdeten oder die Strafe, Unverständnis oder Liebesentzug seitens der Eltern nach sich zogen. Diese vermiedenen, zugedeckten Bereiche sind nicht wirklich verschwunden. Sie wurden nur weggeschoben. Im Unbewussten schwelen sie lebenslänglich vor sich hin wie die zubetonierten, glühenden Überreste des zerstörten Atommeilers von Tschernobyl. Sie produzieren ständig destruktive, krankmachende innere Reize, die wiederum abgewehrt werden müssen, was den Organismus unter Stress setzt und viel Energie absorbiert. Die unbewusste Abwehraktivität führt zu Erschöpfungszuständen, ohne dass man irgendetwas tut.

Abwehr frisst Energie.

Die unbewussten Manöver auf der emotionalen, körperlichen, geistigen oder Verhaltensebene, die automatisiert eingesetzt werden, um den abgewehrten “heißen Stellen” auszuweichen, nennt man „Neurose“.

Solche traumatisierten Bereiche der Psyche sind mit einem Ring aus Angst oder Scham umgeben. Angst signalisiert: ”Vorsicht, hier wird es gefährlich, nicht weitergehen!” Scham bedeutet: „Vorsicht, hier kann es peinlich werden, verstecken und verbergen!“ Der Körper verwandelt Angst und Scham in chronische muskuläre Spannungen oder Schwächegefühle und eine Hemmung des Atems. Die Spannungen oder Lähmungen sperren den Energiefluss ab. Die Angst- oder Schamgefühle werden gern auf andere Menschen verschoben (projiziert). Als Resultat bleiben diffuse Gefühle von Leiden, Angst, Ohnmacht und Depression übrig, die dem Therapeuten dann als Symptome geschildert werden.

Neurose ist verformte, gespaltene Lebensenergie.

In dem Maße, wie im Laufe des Therapieprozesses die "negativen" (unangenehmen) Gefühle als von der Substanz her identisch mit den "positiven" (angenehmen) Gefühlen empfunden werden, kann ihre Abspaltung überwunden werden. Wenn unangenehme Gefühle in ihrem Wesen als Energie, als Kraft empfunden werden, dann brauchen sie nicht länger vermieden und unterdrückt zu werden, und damit wird der Neurose ihre Abwehrbasis entzogen. Vorher abgewehrten Gefühle können zugelassen werden. Der Klient kann sich von ihrer Energie durchströmen lassen und dann immer noch entscheiden, ob er sie ausleben kann und will oder nicht. Vermeidungsmechanismen sind an dieser Stelle überflüssig geworden. Aber dieser Prozess braucht oft viel Zeit und viel Mut und Mühe.

Wie läuft Körpertherapie praktisch ab?

Die Grundstruktur einer körpertherapeutischen Sitzung ist sehr offen, viel flexibler als in den meisten anderen Therapieformen. Ich arbeite im Sitzen, im Stehen, im Liegen oder im Umhergehen, in Ruhe und Bewegung, mit Worten und ohne Worte. Der Körpertherapeut ist manchmal sehr nahe beim Klienten, hält z.B. seine Hand oder seinen Kopf oder massiert seinen Rücken. Manchmal sitzen oder stehen sich Klient und Therapeut gegenüber, oder sie bewegen sich zusammen im Therapieraum herum. Der Klient ist weitestgehend frei, immer wieder die Form zu wählen, die es ihm am ehesten ermöglicht, zu arbeiten, und auch der Therapeut hat die Möglichkeit, verschiedene Settings vorzuschlagen.
Mein Arbeitsraum ist recht groß (60 Quadratmeter). Auf dem Boden liegen ein dicke Teppiche zum Sitzen oder zum Liegen. Zum Inventar gehören Matratzen zur Arbeit im Liegen und für die Ausdrucksarbeit, eine Menge Kissen zum Sitzen und für Rollenspiele, ein Massagetisch, ein Schaumstoffklotz mit Tennisschlägern zum Ausdruck von Wut, eine Sammlung von Stofftieren für die Altersregression und für Rollenspiele und diverse einfache Musikinstrumente wie Gongs und Trommeln zum nonverbalen Ausdruck.

Ein Klient, sagen wir sein Name sei Paul, betrat den Therapieraum. Er setzte sich in die Mitte des Raumes auf ein Kissen, ich setzte mich ihm gegenüber. Er berichtete, dass er sich seit der Trennung von seiner Freundin vor zweieinhalb Jahren nicht mehr auf eine Beziehung einlassen konnte, von ein paar letztlich frustrierenden One-Night-Stands abgesehen. Er sprach leicht bedrückt, aber ohne große innere Beteiligung, betonte jedoch, wie sehr ihm Nähe und Geborgenheit, emotionaler Austausch und Körperlichkeit fehlten.

Ich fragte ihn, was er empfand, wenn er über all das redete. Es fiel ihm zunächst nicht leicht, das in Worte zu fassen. Er sagte ausweichend: "Na ja, besonders gut geht's mir natürlich nicht damit." Ich fragte ihn, was er gefühlsmäßig in seinem Körper wahrnahm, wenn er an das Thema "Beziehung" dachte. "Da ist etwas hier", sagte er und deutete auf seine Herzgegend, "es fühlt sich an, wie ein Trichter, es drückt den Atem hinunter, es ist beklemmend, dunkel und dumpf".

Paul war schon etwa zehn Monate bei mir in Therapie, so dass ich mich für einen ziemlich direkten Zugang auf der Körperebene entschied. (Bei ängstlichen Menschen mit fragiler Selbststruktur muss man oft wesentlich vorsichtiger und indirekter vorgehen.)

Ich bat ihn, sich auf den Rücken auf die Matratze zu legen, die Augen zu schließen und sich mit seiner Aufmerksamkeit in das Beklemmungsgefühl im Herzen hineinzuspüren.

Während er das tat, schob ich, hinter seinem Kopf sitzend, meine linke Hand zwischen sein linkes Schulterblatt und seine Wirbelsäule, so dass meine Fingerspitzen auf seinem Rücken in Höhe seines Herzens lagen. Dort gibt es einen Muskel, der bei praktisch allen Menschen mit emotionalen Problemen im Herz-Bereich angespannt und druckempfindlich ist. Wenn man diesen Muskel berührt, wird das emotional auch innen, im Herzen wahrgenommen. Gleichzeitig bat ich Paul, behutsam in die Mitte des „Trichters“ hineinzuspüren. "Da ist ein schwarzes Loch", sagte er.

Das schwarze Loch taucht in der Therapie oft als Symbol für eine Verdrängung auf. In der Astronomie ist ein schwarzes Loch ein in sich zusammengestürzter Stern, dessen Schwerkraft so stark ist, dass er selbst das Licht festhält, ein Ort außerhalb von Raum und Zeit, wo die Naturgesetze nicht mehr gelten und die Realität eine Lücke hat. Ein schwarzes Loch im Herzen bedeutet: hier haben Verletzungen im Bereich von Liebe und Verlangen stattgefunden, die so überwältigend waren, dass der Herzbereich aus dem Gewahrsein ausgeblendet, also abgespalten wurde. Paul hatte mir vorher schon erzählt, dass er in seiner letzten Beziehung massive Verletzungen und Enttäuschungen erlebt hatte. Etwas in seinem Herzen war wie ausgestanzt aus seiner Wahrnehmung (dissoziiert). Paul konnte sich nicht verlieben, weil er seine Herzgefühle gleichsam weggestülpt hatte vor einem Übermaß an Schmerz.
Wenn er alleine zu Hause versucht hätte, in sein Herz hineinzufühlen, dann wäre er nicht viel weiter gekommen. Er hätte den „Trichter“, das „schwarze Loch“ wahrgenommen, aber was wäre damit gewonnen? Wenn er ohne therapeutische Hilfe versucht hätte, seinen Atem frei fließen zu lassen, hätte er damit sehr wahrscheinlich wieder aufgehört, sobald er mit den ersten Ausläufern abgewehrter Gefühle in Kontakt gekommen wäre.

Als ich Paul nun in der Sitzung ermutigte, weiter zu atmen, auch wenn unangenehme Gefühle spürbar würden, und zusätzlich mit meinen Fingerspitzen den "Herz-Muskel" auf seinem Rücken massierte, wurde Energie mobilisiert (durch das Atmen) und gleichzeitig die somatische Abwehrpanzerung aufgeweicht (durch das Massieren), so dass er mit dem Abgewehrten in Kontakt kam. Paul fühlte Wellen von intensiver, kaum zu ertragender Trauer, die mit der Trennung von seiner Freundin zusammenhing, deren Wurzeln aber bis weit in die Kindheit zurückreichten.

Die abgewehrte alte Trauer und Verzweiflung (der Baby-Schmerz) war es, die ihn daran hinderte, sich auf eine Beziehung einzulassen. Alles, was diesen Schmerz berührte, musste er vermeiden. Aber so lange er diesen Schmerz abwehren musste, konnte er sich nicht verlieben.

Der Körpertherapeut braucht nicht darauf zu warten, dass Abkömmlinge des Unbewussten von selbst im Bewusstsein des Patienten auftauchen. Er kann die Abwehr durch Interventionen auf der Körperebene aufweichen, so dass die Angst vor den abgewehrten Gefühlen und die abgewehrten Gefühle selbst direkt erlebbar werden. Er muss dabei allerdings vorsichtig sein, damit nicht zu viel abgewehrtes Material auf einmal mobilisiert wird. Der Klient würde sonst von alten Gefühlen überflutet, die er noch nicht verarbeiten kann. Das wäre antitherapeutisch und würde die Abwehr nur verstärken. Bei Patienten mit einer fragilen Ich-Grenze und hoch geladenen emotionalen Ambivalenzen (z.B. Borderline-Strukturen) muss der Therapeut oft umgekehrt arbeiten und durch Körperarbeit die Halt gebende Umhüllung der Selbststruktur stärken, so dass die Emotionen eingedämmt werden können und damit kontrollierbar werden.
Ich führte Paul sehr behutsam an die Abwehrgrenze heran und gab ihm viel Raum und Zeit, um die in seinem Herzen vor ihm selbst verborgenen Gefühle zu erspüren, zu verstehen und einzuordnen.

Dabei war es zentral wichtig, zu erfassen, in welchen Kontext diese alten Gefühle, Ängste und Wünsche gehörten, zu welchem Lebensalter, zu welcher Situation und zu welcher Person. Der Schmerz eines erwachsenen Mannes wegen der Trennung von einer Partnerin fühlt sich ganz anders an, als die ungleich intensivere Verzweiflung eines alleingelassenen Babys, wenn es Angst hat, seine Mutter zu verlieren.

Solche Babygefühle treten als Projektion auf Personen des erwachsenen Lebens in Erscheinung. Aber nur im ursprünglichen Kontext können abgewehrte (verdrängte oder gespaltene) Gefühle vollständig erlebt, durchfühlt und verarbeitet werden. Sonst bleibt ein Teil der Abwehr aufrechterhalten und der Klient muss weiter projizieren und ausagieren. In Pauls Fall hieße das: er würde weiter aus Angst vor Verlust vor einer Beziehung weglaufen. Dadurch würde gerade das, wovor er am meisten Angst hatte, das Alleinsein, verewigt.
Im Laufe der nächsten Monate begann Paul, Schicht um Schicht sein Herz wieder zu spüren. Zuerst erlebte er Traurigkeit, dann Angstgefühle, dann panische Wut, dann tiefen Schmerz, der ihn zurückführte in das Alter von zwei bis vier Jahren, als er von seinen Eltern an Verwandte und dann in ein Heim abgeschoben wurde. Er hatte sich als Kind nicht wirklich gewollt, sondern in seiner Existenz abgelehnt gefühlt, und das hatte in ihm als Kind unerträgliche Empfindungen von Selbstauflösung (Fragmentierung) bewirkt. Diese Struktur nennt man in der Körpertherapie ein schizoides Charaktermuster.
In dem Maß, wie Paul diese Gefühle und Zustände nicht mehr abwehren musste, konnte er sich allmählich „durch sie hindurchfühlen“ und gewann Kontakt zu ursprünglichen kindlichen Liebesgefühlen seiner Mutter und sich selbst gegenüber. Er erlebte Wellen von Bewegungsdrang und sprühende Lebensfreude. Er hatte ein Stück Schatten (Abwehr) durchlebt und integriert und dadurch ein Stück Licht (Lebensenergie) gewonnen.

Der Sinn der Regressionsarbeit

Neurotische Probleme (vor allem im Bereicht der Früh- oder Persönlichkeitsstörungen) können oft nur durch die Untersuchung gegenwärtiger Beziehungsmuster erkannt und verstanden werden. Manche Patienten sind auf die Vergangenheit und die Suche nach „dem einen, alles erklärenden Trauma“ fixiert, um sich nicht mit emotionalen Konflikten in ihrem gegenwärtigen Leben auseinandersetzen zu müssen. Bei diesen Patienten ist es unabdingbar, ihre Aufmerksamkeit zunächst auf ihre derzeitigen Beziehungsmuster zu lenken und auf die Art, wie sie ihr aktuelles soziales und berufliches Leben gestalten.

Therapie darf nicht einseitig zu „Psycho-Archäologie“ werden (also zu endlosem, unproduktiven Herumwühlen in der Vergangenheit). Dennoch sind Probleme, sofern sie neurotisch sind, nicht durch aktuelle äußere Verhältnisse verursacht. Sie entstammen inneren, verinnerlichten Kämpfen und Abspaltungen aus der Kindheit. Wenn ein Kind krankmachende Gewalt, Missbrauch, Missachtung, Vernachlässigung oder einen chronischen Mangel an Grenzen und an Orientierung erfährt, dann wächst es zu einem neurotisch leidenden Erwachsenen heran.

Repression macht Depression.
 Mangel an Halt erzeugt ein schwaches Ich.

Wenn ein Erwachsener neurotisches Leiden überwinden will, muss er sich mit seiner Biografie auseinandersetzen.Wenn dann in der Therapie der innere Kampf zwischen den vitalen Impulsen und den Abwehrprozessen bewusst durchlebt wird, und wenn die im Konflikt stehenden, gespaltenen Persönlichkeitsanteile, Bindungen und abgestorbenen Bereiche allmählich integriert werden, dann verschwinden die damit gekoppelten körperlichen und Beziehungsprobleme, und lebenspraktische Entscheidungen können nun gefällt werden, weil sie von neurotischem Unterbau befreit sind.
Körper-Trance-Arbeit kann sehr schnell in die Gefühle und in die Regression (das Widererleben kindlicher Beziehungsmuster) hineinführen. Aber wozu ist das gut? Einen alten Schmerz einfach noch mal zu erleben wäre therapeutisch unsinnig. Regressionsarbeit bedeutet nicht, etwas Altes, Schmerzhaftes einfach noch mal zu erleben – das ist ein verbreitetes Mißverständnis. Die Basis einer Neurose ist nicht einfach ein schlimmes Ereignis in der Vergangenheit, sondern ein hoch geladener, abgewehrter Gefühlsknoten, der damals nicht gefühlt werden konnte, und der daher verdrängt, verschoben, gespalten, projiziert werden musste. Der Schmerz ist quasi nie Vergangenheit geworden, sondern blieb im Unbewussten in ewiger Gegenwart erhalten und bringt seitdem Symptome hervor.

Die meisten Patienten wollen daher nicht einfach eine schnelle Veränderung auf der Verhaltensebene. Sie wollen auch verstehen, was mit ihnen los ist. Und ein neurotisches Problem ist nur als Wiederauflage eines alten, geschädigten Beziehungsmusters verstehbar. Auf der erwachsenen Ebene erscheinen neurotische Probleme unverständlich, albern, übertrieben oder gar verrückt. Ein Teil des neurotischen Leidens entsteht gerade aus dieser Unverstehbarkeit. Der Patient denkt: „Was ist bloß mit mir los – ich verstehe mich selbst nicht.“ Als Re-Inszenierung frühkindlicher, gestörter Bindungen werden Neurosen in der Therapie verständlich und nachvollziehbar. Das Verstehen seiner Selbst ist für den Patienten ungemein heilsam. Sich selbst wirklich zu fühlen und zu verstehen, hebt Unbewusstheit auf und integriert das Selbst.

Das Hindurchgehen durch alte Beziehungsverstrickungen öffnet weiterhin den Zugang zu den darunter versteckten primären Bedürfnissen nach Nähe und Vertrauen, nach Freiheit und Selbständigkeit, zu einem Reservoir von Kraft und Lust, das damals unter dem Schmerz und der Abwehr begraben wurde. Mitten in der traumatischen Konstellation, unter der tiefsten Verzweiflung, liegt die Lebenskraft verborgen, die verletzt und vergewaltigt wurde und daher durch Abspaltung in Schutz gebracht werden musste. Wenn man durch einen Trauma-Knoten hindurchgeht (was sehr lautstark und dramatisch, aber auch sanft und innerlich, fast meditativ geschehen kann), dann gewinnt man Kontakt zu den Energien, die seit Jahrzehnten durch den Panzer weggesperrt oder fehlgeleitet waren.

Die Primärenergie

Der Prozess der Revitalisierung abgewehrter Emotionen muss vorsichtig dosiert werden, damit der dynamische Auftrieb alter Gefühle und Impulse nicht überschwappt und das Leiden noch verstärkt. Durch Körperarbeit und Trance-Techniken ist es möglich, anflutende Gefühle in gewissem Umfang zu öffnen, aber auch zu schließen, falls das erforderlich ist.

Der Weg durch die abgewehrten Gefühlskomplexe hindurch kann viele der in der Zwischenzeit entstandenen Ablenkungs- und Betäubungsmanöver aushebeln, wie:
  • zu viel essen,
  • zu viel arbeiten,
  • zu viel fernsehen,
  • beziehungslosen Sex,
  • sozialen Rückzug,
  • Einsamkeit,
  • chronischen Zank und Streit,
  • Ängste,
  • Depressionen,
  • Drogen,
  • Kaufrausch,
  • Selbstschädigung,
  • Gefühlstaubheit,
  • energetische Erschlaffung.

In dem Umfang, wie man sich wirklich fühlen kann und Kontakt zu seinem energetischen Kern gewinnt, weiß man, was man braucht und sucht es direkt. Man lässt sich nicht so leicht ablenken, abschrecken oder durch manipulative Verlockungen an der Nase herumführen.

In den folgenden Monaten und Jahren lernte Paul, unter den Verletzungen, Scham- und Schuldgefühlen aus seinen Frauenbeziehungen der letzten Jahre sein verschrecktes inneres Baby zu fühlen, das ein "Loch" (einen Mangel) im Herzen hatte. Dabei mussten frühe, gespaltene Übertragungen auf mich als Repräsentant seiner idealisierten und gleichzeitig vernachlässigenden Mutter erkannt und durchgearbeitet werden.

Sein Alltagsleben wurde allmählich von den alten Ängsten entlastet. Warum sollte Paul weiter Angst haben, sich auf eine Beziehung einzulassen, wenn er direkt erleben konnte, dass die wahre Angst in seinem Herzen Jahrzehnte alt und die eines verlassenen, missachteten Babys war, das verzweifelt war wegen der ungenügenden Stabilität und mangelnden emotionalen Anwesenheit der Mutter. Seine Angst kehrte aus der Gegenwart dorthin zurück, wo sie hingehörte: in die Vergangenheit.

Paul konnte in der Therapie die Übertragung seiner als kalt erlebten Mutter auf alle Frauen (letztlich auf alle Menschen) erkennen und ihr dadurch ihre zwingende Kraft nehmen. Es war therapeutisch ungleich wirkungsvoller, das direkt und mit allen Gefühlen zu erleben, als es bloß zu wissen oder zu denken.
Wenn man dauerhaft an einem unlösbar erscheinenden Alltagsproblem festhängt, dann hängt man in Wirklichkeit an einer kindlichen Fixierung. In dem Umfang, wie ungefühlte Gefühle in der Therapie erstmals voll empfunden und alte, übertragene Anteile bewusst erlebt und erkannt werden, wird den aktuellen Problemen ihre neurotische Energie entzogen, und dann werden sie lösbar. Ein Schiff kann nicht losfahren, so lange es an einer Ankerkette hängt. Noch so viel Rudern und Steuern wird es nicht in Bewegung bringen. Die Ankerkette ist unsichtbar unter der Wasserlinie verborgen, aber er sie hindert das Schiff daran, sich vom Fleck zu rühren. Zuerst muss der Anker gelöst sein, dann kann das Schiff losfahren. Zuerst müssen alte Fixierungen transformiert sein, dann kann sich auf der Ebene des aktuellen Erlebens, des Denkens und Handelns etwas Entscheidendes ändern.

Verschiedene Richtungen der therapeutischen Arbeit

Das Durchfühlen alter traumatischer Konstellationen ist nicht die einzige Möglichkeit psychotherapeutischer Arbeit. Man kann auch zielorientiert, verstehend, integrativ, provokativ, aufbauend oder harmonisierend arbeiten.
Wenn ein Klient etwa vor einem schwierigen Gespräch mit seinen Eltern um die Weiterfinanzierung seines Studiums steht oder vor dem peinlichen Geständnis eines Seitensprunges an seine Partnerin, dann kann es hilfreich sein, dieses Gespräch in der Therapie in einem Rollenspiel vorzubereiten. Mit Unterstützung des Therapeuten kann der Klient üben, sich klar und integer zu verhalten und mit den Reaktionen klarzukommen, die er von seinem Gegenüber erwartet.
Während des Rollenspiels kann der Therapeut die Aufmerksamkeit des Klienten auf die Gefühle und Körperempfindungen des Patienten lenken und ihn ermutigen, sich ehrlich und direkt, aber auch bedächtig und respektvoll mitzuteilen. Er kann ihn auf seinen nonverbalen Körperausdruck aufmerksam machen, mit dem oft (am Bewusstsein vorbei) wesentlich wirkungsvoller kommuniziert wird, als mit dem Inhalt von Worten.

Trance- und Körperarbeit im Rollenspiel ermöglicht es, die gespielte Situation in der Therapiesitzung intensiv emotional zu erleben. Gefühle von Angst, Wut, Trauer, Scham oder Schuld können so schon im Vorfeld des Gesprächs erfahren, verstanden und verarbeitet werden. Das reale Gespräch verläuft dann oft viel leichter und konstruktiver.

Ich benutze außerdem verschiedene therapeutische Massagetechniken, um körperliche Spannungen aufzuweichen und festgehaltene Energie zu mobilisieren, um Ungleichgewichte körperenergetischer Ladungen zu harmonisieren, gestaute Energie abzuleiten oder um dem Klienten Halt, Sicherheit, Form und Grenzen zu geben.

In den wilden Anfangsjahren der Körperpsychotherapie haben viele Therapeuten mangels Erfahrung und mangels differenzierter Techniken ihre Klienten oft recht mechanisch, autoritär oder gar gewaltsam in dynamische Prozesse oder vorgegebene Übungen hineingedrängt, sich in das blinde Auslösen emotionaler Ausbrüche vergallopiert oder dem Patienten eigene philosophische oder spirituelle Orientierungen übergestülpt. Seit einiger Zeit sterben diese überprovokativen oder dirigistischen Stile glücklicherweise aus. Die Mehrheit der Therapeuten hat sich eine nicht-direktive, Klient-zentrierte Haltung zu eigen gemacht und arbeitet überwiegend sanft, verstehend und gewährend.
An bestimmten Stellen allerdings ist ein offenes Wort oder eine provokative Herausforderung sehr nützlich, wenn ein Klient sonst ewig in einem alten, unbefriedigenden Muster hängen bleiben würde.

Auflösung alter Fixierungen – aber wie?

Der Umfang an Schmerz, Entsetzen, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, die ein Kind erlebt, wenn es verlassen, überfordert, abgelehnt, missbraucht, dauernd un- oder missverstanden oder misshandelt wird, liegt weit jenseits dessen, was der erwachsene Verstand sich vorstellen kann. Vor allem ein kleines Baby hat noch weit geöffnete sensorische Fenster, und nur primitive Abwehrmechanismen zur Verfügung. Es kann nicht weggehen, sich betrinken, den Fernseher einschalten oder die Polizei rufen, wenn etwas geschieht, was es nicht ertragen kann. Es kann aber alles Böse wegspalten um das Gute zu retten, oder es kann – subjektiv - aus seinem Körper herausgehen, was beides ihm später als Erwachsenen Schwierigkeiten mit dem Realitätskontakt und der Beziehungsgestaltung macht. Oder es leidet einfach, und Kinder leiden oft schrecklich.

Was später zur Neurose wird, ist ursprünglich ein Versuch, unerträglichem Leiden davonzulaufen, mit dem Effekt, dass man das Leiden paradoxerweise ein Leben lang unbewusst immer wieder herstellt. Der neurotische Mensch denkt, handelt und fühlt wie ein überfordertes Kind, wenn sein Muster ausgelöst ist. Er verkrampft sich, er klammert, er schreit, er schlägt um sich, er flieht, er verkriecht sich, er versucht, sich selbst wegzumachen, er hält die Luft an, er trinkt, er stellt sich tot und denkt, dass der Schmerz ewig dauert. Aber genau dadurch inszeniert er unbewusst genau das immer wieder, was er am meisten fürchtet.

An alles, was man abwehrt, ist man gefesselt und stellt es unbewusst immer wieder her.

Was man krampfhaft zu vermeiden sucht, wird einem vom Schicksal (vom Unbewussten) immer wieder offeriert, so lange, bis man es integriert, verarbeitet und daraus gelernt hat.

Wenn man versucht, wegzulaufen, während ein Bein an einen Pflock gekettet ist, dann läuft man nur im Kreis herum und wird schließlich unweigerlich zu dem Pflock hingezogen. (Manche Menschen sprechen in diesem Zusammenhang von einer karmischen Aufgabe, die man zu lösen habe. Freud sprach vom neurotischen Wiederholungszwang.)

Das Sozialverhalten eines neurotisierten Menschen besteht großteils darin, die ihm nahe stehenden Menschen so zu manipulieren, dass sein Trauma ja nicht berührt wird. Aber alle diese Vermeidungen sind zum Scheitern verurteilt, so lange er an das Trauma innerlich gebunden ist. Der Neurotiker versucht beständig, einem alten Leiden zu entkommen, das er in seinem Unbewussten mit sich herumträgt, und genau das zieht ihn immer wieder in projektive Neuauflagen dieses Leidens hinein. Das neurotische Verhalten ist ein automatisierter Selbstheilungsversuch, der zum Scheitern verurteilt ist. Die Neurose lenkt die Aufmerksamkeit immer wieder zu dem neuralgischen Punkt hin, aber Heilung kann aus Angst vor dem alten Beziehungsmuster ohne therapeutische Hilfe nicht stattfinden.

Kindliche Panik wird an ihrem tiefsten Grund als Todesangst erlebt. Wer sich in der Therapie dieser Panik stellt, der braucht nicht mehr wegzulaufen, er braucht weder abzuwehren noch auszuagieren. Als Baby wäre er gestorben, wenn er die Kälte und Abwesenheit, das unangemessene Begehren, die Gewalt oder die Angst und den Schmerz der Eltern voll erlebt bzw. mitgefühlt hätte.

Der Erwachsene kann in der Therapie das kindliche Entsetzen durch sich hindurchlaufen lassen wie eine Welle, und erleben, dass er nicht wirklich stirbt, obwohl er vielleicht noch einmal Todesangst hat, bevor er mit der Lebensenergie seines Kerns in Kontakt kommt. Wenn der alte Schmerz im ursprünglichen Kontext fühlbar geworden und integriert ist, dann sind die damit verknüpften neurotischen Vermeidungsmuster nicht mehr nötig. Die Angst kann als Fossil einer lange vergangenen Zeit erlebt und durchlebt werden. Sie kommt und geht wie ein kalter Wind aus dem Keller durch die Seele hindurch, ohne zu haften. Dann muss das alte, neurotische Spiel nicht zwanghaft wiederholt werden. Man ist ein Stück erwachsener geworden.


Anschrift des Autors

Werner Eberwein
Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut
Leiter des Fort- und Weiterbildungszentrums Berlin
der Deutschen Gesellschaft für Hypnose und Hypnotherapie (DGH)
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